In eigener Sache: Projekt Orient

Demnächst werde ich auf diesen Seiten einem Gast Raum bieten: mir selbst, der aber doch ein anderer ist.
Mein Interesse verschiebt sich neuerdings nämlich von alten arabischen Sachen in Richtung Orientalistik, Orientalismus, Postkolonialismus.
.
Der Unfrieden, der heutzutage trotz unglaublichen Reichtums in West-Europa umgeht, hat unterschiedliche Ursachen, aber eine ist, dass die nicht oder ungenügend bewältigte koloniale Vergangenheit und der noch fortwirkende Orientalismus Rassismus und Fremdenhass einen reichhaltigen Nährboden bieten. Das ist besonders ersichtlich im zu Idiotie abgleitenden England, aber auch im sonstigen West-Europa. In Deutschland allerdings weniger, weil das hauptsachlich eine andere Vergangenheit zu bewältigen hat.
Deshalb ist es nicht verkehrt, diesem Phänomen einige Aufmerksamkeit zu schenken.
.
Die Texte werde ich auf Englisch schreiben. Jedoch, Englisch ist für mich eine Fremdsprache, wie Deutsch auch. Ich werde also jemanden brauchen, der die Texte korrigiert. Meine Spontaneität werde ich mir aber nicht nehmen lassen: Erst wird veröffentlicht, dann korrigiert.
.
Inzwischen habe ich ein separates Blog eröffnet: Sie finden es hier.  Dort sind auch die Texte, die erst hier veröffentlicht waren: Orientalism and Oriental Studies: the concepts.  Orientalising the Dutch East Indies, or: Pimp your princes. Dutch colonial rulers imitating Javanese princes.
The sword of Islam. Dreaming of the Orient. Orientalist painting.

Orientalismus im Orient

🇳🇱 Orientalismus war eine Richtung in der Kunst, die vor allem im 19. Jahrhundert blüht und als Inspirationsquelle den Orient“ hatte: ein Gebiet, das an der türkischen Grenze anfing und irgendwo in Ostasien aufhörte: das geheimnisvolle Morgenland voller Schönheit, Farbenpracht, Reichtum, mit aller Grausamkeit und Sinnlichkeit, die man dort zu erkennen meinte oder sich wenigstens vorstellte.
Orientalistik ist das wissenschaftliche Studium von dem, was früher der „Orient“ hieß.
Verwirrung entstand, als 1978 das berühmt-berüchtigte Buch Orientalism von Edward Said erschien. Dieser Autor brachte die beiden Begriffe durcheinander. Das tat er absichtlich, denn er wollte das betonen, was beide Tätigkeiten seiner Meinung nach gemeinsam hatten, nämlich ein verzerrtes Bild des „Orients“ zu kreieren, mit der Absicht diesen zu unterwerfen und zu beherrschen. Dabei wollte er vor allem die Orientalistik diskreditieren.
Das Bild, das der Westen sich vom Orient bildete, wurde in der Kolonialzeit im Osten oft übernommen. Der Westen bestimmte ja, wie der Orient auszusehen und sich zu verhalten hatte. Dieser Umstand schafft böses Blut seit dem Erscheinen von Saids Buch, in dem das Phänomen zum ersten Mal angeprangert wurde. In Saudi-Arabien und dem Irak wurden Lehrstühle für „Orientalistik“ gegründet, deren Aktivitäten durch Hass oder Abneigung gegen die Orientalistik inspiriert wurden. Aber von ca. 1800 bis 1980 wurden die westlichen Orientbilder von den Untertanen im Orient noch untertänigst geschluckt und übernommen; es blieb ihnen wohl nichts anderes übrig. Sogar in religiösen Sachen ließ man sich einen Bären aufbinden: Die Gestaltung des heutigen Islams hat dem Westen einiges zu „verdanken“ (siehe z.B. hier und hier.)

