Enthaarungspaste

Wer hat die Enthaarungspaste erfunden? Das waren die Teufel und sie taten es auf Verlangen König Salomos. Dieser bekam nämlich Besuch der Königin von Saba, Bilqis, die behaarte Beine hatte, was er unattraktiv fand. Die Beine bekam er zu sehen, als sie über einen gläsernen Palastboden schritt und dabei ihr Kleid hochzog. So erzählt es wenigstens der arabische Autor ath-Tha‘labī (gest. 1035) in seinem Qisas al-anbiyā’ (Prophetenerzählungen)

  • Die Teufel hatten sich gegen Bilqis verschworen und Sulaimān (Salomo) von ihr erzählt: „Ihre Füße sind wie Eselspfoten und sie hat behaarte Beine, weil ihre Mutter eine Dschinnin war.“ Sulaimān wollte die Wahrheit wissen und ihre Füße und Beine sehen, und deshalb befahl er den Palast zu bauen.
    […]
    Als Bilqis kam, sagte man zu ihr: „Tritt in den Palast ein!“ Als sie [den Boden] sah, meinte sie, es sei eine Wasserfläche, also entblößte sie ihre Unterschenkel, um [das Wasser] zu durchwaten und auf Sulaimān zuzugehen. Dieser betrachtete sie und fand, dass sie prächtige Beine und Füße habe, nur dass ihre Beine behaart seien. Als Sulaimān das sah, wandte er sich ab und rief ihr zu, es sei nur ein Palast, der mit Glasplatten ausgelegt sei, und kein Wasser.
    […]
    Die Gelehrten sind sich nicht einig über das, was ihr widerfuhr, als sie sich Gott ergeben hatte. Die meisten sagten, Sulaimān habe sie danach heiraten wollen, aber habe gegen ihre dichte Beinbehaarung einen Widerwillen gespürt und gedacht: „Ist das hässlich!“ Darum habe er die Menschen nach einem Mittel gefragt, um sie zu entfernen, und sie sagten: „Ein Rasiermesser.“ Die Frau aber sagte: „Eisen hat mich noch nie berührt.“ Also habe Salomo darauf verzichtet, denn er habe gemeint, es schneide in ihr Bein. Dann habe er die Dschinn gefragt, die sagten: „Wir wissen es nicht.“ Darauf habe er die Teufel gefragt, aber diese hätten gelogen und auch gesagt: „Wir wissen es nicht.“ Als er aber stark darauf gedrungen habe, hätten sie gesagt: „Wir werden schon etwas finden, so dass ihre Beine blank wie Silber werden.“ Darauf hätten sie ihr eine Enthaarungspaste und ein Bad bereitet. (Ibn ʿAbbās sagt, das sei das erste Mal gewesen, dass eine Enthaarungspaste gesehen worden sei.) Dann heiratete Sulaimān sie.1

Wir haben es hier mit einem Stück Koranauslegung des Typs Midrasch zu tun (s. Tafsīr: Erweiterung). Bei den Christen ist diese Gattung nicht bekannt, aber bei den Juden schon. Als Grundlage wird ein Vers oder Fragment aus der Schrift genommen und drumherum wird eine Erzählung gebaut. Zu Grunde liegt in diesem Fall der folgende Koranvers:

      • Man sagte zu ihr: „Tritt in den Palast ein!“ Als sie [den Boden] sah, meinte sie, es sei eine Wasserfläche und entblößte ihre Unterschenkel. [Sulaimān] sagte: „Es ist ein Palast, der mit Glasplatten ausgelegt ist.“ Sie sagte: „Mein Herr! Ich habe gegen mich selber gesündigt. Ich ergebe mich nun zusammen mit Salomo Gott, dem Herrn der Menschen in aller Welt.“ 2

An diesem einen Koranvers hängt für die Muslime die ganze Erzählung über die behaarte Beine und das Mittel dagegen. In der obigen Übersetzung habe ich die Koranzitate kursiviert. Die Erzählung über Sulaimān und Bilqis ist viel länger, auch im Koran. Natürlich gehört sie zu den Legenden jüdischen Ursprungs (isrā’īlīyāt).3 Die islamischen Fassungen der Prophetenerzählungen gehen zurück auf die Erzähler aus dem ersten Jahrhundert des Islams, die den Auftrag hatten den Koran auszulegen und über den Propheten zu erzählen, aber auch über die früheren Propheten, wie Sulaimān einer war. Später wurden die Erzähler weniger geschätzt und es kamen die seriösen Schriftgelehrten, die ‘ulamā’, an die Reihe.

