Der schreiende Hirsch als Gottesbeweis

Mosaikmuseum Istanbul Foto Dick Osseman

Mosaikmuseum Istanbul
Foto Dick Osseman

Ein fünftes Fragment aus dem arabischen, überwiegend christlichen Text Kitāb al-iʿtibār fī al-malakūt von Djibrīl ibn Nūh,1 eine Sammlung von ungefähr hundert teleologischen Gottesbeweisen (arguments from design), wahrscheinlich aus dem neunten Jahrhundert. Siehe zu dem Büchlein hier. Daraus finden Sie in diesem Bluch Fragmente zum Rüssel des Elefanten, zur Dummheit von Babys, zum Penis des Mannes und zur menschlichen Stimme—alles Gottesbeweise, versteht sich. Heute kommt der Hirsch an die Reihe.

  • „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir,“

heißt es in der Bibel, in Psalm 42:1. Warum ist der Hirsch so durstig; warum schreit er oder lechzt er, in anderen Übersetzungen? Die Bibel erklärt den Durst des Tieres nicht. Im hebräischen Original betrifft es ein Weibchen, eine Ricke. Das Schreien kann also nicht Röhren sein.

Im Buch des Djibrīl ibn Nūh wird ein durstiger Hirsch als Gottesbeweis angeführt:

  • Es wird gesagt, dass ein Hirsch, wenn es Schlangen frisst, danach sehr durstig wird, aber trotzdem kein Wasser trinkt, aus Angst, dass das Gift in seinen Körper kriechen und es töten würde. Er steht also beim Tümpel, von Durst gequält und laut schreiend, aber ohne zu trinken, bis es weiß, dass das Gift zerstreut ist und das Gegessene verdaut ist; erst dann trinkt er. Betrachte, was in der Natur dieses Tieres angelegt worden ist: wie es einen übermächtigen Durst aushält, aus Angst sich durch Trinken Schaden zuzufügen. Dazu kann sich sogar ein vernunftbegabter Mensch kaum zwingen.1

Der Hirsch ist ein Gottesbeweis, weil er sich in einer Lage, in der Trinken schädlich oder gar tödlich wäre, so gut beherrschen kann. Der Autor ist sich sicher, dass das Tier seine Selbstkontrolle mittels einer natürlichen Veranlagung von einem intelligenten Schöpfer empfangen hat.

Hirsche sind heutzutage als pflanzenfressende Wiederkäuer bekannt, aber in der Antike meinten manche Leute tatsächlich, dass sie gerne Schlangen fressen und diese sogar jagen. So schrieb der Römer Älian (Claudius Aelianus; ± 170–222) auf Griechisch ein ziemlich dickes Tierbuch, in dem er viel Aufmerksamkeit richtet auf Tierfeindschaften und auf unwahrscheinliche Kämpfe zwischen Tierarten, wie sie heutzutage bei Youtube wieder populär sind. Er weiß:

  • Ein Hirsch besiegt eine Schlange durch eine außerordentliche Gabe der Natur. Auch die gemeinste Schlange in ihrer Höhle entwischt ihm nicht: Der Hirsch setzt seine Nasenlöcher an den Eingang [der Höhle] der gefährlichen Bestie und bläst darin aus aller Macht, bis er sie mit dem Zauber(?) seines Atems herauszieht; sobald sie ihren Kopf herausstreckt, fängt er an sie zu fressen. Vor allem im Winter machen Hirsche das.
    Es ist sogar vorgekommen, dass jemand das Horn eines Hirschs zu Pulver vermahlen und dann ins Feuer geworfen hat und dass der aufsteigende Rauch die Schlangen aus der ganzen Umgebung vertrieben hat; sogar der Geruch ist ihnen unerträglich.2

Das mit dem Winter ist vorstellbar, weil Schlangen dann wegen der Kälte sehr passiv sind oder sogar Winterschlaf halten. Alles andere entspricht nicht dem, was die moderne Biologie zum Hirsch mitzuteilen hat.

Etwas älter ist der griechische Physiologus, aus dem zweiten Jahrhundert: ein christliches Tierbuch, das der vornehme Heide Älian als minderwertig betrachtet haben dürfte. Aber offensichtlich waren Texte über Tiere, gerne auch über kämpfende Tiere, zu der Zeit überall gängig. Hier das Fragment zum Hirsch:

  • In Psalm 413 sagt [David]: „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.“ Der Hirsch ist der Schlange Feind. Wenn diese vor ihm in die Spalten der Erde flüchtet, kommt der Hirsch und nimmt seinen Mund voll mit Quellwasser, spuckt es in die Erdritzen und treibt die Schlange heraus, zertritt sie und tötet sie.
    So tötete auch der Herr die große Schlange, den Teufel, mit dem himmlischen Wasser, durch das der Unbeschreibliche …wusste [Text ist nicht in Ordnung]. Und wie eine Schlange kein Wasser verträgt, so verträgt der Teufel keine himmlischen Worte. Wenn Haare eines Hirschs im Hause sind oder wenn du Knochen von ihm verbrennst, wirst du [dort] nie mehr eine Schlange vorfinden: Wenn die Spur Gottes und die Furcht Christi in deinem Herz vorhanden sind, wird kein unreiner Geist in dich hineingehen.4

Wie immer gibt der Physiologus seinen Tiergeschichten eine fromme Wendung. Allgemeinbildung oder interessante Fakten interessieren ihn erst, wenn sie christlich zu deuten sind.
Das Wasser ist also jetzt da, aber die Verbindung zwischen Schlangenfressen und Durst noch nicht. Die finden wir in der syrischen5 Fassung des Physiologus, die die Araber eher zur Hand gehabt haben dürften als die griechische oder lateinische. Diese Fassung hat in großen Zügen denselben Text wie die weiter oben, einschließlich der Schlangen verscheuchenden Wirkung von verbranntem Hirschhorn, hat aber noch eine Ergänzung, die den Durst des Tiers erklärt:

  • Wenn ein Hirsch eine Schlange frisst, so fängt er bei dem Schwanze an, sie zu fressen, und nimmt sie ganz in seinen Schlund, ihren Kopf aber legt er in seinem Munde zurecht, und so zerbeißt und verschlingt er sie; weil aber der Kopf der Schlange in seinem Gaumen steckt, so speit sie viel Galle aus in seinen Mund, und so, aus diesem Grunde, wird er durstig und schreit nach dem Wasserteiche. (Übers. Ahrens)6

Auch bei dem berühmten Prosaisten und Tiergeschichtenschreiber al-Djāhiz (ca. 776–869), der Muslim war, gibt es einen deutlichen Zusammenhang mit dem Psalmvers. Er zitiert ihn sogar, wenn auch in einer sehr korrupten Fassung:

  • Der Prophet David sagt in den Psalmen: „Meine Sehnsucht nach dem Messias ist wie die eines Hirschs, wenn er Schlangen frisst.“ [Wenn er das tut,] wird er nämlich durch einen großen Durst überwältigt. Man sieht ihn um das Wasser herumgehen, aber vom Trinken wird er abgehalten durch sein Wissen, dass das sein Untergang sein würde. Denn das Gift würde in das Wasser strömen und in Körperöffnungen geraten, die nicht für die Nahrungsaufnahme bestimmt sind. Der Hirsch weiß das nicht aus früherer Erfahrung; nein, [die Kenntnis] hatte er schon beim ersten Mal, als er Schlangen fraß.7

Hier ist der Ablauf ein etwas anderer, aber es ist offensichtlich, dass Jibrīls Gottesbeweis aus einer langen literarischen Tradition schöpfen konnte.

Wie landeten die Schlangen überhaupt auf dem Menü der Hirsche, schon im 2. Jahrhundert? Liegt ein korrupt überlieferter oder falsch verstandener Text aus der Antike zu Grunde? Oder eine eigenartige Bibelexegese? Nein; die hätte der Heide Älian nicht gekannt. Hat jemand vielleicht den Hirsch mit einer anderen Tierart verwechselt? Oder ist einfach die Fantasie mit jemandem durchgegangen, wie beim Basilisk und beim Einhorn?

Es gibt noch etliche andere Texte aus der späten Antike und aus frühislamischer Zeit, die nach schlangenfressenden Hirschen durchsucht werden könnten, aber für einen ersten Eindruck reicht es erst mal. Das Interessante an solchen Texten ist, dass sie zeigen, was die Menschen durch die Jahrhunderte einander weisgemacht haben, wie ihr Gedankengut durch die Kulturen reiste und manchmal tausend Jahre überlebte. Von Babylonien und dem alten Persien nach Athen und  Rom, über die syrische Sprache und Pahlavi ins Arabische und Neupersische des Nahen Ostens; von dort später oft nach Europa. Noch Hildegard von Bingen meinte, dass mit Weihrauch verbranntes Hirschhornpulver die Luftgeister und die „bösen Würmer“ vertreibe. Es ist eine Zivilisation; sollen wir sie die westliche Zivilisation nennen?

