Der Tod des Propheten

Wenn eine geliebte oder verehrte Person stirbt, ist die erste Reaktion oft eine des Unglaubens: Nein, es ist nicht wahr! Einen solchen Unglauben an den Tod des Propheten Mohammed, der nach einer unbekannten Krankheit verstorben war, hat ein siraErzähler ‘Umar in den Mund gelegt. Abū Bakr soll ihn korrigiert haben:

  • Az-Zuhrī überlieferte mir von Sa‘īd ibn Musayyab den folgenden Bericht des Abū Huraira:
    Nachdem der Prophet verstorben war, erhob sich ʿUmar und sprach zu den Muslimen:
    „Einige Heuchler werden behaupten, der Prophet sei gestorben. Nein! Der Gesandte Gottes ist nicht gestorben, sondern er ist zu seinem Herrn gegangen, so wie Moses, der vierzig Nächte von seinem Volk fernblieb und dann zu ihm zurückkehrte, nachdem behauptet worden war, er wäre gestorben. Bei Gott, der Prophet wird zurückkehren, wie Moses zurückgekehrt ist, und wird denjenigen Hände und Füße abschlagen, die behauptet haben, er wäre gestorben.“
    Als Abū Bakr davon hörte, begab er sich zum Tor der Moschee, während ‘Umar zu den Leuten sprach. Er achtete auf nichts, sondern ging in das Zimmer der ʿĀʾiša, in dem der Prophet mit einem Mantel aus jemenitischem Stoff bedeckt lag. Er trat hinzu, deckte das Gesicht des Propheten auf, küsste es und sprach:
    „Du, der du mir teurer bist als Vater und Mutter, hast den Tod gekostet, den Gott dir beschieden hat, und ein zweiter Tod wird dich nicht mehr treffen.“
    Er legte ihm den Mantel wieder über das Gesicht, trat hinaus, wo ‘Umar zu den Menschen sprach, und forderte ihn auf zu schweigen. Dieser weigerte sich aber und redete weiter. Da wandte Abū Bakr sich selbst an die Gläubigen, und als sie seine Worte vernahmen, ließen sie ʿUmar stehen und kamen zu ihm. Abū Bakr lobte und pries Gott und sprach:
    „O ihr Menschen! Wenn jemand Muḥammad anbetet, Muḥammad ist tot! Wenn jemand Gott anbetet, Gott lebt und wird nie sterben.“ Dann trug er den Koranvers vor: „Muḥammad ist nur ein Gesandter. Vor ihm hat es schon Gesandte gegeben. Werdet ihr euch dann zurückwenden, wenn er stirbt oder getötet wird? Wer sich zurückwendet, wird Gott keinen Schaden zufügen. Aber Gott wird es denen vergelten, die dankbar sind.“ [K. 3:44]
    Bei Gott, es war, als hätten die Muslime nichts von der Offenbarung dieses Verses gewusst, bevor ihn Abū Bakr damals vortrug. Sie übernahmen ihn und führten ihn ständig im Munde. ʿUmar aber erzählte später:
    „Bei Gott, kaum hatte ich Abū Bakr den Vers vortragen hören, war ich so erschüttert, dass mich meine Füße nicht mehr trugen und ich zu Boden stürzte: Ich wusste jetzt, der Prophet war wirklich gestorben!“ 1

Der zitierte Koranvers treibt zur Nüchternheit: Das Leben geht weiter. Mohammed war ja „nur“ ein Gesandter; ein normaler Mensch und deshalb sterblich. Auch an anderen Stellen ist der Koran dazu eindeutig. Deshalb hatten die Erzähler nicht die Möglichkeit ihn weiterleben zu lassen oder seinen Aufenthalt auf Erden so enden zu lassen wie bei früheren Propheten. Von Henoch (Idrīs) erzählt die Bibel, dass „Gott ihn hinwegnahm“ (1. Mose 5:24); Elia (Ilyās) „fuhr im Wetter gen Himmel” (2 Könige 2:11) und auch Jesus „fuhr gen Himmel“ (Apostelgeschichte 1:9–11). Ein Erzähler fand eine Alternative: Mohammed sei vor die Wahl gestellt worden: sterben oder länger leben, und er habe den Tod gewählt. So sollte sein Dahinscheiden für seine Anhänger erträglicher werden:

  • […] von ‘Abdallāh ibn ‘Amr habe ich erfahren, dass der Freigelassene des Propheten Abū Muwaihiba Folgendes erzählt habe: Mitten in der Nacht ließ der Prophet mich zu sich kommen und sagte:
    „Mir wurde befohlen, für die Tote auf dem Baqī‘-Friedhof um Vergebung zu beten. So komme mit mir!”
    Ich ging mit ihm und als er mitten zwischen den Gräbern stand, sprach er:
    „Friede sei über euch, o ihr Volk der Gräber! Freut euch, dass ihr nicht mehr seid, wo die Lebenden sind! Wie Fetzen der finsteren Nacht nahen die Versuchungen, eine nach der anderen, die letzte schlimmer als die erste.“ Und zu mir gewandt fuhr er fort: „Mir wurden die Schlüssel zu den Schätzen dieser Welt und der Aufstieg ins Paradies nach einem langen Leben hier angeboten, und ich wurde vor die Wahl gestellt, mich dafür oder für die Begegnung mit meinem Herrn und den Eintritt ins Paradies schon jetzt zu entscheiden.”
    „Ich flehe dich an, nimm die Schlüssel für die Schätze dieser Welt, ein langes Leben darin und den Eintritt ins Paradies!“ bat ich ihn, doch er sprach:
    „Nein, bei Gott, Abū Muwaihiba! Ich habe mich entschieden, schon jetzt meinem Herrn zu begegnen und ins Paradies einzugehen.“
    Dann bat er für die Toten um Vergebung und nachdem er den Friedhof verlassen hatte, begann sein Leiden, durch das Gott ihn zu sich nahm.2

Laut einem Hadith geschah es in der Tat so:

  • Ya‘qūb ibn ‘Utba überlieferte mir von az-Zuhrī, der sich auf ‘Urwa beruft, die folgenden Worte Aischas:
    An jenem Tag kam der Prophet von der Moschee zurück und legte das Haupt in meinen Schoß. Da trat ein Mann aus der Familie Abū Bakrs ein. In der Hand trug er ein grünes Zahnputzholz,3 und als ich den Blicken des Propheten entnahm, dass er das Holz gerne gehabt hätte, fragte ich ihn: „Möchtest Du das Zahnputzholz?“
    Er bejahte. Ich nahm das Hölzchen, kaute es für ihn weich und gab es ihm. Er rieb sich damit so gründlich die Zähne, wie ich es noch nie bei ihm gesehen hatte, und legte es beiseite. Dann bemerkte ich, wie mir sein Kopf auf meinem Schoße schwer wurde, und als ich ihm darauf ins Antlitz sah, waren seine Augen starr. Er sprach:
    „Ja! Die höchste Gefährtenschar im Paradies!“4
    „Bei Dem, Der dich mit der Wahrheit gesandt hat! Du wurdest vor die Wahl gestellt und hast gewählt! antwortete ich, und der Gesandte Gottes verschied.5

So war der Tod Mohammeds auch etwas Besonderes geworden, aber doch ganz anders als bei den anderen Propheten. Das biblische Motiv der Hinwegnahme war hier einfach nicht einsetzbar, weil der Koran in seinen Aussagen über die Normalität und Sterblichkeit des Propheten ganz eindeutig ist. Die Hadith-Literatur verneint darauf einfach den Unterschied: alle Propheten seien wie Mohammed gestorben:

  • Az-Zuhrī überliefert von ‘Ubayd ibn Abdallāh ibn ‘Utba, der es von Aischa gehört hatte: Ich habe den Propheten oft sagen hören: „Gott nimmt keinen Propheten zu sich, ohne ihn vor die Wahl zu stellen.“ Als der Prophet im Sterben lag, war das Letzte, das ich ihn sagen hörte: „Nein, lieber die höchste Freundesschar im Paradies.“ Dann wählt er uns also nicht, dachte ich, und erst dann verstand ich was die Worte bedeuten: dass kein Prophet stirbt bevor er nicht vor die Wahl gestellt worden ist.6
  • Mālik hat gehört, dass Aischa gesagt habe: Kein Prophet stirbt, bevor er nicht vor die Wahl gestellt worden ist. Ich habe ihn sagen hören: „O Gott, die höchste Freundesschar im Paradies!“ und dann verstand ich, dass er von uns gehen würde.7

Ich denke nicht, dass das Thema hiermit erschöpft ist. Bei Gelegenheit werde ich mal nachschlagen, ob Ginzbergs The Legends of the Jews noch etwas bietet.