Ath-Tha‘labī schrieb einen seriösen Korankommentar, aber daneben noch sein berühmtes Buch Prophetenerzählungen, in dem er, wie er selber sagt, das Material habe loswerden können, das für den Kommentar nicht gut genug war. Die obige Erzählung fand er also schon zweitrangig. Trotzdem hat er — und haben die Muslime aller Jahrhunderte — die Prophetenerzählungen nicht wegwerfen wollen. In der Tat sind sie dazu viel zu unterhaltsam. Überdies ist zu bedenken, dass seriöse Korankommentare doch auch nicht selten auf Material von solchen Erzählern basieren, wenn es auch gesäubert, abgeflacht und in theologisch korrekte Form gebracht ist.

ANMERKUNGEN:
1. Der Text ist aus der Sulaimānerzählung in aṯ-Ṯaʿlabī, Qiṣaṣ al-anbiyāʾ. Ausgabe und Seitenzahl zu nennen hat wenig Sinn, weil es unzählige Ausgaben gibt, alle gleich unkritisch.
2. Koran 27:44: ‎قِيلَ لَهَا ادْخُلِي الصَّرْحَ فَلَمَّا رَأَتْهُ حَسِبَتْهُ لُجَّةً وَكَشَفَتْ عَنْ سَاقَيْهَا قَالَ إِنَّهُ صَرْحٌ مُمَرَّدٌ مِنْ قَوَارِيرَ قَالَتْ رَبِّ إِنِّي ظَلَمْتُ نَفْسِي وَأَسْلَمْتُ مَعَ سُلَيْمَانَ للهِ رَبِّ الْعَالَمِينَ
3. Bei Ginzberg, The Legends of the Jews. Klicken Sie hier; dann scrollen Sie weiter bis zu den Wörtern „Benaiah conducted the queen to Solomon,“ dann haben Sie es. Für die Quellennachweise brauchen Sie schon Ginzbergs gedrucktes Werk.

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Die „Erzähler“, die ersten Koranausleger

Der Bedarf an Koranauslegung (tafsīr) wurde anfangs von den „Erzählern“ (qāss, Pl. qussās;→ Pellat, Kāss) gedeckt. Das waren die ersten „islamischen“ Intellektuellen, die oft nebenamtlich Richter waren. In der Umayyadenzeit sprachen sie nach der Freitagspredigt zu den Gläubigen in den Moscheen. Sie erklärten den Koran, erzählten aber auch über den Propheten und die älteren Propheten und schilderten Paradies und Hölle. Ihre Erzählungen (qissa, Pl. qisas) waren sowohl erbaulich wie auch unterhaltsam und oftmals recht fantastisch. Wenn sie die koranischen Texte zu den früheren Propheten „erweiterten,“ schöpften sie oft aus jüdischen und christlichen, biblischen und nichtbiblischen Erzählungen, den sogenannten Isrā’īlīyāt. Was der Koran schon angefangen hatte, setzten sie fort: Mohammed wird als letzter Prophet in einer ganzen Reihe früherer Propheten positioniert, während diese umgekehrt auch die Merkmale Mohammeds verliehen bekamen.
Nach 700 wurden die Erzähler immer öfter aus den Moscheen verbannt. Ihr Ruf verschlechterte sich und letztendlich landeten sie auf der Straße, wo sie auch ein Publikum fanden. Ihre Neigung zu fantasieren verärgerte die frommen Gläubigen und Hadithgelehrten zunehmend, und die außerislamischen Materialien, die sie verbreiteten, wurde immer weniger akzeptabel gefunden.
Weil die Erzähler keine Schriftsteller waren, ihren guten Ruf relativ schnell verloren und als Gelehrtentyp spätestens bei dem Antreten der *Abbasiden-Dynastie (750) als überholt galten, sind kaum Texte unter ihren Namen in Büchern gesammelt. (Eine Ausnahme ist *Wahb ibn Munabbih.) Es gab zu der Zeit ohnehin noch kaum Bücher. Aber ihr Material sickerte in mindestens zwei Gattungen ein: die *Prophetenbiographie (sīra) und die Koranauslegung, trotz aller Versuche der Kompilatoren, sich von den Erzählern zu distanzieren und ihren Stoff politisch und religiös korrekt zu gestalten.
Die ‘ulamā’, die „Gelehrten,“ nahmen allmählich den Platz der Erzähler ein und hatten ein andere Auffassung von Gelehrsamkeit. Es ist nicht so, dass später nicht mehr auf Basis von Koranversen „erzählt“ wurde. Ich erinnere nur an die reichhaltigen Prophetenerzählungen aus dem zehnten Jahrhundert. Nur der Status, das Prestige solcher Erzählungen wurde geringer.

