Der Drache und die Wolken: ein Gottesbeweis

Ein weiteres Fragment aus dem arabischen, überwiegend christlichen Werk Kitāb al-iʿtibār fī al-malakūt von Djibrīl ibn Nūḥ, eine Sammlung von ungefähr hundert teleologischen Gottesbeweisen (arguments from design), wahrscheinlich aus dem neunten Jahrhundert. Hier hatte ich schon mal etwas zu diesem Text erzählt und ein Fragment zum Rüssel des Elefanten präsentiert. Aus demselben Text hatte ich bereits Einträge zur Dummheit von Babys, den Penis des Mannes, die menschliche Stimme, den schreienden Hirsch und die Giraffe veröffentlicht. Bei der Drache ist nicht das Tier selbst Gottesbeweis, sondern der wundersame Schutz, den Gott den Menschen vor ihm bietet:

  • Hast du gehört, was über den Drachen (tinnīn) und die Wolken gesagt wird? Man sagt, dass die Wolken sozusagen angewiesen werden, ihn an sich zu reißen, sobald sie ihn finden, genau wie ein magnetischer Stein (ḥajar al-maghnāṭīs) Eisen an sich reißt. Deshalb streckt ein Drache aus Angst vor den Wolken seinen Kopf nicht aus den Tiefen der Erde heraus und kommt nur gelegentlich heraus, wenn der Himmel klar und wolkenlos ist.
    Warum wurden die Wolken angewiesen, dem Drachen aufzulauern und ihn an sich zu reißen, wenn sie ihn finden, wenn nicht um die Menschheit vor den Schäden zu schützen, die er anrichtet?
    Wenn du nun fragst, warum der Drache überhaupt erschaffen wurde, lautet unsere Antwort: um [den Menschen] Angst einzuflößen und sie einzuschüchtern und als vorbildliche Bestrafung zur rechten Zeit. Er ist mit einer Peitsche zu vergleichen, die in einem Haus hängt um die Bewohner zu erschrecken und die gelegentlich von der Wand genommen wird zur Bestrafung und zur Ermahnung.“1

Der tinnīn ist ein großes Tier aus dem Nahen Osten, das bereits in ugaritischen Texten vorkommt. In der hebräischen Bibel ist תַּנִּין, תַּנִּינִים, tannīn, pl. tannīnīm, ein bösartige und bedrohliche Bestie, groß und meistens im Wasser zu anzutreffen, zum Beispiel ein vielköpfiges Seemonster, manchmal Leviathan genannt (z. B. Jesaja 27: 1), aber es kann auch eine Schlange oder ein Krokodil sein.2
In der griechischen Bibelübersetzung der Septuaginta wird das Wort manchmal mit κήτος, kètos übersetzt, aber meist mit δράκων, drakōn, „Drache“.
Auf Syrisch heißt er ܬܢܝܢܐ tannīnā, pl. tannīnē, was „Drache“ bedeutet, aber auch „Draco“, d. h. die Konstellation dieses Namens. Auch in der syrischen Bibel kommt tannīnā vor, aber ich habe nicht alle Stellen überprüft.

Bei Aristoteles (HA viii) fand ich δράκων, drakōn, nur als Name für eine bestimmte Art von Schlangen, nicht für etwas Größeres. Älian, der römische Tierautor des zweiten Jahrhunderts, kannte große Drachen. In Äthiopien werden ihm zufolge die Bestien bis zu 180 Fuß lang, in Phrygien bis zu 60 Fuß. Sie schnappen ganze Vögel aus der Luft und liegen auf der Lauer um die Schafe abzufangen, die am Abend von der Weide zurückkehren. Unter ihnen richten sie ein Gemetzel an; manchmal nehmen sie auch den Schäfer mit. Eine lustige Lektüre, aber nicht relevant für unseren Text. (Ael. NA ii, 11)

Laut al-Djāḥiẓ, dem arabischen Tierschriftsteller des neunten Jahrhunderts, ist der tinnīn das größte Tier, das es überhaupt gibt.3 Es wurde in Syrien und Bahrein gesichtet. Er erzählt, dass in Anṭākiya (Antiochien) ein Drache aus dem Meer gekommen war, der eine verheerende Spur durch die Region gezogen und das obere Drittel eines Minaretts durch einen Schlag mit seinem Schwanz zerstört hatte.4
Des Weiteren berichtet er von einer ziemlich heftigen Meinungsverschiedenheit über die Frage, ob der tinnīn wirklich existiert: Einige leugneten seine Existenz, andere versicherten, sie hätten tatsächlich einen gesehen.5

Der Kosmograph und Enzyklopädist al-Qazwīnī lebte im 13. Jahrhundert. Seit al-Djāḥiẓ hatte sich das Wissen über den Drachen stark vermehrt. Er schreibt:

  • [Der tinnīn] ist ein Thier von gewaltig grosser Körperform, furchtbarem Anblick, sehr langer und breiter Statur, grossem Kopf, funkelnden Augen, weitem Maule und Bauche, mit zahlreichen Zähnen, das eine unberechenbare Anzahl von Geschöpfen verschlingt und das die Wasserthiere wegen seiner gewaltigen Kraft fürchten” … usw. (Übers. Ethé)6

Auch die Schäden in Anṭākiya waren im Laufe der Jahrhunderte viel größer geworden. Laut al-Qazwīnī hätte das Monster nicht ein Drittel eines Minaretts, sondern zehn Türme der Stadtmauer zerstört! Dieser Autor hat noch mehr Wundersames über den Drachen zu berichten. Es gibt eine lange Geschichte darüber, wie er anfangs ein Landtier war, aber die anderen Landtiere beschwerten sich bei dem Herrn, weil er so viele von ihnen fraß. Dann sandte Gott einen Engel, der ihn aufhob und ins Meer warf. Nach einer Weile hatten die Meerestiere den gleichen Grund, sich zu beschweren „und nun entsendet Gott abermals einen Engel zu ihm, um seinen Kopf aus dem Meere herauszuholen. Da senkt sich eine Wolkenmasse zi ihm herab, tägt ihn mit sich fort und schleudert ihn zu Gog und Magog.“ (Übers. Ethé)7
Auch hier sind es Wolken, mit denen das Monster gezähmt wird. Und es gibt noch ein anderes Fragment mit Wolken:

  • Man sagt ferner: das über ihn zur Aufsicht gestellte Gewölk entrückt ihn, wo immer es ihn erblickt, gerade so wie der Magnetstein das Eisen an sich zieht und entrückt. Er hebt daher seinen Kopf nicht aus dem Wasser empor, aus Furcht vor dem Gewölk, kommt auch nur mitten im Sommer heraus, wenn die Welt heiter und wolkenlos ist. (Übers. Ethé)8

Dies entspricht weitgehend einigen Sätzen aus dem Text von Gibril ganz oben—auf Arabisch noch mehr als in den Übersetzungen. Philologen sind immer froh, so eine Übereinstimmung zu entdecken, denn sie gibt Aufschluss darüber, wie ein Text übertragen wurde und wie die Ideen reisten. Es ist denkbar, dass al-Qazwīnī von Gibrils Text abgeschrieben hat, aber notwendig ist das nicht: Es kann eine Zwischenstufe gegeben haben, oder beide Autoren hatten eine gemeinsame Quelle.

Natürlich zweifelten Seefahrer nicht an der Existenz des tinnīn; sie hatten ja manchmal beängstigende Erfahrungen mit ihm. In einem Text aus dem 9. oder 10. Jahrhundert heißt es:

  • Im Meer soll es riesige, furchterregende Schlangen geben, die tinnīn genannt werden. Wenn mitten im Winter die Wolken über die Meeresoberfläche streichen, erhebt sich der tinnīn aus dem Wasser, weil er unter der Hitze des Meeres leidet, denn im Winter ist das Meerwasser so warm wie ein Kochtopf. Der tinnīn ist in der Kälte der Wolken gefangen, und wenn der Wind sich über die Meeresoberfläche erhebt, steigen die Wolken auf und nehmen ihn mit. Die sich auftürmenden Wolken bewegen sich von einer Seite des Horizonts zur anderen, und wenn sie ihren Regen verloren haben, werden sie zu leichten Staubwolken, die in der Luft schweben und vom Wind zerstreut werden. Der tinnīn hat nichts mehr, was ihm Halt gibt und fällt ins Meer oder aufs Land. Wenn Gott Böses mit einem Volk vorhat, lässt er einen auf ihrem Land los, wo er die Kamele, Pferde, Rinder und Schafe verschlingt und zerstört. Der tinnīn bleibt dort, bis er nichts mehr zu essen findet und stirbt, oder bis Gott die Menschen von ihm befreit.
    Seeleute und Reisende, Kaufleute und Kapitäne haben mir erzählt, dass sie ihn mehrmals über ihren Köpfen vorbeiziehen sahen: schwarz und länglich in den Wolken. Wenn sich die Wolken senken, steigt er bis zur untersten Schicht hinab und lässt manchmal das Ende seines Schwanzes in der Luft hängen. Aber wenn er die Kälte der Luft spürt, bewegt er sich weg, steigt in die Wolke auf und wird unsichtbar. Gepriesen sei Gott, der beste aller Schöpfer!“9

Trombe

ANMERKUNGEN
1.

