Neues aus der Arabistik: Koranforschung – 2

Fortsetzung von Neues aus der Arabistik: Koranforschung – 1

Der Kopist aus dem Beispiel in der 1. Lieferung  war noch recht bescheiden. Es ging auch drastischer. Als David →Powers zum frühislamischen Erbrecht arbeitete, traf er auf eine folgenschwere Textänderung.

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Sie steht auf einer Seite (fol. 10b) aus dem Codex Parisino-petropolitanus, 1 auch bekannt als Handschrift BNF 328a der Bibliothèque Nationale de France. Dank weitestgehender Digitalisierung der Pariser Bibliothek bekommt man den Text in wenigen Sekunden auf den Schirm; früher hätte so etwas viel Mühe und Geld gekostet. Die Handschrift hat einen so langen Namen, weil ein Teil sich in Paris befindet, ein anderer Teil in St. Petersburg und einige Blätter im Vatikan. Sie ist eine der ältesten Koranhandschriften und datiert wahrscheinlich noch aus dem siebten Jahrhundert.
Sie sehen es selbst: In der 4. Zeile von unten hat jemand den Text in schwärzeren Buchstaben und in einer anderen Schreibstil überschrieben. In noch zwei anderen Zeilen und an etlichen anderen Stellen in dieser Handschrift ist das auch der Fall.
Das Interessante ist, dass die korrigierte Fassung mit dem heutzutage gängigen Korantext übereinstimmt und eine ältere, dichter beim Original stehende Fassung abdeckt. Mit infra-rotem Licht und anderen technischen Hilfsmitteln hat Powers den älteren Text sichtbar gemacht und einen Einblick in die Textgeschichte des Korans gewährt, der offensichtlich doch nicht ganz fertig aus dem Himmel hinabgesandt worden ist.
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Der Korantext, der Powers in Bezug auf das Erbrecht besonders interessierte, war der Doppelvers 4:11–12. Ich werde ihn hier nicht ganz zitieren: Es ist ein langer und schwieriger Text und es geht mir nicht um das Erbrecht, sondern um Korrekturen in Koranhandschriften. Powers hat die Pariser Handschrift durchleuchtet und befunden, dass zwei Korrektoren sie bearbeitet haben. Der ursprüngliche Kopist hatte in 12b offensichtlich geschreven: واﮞ كاں رحل ىورٮ كله او امراه ولها اح او احٮ  wa’in kāna raǧulun yūriṯu kallatan aw imra’atan wa-lahā aḫun aw uḫtun, „Wenn ein Mann eine Schwiegertochter(?) oder eine Frau beerbt, und sie einen Bruder oder eine Schwester hat…“
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„Sie“ war einfach ein Fehler, den der erste Korrektor, wohl identisch mit dem ursprüngliche Kopist, in ‘er’ veränderte. Die kalla, „Schwiegertochter“ ist problematisch, denn da
s Wort kommt im Arabischen nicht vor. Powers geht aufgrund von anderen semitischen Sprachen davon aus, dass „Schwiegertochter“ die richtige Bedeutung gewesen sein muss. Aber der erste Korrektor veränderte kalla in kalāla, „seitliche Verwandtschaft“, vielleicht weil diese Lesart ihm von ganz oben aufgedrängt wurde. Das machte jetzt eine andere Vokalisierung nötig um dem Vers wenigstens noch etwas an Bedeutung abzuringen: واﮞ كاں رحل ىورٮ كلله او امراه وله اح او احٮ   wa’in kāna raǧulun yūrathu kalālatan aw imra’atun wa-lahu aḫun aw uḫtun,  „Und wenn ein Mann von seitlicher Verwandtschaft (kalāla) beerbt wird, oder eine Frau, und er einen Bruder oder eine Schwester hat…“
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Der zweite Korrektor hat den Text nicht geändert, sondern nur die Korrekturen des ersten Korrektors mit frischer schwarzer Tinte überdeckt. Aufgrund der Schrift und der Tinte hat er das schätzungsweise zwei Jahrhunderte später getan. 
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Der „korrigierte“ Text stimmt mit dem des heutigen Korans überein: وَإِن كَانَ رَجُلٌ۬ يُورَثُ ڪَلَـٰلَةً أَوِ ٱمۡرَأَةٌ۬ وَلَهُ أَخٌ أَوۡ أُخۡتٌ۬
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Die Korrektur war nicht erfolgreich, denn der Vers wurde dadurch unverständlicher als zuvor. Das fiel den frühesten Hörern, bzw. Lesern gleich ins Auge, so dass sie eine Erklärung verlangten. Die bekamen sie noch im Koran, in Vers 4:176: يَستَفتونَكَ قُلِ اللَّهُ يُفتيكُم فِي الكَلالَةِ إِنِ امرُؤٌ هَلَكَ لَيسَ لَهُ وَلَدٌ وَلَهُ أُختٌ فَلَها نِصفُ ما تَرَكَ „Sie fragen dich um Belehrung. Sprich: ‘Allah belehrt euch über die seitliche Verwandtschaft (kalāla): Wenn ein Mann stirbt und keinen Sohn hat, aber eine Schwester  … usw.‘“—dieser Vers ist durchaus verständlich. 
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Dies ist kein einfacher Stoff. Ich habe ihn ganz kurz zusammengefasst und bin auf die Inhalte der Verse nicht mal eingegangen. Powers widmet der Sache sein ganzes Kapitel 8. Aber ersichtlich ist: Ein früher Abschreiber hat ein schwieriges Wort im Koran geändert und dadurch einen Vers ruiniert. Im 9. Kapitel ist bei Powers nachzulesen, wie diese Änderung auf die Koranauslegung und das Recht gewirkt hat. Denn als das Wort kalāla einmal in Koran 4:12 stand, war es nicht länger möglich es wegzuschaffen und musste der jetzt schwierige Vers auch eine Bedeutung bekommen. Diese herauszufinden hat die Schriftgelehrten viel Arbeit gekostet. 