Als Beispiele zwei Texte aus der Prophetenbiographie, die auf „Erzähler“ zurückgehen:

  • Aus dem Bericht des ‘Abdallāh ibn Mas‘ūd entnehme ich die folgenden Worte des Propheten:
    Immer wenn mich Gabriel von einem Himmel zum nächsten brachte, fragte man ihn, als er um Einlass bat, wer ich sei. Er nannte ihnen meinen Namen und sie fragten ihn weiter, ob ich gesandt worden sei. Als er es bejahte, riefen sie aus:
    „Gott schenke ihm Leben, Bruder und Freund!“
    So geschah es, bis wir zum siebten Himmel gelangten und er mich schließlich zu meinem Herrn brachte, der mir für jeden Tag fünfzig Gebete zur Pflicht machte. Als ich dann auf dem Rückweg wieder bei Moses vorbeikam — welch vortrefflicher Freund ist er euch! —, fragte er mich:
    „Wie viele Gebete sind dir auferlegt worden?“
    „Fünfzig jeden Tag,“ erwiderte ich, worauf er sprach:
    „Das Gebet ist eine schwere Last, und dein Volk ist schwach. Gehe zurück zu deinem Herrn und bitte Ihn, Er möge dir und deinem Volke diese Last erleichtern!“
    Ich tat, wie er mich geheißen hatte, und mein Herr ließ mir zehn Gebete nach, doch als ich wieder bei Moses vorüber kam, sagte er mir nochmals das gleiche, und Gott erließ mir weitere zehn Gebete. So ging es fort, bis nur noch fünf Gebete übrig waren. Als ich dann wieder zu Moses kam und er mir erneut riet, Gott um Erleichterung zu bitten, sprach ich zu ihm:
    „Ich bin nun so oft zu meinem Herrn zurückgekehrt und habe Ihm diese Bitte vorgetragen, dass ich mich jetzt schäme und es nicht nochmals tun werde.“
    Seinen Zuhörern aber versprach der Prophet:
    „Jedem von euch, der diese fünf Gebete gläubig und ergeben verrichtet, werden sie wie fünfzig Gebete vergolten werden.“ 1
  • […] von ‘Abdallāh ibn ‘Amr habe ich erfahren, dass der Freigelassene des Propheten Abū Muwaihiba Folgendes erzählte: Mitten in der Nacht ließ der Prophet mich zu sich kommen und sagte: „Mir wurde befohlen, für die Tote auf dem Baqī‘-Friedhof um Vergebung zu beten. So komme mit mir!”
    Ich ging mit ihm und als er mitten zwischen den Gräbern stand, sprach er:
    „Friede sei über euch, o ihr Volk der Gräber! Freut euch, dass ihr nicht mehr seid, wo die Lebenden sind! Wie Fetzen der finsteren Nacht nahen die Versuchungen, eine nach der anderen, die letzte schlimmer als die erste.“ […]2

Als Beispiel aus der Koranauslegung möge die „erzählerische“ Erklärung des Wortes kauthar in Q 108:1 dienen. Ibn Ishāq zitiert einen Hadith, nachdem dies

  • „ein Fluss ist, so breit wie die Strecke von San‘ā’ nach Aila [das sind ± 2000 km.; WR]. Seine Wasserstellen(?) sind so zahlreich wie die Sterne des Himmels. Dort steigen Vögel ab mit Nacken wie Kamele […] usw..“ 3

Oder alternativ bei at-Tabarī:

  • „[…] ein Fluss [im Paradies], weißer als Milch und süßer als Honig, mit Perlenkuppeln an beiden Ufern.“ 4

Der Fantasie der Erzähler waren keine Grenzen gesetzt. Über die Varianten der Koranauslegung siehe auch hier.