هل سمعت ما يتحدث به عن التنّين والسحاب؟ فانّه يقال انّ السحاب كالموكل به يختطفه حيث ما ثڤفه كما يختطف حجر المغناطيس الحديد، حتّى صار لا يطلع رأسه من بطن الأرض خوفًا من السحاب، ولا يخرج في الفرط الاّ مرة اذا أصحت السماء فلم تكن فيها نكتة من غيم. فلِم وكِّل السحاب بالتنّين يرصده ويختطفه اذا وجده الاّ ليرفع عن الناس مضرته؟ فان قلت: ولم خُلق التنّين أصلاً؟ قلنا: للتخويف والترهيب والنكال في موضع ذلك. فهو كالسوط المعلَّق يخوّف به أهل البيت وينزل أحيانًا للتأديب والموعظة.

2. Michaela Bauks, Art. ‘Tannin von 2019 in Das Wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex).
3. Al-Djāḥiẓ, Ḥayawān vii: 105.
4. Al-Djāḥiẓ, Ḥayawān iv: 154.

ومِمَّا عظَّمها وزادَ في فَزَع النَّاس منها الذي يرويه أهل الشام وأهْل اْلبَحْرَيْن وأهل أنطاكِيََة وذلك أنِّي رأيتُ الثلث الأعلى من منارة مسجد أنطاكِية أظهرَ جدًَّة من الثلثين الأسفلين فقلت لهم: ما بال هذا الثلثِ الأعلى أجدَّ وأطْرى؟ قالوا: لأنّ تِنِّينًا تَرَفّعَ مِنْ بَحْرنا هذا، فكان لا يمرُّ بشيءٍ إلاّ أهلكه. فمرَّ على المدينة في الهواء محاذيًا لرأس هذه المنارة وكان أعلى ممَّا هي عليه فضربه بذنبهِ ضَرْبًَة حَذفت من الجميع أكثرَ من هذا المقدار فأعادوه بعد ذلك ولذلك اختلفَ في المنْظر.

5. Al-Djāḥiẓ, Ḥayawān iv: 155:

الخلاف في التنين ولم يزل أهل البقاع يتدافعون أمْرَ التِّنِّين ومن العجب أنّكَ تكون في مجلس وفيه عِشروُن رَجُلا فيجري ذكرُ التِّنِّين فينكرهُ بعضهم وأصحاب التثبت يدَّعون العِيان والموضع قريب ومَنْ يعاينهُ كثير وهذا اختلافٌ شديد.

6. Al-Qazwīnī, ‘Adjā’ib 132:

تنين حيوان عظيم الخلقة هائل المنظر طويل الجثة عريضها كبير الرأس براق العينين واسع الفم والجوف كثير الأسنان يبلع من الحيوانات عددا لا يحصى تخافه حيوانات الماء لشدة قوّته … الخ.

7. Al-Qazwīnī, ‘Adjā’ib 132. Gog und Magog woonden ergens in de Kaukasus.

فيبعث الله اليها ملَكا ليخرج رأسها من البحر فيتدلى لها سحاب لها سحاب فيحتملها ويلقيها الى ياجوج وماجوج.

8. Al-Qazwīnī, ‘Adjā’ib 133., Übers. Éthé 272.

ويقال انّ السحاب الموكل به يختطفه حيث ما رآه كما يختطف حجر المغناطيس الحديد، فهو لا يطلع رأسه من الماء خوفًا من السحاب، ولا يخرج في القيظ اذا أصحت السماء..

9. Al-Rāmhurmuzī, ‘Adjā’ib al-Hind, 41-42:

وحدثت أن في البحر حيات يقال له التنين عظيمة هايلة إذا مرت السحاب في كبد الشتاء على وجه الماء خرج هذا التنين من الماء ودخل فيه لِما يجد في البحر من حرارة الماء لان ماء البحر في الشتاء يسخن كالمرجل فيُسجَن هذا التنين ببرودة السحاب فيها وتهبّ الرياح على وجه الماء فترفع السحاب عن الماء ويستقلّ التنين في السحاب وتتراكم وتسير من أفق الى أفق فإذا استفرغت مما فيها من الماء خفّت وصارت كالهباء وتفرّقت وقطعتها الرياح فلا يجد التنين ما يتحامل عليه فيسقط إما في بحر وإما في البر فاذا أراد الله تعالى بقوم شرا أسقطه في أرضها فيبتلع جمالهم وخيلهم وأبقارهم ومواشيهم ويهلكهم ويبقى حتى لا يجد شيئا يأكله فيموت أو يهلكه الله سبحانه عنهم.

BIBLIOGRAPHiE
– Al-Djāḥiẓ, Kitāb al-Ḥayawān, Hrsg und Kommt. ‘Abd al-Salām Muḥammad Hārūn, 7 Bde., Kairo 1938–47.
– Al-Qazwīnī, ‘Adjā’ib: Zakarija Ben Muhammed Ben Mahmud el-Cazwini’s Kosmographie, Herg. Ferdinand Wüstenfeld. Die Wunder der Schöpfung – aus den Handschriften der Bibliotheken zu Berlin, Gotha, Dresden und Hamburg, Göttingen, 1849. Übers. Hermann Ethé, Leipzig 1868.
– Bozorg ibn Shahriyār al-Rāmhurmuzī, ‘Adjā’ib al-Hind, Hrsg. P. A. van der Lith, Leiden 1883–86 (mit französischer Übersetzung).

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Gottesbeweis: Der Schöpfer beugt Inflation vor

🇳🇱 Heute wieder ein Fragment aus dem arabischen, überwiegend christlichen Text Kitāb al-i‘tibār fī al-malakūt von Djibrīl ibn Nūh,1 eine Sammlung von ungefähr hundert teleologischen Gottesbeweisen (arguments from design), wahrscheinlich aus dem neunten Jahrhundert. Siehe zu dem Büchlein hier. Daraus finden Sie in diesem Bluch Fragmente zum Rüssel des Elefanten, zur Dummheit von Babys, zum Penis des Mannes, zur menschlichen Stimme und zum schreienden Hirsch.

Die Fürsorge des Schöpfers für seine Geschöpfe ist auch ersichtlich aus der Knappheit von Edelmetallen. Er hat es den Menschen unmöglich gemacht, diese Metalle selbst herzustellen. Wenn sie das könnten und demzufolge unbegrenzte Mengen Gold und Silber zur Verfügung hätten, würde das Geld wertlos und der Handel damit unmöglich. Davor hat er die Menschheit behütet. In Djibrīls Worten: 

  • Erwäge, wie kostbar Gold und Silber sind und wie die Vernunft der Menschen versagt, wenn sie versuchen [diese Metalle] selbst herzustellen, obwohl sie das sehr gerne möchten und sie sich dazu sehr anstrengen. Wenn sie die Kenntnisse, nach denen sie streben, erlangen würden, würden diese in der Welt unvermeidlich so allgemein bekannt, dass es viel zu viel Gold und Silber geben würde. Deren Preis würde stürzen und sie würden wertlos werden, so dass sie bei Kauf und Verkauf, bei Transaktionen, bei Steuern, die für den Sultan erhoben werden, und im Spartopf für den Nachwuchs keinen Nutzen mehr hätten. Es ist dem Menschen aber gegeben, Messing herzustellen aus Kupfer, Sand aus Glas und mehr solche Sachen, die nicht schaden können. Man sieht also, dass Menschen mit Sachen, die ihnen unschädlich sind, frei walten dürfen, was ihnen aber bei Stoffen, die ihnen schädlich wären, wenn sie sie erhielten, verwehrt bleibt.1

Nicht nur die Herstellung von Edelmetallen ist dem Menschen verwehrt worden, auch deren Gewinnung in Gruben u.dgl. bleibt beschränkt, obwohl die Vorkommen riesig sind:

  • Grubenarbeiter haben uns erzählt, dass sie einmal sehr tief in eine bestimmte Grube vordrangen und an eine Stelle kamen, wo sie etwas wie Berge aus Silber sahen. Aber vor der Stelle strömte ein gewaltiger, bodenlos tiefer Fluss mit einer starken Strömung, den sie unmöglich überqueren konnten. Später kehrten sie zurück um diese Stelle zu suchen, aber sie konnten sie nicht wiederfinden und gingen enttäuscht zurück.
    Erwäge jetzt den Entwurf des Schöpfers. Er wollte seinen Knechten seine Allmacht und den Umfang seiner Schätze zeigen, um sie wissen zu lassen, dass er, wenn er ihnen Berge Silber schenken wollte, dazu fähig wäre. Aber das wäre nicht gut für sie, denn wie gesagt: Das Metall würde unter den Menschen an Wert einbüßen und von wenig Nutzen sein. Nehmen wir zum Beispiel an, dass unter den Gefäßen oder anderen Gegenständen, die Menschen herstellen können, etwas Außerordentliches entsteht. So lange es ungewöhnlich und selten bleibt, wird es teuer sein und seinen Preis behalten, aber wenn es in Überfluss zur Verfügung kommt, wird der Wert sinken und der Preis wird abstürzen. Hierin liegt die Bestätigung von dem, was jemand einmal sagte: „Die Kostbarkeit von Sachen hängt von ihrer Knappheit ab.“ 2

