Unfähige Propheten

Einer Erzählung zufolge, die Mohammeds erstes Offenbarungserlebnis  schildert, hatte der Prophet sich auf den Berg Hirā’ zurückgezogen, als der Engel Gibrīl (Gabriel) zu ihm kam:

  • Der Prophet selbst erzählte dazu: Während ich schlief, kam Gibrīl zu mir mit einer Brokatdecke, auf der Schriftzeichen standen. Er sagte: „Lies!“ Ich sagte: „Ich kann nicht lesen (mā aqra’u).“ Darauf drückte er mit der Decke meinen Hals so kräftig zu, dass ich dachte, es wäre der Tod. Dann ließ er mich los [und sagte: „Lies!“ Ich antwortete: „Ich kann nicht lesen.“ Darauf drückte er abermals so kräftig, dass ich dachte, es wäre der Tod. Dann ließ er mich los] und sagte wieder: „Lies!“ Ich sagte: „Was soll ich lesen? (mā dhā aqra’u)“ und das sagte ich nur um ihn los zu werden, aus Angst, dass er es noch mal tun würde. Da sagte er: Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen. Lies im Namen deines Herrn, der erschuf,—erschuf den Menschen aus einem Klumpen Blut. Lies! denn dein Herr ist der Allgütige, der (den Menschen) lehrte durch die Feder, den Menschen lehrte, was er nicht wusste. [Koran 96:1–5] Dies rezitierte ich; dann ließ er mich los und ging weg. Als ich aufwachte war es, als wäre es in mein Herz geschrieben.
    Nun gab es kein Geschöpf, das mir verhasster war als Dichter und Besessene; ich konnte sie einfach nicht riechen. Und ich dachte: „O wehe, dieser Nichtswürdige“—er meinte sich selbst—„ist ein Dichter oder Besessener. Aber das werden die Quraisch nie von mir sagen! Ich werde hoch auf den Berg steigen und mich herunterstürzen und töten, dann habe ich Ruhe.“ In der Absicht machte ich mich also auf den Weg, aber als ich mitten auf dem Berg war, hörte ich eine Stimme vom Himmel: „Mohammed! Du bist der Gesandte Gottes, und ich bin Gibrīl.“ Ich schaute hoch zum Himmel und siehe da, es war Gibrīl in der Gestalt eines Mannes, der mit seinen Füßen neben einander am Horizont stand. Wieder sagte er: „Mohammed! Du bist der Gesandte Gottes, und ich bin Gibrīl.“ Ich sah ihn weiter an und das brachte mich von meinem Vorhaben ab; ich ging weder vorwärts noch rückwärts. Da wollte ich meinen Blick von ihm abwenden, aber in welche Richtung ich auch schaute, überall sah ich ihn wieder so stehen. Dort blieb ich so lange, ohne einen Schritt vorwärts oder Rückwärts zu tun, dass Khadīdja schon ihre Boten sandte um nach mir zu suchen; sie kamen bis oberhalb von Mekka, während ich noch am selben Ort stand. Dann verließ er mich.1

Diese Erzählung beschreibt das, was christliche Theologen eine Berufungsvision nennen. Von verschiedenen Propheten wird im Alten Testament erzählt, wie sie anfangs meinen der Aufgabe, die Gott ihnen auferlegen will, nicht gewachsen zu sein.
Moses wird beauftragt sein Volk aus Ägypten ins Land Kanaan zu führen. Er hat einige Ausreden und bringt zum Schluss vor: „Ach Herr! Ich bin kein redegewandter Mann […] denn unbeholfen ist mein Mund und unbeholfen meine Zunge.“ (2. Mose 4:10).

Jesaja sieht eine Ehrfurcht gebietende Vision des Herrn, umgeben von zwei Seraphim. Er ruft aus: „Wehe mir, ich bin verloren! Denn ein Mann mit unreinen Lippen bin ich …“ (Jesaja 6:5).
Jeremia sagt bei seiner Berufung: „Ach Herr, Herr, ich verstehe nicht zu reden; denn ich bin zu jung“ (Jeremia 1:6).
Hesechiel erschrickt gewaltig und fällt beim Anblick einer überwältigenden Vision auf sein Angesicht (Hesechiel 1–3).

Die Propheten haben Recht. Natürlich sind sie nicht im Stande ihre Aufgabe ohne Weiteres zu erfüllen. Aber Gott macht sie bereit und stärkt sie dazu, gibt ihnen seine Worte ein, worauf es dann gelingt. Jesajas unreine Lippen werden mit einer glühenden Kohle vom Altar gereinigt; dann ist er bereit zu prophezeihen. Hesechiel wird von Gott „emporgehoben“; er hat schon eine Schriftrolle zu essen bekommen, „süß wie Honig,“ und ihm wird die nötige Härte verliehen; Mohammed bekommt die Schrift buchstäblich fast in seinen Hals gepresst. Sowohl Hesechiel (Hes. 3:14–15) als auch Mohammed sind nach der Berufungsvision schwer angeschlagen.
Nur der biblische Prophet Jona sagt nicht, dass er kein Prophet sein kann; er weigert sich einfach. Sein Auftrag ist es in die große Stadt Ninive im Irak zu gehen, aber er nimmt ein Schiff in eine andere Richtung—das ist ein anderer Fall. Mohammed passt in die Reihe der anderen Propheten, die sich zunächst unfähig fühlen.

Ich musste etwas nachdenken über die Wörter mā aqra’u in der Erzählung über Mohammeds Berufung, oben übersetzt als: „Ich kann nicht lesen“— wobei wohlgemerkt in der alten Zeit lesen immer bedeutete: laut lesen, rezitieren.
mā aqra’u word manchmal aufgefasst als: „Was werde/soll ich lesen?“, aber naheliegender wäre in dem Fall mā dhā aqra’u, was etwas später kommt. Der Kontrast zwischen zweimal mā aqra’u und einmal mā dhā aqra’u ist beabsichtigt.
mā aqra’u ist in allerlei Varianten des modernen(!) gesprochenen Arabisch ein neutrales: „Ich lese nicht/werde nicht lesen“. In der Schriftsprache war und ist das aber lā aqra’u.
+ Imperfekt. Nach W. Fischer, Grammatik des klassischen Arabisch, Wiesbaden 21987, § 321 „bestreitet mit Impf. den Vorgang oder dessen Möglichkeit: [… ] mā yarāka, ‘er sieht dich gar nicht, kann dich nicht sehen’.“ Die anderen Grammatiken des klassischen Arabisch haben zu diesem Punkt nichts mitzuteilen.

Auf Grund dieses Paragraphen bei Fischer und der obigen biblischen Vorbilder habe ich in der Erzählung über das erste Offenbarungserlebnis die Übersetzung: „Ich kann nicht lesen“ gewählt.