ANMERKUNGEN
1. Ibn Ishāq, Sīra: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, uitg.. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 271. Übersetzung: Ibn Ishāq, Das Leben des Propheten, übers. Gernot Rotter, Kandern 1999, 88.
2. ibidem, 1000. Rotter, 252.
3. @
4. at-Tabarī, Ta’rīkh, i, 1158

MEHR LESEN:
– Ch. Pellat, „Kāss“ en„Kissa I“ in EI2.
– Lyall R. Armstrong, The Quṣṣāṣ of Early Islam, Leiden 2016.
– A. A. Duri, The Rise of Historical Writing among the Arabs, hg. und übers. Lawrence I. Conrad, Einf. Fred M. Donner, Princeton 1983, Index s. v. qisas.
– G. Vajda, „Isrāʾīliyyāt,“ in EI2.
– I. Goldziher, Muhammedanische Studien i–ii, Halle 1888–90, insbes. ii, 160–170.
– Merlin S. Swartz, Ibn al-Jawzī’s Kitāb al-quṣṣās wal-muḏakkirīn. Including a Critical Edition, Annotated Translation and Introduction, Beirut [1969].
– al-Ǧāḥiẓ, al-Bayān wat-tabyīn, hg. ‘Abd al-Salām Muḥammad Hārūn, Kairo, 4 Bde. 1985; i, 367–9.

Diakritische Zeichen: qāṣṣ, Pl. quṣṣāṣ;→ Pellat, Ḳāṣṣ, qiṣṣa, qiṣaṣ, Ibn Isḥāq, Ṣanʿāʾ, Ibn Isḥāq, aṭ-Ṭabarī, Taʾrīḫ, ḳāṣṣ, ḳiṣṣa

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„Anlässe der Offenbarung“ (sabab an-nuzul)

Gemeint ist hiermit die typische Art meist kurzer Texte, die erzählen, zu welchem Anlass ein Koranvers offenbart wurde. Sie heißen im Arabischen sabab an-nuzūl, Pl. asbāb an-nuzūl, und im Englischen occasion(s) of the revelation.
Der Form nach sind sie Berichte über Ereignisse. Etwas sei geschehen, so wird erzählt, und anlässlich dieses Vorfalls habe Gott einen Koranvers offenbart.

Eine vollständige sabab an-nuzūl-Erzählung hat die folgenden Teile (nicht notwendigerweise in dieser Abfolge)

  • Einen Hinweis auf ein Ereignis oder eine Sachlage,
  • [oft kombiniert mit der] Erwähnung von Personen­- und/oder Ortsnamen und eine Zeitangabe;
  • einige koranische oder stark an den Koran erinnernde Wörter, die den zu offenbarenden Vers vorwegnehmen;
  • eine Formel wie: „Darauf offenbarte Gott…“ oder: „Dieser Vers wurde offenbart zu/über …“;1
  • und schließlich den offenbarten Vers selbst.

Ein Beispiel:

  • Man fragt dich nach dem Wein und dem Losspiel. Sag: „In ihnen liegt eine schwere Sünde. Und dabei sind sie für die Menschen (auch manchmal) von Nutzen. Die Sünde, die in ihnen liegt, ist aber größer als ihr Nutzen.“ (K. 2:219)
    Dieser Vers wurde offenbart über ʿUmar ibn al-Khattāb und Mu‘ādh ibn Djabal und eine Gruppe aus den Helfern, die zu dem Propheten kamen und fragten: „Gib uns eine Regel über Wein und das Losspiel, denn beide sind Zerstörer des Verstandes und Plünderer des Besitzes“. Darauf offenbarte Gott den Vers.2

Während traditionell orientierte Muslime solche Erzählungen gerne als Berichte — also als Geschichtsschreibung — akzeptieren, betrachten moderne Wissenschaftler sie eher als Koranexegese, als tafsīr. In der Erzählung geht das Ereignis der Offenbarung des Koranverses voran. In Wirklichkeit wird es erst den Koranvers gegeben haben und dann wird, unter Verwendung einiger koranischer Wörter, die Erzählung hierzu kreiert worden sein. Im obigen Vers rufen ja bereits die Worte „Man fragt dich …“ den Wunsch nach einer Erzählung hervor: Wer waren die, die fragten, und wieso fragten sie? Die Erzähler „wussten“, wer es waren, und auch dass die genannten Personen dem Weingenuss und dem Spiel kritisch gegenüberstanden. Die Erzähler hatten immer eine Antwort parat — und manchmal auch zwei oder mehr; es gibt ja Verse mit mehreren „Anlässen“.

