Ansteckung: Widersprach sich der Prophet? – Fortsetzung

🇳🇱 Wie dargelegt auf S. 1 gefiel mir der Artikel von Butt & Shah zur Ansteckung im Hadith des Propheten ganz und gar nicht. Wie lese ich dann die von ihnen behandelten Texte?
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Meine Voraussetzungen bei der Lektüre von Hadithen sind folgende:
1. Die Aussagen des Propheten und Berichte über seine Verrichtungen stammen gemeinhin nicht von ihm, sondern von Gläubigen, die mindestens ein halbes, aber meistens ein oder zwei Jahrhunderte später lebten. Bestimmt gibt es auch Aussagen, die tatsächlich vom Propheten stammen, aber welche das sind, ist nicht herauszufinden und ich lasse mich davon nicht um den Schlaf bringen.
2. Die dem Propheten zugeschriebenen Aussagen enthalten Widersprüche. Die sollten nicht weggeschafft, sondern vielmehr geschätzt werden, weil sie zeigen, über welche Themen und Probleme die Gläubigen in den ersten Jahrhunderten des Islam diskutierten und wie sich ihre Diskussionen entwickelten.
2. Die islamische Hadithwissenschaft (‘ilm al-ridjāl), die ihre Blütezeit hatte zwischen ca. 770 und 1500, war damals sehr beeindruckend, aber heute nicht länger überzeugend. Die Behauptungen in den Quellen sind leicht zu entkräften, die Isnāde sind oft nachweisbar fiktiv.
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Die Zielsetzungen von Butt & Shah sind offenbar: festzustellen welche Hadithe korrekt überliefert sind und somit von Gläubigen als Grundlage für ihr Leben und Denken zu akzeptieren sind. Des Weiteren für die Zweifler nachzuweisen, dass der Prophet sich nicht widersprach. Und in diesem spezifischem Fall: nachzuweisen, dass es zwar Ansteckung gibt, aber dass die von Gott kontrolliert und gesteuert wird..
Mein Ziel ist vielmehr, für mein eigenes Vergnügen eine Anzahl spannende und manchmal raffinierte Texte in ihrem Zusammenhang zu lesen und nebenbei anhand der geführten Diskussionen die Entwicklung des Islams zu verfolgen. Keine Religion, keine Theologie, sondern Religionsgeschichte und -phänomenologie.
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Die meisten Hadithe, die Butt & Shah behandeln, habe ich neu übersetzt. Überdies habe ich noch einige Parallele und Varianten dazu gesammelt. Ideal wäre es, alle Hadithe zum Thema zu sammeln und mit einander zu vergleichen. Das wäre mir jetzt zu viel Arbeit, aber einige Hadithe drum herum lesen hilft bereits um besser zu verstehen was Sache ist.

Es gibt keine Ansteckung 

Essen mit Aussätzigen
Wenn es keine Ansteckung gibt, muss man Körperkontakt nicht fürchten. Ein Hadith erzählt, dass der Prophet mit einem Aussätzigen aß:

  • T1. Der Prophet nahm einmal die Hand eines Aussätzigen und tauchte die zusammen mit der seinigen in die Schüssel. Er sagte: „Iss in Vertrauen auf Gott und setze deine Hoffnung auf Ihn!“1

Butt & Shah haben noch einige Texte gefunden, die erzählen, wie bekannte Gefährten des Propheten ausdrücklich mit Aussätzigen aßen. Manchmal wurde sogar extra eine Mahlzeit mit ihnen organisiert.2 Auch Abū Bakr soll mit Aussätzigen gegessen haben.3 Abū Bakrs Tochter Aischa, die Frau des Propheten, trieb es arg bunt: sie soll einen aussätzigen Sklaven gehabt haben, der von ihrem Teller aß, aus ihrem Becher trank und oft auf ihrer Schlafmatte schlief—wobei sie sich um Ansteckung selbstverständlich nicht scherte.4
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Die generelle Verneinung: „Es gibt keine Ansteckung.“
Die Existenz einer Sache kann im Arabischen verneint werden durch die Negation , gefolgt durch ein Substantiv im Akkusativ. Lā ilāha, „Es gibt keinen Gott, lā adwā, „Es gibt keine Ansteckung. Eine Ausnahme kann mit Hilfe des Wörtchen illā, „außer“ formuliert werden, gefolgt durch das Ausgenommene, z.B.: Lā ilāha illā allāh, „Es gibt keinen Gott außer Allāh. Shah & Butt zitieren Autoren, die bei der Aussage „Es gibt keine Ansteckungdas Ausgenommene nur hinzudenken, und zwar: „Es gibt keine Ansteckung außer durch Aussatz, bars und andere Krankheiten.“ Dieses „Hinzudenken“ akzeptiere ich nicht. Das Ausgenommene soll in der Aussage explizit genannt werden, sonst gilt es nicht.

Es gibt einige Hadithe, in denen die Aussage lā ‘adwā separat vorkommt. Es kommt z.B. ein Bettler zum Propheten und der jagt ihn nicht weg, sondern gibt ihm etwas, wobei er sagt: „Es gibt keine Ansteckung“.5 Ein anderer Text handelt vom Kauf einer Anzahl Kamele, die sich als räudig herausstellen; eine der Parteien zitiert dann dasselbe Prophetenwort.6
Aber viel öfter wird die Ansteckung in einer Auflistung von drei oder vier Sachen geleugnet.

  • T2. Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine Ansteckung, keine Vogelschau und keinen Wüstendämon.“7
    T3. Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine Ansteckung, keine Vogelschau, keinen Seelenvogel und keinen Wurm in Bauch.“ 8
    T4. Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine Ansteckung, keinen Seelenvogel, kein Unwetter verursacht durch einen Stern und keinen Wurm in Bauch.“9

Was wird hier alles verneint?
Vogelschau, ṭiyara, die Deutung der göttlichen Zeichen anhand des Vogelflugs.
Ein Wüstendämon, ghūl, so glaubte man, belästigte und bedrohte Reisende in der Wüste; er konnte unterschiedliche Gestalten annehmen.
Der Seelenvogel, hāmma, war die Eule, in der man glaubte, dass die Seele eines Verstorbenen wohnte. Nein, sagt ein anderer Hadith: wenn man eine Eule schreien hört, ist das kein Mensch, sondern nur ein Tier.
Der ṣafar war ein bösartiger Wurm im Bauch. Dass es auch einen Monat gibt, der Ṣafar heißt, ist hier nicht relevant.
Der naw’ war ein Unwetter, von dem man glaubte, dass es durch den Aufgang eines bestimmten Sterns verursacht wurde.
Es sind alles Sachen und Glaubensvorstellungen aus vorislamischer Zeit, die durch den Islam abgeschafft oder verblasst sind. Indem man Ansteckung in solche Auflistungen platzierte, wollte man glaubwürdig machen, dass auch (der Glauben an) Ansteckung ein rückständiger Aberglauben sei und nicht länger zeitgemäß. Hier waren raffinierte Theologen am Werk! In Wirklichkeit ist die Debatte über die Ansteckung deutlich islamisch. Sie ist ein Teil einer großen Diskussion; s. dazu unten.

Ansteckung gibt es durchaus

In einigen Hadithen lässt man den Propheten oder einen seiner Gefährten Distanz zu Aussätzigen wahren, offenbar wegen der Ansteckungsgefahr.

Abstand halten von Aussätzigen

  • T5. ‘Umar sagte zu Mu‘ayqīb al-Dausī: „Komm näher, aber wenn es jemand anders als du gewesen wäre, hätte er eine Speerlänge von mir entfernt sitzen müssen.“ Er war aussätzig.10

Schaut nicht lange auf Aussätzige
Einen Aussätzigen sehen ist nicht immer vermeidbar, aber man soll schnell den Blick abwenden. Aus Rücksicht auf den Kranken? Wohl eher aus Angst vor dem bösen Auge. Eine bekannte Aussage des Prophet is ja: „Das böse Auge gibt es wirklich.“

  • T6. Der Prophet hat gesagt: „Schaut nicht lange auf Aussätzige!“ 11
    T7. Der Prophet hat gesagt: „Schaut nicht lange auf Aussätzige und wenn ihr mit ihnen spricht, lasst dann eine Speerlänge Abstand zwischen euch und ihnen.“ 12

Die beschleunigte Treuegelübde
Der Prophet empfing Delegationen aus den arabischen Stämmen, die zu ihm kamen um ihm Treue zu geloben. In einer Delegation soll ein Aussätzige gewesen sein, den der Prophet ungerne in seiner Nähe hatte. 

  • T8. In der Delegation der Thaqīf war ein Aussätziger. Der Prophet sandte ihm folgende Botschaft: „Geh zurück; wir haben deinen Treueid hiermit angenommen.“ 13

Fliehe vor einem Aussätzigen
Für regelrechte Panik wird manchmal auch Raum gelassen:

  • T9. Ich haben den Propheten sagen hören: „Fliehe vor einem Aussätzigen wie vor einem Löwen!“ 14

Räude
Auch bei Tieren ist Ansteckung bekannt:

  • T10. Der Prophet hat gesagt: „Gesunde und kranke Tiere soll man nicht zusammen trinken lassen.“ 15

Es gibt keine Ansteckung, oder doch, oder doch nicht

Oft ist zu beobachten, dass ein Hadith einen früheren Hadith wieder aufnimmt, aber um einiges beschneidet oder umändert, oder dass etwas hinzugefügt wird.16 Manche Texte wollen z.B. die Abschaffung der Vogelschau etwas nuancieren:

  • T11. Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine Ansteckung und keine Vogelschau, aber eine günstige Vorhersage/ein gutes Wort habe ich gerne.“ 17

Oder man rettete mittels eines Hadith eine vorislamische Überzeugung hinüber in die Zukunft.

  • T12. Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine Ansteckung und keine Vogelschau, aber das böse Auge gibt es wirklich.“ 18

Oder man nuanciert in die andere Richtung: In manchen Bereichen sind düstere Vorhersagen durchaus berechtigt:

  • T13. Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine Ansteckung und keine Vogelschau, aber böses Glück kommt bei drei Sachen vor: die Frau, das Haus und das Reittier.“ 19

Beim Thema Ansteckung ist noch etwas anderes los. Hier findet mittels Hadithe eine heftige Diskussion statt: Es gibt sowohl Pro-Hadithe wie auch Kontra-Hadithe.
Es gibt hier aber auch Hadithe, in denen die Diskussion innerhalb eines Hadiths stattfindet, indem er seine eigenen Hauptaussage kannibalisiert, zu leugnen versucht oder den Tenor umdreht. Einen existierenden Hadith konnte man nicht ignorieren: er war ja ein Wort des Propheten. Man behält ihn also bei, aber fügt etwas hinzu oder bastelt daran herum. Beim Thema Ansteckung ist das des Öfteren gemacht worden, z. B. in:

  • T14. Abū Huraira: Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine Ansteckung und keine Vogelschau, keinen Seelenvogel und keinen Wurm im Bauch, aber vor einem Aussätzigen sollst du fliehen wie vor einem Löwe!“ 20

Den ersten Teil des Hadith war bereits vorbeigekommen in T2–T4, aber der hinzugefügte Satz dreht den Tenor um: Keine Ansteckung, aber siehe zu, dass du davon kommst! So einen Text hatte Ibn Qutaiba vielleicht im Kopf, als er versuchte darzulegen, dass Ansteckung keine Ansteckung ist.21

An T3 ist eine kleine Diskussion hinzugefügt, wobei die Theologie in zweiter Instanz die realistische Sichtweise einfach einverleibt:

  • T15. Abū Huraira: Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine Ansteckung, keine Vogelschau, keinen Wurm im Bauch und keinen Seelenvogel.“ Es stand ein Beduine auf, der fragte: „Wie ist es denn mit Kamelen, die im Sand so prächtig aussehen wie Gazellen, und wenn ein räudiges Kamel dazu kommt, bekommen sie auch die Räude?“ Darauf sagte der Prophet: „Aber wer hat dann das erste angesteckt?“ 22

Im folgenden Text findet die Diskussion nicht im Text des Hadiths statt, sondern im isnād, so dass der Prophet außen vor bleibt:

  • T16. Abū Salama ibn ‘Abd al-Rahman ibn ‘Auf: Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine Ansteckung,“ aber er überliefert auch: Der Prophet hat gesagt: „Gesunde und kranke Tiere soll man nicht zusammen trinken lassen.“
    Abū Salama sagte: Abū Huraira hat uns beide Hadithe vom Propheten überliefert. Später hat er uns aber verschwiegen, dass der Prophet gesagt hat: „Es gibt keine Ansteckung“ und er blieb bei: „Gesunde und kranke Tiere soll man nicht zusammen trinken lassen.“
    Al-Hārith ibn Abī Dhubāb—das ist der Neffe Abū Hurairas—sagte: Ich habe dich schon noch einen anderen Hadith überliefern hören, Abū Huraira, aber den verschweigst du jetzt! Du hast auch erzählt, dass der Prophet gesagt hat: „Es gibt keine Ansteckung!“ Aber Abū Huraira weigerte sich das zuzugeben und sagte: „… nicht zusammen trinken lassen“.
    Al-Hārith drängte so lange, bis Abū Huraira sich erboste, Äthiopisch zu brabbeln anfing und sagte: Weißt du, was ich sage? Ich sage: Auf gar keinen Fall!
    Abū Salama hat gesagt: Bei meinem Leben, Abū Huraira hatte uns sehr wohl überliefert, dass der Prophet gesagt hat: „Es gibt keine Ansteckung!“ Ich weiß nicht, ob Abū Huraira dies vergessen hatte oder ob der eine Hadith den anderen abgeschafft hat.23