Hier folgen einige Beispiele von Orient made in Europe:
.
Am Ende des 19. Jahrhunderts diktierten europäische Handelsunternehmen (Ziegler, Hotz), wie Perserteppiche auszusehen hatten. Nicht zu wild und dezent koloriert, nach europäischem Geschmack; mit Merinowolle aus Manchester und mit künstlichen Farbstoffen. Natürlich gehorchten die Teppichweber; das Weben war ja ihr Broterwerb.
===
Zwang gab es auch in Niederländisch-Indien. Die malaiische Sprache, zum Beispiel, kannten die Holländer natürlich besser als die Indonesier. Diese konnten sie aber noch lernen, etwa mit Hilfe der Bücher des Kantoor voor Volkslectuur (Büro für Volkslektüre; später Balai Poestaka/Pustaka; 1908–1942), das ab 1920 Indonesische Literatur herausbrachte, die als für die Eingeborenen angemessen beurteilt wurde.1
===
Die Sheikh Zayed Moschee in Abu Dhabi ist riesig: eine 75 Meter hohe Kuppel, Minarette von 107 Meter Höhe, Platz für 40.000 Gläubige und von allem viel zu viel. Das Gebäude verbreitet einerseits die Langeweile computergenerierter, steriler Massenware, andererseits erinnert es an eine orientalische Fantasie aus Tausendundeine Nacht.  Diese Moschee ist unverhohlen orientalistisch: ein orientalischer Traum. Die Perlenfischer am Golf hatten selbst keine Tradition großer Bauten. Sie heuerten also Architekten aus dem Ausland an,2 die für sie diesen Märchenpalast entwarfen, aus dem jeden Augenblick ein fliegender Teppich aufsteigen kann. Stilelemente von verschiedenen existierenden Bauten von Marokko bis Indien sind zu einem orientalischen Ganzen hoch zwei zusammengefügt worden. Offensichtlich hat der Bauherr es zufrieden abgenommen, obwohl neuerdings in den arabischen Ländern heftig auf den Orientalismus geschimpft wird.

===
Aber die ganze Tausendundeine Nacht ist eine überwiegend westliche Konstruktion, die nach einer Erfolgsgeschichte von zwei Jahrhunderten in Europa von dort aus ihren Weg in den Nahen Osten gefunden hat. Die Erzählungen wurden anfangs von gebildeten Arabern selten gelesen und nicht geschätzt. Nicht etwa, weil darin freimütig über Sex geredet wird, aber weil sie in einfacher („kindischer“) Sprache abgefasst worden seien und auch anderen literarischen Maßstäben nicht genügten. Sie gehörten zur Domäne der mündlichen Erzähler, die solche Texte in Heftchen aufbewahrten, sie auswendig lernten und durch das Land zogen um sie in Kaffeehäusern und auf Plätzen vorzutragen. Aber anderer Stoff war bei den Erzählern und ihren Zuhörern viel beliebter. Aus dem 19. Jahrhundert sind einige Theaterbearbeitungen von Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht bekannt, aber Theater galt ebenfalls als etwas für die niederen Stände. Erst ab ca. 1900 begannen arabische Bildungsbürger diese Erzählungen zu schätzen, nachdem sie in Europa für gut befunden waren. Ab diesem Zeitpunkt standen Schriftsteller auf, die erklärten, dass Tausendundeine Nacht auf sie einen wichtigen Einfluss hatte: ‘Abd al-Qādir al-Māzinī, Mahmūd Taimūr, Taufīq al-Hakīm, Ṭāhā Husain und Nagib Mahfus, um nur einige zu nennen. Sie und noch etliche andere Schriftsteller reagierten auch auf die Erzählungen, indem sie eine bearbeiteten oder damit spielten oder Bücher schrieben wie Die Träume Shahrazads oder Die tausendzweite Nacht. Die erste arabische Dissertation über die Erzählungen erschien 1943: ein Beweis der Akzeptanz.
Dass moderne arabische Autoren auf ihr eigenes Erbe zurückgreifen, scheint jetzt ganz natürlich, aber es geschah, nachdem es jahrhundertelang vernachlässigt worden war und nachdem Europa sich seiner angenommen, begutachtet, durch die Mangel gedreht und neu zubereitet hatte.
Später gab es noch mehr europäischen Einfluss auf die Rezeption von Tausendundeine Nacht, wenn auch indirekt. Eine neue arabische Ausgabe wurde 1985 in Ägypten verboten, weil sie sittenwidrig sei, und das versucht man immer wieder. Die Erzählungen werden sittenwidrig genannt, weil sie
 gegen die Sitten der fundamentalistischen Muslime verstoßen, die sich inzwischen breit gemacht hatten und die ihre Prüderie zumindest zur Hälfte dem orientalistischen Europa und der Königin Viktoria verdanken; siehe hier.
===
Ein ähnlicher Fall ist meiner Meinung nach die Rezeption von Ibn Khaldūn: einer der berühmtesten alten Araber überhaupt, der jedoch von Europa aus in den Nahen Osten gelangt ist. Dazu in Zukunft mehr.