Die Sachlage wird noch klarer, wenn die verwendeten Koranwörter nicht alltäglich sind, wie in:

  • Eines Tages, als [der Prophet] mit seinen Vorbereitungen [für den Feldzug nach Tabūk] beschäftigt war, fragte er Djadd ibn Qais aus dem Stamm Salima: „Hast du Lust dieses Jahr gegen die Gelbhäuter zu kämpfen, Djadd?“ Dieser antwortete aber: „Ach, Prophet, gib mir Dispens und setz mich nicht der Versuchung aus, denn es ist bekannt, dass niemand so den Frauen verfallen ist wie ich, und ich fürchte, dass ich mich nicht beherrschen kann, wenn ich die Frauen der Gelbhäuter sehe.“ Der Prophet gab ihm die Erlaubnis und wandte sich von ihm ab. Der Koranvers wurde über Djadd ibn Qais offenbart: Und unter ihnen gibt es welche, die sagen: „Gib mir Dispens und setz mich nicht der Versuchung aus!“ Sind sie (denn) nicht (bereits) in Versuchung gefallen? Die Hölle wird (dereinst) die Ungläubigen (allesamt) umfassen,3 —das heißt: Es war nicht so sehr die Versuchung der Frauen der Gelbhäuter, die er zu befürchten hatte. Die Verführung, der er verfiel war viel größer, nämlich dass er zurückblieb und nicht mit dem Propheten mitging, und dass er, statt zu tun, was dieser wollte, lieber tat worauf er selbst Lust hatte.4

Würde die Offenbarung wirklich die Wortwahl von Djadd ibn Qais übernommen haben? Der Koranvers war zuerst da und erst danach entstand die Erzählung. Der Erzähler sah beim Wort „Versuchung“ noch Gelegenheit eine Pikanterie unterzubringen.

Auch wenn das beschriebene Ereignis unwahrscheinlich ist, wie in:

  • Der Prophet hat gesagt: Als eure Brüder in Uhud gefallen waren, tat Gott ihre Seelen in das Innere grüner Vögel, die aus den Flüssen des Paradieses trinken, von seinen Früchten essen und nisten in goldenen Lampen im Schatten von Gottes Thron. Als sie den Wohlgeruch ihres Essens und ihrer Getränke rochen und der schönen Stätte ihrer Mittagsruhe gewahr wurden, sagten sie: „Ach, wenn doch unsere Brüder wüssten, was Gott uns getan hat, so dass sie den Dschihad nicht aufgäben und nicht vor dem Kampf zurückschreckten!“ Dann sagte Gott: „Ich werde ihnen von euch berichten.“ Darauf offenbarte Er: Meine nicht, dass diejenigen, die für Gottes Sache gestorben sind, tot sind. Nein, sie sind lebendig, und ihnen wird bei ihrem Herrn (himmlische Speise) beschert […] usw..5

ist offensichtlich, dass der Koranvers der Erzählung vorausging.

„Anlass“-Erzählungen kommen in Korankommentaren (tafsīr), aber auch in der sira und in auf diese Gattung spezialisierten Werken, wie das von al-Wāḥidī (gest. 1076) vor. Siehe für weitere Beispiele hier: Teufelsverse, Absonderung der Frau.

Wozu dienen solche Erzählungen?

  • Einen Vers zu erklären.
  • Aus einer allgemein ­menschlichen Neigung zur Historisierung. Ereignisse aus dem Leben des Propheten Mohammed werden mit bestimmten Koranversen verknüpft.
  • Einen Koranvers zu datieren. Das war wichtig für die Rechtswissenschaft, denn ein jüngerer Koranvers „abrogiert“ ggf. einen älteren (d.h. schafft ihn ab, *naskh). Deshalb wollte man wissen, welche Verse früher und welche später datieren.