ANMERKUNGEN
1. Ibn Isḥāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 1012–13. Übersetzung: Ibn Isḥāq, Das Leben des Propheten, übers. Gernot Rotter, Kandern 1999, 256–7.
2. Ibn Isḥāq o. c., 1000; Übers. Rotter 252.
3. Ein Zweig des arāk-Baums (Salvadora persica), der gekaut und im Mund hin und her bewegt wird, wie Süßholz bei uns.
4. Ar-rafīq al-aʿlā, vgl. Koran 4:69.
5. Ibn Isḥāq o. c., 1011; Übers. Rotter 255–6, mit einer Korrektur von mir.
6. Ibn Isḥāq o. c., 1008.
7. Mālik, Djanāʾiz 46.

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Mohammed als Hirt

Wenn wir in Sira-Texten lesen, dass Mohammed als junger Mann Hirt gewesen sei, ist es schwierig, nicht an Moses zu denken, von dem dasselbe erzählt wird.1 In der Tat liegt ein biblisches Motiv zu Grunde. Genau besehen sind sogar viele Propheten Hirten gewesen. In diesem Fall war es ein Hadith, der uns auf die Sprünge half:

  • … von Djābir ibn ‘Abdallāh: Wir waren mit dem Propheten in Marr az-Zahrān beim arāk-Früchte-Pflücken. „Die schwarze sollt ihr nehmen,“ 2 sagte der Prophet. Wir sagten: „Gesandter Gottes, es ist, als ob du Schafe gehütet hast!” „Ja sicher,“ sagte der Prophet, „und hat es je einen Propheten gegeben, der das nicht getan hat?“ oder Ähnliches.3

In der Bibel wird von Abraham, Isaak, Jakob, Moses und David erzählt, dass sie Hirten gewesen seien, und bestimmt vergesse ich noch einige. Im Neuen Testament ist Jesus „der gute Hirte“ — wenn auch nur im übertragenen Sinn.4

Mohammed, frühreif wie er war, soll schon Lämmer gehütet haben, als er noch von seiner Amme betreut wurde:

  • Der Prophet hat gesagt: „Ich hatte eine Amme beim Stamm Sa‘d ibn Bakr, und als ich einmal mit einem Brüderchen hinter unseren Zelten die Lämmer hütete … .“ 5

Und später als junger Mann war er auch Hirt:

  • Von Muhammad ibn ‘Abdallāh ibn Qais stammt der Bericht von Hasan ibn Muhammad ibn ‘Alī, über seinen Vater, von seinem Großvater ‘Alī ibn abī Tālib, der den Propheten hat sagen hören: „Die Dinge, die die Menschen in der Heidenzeit taten, interessierten mich nie, außer an zwei Abenden, und beide Male schützte mich Gott. Eines Abends sagte ich nämlich zu einem der jungen Männer aus Mekka, mit dem ich die Herden der Stadt hütete: „Willst du mal auf meine Tiere aufpassen? Dann kann ich nach Mekka gehen um dort die Nacht zu verbringen, wie junge Männer das tun.“ Er war einverstanden und ich ging los. Beim ersten Haus in Mekka angekommen, hörte ich, wie auf Tamburinen und Flöten gespielt wurde, und als ich fragte, was dies sei, wurde mir gesagt, dass eine Hochzeit gefeiert werde. Ich setzte mich hin und schaute zu, bis Gott meine Ohren zudeckte; ich schlief ein und wachte erst auf, als ich die Sonne auf meiner Haut spürte. Als ich zu meinem Freund zurückkam, fragte dieser mich, was ich getan habe. „Ich habe nichts getan,“ sagte ich und ich erzählte ihm, was geschehen war. Genau dasselbe passierte mir an noch einem anderen Abend. Danach dachte ich in jener Periode, bevor Gott mich mit dem Prophetentum ehrte, nie wieder an so etwas.“ 6

Als Staatsoberhaupt wird ihm nach seinem Tod noch eine Rolle als Hirt zugedacht:

  • Als der Prophet verstorben war, wurden die Araber abtrünnig, lebten Christentum und Judentum wieder auf und trat die Halbherzigkeit (nifāq) ans Tageslicht. Die Muslime waren wie Schafe im Regen in einer Winternacht, nun da sie den Propheten verloren hatten, bis Gott sie unter Abū Bakr wieder vereinte.7

ANMERKUNGEN

1. Koran 28:22-8; Bibel,
2 Mose 3:1. 2. Schafe und Ziegen knabbern gerne am Arakstrauch. Die Beeren gelten als Heilkraut: sie stärken den Magen, fördern die Verdauung und lindern Schmerzen.
3. Es gibt etliche Hadithe in denen dies thematisiert wird, z.B. Muslim, Saḥīḥ, Ashriba 163.