Ansteckung und Theologie

Die obigen Hadithe sind nach ihrem Tenor geordnet worden. Ein Datierungsversuch mit Hilfe der isnāde habe ich unterlassen. Trotzdem widerspiegelt diese Ordnung, wie ich hoffe, ihre Entstehungsgeschichte.
Dass bestimmte Krankheiten durch Ansteckung übertragen werden, war seit Menschengedenken bekannt. Bereits im Alten Testament werden Aussätzige aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Im 6. und 7. Jahrhundert wütete die Pest im Nahen Osten. Wie diese Krankheit genau übertragen wird, wusste man nicht, aber dass sie ansteckend ist, wusste man durchaus! Viehzüchter beobachteten überdies, dass räudige Tiere gesunde Tiere anstecken.
Ansteckung wäre vielleicht nie Gesprächsthema geworden, wenn nicht Theologen deren Existenz geleugnet hätten. Dem Leugnern zufolge ist es Gott, der in jedem Einzelfall bestimmt, ob jemand krank wird oder nicht. Mit Schwangerschaft ist das genau so: Coitus interruptus ist nicht nötig, denn es ist Gott, der bestimmt, ob eine Frau schwanger wird oder nicht.23
Diejenigen, die die Ansteckung anerkannten, mussten sich darauf zur Wehr setzen. Das Phänomen wurde Gegenstand einer kleinen, aber ziemlich erhitzten Debatte zwischen Leugner und Realisten, die durch Hadithe und in Hadithen ausgetragen wurde. Beide Parteien schrieben ja ihre Auffassung dem Propheten zu.
Die Debatte war Teil der viel umfassenderen Diskussion zum freien Willen und dem Ratschluss Gottes, die von ca. 690–800 die Gemüter der islamischen Theologen beschäftigt hat. Es ist nicht die einzige Debatte, die man in der Hadithliteratur entdecken kann.

ANMERKUNGEN
1. Abū Dāwūd, Ṭibb, 24/3925; Tirmidhī, Aṭ‘ima 19a; Ibn Mādja, Ṭibb 44/3542: أن رسول الله ص أخذ بيد مجذوم فوضعها معه في القصعة وقال: كل ثقةً بالله وتوكلا عليه.
2. Butt & Shah, Concept 62.
3. ‘Abd al-Razzāq al-Ṣan‘ānī, Muṣannaf 19509 عن معمر أن أبا بكر كان يأكل مع الأجذم.
4. Ṭabarī, Tahdhīb al-āthār, zitiert bei Butt & Shah, Concept 62-63.
5. ‘Abd ar-Razzāq aṣ-Ṣan‘ānī, Muṣannaf 19511: عبد الرزاق عن معمر قال: بلغني أن رجلا أجذم أتى النبي ص كأنه سائلا فلم يعجله و جهّزه النبي ص وقال: لا عدوى
6. Ḥumaydi, Musnad 706; Bukhārī, Buyū‘ 36; Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad ii, 455, 531.
7. Muslim, Salām 107–109, vgl. Aḥmad ibn Ḥanbal Musnad iii, 293, 312, 382: عن جابر قال: قال رسول الله ص: لا عدوى ولا طيرة ولا غول.
8. Ibn Mādja, Ṭibb 43/3539 .عن ابن عباس أن نبي الله ص قال: لا عدوى ولا طيرة ولا هامة ولا صفر In anderen Kombinationen: Bukhārī, Ṭibb 45; Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad ii, 450 u.a.
9. Muslim, Salām 106; Abū Dāwūd, Ṭibb 24/3912: أبي هريرة أن رسول الله ص قال: لا عدوى ولا هامة ولا نَوْء ولا صفر
10. ‘Abd ar-Razzāq aṣ-Ṣan‘ānī, Muṣannaf 19510: أن عمر بن الخطاب قال لمعيقيب الدوسي: ادنُ فلو كان غيرك ما قعد مني الا كقيد رمح، وكان أجذم.
11. Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad i, 233, Var. 299; Ibn Mādja, Ṭibb 44/3543:
سمعت ابن عباس يقول قال رسول الله ص: لا تديموا الى المجذومين النظر
12. Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad i, 78: حسين عن أبيه قال رسول الله ص: لا تديموا الى المجذومين النظر وإذا كلمتموهم فليكن بينكم وبينهم قيد رمح.
13. Ibn Mādja, Ṭibb 44/3544, Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad iv, 390 رجل من آل شريد يقال له عمرو عن أبيه قال : كان في وفد ثقيف رجل مجذوم، فأرسل إليه النبي ص: ارجع فقد بايعناك; Muslim, Salām 126: عمرو بن الشريد عن أبيه قال: كان في وفد ثقيف رجل مجذوم، فأرسل إليه النبي ص: بايعناك فارجع; Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad iv, 389: عمرو بن الشريد عن أبيه قال قدم على النبي ص رجل مجذوم من ثقيف ليبايعه فأتيت النبي ص فذكرت ذلك فقال ائته فأخبره أني قد بايعته فليرجع. Die Delegation empfang der Prophet kurz vor seinem Tod. Je später im Leben des Propheten eine Aussage oder Handlung von ihm platziert wird, um so weniger wahrscheinlich ist es, das er diese noch „abgeschafft“ (naskh) hätte, d.h. ungültig gemacht durch eine neue Aussage oder Handlung.
14. Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad ii, 443; Var. ‘Abd ar-Razzāq aṣ-Ṣan‘ānī, Muṣannaf 19508: سمعت رسول الله ص يقول: فر من المجذون فرارك من الأسد
15. Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad ii, 406, 434: قال رسول الله ص: لا يورد الممرض على المصح; Mālik, ‘Ayn 18 ابن عطية أن رسول الله ص قال: لا عدوى ولا هام ولا صفرولا يحُل المُمرض على المُصح وليحلُلْ المصح حيث شاء. فقالوا: يا رسول الله وما ذاك؟ فقال رسول الله ص: إنّه أدَّىل
16. Beispiele auch im Text über Frauen in der Moschee.
17. Muslim, Salām 111; Var. Bukhārī Ṭibb 43, 54; Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad iii, 130, 154, 173, 178, 251, 276, 278: قتادة عن أنس أن نبي الله ص قال: لا عدوى ولا طيرة ويعجبني الفأل الصالح
18. Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad ii, 222, 420, 487: . أبو هريرة قال رسول الله ص قال: لا عدوى ولا طيرة والعين حق
19. Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad ii, 153, 174, 180; Abū Dāwūd, Ṭibb 24/3921: عن عبد الله بن عمر أن رسول الله ص قال: لا عدوى ولا طيرة وأنما الشؤم في ثلاثة في المرأة والدار والدابة/الفرس.
20. Bukhārī, Ṭibb 19: .أبو هريرة قال رسول الله ص: لا عدوى ولا طيرة ولا هامة ولا صفر وفر من المجذوم كما تفر من الأسد
21. S. oben S. 1 und Butt/Shah, Concept 72–3.
22. Muslim, Salām 101, 102, 103; Bukhārī Ṭibb 25, 54; Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad ii, 267 أبو هريرة: قال رسول الله ص: لا عدوى ولا صفر ولا هامة فقال أعرابي: يا رسول الله فما بال الإبل تكون في الرمل كأنها الظباء فيجيء البعير الأجرب فيدخل فيها فيجربها كلها؟ قال: فمن أعدى الأول؟. Varianten Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad i, 269, 328; ii, 434; ‘Abd ar-Razzāq aṣ-Ṣan‘ānī, Muṣannaf 19507; Ibn Mādja, Ṭibb 10/86.
23. Muslim, Salām 104: وحدثني أبو الطاهر وحرملة وتقاربا في اللفظ قالا أخبرنا ابن وهب أخبرني يونس عن ابن شهاب أن أبا سلمة بن عبد الرحمن بن عوف حدثه أن رسول الله ص قال لا عدوى ويحدث أن رسول الله ص قال لا يورد ممرض على مصح قال أبو سلمة كان أبو هريرة يحدثهما كلتيهما عن رسول الله ص ثم صمت أبو هريرة بعد ذلك عن قوله لا عدوى وأقام على أن لا يورد ممرض على مصح. قال فقال الحارث بن أبي ذباب وهو ابن عم أبي هريرة قد كنت أسمعك يا أبا هريرة تحدثنا مع هذا الحديث حديثا آخر قد سكت عنه كنت تقول قال رسول الله ص لا عدوى فأبى أبو هريرة أن يعرف ذلك وقال لا يورد ممرض على مصح فما رآه الحارث في ذلك حتى غضب أبو هريرة فرطن بالحبشية فقال للحارث أتدري ماذا قلت قال لا قال أبو هريرة قلت أبيت قال أبو سلمة ولعمري لقد كان أبو هريرة يحدثنا أن رسول الله ص قال لا عدوى فلا أدري أنسي أبو هريرة أو نسخ أحد القولين الآخر. Auch Bukhārī, Ṭibb 53; Abū Dāwūd, Ṭibb 4/3910.
23. Einem Hadith zufolge fragte man einmal den Propheten, ob es erlaubt sei, den Coitus interruptus anzuwenden. Er antwortete: „Es schadet euch nicht, wenn ihr es sein lasst, denn jedes Lebewesen, von dem Gott die Erschaffung vorherbestimmt hat bis zum Tage der Auferstehung, wird geboren werden.“ So in Muslim, Nikāḥ 125: لا عليكم أن لا تفعلوا ما كتب الله خلق نسمة هي كائنة إلى يوم القيامة إلا ستكون.

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Ansteckung, oder: Widersprach sich der Prophet? 

🇳🇱 Aus dem Internet wehte mir ein Artikel über Ansteckung im Hadith des Propheten zu.1 Er wurde von zwei pakistanischen Gelehrten verfasst und innerhalb der islamischen Hadithwissenschaft scheint mir das ein solider Artikel. An europäischen Universitäten könnte er als Beispiel benutzt werden um die islamische Wissenschaft kennen zu lernen. Mir selbst hat es mal wieder klar gemacht, warum islamische Wissenschaft mich so langweilt und ich nichts damit zu tun haben möchte.
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Gibt es Ansteckung? In Hadithen des Propheten wird die Frage manchmal mit ja, manchmal mit nein beantwortet. Hatte der Prophet denn zwei Meinungen zum selben Thema oder hat er im Lauf seines Lebens drastisch die Meinung geändert?2 Die Zielsetzung der beiden Autoren steht gleich ganz vorne im Abstract: Both categories of ahādīth seem contrary to each other and demand a detailed insight into this matter in order to remove the apparent contradiction between them. Den ihres Erachtens scheinbaren Widerspruch wegschaffen, das ist ihr Ziel. Sie wollen nachweisen, dass die Aussagen des Propheten einander nicht widersprechen, und zwar mit Hilfe der jahrhundertealten Hadithwissenschaft. 

Ihre unausgesprochenen Voraussetzungen sind:
1. Korrekt überlieferte Hadithen gehen auf den Propheten zurück. Sie enthalten Aussagen, die er wirklich getan hat und die dort beschriebenen Handlungen hat er tatsächlich verrichtet. Korrekte Hadithe sind deshalb eine hervorragende historische Quelle.
2. Der Prophet hatte immer Recht und widersprach sich nie. Allerdings kann eine spätere Aussage von ihm eine frühere abschaffen. Nicht weil er sich geirrt hätte, aber die Umstände änderten sich, so dass manchmal eine neue Aussage nötig war.
3. Die jahrhundertealte Hadithwissenschaft (Blütezeit ca. 770–1500) gilt noch. Was die alten Bücher zu den Überlieferern mitteilen ist meist zuverlässig und die Methoden um die Korrektheit einer Überliefererkette festzustellen sind immer noch dieselben.
4. Eine Voraussetzung der Autoren zu diesem spezifischen Thema: Ja, Ansteckung existiert. Sie sind modern und lebenserfahren genug um das einzusehen und das taten sie
schon bevor sie diesen Artikel schrieben.
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Jetzt zur Ansteckung. Die meisten Menschen wussten und wissen, dass es so etwas gibt, und es gibt Hadithe, in denen das vorausgesetzt wird. Aber es gibt auch eine Aussage des Propheten: „Lā ‘adwā, „Es gibt keine Ansteckung,“ und wir haben einen Bericht über den Propheten, in dem er mit einem Aussätzigen isst und seine Hand in dieselbe Schüssel taucht wie der—wodurch er gezeigt habe, dass keine Ansteckung zu befürchten sei. Mit diesem Widerspruch mussten die Autoren und die Muslime im Allgemeinen fertig werden.
Die Autoren haben eine Anzahl Hadithe zum Thema gesammelt. Ich übersetze hier ihre Übersetzungen aus dem Englischen. Meine eigenen Übersetzungen kommen auf S. 2.