ANMERKUNGEN
1. Dazu dieses (Engl.).
2. Als Architekt wird Yousef Abdelky erwähnt, aber auch Mohammad Ali Al-Ameri; des Weiteren Firmen wie Spatium, Halcrow und Speirs und Major Associates.

Zurück zum Inhalt

Sindbad der Seefahrer

Sindbad der Seefahrer ist ein meiner Favoriten aus Tausend und eine Nacht.
Sieben Mal schifft sich Sindbad (Sindibād) im Irak ein gen Osten. Sieben Mal erleidet er Schiffbrüche, unbekannte Seen, gefährliche Tieren und Monster, und die bizarren oder grausamen Gewohnheiten irgendwelcher Eingeborene. Und alle sieben Male ist er beherzter als seine Reisegefährten und weiß er sich wieder zu retten—sei es natürlich mit göttlichem Beistand. Nach sieben Reisen hat er es satt und lebt er noch lange und glücklich mit der Gattin und mit dem enormen Reichtum, den er so ganz nebenbei erworben hat—und mit einem guten Freund.
Sindbad ist ein Vorläufer der späteren europäischen Seefahrer. Er zieht ostwärts im Rahmen der Indienfahrt, die seit dem neunten Jahrhundert aus Basra und Sīrāf betrieben wurde. Indien, Indonesien und China wurden regelmäßig durch Schiffe aus dem Abbasidenreich angelaufen, die voll geladen mit Spezerei, Edelsteinen und allerlei anderen exotischen Sachen zurückkehrten. Die Schiffskapitäne bildeten, wenigstens in diesen Erzählungen, eine Art informelle Ostindische Kompagnie, in der es idyllisch zugeht. Wo auch immer Sindbad an Land geschwemmt wird oder festläuft, immer kommt ein arabisches Schiff mit einer hilfsbereiten Bemannung vorbei. Manchmal liegt an Bord noch Ware von ihm. Sobald er nachgewiesen hat, dass die ihm gehört, werden ihm die sorgfältig aufbewahrten Güter zurückgegeben und er bekommt eine freie Fahrt nach Hause.
Zu den Schätzen, die die Indienfahrt einbrachte, gehörten auch Erzählungen. Der „geheimnisvolle Orient“ ist nicht von europäischen Orientalisten erfunden worden; sie existierte seit Jahrhunderten im arabischsprachigen Raum und wurde von einem Publikum gefront, das sich durch fantasievolle Reiseberichte und -erzählungen sowohl unterrichten wie auch amüsieren ließ. Erzählungen wie die von Sindbad, über Abenteuer und über die „Wunder Indiens“, haben die Araber Jahrhunderte lang fasziniert. Im Grunde sind sie nicht so anders als das, was europäische Reiseschriftsteller einige Jahrhunderte später über ihre erschröcklichen Abenteuer zu melden hatten.
Vertraut wirken Sindbads Beweggründe für seine Reisen. Die erste Reise unternimmt er, weil er fast bankrott ist; später, wenn er sein Vermögen längst gesichert hat, fährt er aus Verlangen „Handel zu treiben, Geld zu verdienen und Gewinn zu haben,“ aber auch „um mir die fremden Länder anzusehen, auf dem Meer zu fahren, mich den Kaufleuten anzuschließen und Berichte über neue Dinge zu genießen.“ Er ist zu unruhig um zu Hause zu bleiben; sein Reichtum langweilt ihn. Einmal führt er sogar an, dass er verreist, weil er sich danach sehnt nach Heimkehr seine „Freunde und Gefährten wiederzusehen und in der Heimat zu sein.“ Ein fast moderner Mensch.
Verwerflich findet er diese Sehnsucht schon. Als unmittelbarer Triebfeder zu seinen Reisen nennt er mehr als einmal „die Seele, die zum Bösen treibt,“ ein Begriff aus dem Koran (12:53). Es ist die Sünde, die ihn antreibt, und das Meer, auf das er sich begibt, ist das Chaos, der Aufenthaltsort des Bösen. Noch negativer wird sein Kurzausflug ins Weltall bewertet. Sindbad steigt nicht hinauf zu Gott, und das islamische Paradies strebt er auch nicht nach. Er zappelt und schaukelt nur herum bis er letztendlich in sich selbst Ruhe findet.
Sind Supergewinne auch tadelnswert? Bei diesen frühen Indienfahrten gab es theoretisch Gleichwertigkeit der Handelspartner und war von Ausbeutung nicht die Rede. Aber diese dummen Leutchen im Osten, so vermitteln uns die Erzählungen, wissen meist nicht einmal auf welchen Kostbarkeiten sie sitzen, und Sindbad behandelt sie oft grausam. Über seine Einkünfte bleibt er ziemlich vage, was vielleicht auf Schuldgefühl hindeutet. Ein Floß, das er einmal baut um sich zu retten, ist bei näherer Betrachtung aus wertvollem Sandelholz; auch Diamanten und andere Kostbarkeiten fallen ihm einfach zu. Wenn man ihm glauben soll, ist er nur durch Gottes Gnade reich geworden; selbst kann er nichts dafür. Verdient hat er es aber trotzdem, wie er meint: Wenn man so viel Elend durchgestanden hat ist es nur gerecht, dass man etwas daran verdient.
Zum Glück gilt das auch für die andere Person in diesem Erzählzyklus: Sindbad der Festländer, ein Lastträger, der viel Elend erlebt—und zwar, anders als sein Namensvetter, ohne seine Schuld. Die sieben Erzählungen des Seefahrers sind in einer Rahmenerzählung gefasst, die mit der Szene des armen Lastträgers anfängt, der leicht verbittert aber sich letztendlich in den Standesunterschied fügend, sich vor dem prachtvollen Haus des Seefahrers kurz verschnauft. Dieser lädt ihn zu sich ein, gebraucht ihn als Publikum für seine Erzählungen und lässt ihn an seinem Wohlstand teilhaben, indem er ihn bewirtet, ihm große Zuwendungen gibt und sein Freund wird. So befreit der Reiche sich von etwas Gold und Schuldgefühl—und hier steckt offensichtlich die Moral. Reichtum ist gut, aber er soll geteilt werden. Durch den Seefahrer erlöst der gütige Gott auch den Festländer aus seinem Elend.
Es läuft eine Linie von den Sindbad-Erzählungen zu modernen Gewalt- und Horrorfilmen. Die Höhle voller Knochen und verwesenden Leichen, in die Sindbad nach dem Tod seiner indischen Frau geworfen wird und in der er sich mit dem Proviant der neu eintreffenden Witwen und Witwern am Leben hält, die er mit einem Knochen erschlägt, wäre auf dem Leinwand nicht weniger überzeugend als die Episode mit dem Zyklopen.