Auch veröffentlich in zenith, 04/2015.

NACHSCHRIFT: Eine Spezialistin für antike und arabische Tiere weist mich auf Aristoteles, Historia animalium viii (ix) 611b20 hin: Wenn ein Hirsch von einer giftigen Spinne (φαλάγγιον) gebissen wird, geht er Krabben fangen und frisst die als Gegengift.
Ich meinte immer, dass Älian und der Physiologus Autoren der zweiten, wenn nicht der dritten Garnitur seien, während ich für echt große Denker und Gelehrte wie Aristoteles eine große Ehrfurcht behielt. Diese Ehrfurcht wird jetzt etwas weniger.

ANMERKUNGEN:
1. Auch als Dalāʾil al-iʿtibār bekannt. Das Büchlein wird oft al-Djāḥiẓ (ca. 776–869) zugeschrieben. Die erste (unkritische) Ausgabe erschien 1928 in Aleppo.

فقد‏ يقال انّ‏ الأيّل يأكل‏ الحيّات،‏‏ فيعطش‏ عطشًا شديدًا ويمتنع من شرب الماء خوفًا من أن‏ يدبّ‏ السم في جسمه فيقتله‏. وانه‏ ليقف على الغدير وهو مجهود عطشًا فيعجّ‏ عجيجًا‏ عاليًا ولا‏ يشرب منه‏ حتّى‏ يعلم أنّ‏ السمّ‏ قد تفرق‏ ‏ وانّ‏ الذي‏ أكل قد انهضم وحينئذ‏ يشرب‏. ‏ فانظر الى ما جُعل‏ ‏ في‏ طباع هذه البهيمة من الصبر على الظمأ الغالب خوفًا من المضرّة في‏ الشرب‏. وذلك‏ ما لا‏ يكاد الانسان العاقل أن‏ يضبطه من نفسه‏.

2. Aelianus, Nat. anim. ii, 9: Ἒλαφος ὂφιν νικᾷ, κατά τινα φύσεως δωρεὰν θαυμαστήν· καὶ οὐκ αυτὸν διαλάθοι ἐν τῷ φωλεῷ ὤν ὁ ἔχθιστος, αλλὰ προσερείσας τῇ καταδρομῇ τοῦ δακετοῦ τοὺς ἑαυτοῦ μυκτῆρας βιαιότατα ἐσπνεῖ, καὶ ἓλκει ὡς ἴυγγι τῷ πνεύματι, καὶ ἂκοντα προάγει, καὶ προκύπτοντα ἀυτὸν ἐσθίειν ἂρχεται· καὶ μάλιστά γε διὰ χειμῶνος δρᾷ τοῦτο. ἢδη μέντοι τις καὶ κέρας ἐλάφου ξέσας, εἶτα το ξέσμα ἐς πῦρ ἐνέβαλε, καὶ ὁ καπνὸς ἀνιῲν διώκει τοὺς ὂφεις πανταχόθεν, μηδὲ τὴν ὀσμὴν ὑπομένοντας.
3. 41 ist kein Tippfehler. Die Nummerierung ist nicht überall dieselbe.
4. Ich habe keinen griechischen Text zur Hand und biete vorläufig einen lateinischen  aus dem Internet, wenn ich sie auch nicht ganz verstehe: In psalmo XLI dicit: Sicut cervus desiderat ad fontes aquarum, ita desiderat anima mea ad te, deus. Ceruus inimicus est draconi; draco autem fugit a ceruo in fissuras terre; et uadens ceruus, et ebibens, implet nasa sua fontem aque, et euomit in fissuram terre, et educit draconem, et conculcauit eum, et occidit eum. Sic et dominus noster interfecit draconem magnum diabulum ex celestibus aquis, quibus habebat sapiente inenarrabilis; non enim potest draco baiulare aquam, neque diabulus sermones celestes. […] Capilli autem cervi, ubi apparuerint in domo, vel de ossibus incenderis, numquam draconem invenies: vestigium dei et timor Christi si inveniantur in corde tuo, nullus spiritus inmundus introibit tibi. (Physiologus latinus (Uersio Y) (CPL 1154 h (A)), cap. : 43, par. : 2, pag. : 131). Griechisch kommt hoffentlich noch. Eine arabische Fassung könnte auch noch existieren. Die Überlieferung des Physiologus durch die Jahrhunderte in vielen von Christen gesprochenen Sprachen ist äußerst kompliziert. Gab es je ein Original?
Ein talentierter Prediger kann mit diesem Stoff noch viel mehr machen. Im sog. Berner Physiologus (ca. 830–59) heißt es: „So hat auch der Herr Jesus Christus den großen Drachen, den Teufel, (fol. 17v) bis in die Tiefen der Erde verfolgt und hat ihn, indem er Blut und Wasser aus seiner Seite ergoss [Joh. 19,34], vertrieben durch das Bad der Wiedergeburt [Tit. 3,5], und hat die Werke des Teufels hinweg genommen.“ (Bern, Burgerbibliothek, Cod. 318: Physiologus Bernensis, fol. 17r–v). Hier passt nur ein herzhaftes Amen.
5. Bei syrisch denke man nicht an das moderne Syrien, wo Arabisch gesprochen wird. Syrisch ist eine aramäische, also semitische Sprache, die heute nur noch wenige Sprecher hat, aber in den ersten Jahrhunderten n. Chr. im Nahen Osten weit verbreitet war. Unzählige meist christliche Schriften in Syrisch sammeln in Bibliotheken Staub an, obwohl man sie für eine verantwortungsvolle Geschichtsschreibung eigentlich lesen sollte.
6. Physiologus Syrus, Nr. 17. Syrisch kann ich nicht tippen; der eine Leser, der das Original sehen will, möge sich zur UB begeben.
7. Al-Ǧāḥiẓ, Ḥayawān vii, 29–30:

ومن هذا الباب الذي ذكرنا فيه صِدق إحسان الحيوان ثم اللاتي يضاف منها الى المُوق وينسب الى الغثارة. قال داود النبي عليه السلام في الزبور: شوقي إلى المسيح مثل الأيل إذا أكل الحيات. [والأيل إذا أكل الحيات] فاعتراه العطش الشديد تراه كيف يدور حول الماء ويحجزه من الشرب [منه] علمه بأن ذلك عطبه، لأن السموم حينئذ تجري مع [هذا] الماء، وتدخل مداخل لم يكن ليبلغها الطعام بنفسه. وليس علم الأيل بهذا كان عن تجرية متقدمة، بل هذا يوجد في أول مل يأكل الحيات وفي آخره.

Auch in Ḥayawān iv, 166 nennt al-Ǧāḥiẓ den Hirsch unter den schlangenfressenden Arten: وتأكل الحياتَ العقبان والأيائل والأراويّ والأوعال والسنانير والشاهمرك والقنفذ. „Adler, Hirsche, Bergziegen und -böcke, Katzen, der Stelzenläufer (? shāhmurk) und der Igel.“

BIBLIOGRAFIE:
– Claudius Aelianus, Περὶ ζῴων ἰδιότητος – De natura animalium: On animals, 3 dln., Übers. A.F. Scholfield, Harvard 1958–9 (Loeb Classical Library 446, 448, 449).
Physiologus syrus: Ketobó dakjonojotó. Das ‘Buch der Naturgegenstände’, Hrsg. und Übers. K. Ahrens, Kiel 1892.
– Al-Ǧāḥiẓ, Kitāb al-Ḥayawān, Hrsg u. Kommt. ʿAbd al-Salām Muḥammad Hārūn, 7 Bde., Kairo 1938–47.

Diakritische Zeichen: Ǧibrīl ibn Nūḥ, al-Ǧāḥiẓ, šāhmurk

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Mohammed: Eselreiter oder Kamelreiter?