  • T1: Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine ‘adwā (keine ansteckende Krankheit wird ohne Gottes Erlaubnis übertragen), keinen ṣafar (kein schlechtes Omen im Monat Ṣafar) und keine hāmma (kein schlechtes Omen in Zusammenhang mit einer Eule)“ Da stand ein Beduine auf und sagte: „Prophet, warum stehen denn die Kamele im Sand so prächtig da wie Gazellen und wieso werden sie, wenn ein räudiges Tier dazu kommt, alle räudig?“ Der Prophet antwortete: „Aber wer hat denn das erste angesteckt?“3
  • T2: Der Prophet nahm bei einem Essen die Hand eines Aussätzigen und tauchte die mit der Seinigen in die Schüssel. Er sagte: „Sag: Im Namen Gottes und in Vertrauen auf ihn!“ 4
  • T3: Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine ‘adwā (keine ansteckende Krankheit wird ohne Gottes Erlaubnis übertragen), keinen ṣafar (kein schlechtes Omen im Monat Ṣafar) und keine hāmma (kein schlechtes Omen in Zusammenhang mit einer Eule)“ und fliehe vor einem Aussätzigen, wie vor einem Löwen!“5 
  • T4: Der Prophet hat gesagt: „Schaut nicht ständig auf Aussätzige!“6
  • T5: Der Prophet hat gesagt: „Die Pest ist eine Katastrophe, die über die Kinder Israels gesandt wurde oder über Menschen, die vor euch lebten. Wenn ihr hört, dass in einem Gebiet die Pest herrscht, geht dann nicht dorthin. Aber wenn sie ausbricht in einem Gebiet, in dem ihr schon seid, flüchtet dann nicht vor ihr!“7 

Die beiden pakistanischen Autoren zitieren und kommentieren das, was sie in alten Kommentaren und anderen Quellen aus vielen Jahrhunderten zu diesen Hadithen fanden. Sie stellen fest, dass die alten Gelehrten zwei Methoden anwandten: tardjīḥ, das Gegeneinander-Abwägen von Hadithen, meist aufgrund der isnāde, und taṭbīq oder djam‘, von dem ich nicht genau weiß, was es ist, das aber das am meisten dem Harmonisieren oder dem Weginterpretieren ähnlich sieht.

Leugnung der Ansteckung
Diejenigen, die Ansteckung leugnen, finden Unterstützung in der deutlichen Aussage des Propheten in T1: „Es gibt keine Ansteckung,“ und deren Bestätigung in einer Handlung von ihm in T2, wo er mit einem Aussätzigen isst—wenn Gefahr für Ansteckung bestanden hätte, hätte er das nicht getan. Es werden noch vier Texte zitiert, die erzählen, wie bekannte Gefährten des Propheten ausdrücklich mit Aussätzigen aßen und somit nach dessen Vorbild handelten. Manchmal sollen sie sogar regelrechte Abendessen mit Leprosen gegeben haben!8 Aischa, die Frau des Propheten, habe es auch bunt getrieben: Sie soll einen aussätzigen Sklaven gehabt haben, der aus ihrer Schüssel aß, aus ihrem Becher trank und oft auf ihrem Schlafplatz schlief—wobei sie sich um Ansteckung keine Sorgen machte, versteht sich.
Ein Text wie T4: „nicht ständig auf Aussätzige schauen,“ in dem Ansteckung vielleicht – aber nicht notwendigerweise – vorausgesetzt wird, wird von den Leugnern beseitigt, weil der isnād schwach ist. Dasselbe gilt für zwei nicht-prophetische Überlieferungen, die empfehlen zwischen sich und einem Aussätzigen eine, bzw. zwei Speerlängen Abstand zu wahren. Die Schwäche eines isnāds nachzuweisen ist eine klassische islamische Manier um einen unerwünschten Hadith zu beseitigen. Eine andere Methode ist einen Text als durch einen späteren Text abgeschafft (mansūkh) zu betrachten. Von T3: „Fliehe vor einem Aussätzigen…’ wird gesagt, dass er von T2, in dem der Prophet mit einem Aussätzigen isst, abgeschafft worden ist.
Die Gelehrten, die T3 nicht verwerfen, haben im Lauf der Jahrhunderte verschiedene andere Wege gefunden um ihn zu entschärfen. Sie sagen zum Beispiel: Man soll nicht aus Angst vor Ansteckung vor einem Aussätzigen fliehen, sondern um den armen Mann nicht zu verletzen. Dasselbe gilt beim Anschauen: Es geht nicht um Ansteckung, sondern um Diskretion, Rücksicht.
Oder wer meint, durch einen Aussätzigen Schaden zu erleiden, seinen Geruch oder seine Nähe nicht zu ertragen oder wer eine Abneigung gegen ihn spürt, der soll davonlaufen. Man bleibt ihm fern, wie man auch eine überhängende Mauer oder ein kaputtes Schiff meidet.
Oder ganz kompliziert: Man soll vor einem Aussätzigen flüchten, weil man sonst, wenn man krank wird, vielleicht denken könnte, dass es durch Ansteckung kommt—was der Prophet ausgeschlossen hat. Diese Begründung kommt häufig vor: bereits Abū ‘Ubayd (gest. 838) sagt, dass man gesunde Tiere nicht mit kranken Tieren trinken lassen soll, denn wenn sie dann krank werden, könnte man zu der Irrmeinung verführt werden, dass es Ansteckung gäbe. In Wirklichkeit werden die gesunden Tiere krank durch den Willen Gottes und durch nichts anderes.
Das ist tatsächlich der Grund, warum Ansteckung überhaupt geleugnet wird. Es ist immer von neuem ein göttlicher Ratschluss, der bestimmt, ob man krank wird oder nicht.

Anerkennung der Ansteckung
Auch diejenigen, die glaubten, dass es Ansteckung gibt, konnten nicht alle Hadithe einfach hinnehmen. Zwar verfügten sie, neben ihren eigenen Beobachtungen von Ansteckung, über einige mehrfach und korrekt überlieferte Hadithe (T3, T5 und vielleicht T4), die diese bestätigten, aber einige andere, die deutlich die Ansteckung leugnen, mussten sie unschädlich machen. T2, in dem der Prophet mit einem Aussätzigen isst, hielten sie für nicht korrekt überliefert; der schadete also nicht viel. Blieb noch die korrekt überlieferte und glasklare Aussage des Propheten: „Es gibt keine Ansteckung“ (T1/3), aber dafür fand man unterschiedliche Lösungen:
– Man entkräftet die Aussage, indem man etwas hinzudenkt: Natürlich gibt es Ansteckung; was der Prophet meinte ist: „Es gibt keine Ansteckung außer durch Aussatz, bars und andere Krankheiten.“ Deshalb soll man durchaus vor einem Aussätzigen fliehen.9
– Andere denken etwas anderes dazu: „Es gibt keine Ansteckung von Natur aus, mit anderen Worten: Es ist Gott, der entscheidet, ob Ansteckung erfolgt oder nicht. Als Beweis dafür konnte dienen, dass der Prophet ruhig seine Hand zusammen mit der eines Aussätzigen in die Schüssel tauchte. Ein gewisser al-Turbushtī, ein Gelehrter aus dem 13. Jahrhundert, fand diese Auffassung die beste, gerade weil sie Übereinstimmung zwischen Hadithen zu diesem Thema ermöglicht.10
– Noch andere Gelehrten meinten, dass die Aussage: „Es gibt keine Ansteckung“ nicht die Ansteckung selbst leugnen will, sondern den Glauben, dass es Ansteckung durch etwas anderes als Gott gibt.11 Die rhetorische Frage des Propheten in T1: „Aber wer hat denn das erste angesteckt?“ passt gut zu dieser Auffassung.
– Ibn Qutaiba (± 828–889) war ein Literat, kein Mediziner, aber er verstand weitgehend wie Ansteckung funktioniert: durch Berührung (mulāmasa) oder durch Tröpfcheninfektion durch die eingeatmete Luft (al-shamm al-rā’iḥa), vor allem über Mitbewohner (mukhālaṭa). Trotzdem hatte er kein Problem mit der Aussage „Es gibt keine Ansteckung (‘adwā),“ denn die von ihm beschriebenen Übertragungsarten von Krankheiten sind einfach keine ‘adwā. Was das denn ist, sagt er nicht; zumindest wird es aus dem pakistanischen Artikel nicht ersichtlich. Ibn Ḥadjar al-‘Asqalānī (1372–1449) folgt demselben Gedankengang, aber er sagt durchaus, was ‘adwā ist, nämlich eine Krankheit, die an einem bestimmten Ort grassiert, wie die Pest in T5. Von so einem Ort zu fliehen ist nicht erlaubt, weil man dann dem Ratschluss Gottes zu entkommen versucht.12

Ich habe nicht den ganzen langen Artikel der beiden Autoren hier zusammengefasst, sondern versucht das Wichtigste herauszuholen. In einigen Punkten habe ich sie einfach nicht verstanden. Lobenswert ist, dass die beiden Autoren energisch und akribisch viele Kommentartexte gesammelt haben. Was ich aber bedaure, ist, dass ihre Gedankengänge sich den jahrhundertealten Kommentaren fast kritiklos anschließen, obwohl diese nach heutigen Einsichten intellektuell nicht ausreichend sind.
Allen Respekt für einen Ibn Qutaiba, der im neunten Jahrhundert schon gut wusste, was Ansteckung ist, aber jammerschade, dass er sich dann winden musste um das Zitat des Propheten zu retten und letztendlich behauptet, dass Ansteckung keine Ansteckung ist. Ihm und seinen Nachfolgern kann ich es aber nicht übel nehmen: vor Jahrhunderten konnte und durfte man wohl nicht anders denken. Anders sollte das sein bei den beiden modernen pakistanischen Autoren, die wahrscheinlich doch mal ein Gymnasium von innen gesehen haben. Aber leider nehmen sie die uralten Argumentationen ernst, als würden sie von Propheten oder Heiligen stammen, und gründen darauf ihre Folgerung: „Keine ansteckende Krankheit wird ohne Gottes Erlaubnis übertragen.“ Das ist, was mich in solchen Arbeiten so langweilt. Man kann auch sagen: Ich schätze es nicht, dass sie Theologie betreiben statt Textwissenschaft. Zu kritisieren ist auch, dass sie ihre Schlussfolgerung in ihre Übersetzung eines Hadith einarbeiten; das ist Mogelei. Lā ‘adwā bedeutet: „Es gibt keine Ansteckung,“ und nicht: „no contagious disease is conveyed without Allāh’s permission.“ Bei der Wiedergabe eines Textes in einer anderen Sprache soll man übersetzen, nicht theologisieren.
.
Meine eigenen Voraussetzungen und meine Lesart dieser widersprüchlichen Texte werde ich auf S. 2 darlegen.

ANMERKUNGEN
1. Muhammad Qasim Butt und Muhammad Sultan Shah, „The Concept of Contagiousness in the Ahādīth,“ Pakistan Journal of Islamic Research, 19/1 (2018), 59–75. Im Netz sah ich es hier, das letzte Mal am 10. November 2018.  Eine pdf-Datei steht hier: Butt_Shah, Contagiousness in ahadith.
2. Und das ist erst ein Beispiel; es gibt etliche Themen, über die die Aussagen des Propheten widersprüchlich sind oder scheinen.
3. U.a. Bukhārī, Ṭibb 25; Muslim, Salām 101 und viele andere, mit unterschiedlichen Prophetengefährten als Überlieferer: قال رسول الله ص: لا عدوى ولا صفر ولا هامة فقال أعرابي: يا رسول الله فما بال الإبل تكون في الرمل كأنها الظباء فيجيء البعير الأجرب فيدخل فيها فيجربها كلها؟ قال: فمن أعدى الأول.
4. Abū Dāwūd, Ṭibb, 24/3925; Tirmidhī, Aṭ‘ima 19a e.a.: أن رسول الله ص أخذ بيد مجذوم فوضعها معه في القصعة وقال: كل ثقة بالله وتوكلا عليه
5. Bukhārī, Ṭibb 19:  قال رسول الله ص: لا عدوى ولا طيرة ولا هامة ولا صفر وفر من المجذوم كما تفر من الأسد.
6. Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad i, 233: قال رسول الله ص: لا تديموا الى المجذومين النظر 
7. Bukhārī, Anbiyā’ 54 (vgl. auch Muslim, Salām 100): … فقال أسامة قال رسول الله ص: الطاعون رجس أُرسل على طائفة من بني إسرائيل أو على من كان قبلكم فإذا سمعتم به بأرض فلا تقدموا عليه، وإذا وقع بأرض وأنتم بها فلا تخرجوا فرارًا منه. قال أبو النضر: لا يخرجكم الاّ فرارا منه  
8. Butt/Shah, Concept 62.
9. لا عدوى ألّا من الجُذام والبرس وغيرها . Was bars ist weiß ich nicht; es muss auch eine Krankheit sein. Butt/Shah, Concept 70. Gemeint ist vielleicht baraṣ, ein Name für Lepra.
10. لا تقع عدوى بطبعها. Butt/Shah, Concept 71.
11. Butt/Shah, Concept 72.
12. Butt/Shah, Concept 72–73.