ANMERKUNGEN

1. At-Tabarī, [Ta’rīkh al-rusul wal-mulūk] Annales, hrsg. M.J. de Goeje et al., 14 Bde., Leiden 1879–1901, i, 1150:

قال رسول الله ص: فجاءني [جبريل] وأنا نائم بنمط من ديباج فيه كتاب ، فقال: اقرأ، فقلت: ما أقرأ. فغتني حتى ظننت أنه الموت، ثم أرسلني فقال: اقرأ، فقلت: [ما أقرأ ؟ قال : فغتني به حتى ظننت أنه الموت، ثم أرسلني، فقال: اقرأ، قلت:] ماذا أقرأ؟ ما أقول ذلك إلا افتداء منه أن يعود إلي بمثل ما صنع بي، قال:(اقرأ باسم ربك الذي خلق) ألى قوله (علم الإنسان ما لم يعلم.) قال: فقرأته. قال: ثم انتهى ثم انصرف عني وهببت من نومي ، وكأنما كتبت في قلبي كتابا. قال: ولم يكن من خلق الله أحد أبغض إلي من شاعر أو مجنون، كنت لا أطيق أن أنظر إليهما، قال: قلت إن الأبعد – يعني نفسه – لشاعر أو مجنون، لا تحدث بها عني قريش أبدًا. لأعمدنّ إلى حالق من الجبل فلأطرحنّ نفسي منه فلأقتلنّها فلأستريحنّ.) قال: فخرجت أريد ذلك حتى إذا كنت في وسط من الجبل سمعت صوتا من السماء يقول : يا محمد، أنت رسول الله وأنا جبرئيل. قال: فرفعت رأسي إلى السماء ، فإذا جبريل في صورة رجل صاف قدميه في أفق السماء يقول: يا محمد، أنت رسول الله وأنا جبرئيل. قال: فوقفت أنظر إليهِ فما أتقدم وما أتأخر، وجعلت أصرف وجهي عنه في آفاق السماء فلا أنظر في ناحية منها إلا رأيته كذلك ، فما زلت واقفا ما أتقدم أمامي ولا أرجع ورائي حتى بعثت خديجة رسلها في طلبي ، ختى بلغوا أعلى مكة ورجعوا إليها وأنا واقف في مكاني؛ ثم انصرف عني.

Der häufiger gelesene Ibn Hishām hat die Teile zum Selbstmordvorhaben aus der Vorlage von Ibn Ishāq gestrichen; deshalb zitiere ich hier die Fassung von at-Tabarī, die den ursprünglichen Wortlaut erhalten hat. Dafür hat Ibn Hishām dreimal den Auftrag: „Lies!“ Das zweite Mal habe ich hier zwischen Klammern hinzugefügt. Dreimal ein Auftrag und zweimal eine Weigerung ist klassisch; das gibt es z.B. auch in der Erzählung von der Berufung des Mönchs Cædmon bei Beda Venerabilis.

Diakritische Zeichen: Ḥirāʾ, Ǧibrīl, Quraiš, aṭṬabarī, taʾrīḫ, Hišām, Isḥāq

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Aischa: ein Fall von Akkomodation

Es kam eine Frage: „Was sagt der Koran zu Aischa?“1 Meine Antwort lautet: „Nichts, verehrter Leser, gar nichts.“ Sehr vieles, was zur islamischen Religion gehört, steht nun einmal nicht im Koran.

Aischa soll die Lieblingsfrau des Propheten Mohammed gewesen sein. Und so überrascht es nicht, dass Muslime seit Jahrhunderten dennoch immer wieder gemeint haben, etwas über sie in der heiligen Schrift lesen zu können. Koran 24:11 zum Beispiel soll sogar in Bezug auf sie offenbart worden sein:

Diejenigen, welche die große Lüge vorbrachten, sind eine Gruppe unter euch. Glaubt nicht, es sei ein Übel für euch; im Gegenteil, es ist euch zum Guten. Jedem von ihnen soll die Sünde, die er begangen hat[, vergolten werden]; und der unter ihnen, der den Hauptanteil daran hatte, soll eine schwere Strafe erleiden.

Eigentlich gehören auch die nächsten Verse noch dazu:

Warum dachten die gläubigen Männer und Frauen, als ihr es hörtet, nicht Gutes von ihren eigenen Leuten und sprachen: „Das ist eine offenkundige Lüge“?
Warum brachten sie nicht vier Zeugen dafür? Da sie keine Zeugen gebracht haben, sind sie es also, die vor Allah die Lügner sind.
Wäre nicht Allahs Huld und Seine Barmherzigkeit über euch, hienieden und im Jenseits, eine schwere Strafe hätte euch getroffen für das, worin ihr euch einließet.
Als ihr es übernahmt mit euren Zungen und ihr mit eurem Munde das aussprachet, wovon ihr keine Kenntnis hattet, da hieltet ihr es für eine geringe Sache, indes es vor Allah eine große war. [Koran 24:12–15]

Lesen Sie hier etwas zu Aischa? Das gelingt nur, wenn Sie bereit sind eine ganze Erzählung im Kauf zu nehmen, nämlich „die Lüge“ (al-ifk). Diese entstand Jahrzehnte nach dem Koran und geht nicht auf den Propheten zurück, wie man das bei Hadithen gerne hat, sondern auf unterschiedliche Überlieferer. Die Erzählung2 geht so: Während einer Reise bleibt Aischa kurz zurück. Die Karawane zieht weiter ohne zu bemerken, dass sie fehlt. Sie wird von einem Mann zurückgebracht und sofort verbreitet sich das Gerücht, dass dieser die Situation missbraucht habe. Eine Hetzkampagne kommt in Gang, die sogar den Propheten nicht unberührt lässt: Eine Zeitlang ignoriert er Aischa. Letztendlich wird alles gut, weil Gott selbst eingreift und die obigen Koranverse offenbart, in denen Aischa von jeder Schuld freigesprochen wird und den Verleumdern Strafe angedroht wird.
Dies alles „wissen“ wir also aus einer Erzählung, die nicht aus dem Koran, sondern aus der Prophetenbiografie stammt. Sie wird seit Jahrhunderten in Korankommentaren und Prophetenbiografien wiederholt, aber weil deren Verfasser normal sterbliche Menschen waren — Heilige oder Kirchenväter gibt es im Islam nicht — ist niemand daran gebunden.

Wenn eine Erzählung viel Korantext enthält, gibt es grob gesagt zwei Möglichkeiten:

    • 1. Der Korantext steht im Mittelpunkt und die Erzählung dient zur Erklärung des Korantexts. Das heißt Koranexegese (tafsīr).
    • 2. Es gab erst eine Erzählung. Um diese überzeugender oder erbaulicher zu gestalten werden darin Koranverse eingeflochten: Verse, die vielleicht ursprünglich von etwas ganz anderes handelten. Das heißt koranisieren.

Auf jeden Fall wird der Korantext zumindest einige Jahrzehnte älter sein als die Erzählung.

Die Erzählung von Aischas Unschuld diente dazu, der Hetzkampagne wegen ihrer angeblichen Unkeuschheit entgegenzutreten. Aber hat wirklich jemand die blutjunge Frau des Propheten ein oder zwei Jahre nach ihrer Hochzeit mit Schlamm bewerfen wollen? Das muss erst viel später geschehen sein, rückwirkend, als der Prophet längst gestorben war und Aischa politisch aktiv war und sich im Konflikt mit Kalif ‘Alī (reg. 656–661) befand. Die Verfasser bemühen sich sehr, Aischas Unschuld zu beweisen und ziehen dabei alle Register, auch koranische. Einen ursprünglichen Bezug zwischen der Erzählung und den Koranversen sehe ich nicht. Der Koran ist sekundär herangezogen, oder anders gesagt: die Erzählung wurde koranisiert.