Dem Autor, der im Irak zu Hause war, war offensichtlich die Mär verborgen geblieben, dass im westafrikanischen Ghāna3 das Gold überhaupt nicht knapp sei. Das Land war nämlich für seine wahrhaft legendären Goldvorkommen bekannt; es war gleichsam das Eldorado Afrikas. Das Gold wuchs dort an Pflanzen: „Gold wächst im Sande dieses Landes wie Karotten; bei Sonnenaufgang wird es gepflückt.“ 4 Nun, in Ghāna war es nicht der Schöpfer, sondern ein weiser König, der der Inflation vorbeugte: „Die Goldklumpen, die in allen Gruben des Landes gefunden werden, sind für den König reserviert. Er lässt nicht zu, dass sie aus seinem Land in ein anderes gehen. Die Klumpen können von einer Unze bis zu einem Pfund wiegen. Nur Staubgold lassen sie aus dem Land heraus. Wenn sie alles, was in den Gruben gefunden wird, herausließen, würde zu viel Gold in die Hände der Menschen geraten und es würde seinen Wert verlieren.“ 5

Dieser König war nicht der einzige: Viele Fürsten haben ihre Schatzkammern voll geladen und später machte die Kirche dasselbe, zum Beispiel in Spanien, wo viel neues Gold aus Amerika nicht auf den Markt kam, sondern in Gestalt teurer kirchlicher Kunst „unschädlich“ gemacht wurde. Alles eingedenk der Grundregel der Ökonomie: „Die Kostbarkeit von Sachen hängt von ihrer Knappheit ab.“

ANMERKUNGEN:
1. Auch als Dalāʾil al-i‘tibār bekannt. Das Büchlein wird oft al-Djāḥiẓ (ca. 776–869) zugeschrieben. Die erste (unkritische) Ausgabe erschien 1928 in Aleppo. Ich habe verschiedene Handschriften benutzt; Einzelheiten behalte ich noch für mich.

ثم فكر‏ في‏ عزة الذهب والفضّة‏ وقصور حيلة‏ الانس عمّا حاولوا من‏ صنعتهما على حرصهم واجتهادهم في‏ ذلك‏. ‏ فإنهم لو ظفزوا بما حاولوا من هذا العلم‏ كان لا محالة‏ سيظهر ويستفيض في‏ العالم حتّى‏ يكثر‏ الذهب والفضة‏ ويسقط عند الناس فلا تكون لهما قيمة ويبطل الانتفاع بهما في‏ الشراء والبيع والمعاملات والاتاوة‏ التي‏ تُجبَى الى السلطان والذخر‏ الذي‏ يذخر للأعقاب‏. وقد أعطي‏ الناس مع هذا صنعة‏ الشبه من النحاس والزجاج من الرمل وما أشبه ذلك مما لا مضرّة فيه‏. فانظر كيف أعطوا ارادتهم فيما لا‏ ضرر عليهم فيه ومنعوا ذلك فيما كان ضارّاً‏ ‏ لهم لو نالوه‏.

2.

أخبرنا أناس ممن يزاول المعادن أنّهم‏ أوغلوا في‏ بعضها فانتهوا الى موضع رأوا فيه أمثال الجبال من الفضّة،‏ ومن دون ذلك وادٍ‏ عظيم‏ يجري‏ منصلتًا بماء‏ غزير لا يدرك‏ غوره‏ ولا حيلة في‏ عبوره‏. ثم عادوا‏ يطلبونه فلم‏ يقفوا عليه فانصرفوا آسفين‏.
‏ ففكِّر الآن في هذا من تدبير الخالق‏. فانّه‏ جل ثناؤه أراد أن‏ يري‏ العباد قدرته وسعة خزائنه ليعلموا أنّه لو شاء أن‏ يمنحهم كالجبال من الفضّة لفعل،‏ ولكنه لا صلاح لهم في‏ ذلك،‏ لأنّه كان‏ يكون كما ذكرنا‏ بسقوط هذا الجوهر عند الناس وقلّة انتفاعهم به‏. واعتبر ذلك بأنّه قد‏ يظهر الشيء الطريف مما يُحدثه الناس من الأواني‏ والأمتعة‏. فما دام عزيزًا قليلاً‏ فهو نفيس جليل‏ آخذ للثمن،‏ فاذا فشا وكثر في‏ أيدي‏ الناس سقط عندهم وخست‏ ‏ قيمته‏. وفي‏ هذا مصداق قول القائل‏ انّ‏ نفاسة الأشياء من عزتها‏.

3. Dieses historische Ghāna lag weit nordwestlich des modernen Ghana, ungefähr im heutigen Mali. Es muss ein mächtiges Reich gewesen sein.
4. Yāqūt ibn ‘Abdallāh al-Ḥamawī, Mu‘djam al-buldān, Hrsg. Ferdinand Wüstenfeld, 6 Bde., Leipzig 1866–73, i, 822:  قال اين الفقيه: والذهب ينبت في رمل هذه البلاد كما ينبت الجزر وإنه يقطف عند بروغ الشمس . Dass diese Goldpflanzen heutzutage nicht mehr vorkommen, liegt merkwürdigerweise an der Islamisierung des Gebiets, „… for in Ghana and beyond it to the south are the places where gold grows and it has been found by experience that whenever the gold-plant land is taken and Islam and the call to prayer become widespread there the gold plant disappears from it.“ (al-‘Umarī, Al-ta‘rīf, Kairo 1894, 27,6; wohl besser in al-Droubi, A critical edition; beide Ausgaben des arabischen Texts jedoch nicht zur Verfügung; für den Augenblick zitiert aus Corpus of early Arabic sources, 276.)
5. K. al-istibṣār 221:

أخبرنا أناس ممن يزاول المعادن أنّهم‏ أوغلوا في‏ بعضها فانتهوا الى موضع رأوا فيه أمثال الجبال من الفضّة،وإذا وجد في جميع معادن بلاد هذا الملك الندرة من الذهب اصطفاها الملك لنفسه ولم يتركها تخرج من بللده لغيره. و الندرة تكون من أوقية إلى رطل وإنما يتركون أن يخرج من بلادهم من الذهب ما كان رقيقًا، ولو تركوا كل ما يوجد في المعادن يخرج من بلادهم لكثر الذهب بأيدي الناس ولهان.

BIBLIOGRAFIE:
Corpus of early Arabic sources for West African History, Übers. und Hrsg. J.F.P Hopkins & N. Levtzion, Cambridge [1981].
– Djibrīl ibn Nūḥ [=Ps.-Djahiz], Dalā’il al-i‘tibār ʿalā l-khalq wa al-tadbīr, Hrsg. Rāghib al-Ṭabbākh al-Ḥalabī,Aleppo 1928.
– N.N., Kitāb al-istibṣār fī ‘adjāʾib al-amṣār: waṣf Makka wa-‚l-Madina wa-Miṣr wa-bilād al-Maghrib, li-kātib Marrākushī min kuttāb al-qarn as-sādis al-hidjrī (12 m.), Übers. und Kommt. Sa‘d Zaghlūl ‘Abd al-Ḥamīd, A̓lexandrien 1958.
– Al-‘Umarī: Shihāb al-Dīn Ibn Faḍl Allāh al-‘Umarī, Al-ta‘rīf bil-muṣṭalaḥ al-sharīf, Kairo 1894.
– Al-‘Umarī: Al-Droubi, Samīr, A critical edition of and study on Ibn Faḍl Allāh’s manual of secretaryship „al-Ta‘rīf bil-muṣṭalaḥ al-sharīf“, al-Karak 1992.

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Der schreiende Hirsch als Gottesbeweis

Mosaikmuseum Istanbul Foto Dick Osseman

Mosaikmuseum Istanbul
Foto Dick Osseman

Ein fünftes Fragment aus dem arabischen, überwiegend christlichen Text Kitāb al-i‘tibār fī al-malakūt von Djibrīl ibn Nūh,1 eine Sammlung von ungefähr hundert teleologischen Gottesbeweisen (arguments from design), wahrscheinlich aus dem neunten Jahrhundert. Siehe zu dem Büchlein hier. Daraus finden Sie in diesem Bluch Fragmente zum Rüssel des Elefanten, zur Dummheit von Babys, zum Penis des Mannes und zur menschlichen Stimme—alles Gottesbeweise, versteht sich. Heute kommt der Hirsch an die Reihe.