حدثني أبو الطاهر أخبرنا عبد الله بن وهب عن يونس عن ابن شهاب عن أبي سلمة بن عبد الرحمن عن جابر بن عبد الله قال: كنا مع النبي ص بمر الظهران ونحن نجني الكباث فقال النبي ص عليكم بالأسود منه قال فقلنا يا رسول الله كأنك رعيت الغنم قال نعم وهل من نبي إلا وقد رعاها أو نحو هذا من القول.

4. Bibel, Johannes 10:11. Ist in Offenbarung 2:27 und 19:15 der „eiserne Stab“, mit dem Jesus regieren wird (ἐν ῥάβδῳ σιδηρᾷ), auch ein Hirtenstab?
5. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, S. 106.
6. At-Tabarī, Ta’rīkh, hg. M.J. de Goeje et al., Leiden 1890 ff., i. S. 1126–7. 7. At-Tabarī, ibid., S. 1834.

Diakritische Zeichen: Ǧābir, Muḥammad, Marr aẓ-Ẓahrān, Ḥasan, ʿAlī ibn abī Ṭālib, Ṣaḥīḥ, Ašriba, Ibn Isḥāq, at-Ṭabarī, Taʾrīḫ

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Sira in Alt-England?

In der bekannten Erzählung aus der Prophetenbiografie (sīra) des Ibn Ishāq1 über die erste Koranoffenbarung kommt der Engel Gabriel zum schlafenden Mohammed mit einer Decke aus Goldbrokat, auf der Schriftzeichen stehen.
– Rezitiere! befiehlt Gabriel ihm.
– Ich kann nicht rezitieren, erwidert Mohammed, worauf der Engel dessen Hals kräftig zudrückt.
– Rezitiere! sagt Gabriel abermals.
– Ich kann nicht rezitieren, erwidert Mohammed, worauf dasselbe noch mal passiert.
– Rezitiere! sagt Gabriel zum dritten Mal.
– Was soll ich denn rezitieren, antwortet Mohammed jetzt, und darauf wird ihm die Sure 96 des Korans offenbart.

Dies hat eine Parallele in einer Erzählung des Briten Beda Venerabilis (673–735) über den Laienbruder Cædmon, der von Gott den Auftrag und die Gabe bekommt, geistliche Lieder zu dichten und zu singen. Das geht so:
Der Laienbruder Cædmon kann weder singen noch Harfe spielen. Nachts in seinem Schlaf bekommt er einen Besucher, der sagt:
– Cædmon, singe mir etwas!
– Ich kann nicht singen, erwidert er.
– Du musst aber singen!
– Was soll ich dann singen?
– Singe über den Anfang der Schöpfung!
Nach dieser Antwort fing er gleich an Loblieder auf Gott, den Schöpfer, zu singen, die er noch nie gehört hatte … .2

Die Erzählung steht in Bedas Kirchengeschichte, die ca. 731 vollendet worden ist. Die Übereinstimmung ist vom Skandinavisten Von See entdeckt worden und die Orientalisten Sellheim und Schoeler haben einstimmend darauf hingewiesen.3 Die beiden Letzten folgern, dass die Prophetenbiographie also schon ca. 730 in England bekannt gewesen sein muss. Unmöglich ist dies nicht; Spanien war damals schon von den Arabern erobert worden, und von dort war England nicht mehr weit. Damit wäre dann auch bewiesen, dass die arabische Erzählung schon lange bevor Ibn Ishāq sie ± 760 in sein Buch aufnahm existierte.
Aber das Motiv bei Beda kann doch auch in England ohne arabische Quelle, einfach unter Einfluss der Bibel entstanden sein? Auch die spricht von Propheten, die protestieren, wenn sie beauftragt werden zu sprechen, und das erst können, nachdem Gott es ihnen ermöglicht hat, nämlich Moses (2. Mose 4:1, 10, 13) und Jeremia (Jeremia 1:6). Das Schema: zwei Mal sich weigern, das dritte Mal einwilligen, scheint mir weltweit vorzukommen und ein typischer Zug oraler Literatur zu sein. Die Cædmongeschichte beweist gar nicht, dass die sīra so früh in England bekannt war.