Aischa ist längst nicht das einzige Thema, über das Muslime gerne etwas im Koran lesen wüden—und das letztendlich auch tun.

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Mulier amicta sole

Mulier amicta sole

Ich war neugierig, ob auch Christen solche Fälle kennen.  Und in der Tat, bei Maria, der Mutter Jesu, der first lady der Christen, wurde ich gleich fündig. Sie kommt zwar in der Bibel vor: Es gibt die wohlbekannte Weihnachtsgeschichte und noch einige Splitter, aber für die Millionen Marienverehrer war das offensichtlich nicht genug. Deshalb haben sie eine Anzahl Bibelverse neu interpretiert, um ihre Sehnsucht zu erfüllen. In Offenbarung 12:1 erscheint beispielsweise „eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.“ 3 Sie ist hochschwanger und ein Drache mit sieben Häuptern liegt schon auf der Lauer um ihr Kind zu verschlingen, aber das wird gerettet und zu Gott entrückt. Man könnte hier tatsächlich an die Mutter Gottes denken, denn das Kind ist ein „Knabe, der alle Völker weiden sollte mit eisernem Stabe,“ und der eiserne Hirtenstab ist Vers 19:15 zufolge auch das Attribut Christi. Dann hätte der Autor der Offenbarung aber eine ganz andere Auffassung von Jesu und seiner Mutter gehabt als die Evangelisten. Vielleicht hatte er Eva oder die Frau im Allgemeinen im Kopf. Bereits 1. Mose 3:15 sagt ja den Kampf zwischen der Schlange und der Frau vorher.4

Turris davidica

Turris davidica

Noch merkwürdiger ist es, Maria in Hohelied (4:4) entdecken zu wollen, wo „Salomo“ seine Geliebte besingt: „Dein Hals ist wie der Turm Davids (turris davidica), mit Brustwehr gebaut, an der tausend Schilde hangen, lauter Schilde der Starken.“ 5 Auch dieser Vers wird in der katholischen Kirche auf Maria bezogen. Der Bezug zu der erst Jahrhunderte später lebenden Mutter Gottes ist sehr weit hergeholt. Der Vergleichspunkt ist hier wohl die Stärke eines Turms und der Schutz, den er bietet.

Der Bedarf an Mariaversen in der Bibel war offensichtlich so enorm, dass auch dieser Vers zum Zweck der Verehrung herangezogen wurde. Einer Wikipedia-Seite entnehme ich den technischen Terminus, den ich sonst nirgendwo finde: Akkomodation, eine dogmatisch korrekte und liturgisch verwertbare Anwendung eines Schriftwortes auf eine heilige Person oder Sache, die aber im Text selbst keine Stütze findet.

Ein Fall der Akkomodation, den sich auch die Protestanten zu eigen gemacht haben, ist die Entdeckung des Heiligen Geistes, des dritten Glieds der Heiligen Dreifaltigkeit, in den Worten der Schöpfungsgeschichte: „… und Gottes Geist/Wind (Hebr.: ruach) schwebte auf dem Wasser“ (1. Mose 1: 2).6

Ohne Zweifel gibt es noch viele andere Bibelverse, in denen man ganz andere Themen behandelt gesehen hat ohne sich auf den Text stützen zu können.

Muslime und Christen haben andere Herangehensweisen, aber alle bedienen sie sich freimütig in ihrer jeweiligen Heiligen Schrift, wenn sie darin etwas lesen möchten, das diese gar nicht enthält. Zu den Eigenschaften heiliger Schriften gehört offensichtlich, dass sie fast unendlich dehnbar sind, bis weit außerhalb der Grenzen ihres Textes.

 

ANMERKUNGEN
1. Aischa soll die Lieblingsfrau des Propheten Mohammed gewesen sein. Siehe zu ihr hier.
2. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, Hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 731–739; Übersetzung A. Guillaume, The Life of Muhammad, Oxford 1955, 493–499.
3. Mulier amicta sole et luna sub pedibus eius et in capite eius corona stellarum duodecim. Hier auch das ursprüngliche Griechisch: γυνὴ περιβεβλημένη τὸν ἥλιον, καὶ ἡ σελήνη ὑποκάτω τῶν ποδῶν αὐτῆς, καὶ ἐπὶ τῆς κεφαλῆς αὐτῆς στέφανος ἀστέρων δώδεκα, aber solche Sachen hören sich oft auf Latein viel besser an.
4. Die Wörter „deinem Nachkommen“ (τοῦ σπέρματος ἀυτῆς, de semine eius) werden in Offenbarung 12:17 wieder aufgegriffen „von ihrem Geschlecht“, aber sind lost in translation.
5. Sicut turris David collum tuum, quae aedificata est cum propugnaculis: mille clipei pendent ex ea, omnis armatura fortium. כְּמִגְדַּל דָּוִיד צַוָּארֵךְ, בָּנוּי לְתַלְפִּיּוֹת; אֶלֶף הַמָּגֵן תָּלוּי עָלָיו, כֹּל שִׁלְטֵי הַגִּבֹּרִים.
6. Et spiritus Dei ferebatur super aquas. וְרוּחַ אֱלֹהִים, מְרַחֶפֶת עַל-פְּנֵי הַמָּיִם,

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„Der Islam ist nur der Koran“

„Der Islam ist nur der Koran.“ Unter diesem Titel hat Taufīq →Sidqī 1906 einen Artikel abgefasst, in dem er die Meinung vertrat, dass die Hadithliteratur als alter Ballast abgeschafft werden sollte und dass es für einen Muslim ausreichend sei, sich auf den Koran zu verlassen. Obwohl er sehr gegen die Christen war, wollte er genau das, was der christliche Reformator Martin Luther damals gesagt hatte: sola scriptura, „nur die Schrift“.
Tawfīq Sidqī (1881–1920) war Gefängnisarzt in Tura bei Kairo; ein wissenschaftlich ausgebildeter Mensch mit Kenntnis moderner Sprachen, aber weder in der traditionellen islamischen Gelehrsamkeit noch in der Literaturwissenschaft versiert. Bis heute lässt sich beobachten, dass namentlich gebildete Muslime der nicht-geisteswissenschaftlichen Richtungen—also Ärzte, Ingenieure u. dgl.— Sidqis Meinungen zum Hadith gerne übernehmen. Diese Vertreter des Standpunkts, der Koran sei ausreichend, werden Koranisten genannt.’ 1

  • „Alle Muslime sind sich darüber einig,“ schreibt Sidqī in seinem Essay, „dass der Text des Korans definitiv ist, weil er wörtlich so vom Propheten überliefert worden ist, ohne dass etwas hinzugefügt oder weggenommen wäre, und in seiner Zeit und auf sein Geheiß niedergeschrieben worden ist; im Gegensatz zu den prophetischen Hadithen, von denen überhaupt erst nach seinem Tod etwas schriftlich niedergelegt worden ist, lange genug danach um Betrug und Textkorruption darin zu ermöglichen. Daraus erkennen wir, dass der Prophet nicht wollte, dass etwas von ihm die Menschheit in schriftlicher Form erreichen würde, außer dem Koran, dessen Erhaltung Gott gewährleistet, wie es heißt in Koran 15:9: ‘Wir haben die Mahnung hinabgesandt und wir geben auf sie Acht.’ Wäre in der Religion etwas anderes als der Koran nötig gewesen, so hätte der Prophet befohlen es schriftlich festzulegen, und  Gott hätte dessen Erhaltung gewährleistet.“
    • Wenn nun jemand sagt, dass der Prophet nicht befohlen hat seine Worte niederzuschreiben um der Verwechslung mit dem Wort Gottes vorzubeugen, wie kann das denn sein, wo doch der Koran ein Gotteswunder der Komposition ist und keine Menschenseele in der Lage ist etwas Ähnliches hervorzubringen?“
  • [—]
  • Und weshalb sollte ein Teil des Glaubens im Koran niedergelegt worden sein und ein anderer Teil in der sunna? „Der Koran sagt ja in 6:38: „Wir haben in der Schrift nichts übergangen,“ und in 16:89: „Wir haben die Schrift auf dich hinabgesandt um alles klarzulegen ….“ 2

Daraufhin legt Sidqī ausführlich dar, dass allerlei Regeln durchaus aus dem Koran abgeleitet werden können. Und wenn nicht, so sind sie nicht wichtig und müssen nicht befolgt werden.