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Mohammed und Aischa (Kurzfassung)

(Wer ausführlicher zu diesem Thema lesen möchte, kann das hier tun)

Dass der Prophet Mohammed seine Lieblingsfrau Aischa als sechsjähriges Mädchen geheiratet und die Ehe mit ihr vollzogen haben soll, als sie neun war, ist immer wieder ein Stein des Anstoßes. Islamkritiker und -hasser nehmen es zum Anlass, den Propheten als Pädophilen zu beschimpfen. Viele Muslime fühlen sich dabei unbehaglich, sie finden Kinderehen genau so scheußlich wie Nichtmuslime und wissen oft nicht, wie sie auf die Kritik reagieren sollen.
Die Geschichte beruht auf nur einer Überlieferung, die auf den berühmten Überlieferer ʿUrwa ibn az-Zubair zurückgeführt wird, den Neffen Aischas. Sie lautet: „Es erzählte Aischa, dass der Prophet sie heiratete, als sie sechs Jahre alt war; sie wurde in sein Haus gebracht, als sie neun Jahre alt war, und dann blieb sie neun Jahre bei ihm.“
Von diesem Hadith gibt es einige Ausarbeitungen, etwa die, in der erzählt wird, wie das Mädchen mit Freundinnen auf der Schaukel spielte, dort von seiner Mutter abgeholt, zurechtgemacht und dem Propheten übergeben wurde. Dieser Text ist um die wenigen Informationen der Überlieferung herum gebaut: Heirat mit sechs, Ehevollzug mit neun. Anderen Texten zufolge spielte Aischa nach ihrer Heirat noch mit Puppen; ihre kleinen Freundinnen durften spielen kommen. Auch diese Texte bieten human interest zum kargen Basis-Hadith.
Aber war Aischa wirklich so jung? Das weiß kein Mensch. Nichtmuslimische Arabisten und Historiker gehen zunehmend davon aus, dass die „biografischen“ Texte über Mohammed als historische Quellen nicht verwertbar sind. Über den Propheten ist ihnen zufolge sehr wenig bekannt und über Einzelheiten aus seinem Privatleben schon gar nichts.
Aber warum ist dann der oben zitierte Hadith zustande gekommen? Auffällig ist, dass der Text nichts erzählt, sondern sich nur für die Daten und das Heiratsalter der Aischa interessiert. Hadithe sind in der Regel auf die Bedürfnisse von Juristen zugeschnitten, sie enthalten entweder eine Aussage des Propheten oder einen Bericht über eine (normative) Handlungsweise von ihm. Daneben gibt es in den kanonischen Sammlungen auch rein erzählende Hadithe, weil sie, vielleicht nebenbei, eine vorbildliche Handlungsweise des Propheten beschreiben oder zeigen. Oder eine Erzählung war so beliebt, dass man sie einfach nicht entbehren mochte. Aber rein chronologische Mitteilungen wie die obige sind in der Hadith-Literatur eine Rarität.
Um den Hintergrund dieses Hadithes zu verstehen, muss man „die ganze Aischa“ einbeziehen: ihre Herkunft aus dem frühislamischen „Verdienstadel“, ihren Konflikt mit ʿAlī und die Verleumdungskampagne gegen sie seitens der entstehenden Schia. Und auch den Erzähler sollte man im Auge behalten: ʿUrwa ibn az-Zubair, den Historiker der besagten Elite, der er auch selbst entstammte.

Aischas Herkunft
Aischas Vater war Abu Bakr, einer der ersten Anhänger Muhammads und der erste Kalif. Er war ein prominentes Mitglied des „Verdienstadels“, in dem große und frühe Taten für die neue Bewegung zählten. Neben Abu Bakr gehörten die anderen drei „rechtgeleiteten“ Kalifen ʿUmar, ʿUṯmān und ʿAlī dazu, weiterhin Personen wie az-Zubair – der Vater des Überlieferers ʿUrwa ibn al-Zubair. Im Laufe des 7. Jahrhunderts spalteten sich aber eine Gruppe ab, die sich aus der Sicht dieser Elite irgendwie danebenbenahm: ʿAlī, seine Nachkommen und die seiner Partei (Schia). Die Sippe der Umaiyaden übernahm nach ʿAlīs Tod die Macht; was vom ursprünglichen Verdienstadel Elite übrigblieb, war zum baldigen Aussterben verurteilt.

Die Verleumdung
Trotz – oder wegen – ihrer Stellung als Lieblingsfrau des Propheten war Aischa nicht überall beliebt. Eine bekannte Skandalgeschichte erzählt, wie sie, als frisch Verheiratete, auf einer Reise versehentlich kurz alleine in der Wüste zurückgelassen worden sei; später habe ein Mann sie gefunden und zurückgebracht. Hatte dieser sich an ihr vergangen? Es gab eine Faktion, die eifrig dieses Gerücht verbreitete. Auch Muhammads Vetter und Schwiegersohn ʿAlī soll unter den Verleumdern gewesen sein und dem Propheten sogar vorgeschlagen haben, Aischa gegen eine andere Frau einzutauschen. Wegen dieses Gerüchts mied der Prophet Aischa einige Zeit. Die Erzählung, in der diese Verleumdung sogar mit Hilfe von Koranversen entkräftet wird, stammt von demselben ʿUrwa, der auch den Hadith zu ihrem Heiratsalter in die Welt gesetzt hat. (Siehe auch hier.)

Der Konflikt
Woher kam diese Gehässigkeit Aischa gegenüber? Nach dem Tod des Propheten war sie politisch aktiv geworden und hatte sich (unter anderem zusammen mit az-Zubair) gegen ʿAlī, seit 656 Kalif, gestellt. Sie hatte sogar an einer Schlacht gegen ihn teilgenommen, der „Kamelschlacht“, benannt nach dem Kamel, auf dem sie die Kriegshandlungen beobachtete. Worum ging es dabei? ʿAli war wohl aus der Reihe getanzt. Er regierte im irakischen Kufa statt in Medina; er kümmerte sich wenig um die Bestrafung der Mörder seines Vorgängers Uthman; seine Popularität bei den Soldaten, die von ihm Zuwendungen empfingen, konnte den „Adel“ nicht beeindrucken, im Gegenteil. Kurzum, er benahm sich nicht, wie es von einem Mitglied der frühen Elite erwartet wurde.
Die Kamelschlacht gewann ʿAlī. Es ist verständlich, dass Aischa danach bei ihm und seinen („schiitischen“) Anhängern besonders unbeliebt war. Nach ʿAlīs Tod 661 verschärfte der Konflikt sich noch, weil die Schia das Kalifat für seine Söhne beanspruchte und generell eine Erbfolge im „Haus des Propheten“ befürwortete. Mit diesem Standpunkt konnte Aischa sich unmöglich anfreunden, da ihre Ehe mit dem Propheten kinderlos geblieben war.
Oft hört man: Kein Wunder, dass Aischa später so bitter auf Kriegsfuß mit ʿAlī stand. Sie hat ihm seine feindselige Haltung bei dem Skandal nie vergeben können. Das Umgekehrte ist wahrscheinlicher: Die Schia hasste Aischa aus politischen Gründen und beschmutzte rückwirkend ihre Ehre, indem sie ihre Keuschheit als noch junge Ehefrau anzweifelte. Es ist denkbar, dass die Verleumdungskampagne erst spät in ihrem Leben oder sogar erst nach ihrem Tod 678 stattgefunden hat.

Was aber soll das junge Alter? Schon ʿUrwas Bericht in der Verleumdungsaffäre hatte Aischas Ehrbarkeit (allzu) energisch verteidigt. Die Überlieferung zum Heiratsalter will diese sogar noch steigern, in ebenfalls übertriebener Manier. So wird Aischa jünger und damit keuscher denn je. Dass sie als Neunjährige ins Ehebett gestiegen sein soll, dient allein der Feststellung, dass sie in jenem Augenblick auf jeden Fall noch Jungfrau war. Danach wurde ihre Keuschheit von dem Propheten, ihrem Mann, garantiert. Das Ganze ist eine Reaktion auf die außerordentliche Gemeinheit der Verleumdung und passt zu ʿUrwas Bestreben, die Familie Abu Bakrs zu verherrlichen.

Soweit die Betrachtungen eines nichtmuslimischen Orientalisten. Viele Muslime werden das anders sehen. Ihnen zufolge ist durchaus viel zum Propheten bekannt und Hadith-Texte halten sie oft für historische Quellen. Aber das frühe Heiratsalter der Aischa ist auch für sie oft unverdaulich.

———

Wie ich oben beschrieben habe, gibt es zur Ehe Mohammeds mit dem Kind Aischa nur einen Kerntext mit einigen Varianten und Ergänzungen. Muss man wirklich glauben, dass dieser von Tatsachen berichtet und als Quellen für Geschichtsschreibung verwendet werden kann? Ein moderner Nichtmuslim muss das natürlich nicht. Konservative Muslime dagegen, die nicht mit moderner Literaturwissenschaft vertraut sind, hegen nicht den geringsten Zweifel an der Geschichtlichkeit dieses Hadiths. Islamhasser tun das ebenfalls nicht: nach ihrer Meinung war Aischa neun, als sie entjungfert wurde und somit war Mohammed ein Pädophiler und ein perverser Kinderschänder. Je schwärzer der Islam, desto angenehmer ist ja das Kämpfen gegen ihn.

Im Prinzip glaubt aber nicht nur die konservative Minderheit, sondern die Mehrzahl der Muslime an die Zuverlässigkeit von korrekt überlieferten Hadithen als Geschichtsquelle. Moderne Muslime, die wie die meisten anderen Menschen der Meinung sind, dass ein so junges Mädchen in einem Ehebett nichts verloren hat, müssen also Wege finden um den Peinlichen Hadith zu entkräften oder ganz loszuwerden.

Eine Möglichkeit ist: ignorieren und verdrängen. Es gibt in der Tat Muslime, die nicht mit dem Thema belästigt werden wollen. Ohne Zweifel hatte der Prophet das Beste mit der kleinen Aischa vor; zu etwas Anderem war er ja nicht fähig, und für das Mädchen war es eine Gnade, bereits als Kind die Nähe und den Segen des Propheten zu erfahren; Amen! Solche Gläubige mögen sich nicht vorstellen, wie der etwas beleibte Fünfziger mit einem so kleinen Mädchen Geschlechtsverkehr hatte. Den müssten sie aber gehabt haben, denn eine Ehe besteht erst durch ihren Vollzug. Das Ignorieren des Problems wird durch die eindringlichen Fragen der Außenwelt immer schwieriger.

Andere Muslime und verständnisvolle Andersgläubige wollen das Problem nicht vertuschen, sondern versuchen den Hadith mit Argumenten zu retten. Ihre Argumente sind meist lässig und vage, wie zum Beispiel: „Zu der Zeit fing die Pubertät ja viel früher an,“ oder: „Aischa war bestimmt frühreif; das kommt in warmen Ländern öfters vor,“ oder: „Damals wusste niemand, wie alt er genau war.“ Das letzte Argument ist sicherlich zutreffend, aber eine Ehe mit einem viel zu jungen Mädchen fällt auch ohne Einwohnermeldeamt auf. Die ersten beiden Aussagen sind völlig spekulativ und frei von Sachverstand. Ärzte versichern mir sogar, dass die Pubertät in der Antike durch die schlechtere Ernährung erheblich später eintrat als heutzutage.

Islamische Argumente wider Aischas junges Heiratsalter
Muslime, die glauben, dass Hadithe von wahren Begebenheiten berichten, müssen sich also Mühe geben, um den speziellen Text über Aischas Heiratsalter für unglaubwürdig zu erklären. Habib-ur-Rahman Siddiqui Kandhalvi hat 1997 in seinem »Tahqiq-e ‘omr-e ‘A’isha« (englisch »Age of Aisha«, Karatschi 1998) vierundzwanzig Argumente beigebracht, die Muslimen helfen sollen, den anstößigen Hadith nicht für wahr zu halten. Manche dieser Argumente sind kompliziert, andere naiv, andere sind gar keine, aber auf jeden Fall führen sie zum Ziel. Einen Teil der komplizierten Argumente versuche ich hier zusammenzufassen. Dabei verwende ich die bei uns gängigen Jahreszahlen. 622 war die Hidschra von Mekka nach Medina, Aischa soll 614 geboren sein und 623 soll ihre Ehe vollzogen worden sein.