ANMERKUNGEN:    (Der fehlende arabische Text folgt noch)
1. Es wäre wohl zu anmaßend Gottes Beweggründe kennen zu wollen. Der Koranexeget Muqātil ibn Sulaimān (Tafsīr i, 458, zu K. 5:11) sagt zwar noch blauäugig: „Dieser Vers wurde offenbart, weil  … (li-anna), aber meist steht nur: „… wurde offenbart über/zu/in Bezug auf ().“ Auch dann entsteht aber der Eindruck, dass man weiß warum.
2. Al­-Wāḥidī, Asbāb al-nuzūl, zitiert bei Rippin, Occasions 570.
3. Koran 9:49, Übersetzung Paret. ‎وَمِنْهُمْ مَنْ يَقُولُ ائْذَنْ لِي وَلَا تَفْتِنِّي أَلَا فِي الْفِتْنَةِ سَقَطُوا وَإِنَّ جَهَنَّمَ لَمُحِيطَةٌ بِالْكَافِرِينَ
4. Ibn Isḥāq, Sīra: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 894.

فقال رسول الله ص ذات يوم وهو في جهازه ذلك للجد بن قيس أحد بني سلمة : يا جد ، هل لك العام في جلاد بني الأصفر ؟ فقال : يا رسول الله ، أو تأذن لي ولا تفتني ؟ فوالله لقد عرف قومي أنه ما من رجل بأشد عجبا بالنساء مني ، وإني أخشى إن رأيت نساء بني الأصفر أن لا أصبر ، فأعرض عنه رسول الله ص وقال : قد أذنت لك
ففي الجد بن قيس نزلت هذه الآية : ومنهم من يقول ائذن لي ولا تفتني ألا في الفتنة سقطوا وإن جهنم لمحيطة بالكافرين أي إن كان إنما خشى الفتنة من نساء بني الأصفر ، وليس ذلك به ، فما سقط فيه من الفتنة أكبر ، بتخلفه عن رسول الله صلى الله عليه وسلم ، والرغبة بنفسه عن نفسه ، يقول تعالى : وإن جهنم لمن ورائه

5. K. 3:169–170; Abū Dāwūd, Ǧihād 25, aber auch schon bei Ibn Isḥāq, o.c., 604–5 und bei Muqātil ibn Sulaimān (gest. 767), Tafsīr, hg.. A.M. Shaḥāta, Cairo 1979, i, 314, und in aṭ-Ṭabarī, Tafsīr zum Koranvers.

LITERATUR:
– Andrew Rippin, „Occasions of revelation,“ in EQ.
– Andrew Rippin, „The function of asbāb al-nuzūl in qurʾānic exegesis,“ in BSOAS 51 (1988), 1–20.
– Hans-Thomas Tillschneider, Typen historisch-exegetischer Überlieferung. Formen, Funktionen und Genese des asbāb an-nuzūl-Materials, Würzburg (Ergon), 2011.  (580 S.) Wenn ich dieses Buch durchgelesen habe, muss ich den Text hier oben neu schreiben, so viel ist mir klar.
– Marco Schöller, Exegetisches Denken und Prophetenbiographie. Eine quellenkritische Analyse der Sīra-Überlieferung zu Muḥammads Konflikt mit den Juden, Wiesbaden 1998, 128–33.
– John Burton, „Abrogation,“ in EQ.

Kurzdefinitionen: DhimmiFatwa, Hadith, Isnad, Isra’iliyatKalif, Koranauslegung, Muslim, Naskh, ProphetenerzählungenSabab an-nuzulSchariaSiraSunnaTafsirTaqiya,

Diakritische Zeichen: ʿUmar ibn al-Ḫaṭṭāb, Muʿāḏ ibn Ǧabal, Ǧadd ibn Qais, Uḥud, nasḫ
asbāb asbab an-nuzul asbab al-nuzul sabab an-nuzul sabab al-nuzul

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Prophetenerzählungen (Qisas al-anbiya’)