  • „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir,“

heißt es in der Bibel, in Psalm 42:1. Warum ist der Hirsch so durstig; warum schreit er oder lechzt er, in anderen Übersetzungen? Die Bibel erklärt den Durst des Tieres nicht. Im hebräischen Original betrifft es ein Weibchen, eine Ricke. Das Schreien kann also nicht Röhren sein.

Im Buch des Djibrīl ibn Nūh wird ein durstiger Hirsch als Gottesbeweis angeführt:

  • Es wird gesagt, dass ein Hirsch, wenn er Schlangen frisst, danach sehr durstig wird, aber trotzdem kein Wasser trinkt, aus Angst, dass das Gift in seinen Körper kriechen und es töten würde. Er steht also beim Tümpel, von Durst gequält und laut schreiend, aber ohne zu trinken, bis es weiß, dass das Gift zerstreut ist und das Gegessene verdaut ist; erst dann trinkt er. Betrachte, was in der Natur dieses Tieres angelegt worden ist: wie es einen übermächtigen Durst aushält, aus Angst sich durch Trinken Schaden zuzufügen. Dazu kann sich sogar ein vernunftbegabter Mensch kaum zwingen.1

Der Hirsch ist ein Gottesbeweis, weil er sich in einer Lage, in der Trinken schädlich oder gar tödlich wäre, so gut beherrschen kann. Der Autor ist sich sicher, dass das Tier seine Selbstkontrolle mittels einer natürlichen Veranlagung von einem intelligenten Schöpfer empfangen hat.

Hirsche sind heutzutage als pflanzenfressende Wiederkäuer bekannt, aber in der Antike meinten manche Leute tatsächlich, dass sie gerne Schlangen fressen und diese sogar jagen. So schrieb der Römer Älian (Claudius Aelianus; ± 170–222) auf Griechisch ein ziemlich dickes Tierbuch, in dem er viel Aufmerksamkeit richtet auf Tierfeindschaften und auf unwahrscheinliche Kämpfe zwischen Tierarten, wie sie heutzutage bei Youtube wieder populär sind. Er weiß:

  • Ein Hirsch besiegt eine Schlange durch eine außerordentliche Gabe der Natur. Auch die gemeinste Schlange in ihrer Höhle entwischt ihm nicht: Der Hirsch setzt seine Nasenlöcher an den Eingang [der Höhle] der gefährlichen Bestie und bläst darin aus aller Macht, bis er sie mit dem Zauber(?) seines Atems herauszieht; sobald sie ihren Kopf herausstreckt, fängt er an sie zu fressen. Vor allem im Winter machen Hirsche das.
    Es ist sogar vorgekommen, dass jemand das Horn eines Hirschs zu Pulver vermahlen und dann ins Feuer geworfen hat und dass der aufsteigende Rauch die Schlangen aus der ganzen Umgebung vertrieben hat; sogar der Geruch ist ihnen unerträglich.2

Das mit dem Winter ist vorstellbar, weil Schlangen dann wegen der Kälte sehr passiv sind oder sogar Winterschlaf halten. Alles andere entspricht nicht dem, was die moderne Biologie zum Hirsch mitzuteilen hat.

Etwas älter ist der griechische Physiologus, aus dem zweiten Jahrhundert: ein christliches Tierbuch, das der vornehme Heide Älian als minderwertig betrachtet haben dürfte. Aber offensichtlich waren Texte über Tiere, gerne auch über kämpfende Tiere, zu der Zeit überall gängig. Hier das Fragment zum Hirsch:

  • David sagt [Ps. 41:2]: „Wie der Hirsch nach dem Wasserquell verlangt, so verlangt meine Seele nach dir, o Gott.“ Der Physiologus sagte vom Hirsch, er sei der Todfeind der Schlange. Wenn die Schlange vor dem Hirsch in die Erdspalten flieht, geht der Hirsch hin und füllt seinen Bauch mit Quellwasser und speit es in die Erdspalten; so schwemmt er die Schlange herauf und zerstritt und tötet sie.
    So hat auch unser Herr die große Schlange, den Teufel, mit himmlischen Wassern getötet, die er als göttliches Wort voll trefflicher Weisheit in sich trug; die Schlange nämlich kann Wasser nicht ertragen, ebenso wenig wie der Teufel göttliche Worte. [… folgt noch mehr Erbauliches und dann:]
    Wenn man nämlich Haare vom Hirsch im Haus hat oder jemand einen Knochen von ihm verbrennt, wirst du niemals die Witterung oder Spur einer Schlange merken. Denn wenn sich die Furcht Christi in deinem Herzen findet, wird niemals ein schlimmes Gift zu deinem Herzen aufsteigen. (Übers. Schönberger)3

Wie immer gibt der Physiologus seinen Tiergeschichten eine fromme Wendung. Allgemeinbildung oder interessante Fakten interessieren ihn erst, wenn er sie christlich deuten kann.
Das Wasser ist also jetzt da, aber die Verbindung zwischen Schlangenfressen und Durst noch nicht. Die finden wir in der syrischen4 Fassung des Physiologus, die die Araber eher zur Hand gehabt haben dürften als die griechische oder lateinische. Diese Fassung hat in großen Zügen denselben Text wie die weiter oben, einschließlich der Schlangen verscheuchenden Wirkung von verbranntem Hirschhorn, hat aber noch eine Ergänzung, die den Durst des Tiers erklärt:

  • Wenn ein Hirsch eine Schlange frisst, so fängt er bei dem Schwanze an, sie zu fressen, und nimmt sie ganz in seinen Schlund, ihren Kopf aber legt er in seinem Munde zurecht, und so zerbeißt und verschlingt er sie; weil aber der Kopf der Schlange in seinem Gaumen steckt, so speit sie viel Galle aus in seinen Mund, und so, aus diesem Grunde, wird er durstig und schreit nach dem Wasserteiche. (Übers. Ahrens)5

Auch bei dem berühmten Prosaisten und Tiergeschichtenschreiber al-Djāhiz (ca. 776–869), der Muslim war, gibt es einen deutlichen Zusammenhang mit dem Psalmvers. Er zitiert ihn sogar, wenn auch in einer sehr korrupten Fassung:

  • Der Prophet David sagt in den Psalmen: „Meine Sehnsucht nach dem Messias ist wie die eines Hirschs, wenn er Schlangen frisst.“ [Wenn er das tut,] wird er nämlich durch einen großen Durst überwältigt. Man sieht ihn um das Wasser herumgehen, aber vom Trinken wird er abgehalten durch sein Wissen, dass das sein Untergang sein würde. Denn das Gift würde in das Wasser strömen und in Körperöffnungen geraten, die nicht für die Nahrungsaufnahme bestimmt sind. Der Hirsch weiß das nicht aus früherer Erfahrung; nein, [die Kenntnis] existiert schon, wenn er zum ersten Mal Schlangen frisst.6

Hier ist der Ablauf ein etwas anderer, aber es ist offensichtlich, dass Djibrīls Gottesbeweis aus einer langen literarischen Tradition schöpfen konnte.

Wie landeten die Schlangen überhaupt auf dem Menü der Hirsche, schon im 2. Jahrhundert? Liegt ein korrupt überlieferter oder falsch verstandener Text aus der Antike zu Grunde? Oder eine eigenartige Bibelexegese? Nein; die hätte der Heide Älian nicht gekannt. Hat jemand vielleicht den Hirsch mit einer anderen Tierart verwechselt? Oder ist einfach die Fantasie mit jemandem durchgegangen, wie beim Basilisk und beim Einhorn?

Es gibt noch etliche andere Texte aus der späten Antike und aus frühislamischer Zeit, die nach schlangenfressenden Hirschen durchsucht werden könnten, aber für einen ersten Eindruck reicht es erst mal. Das Interessante an solchen Texten ist, dass sie zeigen, was die Menschen durch die Jahrhunderte einander weisgemacht haben, wie ihr Gedankengut durch die Kulturen reiste und manchmal tausend Jahre überlebte. Von Babylonien und dem alten Persien nach Athen und  Rom, über die syrische Sprache und Pahlavi ins Arabische und Neupersische des Nahen Ostens; von dort später oft nach Europa. Noch Hildegard von Bingen meinte, dass mit Weihrauch verbranntes Hirschhornpulver die Luftgeister und die „bösen Würmer“ vertreibe. Es ist eine Zivilisation; werden wir sie die westliche Zivilisation nennen?

Auch veröffentlich in zenith, 04/2015.

NACHSCHRIFT: Eine Spezialistin für antike und arabische Tiere weist mich auf Aristoteles, Historia animalium viii (ix) 611b20 hin: Wenn ein Hirsch von einer giftigen Spinne (φαλάγγιον) gebissen wird, geht er Krabben fangen und frisst die als Gegengift.
Ich meinte immer, dass Älian und der Physiologus Autoren der zweiten, wenn nicht der dritten Garnitur seien, während ich für große Denker und Gelehrte wie Aristoteles eine große Ehrfurcht behielt. Diese Ehrfurcht wird jetzt etwas weniger.