Der Artikel wurde heftig kritisiert und der Herausgeber von Al-Manār Rashīd Ridā (1865–1935), der Sidqi im Übrigen sehr schätzte, korrigierte ein wenig, woraufhin der Autor etwas einlenkte.3

Angesichts der Kritik muss man festhalten: Der berühmte ägyptische Islamreformer Muḥammad ‘Abduh (1845–1905) war Sidqī in seinem Ansinnen vorausgegangen. Auch ‘Abduh wollte bereits modernisieren und vieles über Bord werfen. So schrieb er 1897, das Glaubensgut wolle er reduzieren auf „das, was mehrfach überliefert worden ist und von dem bekannt ist, dass es zur Religion gehört, das heißt auf das, was in der Schrift steht, und ein wenig aus der sunna ‘amalīya.“ 4 Mit letzterer meinte er mehrfach überlieferte Hadithe, in denen praktische Angelegenheiten behandelt werden, etwa die Ausführung des Gebets oder die Pilgerfahrt.

‘Abduhs Schüler und Mitarbeiter Rashīd Ridā entfernte sich nach dem Tod seines Lehrmeisters immer weiter von dessen Standpunkten. Auf Dauer sollte er den Weg zurück einschlagen, zu einer fiktiven, idealisierten Vergangenheit.

Als Nicht-Muslim versuche ich aus dem Abseits ein wenig mitzudenken — und muss feststellen, dass ohne den Hadith nur wenig vom Islam übrigbleiben würde. Ein Islam nur mit  dem Koran, das geht einfach nicht. Es gibt so vieles, das nicht im Koran steht! Große Teile der Scharia würden wegfallen—und nicht nur die Teile, die man gerne loswerden würde.

Der Koran ist ohne Exegese (tafsīr) kaum zu verstehen. An die Stelle des Hadiths würden also mehr denn je die Korankommentare treten—und die enthalten doch auch Hadithe: nicht immer viele, aber durchaus wichtige. Abgesehen davon sind die Kommentare voller Aussagen, die deutlich weniger Gewicht haben als Hadithe. Warum sollte man sich der Hadithe entledigen und auf den Kommentaren sitzen bleiben? Der Hadith ist eine Literatur, die nicht nur erbaulich und unterhaltsam ist, sondern auch identitätsstiftend. 

Was dann? Noch immer aus dem Abseits: Hadithe wegwerfen ist schade, wenn sie auch noch so viel altes Zeug enthalten. „Nur der Koran“ würde meines Erachtens die Probleme moderner Muslime auch deshalb nicht lösen, weil der Koran ebenfalls veraltete Auffassungen enthält. Alte Bücher soll man nie wegwerfen

Darin liegt vielleicht auch der Schlüssel zur Lösung. Sowohl Koran wie auch Hadith könnten vielleicht allmählich verblassen, in ihrer gesetzgebenden Rolle unschädlich werden. Die Juden und Christen haben das schon geschafft. In der Bibel enthalten 3. Mose 13 und 14 zum Beispiel ausführliche Regeln über was bei Aussatz zu tun ist. Der Patient gilt als kultisch unrein und gewissermaßen schuldig; es gibt ein Ritual, einen Priester, Tieropfer sollen gebracht werden; nach der Heilung folgt ein Sühneritual. Moderne Juden und Christen tun das alles nicht; sie gehen mit einer Hautkrankheit zum Dermatologen und finden oft Genesung auf eine Weise, die die Bibel nicht vorhersehen konnte. Kurzum, die erwähnten Vorschriften sind veraltet, und viele ähnliche ebenso. Wie genau es Juden und Christen gelungen ist, solche Teile ihrer doch ungemein Heiligen Schrift für ungültig zu erklären, weiß ich nicht; fragen Sie einen Rabbiner oder Pastor. Aber gelungen ist es: Die meisten solcher Passagen stören kaum noch. Hat man, islamisch formuliert, eine Art „Abschaffung der Rechtsregel, aber nicht des Textes“ (naskh al-hukm dūn al-tilāwa) ausgeübt? Ich kann nur hoffen, dass es auch Muslimen demnächst gelingen wird, sich veralteter Inhalte von Schrift und Hadith zu entledigen. Stillschweigend tun sie das längst. Niemand — vielleicht ausgenommen die Verrückten von „Islamischer Staat“ — lässt zum Beispiel Koran 4:3 noch komplett gelten: Demzufolge darf ein Mann zwei, drei oder vier Frauen heiraten — und wenn man fürchtet diese nicht gerecht behandeln zu können, „dann eine; oder Sklavinnen“. Von den Sklavinnen hört man heutzutage nicht mehr; der Teil des Verses wird einfach nicht mehr angewandt. Eine umfassende Theorie zu veralteten Texten steht aber noch aus. Die Lehre der Abschaffung (naskh) bietet bestimmt Möglichkeiten, wie auch das Denken über die „Zwecke der Scharia“ (maqāsid al-sharī‘a): die Suche nach dem „Geist des Gesetzes“. Diese Themen beschäftigen Muslime schon lange; sie werden in der ganzen islamischen Welt intensiv diskutiert. Das Geschrei der Salafisten wirkt dabei aber verzögernd, wie auch das Fauchen der Islamhasser in Europa und Amerika.

ANMERKUNGEN
1. Auch unter Islamhassern herrscht oft die Auffassung, dass der Islam nur aus dem Koran bestehe; bei ihnen basiert sie aber auf Unwissenheit.
2. Ṣidqī, Al-Islām 515–6.
3. Juynboll, Authenticity 23–9; Ryad, Islamic reformism 43–6.
4. ‘Abduh, Risāla 189: .بما تواتر وعلم أته من الدين بالضرورة، وهو ما في الكتاب وقليل من السنة في العمل […] Über eine ausführlichere Betrachtung ‘Abduhs zum Hadith siehe Juynboll, Authenticity 15–21.

BIBLIOGRAFIE
Primär:
– Ṣidqī, „Al-islām huwa al-qur’ān waḥdahu,“ Al-Manār 9 (1906), 515–24. Weil nicht jeder die Jahrgänge komplett hat, setze ich den Artikel hier online.
– Muḥammad ‘Abduh, Risālat al-tawḥīd, Cairo o.J. (Dār al-Ma’ārif, ca. 1970; Erstauflage war 1897).