ANMERKUNGEN
1. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, uitg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 152–
2. Beda Venerabilis, Historia Ecclesiastica gentis Anglorum iv, 24, Latein mit englischer Übersetzung: … adstitit ei quidam per somnium, eumque salutans, ac suo appellans nomine: ‘Cædmon,’ inquit, ‘canta mihi aliquid.’ At ille respondens: ‘Nescio,’ inquit, ‘cantare; nam et ideo de conuiuio egressus huc secessi, quia cantare non poteram.’ Rursum ille, qui cum eo loquebatur, ‘Attamen,’ ait, ‘mihi cantare habes.’ ‘Quid,’ inquit, ‘debeo cantare?’ Et ille, ‘Canta,’ inquit, ‘principium creaturarum.’ Quo accepto responso, statim ipse coepit cantare in laudem Dei conditoris uersus, quos numquam audierat, …;  Thereupon one stood by him in his sleep, and saluting him, and calling him by his name, said, “Cædmon, sing me something.” But he answered, “I cannot sing, and for this cause I left the banquet and retired hither, because I could not sing.” Then he who talked to him replied, “Nevertheless thou must needs sing to me.” “What must I sing?” he asked. “Sing the beginning of creation,” said the other. Having received this answer he straightway began to sing verses to the praise of God the Creator, which he had never heard, … (Bede’s Ecclesiastical History of England, transl. A. M. Sellar, London 1907).
3. K. von See, ‘Caedmon und Muhammad,’ in Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 112 (1983), 225–233; R. Sellheim, ‘Mohammeds erstes Offenbarungserlebnis […],’ in JSAI 10 (1987), 13ff.; G. Schoeler, Character und Authentie der muslimischen Überlieferung über das Leben Mohammeds, Berlin/New York 1996, 61.

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Frühreife Propheten

Eine kurze Suche in der online Fassung von Ginzberg, Legends of The Jews, macht klar, dass viele alte „Propheten“ auf wundersame Weise frühreif waren. Das gehörte einfach dazu. Einige Beispiele (meine Übersetzung):

  • „So wurde Abraham ohne Amme in der Höhle zurückgelassen, und er begann zu weinen. Gott sandte Gabriel herunter um ihm Milch zu trinken zu geben, und der Engel ließ den Milch aus dem linken kleinen Finger des Säuglings strömen, und er sog daran bis er zehn Tage alt war. Dann stand er auf, er konnte gehen und verließ die Höhle …“ — und begann sofort mit der Bekämpfung des Polytheismus.
  • „Bis zu seinem siebzehnten Lebensjahr besuchte Joseph häufig das Bet ha-Midrash, und er wurde so gelehrt, dass er seinen Brüdern die Halakhot, die er von seinem Vater gehört hatte überliefern konnte.  So kann er als ihr Lehrer betrachtet werden.“
  • „[Moses‘] Verwandten und ganz Israel wussten, dass das Kind für Großes vorbestimmt war, denn er war kaum vier Monate alt, als er zu prophezeien begann, sagend: ,In kommenden Tagen werde ich die Thora von der brennenden Fackel empfangen.‘“ 

Und so weiter und so fort. Frühreife ist auch ein Merkmal Jesu. Nach Lukas 2:41-52 wurde Jesus als Zwölfjähriger in Jerusalem im Tempel angetroffen, „mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten.“
Das apokryphe Kindheitsevangelium des „Thomas des Israeliten“ (Ende 2. Jahrhundert) schildert den jungen Jesus als ein frühreifes Kind, das gleich schon in der Lage war, Wunder zu tun. Bereits als Fünfjähriger hatte er mit anderen Kindern zwölf Sperlinge aus Lehm gemacht. Als ein Jude sich bei Joseph beschwert hatte, weil dies am Sabbat geschehen war, und Joseph ihn darauf ansprach, klatschte er in die Hände und schrie den Sperlingen zu: „Fort mit euch!“ Die Vögel öffneten ihre Flügel und flogen mit Geschrei davon. In Koran 3:4–9 steht eine Erzählung, die stark daran erinnert. Aber dort verrichtet Jesus das Wunder nicht als Kind.
Im Kindheitsevangelium ist Jesus als junges Kind ausgesprochen flegelhaft und aggressiv. Er wusste noch nicht, wie er seine Gabe menschenfreundlich anwenden könnte. Einen kleinen Jungen, der ihm bei einem Kinderspiel im Wege saß, ließ er verdorren wie einen Baum. Zu einem anderen Knaben, der ihn an seine Schulter stieß, sagte er: „Du sollst auf deinem Weg nicht weitergehen!“ worauf der Knabe hinfiel und starb. Mit acht Jahren war er schon menschlicher geworden. Als er einmal bei der Ernte mithalf, brachte er eine unglaubliche Menge Weizen ein, rief alle Armen des Dorfes und schenkte ihnen den Weizen. Dies sind nur einige Beispiele.1