Wie seine Zeitgenossen auch wird der Prophet Muhammad alle Reittiere benutzt haben, die zur Verfügung standen und für eine bestimmte Strecke geeignet waren: Esel, Maultier, Kamel oder Pferd.
Nachdem es in einem früheren Beitrag um das Maultier ging, kommen jetzt die Esel an die Reihe. Derselbe Herbert Eisenstein, der die Maultiere des Propheten beschrieben hat, hat auch diese behandelt.1
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Ya‘fūr
In derselben Geschenksendung aus Ägypten, in der zwei Sklavinnen und das Maultier Duldul waren, befand sich auch ein Esel namens Ufair. Zudem gab es den Esel Ya‘fūr, der Mohammed von Farwa ibn Amr geschenkt wurde, zusammen mit einem weiteren Maultier. Wie bei den Maultieren schwankt hier die Überlieferung und die Tiere werden oft verwechselt. Nach einer anderen Quelle etwa war Ya‘fūr unter der Kriegsbeute bei der Eroberung der Oase Khaibar im Jahr 628. Als der Prophet ihn bei der Gelegenheit nach seinem Namen fragte, antwortete der Esel:

  • Ich bin Yazīd ibn Shihāb. Gott brachte aus der Nachkommenschaft meines Ahnen sechzig Esel hervor, auf denen nur Propheten ritten. Ich habe gehofft, dass du mich reitest, da von der Nachkommenschaft meines Ahnen keiner außer mir übrig ist und von den Propheten keiner außer dir.
Mohammed und Gabriel

Mohammed und Gabriel

Er beklagte sich noch, dass sein Vorbesitzer, ein Jude, ihn oft schlug, weil er absichtlich stolperte, wenn er von ihm geritten wurde. Der Prophet gab dem Esel den neuen Namen Ya‘fūr und ritt ihn oft. Er konnte ihn auch einsetzen, wenn er einen seiner Gefährten herbeirufen wollte. Der Esel klopfte dann mit seinem Kopf an dessen Haustür, worauf der Bewohner nach draußen kam und verstand, dass der Prophet ihn bei sich sehen wollte. Das Tier soll 632 nach der Abschiedswallfahrt des Propheten gestorben sein. Nach einer schöneren Erzählung aber starb es am Todestag des Propheten, als es vor Kummer in einen Brunnen fiel — oder war es Selbstmord? Auf jeden Fall wurde sein Sterben so mit Bedeutung aufgeladen: So wie Mohammed der Letzte der Propheten war, war Ya‘fūr der letzte prophetische Esel.
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Der Esel als prophetisches und messianisches Reittier
Der Esel ist also mehr als bloß ein Reittier und wenn Mohammed in vielen Überlieferungen auf einem Esel reitet, hat das seinen Grund. Der Islamhistoriker Suliman Bashear hat zu diesem Thema einen detaillierten Artikel verfasst, aus dem ich hier das Wichtigste zusammenfassen werde.2
Schon seit Ewigkeiten galt der Esel als prophetisches Reittier. Auch für die im islamischen Sinne älteren „Propheten“ Abraham, Moses und Jesus war er ein normales Beförderungsmittel. Aber bei der Exegese heiliger Schriften können immer bedeutungsvolle Verbindungen entdeckt werden. Der Autor der jüdischen Schrift Pirqe de Rabbi Eliezer3 zum Beispiel glaubt, dass es durch die Jahrhunderte nur ein- und denselben Esel gegeben habe — das Tier muss nahezu unsterblich gewesen sein.4

  • Abraham stand früh am Morgen auf und nahm Ismael und Eliëser und Isaak, seinen Sohn, und gürtete den Esel. Dieser Esel war der Sohn der Eselin, die in der Abenddämmerung erschaffen wurde,5 wie es heißt: Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel […].6 Das war auch der Esel, den Moses ritt als er nach Ägypten kam […].7 Und derselbe Esel wird in Zukunft von dem Sohn Davids geritten werden, wie es heißt: Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, demütig und reitend auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin. 8

Dieser Text aus Palästina datiert von nach 700; wie bekannt er in islamischen Kreisen war, ist unbekannt.
Der Esel ist also auch ein messianisches Tier: der Sohn Davids ist ja der erwartete Messias. Die Christen sind noch einen Schritt weitergegangen. Für sie war Jesus der Messias, der demzufolge bei seinem Einzug in Jerusalem auf einem Esel geritten sein musste: Jesus fand einen Esel und setzte sich darauf — wie geschrieben steht: Juble laut, Tochter Zion! … [usw. wie im Zitat oben ]“.9
Die frühen Muslime lasen fleißig die Bibel; viele dort vorgefundenen Verweise auf den kommenden Messias bzw. den Heiligen Geist bezogen sie auf Mohammed. Ihnen zufolge sollen Christen und Juden also aus ihren Schriften gewusst haben, dass es Mohammed geben würde, obwohl sie das nach ihrer Art meist leugneten. War die Bibel dann von Interesse für diese Muslime? Aber sicher! Sie oder ihre Väter waren ja Christ oder Jude gewesen und sie bildeten eine kleine Minderheit in einem Meer von Christen und Juden. Ein Hadith des Propheten empfiehlt ausdrücklich Texte von den Juden zu überliefern: Haddithū ‘an Banī Isrāʾīl. Überdies nahmen die Muslime in ihren Streitgesprächen mit Christen und Juden Bibeltexte zu Hilfe. Wenn die verwendeten Texte nicht  mit den wohlbekannten übereinstimmten, änderten sie sie — wobei sie ihrerseits natürlich meinten, dass die Juden oder Christen sie gefälscht oder unterschlagen hatten.

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Der Prophet als Eselreiter
Tatsächlich gibt es etwas wie einen Bibelvers, in dem Mohammed als Eselreiter angekündigt wird. Nur müssen Sie ihn nicht in der Bibel nachschlagen wollen: Er ist reine Erfindung, knüpft aber in seiner Gestaltung einigermaßen bei dem oben zitierten Vers zum Sohn Davids an. Bashear10 fand vier Varianten des vermeintlichen Verses, von denen ich nur die am leichtesten auffindbare auswähle:

  • […] Er wird erscheinen in Mekka und dies[e Stadt = Medina] wird die Wohnstätte seiner Hidschra sein. Er ist der Lachende, der Tödliche, der sich mit Brotstückchen und einigen Datteln zufrieden gibt, einen ungesattelten Esel reitet; in seinen Augen ist Röte, zwischen seinen Schultern ist das Siegel des Prophetentums und er trägt sein Schwert auf seiner Schulter […].11

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Der Prophet als Kamelreiter
Häufiger sind Texte, in denen die Erscheinung Mohammeds als Kamelreiter vorhergesagt wird. Ich zitiere wieder nur einen, damit es nicht zu lang wird. Ein jüdischer Gegner Mohammeds aus den Banū Nadīr erinnerte die Juden daran, dass sie einen Mann mit folgenden Eigenschaften zu erwarten hätten:

  • […] der Lachende, der Tödliche, in dessen Augen Röte ist, der aus dem Süden herankommt, der ein Kamel reitet und einen Mantel trägt, sich mit einem Brotstückchen zufrieden gibt und sein Schwert auf seiner Schulter hat […]12

Warum lässt man Mohammed erst auf einem Esel, dann auf einem Kamel reiten? Als Prophet stand er natürlich in einer Linie mit Jesus, aber vielleicht passte gerade der messianische Charakter Jesu manchen Muslimen nicht. Obwohl Jesus im Koran auch Messias (masīh) genannt wird, ist nach islamischem Glauben der masīh vor allem derjenige, der am Ende der Zeiten kommen wird um zusammen mit dem Mahdī den dadjdjāl, eine Art Antichrist, zu schlagen. Das wird nicht auf Mohammed bezogen: Er war ein normaler Mensch, wird nicht für den masīh gehalten — und sollte also keine entsprechenden Züge aufweisen.13
Oder aber die Verfasser dieser Texte haben nicht verstanden oder geschätzt, dass der Esel ein Symbol für Bescheidenheit war und ein nobles Kamel als eines Propheten würdiger erachtet.
Des Weiteren gab es bereits eine gottgelenkte Kamelstute (an-nāqa al-ma’mūra) in Mohammeds Leben: das Tier, auf dem er die Hidschra von Mekka nach Medina machte und das sich in Medina nicht auf die Stelle hinsetzen wollte, die man ihm anwies, sondern nur dort, wo es selbst sich dazu entschied — auf göttliches Geheiß, versteht sich.
Die vielen komplizierten Texte zum Thema sind schlecht zu datieren, aber sollten die Kamel-Überlieferungen tatsächlich späteren Datums sein, so könnte der Wechsel des Reittiers auch mit der „Entbibelung“ und Arabisierung des frühen Islams zu tun haben, von der hier und hier schon mal die Rede war: Ein biblisches wird durch ein echt arabisches Tier ersetzt.14

Mohammed und Jesus?

Mohammed und Jesus?

In manchen Texten ist sowohl von einem Eselreiter als auch von einem Kamelreiter die Rede. Nach al-Fārisī (gest. 902), dem Autor einer frühen Sammlung von Prophetenerzählungen, war es der biblische Prophet Jesaja, der für Vorhersagen wie die oben zitierten zuständig war:

  • Es wurde gesagt, dass es Jesaja war, der mit der Sache [der Verkündigung] Jesu und Mohammeds betraut wurde. Er sagte zu Aelia, das ist eine Stadt unweit von Bait al-Maqdis, genannt Jerusalem: „Freue dich, Jerusalem, der Eselreiter wird zu dir kommen (d.h. Jesus); danach wird der Kamelmann zu dir kommen (d.h. Mohammed).“ 15

Hier werden im selben angeblichen Jesajavers erst Jesus und dann Mohammed angekündigt, jeder auf einem passenden Reittier. In der Tat gibt es bei Jesaja einen echten Vers, in dem mit etwas Fantasie von einem Eselreiter und einem Kamelreiter die Rede ist: Und sieht er Reiter, Pferdegespanne, einen Zug Esel, einen Zug Kamele, so soll er aufmerksam Acht geben, mit großer Aufmerksamkeit!16 Jedoch das dort vorkommende Wort rèkèv, „Reiterschar” oder „Reiter“ im Plural, wurde hin und wieder auch als rokev „Reiter” im Singular gelesen; die hebräische Konsonantenschrift lässt das zu. Dann würden tatsächlich ein Eselreiter und ein Kamelreiter vorhergesagt.