ANMERKUNGEN:
1. Auch als Dalāʾil al-iʿtibār bekannt. Das Büchlein wird oft al-Djāḥiẓ (ca. 776–869) zugeschrieben. Die erste (unkritische) Ausgabe erschien 1928 in Aleppo.

فقد‏ يقال انّ‏ الأيّل يأكل‏ الحيّات،‏‏ فيعطش‏ عطشًا شديدًا ويمتنع من شرب الماء خوفًا من أن‏ يدبّ‏ السم في جسمه فيقتله‏. وانه‏ ليقف على الغدير وهو مجهود عطشًا فيعجّ‏ عجيجًا‏ عاليًا ولا‏ يشرب منه‏ حتّى‏ يعلم أنّ‏ السمّ‏ قد تفرق‏ ‏ وانّ‏ الذي‏ أكل قد انهضم وحينئذ‏ يشرب‏. ‏ فانظر الى ما جُعل‏ ‏ في‏ طباع هذه البهيمة من الصبر على الظمأ الغالب خوفًا من المضرّة في‏ الشرب‏. وذلك‏ ما لا‏ يكاد الانسان العاقل أن‏ يضبطه من نفسه‏.

2. Aelianus, Nat. anim. ii, 9: Ἒλαφος ὂφιν νικᾷ, κατά τινα φύσεως δωρεὰν θαυμαστήν· καὶ οὐκ αυτὸν διαλάθοι ἐν τῷ φωλεῷ ὤν ὁ ἔχθιστος, αλλὰ προσερείσας τῇ καταδρομῇ τοῦ δακετοῦ τοὺς ἑαυτοῦ μυκτῆρας βιαιότατα ἐσπνεῖ, καὶ ἓλκει ὡς ἴυγγι τῷ πνεύματι, καὶ ἂκοντα προάγει, καὶ προκύπτοντα ἀυτὸν ἐσθίειν ἂρχεται· καὶ μάλιστά γε διὰ χειμῶνος δρᾷ τοῦτο. ἢδη μέντοι τις καὶ κέρας ἐλάφου ξέσας, εἶτα το ξέσμα ἐς πῦρ ἐνέβαλε, καὶ ὁ καπνὸς ἀνιῲν διώκει τοὺς ὂφεις πανταχόθεν, μηδὲ τὴν ὀσμὴν ὑπομένοντας.
3. Physiologus, S. 48, Nr. 30: Ὁ μὲν Δαυὶδ λέγει· «ὃν τρόπον ἐπιποθεῖ ἡ ἒλαφος ἐπὶ τὰς πηγὰς τῶν ὑδάτων, οὓτως ἐπιποθεῖ ἡ ψυχή μου πρὸς σέ, ὁ Θεός». ὁ Φυσιολόγος ἒλεξε περὶ τῆς ἐλάφου ὃτι ἐχθρὰ τοῦ δράκοντός ἐστι πάνυ. ἐὰν φύγῃ ὁ δράκων ἀπὸ τῆς ἐλάφου εἰς τὰς ῥαγάδας τῆς γῆς, πορεύεται ἡ ἒλαφος καὶ ἐμπιπλᾷ τὰ ἀγγεῖα αὑτῆς πηγαίου ὓδατος καὶ ἐξεμεῖ ἐπὶ τὰς ῥαγάδας τῆς γῆς, καὶ ἀναφέρει τὸν δράκοντα καὶ κατακόπτει αὐτὀν καὶ ἀποκτείνει.
4. Bei syrisch denke man nicht an das moderne Syrien, wo Arabisch gesprochen wird. Syrisch ist eine aramäische, also semitische Sprache, die heute nur noch wenige Sprecher hat, aber in den ersten Jahrhunderten n. Chr. im Nahen Osten weit verbreitet war. Unzählige meist christliche Schriften in Syrisch sammeln in Bibliotheken Staub an, obwohl man sie für eine verantwortungsvolle Geschichtsschreibung eigentlich lesen sollte.
5. Physiologus Syrus, Nr. 17. Syrisch kann ich nicht tippen; der eine Leser, der das Original sehen will, möge sich zur UB begeben oder den Text aus dem Internet herunterladen.
6. Al-Ǧāḥiẓ, Ḥayawān vii, 29–30:

ومن هذا الباب الذي ذكرنا فيه صِدق إحسان الحيوان ثم اللاتي يضاف منها الى المُوق وينسب الى الغثارة. قال داود النبي عليه السلام في الزبور: شوقي إلى المسيح مثل الأيل إذا أكل الحيات. [والأيل إذا أكل الحيات] فاعتراه العطش الشديد تراه كيف يدور حول الماء ويحجزه من الشرب [منه] علمه بأن ذلك عطبه، لأن السموم حينئذ تجري مع [هذا] الماء، وتدخل مداخل لم يكن ليبلغها الطعام بنفسه. وليس علم الأيل بهذا كان عن تجرية متقدمة، بل هذا يوجد في أول مل يأكل الحيات وفي آخره.

Auch in Ḥayawān iv, 166 nennt al-Ǧāḥiẓ den Hirsch unter den schlangenfressenden Arten: وتأكل الحياتَ العقبان والأيائل والأراويّ والأوعال والسنانير والشاهمرك والقنفذ. „Adler, Hirsche, Bergziegen und -böcke, Katzen, der Stelzenläufer (? shāhmurk) und der Igel.“

BIBLIOGRAFIE:
– Claudius Aelianus, Περὶ ζῴων ἰδιότητος – De natura animalium: On animals, 3 dln., Übers. A.F. Scholfield, Harvard 1958–9 (Loeb Classical Library 446, 448, 449).
Physiologus, Griechisch/Deutsch, uitg. en vert. Otto Schönberger, Reclam Buch 18124, 2018.
Physiologus syrus: Ketobó dakjonojotó. Das ‘Buch der Naturgegenstände’, Hrsg. und Übers. K. Ahrens, Kiel 1892.
– Al-Ǧāḥiẓ, Kitāb al-Ḥayawān, Hrsg u. Kommt. ʿAbd al-Salām Muḥammad Hārūn, 7 Bde., Kairo 1938–47.

Diakritische Zeichen: Ǧibrīl ibn Nūḥ, al-Ǧāḥiẓ, šāhmurk

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Die Stimme: Gottesbeweis mit Dudelsackvergleich

Wieder ein Fragment aus dem arabischen, überwiegend christlichen Text Kitāb al-iʿtibār fī al-malakūt,1 eine Sammlung von ungefähr hundert teleologischen Gottesbeweisen (arguments from design), wahrscheinlich aus dem neunten Jahrhundert. Siehe zu dem Büchlein hier. Daraus finden Sie in diesem Bluch schon Fragmente zum Rüssel des Elefanten, zur Dummheit von Babys und sogar zum Penis des Mannes—alles Gottesbeweise, versteht sich.

Dieser Text handelt von der menschlichen Stimme als Gottesbeweis. Die genaue Fundstelle behalte ich noch einige Zeit für mich.

  • Betrachte mal die Sprechorgane und die Sprache des Menschen. Der Hals ist wie das Artikulationsrohr, durch das die Stimme nach außen kommt; die Zunge, die Lippen und die Zähne dienen zur Bildung der Sprechlaute und der Melodie. Es ist bekannt, dass Menschen, die ihre Zähne nicht mehr haben, das s nicht produzieren können; jemand mit einer unvollständigen Lippe kann das f nicht richtig bilden und wer eine schwere Zunge hat, kann das r nicht klar aussprechen.
    Die Alten haben das Austreten der Stimme in schöner Manier mit dem Ton des Dudelsacks (al-mizmār al-a‘ẓam) verglichen, nämlich die Kehle mit dem Rohrblatt, die Lungen mit dem Luftsack, der von unterhalb aufgeblasen wird, und die Muskeln, die die Lungen zusammendrücken um die Stimme durch die Kehle austreten zu lassen, mit den Händen, die den Luftsack zusammendrücken um die Luft herauszupressen. Die Lippen und die Zähne, die die Sprachlaute bilden, haben sie mit den Fingern verglichen, die unterschiedliche Positionen auf der Spielpfeife (fam) des Dudelsacks einnehmen, sodass sein Ton Melodien bilden kann.
    Wenn auch das Austreten der Stimme zwecks Erklärung und Unterrichtung mit einem Dudelsack verglichen werden kann, in Wirklichkeit sollte es umgekehrt sein. Denn der Dudelsack ist künstlich, die Stimme dagegen ist natürlich, und es ist das Künstliche das das Natürliche nachahmt. Aber weil das Künstliche sichtbarer und beim großen Publikum besser bekannt ist, ist man dazu gekommen die Verrichtungen der Natur mit denen des Kunstprodukts zu vergleichen, um sie verständlicher und bekannter zu machen.
    Wenn man etwas Künstliches wegen der Genauigkeit und der Weisheit, mit denen es die Natur nachahmt, schon bewundern kann, wie viel mehr Bewunderung verdienen dann die Natur un ihre verfeinerte Verrichtungen. Und wenn der Zufall nicht mal die Produkte des Künstlichen bewirken kann, dann erst recht nicht die der Natur.