Sekundär:
– G. H. A. Juynboll, The Authenticity of the Tradition Literature. Discussions in Modern Egypt, Leiden 1969, 23–9, und siehe den General Index.
– Umar Ryad, Islamic reformism and Christianity : a critical reading of the works of Muhammad Rashid Rida and his associates (1898-1935), Diss. Leiden 2008, ch. 1, 43–46, hier online.  Ryads Kap. 6 behandelt Ṣidqīs Widerlegung des Christentums.

Diakritische Zeichen: Ṣidqī, Ṭura, Muḥammad ʿAbduh, Rašīd Riḍā, al-ḥukm, nasḫ, maqāṣid aš-šarīʿa

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Umars Bekehrung (übersetzter Text)

‘Abdallāh ibn Mas‘ūd hat erzählt: Bevor ‘Umar Muslim wurde, konnten wir das Gebet nicht bei der Ka‘ba verrichten. Als er zum Islam übergetreten war, bekämpfte er die Quraisch so lange, bis er dort beten konnte, und wir mit ihm. ‘Umar wurde Muslim, nachdem die Gefährten des Propheten nach Äthiopien gezogen waren.
Wie ich erfahren habe, verlief die Bekehrung ‘Umars so: Seine Schwester Fātima und ihr Mann Sa‘īd ibn Zaid waren schon Muslime geworden, aber sie verschwiegen es ‘Umar. Sein Stammesgenosse Nu‘aim ibn ‘Abdallāh war auch Muslim geworden und auch er verheimlichte es aus Angst vor seiner Verwandtschaft. Khabbāb ibn Aratt besuchte Fātima oft um ihr den Koran zu rezitieren.
Eines Tages umgürtete ‘Umar sich mit seinem Schwert und begab sich zum Propheten. Man hatte ihm nämlich gesagt, dass dieser mit einer Anzahl seiner Gefährten in einem Haus bei Safā versammelt war. Sie waren ungefähr vierzig Personen, Männer wie Frauen, unter denen Mohammeds Onkel Hamza, Abū Bakr und ‘Alī und noch andere Muslime waren, die bei dem Propheten in Mekka geblieben und nicht nach Äthiopien gezogen waren. Unterwegs traf ‘Umar Nu‘aym ibn ‘Abdallāh, der ihn fragte, wohin er gehe.
„Zu Mohammed,” sagte er, „diesem Sabier, der unter den Quraisch Zwietracht sät, ihre besten Tugenden Torheiten nennt, ihre Religion schmäht und ihre Götter verflucht. Ich werde ihn töten!”
„Du betrügst dich selbst, ‘Umar,” sagte Nu‘aym, „meinst du, dass die ‘Abd Manāf dich hier frei herumlaufen lassen werden, nachdem du Mohammed getötet hast? Solltest du nicht besser erst deine Angelegenheiten in der eigenen Familie in Ordnung bringen?”
„Was ist mit meiner Familie?”
„Dein Schwager und Vetter Sa‘īd und deine Schwester Fāṭima sind auch Muslime geworden und bekennen sich zu Mohammeds Glauben. Kümmere dich erst mal darum!”
‘Umar kehrte um und ging zu seiner Schwester und seinem Schwager. In dem Augenblick war Khabbāb ibn Aratt gerade bei ihnen; er hatte ein Blatt bei sich, auf dem die Sure Tāhā geschrieben war, die er ihnen rezitierte. Als sie ‘Umar kommen hörten, versteckte Khabbāb sich in einem Zimmerchen oder irgendwo im Haus, während Fatima das Blatt nahm und sich daraufsetzte. ‘Umar hatte aber, als er sich dem Haus näherte, Khabbāb schon rezitieren gehört und fragte sobald er hereintrat:
„Was war das für ein Kauderwelsch?”
„O, das war nichts.”
„Doch, doch, und mir ist auch gesagt worden, dass ihr der Religion des Mohammeds anhängt!”
Mit diesen Worten ging er seinem Schwager zu Leibe und als Fātima dazwischen kommen wollte, verpasste er auch ihr einen Schlag auf den Kopf.
„Ja,” sagten sie dann, „wir sind Muslime geworden und wir glauben an Gott und seinen Gesandten. Mache mit uns, was du willst!”
Als ‘Umar sah, wie seine Schwester blutete, tat sie ihm Leid, er tat einen Schritt rückwärts und sagte zu ihr: „Gib mir das Blatt mal, von dem ich gerade rezitieren hörte, damit ich sehe, was Mohammed verkündet.” ‘Umar konnte nämlich lesen und schreiben. Aber sie wollten es ihm nicht anvertrauen. „Keine Angst,” sagte er und er schwor ihr bei seinen Göttern, er werde es ihr zurückgeben, wenn er es gelesen habe. Da hoffte Fātima, dass er Muslim werden würde, und sagte: „‘Umar, du bist unrein, weil du ein Heide bist, und nur wer rein ist darf ihn berühren. 1 ‘Umar wusch sich; darauf gab sie ihm das Blatt mit der Sure Ṭāhā. Nachdem er ein Stück daraus gelesen hatte, rief er aus:
„Was für wunderbare, edle Worte!”
Als Khabbāb das hörte, kam er aus seinem Versteck und sagte: „‘Umar, ich hoffe, dass Gott dich auserwählt hat durch das Gebet Seines Propheten, denn diesen habe ich gestern beten hören: “O Gott, stärke den Islam durch die Bekehrung des Abū Ḥakam oder des ‘Umar!” Komm zu Gott, ‘Umar, komm zu Gott!”
Dann sagte ‘Umar: „Sag mir, wo ich Mohammed finden kann, Khabbāb; dann werde ich Muslim.”
Khabbāb antwortete, er sei mit einer Anzahl Gefährten in einem Haus bei Safā. ‘Umar legte sein Schwert um und machte sich auf den Weg. Er klopfte an die Tür des Hauses, in dem sie sich aufhielten. Als sie ihn hörten, ging einer der Gefährten zur Tür um durch einen Spalt zu schauen, wer da sei. Voller Angst kam er zurück zum Propheten und rief: „Prophet, es ist ‘Umar, und er trägt sein Schwert.” Hamza ibn ‘Abd al-Muttalib aber sagte: „Lasst ihn herein; wenn er gute Absichten hat, behandeln wir ihn gut; wenn er Böses will, töten wir ihn mit seinem eigenen Schwert.” Der Prophet willigte ein und der Mann öffnete ‘Umar die Tür. Der Prophet ging auf ihn zu, packte ihn fest an seinem Gürtel und zog ihn an sich.
„Was willst du hier, Ibn al-Khattāb?” sagte er, „denn du machst glaube ich weiter, bis Gott Unheil über dich herabsendet.”
„Prophet, ich bin gekommen um an Gott und seinen Gesandten und seine göttliche Botschaft zu glauben.”
„Gott ist groß!” schrie der Prophet, so dass alle Gefährten im Haus wussten, dass ‘Umar Muslim geworden war.
Darauf gingen die Gefährten frohen Mutes auseinander, nun da sowohl Hamza wie auch ‘Umar Muslime geworden waren. Sie wussten ja, dass diese beiden Männer den Propheten schützen würden und dass sie mit ihrer Hilfe von ihrem Feind ihr Recht erlangen könnten.
Dies ist die Erzählung der Überlieferer aus Medina über den Islam ‘Umars.