Es gibt eine wilde Wucherung von noch viel mehr Texten, die Bashear alle ausarbeitet; diese wenigen mögen zur Orientierung in der Thematik dienen.
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Umar als Eselreiter
War der Esel als prophetisches Tier mit Ya‘fūr gestorben, als messianisches Tier hat er noch ein Nachleben gehabt. ʿUmar, der zweite Kalif (reg. 634–44), soll auf einem Esel von al-Djābiya auf den Golanhöhen nach Jerusalem geritten sein. Einmal abgesehen davon, dass er wahrscheinlich nie in Jerusalem war, ist diese Strecke so lang, dass ein Staatsoberhaupt unter Zeitdruck wohl kaum einen Esel benutzt hätte. Es gibt in der Tat Varianten, denen zufolge er erst am Jordan auf einen Esel umgestiegen sein soll. Ein Pferd zu nehmen um die Römer zu beeindrucken, wie manche ihm vorschlugen, soll er aus Bescheidenheit ausdrücklich abgelehnt haben. Die Verfasser solcher „Berichte“ werden mit Sicherheit den messianischen Charakter sowohl des Esels als auch des Einzugs in Jerusalem im Kopf gehabt haben. ‘Umar hatte ja den Beinamen Fārūq, auf Aramäisch parūqā, was „Erlöser“ bedeutet. ‘Umars Reittier wird in mehreren Texten ausführlich thematisiert und diskutiert.17 Bei at-Tabarī schließlich finden wir einen Kompromisstext, laut welchem er bei drei Besuchen in Syrien auf drei unterschiedlichen Reittieren geritten sei: Pferd, Kamel und Esel.18

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Burāq
Und dann gab es noch das Reittier Burāq, auf dem Mohammed eine Himmelfahrt (mi‘rādj) und eine nächtliche Reise nach Jerusalem (isrā’) vollzogen haben soll. Von diesem Tier gibt es Beschreibungen:

  • Dem Propheten wurde Burāq gebracht. Dies ist das Reittier, auf dem auch die Propheten vor ihm geritten waren und das seinen Huf bei jedem Schritt so weit setzt, wie sein Blick reicht. Er wurde auf das Reittier gehoben, und Gabriel begleitete ihn […].19

Der Prophet selbst soll gesagt haben:

  • […] und siehe da, da stand ein weißes Reittier, halb Maultier, halb Esel. An den Schenkeln hatte es zwei Flügel, mit denen es seine Hinterbeine vorantrieb, während es seine Vorderbeine dort aufsetzte, wohin sein Blick reichte […] Als ich mich dem Tier näherte um aufzusteigen, scheute es, doch Gabriel legte ihm die Hand auf die Mähne und sprach: „Schämst du dich nicht, Burāq, über das, was du tust? Bei Gott, kein edlerer hat dich vor ihm geritten.“ Da schämte es sich so sehr, dass es in Schweiß ausbrach, und hielt still, dass ich aufsteigen konnte.20

Al-Buraq4816-357Burāq gehört zur Gattung der fliegenden mythologischen Vierfüßler. Meist sind das fliegende Pferde (Pegasus; das mongolische Windpferd), aber in Indien gibt es auch die fliegende Kuh Kamadhenu. Und jetzt also dieses Zwischending zwischen Esel und Maultier. Von Burāq existieren viele Bilder, aber die sind spät entstanden. Oft hat er ein Menschengesicht bekommen; in Indien hat es wohl eine Beeinflussung durch die besagte Kuh gegeben.

Haben diese Reisen auf Burāq überhaupt wirklich stattgefunden oder nur im Traum oder in einer Vision? Die Diskussion darüber ist sehr alt; man findet sie schon in der Prophetenbiographie des Ibn Ishāq (gest. 767).21 Der immer vernünftige Korankommentator at-Tabarī (gest. 923) meint, dass die Reisen durchaus körperlich stattgefunden haben müssten: Um bloß eine Seele zu tragen wäre ja kein Reittier vonnöten gewesen.22

Auch veröffentlicht in zenith, 04/2014, S. 110–1 und online.

ANMERKUNGEN:
1. Eisenstein, Maulesel und Esel, 104–106.
2. Bashear, Riding Beasts on Divine Missions.
3. Pirqe de Rabbi Eliezer 31:

השכים אברהם בבקר ולקח את ישמעל ואת אליעזר ואת יצחק בנו וחבש את החמור. הוא החמור בן האתון שנבראת בין השמשות שנא׳ וישכם אברהם בבקר ויחבש את חמורו והוא החמור שרכב עליו משה בבואו למצרים שנאמר ויקח משה את אשתו ואת בניו וגו׳ הוא החמור שעתיד בן דוד לרכוב עליו שנאמר גילי מאד בת ציון הריעי בת ירושלים הנה מלכך יבא לך צדיק ונושע הוא עני ורוכב על חמור ועל עיר בן אתונות.

4. Im Koran 2:259 ist die Rede von einem Menschen (Propheten?), den Gott hundert Jahre lang tot sein ließ und danach wieder auferweckte — und seinen Esel ebenso. Ein sehr rätselhafter Vers, in dem ich mich jetzt nicht verlieren möchte.
5. Die Mutter dieses Esels, die in der Abenddämmerung des sechsten Schöpfungstags erschaffen worden ist, war auch die Eselin, auf der Bileam ritt (4. Mose 22:21–23).
6. 1. Mose 22:3.
7. 2. Mose 4:20.
8. Sacharia 9:9.
9. Johannes 12:13–15; auch Matthäus 21:1–6; Markus 11:1–10; Lukas 19:28–35; bei Matthäus und Johannes unter Bezugnahme auf den Sacharia-Vers.
10. Bashear, o.c., 47–51. Bashear verfügte in Jerusalem über eine unglaubliche Bibliothek, mit denen europäische Bibliotheken bei Weitem nicht mithalten können.
11. Al-Madjlisī, Bihār al-Anwār, laut Bashear Bd. xv, 206, aber er sagt nicht welche Ausgabe. In diesem Riesenwerk kann ich ohnehin nie etwas finden; ich bekenne: Ich habe es einfach aus dem Internet genommen. Es ist eine Schiitische Quelle; zu denjenigen, denen das nicht gefällt, kann ich sagen, dass es genauso gut sunnitische Quellen gibt.

ان خروجه يكون مخرجه بمكة وهذه دار هجرته وهو الضحوك القتال ، يجتزي بالكسيرات والتمرات ويركب الحمار العاري ، في عينيه حمرة وبين كتفيه خاتم النبوة ، يضع سيفه على عاتقه.

12. Al-Wāqidī, Kitāb al-magāzī, hg. Marsden Jones, 3 Bde., London 1966, i, 367:

أتاكم صاحبها الضحوك القتال في عينيه حمرة يأتي من قِبل اليمن يركب البعير ويلبس الشملة ويجترئ بالكسرة سيفه على عاتقه الخ

13. In der Wortkombination al-masih ad-dadjdjāl hat das Wort sogar einen sehr ungünstigen Klang: es entspricht dem Namen Antichrist bei den Christen.
14. Bashear, o.c., 39–47.
15. R.G. Khoury, Les légendes prophétiques dans l’Islam […] d’après le manuscrit d’Abū Rifāʿa ʿUmāra b. Wātīma b. Mūsā b. al-Furāt al-Fārisi al-Fasawī, Kitāb bad’ al-Halq wa-qisas al-anbiyā’ […], Wiesbaden 1978, S. 300. Ich habe zwei kleine Textänderungen vorgenommen.

وكان يقال ان أشعياء هو الذي عهد الي بني اسرائيل في أمر عيسى س ومحمد ص فقال لإيلياء وهي قرية قريبة من بيت المقدس واسمها أرشلم: ابشرى أرشلم سيأتيك راكب الحمار يعني عيسى س، ثم يأتيك من بعده صاحب الجمل، يعني محمد ص

16. Jesaja 21:7: וראה רכב צמד פרשים רכב חמור רכב גמל והקשיב קשב רב־קשב
17. Bashear, o.c., 68–71.
18. Muḥammad ibn Djarīr at-Tabarī, Ta’rīḫ ar-rusul wa-’l-mulūk (Annales), hg. M.J. de Goeje et al., Leiden 1879–1901, i, 2401: „Insgesamt ist Umar vier mal in Syrien eingeritten: das erste Mal auf einem Pferd, das zweite Mal auf einem Kamel, das dritte Mal hat er abgebrochen, weil die Pest wütete, und das vierte Mal auf einem Esel.“

فجميع ما خرج عمر الى الشأم أربع مرات، فأما الأولى فعلى فرس، وأما الثانية فعلى بعير، وأما الثالثة فقصّر عنها أن الطاعون مستعر، وأما الرابعة فدخلها على حمار.

19. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 263; Das Leben des Propheten, Übers. Gernot Rotter, Kandern 1999, 80.
20. Ibn Ishāq, o.c. 264; o.c., 81–2. TEXT@
21. Ibn Ishāq, o.c. 264–6. TEXT@
22. At-Tabarī, Tafsīr zu Koran 17:1:

ولا دلالة تدلّ على أن مراد الله من قوله : { أَسْرَى بِعَبْدِهِ } أسرى بروح عبده، بل الأدلة الواضحة والأخبار المتتابعة عن رسول الله  ص أن الله أسرى به على دابّة يقال لها البراق؛ ولو كان الْإسراء بروحه لم تكن الروح محمولة على البراق، إذ كانت الدواب لا تحمل إلا الْأجسام .

BIBLIOGRAPHIE:
– Bashear, Suliman, „Riding Beasts on Divine Missions: An Examination of the Ass and Camel Traditions,“ JSS 37.1 (1991), 37–75.
– Eisenstein, Herbert, „Die Maulesel und Esel des Propheten,“ Der Islam 62 (1985), 98–107.
– Kister, Meir J., „Haddithū ʿan Banī Isrāʾīla wa-lā haraja. A Study of an early Tradition,“ in IOS 2 (1972), 215–39; online hier.
– Rubin, Uri, The eye of the beholder. The life of Muḥammad as viewed by the early Muslims. A textual analysis, Princeton 1995, insbes. S. 35–43.

Diakritische Zeichen: Yaʿfūr, ʿUfair, ʿAmr, Ḫaibar, Šihāb, Ḥaddiṯū ʿan Banī Isrāʾīl, Banū Naḍīr, masīḥ, daǧǧāl, ʿUmar, al-Ǧābiya, aṭ-Ṭabarī, miʿrāǧ, isrāʾ, Ibn Isḥāq, al-Maǧlisī, Biḥār al-Anwār, Kitāb al-maġāzī, Abū Rifāʿa ʿUmāra b. Wāṯīma b. Mūsā b. al-Furāṭ, Kitāb badʾ al-Ḫalq wa-qiṣas al-anbiyāʾ, Muḥammad ibn Ǧarīr aṭ-Ṭabarī, Taʾrīḫ

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Die Maultiere des Propheten

Ein Maultier (Arabisch baghl)1 ist ein Kreuzungsprodukt einer Pferdestute und eines Eselhengstes; ein Maulesel ist der Nachkomme von einer Eselstute und einem Pferdehengst. Weil wir meistens nicht wissen, welche Sorte in alten arabischen Texten gemeint ist, nenne ich sie hier alle Maultiere. Diese werden vielleicht auch die Mehrheit gebildet haben, denn sie sind am leichtesten zu züchten und außerdem stärker und ausdauernder als Maulesel. Herbert Eisenstein hat alle Texte zu Mohammeds Maultieren und Eseln gesammelt. Aus seinem Artikel2 werde ich hier schöpfen. Mehr Texte als er habe ich nicht gefunden; an Interpretation möchte ich allerdings einiges hinzufügen.
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Duldul
Das Maultier par excellence war Duldul. Es wird sogar als das islamische Urmaultier überhaupt betrachtet, denn es heißt: „Duldul war das erste Maultier im Islam, das man zu Gesicht bekam).“ 3 Solche „erste“-Traditionen (awā’il) gibt es viele; meist dienten sie dazu, den Terminus post quem irgendeines Phänomens festzustellen. Aber sie können tendenziös sein — so auch in diesem Fall.4 Es gibt in bester arabischer Tradition einiges an biographischem Material zur Stute Duldul.5 Sie soll dem Propheten von dem Muqauqis von Alexandrien geschenkt worden sein — wer auch immer das war —, zusammen mit einem Esel, Gold, Textilien und zwei schönen Sklavinnen, Māriya und Sīrīn.6
In der Schlacht von Hunain (630) soll der Prophet auf Duldul geritten sein und zu ihr gesagt haben: Irbidī! (leg dich!), oder: Sdi! (streck dich!), so dass er eine Handvoll Staub nehmen konnte, den er seinen Feinden ins Gesicht warf. In einer anderen Variante sagte er am Tag der Schlacht zu seinem Onkel ‘Abbās: „Reiche mir einige Kiesel!”, was Duldul aber verstand, worauf sie unaufgefordert mit ihm niederging, so dass er die Kiesel selbst nehmen konnte.
Das Tier überlebte Mohammed um mehr als dreißig Jahre und starb während der Regierung des Kalifen Mu‘āwiya (661–680) in Yanbu’ an der Küste des Roten Meers. Ein Alter von fünfzig Jahren ist für ein Maultier durchaus möglich; es muss wohl nicht mehr ganz jung gewesen sein, als es in Medina eintraf. Im hohen Alter waren Duldul die Zähne ausgefallen, so dass die Gerste für sie gemahlen werden musste. Ihr tragischer Tod war filmreif: Blind geworden geriet sie in ein Melonenfeld, das sie zertrampelte. Das Feld gehörte einem Mann der Banū Mudlidj, der sie mit einem Pfeil tötete, offensichtlich nicht ahnend, mit welch noblem Tier er es zu tun hatte.
Laut schiitischer Überlieferung sollen auch ‘Alī, seine beiden Söhne und seine rechte Hand Muhammad ibn al-Hanafīya noch auf Duldul geritten sein.
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Andere Maultiere
Auch über die anderen Maultiere des Propheten hat Eisenstein Texte gesammelt, die ich hier kurz zusammenfasse:7
– Fidda („Silber”), eine weißes Tier, das Farwa ibn ‘Amr al-Djudhamī ihm schenkte, und das er an Abū Bakr weitergab,
– ein weißes Tier, das er vom Herrscher von Aila (heute ‘Aqaba) geschenkt bekam,
– ein Maultier, das Kisrā, der König von Persien, ihm schenkte und das er mit einer Satteldecke aus Haar geritten haben soll,
– ein Grauchen, ein Geschenk des Negus von Abessinien,
– ein Geschenk von dem Herrn von Dūmat al-Djandal (beim heutigen al-Jawf oder Jouf)
– und ein nicht spezifiziertes Tier, von dem erzählt wird, dass es mit dem Propheten durchging, woraufhin er ihm einen Koranvers vorlesen ließ.

Wie viele Maultiere es in den Stallungen des Propheten nun genau gab, bleibt unklar, denn die Namen dieser Tiere und auch Teile ihrer Biographien sind in der Überlieferung arg durcheinander geraten. Aber wollen Sie sie wirklich zählen? Es ist doch offenkundig, dass alle diese Berichte über Tiere bis auf den letzten eigentlich nur eins sind: Variationen über das Thema: „ein Maultier wird dem Propheten geschenkt“, das als Präzedenzfall für eine Scharia-Regel fungiert.
In der Tat, laut den Texten waren nahezu alle diese Maultiere Geschenke aus dem Ausland. Aila und Dūma liegen zwar im Norden Arabiens, galten damals aber noch als christliches Gebiet. Auch Fidda kam aus dem Ausland, denn das Tier war ein Geschenk von Farwa ibn ‘Amr, der bis zu seiner Bekehrung und seinem anschließendem Martyrium römischer Statthalter in Ma‘ān im heutigen Südjordanien war.8
Zum Motiv der geschenkten Sklavinnen Māriya und Sīrīn habe ich bereits hier erklärt, welche Funktion Geschenke aus dem Ausland in den frühen islamischen Texten haben. Sie sollen – durch das beispielgebende Handeln des Propheten – die An- oder Übernahme außerislamischer Güter legitimieren.