Meistens folgt solchen Beispielen noch die rhetorische Frage: „Ist so etwas schönes wirklich auf Zufall zurückzuführen oder steckt doch ein intelligenter Entwerfer dahinter?“ Hier wird der Gottesbeweis nicht ausgearbeitet; die Erwähnung des Zufalls im letzten Satz ist das Einzige, das darauf hinweist.

Von den „Alten,“ die der Text als Quelle anführt, ist einer bekannt. Es ist der nestorianische Kirchenvater Theodoret von Kyrrhos (± 393–460). Sein Περί Πρόνοιας λόγοι δέκα (De providentia orationes decem) enthält einen Vorläufer unseres Textes. Wer diese Webseite liest, wird auch Englisch beherrschen; deshalb mute ich Ihnen gerne die Übersetzung von Halton zu:2

  • 4. [Voice Production Has Affinities With Organ Playing] You, then, who have the gift of speech and dishonor the One who so honors you, consider how the lungs resemble bellows, which the muscles surrounding the thorax press upon, corresponding to the action of the feet in organ blowing, causing it to contract and expand. This transmits the breath through the windpipe, and when compressed, opens the epiglottis and is borne through the throat to the mouth. Speech, then, manipulates the teeth like so many bronze reeds with the tongue and makes them run up and down and glide without effort and with perfect ease.
    5. The salivary gland also helps to facilitate this movement, resembling, as it does, a fount gushing forth moisture. When the constant movement parches the tongue, it needs saliva in moderation to moisten it, make it smooth, and give it freedom of movement. This is how articulate voice comes about: When speech comes in contact with the teeth by means of the tongue, and breath is exhaled, as I have said, and the lips contract, and the air is smitten harmoniously by the emission of the breath, the exhaled breath becomes the vehicle of speech while nature expels the smoky substance as superfluous.

Bei Theodoret ist von einem Dudelsack nicht die Rede, sondern von einer Orgel! In Persien, wo der arabische Text (oder sein syrischer oder pahlavi Vorgänger) entstanden ist, waren Orgel nicht bekannt, so dass der Herausgeber bzw. Übersetzer sich etwas einfallen lassen musste. Sein Versuch der Adaption ist gelungen und bewundernswert.

ANMERKUNGEN
1. Auch als Dalāʾil al-iʿtibār bekannt. Das Büchlein wird oft al-Djāḥiẓ (gest. 868) zugeschrieben. Die erste (unkritische) Ausgabe erschien 1928 in Aleppo.

فكر في‏ آلات الصوت والكلام في‏ الانسان‏. فالحنجرة كالأنبوب لخروج‏ الصوت واللسان والشفتان والأسنان لصياغة الحروف‏ والنغم‏. ألا ترى أنّ‏ من سقطت أسنانه لم‏ يقِم السين ومن نقصت شفته لم‏ يصحّح‏ الفاء،‏ ومن ثقل لسانه لم‏ يفصح‏ الراء. فما أحسن ما مثّل الأوّلون فانّهم شبّهوا مخرج الصوت بالمزمار‏ الأعظم فشبّهوا الحنجرة بقصبة المزمار،‏ وشبّهوا الرئه بالزق الذي‏ ينفخ به من تحته ليدخله الريح،‏ وشبّهوا‏ العضلات التي‏ تقبض على الرئة‏ ليخرج الصوت من الحنجرة‏ بالأكفّ‏ التي‏ تقبض على الزق حتى‏ تجري‏ الريح في‏ المزمار‏. وشبّهوا الشفتين والأسنان التي‏ تصوغ‏ الصوت حروفًا ونغمًا بالأصابع التي‏ تختلف على فم المزمار فيصوغ‏ صفيره ألحانًا‏. غير أنّه وان كان مخرج الصوت‏ يشبه‏ بالمزمار للدلالة والتعريف فانّ‏ المزمار بالحقيقة هو المشبّه بمخرج الصوت،‏ لأنّ‏ المزمار صناعي‏ والصوت طبيعي‏ والصناعة هي‏ التي‏ تحكي‏ الطبيعة‏. ولكنه لما كانت الصناعة أظهر وأعرف عند العامّة من الطبيعة‏‏ صارت أفعال الطبيعة تمثل بأفعال الصناعة‏ لتفهم ويوقف عليها‏. فاذا كانت الصناعة‏ التي‏ قد يتعجّب من اللطف‏ والحكمة فيما‏ تحكي الطبيعة‏ فبالحرى أن‏ يتعجّب من الطبيعة ولطف أفعالها‏. ولئن كان الاهمال‏ يضعف عمّا تأتي‏ به الصناعة لهو عمّا تأتي‏ به الطبيعة أضعف‏.

2. Die englische Übersetzung: Theodoret of Cyrus On Divine Providence, translated and annotated by Thomas Halton, New York/Mawjah NJ, 1988, 34–35. Es lohnt zich Theodoret mal ganz zu lesen. Für die Liebhaber des ursprünglichen griechischen Textes: Das Fragment steht in Migne, Patrologia Græca 83, col. 583:
Ἀρκεῖ δὲ καὶ τοῦτο μόνον τὸ μόριον δεῖξαι τοῦ πεποιηκότος, οὐ τὴν σοφίαν μόνον, ἀλλὰ καὶ τὴν ἄπλητον φιλανθρωπίαν. Ὀργάνῳ γὰρ ἔοικεν ἀπὸ χαλκῶν συγκειμένῳ καλάμων, καὶ ὑπ‘ ἀσκῶν ἐκφυσουμένῳ, καὶ κινουμένῳ ὑπὸ τῶν τοῦ τεχνίτου δακτύλων, καὶ ἀποτελοῦντι τὴν ἐναρμόνιον ἐκείνην ἠχήν. Ἀλλ‘ οὐχ ἡ φύσις παρὰ τῆς τέχνης, ἡ τέχνη δὲ παρὰ τῆς φύσεως ἐδιδάχθη τῆς τερπνῆς ἐκείνης ἠχῆς τὸ μηχάνημα· ἀρχέτυπον γὰρ τῆς τέχνης ἡ φύσις, ἴνδαλμα δὲ τῆς φύσεως ἡ τέχνη.
Ἄθρει τοιγαροῦν ὁ λόγου μὲν τετυχηκὼς, ἀτιμάζων δὲ τῇ τιμῇ τὸν τιμήσαντα, πῶς ὑπόκειται μὲν ὁ πνεύμων δίκην ἀσκοῦ, ἀποθλίβουσι δὲ αὐτὸν, οὐ πόδες ἀνθρώπου, ἀλλ‘ οἱ περικείμενοι τῷ θώρακι μύες, συστέλλοντες αὐτὸν καὶ διαστέλλοντες. Ἀναπέμπει δὲ οὑτοσὶ διὰ τῆς τραχείας ἀρτηρίας τὸ πνεῦμα, τὸ δὲ συνωθούμενον, ἀνοίγει μὲν τὴν ἐπιγλωττίδα, φέρεται δὲ διὰ τοῦ φάρυγγος ἐπὶ τὸ στόμα. Ὁ δὲ λόγος, τῆς γλώττης οἷόν τινος δεξιᾶς ἐπειλημμένος, ταύτην τοῖς ὀδοῦσι καθάπερ τοῖς χαλκοῖς ἐκείνοις προσφέρει καλάμοις, καὶ ἄνω καὶ κάτω διαθέειν καὶ διολισθαίνειν εὐπετῶς καὶ μάλα ῥᾳδίως κατασκευάζει· […] κτλ

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Der Penis als Gottesbeweis

Wieder mal ein Fragment aus dem arabischen, überwiegend christlichen Text Kitāb al-i‘tibār fī al-malakūt,1 eine Sammlung von ungefähr hundert teleologischen Gottesbeweisen (arguments from design), wahrscheinlich aus dem 9. Jahrhundert. Ich hatte hier schon mal etwas zu diesem Text erzählt und ein Fragment zum Rüssel des Elefanten präsentiert. Ein Fragment zur Dummheit von Babys steht hier.