Einige Bemerkungen von mir zu dieser Erzählung finden Sie hier.

ANMERKUNG
1. Gemeint ist der Koran. Der zitierte Vers ist 56:79.

QUELLE: Ibn Isḥāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 224–7 (verkürzt).

Diakritische Zeichen: ʿUmar ibn al-Ḫaṭṭāb, Fāṭima, Ṣafā , Ḥamza ibn ʿAbd al-Muṭṭalib, Ṭāhā, Abū Ḥakam

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Was nicht im Koran steht

Viele ungebildete1 Muslime behaupten irgendetwas und sagen dann zu Unrecht, dass es so im Koran steht. Ich bekomme auch Fragen, die anfangen mit den Wörtern: „Was sagt der Koran zu ….?“ Oft muss ich antworten, dass der Koran zu dem Thema gar nichts enthält; dann ernte ich ungläubige Blicke. Aber der Koran ist nun mal ein dünnes Buch.

Viele Missverständnisse über den Koran könnte man vermeiden, indem man ihn liest. Das ist aber nicht jedem vergönnt: Er ist ein schwieriger, altarabischer Text. Die entschiedensten Behauptungen über den Inhalt des Korans stammen von Menschen, die ihn nicht oder kaum gelesen haben oder sich nur auf ein paar ausgewählte Verse beschränken.
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Nichts
Zu den folgenden Themen „sagt“ der Koran gar nichts:

Die Scharia. Der Koran enthält eine Anzahl Rechtsregeln, die eine Grundlage der späteren Scharia bilden. Das Wort Scharia (sharī‘a) selbst steht einmal im Koran (K. 45:18), aber nicht in der modernen Bedeutung „Rechtssystem“; im Hadith übrigens genausowenig. Wie sollte es auch? Das Rechtssystem erreichte erst seit ± 800 seine volle Reife; bis es Scharia genannt wurde,  dauerte es noch länger.

– Das Kalifat. Das arabische Wort khalīfa, Pl. khulafā’, mit der Bedeutung „Stellvertreter, Nachfolger” taucht im Koran einige Male auf — aber nie in der Bedeutung von „Nachfolger Mohammeds” oder „Oberhaupt eines islamischen Staates”. Von zwei Propheten wird gesagt, dass Gott sie zum Kalifen machte: von Adam und David. In K. 2:30 heißt es:

  • Und damals, als dein Herr zu den Engeln sagte: „Ich werde auf der Erde einen Kalifen einsetzen,“ sagten sie: „Willst du dort einen einsetzen, der Unheil stiftet und Blut vergießt, wo wir dir lobsingen und deine Heiligkeit preisen?“

Aus dem Kontext wird klar, dass mit dem „einen“ Adam gemeint ist. Und in Vers 38:26 heißt es:

  • Dāwūd, Wir haben dich zu einem Kalifen auf Erden eingesetzt.

Was immer das Wort in diesen Versen bedeuten mag: Von Mohammed wird nie gesagt, Gott habe ihn zum Kalifen gemacht hat, geschweige denn von einem Menschen nach ihm. Jahrhundertelang haben Kalifen von sich behauptet oder behaupten lassen, sie seien Stellvertreter Gottes auf Erden. Im Koran findet das keine Unterstützung.

– Die Bestrafung im Grab, die Befragung durch die Engel Munkar en Nakir, eine Schlange im Grab, all das wird im Koran mit keinem Wort erwähnt. Allerdings im Hadith; siehe hier.

Märtyrer: Dass diese  sofort nach ihrem Tod ins Paradies kommen, wo zweiundsiebzig Jungfrauen als Belohnung warten — im Koran steht das nicht. Die einzig relevanten Verse hierzu sind 3:169–70:

  • Meine nicht, dass die, die im Kampf für Gottes Sache gefallen sind, tot sind! Nein, sie leben und ihnen wird bei ihrem Herrn Unterhalt beschert. Sie freuen sich über das, was Gott ihnen gibt von seiner Huld … usw.

Was in anderen Versen über die Wonnen im Jenseits erwähnt wird, fällt auch normalen Gläubigen zu. Märtyrer sind ein typisches Thema für Hadithe. Das mit den Jungfrauen könnte übrigens in einer großen Enttäuschung enden; siehe weiter hier.

Katzen und Hunde, darf man die als Muslim halten? Kein Wort steht darüber im Koran; siehe hier.

Das war natürlich nur eine Auswahl. Auch das Verbot, den Propheten abzubilden und das Beten fünf Mal am Tag stehen nicht im Koran.

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Unklar
Es gibt auch Themen, zu denen der Koran möglicherweise etwas aussagt, das aber nicht sehr klar tut. So zum Beispiel:

– Die Verschleierung der Frau wird, wie man behauptet, im Vers 24:31 thematisiert:

  • Und sage den gläubigen Frauen, sie sollen den Blick niederschlagen, ihre Scham (furūdj) keusch bedecken und ihre Zierde (zīna) nicht zeigen, außer dem, was davon sichtbar ist, und sie sollen ihre Tücher über ihren Kleiderausschnitt ziehen und ihre Zierde niemandem zeigen  außer ihren Ehemännern, ihren Vätern, Schwiegervätern, ihren Söhnen, Stiefsöhnen, ihren Brüdern, den Söhnen ihrer Brüder und ihrer Schwestern, ihren Frauen, ihren Sklavinnen, den männlichen Bediensteten, die keinen Geschlechtstrieb haben, und den Kindern, die noch nicht auf weibliche Geschlechtsteile (‘aurāṭ) achten. Sie sollen nicht mit den Füßen schlagen um auf ihre verdeckte Zierde aufmerksam zu machen.2

In groben Zügen sieht die hier empfohlene Frau aus wie meine Mutter und meine Schwester: Die schauen auch nicht frech aus der Wäsche und halten immer ihre Scham und ihre Brüste bedeckt — was ziemlich naheliegend ist. Ihren bescheidenen Schmuck zeigen sie freilich schon.
Aber auch Männer müssen ihren Blick niederschlagen und ihre furūdj bedecken (K. 24:30). Daraus ergibt sich, dass furūdj tatsächlich die Genitalien sind. Das Wort ‘aurāt ist weniger klar, aber offenbar ist es hier gleichbedeutend mit furūdj. Noch schwieriger ist zīna, „Zierde“. Und wieso wird die verdeckte Zierde bekannt, wenn eine Frau mit ihren Beinen schlägt —gegen einander, auf den Boden? Handelt es sich um klirrende Fußreifen? Hier herrscht für den unbefangenen Leser Unklarheit, aber natürlich nicht für die Exegeten, die immer alles wissen; dazu kommen wir gleich.

– Die Absonderung der Frau: Der einzige explizite Vers (33:53) handelt von den Frauen des Propheten, nicht von Frauen im Allgemeinen; siehe hier.

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Interpretationen
Es ist manchmal unerwartet schwierig, muslimischen Studenten den Unterschied klar zu machen zwischen dem, was im Koran steht, und dem, was Korankommentare dazu sagen. Oft ist es nur ein Kommentar, den sie zu Hause im Schrank stehen haben oder den der Imam zitiert hat; nicht selten ist es das Werk des dummen Ibn Kathīr (± 1300–73) — als hätten vierzehn Jahrhunderte Islam nichts Besseres gebracht!
Dabei ist es doch eigentlich nicht schwer. Eine Aussage steht entweder in Buch A (das grüne Buch mit „Koran“ auf dem Umschlag), oder zum Beispiel in Buch B (mehrbändig, mit braunem Einband, auf dem „Kommentar“ oder „Tafsīr“ steht). Die beiden Textsorten sind sogar physisch leicht auseinander zu halten.