Argumente aus Hadithen
Eine alte islamische Manier um einen Hadith loszuwerden ist nachzuweisen, dass er schwach überliefert ist; anders gesagt, das der isnad (Überlieferkette) untauglich ist. Bei Kandhalvi lesen wir über den Aischa-Hadith, dass Hischam Ibn Urwa ein schwaches Glied in der Überlieferkette bildet. In den nahezu kanonisch gewordenen Hadithsammlungen des Bukhari und Muslim stehen aber viele Hadithe dieses Hisham; sind die denn alle untauglich? Kandhalvi zufolge, der sich auf einigen biografischen Lexika stützt, war Hisham zuverlässig, so lange er in Medina wohnte, aber als er mit 71 in den Irak umgezogen war, hat er nur noch Unsinn geredet, vielleicht weil er schon alt und verwirrt war und sein Gedächtnis nachgelassen hatte. Ein etwas wackliges Argument, wie er mir scheint.
Einem anderen Hadith zufolge, so Kandhalvi, erzählte Aischa, sie sei „ein Mädchen das spielte“ gewesen, als die Sura 54 des Korans offenbart wurde. Dies, so weiß man, geschah im Jahr 614. Wenn Aischa damals schon groß genug war, um sich die Sura zu merken und mit anderen Mädchen zu spielen, muss sie zumindest sieben Jahre alt gewesen und folglich um 608 geboren sein, was sie im Jahr 623 alt genug machte für den Ehevollzug.
„So lange ich denken konnte“ soll Aischa gesagt haben, „waren meine Eltern bereits Anhänger der Religion und der Prophet kam jeden Tag zu unserem Haus.“ Und noch andere frühislamische Ereignisse hat sie bewusst erlebt und sich an sie erinnert. Das weist ebenfalls auf ein Geburtsjahr lange vor 614 hin.

Aus der Geschichtsschreibung
So weit einige Argumente auf Grund von Hadithen. Kandhalvi führt aber auch Argumente auf Basis der profanen Geschichtsschreibung an, die für Muslime weniger religiöse Autorität besitzt, Nichtmuslimen dagegen etwas glaubwürdiger vorkommt. Eines davon lautet: Aischas Halbschwester Asmāʾ war zehn Jahre älter als sie. Asmāʾstarb hundertjährig im Jahr 695. Bei der Hidschra 622 war sie 28 Jahre alt und Aischa 18. Als Aischa ein Jahr nach der Hidschra heiratete, hätte sie also das heiratsfähige Alter mehr als erreicht gehabt. Ein weiteres Argument in diesem Stil lautet: Aischas Vater Abu Bakr hatte vier Kinder von zwei Frauen, alle geboren in vorislamischer Zeit. Diese endete mit Mohammeds Berufung zum Propheten im Jahr 610. Sogar wenn Aischa nur ein Jahr davor geboren war, wäre sie bei ihrem Ehevollzug schon alt genug gewesen. Des Weiteren wird berichtet, dass Aischa „als sie noch ganz jung war“ als eine der ersten zum Islam übertrat, noch bevor Umar sich ca. 610 bekehrte. Dazu muss sie schon etwas älter gewesen sein.

Aus dem islamischen Recht
Kandhalvi entnimmt aber auch dem islamischen Recht Argumente, obwohl sich das erst später entwickelt hat. Einmal weist er darauf hin, dass nach dem Konsens (idjmāʿ) der Rechtsgelehrten Ehen erst erlaubt sind, wenn die Pubertät erreicht ist. Auch darf eine Frau nicht ohne ihre Zustimmung verheiratet werden. Um diese zu geben, muss Aischa also volljährig gewesen sein. Und schließlich: Aischa soll bei den Schlachten von Badr (624) und Uhud (625) anwesend gewesen sein. Das Mindestalter für die Teilnahme an Schlachten war aber fünfzehn Jahre. Aischa muss also 609 oder früher geboren worden sein.

Die meisten dieser Argumente Kandhalvis dürften Nichtmuslimen kaum überzeugen. Aber das muss gläubige Muslime nicht kümmern; für viele von ihnen sind sie akzeptabel. Und es ist durchaus interessant, zu beobachten, wie es Muslimen gelingt, einen unerwünschten Hadith mit Hilfe nichtwestlicher, nichtwissenschaftlicher Argumente erfolgreich zu entkräften. So werden sie einen peinlichen Text los, während niemand sie zwingt, ihr Glaubenssystem aufzugeben.

Wenn das mit einem Thema möglich ist, müsste es auch mit anderen gehen. So könnte man endlich vollführen, was schon der ägyptische „Reformator“ Muhammad Abduh (1849–1905) tun wollte, nämlich die meisten Hadithe (und die darauf basierenden Regeln) für obsolet erklären. Polygamie, Weinverbot, Zinsverbot, die Bedeckung der Frau—mit einer etwas altmodischen, innerislamischen Philologie können sie alle abgebaut werden. So viel Arbeit ist es nicht mal. Es bliebe die Frage: Welche Hadithe sind noch unerwünscht? Für Abduh waren das alle Hadithe, die nicht unmittelbar mit Kultus und Glaubenslehre zu tun haben. Zu erwarten ist freilich, dass Muslime in unserer Zeit einige mehr behalten möchten, aus Furcht vor Identitätsverlust und vor allzu unabhängigen Frauen.

Der unerschütterliche Glauben an Aischas Entjungferung als Kind bleibt somit nur strammen Salafisten und Islamhassern vorbehalten. Die, aber nur die, wissen es genau: das Mädchen war neun!

Auch veröffenlticht in zenith, 04/2016, S. 126–7, und @@@

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Dürfen Frauen in die Moschee gehen?

🇳🇱 Jemand wies daraufhin, dass der Prophet Mohammed Frauen zwar erlaubte in die Moschee zu gehen, aber doch lieber sah, dass sie zu Hause blieben. Das untermauerte er mit dem Verweis auf nur einen Hadith (unten Nr. 7).
Ich habe geantwortet, dass es auch andere Hadithe gibt und dass man nie nur einen Hadith zitieren soll. Erst wenn man alle Hadithe zu einem gewissen Thema zusammengestellt hat, sieht man, worum es sich in den Texten handelt. Das wird aber oft ein unerreichbares Ideal bleiben, denn ein Thema wie dieses gründlich zu erforschen würde einen erfahrenen Forscher — und wo gibt es die noch?— zwei Monate kosten und andere noch viel mehr. Ich kann das jetzt nicht machen, deshalb bleibe ich an der Oberfläche. Auf die Schnelle habe ich in den wichtigsten Sammlungen, den sog. Neun Büchern, 22 Hadithe zu dieser Frage gesammelt. Es gibt ohne Zweifel viele mehr, aber diese 22 geben doch einen Eindruck—der sich wieder ändern könnte, wenn etwa Texte aus den älteren „nicht-kanonischen“ Sammlungen herangezogen würden, wie z.B. die des ‘Abd ar-Razzāq as-San‘ānī. Die Texte brauchen noch nähere Analyse; manche sind richtig raffiniert! Es wäre mal an der Zeit, dass die Hadithliteratur, die jeder angeblich so wichtig findet, gründlich analysiert wird, anstatt dass man immer wieder mit einem willkürlichen Zitat kommt. Aber wer wird dieses Studium unternehmen?

Ein Nichtmuslim muss nicht glauben, dass alle diese 22 Hadithe wirklich auf Mohammed zurückgehen. Zum Glück, denn sonst hätte der Prophet schon ganz viele Meinungen zum Thema gehabt. Was solche Texte zeigen ist, dass der Besuch der Frauen in der Moschee offensichtlich irgendwo, irgendwann ein Diskussionsthema war. Klar ist auch, dass in diesen Texten der Prophet als Befürworter dargestellt wird und dass der Widerstand vor allem vom Kalifen ‘Umar und dessen Nachkommen ausging (Hadith 4–6, 13). Das ist oft der Fall in dieser Literatur. Aber auch (Ibn) ‘Umars Widerstand ist nicht historisch belegt. „‘Umar“ steht für die Rechtsschule von Medina, die erheblich strenger war als die Schulen im Irak, woher die meisten Hadithe stammen. Siehe dazu ‘Umar und der Prophet.

Ich gehe vorläufig davon aus, dass diese Diskussion ca. 720–750 stattgefunden hat, obwohl ich das nicht beweisen kann (s. Hadithe datieren).

Der Hadith, in dem der Prophet Frauen erlaubte in die Moschee zu gehen, war offensichtlich überall fest etabliert. Gegner konnten den Text nicht wegschaffen, aber sie versuchten ihren Standpunkt durchzusetzen indem sie an den Texten herumbastelten und einschränkende Phrasen hinzufügten. Auch das passiert oft in der Welt des Hadith; ein gründliches Studium würde das ans Tageslicht bringen.

Was würde gegen die Anwesenheit von Frauen in der Moschee sprechen? Sie könnten störend oder verführend wirken oder Männer in einer unwürdigen Position sehen. Die Frauen beten ja hinter den Männern—wenn sie aufblicken haben sie die Aussicht auf eine ganze Reihe Männergesäße. Dies könnte unerwünschte Situationen mit sich bringen (Hadith 20). Deshalb sollten sie das Gebet etwas früher verlassen—oder etwas später aufblicken.

Verwandte Themen, die man dazu noch untersuchen könnte: Der abendliche Toilettengang der Frauen. Die Frau als Ablenkung vom Gebet.

In den 22 Hadithen erkenne ich die folgenden Motive:
– Der Prophet erlaubt Frauen in die Moschee zu gehen (Variante: wenn ihr Mann einverstanden ist).
– Sie dürfen, aber es ist besser, dass sie zu Hause bleiben.
– Sie  dürfen an Feiertagen, sollen sogar, nur menstruierende Frauen nicht oder nur bedingt.
– Sie dürfen, aber ohne Schmuck und vornehme Kleidung.
– Sie dürfen, aber nur abends/nachts. [Im Dunkel stören oder verführen sie ja niemand.]
– Selbstverständlich dürfen Frauen in die Moschee; sie sind einfach da.
– Frauen sind in der Moschee, aber sie sollen sich nach dem Gebet früher zurückziehen [um Begegnungen mit Männern vorzubeugen].

Hier folgen die Hadithtexte erst in Übersetzung, danach im ursprünglichen Arabisch.

Der Prophet erlaubt Frauen in die Moschee zu gehen
1. Der Prophet hat gesagt: “Verbietet Gottes Dienstmägden nicht in Gottes Moscheen zu gehen!”
2. Der Prophet hat gesagt: “Wenn eure Frauen euch um Erlaubnis bitten in die Moscheen zu gehen, gebt ihnen die!”
3. Der Prophet hat gesagt: “Wenn die Frau von einem von euch um Erlaubnis bittet [in die Moschee zu gehen], verbietet es ihr nicht!”

4. ‘Abdallāh ibn ‘Umar: Ich habe den Propheten sagen hören: “Verbietet euren Frauen nicht, in die Moschee zu gehen, wenn sie euch um Erlaubnis bitten!”
‘Abdallāh [ibn ‘Umar]s Sohn Bilāl sagte: Bei Gott, aber sicher verbieten wir ihnen das! Darauf lief sein Vater zu ihm hin und schimpfte ihn so furchtbar aus, wie ich es von ihm noch nie gehört hatte, und er sagte: Ich überliefere dir etwas vom Propheten und dann sagst du: Bei Gott, wir verbieten ihnen das!
5=13. Ibn ʿUmar: Der Prophet hat gesagt: “Verbietet den Frauen nicht nachts in die Moscheen zu gehen!”
Ein Sohn von ‘Abdallāh ibn ‘Umar sagte: Wir lassen sie nicht gehen; das würden sie zum Anlass der Verdorbenheit nehmen. Aber sein Vater rügte ihn und sagte: Ich sage: Der Prophet hat gesagt: [Verbietet ihnen nicht …!] und du sagst: Wir lassen sie nicht gehen … !
6. Eine der Frauen ‘Umars beteiligte sich am Morgengebet und am Abendgebet in der Gemeinde in der Moschee. Jemand fragte sie: Warum gehst du aus? Du weißt doch, dass ‘Umar das nicht gern hat und dass er eifersüchtig ist?
– Und was würde ihn daran hindern es mir zu verbieten?
– Was ihn daran hindert, ist der Hadith des Propheten: “Verbietet Gottes Dienstmägden nicht in Gottes Moscheen zu gehen!”

Sie dürfen in die Moschee gehen, aber zu Hause bleiben ist besser.
7. Der Prophet hat gesagt: „Verbietet euren Frauen nicht in die Moscheen zu gehen, aber zu Hause bleiben ist besser für sie.“

Sie  dürfen an Feiertagen, sollen sogar, nur menstruierende Frauen nicht.
8. Der Prophet befahl uns [an Feiertagen] heiratsfähige Mädchen, die in Absonderung leben, [in  die Moschee] gehen zu lassen. Und er befahl menstruierende Frauen von dem Gebetsplatz der Muslime fernzuhalten.
9. Uns  wurde befohlen an Feiertagen [in die Moschee] zu gehen: die Frauen, die in Absonderung gehalten werden, und die Jungfrauen. Menstruierende Frauen gehen nach den anderen Menschen und sprechen den takbīr zusammen mit den anderen Menschen.