[Auch veröffentlicht in zenith, September/Oktober 2012]

QUELLE
– Alf laila wa-laila, Bulāq 1251/1835, Bd. II, 1–37 (Nacht 536–566).
– Die Erzählungen aus den Tausendundein Nächten. Zum ersten Mal nach dem arabischen Urtext der Calcuttaer Ausgabe vom Jahre 1839 übertragen von Enno Littmann, 6 Bde., Leipzig (Insel) 1921–8. (Diese Übersetzung ist des Öfteren als Inseltaschenbuch 224 im Angebot. Sie ist gut, aber zu Grunde liegt eine etwas andere Ausgabe als die gerade erwähnte. Der Sindbad-Zyklus steht hier in Band iv, S. 97–215.)
– Von anderen Übersetzungen rate ich ab. Die Tausenundeine Nacht ist oft sehr schlechten Übersetzern und Bearbeitern zum Opfer gefallen. Zu ihnen gehört übrigens nicht Claudia Ott, die eine sehr gute Übersetzung veröffentlicht hat; diese enthält aber nicht den Sindbad-Zyklus. Wer auf einer Insel in Hinterindien wohnt oder aus anderen Gründen Littmann nicht zur Hand hat, kann sich im Internet bei der berühmten englischen Übersetzung von Richard Burton bedienen. Band 6, S. 1–82. Lädt langsam.