Der Koranausleger at-Tabarī (gest. 923) beispielsweise hat sieben Seiten zum oben zitierten Vers 24:31 verfasst; er fand ihn bestimmt wichtig. Man findet dort tatsächlich Textkommentare, etwa zu dem Wort ihre Zierde: „Das sind Fußreifen, Armreifen, Ohrringe und Halsketten“. Das ist nüchterne Wissenschaft. Eine Frau könnte also demnach einfach den ganzen Schmuck auf der Straße gar nicht anziehen, sondern ihn in ihre Handtasche tun und sich dafür aber locker bekleiden. Aber so war es wohl nicht gemeint.
Daneben gibt es jedoch auch Dinge, die nichts mit den Versen zu tun haben. At-Tabarī fährt fort: „Der allgemeine Konsens ist, dass jeder, der das Gebet verrichtet, seine Scham bedecken soll und dass die Frau ihr Gesicht und ihre Arme beim Gebet bedecken soll und überdies ihren Körper verschleiern soll, außer dem, was der Prophet erlaubt hat, nämlich ihre Unterarme bis zur Hälfte.“ 3 Soll das wirklich Koranauslegung sein? Ein Bezug auf den kommentierten Vers ist kaum vorhanden.
Wenn der Koran für jemanden ein heiliger Text ist, muss dann der Kommentar eines späteren Muslims, der seit mehr als tausend Jahren tot ist, das auch sein? Schwieriger ist es mit dem Spruch des Propheten, den der Kommentar erwähnt; der ist ja für Muslime verbindlich. Aber er stammt aus einem Hadith und kommentiert hier nicht den zitierten Vers.
Wenn etwas nicht im Koran steht, ist es deshalb nicht unislamisch. Aber es wäre schön, wenn man zumindest die Textgattungen auseinander halten könnte: Koran, Auslegung (tafsīr) und Hadith.

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An den Haaren herbeigezogen
Schließlich gibt es Themen, über welche Muslime gerne etwas im Koran lesen würden, die dort aber mit keinem Wort erwähnt werden. In solchen Fällen wird oft ein Vers genommen und so interpretiert, dass es scheint, als stünde doch etwas darin.
Die oben erwähnte Bestrafung im Grab zum Beispiel wird gerne in Vers 40:11 erkannt: „Sie sagen: Unser Herr, Du hast uns zweimal sterben lassen und zweimal lebendig gemacht.“ At-Tabarī hat unter den ihm bekannten Auslegungen auch diese bewahrt: „Sie starben in dieser Welt und wurden im Grab auferweckt; dann wurden sie befragt oder zur Rede gestellt; dann starben sie in ihrem Grab und wurden im Jenseits nochmals auferweckt.“ Ob aber der Vers dies wirklich aussagen soll, lässt sich nicht nachweisen.

Und noch weitere Tricks werden angewandt: der bekannteste ist der mit dem Vers zur Steinigung. Über die Steinigung steht kein Wort im Koran. Man behauptet aber, es habe dazu einmal einen Vers gegeben:

  • Wollt nicht etwas anderes als eure Väter, denn das ist Unglauben in euch. Wenn [sogar] ein bejahrter Mann und eine bejahrte Frau Unzucht treiben, steinigt sie auf jeden Fall, als Strafe Gottes. Gott ist mächtig und weise.4

Dieser Vers soll „abgeschafft“ (*mansūkh) worden sein. In diesem Fall ist sein Wortlaut abgeschafft: Er steht nicht im Koran, aber die darin enthaltene Rechtsregel ist noch gültig, denn in den Hadithen ist von Steinigung durchaus die Rede. Die *Abschaffung ist eine lästige Sache, die einen Sonderbeitrag braucht.

 

ANMERKUNGEN
1. Ich meine natürlich ungebildet im Umgang mit alten Texten. Jemand kann Installateur sein, Bäcker, Pflegekraft, Ingenieur oder Arzt, aber zugleich sehr naiv, ja nahezu Analphabet sein, wenn es auf Textverständnis ankommt. Solche Menschen sind oft willige Opfer der häufig ebenfalls schlecht ausgebildeten islamischen geistigen Führer.
2. Ich habe die lange Auflistung der Verwandten hier klein gedruckt um nicht von der Kleidung abzulenken.
3. Man würde meinen, dass auch die Handgelenke bedeckt sein müssen, damit die Armreifen unsichtbar bleiben. Aber nein, da ist der Konsens ganz pragmatisch: Um Arbeiten im Haushalt zu ermöglichen, wie z.B. Teig kneten, dürfen die Unterarme bis zur Hälfte sichtbar sein.
4. لا ترغبوا عن آبائكم فانه كفر بكم. والشيخ والشيخة إذا زينا فارجموهما البتة نكالا من الله والله عزيز حكيم . Ibn Isḥāq, Sīra 1015, aṭ-Ṭabarī, Ta’rīkh i, 1821, Mālik ibn Anas, Muwaṭṭaʾ, Ḥudūd 10, Ibn Sa‘d, Ṭabaqāt, Hrsg. Sachau iii, i blz. 242 e.a.; Th. Nöldeke in Geschichte des Qorans, Bd. 1, Leipzig 1909, 248–9.

Diakritische Zeichen: ḫalīfa, ḫulafāʾ,  furūǧ, ʿaurāt, Ibn Kaṯīr , aṭ-Ṭabarī, mansūḫ, Ibn Isḥāq, aṭ-Ṭabarī, Tarīḫ, Muwaṭṭaʾ, ḥudūd, Ṭabaqāt

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Einundvierzig Höllenqualen

Momentan arbeite ich konzentriert an der Ausgabe eines alten arabischen Textes, das Kitāb al-‘Azama.

Eine Textausgabe hat etwas Handwerkliches, etwas Gemütliches für die Winterabende: Rätsel lösen, mit (Fotos von) ungefähr zehn alten Handschriften auf dem Tisch. Nachdem ich zur Einstimmung ein Fragment über die heiße und die kalte Hölle hier eingegeben hatte, sind jetzt die Höllenqualen an der Reihe, um die vierzig an der Zahl, eine noch grausamer als die andere — das macht richtig Spaß. Um Ihnen einen Eindruck zu geben: Es sieht so aus:

  • – Darauf wurden andere aus dieser Gemeinschaft gebracht, deren Haut abgezogen und danach wieder aufgebracht wurde. Über sie rief ein Herold: Dies sind diejenigen, die sich um einen guten Ruf und Ruhm bei den Fürsten und Sultanen dieser Welt bemüht haben.
    – Darauf wurden andere aus dieser Gemeinschaft gebracht, deren Bauch aufgeschlitzt wurde, in den dann Pfähle aus Feuer getrieben wurden und denen ihre Ohren zu essen gegeben wurden. Über sie rief ein Herold: Dies sind die Imame und Muezzins der Muslime, die zum Gebet riefen, aber für Lohn beteten, die Güter der Menschen begehrten und sich die Belohnung bei Gott versagten.
    – Darauf wurden andere aus dieser Gemeinschaft gebracht, die mit dem Kopf nach unten gekreuzigt wurden und in deren Ohren Blei aus dem Höllenfeuer gegossen wurde. Über sie rief ein Herold: Dies sind diejenigen, die an der Botschaft Mohammeds zweifelten.