Prophetenerzählungen (Arabisch: قصص الأنبياء, qisas al-anbiyā’) erzählen nicht über den Propheten Mohammed, sondern über die vorangegangenen Propheten. Im Islam werden bestimmte biblische Persönlichkeiten als Propheten betrachtet, auch wenn sie dies nach der jüdischen und christlichen Tradition nicht waren: Adam, Noah, Abraham, Joseph, Moses, Hiob, Elia, David, Jesasja, Jona, Jesus u.a.
Der Koran hatte bereits von diesen Propheten erzählt. In der Anfangszeit des Islams führten die sog. Erzähler (qussās) dies fort, unter Verwendung jüdischen und christlichen Materials (isrā’īlīyāt), was in späterer Zeit weniger geschätzt wurde. Ein bekannter Erzähler auf diesem Gebiet war Wahb ibn Munabbih (± 654–728). Die zweitälteste noch bewahrte Sammlung ist die des al-Fārisī (gest. 902). Später wurden die Erzählungen gesammelt von ath-Thaʿlabī, al-Kisā’ī u.a. Die Sammlungen haben nicht nur die Propheten zum Thema, sondern auch die Schöpfung, und z.B. die Raumfahrt von Bulūqiyā, der im Weltall den Propheten suchte.
Viele Muslime können diese oft fantastischen Erzählungen aus religiöser Sicht nicht ernst nehmen, aber zum Wegwerfen sind sie doch zu spannend und lustig, so dass sie oft neu aufgelegt werden.
Einige Kostproben: Ausländischer Wolf, EnthaarungspastaDie Hölle nach al-Kisā’ī.

Literaturhinweise:
– al-Fārisī al-Fasāwī, Abū Rifā‘a ʿUmāra ibn Wathīma, Les légendes prophétiques dans l’Islam/depuis de Ier jusqu’au IIIe siècle de l’Hégire/ d’après le manuscrit d’—— /Kitāb Bad’ al-Khalq wa-Qisas al-anbiyā’, avec édition critique du texte, Wiesbaden 1978.
– Muhammad ibn ‘Abdallāh al-Kisā’ī, Tales of the Prophets (Qisas al-anbiyā’ ), transl. W.M. Thackston Jr., Chicago 1997.
– Ath-Tha‘labī, Heribert Busse (übers. u. kommt.), Islamische Erzählungen von Propheten und Gottesmännern. Qisas al-anbiyā’ oder ‘Arā’is al-magālis, Wiesbaden 2006. Gut, aber teuer.

Sekundär:
– Roberto Tottoli, Biblical Prophets in the Qurʾān and Muslim Literature, London/New York (Routledge) 2002. Oder wenn Sie lieber das ursprüngliche Italienisch lesen: I profeti biblici nella tradizione islamica, Brescia 1999.

Kurzdefinitionen: Anlässe der Offenbarung, DhimmiFatwa, Hadith, Isnad, Isra’iliyatKalif, Koranauslegung, Muslim, Naskh, Sabab an-nuzulSchariaSiraSunnaTafsirTaqiya,

Diakritische Zeichen: Waṯīma, Badʾ al-Ḫalq, qiṣaṣ al-anbiyāʾ, quṣṣāṣ, isrāʾīlīyāt, aṯ-Ṯaʿlabī, al-Kisāʾī.

Zurück zum Inhalt    qisas al anbia, qisas al-anbiya 

Tafsir (Koranexegese): Kurzdefinition

Tafsīr ist Koranexegese oder Koranauslegung. Man findet sie meist Vers nach Vers, in den Korankommentaren des Muqātil ibn Sulaimān, Mudjāhid, ‘Abd ar-Razzāq as-San‘ānī, at-Tabarī, al-Qurtubī, ath-Tha‘labī, az-Zamakhsharī, al-Baydāwī, Ibn Kathīr, al-Djalālayn und anderer.
In der Gegenwart gibt es den Kommentar al-Manār. Auch das große Werk Saiyid *Qutbs, Fī zilāl al-qur’ān, will Koranexegese bieten, sieht aber eher wie eine Sammlung von Predigten und Meditationen aus. Die Kommentare der Neuzeit bieten häufig nur Bruchstücke aus älteren Kommentaren.

Außer in Kommentaren findet man Koranexegese auch in anderen Werken: in sīra-Schriften, in den Prophetenerzählungen und in anderen populären Schriften. S. auch den Artikel Erzähler.
Der deutsche Wikipedia-Artikel „Tafsīr“ ist gediegen und wertvoll. Interessant ist dort auch der Hinweis ganz unten auf den wichtigen EQ-Artikel „Exegesis of the Qur’ān“ von Claude Gilliot, der dort kostenfrei heruntergeladen werden kann, was andernorts nicht möglich ist. Der englische Wikipedia-Artikel ist unwissenschaftlich.