Über den Propheten Mohammed ist erzählt worden, dass er bei seiner Amme

  • „… aufwuchs wie kein anderer Bursche und feste Nahrung essen konnte bevor er zwei Jahre alt war.“ 2

Oder noch deutlicher:

  • „Er wuchs an einem Tag so viel wie andere Kinder in einem Monat, und als er sechs Monate alt war, vertrug er schon feste Ernährung.“3

Als er noch von seiner Amme betreut wurde, soll er schon Lämmer gehütet haben:

  • „Der Prophet hat gesagt: ‘Ich hatte eine Amme beim Stamm Sa‘d ibn Bakr, und als ich einmal mit einem Brüderchen hinter unseren Zelten die Lämmer hütete …“ 4

Auch dort wurde er von zwei Engeln im Bauch untersucht bzw. gereinigt: das ist die Erzählung der *Bauchspaltung.5 Als Junge saß er gerne bei der Ka‘ba: eine Parallele zu Jesus, der sich als Junge im Tempel Jerusalems zu Hause fühlte. In beiden Fällen wollten Andere die Jungen dort wegholen.6

Mehr Frühislamisches gibt es in den Hadithen zu Ibn Sayyād, eine antichrist-ähnliche Gestalt (dadjdjāl), den Mohammed noch kennen gelernt haben soll. Er war kein Prophet, aber wird als jemand dargestellt, der gerne tat, als ob er einer wäre. In seiner Rolle als Pseudoprophet musste auch Ibn Sayyād frühreif sein. Als neugeborener Säugling schrie er wie ein Junge von einem Monat, oder sogar zwei Monaten. Er trat schon als Schamane (kāhin) auf, als er noch ein Kind war und bei seiner Mutter wohnte. In einer anderen Erzählung „spielte er mit den Knaben und war selbst auch einer,“ als Mohammed ihn besuchte, um dessen beunruhigenden Eigenschaften in Augenschein zu nehmen.7

Dies alles zeigt, dass das jüdische Motiv „frühreifer Prophet“ im frühen Islam bekannt und geläufig war. Kein Wunder auch: Das Araberreich der Umayyaden war noch ganz mit christlichen und jüdischen Literaturen durchtränkt.

Was steckt hinter diesem Erzählmotiv? Mohammed soll vierzig Jahre alt gewesen sein, als er berufen wurde; Jesus ungefähr dreißig. Die Frage ist dann immer: Was taten sie vor ihrer Berufung? Etwa ein banales Leben führen? Sündigen vielleicht? Die Erzähler versuchen, die Propheten so früh wie möglich ihrer hohen Berufung würdig zu machen.

ANMERKUNGEN
1. Wilhelm Schneemelcher, Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung, I. Band, Evangelien, 5. Aufl., Tübingen 1987, 353–57. Englische Übersetzungen hier.
2. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 105. Normalerweise blieb ein Säugling zwei bis zwei und halb Jahre an der Mutterbrust.
3. Ibn al-Athīr, an-Nihāya fī gharīb al-hadīth wal-athar, 5 Bde., Beirut (Dār al-Fikr) o.J., i, 277.
4. Ibn Isḥāq, o.c. 106.
5. Ibn Isḥāq, o.c. 106.
6. Ibn Isḥāq, o.c. 107–108.
7. Wim Raven, „Ibn Ṣayyād as an Islamic ‘Antichrist’. A reappraisal of the texts,“ in: Endzeiten. Eschatologie in den monotheistischen Weltreligionen, hrsg. Wolfram Brandes und Felicitas Schmieder, Berlin/New York 2008, 266–67. Den Artikel können Sie hier downloaden.

Diakritische Zeichen: Ibn Ṣayyād, daǧǧāl, Ibn Isḥāq, Ibn al-Aṯīr, an-Nihāya fī ġarīb al-ḥadīṯ wal-aṯar

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