Zurück zum Inhalt

Orient

Gibt es ihn noch, den Orient? Offensichtlich schon, denn in Zeitungen findet man Überschriften wie „Orient in Aufruhr,“ o.ä.. Aber was er ist und wo er genau liegt, ist nicht so klar.
Im Französischen ist l’orient das Wort für „der Osten“. Auch die Engländer sprechen von the East; sie kennen aber auch the Orient. „Der Osten“ kann im Deutschen eher nicht benutzt werden, weil dies auch die ehemalige DDR und/oder Osteuropa bezeichnet.

Wo liegt der Orient, wo fängt er an?
Der Orient scheint der Teil der Welt zu sein oder gewesen zu sein, der sich von der Grenze des türkischen Reiches bis einschließlich Japan erstreckt. Südgrenzen wären die Sahara und der Indische Ozean. Im Norden gehörten die islamisch geprägten Gebiete Zentralasiens dazu; die russischen Gebiete in Sibirien nicht. Tibet wird dazu gerechnet; die Mongolei ist vielleicht ein Zweifelsfall.
Aber stimmt das so? Die türkische Grenze scheint wesentlich zu sein. Jedoch, um 1800 gehörten auch Griechenland, Bosnien, Serbien, Montenegro, Albanien, Mazedonien und Bulgarien noch zum Osmanischen Reich und lagen somit im Orient. Die türkische Grenze verläuft jetzt bekanntlich weiter östlich. Und die moderne Türkei, gehört die dann zum Orient? Wenn man in die Türkei fährt, scheint dies überhaupt nicht der Fall zu sein. Und was ist mit Marokko, Algerien, Tunesien? Israel? Zypern? Nordzypern ja, Südzypern nein? Und der Kaukasus? Dagestan und Tschetschenien schon; Armenien und Georgien nicht?
Orient hat auch etwas mit Islam zu tun: Israel ist doch nicht Orient? Und ebenfalls mit alt und antiquiert: Singapur, Hongkong oder Tokio kann man schwerlich Orient nennen. Und mit exotisch: Kamele, Turbane, Wasserpfeifen, Pluderhosen, exotische Gerüche, Musik und Bekleidung, labyrinthähnliche Innenstädte, in denen ein Europäer alleine den Weg nicht findet. Grausame Despoten herrschen dort nach ihrer Laune des Augenblicks. Der Orient ist geheimnisvoll. Im 19. Jahrhundert hat man sich im damals sehr prüden Europa den Orient auch gerne sinnlich und lüstern vorgestellt. Die Existenz von Harems hat das Vorstellungsvermögen sehr angestachelt. Im 20. Jh. ist die Stimmung gekippt; heutzutage betrachtet Europa die islamische Welt als prüde und sich selbst als frei und freizügig.
Kurz gesagt, der Orient steht für all solche Sachen, die man im Nahen und Mittleren Osten zwar vergeblich sucht, aber die man sich in Europa gerne derart vorstellt oder früher vorstellte. Populäre Bücher und Filme bestätigen dieses Bild noch immer.
Als geographischer Begriff ist „der Orient“ unbrauchbar; er liegt nirgendwo, es gibt ihn nicht wirklich. Vielmehr ist er ein Gedankending, oder besser noch: ein Gefühlsding. Der Orient ist Projektionsfläche von Erwartungen, Träumen und Ängsten. Der Orient ist anders.

Einige willkürlich gewählte Zitate:

  • Oh, East is East, and West is West, and never the twain shall meet. (Rudyard Kipling)
  • Im Orient ist Freundschaft selten, und Uneigennützigkeit am allerseltensten. (Karl Baedeker, Ägypten, 1928)
  • Im Orient ist der Magen der Sitz der Seele. Daher sind seit Jahrtausenden in Arabien Gewürze beliebte Zutaten in der feinen Küche und bei Getränken. Der Teeaufguß sorgt genußvoll für das leibliche Wohl durch seine anregende orientalische Gewürz- und Kräuterkomposition. (Werbetext, Ende des 20. Jh.)

Der Orient scheint somit ein großes, aber vages Gebiet zu sein, über das man allen denkbaren Schwachsinn behaupten kann. In akademischen Kreisen wird der Name kaum noch verwendet und man spricht vom Nahen Osten.