Aber waren Maultiere überhaupt neu und fremd? Im ganzen alten Orient gab es sie doch; auch in Äthiopien waren sie verbreitet. Es waren starke und zuverlässige Last- und Reittiere, die gerne benutzt wurden; werden sie denn in Arabien gefehlt haben? Das mag ich nicht glauben.
Das arabische Wort für Maultier, baghl, ist äthiopischer Herkunft. Obwohl die Tiere auch in Syrien und am Golf vorkamen, wird es einfacher gewesen sein, sie über das Meer aus Afrika nach Arabien zu importieren. Hunderte von Kilometern durch die Wüste konnten sie ja nicht laufen.
Offensichtlich will die Mitteilung, dass die ägyptische Duldul „das erste Maultier im Islam“ war, uns glauben machen, dass Maultiere im alten Arabien neu waren. An ihnen konnte nichts Vorislamisches sein, denn der Prophet war der Erste, der eines besaß. Und das, obwohl der Koran Maultiere bereits in dem frühen Vers 18:6 wie selbstverständlich erwähnt. Mit anderen Worten: Die Rede sowohl von der Fremdheit wie auch von der Neuheit von Maultieren zur Zeit Mohammeds ist nichts weiter als fromme Dichtung von Rechtsgelehrten.
Welche islamischen Rechtsregeln in Bezug auf Maultiere gibt es?
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Rechstregeln in Bezug auf Maultiere
– Maultierfleisch essen ist nicht erlaubt – diesen Aspekt lasse ich hier unbehandelt.
– Auf Maultieren zu reiten ist ohne Weiteres erlaubt, denn es heißt in Koran 16:8:  وَالْخَيْلَ وَالْبِغَالَ وَالْحَمِيرَ لِتَرْكَبُوهَا وَزِينَةً وَيَخْلُقُ مَا لَا تَعْلَمُونَ „Und die Pferde und die Maultiere und Esel, damit ihr sie besteigt, sowie als Zierde.“ Dass der Prophet mehreren Erzählungen zufolge auch tatsächlich auf einem Maultier ritt, steht damit im Einklang. Laut der Bibel ritten im alten Israel auch die Könige David und Salomo auf ihnen und Maultiere konnten auch als fürstliches Geschenk dienen.9
– Ein normaler Umgang mit Maultieren hat keine rituelle Unreinheit zu Folge.
– Eine Kreuzung zwischen Pferd und Esel selbst durchzuführen, ist für Muslime „verwerflich“ (makrūh). Ein Hadith befindet darüber unzweideutig:

  • … Der Prophet bekam ein Maultier geschenkt und ritt darauf. Da sagte ‘Alī: „Wie wäre es, wenn wir mal Esel Pferde bespringen ließen? Dann hätten wir auch solche Tiere.“ Aber der Prophet sagte: „Das machen nur Leute ohne Kenntnis.“ 10

In den Texten, die Eisenstein dazu gefunden hat, wird diese Aussage des Propheten mit dem Maultier aus Aila in Verbindung gebracht.11 Muslime, die ein absolutes Kreuzungsverbot befürworteten, interpretierten „Leute ohne Kenntnis“ als „Menschen, die das Verbot nicht kennen.“ Auf jeden Fall gilt das Züchten von Maultieren als eine aus islamischer Sicht unerwünschte Tätigkeit. Bei den Juden war das Verbot noch eindeutiger, aufgrund des Bibelworts 3. Mose 19:19:„Lass nicht zweierlei Art unter deinem Vieh sich paaren.“

Aber weiter mit den Rechtsregeln:
– Trotz des Zuchtverbots durften existierende Tiere aber benutzt oder von außerhalb angenommen oder eingeführt werden.
– Umgang mit widerspenstigen Maultieren: Dem Tier, das mit ihm durchging, verpasste der Prophet eine Lektion, indem er es einsperrte und ihm Koran 113:1 rezitieren ließ, worauf es sich beruhigte. Durch so einen Bericht lernten die Muslime, was auch sie in solchen Fällen zu tun hätten. Die letzten beiden Suren des Koran heißen „Schutzsuren” (al-mu‘awwidhatān) — durch sie meinte man auch die böse Macht eines Dämons, der ein Maultier geritten hatte, bändigen zu können. 

Ich vermute, dass es ungefähr wie folgt abgelaufen ist. Die Araber und frühen Muslime ritten einfach auf Maultieren und benutzten sie als Lasttiere wie jeder anderer auch. Als nach zwei, drei Jahrhunderten islamische Rechtsgelehrte anfingen, das ganze Leben auf die Vereinbarkeit mit den von ihnen aufgestellten Rechtsregeln hin zu überprüfen, nahmen sie auch das Maultier durch. Da wie immer der Prophet die höchste Autorität gewesen sein musste, ließen sie ihn auch auf Maultieren reiten, ja sogar als Allerersten. Das jüdische Zuchtverbot behielten sie bei; deshalb bleibt in den Texten an Maultieren immer etwas vage Unislamisches haften.


Auch veröffentlicht in zenith, 03/2014, S. 110–1 und online.
Hier über die Esel des Propheten

 

ANMERKUNGEN
1. Ch. Pellat, „Baghl,” in EI2.
2. H. Eisenstein, „Die Maultiere und Esel des Propheten,” in Der Islam, 62 (1985), 98–131.
3. Ibn Saʿd, Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kubrā, 8 Bde., hg. Iḥsān ‘Abbās, Beirut o.J., i, 491
أول بعلة رؤيت في الإسلام أهداها له المقوقس
; Ibn Saʿd, o.c. i, 260: „ein weißes Maultier; das einzige, das die Araber zu der Zeit hatten.” غلة بيضاء لم يكن في العرب يومئذ غيرها
4. F. Rosenthal, Art. „Awāʾil,” in EI2..
5. Eisenstein, o.c. 99–101.
6. Zu diesen Sklavinnen s. hier.
7. Eisenstein, o.c. 101–4.
8. Ibn Isḥāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 958; Übers. Guillaume 644; Ibn Ḥaǧar al-‘Asqalānī, Al-Iṣāba fī tamyīz aṣ-ṣaḥāba, 8 Bde., Kairo, o.J., v, 386–7.
9. Bibel, 1. Könige 1:33, 38, 44; 10:25.
10. Eisenstein, o.c. 103.; Abū Dawūd, Ǧihād 53:

حدثنا قتيبة بن سعيد حدثنا الليث عن يزيد بن أبي حبيب عن أبي الخير عن ابن زرير عن علي بن أبي طالب ر قال: أهديت لرسول الله ص بغلة فركبها فقال علي: لو حملنا الحمير على الخيل، فكانت لنا مثل هذه. قال رسول الله ص: إنما يفعل ذلك الذين لا يعلمون.

11. Eisenstein, o.c. 103.

Diakritische Zeichen: baġl, awāʾil, Ḥunain, irbiḍī, Muʿāwiya, Yanbuʿ, ʿAlī, Banū Mudjlǧ, Muḥammad ibn al-Ḥanafīya, Fiḍḍa, Farwa ibn ʿAmr al-Ǧuḏamī, Dūmat al-Ǧandal, Maʿān, al-muʿawwiḏatān

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Katzen, Hunde und der Prophet

Mann mit Saluki🇳🇱 Hatte Mohammed eine Katze? Bestimmt. Er muss wohl eine oder mehrere Katzen besessen haben, denn zu seiner Zeit hatte jeder welche. Katzen waren damals unentbehrlich, als Jäger von Ungeziefer und Beschützer der Vorräte. Sie hielten auch Schlangen fern, indem sie ihnen die Beutetiere wegfraßen. Hunde waren in der alten arabischen Welt ebenfalls allgegenwärtig, aber den Menschen nicht immer so nahe. Sie dienten als Jagdhund, als Schäferhund und als Wachhund für Haus, Garten und Acker.

Es gibt  einige Texte, Hadithe und Anekdoten, über Mohammeds Meinungen und Haltungen zu Katzen und Hunden, aber mit real existierenden Tieren in seiner Umgebung haben sie nichts zu tun. Als die islamischen Rechtsgelehrten anfingen sich mit nahezu allen Aspekten des täglichen Lebens zu befassen, sparten sie die Hunde und Katzen nicht aus. Weil der Prophet in Rechtsfragen als die höchste Autorität galt, musste er sich auch zu diesen Tieren geäußert haben.
Die Rechtsfragen, die in Bezug auf Tiere  aufkommen, sind immer die gleichen: Sind sie kultisch rein? Darf man sie essen? Sind sie verkäuflich? Wie geht man mit ihnen um?

Zur ersten Frage: Weder Katzen- noch Hundefleisch darf ein Muslim essen:

  • […] von Abū Tha‘laba al-Khushanī: „Der Prophet verbot uns den Verzehr von allen Raubtieren mit Reißzähnen“.1

Geld nehmen für diese Tiere darf man ebenfalls nicht:

  • […] von Abū Zubair, der sagte: „Ich befragte Djābir über den Preis von Hunden und Katzen. Er sagte „Der Prophet unterband es [Geld für sie zu nehmen]“.2

In puncto Reinheit werden Katzen und Hunde unterschiedlich beurteilt — ebenso wie der Umgang mit ihnen. So ist der Speichel von Katzen nicht unrein. Wenn ein Gläubiger damit in Berührung kommt, muss er sich deswegen nicht rituell waschen, wie etwa aus diesem Hadith ersichtlich ist:

  • Dāwūd ibn Sālih ibn Dīnār at-Tammār erzählte, dass seine Mutter[, eine Sklavin,] von ihrer Herrin mit einer Pastete zu Aischa geschickt wurde, als diese gerade beim Beten war. Aischa gab der Frau ein Zeichen, dass sie die Pastete hinstellen sollte. Da kam eine Katze und fraß etwas davon, aber als Aischa fertig war, aß sie von derselben Stelle, von der die Katze gefressen hatte. Sie sagte: „Der Prophet hat gesagt: [Katzen] sind nicht unrein; sie gehen bei euch ein und aus.“ Und sie fügte hinzu: Ich habe auch gesehen, wie der Prophet die rituelle Waschung mit Wasser verrichtete, das eine Katze übrig gelassen hatte.3