Für mehr umfassende Textänderungen im Koran siehe das Palimpsest von Ṣan‘ā’.1

Hat es in der Bibel auch solche Textänderungen gegeben? Bestimmt, aber davon weiß ich nicht viel. Im Alten Testament werden sie aber schwieriger festzustellen sein, weil zwischen der Entstehung des Textes und den ältesten erhaltenen Handschriften Jahrhunderte liegen. Beim Koran dagegen ist man fast Augenzeuge der Textgestaltung. Wenn man nur hinguckt.

ANMERKUNG
1. Die Wikipedia-Artikeln zu solchen Themen sind nicht sehr zuverlässig, aber sie bieten einen ersten Eindruck,.

BIBLIOGRAFIE
David Powers, Muḥammad Is Not the Father of Any of Your Men. The Making of the Last Prophet, Philadelphia 2009, vor allem Hst. 8.

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Neues aus der Arabistik: Koranforschung – 1

Vor fast sechs Jahren wurde ich pensioniert und seitdem habe ich den Entwicklungen in der Arabistik kaum noch gefolgt. Manchmal bedauere ich das, weil in den wenigen Jahren im Fach sehr viel passiert ist. Ich werde nicht zurückgehen um alles noch nachzuholen, aber hin und wieder bekomme ich zufälligerweise noch wichtige Entwicklungen mit und es schadet nicht, darauf kurz hinzuweisen.
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Die Kenntnis der alten Sprachen Arabiens hat spektakulär zugenommen. In Nordwestarabien sind zehntausende Inschriften auf Steinen gefunden worden, die allmählich entziffert werden. Die sind meist nicht in Hocharabisch geschrieben. Früher lernte man, dass in Arabien unterschiedliche arabische Dialekten gesprochen wurden, überwölbt durch eine Hochsprache, in der sowohl die alte Poesie wie auch der Koran abgefasst waren. Im Jemen gab es altsüdarabische Sprachen, in Syrien Aramäisch und Griechisch, im Irak Aramäisch und Persisch und das war es ungefähr
. Aber dank der Arbeit von Experten auf diesem Gebiet, unter denen Ahmad al-Jallad herausragt, sieht die Sprachsituation Altarabiens inzwischen ganz anders aus: Man hat viele bisher unbekannte Schriften und Sprachen entdeckt. Ein schneller Einblick in in al-Jallads Arbeit bietet seine Seite bei Twitter wie auch diese Karte von seiner Hand:


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Diese neue Kenntnis wird die Koranforschung ändern. Meinte Chr. Luxenberg (Pseud.) noch, das der Koran „eigentlich“ auf Syrisch geschrieben ist, jetzt gibt es mehr Sprachen, die auf Grammatik, Wortschatz und Rechtschreibung des Korans Einfluß gehabt haben können. Anzunehmen ist, dass auch eine alte Diskussion wieder aufleben wird: Ist die vorislamische Poesie wirklich vorislamisch, wenn es um der
 Hochsprache der Halbinsel vielleicht doch anders steht als man früher annahm?
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Die Koranforschung  hat einen mächtigen Aufschwung genommen. Tekstkritik, zum Beispiel: endlich wird mal ernsthaft auf die alten Handschriften geschaut, die Rechtschreibung und die Redaktionsgeschichte des Korans studiert. Und die Intertextualität: die Beziehungen zwischen  dem Koran und christlichen und jüdischen Literaturen; siehe z.B. Corpus Coranicum.
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Hier gebe ich zwei Beispiele. Einigen Gelehrten ist es aufgefallen, dass in Koranversen mit einem problematischen oder unerwünschten Inhalt in der alten Zeit relativ viele Textänderungen durchgeführt oder versucht worden sind.
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Ghilène Hazem referierte in einer Konferenz in Helsinki über ihre  Hypothese, dass ‘theologically problematic verses might have left traces at a manuscript level’: bei schwer verdaulichen Versen können Kopisten in den Handschriften Spuren ihrer Zweifel oder sogar Meinungen zurückgelassen haben. Hazems Ergebnisse werden bestimmt veröffentlicht, aber das kann nach einer Konferenz lange dauern; deshalb hat sie im Voraus etwas bei Twitter vorveröffentlicht.
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Dort weist sie hin auf Koran 38:17–18:
اصبِر عَلىٰ ما يَقولونَ وَاذكُر عَبدَنا داوودَ ذَا الأَيدِ إِنَّهُ أَوّابٌ  إِنّا سَخَّرنَا الجِبالَ مَعَهُ يُسَبِّحنَ بِالعَشِيِّ وَالإِشراقِ
„Ertrage geduldig, was sie sagen und gedenke Unseres Knechtes David, des Kraftvollen. Er war bußfertig. Wir machten zusammen mit ihm (ma‘ahu) die Berge dienstbar, so daß sie [Uns] abends und bei Sonnenaufgang priesen.“
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Ist das nicht merkwürdig oder gar anstößig, dass David diesem Vers zufolge mitmachen darf, die Berge dienstbar zu machen? Viele moderne Übersetzer lassen das „zusammen mit“ in ihrer Übersetzung verschwinden, aber auch ein Kopist aus dem (frühen?) achten Jahrhundert fand es peinlich. Er schrieb das Wörtchen ma‘ahu, „zusammen mit ihm“ zwar ab, aber tat es in Rot. So erfüllt er seine Pflicht, akkurat abzuschreiben, aber drückte zur gleichen Zeit seinen Zweifel aus.

Der Zweifel des Kopisten war unberechtigt. Hazem weist noch hin auf Koran 21:79: وَسَخَّرنا مَعَ داوودَ الجِبالَ يُسَبِّحنَ وَالطَّيرَ وَكُنّا فاعِلينَ  „Und zusammen mit (ma‘aDavid machten Wir die Berge dienstbar, so daß sie [Uns] priesen, und die Vögel ebenso. Wir haben das getan.“ Der Koran hatte es also wirklich so gemeint. Lectio difficilior potior, „die schwierigere Lesart ist besser“— wenn der Kopist auch kein Latein kannte, dieser Grundregel der Textkritik wird er sich bewust gewesen sein. Aber es gibt auch einen Vers, der das Problem nicht hatte oder es auf anderer Weise aus der Welt schaffte: Koran 34:10 وَلَقَد آتَينا داوودَ مِنّا فَضلًا  يا جِبالُ أَوِّبي مَعَهُ وَالطَّيرَ „Wir haben einst David Unsere Huld erwiesen und sprachen: ‘O ihr Berge, singt zusammen mit ihm (ma‘ahu) preisende Kehrreime!, und ihr Vögel ebenso.’“
Hazem geht wohl zu Recht davon aus, dass die jüdische Davidlegende mehr Einblick in die Entwicklung des Motivs bieten wird, aber das ist ein anderes Thema.
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Fortsetzung: Neues aus der Arabistik: Koranforschung – 2.