Im Alltag lebt das Wort noch weiter und deutet eine vage Herkunft irgendwo im Osten an. Viele China-, und Thairestaurants haben etwas wie Orient in ihren Namen, wie auch Dönerbuden und Teppichläden, in denen bekanntlich Orientteppiche verkauft werden. Der Orient Express fuhr nach Konstantinopel, das moderne İstanbul. In unzähligen Kochbüchern wird eine oder sogar die orientalische Cuisine beschrieben. Im kulinarischen Bereich redet man aber auch von der asiatischen Küche, die sich von ungefähr Pakistan bis einschließlich Japan erstreckt.
Kampfsportarten heißen meist orientalisch und stammen aus dem Fernen Osten: Japan, China, Korea, Thailand und Indonesien. Wer sich dabei verletzt, kann „die“ asiatische Medizinkunst anwenden. Bauchtanz heißt orientalisch und ist im Nahen Osten oder Indien zu Hause. Es gibt auch orientalische Holzschnitzerei. Gemeint ist meist eine Weihnachtskrippe, deren Figuren arabische Kleidung tragen. Orientalische Möbel und Deko kan man auch bestellen. Die orientalische Philosophie bzw. Weisheit scheint von Japan bis einschließlich Indien beheimatet zu sein, mit Abstecher nach Dschalal ad-Din Rumi (1207–1273, Chorasan, Konya) und nach Gibran Kahlil Gibran (1883–1931, Libanon, USA), der in Dem Propheten und anderen Schriften im Alleingang eine unglaubliche Menge „orientalische“ Weisheit verbreitet hat.

Siehe auf Dauer auch *Orientalismus, *Orientalist             Zurück zum Inhalt

Hat es Mohammed wirklich gegeben?

Die Frage wird neuerdings gelegentlich gestellt; auch hat es schon einige Gelehrte gegeben, die sie negativ beantwortet haben. Sowohl die Frage wie auch die Antworten stammen offensichtlich vor allem aus Kreisen von Islamhassern.
Aber sogar wenn ich mich ganz streng und minimalistisch aufstelle, sage ich: Ja, den Mohammed muss es gegeben haben. Für seine Existenz gibt es zu viele Hinweise, auch aus der frühesten Zeit und aus ganz unterschiedlichen Umgebungen, als dass sie verneint werden könnte. Ihn völlig aus dem Nichts zu erfinden hätte die Zusammenarbeit so vieler Menschen jeden Schlages erfordert, wie es redlicherweise nicht möglich ist.
Die Hypothese von Chr. Luxenberg u.a. aus der sog. *Inârah-Gruppe, nach der Mohammed kein Eigenname ist, sondern nur ein Adjektiv, „gepriesen“ oder „lobenswert“, das sich auf Jesus beziehe, kommt mir absurd vor. Bei Gelegenheit komme ich vielleicht darauf zurück; vielleicht auch nicht, denn viel Aufmerksamkeit scheint mir die Idee nicht wert zu sein.

Was wissen wir über Mohammed?
Diese Frage ist interessanter, und hier trennen sich gleich wieder die Geister.

– Muslime wissen alles, was sie über ihren Propheten wissen wollen durch die Kraft ihres Glaubens; ganz einfach.

