Die islamistische Steinigung: ein modernes Phänomen

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Warum hat man mit dieser menschenfreundlichen Rechtspraxis im „Islamischen Staat“ und in anderen islamistischen Umgebungen so radikal gebrochen? Die Ursache liegt merkwürdigerweise in der Modernisierung, der Verwestlichung der Bewohner des Nahen Ostens. Diese hat Thomas Bauer in einem wunderbaren Buch beschrieben, das eigentlich die ganze unsägliche „Islamdebatte“ überflüssig machen könnte: Die Kultur der Ambiguität. Bauer zufolge hat die moderne Welt eine geringe Ambiguitätstoleranz, während die klassischen islamischen Gesellschaften eine sehr große hatten. In der Überlieferung des Korantexts, in der Koranauslegung, in der Jurisprudenz, in Poesie und Wortspielen: von Doppeldeutigkeit bekam man nie genug. Nichts lag ganz fest, alles war möglich: leben und leben lassen. Die Härte und die Grausamkeit, die es damals auch reichlich gab, kamen woanders her: aus der menschlichen Natur vielleicht, aber keinesfalls aus der Lektüre der heiligen Texte. Im Gegenteil, durch deren Auslegung versuchten die Gelehrten vielmehr die Grausamkeit zu bändigen.
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Im neunzehnten Jahrhundert lernte man im Nahen Osten allmählich die Europäer kennen, in Gestalt von Besserwissern, Händlern oder Kolonialbeamten. Europa hielt sich für „aufgeklärt“: es wollte eine klare, präzise Sprache sprechen, die jedes Missverständnis ausschloss. Es hatte standardisierte Maße (Meter) und unzweideutige Gesetze (Code Napoléon). Die Geschäftsleute oder Beamten aus Europa waren gradlinige, einfache Seelen: sie kannten keine „doppelte Wahrheit“. Im Hinblick auf ihre Verträge wünschten sie kodifizierte, wasserfeste Gesetze. Europa hatte zu der Zeit eine sehr geringe Ambiguitätstoleranz—noch geringer als heutzutage.
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Die Muslime des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts bekamen schmerzlich zu spüren, dass die Europäer ihnen in jeder Hinsicht überlegen waren: militärisch, aber auch wirtschaftlich und wissenschaftlich. Um aufzuholen fingen sie an Europa nachzueifern. Nun, mit verwestlichten Augen betrachtet, war es nicht länger möglich, dass etwas zugleich wahr und nicht wahr sein sollte oder dass Gott etwas wollte und auch nicht. Nachdem die meisten Länder erst säkulare Gesetze aus Europa übernommen und adaptiert hatten, entging auch das Schariarecht nicht der Modernisierung. Der Ruf nach Kodifizierung, also Festlegung, wurde lauter. Man wollte auch hier Gradlinigkeit, nahm die eine Regel ernst und ignorierte eine andere. Somit verschwanden in Umgebungen, in denen das Schariarecht überhaupt eine Rolle spielte, dessen Mehrdeutigkeit und Ambiguität und man blieb mit einer Anzahl skurriler und nicht länger biegsamer Regeln zurück, die man nach Vermögen anwandte ohne die entkräftenden oder mildernden anderen Rechtsregeln zu berücksichtigen. Wenn es Gottes Recht ist, dass Unzüchtige gesteinigt werden, hat das einfach zu geschehen; basta!
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Das durch die Aufklärung berührte Denken machte überdies mit „schlafenden Kindern“ und Empfängnis im Schlaf kurzen Prozess. Muslime schämten sich manchmal für diese archaisch anmutenden Irrtümer—ohne zu erkennen, wozu sie gedient hatten.
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Dazu kam noch, dass die sexuelle Lockerheit, die der islamischen Welt traditionell innegewohnt hatte, im 19. Jahrhundert verschwand. Das Pech war, dass die nachgeahmten Europäer gerade eine ganz prüde („viktorianische“) Periode durchmachten, in der die Muslime ihnen nun zu folgen hatten. Es schien auf einmal so rückständig, mehr als eine Frau zu haben, und die Sklaverei wurde auch noch abgeschafft. Die vornehmen Muslime fingen an den europäischen Bürgern zu ähneln und genau wie diese ihre Hälse in gestärkte Vatermörder zu zwingen. Ihre Moral wurde griesgrämig protestantisch und erheblich verlogener als zuvor.
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Die Europäer haben sich von der Prüderie längst befreit, aber in der islamischen Welt blieb sie länger erhalten und sickerte langsam in die unteren Schichten durch, die heutzutage den Ton angeben. Die sind momentan am prüdesten und berufen sich dabei oft auf die Scharia, d.h. auf deren Kurzfassung. Diese braven Seelen halten sich für fromme Muslime und wissen gar nicht, dass sie eigentlich noch immer der Queen Victoria untertan sind. Reiche Menschen finden immer Freiräume, aber kleine Leute stecken fest in einer verklemmten Moral. Ein Gemisch aus Gradlinigkeit, Starrsinn, Prüderie und Minderwertigkeitsgefühl kreierte in manchen Umgebungen nicht nur die Möglichkeit die alten Texte so zu lesen, dass sie den Befehl zur Steinigung enthalten, sondern auch die, dass manche dieser Leser den sogar wirklich ausführen.