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Ahad, ein noch unbekannter Gott

🇳🇱 Der Gott des Korans heißt Allāh, das weiß jeder. Viele wissen auch, dass das ursprünglich kein Eigenname ist, sondern ein Substantiv mit Artikel: „der Gott“. Aber aufgrund dessen göttlichen Wesens, seines Handeln und seiner Eigenschaften ist es volkommen richtig das Wort Allāh als Eigenname aufzufassen.
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Dieser Gott wird im Koran oft al-raḥmān genannt. Das bedeutet „barmherzig“ und hat den Status eines Adjektivs, oder anderen zufolge den eines Substantivs bekommen. An vielen Stellen im Koran tritt das Wort aber als Eigenname auf, wenn es auch auf denselben Gott Bezug nimmt als Allāh. Innerhalb des Korans gibt es Hinweise, dass ein al-Raḥman früher als separater Gott aufgefasst wurde, z.B. Koran 17: 110 قل دعوا الله أو دعوا الرحمن  „betet zu Allāh oder betet zu al-Raḥmān“. Außerhalb des Korans ist es noch deutlicher. Bereits hundert Jahre vor Mohammed wurde im Jemen auf einer Inschrift der Gott Raḥmānān erwähnt, mit der sabäischen Endung -ān, die den Artikel darstellt. Er war der mittel- und südarabische high god des Himmels und der Sterne. Er ist aufgegangen in „dem Gott“, der im Islam der Einzige geworden ist.
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In den letzten Jaren wurden in Arabien Tausende Felsinschriften aus vorislamischer Zeit gefunden
. Einer davon lautet, in der Übersetzung von Ahmad al-Jallad, wie folgt:1 

  • He kept watch for his family while camping near water so O Aḥad and Allāt, may he who reads (this) have security and spoil.2

Hier werden also Schutz und Hilfe zweier Götter angerufen. Allāt ist eine Göttin, die auch bekannt ist aus dem Koran—wo sie natürlich als Göttin hat abgetan. Aḥad war noch unbekannt. Aḥad ist ein gängiges arabisches Wort, das „einer“ oder „jemand“ bedeutet. Aber offensichtlich war es auch der Name eines Gottes. Wenn man so will, kann man ihn auch in der Bibel entdecken: שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהוָה אֱלֹהֵינוּ יְהוָה אֶחָֽד „Höre Israël, der HERR ist unser Gott, der HERR ist Æḥad“ (5. Mose 6:4).
Für Muslime gilt aḥad als einer der „herrlichen Namen“ Gottes. Er kommt auch im Koran vor, in Sure 112: قل هو الله أحد „Sag: Er ist Allāh, ein Einziger,“ oder wenn wir das huwa weglassen (siehe dazu hier): „Allāh ist ein Einziger“. Ich kann mir die Frage nicht verkneifen: Haben wir auch hier mit einer Gottheit zu tun, die met „dem Gott“ gleichgesetzt wird: „Allāh ist Aḥad“? Sowie er mit al-Raḥmān identisch ist, ist er so auch identisch mit Aḥad? Ein Koranvers und eine ziemlich alte Inschrift reichen nicht für eine Schlussfolgerung, aber ich behalte den Gedanke im Kopf. Sollte es so sein, so enthielte der letzte Vers der Sura ein Wortspiel: ولم يكن له كفوا أحد : „und nicht einer (aḥad) ist ihm ebenbürtig.“
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Der Eigenname ‘Abd al-Aḥad, „Knecht des Einen,“ ist islamisch. Muslime verwenden oft einen der „herrlichen Namen“ in dieser Manier. Kam er auch schon in vorislamischer Zeit vor? Nach einigem Blättern in Namenlisten scheint das mir nicht der Fall zu sein, aber auch dies sollte als Möglichkeit offen gehalten werden.