Dagegen ist der Speichel des Hundes unrein; deshalb hat man sich von Hunden fern zu halten. Als Beleg gilt ein Hadith, der von Abū Huraira überliefert sein soll (sein Name bedeutet übrigens „der mit dem Kätzchen“, angeblich weil er als Kind immer mit einer Katze gespielt haben soll):

  • Der Prophet sagte: „Wenn ein Hund aus dem Gefäß von einem unter euch trinkt [Variante: leckt], sollt ihr es sieben Mal waschen, [Var.: das erste Mal mit Sand].4

Das hört sich fast talmudisch an. Ob rein oder unrein, auf jeden Fall soll man die Tiere in ihrer Art respektieren und anständig behandeln. Das wird ersichtlich aus Hadithen, denen zufolge der Prophet erzählt haben soll:

  • „Mir wurde die Hölle gezeigt und dort sah ich eine Frau von den Israeliten, die wegen einer Katze gefoltert wurde, die sie festgebunden und nicht gefüttert hatte und auch nicht ihre eigene Nahrung unter den Feldtieren hatte suchen lassen.“ 5
  • „Ein Mann war unterwegs und es überfiel ihn ein großer Durst. Er fand einen Brunnen, stieg hinab und trank. Als er herausstieg, fand er einen Hund mit ausgestreckter Zunge, der aus Durst die feuchte Erde leckte. Der Mann dachte: Dieser Hund erleidet aus Durst das Gleiche, was ich selber erlitten habe. Er stieg in den Brunnen wieder hinab, füllte seinen Schuh mit Wasser und hielt ihn mit dem Mund fest, bis er wieder nach oben kam. Dann tränkte er den Hund. Gott dankte es ihm und schenkte ihm Vergebung.“
    Sie sagten: „Prophet, haben wir auch in Bezug auf die Behandlung der Tiere einen Lohn zu erwarten?“ Er antwortete: „Für die Tränkung eines jedes Lebewesens gibt es einen Lohn.“ 6

Aber über dieses ethische Minimum hinaus wurden Katzen auch richtig geliebt. Ob Mohammed ein Katzenfreund war, können wir wiederum nicht wissen. Mit Sicherheit fütterte er sie nicht mit halāl Katzenfutter, wie es manche moderne Muslime tun. Bekannt ist eine obskure, aber rührende Geschichte, die gerne erzählt wird um Mohammeds Liebe für seine Katze Mu‘izza und für Katzen im Allgemeinen zu illustrieren.

  • Eines Tages wollte der Prophet aufstehen zum Gebet, aber die Katze lag schlafend auf dem Ärmel seines Gewandes. Um das Tier nicht zu wecken schnitt er den Ärmel ab und erschien mit beschädigtem Gewand beim Gebet. Als er zurückkam aus der Moschee dankte Mu‘izza ihm, indem sie sich verneigte.7

Diese Anekdote gibt es aber auch in ganz anderer Besetzung. Nach dem chinesischen Historiker Bān Gù (32–92) versuchte der Han-Kaiser Āi dì (reg. 7–1 v.Chr.) einmal aufzustehen, als sein Geliebter auf dem Ärmel seines Gewandes eingeschlafen war. Um ihn nicht zu wecken schnitt er seinen Ärmel ab und erschien mit beschädigtem Gewand in der Öffentlichkeit. Seine Hofdiener übernahmen darauf diese Tracht um die Liebesbeziehung zu feiern.
Die chinesische Erzählung ist bei weitem die älteste. Von der Flöte oder dem Rad kann man sich noch vorstellen, dass sie mehrmals an verschiedenen Orten in der Welt erfunden wurden. Aber eine solch spezifische Erzählung wird nur einmal erfunden und macht danach eine Reise durch die Kulturen. Wie ist sie in der islamischen Welt gelandet: über Indien, Persien vielleicht? Ich weiß es nicht; wenn Sie, lieber Leser, es wissen, höre ich es gerne von Ihnen.

CharitéDesTurcsEs gibt noch einige Hadithe, die die rituelle Reinheit der Katze betonen, aber die Erzählungen zu Mohammeds Katzenliebe, die Annemarie →Schimmel zitiert, sind alle sehr spät entstanden. Sie zeigen allerdings, dass Katzenliebe in islamischen Ländern sehr verbreitet war – über alle Jahrhunderte. Auch in Reiseberichten wird sie immer wieder bezeugt. 

Dagegen sind die Meinungen über Hunde in den Hadithen eher negativ. Wegen ihrer Unreinheit soll man sie nicht zu nahe bei sich haben:

  • Der Prophet sagte: „Wer sich einen Hund anschafft, außer für die Jagd oder das Vieh, verliert jeden Tag zwei qīrāt seines [jenseitigen] Lohns.“8

In einer Textvariante wird auch der Wachhund für die Ernte als Ausnahme erlaubt. Der Prophet soll laut einem Hadith auch Hunde haben töten lassen; wahrscheinlich ist gemeint: wenn die vielen herumstreunenden Tiere zu einer Plage wurden:

  • Der Prophet befahl die Hunde zu töten. Er schickte Menschen aus, in die Gebiete rund um Medina, um sie zu töten.9

In der Wohnung hat ein Hund nichts verloren, denn Engel betreten kein Haus, in dem sich ein Hund befindet. Mohammed soll einmal vergeblich auf den Engel Gabriel gewartet haben, weil sich ein junger Hund in seine Wohnung verirrt hatte.

  • Der Prophet hatte sich an einem bestimmten Augenblick mit Djibrīl verabredet, aber der kam nicht. Er hatte einen Stock in der Hand; den warf er weg und sagte: „Noch nie hat Gott oder einer seiner Botschafter ein Versprechen gebrochen!“ Dann schaute er um sich und bemerkte einen jungen Hund unter seinem Bett. Er sagte: „Aischa, wann ist dieser Hund hier hereingekommen?“ Sie antwortete: „Bei Gott, ich weiß es nicht.“ Er ließ das Tier entfernen. Darauf erschien Djibrīl und der Prophet sagte zu ihm: „Wir hatten einen Termin und ich habe gewartet, aber du kamst nicht!“ Djibrīl antwortete: „Der Hund in deinem Haus hat mich davon abgehalten, denn wir [Engel] betreten kein Haus, in dem ein Hund oder eine Abbildung [eines Lebewesens]  ist.“ 10

Auch in der Moschee ist ein Hund unerwünscht, denn er lenkt ab vom Gebet, wie Frauen und Esel auch.

  • […] ‘Abdallāh ibn as-Sāmit, von Abū Dharr: Der Prophet sagte: Wenn einer von euch das Gebet verrichtet, dann ist er geschützt, wenn er so etwas wie den hinteren Teil eines Sattels vor sich hat. Wenn das nicht der Fall ist, wird sein Gebet ungültig, [wenn] eine Frau, ein Esel oder ein schwarzer Hund [vor ihm herumläuft].
    Ich fragte [Abū Dharr]: Wieso ein schwarzer Hund und kein roter oder gelber? Er antwortete: Genau so habe ich es den Propheten gefragt und er sagte: „Ein schwarzer Hund ist ein Satan.“ 11
Träger füttert Hunde, İstanbul ±1900

Träger füttert Hunde, İstanbul ±1900

Haben die alten Muslime denn wegen solcher Texte ihre Hunde nicht geliebt? Ich denke doch. Wenn man sich einen Hund zu Nutze machen will, ist ein dominierendes, aber zugleich freundschaftliches Verhältnis zum Tier unumgänglich und von vielen Menschen auch einfach gewünscht. Das Buch von →Ibn al-Marzubān (gest. 921), Die Überlegenheit der Hunde über viele, die Kleider tragen, zeigt viele Beispiele der festen Freundschaft zwischen Herr und Hund. Hier konnte aber der Prophet unmöglich in einer Anekdote als Vorbild herhalten, weil Hunde eben unrein sind. Den Hundebesitzern wird es egal gewesen sein.

Auch veröffentlich in zenith, Mai/Juni 2014 und online.

ANMERKUNGEN
(Ich zitiere jeweils nur einen Hadith; von den meisten gibt es etliche Varianten und Paralleltexte.)
1. Muslim, Ṣayd 13:

وحدثني حرملة بن يحيى أخبرنا ابن وهب أخبرني يونس عن ابن شهاب عن أبي إدريس الخولاني أنه سمع أبا ثعلبة الخشني يقول: نهى رسول الله ص عن أكل كل ذي ناب من السباع.

2. Muslim, Musāqāt 42:

حدثني سلمة بن شبيب حدثنا الحسن بن أعين حدثنا معقل عن أبي الزبير قال: سألت جابرا عن ثمن الكلب والسنور. قال: زجر النبي ص عن ذلك.