– „Klassisch“ orientierte Arabisten wie ich, denen so ein Glaube nicht beschert worden ist, haben es schwieriger. Im 19. Jahrhundert meinten die Gelehrten noch vieles über Mohammed zu wissen; viel mehr als über Jesus, und man hielt es noch lange für möglich eine wissenschaftliche Biografie des Propheten zu schreiben. In unserer Zeit dagegen ist die „sichere Kenntnis“ zu fast gar nichts reduziert. Allerdings scheint in den letzten Jahren die „Kenntnis“ wieder Konjunktur zu haben. Sie täuschen sich nicht: Was man über den Propheten zu wissen meint, geht auf und ab, ist zeitgeistempfindlich. Darüber hier mehr.
Persönlich bin ich den Texten gegenüber sehr kritisch; ich „glaube“ nicht viel. Man könnte auch sagen: Ich bin etwas altmodisch, denn die Welle des neuen „Wissens“ hat mich noch nicht erreicht. Für mich steht fest, dass es Mohammed gegeben hat, aber auch, dass es nicht viel über ihn zu wissen gibt. Angesichts meiner Überzeugung, dass auch gründliche Forschung nicht zu einer handfesten Prophetenbiographie führen wird, hat ein Fachkollege mich „pessimistisch“ genannt. Er hat mich nicht verstanden. Pessimistisch ist man, wenn man düsteren Prognosen hat, in diesem Fall: das Eintreten ergiebiger Forschungsergebnisse zu seinem Bedauern nicht zu erwarten vermag. Aber es ist nicht so, dass ich gerne eine reichhaltige und zuverlässige Mohammedbiographie gehabt hätte und jetzt deprimiert bin, weil es diese nicht gibt. Ob nun viel oder wenig über den Propheten bekannt ist, mich persönlich berühren die Forschungsergebnisse nicht. Nur wenn mit ihnen gemogelt wird, dann werde ich ein wenig traurig.

– Nicht-Spezialisten, Arabisten oder nicht, die sich ab und zu mit Mohammed beschäftigen und allerlei über ihn „glauben“: Sie haben einen nicht-religiösen Glauben an die Prophetenbiographie, der oft auf einem horror vacui basiert und schwierig auszurotten ist. Oft haben sie ihre Kenntnis Enzyklopädien, Einführungen und Zusammenfassungen entnommen. Dagegen ist nichts einzuwenden, aber man sollte sich schon bewusst sein, dass diese oft auf älterer Forschung und auch auf Pseudokenntnis basieren. In solchen populären Veröffentlichungen traut man sich nämlich nicht zuzugeben, dass man etwas nicht weiß. Ein Enzyklopädieartikel oder eine Einführung mit vielen weißen Flecken oder Fragezeichen wird nicht akzeptiert, also werden die Lücken beliebig aufgefüllt.

– Letztendlich gibt es Menschen, die sich durch die Medien auf Grund von ganz wenigen und oft unrichtigen Informationen eine Meinung über Mohammed andrehen lassen, die sie, sollten sie je einen biographischen Quellentext lesen, darin meistens bestätigt sehen wollen. Aber warum sollte man über jemanden, der schon so lange tot ist und über den man so wenig weiß, überhaupt eine Meinung haben? Vergleiche: Über Hitler haben die meisten Menschen noch eine Meinung, aber über Napoleon? über Karl den Fünften? Die sind wirklich zu weit weg; ein Laie kennt sie einfach nicht.

Eine kleine Menge biografischer Texte (sīra) kann man mit gutem Willen bis ins Jahr 690, vielleicht 680 zurückzuführen. Mohammed ist nach der meist gängigen Überlieferung 632 gestorben; da gähnt also eine Lücke von einem halben Jahrhundert. Eine ähnliche Wissenslücke existiert zwischen dem Sterbejahr Jesu und den frühesten Evangelien. Zufall? Vielleicht ist das bei der Entstehung einer neuen Religion eher die Regel. Der Gründer wird nach seinem Tode von eventuellen unangenehmen Zügen gereinigt. Nach einem halben Jahrhundert ist ausreichend vergessen, wie er wirklich war, so dass man einen bereinigten Gründer, Heiligen, Propheten, Messias oder was auch immer auf den „Markt“ bringen kann. (Dieses Phänomen sollte lieber von Religionswissenschaftlern studiert werden, oder wird es wahrscheinlich schon längst.)

LESEN?
Einführende Bücher und Büchlein zum Propheten gibt es jede Menge. Oft wiederholen sie die Standarderzählung und einander und bleibt die Frage, ob es über das Leben Mohammeds überhaupt etwas zu wissen gibt, unbehandelt. Wenn man nämlich all zu viel anzweifelt, wird das Buch zu dünn und der Verleger sauer und werden vielleicht Muslime entrüstet, was doch bestimmt niemand möchte. Ein gut geschriebenes, kleines Buch, das sich ziemlich klug hindurchwindet ist:
– Marco Schöller, Mohammed, Suhrkamp Basis Bibiographie 34, 2008.
Zur Prophetenbiographie werden Sie hier auf Dauer noch mehr zu lesen finden. Achten Sie auf das Stichtwort Sira.

Zurück zum Inhalt