ANMERKUNG
1. Al-Jallad hat hierzu interessante Tweets. Die Sache ist offensichtlich noch nicht reif für einen wissenschaftlichen Artikel. OCIANA, auf das er hinweist, ist das Online Corpus of the Inscriptions of Ancient North Arabia. Seihe dort auch unter Safaitic.
2. Safaitische Inschrift Nr. KRS 1131: kharaṣa ahl-oh ḥāṣ́era fa-hā-aḥad wal-lāt salām le-dhī da’aya. Safaitisch war ein Alfabet; man hat Tausende Inschriften in dieser Schrift gefunden zwischen Südsyrien und Nordsaudien. Man kann sie datieren zwischen dem 1. Jahrhundert v. Chr. und dem 4. n.Chr.

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Unfähige Propheten

Einer Erzählung zufolge, die Mohammeds erstes Offenbarungserlebnis  schildert, hatte der Prophet sich auf den Berg Hirā’ zurückgezogen, als der Engel Gibrīl (Gabriel) zu ihm kam:

  • Der Prophet selbst erzählte dazu: Während ich schlief, kam Gibrīl zu mir mit einer Brokatdecke, auf der Schriftzeichen standen. Er sagte: „Lies!“ Ich sagte: „Ich kann nicht lesen (mā aqra’u).“ Darauf drückte er mit der Decke meinen Hals so kräftig zu, dass ich dachte, es wäre der Tod. Dann ließ er mich los [und sagte: „Lies!“ Ich antwortete: „Ich kann nicht lesen.“ Darauf drückte er abermals so kräftig, dass ich dachte, es wäre der Tod. Dann ließ er mich los] und sagte wieder: „Lies!“ Ich sagte: „Was soll ich lesen? (mā dhā aqra’u)“ und das sagte ich nur um ihn los zu werden, aus Angst, dass er es noch mal tun würde. Da sagte er: Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen. Lies im Namen deines Herrn, der erschuf,—erschuf den Menschen aus einem Klumpen Blut. Lies! denn dein Herr ist der Allgütige, der (den Menschen) lehrte durch die Feder, den Menschen lehrte, was er nicht wusste. [Koran 96:1–5] Dies rezitierte ich; dann ließ er mich los und ging weg. Als ich aufwachte war es, als wäre es in mein Herz geschrieben.
    Nun gab es kein Geschöpf, das mir verhasster war als Dichter und Besessene; ich konnte sie einfach nicht riechen. Und ich dachte: „O wehe, dieser Nichtswürdige“—er meinte sich selbst—„ist ein Dichter oder Besessener. Aber das werden die Quraisch nie von mir sagen! Ich werde hoch auf den Berg steigen und mich herunterstürzen und töten, dann habe ich Ruhe.“ In der Absicht machte ich mich also auf den Weg, aber als ich mitten auf dem Berg war, hörte ich eine Stimme vom Himmel: „Mohammed! Du bist der Gesandte Gottes, und ich bin Gibrīl.“ Ich schaute hoch zum Himmel und siehe da, es war Gibrīl in der Gestalt eines Mannes, der mit seinen Füßen neben einander am Horizont stand. Wieder sagte er: „Mohammed! Du bist der Gesandte Gottes, und ich bin Gibrīl.“ Ich sah ihn weiter an und das brachte mich von meinem Vorhaben ab; ich ging weder vorwärts noch rückwärts. Da wollte ich meinen Blick von ihm abwenden, aber in welche Richtung ich auch schaute, überall sah ich ihn wieder so stehen. Dort blieb ich so lange, ohne einen Schritt vorwärts oder Rückwärts zu tun, dass Khadīdja schon ihre Boten sandte um nach mir zu suchen; sie kamen bis oberhalb von Mekka, während ich noch am selben Ort stand. Dann verließ er mich.1

Diese Erzählung beschreibt das, was christliche Theologen eine Berufungsvision nennen. Von verschiedenen Propheten wird im Alten Testament erzählt, wie sie anfangs meinen der Aufgabe, die Gott ihnen auferlegen will, nicht gewachsen zu sein.
Moses wird beauftragt sein Volk aus Ägypten ins Land Kanaan zu führen. Er hat einige Ausreden und bringt zum Schluss vor: „Ach Herr! Ich bin kein redegewandter Mann […] denn unbeholfen ist mein Mund und unbeholfen meine Zunge.“ (2. Mose 4:10).