Heute ein Text zum Penis des Mannes:

  • Verflucht seien Epikur und seinesgleichen, denn ihre Herzen sind so blind für diese wunderbare Schöpfung, dass sie deren Entwurf und Zweckmäßigkeit verneinen.
    Wenn das Geschlechtsteil eines Mannes immer schlaff wäre, wie könnte es je den Boden der Gebärmutter erreichen um den Samentropf dort ansässig zu machen? Andererseits, wenn es immer erigiert wäre, wie könnte ein Mann sich dann im Bett umdrehen, oder unter den Menschen herumgehen mit so einem steifen Ding vor sich? Abgesehen davon, dass es hässlich aussähe, es würde ständig Lust wecken unter sowohl Männern als auch Frauen. Das triebe sie dazu ständig miteinander zu schlafen, was auf Dauer zu ihrem Untergang führen würde. Deshalb ist es so vorgesehen, dass es meist schlaff herunterhängt, so dass es nicht ständig ins Auge fällt und lästig wird für den Mann. Aber dem Penis ist auch das Vermögen gegeben, bei Bedarf steif aufrecht zu stehen, nämlich für den Akt, der ständige Fortpflanzung und sein Fortleben gewährleistet.

Wie Sie sehen, fallen diese Gottesbeweise manchmal ziemlich komisch aus. Dieses Fragment kommt nicht in allen Handschriften vor. Ich frage mich manchmal, ob nicht ein herumalbernder Abschreiber es erdacht und hereingeschmuggelt hat. Wenn man nämlich zwanzig Gottesbeweise aus dieser Sammlung nacheinander liest, kann man selbst mit Leichtigkeit noch einige dazu erfinden. Aber es ist auch denkbar, dass es doch ursprünglich ist, und dass vielmehr andere Abschreiber es gestrichen haben, weil es ihnen nicht erbaulich genug war. Für die Ursprünglichkeit spricht die Erwähnung des fluchwürdigen Epikurs: ein Kopist in alberner Stimmung würde vielleicht nicht so viel Allgemeinbildung und Empörung an den Tag legen.

ANMERKUNG
1. Auch bekannt als Dalā’il al-i‘tibār. Das kleine Werk wird zu Unrecht oft al-Ǧāḥiẓ (gest. 868) zugeschrieben. Die erste (unkritische) Ausgabe erschien 1928 in Aleppo.

فتبّاًلافيقورس وأشباهه حين‏ عميت قلوبهم عن هذه الخلقة العجيبة حتّى أنكروا التدبير والعمد فيها‏. لو كان فرج‏ الرجل مسترخيًا أبدًا كيف كان يصل الى قعر الرحم حتى تقرّ النطفة فيه؟‏ ولو كان منعظًا أبدًا كيف كان الرجل يتقلب في الفراش ويمشي بين الناس وشيء شاخص أمامه؟ ثم كان في ذلك مع قبح‏ المنظر تحريك الشهوة في كلّ وقت من الرجال والنساء جميعًا فيدعوهم تحريكهما الى المباضعة، وهذا على الأوان يؤدّيهم الى الهلاك. فقُدّر أن‏ يكون في‏ أكثر ذلك مسترخيًا  لكيلا‏ يبدو للبصر في كلّ وقت ولا يكون على الرجل منه مؤنة وجعلت فيه قوّة‏ علي الانتصاب عند الحاجة الى ذلك لما فيه من دوام النسل وبقاؤه‏.

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Die Dummheit von Babys als Gottesbeweis

Noch ein Fragment aus dem arabischen Text Kitāb al-i‘tibār fī al-malakūt,1 eine Sammlung von ungefähr hundert teleologischen Gottesbeweise  (arguments from design) christlicher Herkunft, wahrscheinlich aus dem 9. Jahrhundert. Ich hatte hier schon mal etwas zu diesem Text erzählt und ein Fragment zum Rüssel des Elefanten als Gottesbeweis gebracht.

Ist der Gottesbeweis nicht längst veraltet? Ja, aber in den USA ist er wieder quicklebendig. Unter Christen, die die Evolutionstheorie ablehnen, läuft er unter Intelligent Design. Und in der islamischen Welt passt er den Konservativen ebenfalls sehr gut, so dass das Al-i‘tibār neu aufgelegt wird und auch im Internet bruchstückweise verbreitet wird. Der Koran ist voller Hinweise auf die Zeichen Gottes in der Schöpfung, so dass der „Markt“ für ausgearbeitete Gottesbeweise noch sehr lange gegeben sein wird. Obwohl die Gattung eigentlich völlig sinnlos ist, denn Gläubige brauchen die Beweise nicht und Ungläubige lassen sich dadurch nicht beeindrucken. Überdies würde der Beweis der Existenz eines Gottes nicht reichen. Man müsste auch noch beweisen, dass der so nachgewiesene Gott etwas mit der Bibel, dem Koran oder anderen verehrten alten Texten zu tun hätte, was völlig unmöglich ist, es sei denn, man glaubt es schon im Voraus.

Hier folgt eine Kostprobe über die Dummheit von Säuglingen. Welche Handschriften ich benutzt habe verrate ich später im Buch.

  • Überdenke mal einen anderen Aspekt der Beschaffenheit des Menschen, und zwar dass er dumm und ohne Vernunft geboren wird. Würde er mit Vernunft und Verständnis geboren, so fände er die Welt bei seiner Geburt derart merkwürdig, wenn er seine neue Umgebung betrachtete und mit Sachen konfrontiert würde, die er noch nie gesehen, dass er vollkommen in Verwirrung geraten und den Kopf verlieren würde. Denke zum Beispiel an einen erwachsenen, welterfahrenen Mann, der als Gefangener vom einen Land ins Andere überführt wird. Er wird dort wie ein verwirrter Idiot sein und nicht so schnell die Sprache lernen und die Manieren aufschnappen wie jemand, der bereits im jugendlichen Alter gefangen genommen wird. Dazu kommt noch Folgendes: Ein intelligent geborener Säugling würde darunter leiden herumgeschleppt, gestillt, in alten Lappen eingepackt und in der Wiege zugedeckt zu werden, obwohl er das alles schon braucht, weil sein Körper bei seiner Geburt so weich und zart ist. Des Weiteren wäre er dann gar nicht mehr so süß und er würde nicht mehr diesen besonderen Platz in den Herzen einnehmen. Aber sowie es jetzt ist, kommt ein Kind dumm auf die Welt, ohne Ahnung von der Sachlage mit allen diesen Verwandten rund um ihn, und er tritt allem mit schwacher Intelligenz und mangelhafter Kenntnis entgegen. Dann nimmt seine Kenntnis ganz allmählich zu, bis er mit den Dingen vertraut wird und Erfahrungen sammelt; dann verlässt er die Phase des verwirrten Sinnierens und fängt an seine eigenen Sachen zu regeln und aktiv seinen Lebensunterhalt zu verdienen.Es gibt noch andere Gesichtpunkte. Wenn ein Mensch mit ausgewachsener Intelligenz und selbständig geboren würde, so würde sowohl der Anlass zur Kindererziehung wie auch das für die Eltern an dieser Tätigkeit vorgesehene Interesse entfallen, weil das Großziehen durch die Eltern nämlich ein Anspruch auf Sorge und Zuneigung von ihren Kindern einbringt, im Augenblick, da sie diese ihrerseits brauchen. Überdies würden dann Kinder und Eltern keine gegenseitigen Bande mehr knüpfen, weil die Kleinen die Erziehung und Fürsorge ihrer Eltern nicht brauchten. Sie stünden schon gleich bei der Geburt auf eigenen Füßen, so dass niemand seine Eltern kennen lernen würde. So würde ein Junge auch nicht davon abgehalten werden Geschlechtsverkehr mit seiner Mutter und Schwester zu haben, weil er diese nicht kennte. Wenn ein Kind den Bauch seiner Mutter vernunftbegabt verließe, wäre das geringste Übel noch, dass er Unerlaubtes von ihr zu sehen bekäme, das er besser nicht gesehen hätte.

Meist steht bei solchen Beispielen noch die rhetorische Frage: Kann ein derart wunderbarer Entwurf wirklich auf Zufall zurückgehen, oder steckt doch ein intelligenter Entwerfer dahinten? Hier fehlt diese Frage, aber Sie können sie hinzudenken und wenigstens anerkennen, dass es schön geregelt ist, so wie es ist.

ANMERKUNG
1. Auch bekannt als Dalā’il al-i‘tibār. Das kleine Werk wird zu Unrecht oft al-Djāhiz (gest. 868) zugeschrieben. Die erste (nicht-kritische) Ausgabe erschien 1928 in Aleppo.