Zu den unterschiedlichen exegetischen Tätigkeiten siehe den größeren Artikel hier.

Kurzdefinitionen: Anlässe der Offenbarung, DhimmiFatwa, Hadith, Isnad, Isra’iliyatKalif, Muslim, Naskh, ProphetenerzählungenSabab an-nuzul, Scharia, Sira, SunnaTaqiya,

Diakritische tekens: Muǧāhid, ʿAbd ar-Razzāq aṣ-Ṣanʿānī, aṭ-Ṭabarī, al-Qurṭubī, aṯ-Ṯaʿlabī, az-Zamaḫšarī, al-Bayḍāwī, Ibn Kaṯīr, al-Ǧalālayn, Saiyid Quṭb, Fī ẓilāl al-qurʾān

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Umars Bekehrung. Eine verborgene Schrift

Zum Bericht über die Bekehrung des Apostels Paulus in der Apostelgeschichte der Bibel gibt es in der Prophetenbiographie (sīra) eine Parallele in der Erzählung von der Bekehrung des ‘Umar ibn al-Khattāb, der später Kalif wurde. Beide Männer hatten zuerst die neue Religion aufs Heftigste bekämpft, beide werden nach einer unerwarteten Bekehrung ihre energischsten Verteidiger. Die Bekehrung des Paulus geschah urplötzlich, als ihn auf dem Weg nach Damaskus eine Vision überkam, die seine Augen blendete.1 Bei ʿUmar kam die Wende ebenso blitzartig, als er in der Wohnung seiner Schwester Fātima mit dem Koran konfrontiert wurde. Der Koran spielt die Hauptrolle bei seiner Bekehrung; das ist fein islamisch gedacht.
Der noch unbekehrte ‘Umar—kurz angebunden wie immer—stürmt ins Zimmer seiner Schwester und fragt in barschem Ton, was das zu bedeuten habe. Es kam sogar zu Handgreiflichkeiten. Fātima verbirgt das Blatt mit dem Korantext, und zwar, indem sie sich daraufsetzt. Heutige islamische Koranverehrer würden es wohl nie wagen, auf so eine Idee zu kommen, aber so steht es in der Prophetenbiographie von Ibn Isḥāq aus dem achten Jahrhundert.2 Zu der Zeit waren die Menschen noch nicht so zimperlich. ‘Umar will das Blatt sehen, aber seine Schwester weigert sich es herauszugeben, mit der Begründung, dass er unrein sei und der Koran nur von Reinen berührt werden dürfe. Nachdem er sich gereinigt hat, liest ʿUmar das Blatt dann doch — und wird bekehrt.

Es ist offensichtlich: der Erzähler hatte hier die Koranverse 56:77–79 im Kopf, einen Passus, in dem ebenfalls der Koran im Mittelpunkt steht:  انه لقرآن كريم في كتاب مكنون لا يمسه الا المطهرون „Es ist wirklich ein vorzüglicher Koran, in einer verborgenen Schrift, die nur Reine berühren dürfen.“ Über die verborgene Schrift (kitāb maknūn) ist im Laufe der Jahrhunderte viel Tiefsinniges gesagt worden: Sie werde von Gott im Himmel aufbewahrt usw. Aber der Erzähler dieser frühen Geschichte hat daran nicht gedacht. Er hat den beiden Wörtern eine einfache, etwas derbe Deutung gegeben, indem er Fātima das Blatt auf ihre Weise „verbergen“ ließ.

Auch veröffentlicht in zenith Juli/August 2013, 94–95.

ANMERKUNGEN
1. Bibel, Apostelgeschichte 9:3.
2 Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd al-Malik Ibn Hischâm, hrsg. F. Wüstenfeldt. 2 Bde., Göttingen 1858-60, S. 224. Übersetzung: Ibn Isḥāq, Das Leben des Propheten, übers. Gernot Rotter, Kandern 1999, S. 71-74. Hier finden Sie meine Übersetzung der ganzen Erzählung.

Diakritische Zeichen: ʿUmar ibn al-Khaṭṭāb, Fāṭima

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