Sie dürfen, aber nicht aufgedonnert
10. Hätte der Prophet gewusst, wie die Frauen heutzutage herumlaufen, so hätte er ihnen verboten in die Moschee zu gehen, wie dies auch den Frauen der Israeliten verboten war. (Ich fragte ‘Amra: War es denen denn verboten? Ja, sagte sie.)
11. “Verbietet Gottes Dienstmägden nicht in Gottes Moscheen zu gehen, aber lasst sie unparfümiert gehen!” Aisha sagte: Hätte der Prophet gesehen, wie sie heutzutage sind, hätte er es ihnen verboten.
12. Der Prophet saß einmal in der Moschee, als eine Frau aus Muzaina in einem Prachtgewand hereinparadierte. Da sagte der Prophet: “Menschen, verbietet euren Frauen Prachtgewänder zu tragen und damit in der Moschee zu prunken!  Denn die Israeliten wurden erst verflucht, als ihre Frauen anfingen Prachtgewänder zu tragen und damit in den Moscheen zu prunken.”

Sie dürfen abends/nachts
13=5. Der Prophet hat gesagt: “Verbietet den Frauen nicht nachts in die Moscheen zu gehen!”
Ein Sohn von ‘Abdallāh ibn ‘Umar sagte: Wir lassen sie nicht gehen; das würden sie als Anlass der Verdorbenheit nehmen. Aber sein Vater rügte ihn und sagte: Ich sage: Der Prophet hat gesagt: [Verbietet ihnen nicht …!] und du sagst: Wir lassen sie nicht gehen … !
14. Der Prophet hat gesagt: „Erlaubt den Frauen nachts in die Moscheen zu gehen.“
15. Der Prophet hat gesagt: „Wenn eure Frauen euch um Erlaubnis bitten nachts in die Moschee zu gehen, gebt ihnen die!“
16. Wenn der Prophet das Morgengebet verrichtete, gingen die Frauen weg, in ihre Wollgewänder gehüllt, unkenntlich im Dunkeln.
17. Der Prophet wartete im ersten Drittel der Nacht, als ‘Umar ihm zurief: Die Frauen und Kinder sind schlafen gegangen. Da kam der Prophet heraus und sagte: “Niemand in der Welt wartet darauf außer euch.” (Zu der Zeit wurde nur in Medina das Gebet verrichtet und man tat das im ersten Drittel der Nacht, zwischen dem Augenblick, als das Abendrot verschwand, bis zu einem Drittel der Nacht.)
18. Der Prophet verrichtete das frühe Morgengebet als es noch dunkel war; dann gingen die Frauen der Gläubigen weg, unkenntlich im Dunkeln (Variante: ohne einander zu erkennen).

Frauen sind selbstverständlich in der Moschee
19. Der Prophet hat gesagt: Wenn ich das Gebet lang machen will, aber dann das Weinen eines kleinen Kindes höre, dann leiere ich es schnell herunter, weil ich die Mutter ungern stören möchte.
20. Ich habe Männer gesehen, die sich ihr Lendentuch um den Hals geknüpft hatten wie kleine Jungen, weil ihr Lendentuch zu knapp war, und so hinter dem Propheten das Gebet verrichteten. Jemand sagte: „Frauen! Ihr sollt eure Köpfe nicht heben, bevor die Männer es tun!“

Frauen sind selbstverständlich in der Moschee, aber sie sollen früher weggehen
21. Der Prophet war gewohnt, wenn er den taslīm sprach, ein wenig zu zögern. Man war der Meinung, das geschehe um die Frauen vor den Männern weggehen zu lassen.
22. Als der Prophet den taslīm sprach, standen die Frauen auf, wenn er diesen beendete, während er noch ein wenig an seinem Platz, blieb bevor er selber aufstand. Wir meinen, aber Gott weiß es am Besten, dass das geschah, damit die Frauen weggingen, bevor die Männer sie überholen würden.
23. Zur Zeit des Propheten standen die Frauen auf, wenn sie mit dem festgelegten taslīm fertig waren, während der Prophet und diejenigen, die mit ihm das Gebet verrichteten, noch ein wenig blieben. Und wenn der Prophet aufstand, standen auch die anderen Männer auf.

TEXTE UND BELEGSTELLEN DER HADITHE

1.  حدثنا محمد بن عبد الله بن نمير حدثنا أبي وابن إدريس قالا حدثنا عبيد الله عن نافع عن ابن عمر أن رسول الله ص قال لا تمنعوا إماء الله مساجد الله. Muslim, Salāt 136
2. حدثنا عبد الله حدثني أبي ثنا ابن نمير ثنا حنظلة سمعت سالما يقول سمعت ابن عمر يقول سمعت رسول الله ص يقول: إذا استأذنكم نساؤكم الى المساجد فأذنوا لهن. Ahmad ibn Hanbal, Musnad ii, 143
3. حدثنا مسدد حدثنا يزيد بن زريع عن معمر عن الزهري عن سالم بن عبد الله عن أبيه عن النبي ص إذا استأذنت امرأة أحدكم فلا يمنعها. Bukhārī, Ādhān 166 = ± Muslim, Salāt 134
4. حدثني حرملة بن يحيى أخبرنا ابن وهب أخبرني يونس عن ابن شهاب قال أخبرني سالم بن عبد الله أن عبد الله بن عمر قال سمعت رسول الله ص يقول لا تمنعوا نساءكم المساجد إذا استأذنكم إليها قال فقال بلال بن عبد الله والله لنمنعهن قال فأقبل عليه عبد الله فسبه سبا سيئا ما سمعته سبه مثله قط وقال أخبرك عن رسول الله ص وتقول والله لنمنعهن. Muslim, Salāt 135
5. حدثنا أبو كريب حدثنا أبو معاوية عن الأعمش عن مجاهد عن ابن عمر قال قال رسول الله ص لا تمنعوا النساء من الخروج إلى المساجد بالليل فقال ابن لعبد الله بن عمر لا ندعهن يخرجن فيتخذنه دغلا قال فزبره ابن عمر وقال أقول قال رسول الله ص وتقول لا ندعهن.  Muslim, Salāt 138, = ± 139; ± Ahmad ibn Hanbal, Musnad ii, 143
6. حدثنا يوسف بن موسى حدثنا أبو أسامة حدثنا عبيد الله بن عمر عن نافع عن ابن عمر قال كانت امرأة لعمر تشهد صلاة الصبح والعشاء في الجماعة في المسجد فقيل لها لم تخرجين وقد تعلمين أن عمر يكره ذلك ويغار قالت وما يمنعه أن ينهاني قال يمنعه قول رسول الله ص لا تمنعوا إماء الله مساجد الله. Bukhārī, Djum‘a 13 
7.  حدثنا عثمان بن أبي شيبة حدثنا يزيد بن هارون أخبرنا العوام بن حوشب حدثني حبيب بن أبي ثابت عن ابن عمر قال: قال رسول الله ص لا تمنعوا نساءكم المساجد وبيوتهن خير لهن. Abū Dāwūd, Salāt 52
8.  حدثني إبو الربيع الزهراني حدثنا حماد حدثنا أيوب عن محمد عن أم عطية قالت: أُمرنا (تعني النبي ص) أن نخرج في العيدين العواتق وذوات الخدور وإمرالحيض أن يعتزلن مصلى المسلمين. , Muslim, ‘Īdain 10
9. حدثنا يحيى بن يحيى أخبرنا أبو خيثمة عن عاصم الأحول عن حفصة بنت سيرين عن أم عطية قالت كنا نؤمر بالخروج في العيدين والمخبأة والبكر قالت الحيض يخرجن فيكن خلف الناس يكبرن مع الناس. Muslim, ‘Īdayn 11
10.  حدثنا عبد الله بن يوسف قال أخبرنا مالك عن يحيى بن سعيد عن عمرة عن عائشة ر قالت لو أدرك رسول الله ص ما أحدث النساء لمنعهن كما منعت نساء بني إسرائيل قلت لعمرة أومنعن قالت نعم. Bukhārī, Ādhān 163d = Muslim, Salāt 144
11. حدثنا عبد الله حدثني أبي ثنا الحكم ثنا عبد الرحمن بن أبي الرجال فقال أبي يذكره عن أمه عن عائشة عن النبي ص قال: لا تمنعوا إماء الله مساجد الله وليخرجن تفلات. قالت: عائشة: ولو رأى حالهن اليوم منعهن.  Ahmad ibn Hanbal, Musnad vi, 69–70
12. حدثنا أبو بكر بن أبي شيبة وعلي بن محمد قالا حدثنا عبيد الله بن موسى عن موسى بن عبيدة عن داود بن مدرك عن عروة بن الزبير عن عائشة قالت بينما رسول الله ص جالس في المسجد إذ دخلت امرأة من مزينة ترفل في زينة لها في المسجد فقال النبي ص يا أيها الناس انهوا نساءكم عن لبس الزينة والتبختر في المسجد فإن بني إسرائيل لم يلعنوا حتى لبس نساؤهم الزينة وتبخترن في المساجد. Ibn Mādja, Fitan 19
13. حدثنا أبو كريب حدثنا أبو معاوية عن الأعمش عن مجاهد عن ابن عمر قال قال رسول الله ص لا تمنعوا النساء من الخروج إلى المساجد بالليل فقال ابن لعبد الله بن عمر لا ندعهن يخرجن فيتخذنه دغلا قال فزبره ابن عمر وقال أقول قال رسول الله ص وتقول لا ندعهن. Muslim, Salāt 138, ± 139; = ± Ahmad ibn Hanbal, Musnad ii, 143
14. حدثنا عبد الله بن محمد حدثنا شبابة حدثنا ورقاء عن عمرو بن دينار عن مجاهد عن ابن عمر عن النبي ص قال ائذنوا للنساء بالليل إلى المساجد. Bukhārī, Djum‘a 13
15.  حدثنا عبيد الله بن موسى عن حنظلة عن سالم بن عبد الله عن ابن عمر ر عن النبي ص قال إذا استأذنكم نساؤكم بالليل إلى المسجد فأذنوا لهن. Bukhārī, Ādhān 162b, Muslim, Ṣalāt 137
16. حدثنا عبد الله بن مسلمة عن مالك ح وحدثنا عبد الله بن يوسف قال أخبرنا مالك عن يحيى بن سعيد عن عمرة بنت عبد الرحمن عن عائشة قالت: إن كان رسول الله ص ليصلي الصبح فينصرف النساء متلفعات بمروطهن ما يعرفن من الغلس. Bukhārī, Ādhān 163b
17.  حدثنا أبو اليمان قال أخبرنا شعيب عن الزهري قال أخبرني عروة بن الزبير عن عائشة رضي الله عنها قالت أعتم رسول الله ص بالعتمة حتى ناداه عمر نام النساء والصبيان فخرج النبي صلى الله عليه وسلم فقال ما ينتظرها أحد غيركم من أهل الأرض ولا يصلى يومئذ إلا بالمدينة وكانوا يصلون العتمة فيما بين أن يغيب الشفق إلى ثلث الليل الأول. Bukhārī, Ādhān 162a
18.  حدثنا يحيى بن موسى حدثنا سعيد بن منصور حدثنا فليح عن عبد الرحمن بن القاسم عن أبيه عن عائشة ر أن رسول الله ص كان يصلي الصبح بغلس فينصرفن نساء المؤمنين لا يعرفن من الغلس أو لا يعرف بعضهن بعضا. Bukhārī, Ādhān 165
19. حدثنا محمد بن مسكين قال حدثنا بشر بن بكر أخبرنا الأوزاعي حدثني يحيى بن أبي كثير عن عبد الله بن أبي قتادة الأنصاري عن أبيه قال قال رسول الله ص إني لأقوم إلى الصلاة وأنا أريد أن أطول فيها فأسمع بكاء الصبي فأتجوز في صلاتي كراهية أن أشق على أمه. Bukhārī, Ādhān 163c
20. حدثنا أبو بكر بن أبي شيبة حدثنا وكيع عن سفيان عن أبي حازم عن سهل بن سعد قال لقد رأيت الرجال عاقدي أزرهم في أعناقهم مثل الصبيان من ضيق الأزر خلف النبي ص فقال قائل يا معشر النساء لا ترفعن رءوسكن حتى يرفع الرجال. Muslim, Salāt 133
21.  حدثنا محمد بن يحيى ومحمد بن رافع قالا حدثنا عبد الرزاق أخبرنا معمر عن الزهري عن هند بنت الحارث عن أم سلمة قالت كان رسول الله ص إذا سلم مكث قليلا وكانوا يرون أن ذلك كيما ينفذ النساء قبل الرجال. Abū Dāwūd, Salāt 196
22.  حدثنا يحيى بن قزعة قال حدثنا إبراهيم بن سعد عن الزهري عن هند بنت الحارث عن أم سلمة ر قالت كان رسول الله ص إذا سلم قام النساء حين يقضي تسليمه ويمكث هو في مقامه يسيرا قبل أن يقوم قال نرى والله أعلم أن ذلك كان لكي ينصرف النساء قبل أن يدركهن أحد من الرجال. Bukhārī, Ādhān 164a, 166b
23. حدثنا عبد الله بن محمد حدثنا عثمان بن عمر أخبرنا يونس عن الزهري قال حدثتني هند بنت الحارث أن أم سلمة زوج النبي ص أخبرتها أن النساء في عهد رسول الله ص كن إذا سلمن من المكتوبة قمن وثبت رسول الله ص ومن صلى من الرجال ما شاء الله فإذا قام رسول الله ص قام الرجال. Bukhārī, Ādhān 163a