فكر‏ في‏ أمر الانسان‏ في‏ باب‏ آخر وهو‏ ولاده‏‏ حين‏ يولد‏ غبيّاً‏ غير ذي‏ عقل وفهم‏. فانّه لو كان‏ يولد‏ عاقلاً‏ فاهمًا‏‏ لأنكر العالَم عند ولاده‏ حتّى‏ يبقى حيرانًا تائه العقل اذا رأى ما‏‏‏ لم‏ يعرف وورد عليه‏ ما لم‏ ير مثله‏. واعتبر‏‏ ذلك بأن من سبي‏ من بلد الى بلد وهو‏ محتنك يكون كالواله الحيران ولا يسرع‏ في‏ تعلم‏ الكلام‏ وقبول الأدب كما يسرع‏ الذي‏ سبي صغيرًا. ثم كان لو ولد‏ عاقلًا وجد‏ غضاضة أن‏ يرى نفسه محمولاً‏ ومرضعًا معصّبًا بالخرق ومسجىً في المهد،‏ على أنّه كان لا‏ يستغني‏ عن هذا كلّه لرقّة بدنه ورطوبته حين‏ يولد‏. ثم كان لا‏ يوجد له من الحلاوة والموقع في‏ القلوب‏ ما‏ يوجد للطفل.‏ فصار يدخل‏ العالم‏ غبيّاً غافلاً‏ عمّا فيه أهله فيلقي‏ الأشياء بذهن ضعيف ومعرفة ناقصة‏. ثم لا‏ يزال‏ يتزيّد في‏ المعرفة قليلاً‏ قليلاً‏ وشيئًا بعد شيء حتى‏ يألف الأشياء ويتمرّن‏ عليها فيخرج من حد التأمّل لها والحيرة‏ فيها‏ الى التصرّف في‏ الأمور‏ والاضطراب في‏ المعاش‏.

‏وفي هذا أيضًا‏ وجوه أخر،‏ فأنّه لو كان‏ يولد‏ تام العقل مستقلاً‏ بنفسه لذهب موضع تربية الأولاد وما دبّر‏ أن‏ يكون للوالدين في‏ الاشتغال به من المصلحة وما توجب التربية للآباء على البنين‏ من المكافأبة بالبرّ‏ والعطف عند حاجتهم الى ذلك منهم‏. ثم كان الأولاد لا‏ يألفون آباءهم ولا الآباء‏ يألفون‏ أبناءهم لأنّه كان‏ الأولاد‏ يستغنون عن تربية الأباء وحياطتهم فيتفرّقون عنهم حين‏ يولدون‏ حتّى لا‏ يعرف الرجل أباه وأمّه. ولا‏ يمتنع من نكاح أمّه وأخته إذ كان لا‏ يعرفها‏. وأقلّ‏ ما كان‏ يكون في‏ ذلك أن يخرج‏‏ من بطن أمّه‏ وهو يعقل فيرى منها ما‏ لا‏ يحلّ‏ له‏ ولا‏ يحسن به أن‏ يراه‏.

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Der Rüssel als Gottesbeweis

Manchmal arbeite ich an der Herausgabe eines arabischen Textes, Kitāb al-i‘tibār fī al-malakūt,1 wahrscheinlich aus dem 9. Jahrhundert, der ungefähr hundert teleologische Gottesbeweise enthält (arguments from design).
Die Gottesbeweise laufen meist wie folgt. Erst kommt die Beschreibung von etwas in der Schöpfung, was besonders kompliziert oder zweckmäßig oder schön ist. Darauf wird gesagt, dass etwas so Kompliziertes usw. doch unmöglich durch Zufall zu Stande gekommen sein könne, und dass also ein intelligenter Entwerfer dahinter stecken müsse. In diesem Text wird dieser nicht Gott genannt, sondern der Schöpfer, der Entwerfer u.Ä..
Ist der Gottesbeweis nicht längst veraltet? Ja, aber in den USA ist er wieder quicklebendig. Unter Christen, die die Evolutionstheorie ablehnen, läuft er unter Intelligent Design. Und in der islamischen Welt passt er den Konservativen auch sehr gut, so dass das Kitāb al-i‘tibār neu aufgelegt wird und auch im Internet bruchstückweise verbreitet wird. Der Koran ist voller Hinweise auf die Zeichen Gottes in der Schöpfung, so dass der „Markt“ für ausgearbeitete Gottesbeweise noch sehr lange gegeben sein wird.

Warum sitze ich an einem Text mit solch altem Kram? Nicht um etwa doch noch die Existenz Gottes zu beweisen, sondern weil es interessant ist zu sehen, wie Texte seit der Antike zirkulierten und ständig wiederholt und neu überarbeitet wurden. Mein Text ist nämlich gar nicht islamisch, sondern vielmehr christlich, mit einem gehörigen Schuss Antike. Spuren von Xenophon und Cicero findet man darin, aber auch Gedankengut aus De providentia vom Kirchenvater Theodoret (393–±460). Das Kompendium ist irgendwann ins Syrische übertragen worden, und ins Mittelpersische, und von dort ins Arabische. Es muss Leser gegeben haben, die das Büchlein in seiner ältesten Fassung nicht islamisch genug fanden, denn eine etwas mehr islamisierte Überarbeitung ist auch bewahrt geblieben.
Die Sammlung ist also interessant weil sie die Möglichkeit bietet, die Überlieferung alter griechischen Texte in arabischer Übersetzung zu verfolgen. Manchmal kann mit Hilfe des Arabischen ein mangelhaft überlieferter griechischer Text besser verstanden, oder ein im griechischen Original nicht mehr existierender Text sichergestellt werden. Und auf jeden Fall wird mal wieder ersichtlich, wie die westliche Kultur im Laufe der Jahrhunderte einen großen Kreis beschrieben hat: von Griechenland und Rom über Syrien und Irak nach Spanien und Sizilien. In Europa tat man daraufhin, als hätte man alles direkt von den Griechen übernommen oder selbst erfunden; ein Übel, von dem wir immer noch nicht ganz frei sind.

Hier folgt eine Kostprobe aus der ältesten Fassung, und zwar zum Rüssel des Elefanten. Welche Handschriften ich benutzt habe verrate ich später mal.

  • Schau doch mal auf den Rüssel des Elefanten, wie subtil der entworfen worden ist. Diesem Tier ersetzt er eine Hand um Futter und Wasser aufzunehmen und zu seinem Magen zu bringen. Ohne ihn hätte er nichts vom Boden aufnehmen können, denn er hat keinen Hals, den er hätte ausstrecken können, wie die anderen Pflanzenfresser. Aber weil ihm kein Hals gegeben worden war, wurde ihm stattdessen der lange Rüssel beschert, den er herunterhängen lassen kann um hochzuheben was er braucht. Dieser ist hohl gemacht, so dass dadurch Futter und Wasser zu seinem Magen gebracht werden können. Überdies ist er seine Waffe, mit dem er geben und nehmen, sich verteidigen und angreifen kann.
    Und wer ist derjenige, der ihm etwas als Ersatz für das fehlende Körperteil gegeben hat, wenn nicht der gütige Schöpfer? Wie hätte so etwas durch Zufall zu Stande kommen können, wie die Sünder behaupten?
    Wenn du jetzt fragst: Warum hat er ihn nicht mit einem Hals erschaffen, wie die anderen Pflanzenfresser auch? so antworten wir nach dem Maße unserer Kenntnis und sagen: Der Kopf und die Ohren eines Elefanten sind enorm groß und sehr schwer. Wenn diese auf einem Hals ruhen würden, würde er sie nicht tragen können und zerbrechen. Um das zu verhindern, ist der Kopf unmittelbar am Körper befestigt, und anstatt eines Halses ist für ihn also der Rüssel erschaffen worden, mit dem er sein Futter aufnehmen und auch ohne Hals alle seine Bedürfnisse erfüllen kann.

Der Penis als Gottesbeweis, Die Dummheit von Babys als Gottesbeweis

ANMERKUNG
1. Auch bekannt als Dalā’il al-i‘tibār. Das kleine Werk wird oft al-Ǧāḥiẓ (gest. 868) zugeschrieben. Die erste (nicht-kritische) Ausgabe erschien 1928 in Aleppo.

أنظر الى مشفر الفيل وما فيه من لطف التدبير فانّه صار يقوم له مقام اليد في تناول العلف والماء وايرادهما جوفه. فلولا ذلك لما استطاع أن يتناول شيئًا من الأرض، فانّه ليست له عنق يمدّها كسائر الأنعام. فلمّا عدم العنق أخلف عليه مكان العنق ذلك الخرطوم الطويل ليسدله ويتناول به حاجته. وجُعل أجوف لأنّه وعاء لما يحمل الى صدره من طعامه وشرابه وأيضًا فهو سلاحه وبه يعطي ويتناول ويقابل ويصول . فمن الذي عوّضه مكان العضو الذي عدمه ما يقوم له مقامه الاّ الرؤوف بخلقه؟ وكيف يأتي مثل هذا بالاهمال كما قال الظلمة؟ فان قلت: ما باله لم يخلق ذا عنق كسائر الأنعام؟ أجبنا بمبلغ علمنا فقلنا: انّ رأس الفيل وأذنيه أمر عظيم وثقل ثقيل، فلو كان ذلك على عنق لهدّها وأوهنها. فجعل رأسه ملصقًا بجسمه لكيلا يناله منه شيء مما وصفنا وخلق له مكان العنق هذا المشفر يتناول به غذاءه فصار مع عدمه العنق مستوفيًا ما فيه بلوغ حاجته.

Vgl. Arist. Part an. 658b-659a; Physiologus syr. no. 10; Basil. Hom IX, 85D-86A, Übers. 133

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