Solche Texte gab es schon im alten Persien, aber sie sind auch in apokryphen christlichen Texten zu finden — und in der Biographie des Propheten Mohammed, der ja während seiner Reise durch Himmel und Hölle seine Augen offen gehalten haben soll. Ein kurzer Hinweis auf die verwandten Texte bereits hier.

Man kann schon verstehen, warum der Koran so gerne gelesen wird. Der spielt ja immer nur kurz auf die Hölle an, so dass sich jeder selbst Angst einjagen kann. Bei ausgearbeiteten Beschreibungen der Höllenqualen wie den obigen tritt nach einiger Zeit Langeweile ein und der Schrecken bleibt aus. Man sieht auch in den Handschriften, dass der eine oder andere Kopist mit Leichtigkeit noch einige Foltern hinzuerfinden konnte. Sein Nachbar, ein Neffe oder der Steuerbeamte sollte auch noch zur Hölle fahren und bekam mit Gusto eine Folterung zugedacht.

Das Prophetenwort, nach dem „die meisten Einwohner der Hölle Frauen sind“,1 ist in diesem Text übrigens nicht berücksichtigt worden. In ʿAẓamas Hölle gibt es nur ganz wenige Frauen. Ganz hart bestraft — allerdings nur in zwei Handschriften — werden Frauen, die behaupten, sie hätten Kopfschmerzen, während sie keine haben.

Nachschrift: Inzwischen kann man hier das ganze Kapitel in englischer Übersetzung lesen.

ANMERKUNG
1. Bukhārī, Bad’ al-khalq 8: . اطّلعت في الجنة فرأيت أكثر أهلها الفقراء واطّلعت في النار فرأيت أكثر أهلها النساء

Diakritische Zeichen: Kitāb alʿ-Aẓama, Buḫārī, bad’ al-ḫalq

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Dickicht im Koran

In vier Koranversen komt das arabische Wort aika, „Dickicht“ vor:

  • Die Leute des Dickichts (الأَيْكَةِ) waren ebenfalls Frevler und wir rächten uns an ihnen. (Koran 15:78–9)
  • Die Leute des Dickichts (لْئَيْكَةِ) ziehen (seinerzeit) die Gesandten (Gottes) der Lüge. (K. 26:176)
  • … desgleichen die Thamūd, die Leute von Lot und die Leute des Dickichts (لْئَيْكَةِ). Das sind die Heidenvölker (?) (K. 38:13)
  • … die Leute des Dickichts (الأَيْكَةِ) und die Leute des Tubba‘. Alle haben die Gesandten der Lüge geziehen. Und so ist meine Drohung in Erfüllung gegangen. (K. 50:14; Übersetzungen nach R. Paret)

Bei näherer Betrachtung steht zweimal al-’aika und zweimal ein merkwürdig geschriebenes l-’aika, obwohl sich das Wort in allen Stellen auf dasselbe bezieht. Offensichtlich liegt eine Inkonsequenz in der Rechtschreibung vor, wie sie öfter im Koran vorkommt. In manche Koranversionen steht sogar laika ohne Apostrophe (Glottisschlag). → Puin weist daraufhin, dass mit Laika ein Eigenname, wohl ein Ortsname gemeint sein muss, was manchmal noch an der Kasusendung ersichtlich wird und wie es einige Korankommentare noch wussten oder annahmen. Was liegt dann näher als eine kleine Emendation, eine Textänderung? Deshalb schlägt Puin vor an allen Stellen laika zu lesen. Pikant ist, dass es hier um eine Textänderung im arabischen Korantext geht, was für viele islamische Buchverehrer ein unglaubliches Tabu ist, zumal da ein Nicht-Muslim sie durchführt. Aber wohlbetrachtet haben die alten islamischen Gelehrten ebenfalls in den Korantext eingegriffen, indem sie heimlich die Vokalzeichen änderten und nach Möglichkeit auf die Einheitslesart al-’aika hinarbeiteten. Früher dachte man sich nichts dabei.

Vielleicht wird jemand einwenden: Aber wir kennen die Leute des Dickichts doch? Über sie wird ja in Korankommentaren und Prophetenerzählungen berichtet. Das sagt aber gar nichts. Die „Erzähler“, die frühesten Koranausleger, „wussten“ immer alles. Zum Beispiel, dass dieser Name ein altes arabisches Volk unweit von Midian bezeichnete, das nicht auf seinen Propheten hören wollte und deshalb in einem göttlichen Strafgericht unterging. Nehmen wir an, die ursprüngliche Lesart war Laika, aber man hat den Ort nicht (mehr) gekannt und fand das Wort unverständlich. Ein Ausleger kam dann auf die Idee al-’aika zu lesen, ein Wort, das für ihn sinnvoll war, und seitdem existierten die „Leute des Dickichts“. Sie sind frei erfunden, wie so vieles in der Koranexegese. Als das Dickicht einmal da war, ging es nicht mehr weg und es entstanden natürlich fantastische Erzählungen über Menschen in einem Dickicht. Laut → Nawas gibt es deren mindestens fünf.

Puin fasst Layka aber als Ortsnamen auf und knüpft dabei an an Meinungen aus dem 19. Jahrhundert. Man meinte auch zu wissen, wo der Ort lag: es soll der kleine Hafen an der Nordwestküste Arabiens gewesen sein, der in der Antike als Leukē Komē (Λευκή Kώμη) bekannt war. Ein unglückseliger Ort, denn die Schifffahrt in nördlichen Roten Meer war wegen der fast immer ungünstigen Wind mühsam. Puin platziert ihn aber etwas südlicher als bisher angenommen. Die rätselhaften „Leute des Dickichts“ im Koran wären dann durch „Leute von Laika“ zu ersetzen, was passen würde, denn im Kontext aller vier Verse wird von Menschen in Nordwestarabien geredet.
 Gute philologische Denkarbeit mit einer Fülle von Argumenten, die hier natürlich nur kurz in ihrem Ergebnis zusammengefasst werden konnte.

Bei aller Achtung vor Puins philologischer Leistung meine ich aber, dass er mit dem Hafenstädtchen nicht Recht hat. Die deutsche Aussprache von leukē ist nicht weit entfernt von laika. Aber im Griechischen aus der Zeit des Korans hörte es sich wie lefkí an, mit Betonung der letzten Silbe. Von dort nach laika ist ein ziemlicher Schritt. Nein, die Beweisführung ist mir doch zu dünn. Ich bleibe also im Dickicht stecken.

 

BIBLIOGRAPHIE
– John Nawas, „People of the Thicket,“ in Encyclopaedia of the Qurʾān.
– Gerd-R. Puin, „Leuke Kome / Layka, die Arser/Aṣhḥāb al-Rass und andere vorislamische Namen im Koran: Ein Weg aus dem ‘Dickicht’?,“ in Karl-Heinz Ohlig und Gerd-R. Puin (Hrsg.), Die dunklen Anfänge, Neue Forschungen zur Entstehung und frühen Geschichte des Islam, Berlin 2005, 317–340.

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