Diakritische Zeichen: aṣ-Ṣanʿānī, ṣalāt, Aḥmad ibn Ḥanbal, al-Buḫārī, Āḏān, Ǧumʿa, Ibn Māǧa

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Sonnenfinsternis

Einige Hadithe zur Sonnenfinsternis:

  • […] von al-Mughīra ibn Shu‘ba: Als der Prophet noch lebte, verfinsterte sich die Sonne an dem Tag, als sein kleiner Sohn Ibrāhīm verstarb. Die Leute sagten:„Die Sonne hat sich verfinstert, weil Ibrāhīm gestorben ist.“ Der Prophet aber sagte: „Sonne und Mond verfinstern sich nicht, weil jemand gestorben ist oder noch lebt. Wenn ihr eine [Sonnen- oder Mond]finsternis sieht, verrichtet dann das Gebet und ruft Gott an!“
  • […] von ʿAbdallāh ibn ‘Amr: Als sich einmal zu Lebzeiten des Propheten die Sonne verfinsterte, wurde zum gemeinsamen Gebet gerufen.2
  • […] von Djābir ibn ‘Abadallāh: Zu Lebzeiten des Propheten gab es einmal eine Sonnenfinsternis an einem sehr warmen Tag. Der Prophet stimmte ein Gebet an und blieb so lange stehen, dass seine Gefährten umfielen. Dann verrichtete er zwei Verbeugungen und hielt diese lange an; auch seinen Kopf hielt er lange erhoben. Daraufhin warf er sich zweimal zu Boden; dann stand er auf un tat noch mal dasselbe. Er verbeugte sich viermal und warf sich viermal zu Boden. Danach sagte er: „Alle Orte, wohin ihr kommen werdet, sind mir gezeigt worden. Das Paradies wurde mir gezeigt, bis ich so nahe daran war, dass ich eine Traube hätte pflücken können.“ (oder er sagte:„ich langte nach eine Traube, aber konnte sie gerade noch nicht erreichen.“) „Auch die Hölle wurde mir gezeigt und dort sah ich eine Frau von den Israeliten, die wegen einer Katze gefoltert wurde, die sie festgebunden und nicht gefüttert hatte und die sie auch nicht ihre eigene Nahrung unter den Feldtieren hatte suchen lassen. Und ich sah wie Abū Thumāma ‘Amr ibn Mālik seine Eingeweide in der Hölle fortschleppte.“
    Man meinte damals, dass die Sonne und der Mond sich nur wegen des Todes eines wichtigen Mannes verfinsterten. Es sind aber zwei von Gottes Zeichen, die Er euch zeigt. Wenn sie sich verfinstern, verrichtet das Gebet, bis sie wieder sichtbar sind.3

Diese Hadithe rechnen ab mit dem offenbar früher existierenden Glauben, dass eine Sonnenfinsternis mit dem Tod einer wichtigen Person zu tun hätte.4 Als Beispiel hat man das Sterben Ibrāhīms, des (fiktiven) Sohns des Propheten, verwendet.5 Aus islamischer Sicht hat Gott den Lauf der Himmelskörper fest in Händen; deshalb ist eine Sonnenfinsternis nichts Wichtiges oder Beunruhigendes. Andererseits soll freilich die ganze Zeit über gebetet werden. Aber die Texte sagen gerade noch nicht, dass die Sonnenfinsternis wegen der Gebete aufhört. Es betrifft im Prinzip die normalen, alltäglichen rituellen Gebete (salāt). Man kann dieses Beten interpretieren wie man will. Es ist eine Anerkennung der Herrschaft Gottes über die Himmelskörper. Es lenkt von etwaiger Angst oder von Aberglauben ab. Es beugt eventuellen Augenschäden vor, weil man nicht so lange in die Sonne starrt. Im ersten zitierten Hadith ist aber durchaus auch die Rede von Bittgebeten (du‘ā’).

ANMERKUNGEN
1. Bukhārī, Kusūf 1:

حدثنا عبد الله بن محمد قال حدثنا هاشم بن القاسم قال حدثنا شيبان أبو معاوية عن زياد بن علاقة عن المغيرة بن شعبة قال: كسفت الشمس على عهد رسول الله ص يوم مات إبراهيم فقال الناس كسفت الشمس لموت إبراهيم فقال رسول الله ص إن الشمس والقمر لا ينكسفان لموت أحد ولا لحياته فإذا رأيتم فصلوا وادعوا الله.

2. Bukhārī, Kusūf 3:

حدثنا إسحاق قال أخبرنا يحيى بن صالح قال حدثنا معاوية بن سلام بن أبي سلام الحبشي الدمشقي قال حدثنا يحيى بن أبي كثير قال أخبرني أبو سلمة بن عبد الرحمن بن عوف الزهري عن عبد الله بن عمرو ر قال: لما كسفت الشمس على عهد رسول الله ص نودي إن الصلاة جامعة.

3. Muslim, Kusūf 9:

وحدثني يعقوب بن إبراهيم الدورقي حدثنا إسمعيل ابن علية عن هشام الدستوائي قال حدثنا أبو الزبير عن جابر بن عبد الله قال: كسفت الشمس على عهد رسول الله ص في يوم شديد الحر فصلى رسول الله ص بأصحابه فأطال القيام حتى جعلوا يخرون ثم ركع فأطال ثم رفع فأطال ثم ركع ثم رفع فأطال ثم سجد سجدتين ثم قام فصنع نحوا من ذاك فكانت أربع ركعات وأربع سجدات ثم قال إنه عرض علي كل شيء تولجونه فعرضت علي الجنة حتى لو تناولت منها قطفا أخذته أو قال تناولت منها قطفا فقصرت يدي عنه وعرضت علي النار فرأيت فيها امرأة من بني إسرائيل تعذب في هرة لها ربطتها فلم تطعمها ولم تدعها تأكل من خشاش الأرض ورأيت أبا ثمامة عمرو بن مالك يجر قصبه في النار وإنهم كانوا يقولون إن الشمس والقمر لا يخسفان إلا لموت عظيم وإنهما آيتان من آيات الله يريكموهما فإذا خسفا فصلوا حتى تنجلي.

4. Vom alten Glauben, dass bei der Geburt einer wichtigen Person ein besonderer Stern erstrahlt (z.B. bei Jesus: Bibel, Matthäus 2:2) ist in der sīra schon einiges hängen geblieben: zu Mohammed z.B. Ibn Isḥāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, uitg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 102, حدثني من شئت من رجال قومي عن حسان بن ثابت ، قال : والله إني لغلام يفعة ، ابن سبع سنين أو ثمان ، أعقل كل ما سمعت ، إذ سمعت يهوديا يصرخ بأعلى صوته على أطمة بيثرب : يا معشر يهود ، حتى إذا اجتمعوا إليه ، قالوا له : ويلك ما لك ؟ قال : طلع الليلة نجم أحمد الذي ولد به.; meine Übersetzung: […] dass Ḥassān ibn Thābit gesagt hat: Ich war schon ein großer Junge, sieben oder acht Jahre alt, der alles verstand, was er hörte. Ich hörte, wie ein Jude von oben auf einer Festung in Yahtrib rief, so laut wie er konnte: „Alle Juden hierher!“ Sie versammelten sich um ihm und riefen: „Hey, was ist los?“ Er antwortete: „Heute Nacht ist der Stern aufgegangen, unter dem Aḥmad geboren ist.“
5. Über ihn habe ich hier einen separaten Beitrag geschrieben.

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Hadithe datieren

For the happy few 1

Die Mehrzahl der nichtislamischen Gelehrten geht davon aus, dass wenige oder gar keine Hadithe wirklich auf den Propheten Mohammed zurückgehen. Aber wenn das so ist, von wann datieren sie dann? Als Leser von Hadithen habe ich das Gefühl, dass sie in der Mehrzahl zwischen  700 und 750 entstanden sind und dass bis ca. 900 noch viele hinzukamen.
Die ahl al-djamā‘a was-sunna begannen nämlich nach ca. 715 die verhasste Sunna der Umayyadenkalifen durch die des Propheten zu ersetzen. Und um ein konkretes Beispiel zu nennen: Könnten die Texte zum Bilderverbot nicht entstanden sein, als man 695 in Konstantinopel einen Christuskopf auf die Münzen gesetzt hatte und der Umayyadenkalif ‘Abd al-Malik demzufolge fortan auf jede Abbildung eines Kopfes verzichtete? Oder als die seit langem schwelende Debatte über die Ikonen in der griechischen Kirche in den Jahren nach 730 zum Ausbruch kam, während der Kirchenvater Johannes von Damaskus mitten im Umayyadenreich seine Abhandlung für die Ikonen schrieb?
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Ein „Gefühl“ reicht für die Wissenschaft natürlich nicht aus. Für jeden Hadith sollte es idealerweise eine harte Datierung geben. Aber datieren auf Grundlage der Inhalte gelingt nicht. Deshalb hat man versucht über die Analyse der Überliefererketten (Isnade) mit Hilfe der sog. common link-Theorie oder besser gesagt: der common link-Methode zu datieren. Diese wurde zum ersten Mal 1950 von Joseph Schacht vorgestellt, 1983 von Gauthier Juynboll ausgearbeitet und später unter dem hässlichen Namen Isnad-cum-matn-Analyse von Harald Motzki und seiner Schule fortentwickelt.
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Um diese Methode anzuwenden braucht man einen Hadith, der wenigstens fünfmal, aber besser zehn- oder zwanzigmal in den Hadithsammlungen und eventuellen anderen Quellen vorkommt.
Es muss immer derselbe Text sein, das heißt: ein Großteil des Wortlauts muss übereinstimmen.2 Offensichtlich beabsichtigte Textänderungen, Extra-Phrasen oder gar eingeschmuggelte Verneinungen sollen genau beachtet werden. Diese bieten nämlich einen Einblick in die Entwicklung des Hadiths. Mit etwas Glück laufen sie parallel mit einer Entwicklung im Isnad, so dass wir vielleicht erfahren, wer für welche Variante verantwortlich war.
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Viele Hadithe erfüllen die Basisvoraussetzung nicht. Aber sobald wir einen gefunden haben, schreiben wir alle Isnade auf ein großes Blatt Papier (Erfahrene können es abkürzen.) Der Prophet steht immer unten auf der Seite, darüber steht der Prophetengefährte (sāhib), der den Hadith von ihm überliefert haben soll; darüber jemand aus der nächsten Generation (tābi‘) und so weiter. Es werden jeweils fünf bis sieben Namen zusammenkommen; ganz oben stehen meist die Autoren der Hadithsammlungen: Muslim, Bukhārī, Ahmad ibn Hanbal u.ä. So werden zwei oder drei Jahrhunderte (angeblicher) mündlicher Überlieferung abgedeckt. Jetzt stehen fünf oder zehn oder noch mehr Namenreihen nebeneinander. Den Namen des Propheten, ganz unten, haben sie alle gemeinsam.
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Die nächste Aufgabe ist festzustellen, wer alle diese Überlieferer waren. Man kann sie in einem biographischen Lexikon nachschlagen, zum Beispiel in Tahdhīb at-tahdhīb von Ibn Hadjar al-‘Asqalānī (1372–1449) und ihnen eine Identität geben, z. B. indem man die „Personennummer“ aus Ibn Hadjars Lexikon zu ihren Namen schreibt. Oft ist die Identifizierung ein kleines Puzzle, manchmal sogar ein großes, weil die Isnade nur Teile des Eigennamens erwähnen. „‘Abd ar-Rahman hat überliefert …“ — ja, welcher denn? Bei der Identifizierung kann man z.B. feststellen, dass Ibn Shihāb in dem einen Isnad identisch ist mit az-Zuhrī in einem anderen, Abū Fulān mit Hasan ibn Muhammad usw.

  • Beim Nachschlagen der Personen können wir zugleich ihre Herkunft kurz festhalten. Die ältesten Glieder der Kette, der Prophet und der Gefährte, stammen natürlich aus Arabien. Aber wenn der Gefährte z.B. nach Basra gezogen ist und die späteren Überlieferer auch alle dort heimisch waren, dann ist klar, dass der Hadith in Basra in Umlauf gebracht worden ist.