BIBLIOGRAFIE
– Thomas Bauer, Die Kultur der Ambiguität: eine andere Geschichte des Islams, Berlin 2011.
– Thomas Bauer, Musterschüler und Zauberlehrling. Wie viel Westen steckt im modernen Islam? Festvortrag am 31. Deutscher Orientalistentag, Marburg 2010.
– Michael Roes, Rub‘ Al-Khali: Leeres Viertel: Invention über das Spiel, Frankfurt (Eichborn) 1996.
– Mathias Rohe, Das islamische Recht: Geschichte und Gegenwart, 2. Aufl., München 2009.

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2 Kommentare zu “Die islamistische Steinigung: ein modernes Phänomen

  1. Zur Aufhebung des vorgeblichen Koranverses, wonach „der alte Mann und die alte Frau ganz bestimmt gesteinigt werden“ sollen, ist zu bemerken, daß dessen Wortlaut von einer Variante des Ḥadīṯes zur anderen leicht unterschiedlich ist, was als Hinweis darauf gesehen werden kann, daß es sich hier wohl kaum um einen Koranvers handeln dürfte. Weiterhin soll laut Aussage ʿĀʾišas, der Ehefrau des Propheten – Allah segne ihn und gebe ihm Heil –, ein kleines Tier (Schaf oder Ziege) gekommen sein und das Blatt, auf dem dieser Vers stand, aufgefressen haben, als ʿĀʾiša und die anderen mit dem todkranken Propheten beschäftigt waren [Aḥmad, Nr. 26359].
    Hier muß man sich die Frage stellen:
    Wer hat entschieden, daß durch dieses Auffressen der Vers als schriftlicher und mündlich vorgetragener Teils des Korans, aber nicht als Regel und Vorschrift aufgehoben ist? Da der Prophet – Allah segne ihn und gebe ihm Heil – damals bereits totkrank war, dürfte er selbst es wohl kaum gewesen sein. Bekanntlich ließ sein Nachfolger Abū Bakr während seiner Amtszeit alle bisher noch nicht kodifizierten Teile des Korans schriftlich festhalten, damit sie nicht verloren gehen sollten. Demnach hätte er diesen angeblich aufgefressenen Koranvers wieder neu niederschreiben lassen müssen, da dessen Wortlaut ja bekannt war. Die Behauptung, dieser Vers sei dadurch aufgehoben worden, daß ein Tier ihn aufgefressen habe, mutet völlig absurd an. Das wäre so, als würde man sagen, der Koran sei aufgehoben, wenn eine Ziege ein ganzes Koranexemplar auffräße.
    Man muß sich fragen, was in den Köpfen der Gelehrten schief gelaufen ist, daß sie eine solch lächerliche Geschichte glauben und davon eine Regelung ableiten konnten, die über Leben und Tod entscheidet.

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