3. Abū Dāwūd, Ṭahāra 38:

حدثنا عبد الله بن مسلمة حدثنا عبد العزيز عن داود بن صالح بن دينار التمار عن أمه أن مولاتها أرسلتها بهريسة إلى عائشة ر فوجدتها تصلي فأشارت إلي أن ضعيها. فجاءت هرة فأكلت منها فلما انصرفت أكلت من حيث أكلت الهرة. فقالت إن رسول الله ص قال إنها ليست بنجس إنما هي من الطوّافين عليكم. وقد رأيت رسول الله ص يتوضأ بفضلها.

4. Muslim, Ṭahāra 90:

 حدثنا يحيى بن يحيى قال قرأت على مالك عن أبي الزناد عن الأعرج عن أبي هريرة أن رسول الله ص قال: إذا شرب الكلب في إناء أحدكم فليغسله سبع مرات.

5. Muslim, Kusūf 9:

وحدثني يعقوب بن إبراهيم الدورقي حدثنا إسمعيل ابن علية عن هشام الدستوائي قال حدثنا أبو الزبير عن جابر بن عبد الله […] وعرضت عليّ النار فرأيت فيها امرأة من بني إسرائيل تعذب في هرة لها ربطتها فلم تطعمها ولم تدعها تأكل من خشاش الأرض.

6. Buḫārī, Sharb 9, Übersetzung nach A. Th. Khoury, So sprach der Prophet, Gütersloh 1988, S. 350.

حدثنا عبد الله بن يوسف أخبرنا مالك عن سمي عن أبي صالح عن أبي هريرة ر أن رسول الله ص قال: بينا رجل يمشي فاشتد عليه العطش فنزل بئرا فشرب منها ثم خرج فإذا هو بكلب يلهث يأكل الثرى من العطش. فقال: لقد بلغ هذا مثل الذي بلغ بي. فملأ خفه ثم أمسكه بفيه ثم رقي فسقى الكلب فشكر الله له فغفر له. قالوا يا رسول الله وإن لنا في البهائم أجرا؟ قال في كل كبد رطبة أجر.

7. Weder Frau Schimmel, S. 11, noch die Wikipedia bietet einen brauchbaren Quellennachweis.
8. Muslim, Musāqāt 51:

وحدثنا أبو بكر بن أبي شيبة وزهير بن حرب وابن نمير قالوا حدثنا سفيان عن الزهري عن سالم عن أبيه عن النبي ص قال من اقتنى كلبا إلا كلب صيد أو ماشية نقص من أجره كل يوم قيراطان.

9. Muslim, Musāqāt 44:

 حدثنا أبو بكر بن أبي شيبة حدثنا أبو أسامة حدثنا عبيد الله عن نافع عن ابن عمر قال: أمر رسول الله ص بقتل الكلاب فأرسل في أقطار المدينة أن تُقتل.

10. Muslim, Libās 81:

حدثني سويد بن سعيد حدثنا عبد العزيز بن أبي حازم عن أبيه عن أبي سلمة بن عبد الرحمن عن عائشة أنها قالت واعد رسول الله ص جبريل عس في ساعة يأتيه فيها فجاءت تلك الساعة ولم يأته. وفي يده عصا فألقاها من يده وقال: ما يخلف الله وعده ولا رسله. ثم التفت فإذا جرو كلب تحت سريره. فقال: يا عائشة متى دخل هذا الكلب هاهنا? فقالت: والله ما دريت فأمر به فأخرج. فجاء جبريل فقال رسول الله ص واعدتني فجلست لك فلم تأت فقال: منعني الكلب الذي كان في بيتك، إنا لا ندخل بيتا فيه كلب ولا صورة.

11. an-Nasāʾī, Qibla 7:

أخبرنا عمرو بن علي قال أنبأنا يزيد قال حدثنا يونس عن حميد بن هلال عن عبد الله بن الصامت عن أبي ذر قال قال رسول الله ص إذا كان أحدكم قائما يصلي فإنه يستره إذا كان بين يديه مثل آخرة الرحل فإن لم يكن بين يديه مثل آخرة الرحل فإنه يقطع صلاته المرأة والحمار والكلب الأسود. قلت ما بال الأسود من الأصفر من الأحمر فقال: سألت رسول الله ص كما سألتني فقال: الكلب الأسود شيطان.

WEITERE LEKTÜRE
– Annemarie Schimmel, Die orientalische Katze. Geschichten, Gedichte, Sprüche, Lieder und Weisheiten, München [1989].
– Muhammad ibn Khalaf ibn al-Marzubān, Fadl al-kilāb ‘alā kathīr mimman labisa ath-thiyāb, Köln (Al-Kamel Verlag) 2003, und mit engl. Übers.: Ibn al-Marzubān, The Superiority of Dogs over Many of Those Who Wear Clothes, hrsg. und übers. G.R. Smith und M.A.S. Abdel Haleem, Warminster 1978.

Diakritische Zeichen: Abū Ṯaʿlaba al-Ḫušanī, Ǧābir, Dāwūd ibn Ṣāliḥ, ḥalāl, qīrāṭ , Ǧibrīl,ʿAbdallāh ibn aṣ-Ṣāmit, Abū Ḏarr, Muḥammad ibn Ḫalaf ibn al-Marzubān, Faḍl al-kilāb ʿalā kaṯīr mimman labisa aṯ-ṯiyāb

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Der Mufti und die Wissenschaft

Islamische Rechtsgelehrte finden das islamische Recht in der Jurisprudenz, und wenn sie tiefer graben, leiten sie es aus dem Koran und dem Hadith des Propheten ab. Das ist ihr Job. Manche halten es darüber hinaus für nötig die Zielsetzungen der Scharia und die Gründe hinter den Rechtsregeln zu erforschen. Anders gesagt: sie wollen beweisen, dass Gott recht hatte, als er das eine oder andere Gebot oder Verbot verkündete. Dann hört man zum Beispiel, dass Schweinefleisch verboten sei, weil es Krankheitserreger enthalte, und Alkohol weil es Fehlverhalten verursache. 
Als ob Gott solche Hilfe brauchte; als ob Gottes Gründe die Menschen etwas angingen! Wer an Gott glaubt, hat doch an seinem Wort genug, oder etwa nicht? Richtig lächerlich werden diese Gelehrten, wenn sie sich bei ihrer Argumentation der Wissenschaft bedienen. Sie haben natürlich keine Ahnung, was das ist, denn sie haben nicht mal Abitur, geschweige denn eine wissenschaftliche Ausbildung. Aber ihr Publikum lacht sie nicht aus, denn das ist noch schlechter ausgebildet. So las ich in Erlaubtes und Verbotenes im Islam, ein Jugendwerk des berühmten Medienmuftis Yūsuf (Jusuf) al-Qaradāwī aus Qatar, eine „wissenschaftliche“ Untermauerung des islamischen Hundeverbots (ja, Hunde sind nach einigen Hadithen verpönt, außer Wach- und Jagdhunden). Als eine der Begründungen dieses Verbots führt er den „neuerdings entdeckten“ Hundebandwurm an. Durch Kontakt damit können beim Menschen entsetzliche Abszesse und unheilbare Entzündungen entstehen. Dann fährt er fort:

  • Professor Noeller hat durch post-mortem Untersuchungen an menschlichen Leichen in Deutschland festgestellt, dass die Rate der Infektion mit Hundewürmern mindestens ein Prozent beträgt. In manchen Gegenden wie Dalmatien, Island, Südost-Australien und Holland, wo Hunde als Zugtiere benutzt werden, ist die Rate bei Hunden 12 Prozent. In Island hat man gefunden, dass unter 43 Personen eine Person an Entzündungen durch diesen Wurm leidet. Rechnen wir hierzu noch das menschliche Leid, den Fleischverlust durch infiziertes Vieh und die dauernde Gefährdung der menschlichen Gesundheit durch diese Bandwürmer, dann können wir diesem Problem nicht weiter selbstgefällig gegenüber stehen.  (Übers. Ahmad von Denffer)

Dieser Fall ist leider kein Einzelfall; die „Wissenschaft,“ die von solchen Herren zitiert wird, sieht meistens so aus. Wer, was, wann, wo genau? Das wird nie erwähnt. Stark veraltetes Zeug (der Hund wird in Europa seit ca. 1940 nicht mehr als Zugtier benutzt); nie ein Quellennachweis; hirnrissige Aussagen, wobei nie auch nur ansatzweise versucht wird deren Richtigkeit nachzuprüfen. Schon deshalb sollte man Imame in Deutschland ausbilden. Ohne Abitur kein Theologiestudium. (In Iran ist das Niveau der Schriftgelehrten übrigens erheblich höher.)

Interessant ist noch, dass Qaradāwī in der deutschen Übersetzung Dr. Qaradawi heißt, offensichtlich ohne dass es eine akademische Promotion gegeben hat. Er ist genau so wenig Doktor wie Dr. Oetker, Dr. Best und Herr von und zu.

Diakritische Zeichen: Qaraḍāwī

Siehe auch Leichtgläubig          Zurück zum Inhalt