Beim Vergleich der Kolumnen stellt sich vielleicht heraus, dass sie außer dem Propheten kaum Namen gemeinsam haben. Das ist Pech: so ein Hadith ist für die common link-Methode unbrauchbar. Bei Ahmad ibn Hanbal (780–855) kommt das vor; Ahmad hat nämlich oft fiktive Isnade angeführt. Wenn wir aber Glück haben, sehen alle Listen an der Unterseite ähnlich aus, zum Beispiel so:

Hishām ibn ‘Urwa (± 667–± 772)
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‘Urwa ibn az-Zubair (± 643–712)
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Aischa (gest. 678)
|
Der Prophet

Und wenn dann die Namen der Personen über Hishām unterschiedlich sind und die Isnade also „ausfächern“, dann ist Hishām der sog. common link, das gemeinsame Glied: der älteste Überlieferer, den alle Versionen noch gemeinsam haben. Dieser common link wird derjenige sein, der den betreffende Hadith in Umlauf gebracht bzw. kreiert hat und eventuell die ältesten Glieder der Kette hinzuerfunden hat. (Joseph Schacht: „Isnāds tend to grow backward.“)
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Alle Isnade, die wir nebeneinander ausgeschrieben hatten, können wir auch in einem „Baum“ unterbringen, wobei die Äste manchmal gehörig durcheinander laufen:

BoompjeIsnadNun kann es vorkommen, dass es mit dem common link doch nicht so schön klappt. Wann und warum das so ist, wird zu kompliziert für diese Seite; siehe dazu die Ausführungen von → Juynboll und →Motzki. Lieber weise ich hier noch kurz  auf die Existenz des partial common link hin. Das ist, wenn wir beim Baum bleiben, ein Überlieferer, der irgendwo halbwegs oder oben im Baum sitzt (wie Mālik und Hammād ibn Zaid auf dem Bild) und von dem selbst auch wieder Überlieferer ausfächern. Es kann sein, dass alle, die von solch einer Person überliefert haben, in ihrer Textversion eine gewisse Variante oder einen Zusatz gemeinsam haben; die hat dann der partial common link in die Welt gesetzt.
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Juynboll und Motzki sind sich über Datierungen heftig in die Haare geraten (→Juynboll 1993, Motzki 1996). In großen Zügen datiert Motzki oft eine oder zwei Generationen früher als Juynboll. Dass so etwas überhaupt möglich ist, vergrößert das Vertrauen in die Methode natürlich nicht.
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Die Fachwelt (vielleicht 50 Personen weltweit?) reagierte spät und konservativ auf die common link-Theorie. Schachts Buch wurde erst dreißig Jahre nach seinem Erscheinen gehörig rezipiert; die Autoritäten schüttelten den Kopf und fanden es Unsinn. In den Achtzigern wurde heftig über die Datierung von Hadithen diskutiert. Es war ein Thema für junge, progressive Gelehrte. Später wurde die Methode aber auch von denjenigen angewendet, die anfangs dagegen waren, und jetzt ist sie ganz salonfähig geworden — wenigstens in dem kleinen Kreis, der durch Alter, Tod und bröckelnde Gelehrsamkeit noch beträchtlich kleiner geworden ist.
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Wie auch immer, die Methode ist nur auf eine beschränkte Anzahl Hadithe anwendbar. Es müssen ja verschiedene Isnade miteinander verglichen werden und wenn es die nicht ausreichend gibt, gelingt es eben nicht. Selbst habe ich mal über das Zahnholz des Propheten gearbeitet, ein Komplex von ca. achtzig Hadithen. Darunter waren nur vier geeignet um die common link-Methode darauf anzuwenden. Das habe ich gemacht — leider mit einem Fehler darin— und danach war ich auch nicht viel klüger. Hilfreicher war der Vergleich der Hadithsammlung des ‘Abd ar-Razzāq as-San‘ānī (744–827) mit den „kanonischen“ Sammlungen, die ein halbes Jahrhundert jünger sind. So bekam ich einen schönen Einblick in das, was die Muslime anfangs beschäftigt hatte—der Gebrauch des Zahnholzes beim Fasten—und in das, was später dann wichtig war. Auch wurde ersichtlich, wie ein Streitpunkt, der nicht mehr aktuell ist, noch sehr lange Aufmerksamkeit bekommen kann, einfach weil es die alten Texte nun mal gibt. Eine Datierung von Hadithen untereinander schien möglich. Die bleibt aber immer heikel, denn sie ist abermals das Ergebnis eines unwissenschaftlichen „Gefühls“. Ich vermute aber, dass mehr Klarheit entstehen würde, wenn man zehn oder zwanzig solche Hadithkomplexe behandeln würde, so dass man die ganze Welt des Hadiths quasi in Stereo sehen könnte. Jedoch das wird nicht geschehen. Personalmangel, veränderte Zeiten, booko harām: das Interesse am Thema Hadith ist verlorengegangen.

ANMERKUNGEN
1. Wer die Begriffe Hadith und Isnad nicht kennt, sei hingewiesen auf die Hadith – Startseite und die dort erwähnte weiterführende Lektüre.
2. Hundert Prozent ist nicht nötig. Alte Texte wurden ja von Hand abgeschrieben, was immer zu der Entstehung von Textvarianten führt.

BIBLIOGRAFIE
– Joseph Schacht, The origins of Muhammadan Jursiprudence, Oxford 1950.
– G.H.A. Juynboll, Muslim Tradition, Studies in chronology, provenance and authorship of early ḥadīth, Cambridge 1983.
– G.H.A. Juynboll, ‘Some Isnād-Analytical Methods Illustrated on the Basis of Several Women-Demeaning Sayings from Ḥadīth Literature,’ Al-Qanṭara 10 (1989), 345–84. [Juynboll hat etliche Veröffentlichungen zur Common link-Methode; diese ist eine der verständlichsten.]
– G.H.A. Juynboll, ‘Nāfiʿ the Mawlā of Ibn ʿUmar, and his Position in Muslim Ḥadīth Literature,’ Der Islam 70 (1993), 207–244.
– G.H.A. Juynboll, Encyclopedia of Canonical Ḥadīth, Leiden/Boston 2007.
– Harald Motzki, “Quo vadis Ḥadīṯ-Forschung? Eine kritische Untersuchung von G.H.A. Juynboll, ‘Nāfiʿ the mawlā of Ibn ʿUmar, and his position in Muslim ḥadīth literature’,” Der Islam 73 (1996), 40–80, 193–231.
– Harald Motzki, ‘Dating Muslim Traditions: a Survey,’ Arabica 52 (2005), 204–253.
– Harald Motzki et al., Analysing Muslim Traditions. Studies in Legal, Exegetical and Maghāzī Ḥadīth, Leiden 2013.
– Wim Raven, ‘The Chewstick of the Prophet in Sīra and ḥadīth,’ in: Islamic Thought in the Middle Ages. Studies in Text, Transmission and Translation, in Honour of Hans Daiber, Edited by Anna Akasoy and Wim Raven, Leiden/Boston 2008, 593–611. Hier online.

Diakritische Zeichen: ahl al-ǧamāʿa, ṣāḥib, tābiʿ, Buḫārī, Aḥmad ibn Tahḏīb at-tahḏīb, Ibn Ḥadjar, ‘Abd ar-Raḥman, Ibn Šihāb, Ḥasan ibn Muḥammad, Hišām ibn ‘Urwa, ʿĀʾiša, Ḥammād, aṣ-Ṣanʿānī, ḥarām

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Hadiththeorie und –kritik, islamisch

(Dies ist eine Skizze.1 Etwas mit mehr Gehalt ist in Planung.)

Erst einmal die islamische Sichtweise auf die Entstehung der Hadithe. Nach dem Tod des Propheten Mohammed gab es ein fortwährendes Interesse an seinen Aussagen und Handlungen. Man redete über ihn; dieses Reden heißt hadīth. Dasselbe Wort wird verwendet für eine bestimmte Textart: Eine mit Überliefererkette versehene Aussage des Propheten oder ein Bericht über dessen Handeln; siehe weiter hier.
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Nach einer Generation kamen manchmal Zweifel auf, ob solch ein Hadith tatsächlich vom Propheten stamme. Aber wenn jemand ihn aus dem Mund eines zuverlässigen Prophetengefährten gehört hatte, konnte man sicher sein, dass die Überlieferung in Ordnung war. Eine Generation später musste man sagen: „Ich habe von XY gehört, der es von Aischa gehört hatte, dass der Prophet …” und so ging es weiter. So wurde die Überliefererkette, der isnād, geboren. Als die Hadithe im 9. Jahrhundert einmal in maßgebenden Werken niedergelegt waren, verzichtete man darauf, den Ketten noch neue Glieder hinzuzufügen. Diese wären sonst ja zu lang geworden.
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Im Fortschreiten der Zeit vermehrten sich die Möglichkeiten mit den Isnaden und den Inhalten der Hadithe zu mogeln. Das wird nicht immer böse gemeint gewesen sein. Wir sagen doch alle manchmal: „Ich habe von XY gehört …,“ während wir ehrlich gesagt nur mit dessen Mitarbeiter oder Sekretärin gesprochen haben. 
Wie auch immer, im achten Jahrhundert entwickelte sich eine Isnadkritik. Man erforschte, wer die späteren Überlieferer waren und welche Qualifikationen sie hatten. Sie bekamen Prädikate: zuverlässig, glaubwürdig, schwach u.v.a.m. Auch prüfte man , ob Überlieferer X und Überlieferer Y einander überhaupt gekannt haben konnten: War Y nicht schon längst gestorben oder hatte er nicht in einer ganz anderen Stadt gewohnt? War er ein anständiger Mensch gewesen? Eine kritische biografische Literatur wuchs heran, deren Regale noch heute eine ganze Wand füllen. Das ist die sogenannte Männerkunde (‘ilm al-ridjāl). Denn Frauen, die überlieferten, gab es nicht, außer in den frühesten Generationen die Frauen des Propheten, die natürlich alle Einzelheiten seines häuslichen Lebens kannten.
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Auch die einzelnen Hadithe wurden nach der Qualität ihres Isnads klassifiziert. Sie bekamen Prädikate, wie zum Beispiel:

sahīh : ganz korrekt.
• 
mursal: der älteste Überlieferer, der Prophetengefährte fehlt in der Kette.
da‘īf: schwach; usw.

Sachverständige Hadithkritiker waren selbstverständlich die Verfasser der Sammlungen im neunten Jahrhundert. Al-Bukhārī (810–870) und Muslim ibn al-Hadjdjādj (± 821–875) nannten ihr ganzes Werk Sahīh, weil sie nur Hadithe mit einem korrekten Isnad aufnehmen wollten. Muslim hat eine Einführung zu seiner Sammlung geschrieben, in der er seine Prinzipien darlegt. At-Tirmidhī (825–892) erwähnt oft unter einem Hadith, ob der korrekt, schwach oder noch etwas anderes ist. Siehe zu diesen Sammlern Hadithsammlungen.

Die Männerkunde hat noch Jahrhunderte lang geblüht und erreichte in der Mamlukenperiode sogar neue Höhepunkte in den Werken von Experten wie al-Mizzī (1256–1341) und Ibn Hadjar al-‘Asqalānī (1372–1449).
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Nach meinem Eindruck flaute in den Jahrhunderten danach das Interesse an Isnads ab. Aber mein Eindruck ist nicht viel wert; wie fast alle Arabisten weiß ich wenig von der Periode von 1500–1800.
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Im späten zwanzigsten Jahrhundert kam mit der neuen Frömmigkeit auch das Interesse an korrekten Isnads wieder auf und man knüpfte bei den alten Werken an. Im Nahen Osten wurden und werden viele unbekannte Hadithsammlungen (wieder)entdeckt und herausgegeben. Des Weiteren wird abermals von jedem einzelnen Hadith kontrolliert, wie „korrekt“ er ist und ob er in den Sechs Büchern oder in anderen gut angesehenen Sammelwerken auch vorkommt. Dank solchen Fußnoten sehen diese Bücher wissenschaftlich aus; das sind sie aber nicht. Ihr Zweck ist religiös, nämlich den Wert der jeweiligen Texte für Scharia und Glauben festzustellen. Überdies ist auch die jahrhundertealte islamische Hadithwissenschaft ein bisschen heilig geworden, so dass man sich nicht traut damit noch mal ganz aufs Neue anzufangen.

ANMERKUNG
1. Diese „Skizzen“ sind das Gerüst, auf dem sich vielleicht auf Dauer ein Artikel zum Hadithstudium entwickeln wird.

Diakritische Zeichen: ḥadīṯ, Ǧābir, ṣaḥīḥ, ḍaʿīf, riǧāl, al-Buḫārī, al-Ḥaǧǧāǧ, at-Tirmiḏī, Ibn Ḥaǧar

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