Jesaja sieht eine Ehrfurcht gebietende Vision des Herrn, umgeben von zwei Seraphim. Er ruft aus: „Wehe mir, ich bin verloren! Denn ein Mann mit unreinen Lippen bin ich …“ (Jesaja 6:5).
Jeremia sagt bei seiner Berufung: „Ach Herr, Herr, ich verstehe nicht zu reden; denn ich bin zu jung“ (Jeremia 1:6).
Hesechiel erschrickt gewaltig und fällt beim Anblick einer überwältigenden Vision auf sein Angesicht (Hesechiel 1–3).

Die Propheten haben Recht. Natürlich sind sie nicht im Stande ihre Aufgabe ohne Weiteres zu erfüllen. Aber Gott macht sie bereit und stärkt sie dazu, gibt ihnen seine Worte ein, worauf es dann gelingt. Jesajas unreine Lippen werden mit einer glühenden Kohle vom Altar gereinigt; dann ist er bereit zu prophezeihen. Hesechiel wird von Gott „emporgehoben“; er hat schon eine Schriftrolle zu essen bekommen, „süß wie Honig,“ und ihm wird die nötige Härte verliehen; Mohammed bekommt die Schrift buchstäblich fast in seinen Hals gepresst. Sowohl Hesechiel (Hes. 3:14–15) als auch Mohammed sind nach der Berufungsvision schwer angeschlagen.
Nur der biblische Prophet Jona sagt nicht, dass er kein Prophet sein kann; er weigert sich einfach. Sein Auftrag ist es in die große Stadt Ninive im Irak zu gehen, aber er nimmt ein Schiff in eine andere Richtung—das ist ein anderer Fall. Mohammed passt in die Reihe der anderen Propheten, die sich zunächst unfähig fühlen.

Ich musste etwas nachdenken über die Wörter mā aqra’u in der Erzählung über Mohammeds Berufung, oben übersetzt als: „Ich kann nicht lesen“— wobei wohlgemerkt in der alten Zeit lesen immer bedeutete: laut lesen, rezitieren.
mā aqra’u word manchmal aufgefasst als: „Was werde/soll ich lesen?“, aber naheliegender wäre in dem Fall mā dhā aqra’u, was etwas später kommt. Der Kontrast zwischen zweimal mā aqra’u und einmal mā dhā aqra’u ist beabsichtigt.
mā aqra’u ist in allerlei Varianten des modernen(!) gesprochenen Arabisch ein neutrales: „Ich lese nicht/werde nicht lesen“. In der Schriftsprache war und ist das aber lā aqra’u.
+ Imperfekt. Nach W. Fischer, Grammatik des klassischen Arabisch, Wiesbaden 21987, § 321 „bestreitet mit Impf. den Vorgang oder dessen Möglichkeit: [… ] mā yarāka, ‘er sieht dich gar nicht, kann dich nicht sehen’.“ Die anderen Grammatiken des klassischen Arabisch haben zu diesem Punkt nichts mitzuteilen.

Auf Grund dieses Paragraphen bei Fischer und der obigen biblischen Vorbilder habe ich in der Erzählung über das erste Offenbarungserlebnis die Übersetzung: „Ich kann nicht lesen“ gewählt.

ANMERKUNGEN

1. At-Tabarī, [Ta’rīkh al-rusul wal-mulūk] Annales, hrsg. M.J. de Goeje et al., 14 Bde., Leiden 1879–1901, i, 1150:

قال رسول الله ص: فجاءني [جبريل] وأنا نائم بنمط من ديباج فيه كتاب ، فقال: اقرأ، فقلت: ما أقرأ. فغتني حتى ظننت أنه الموت، ثم أرسلني فقال: اقرأ، فقلت: [ما أقرأ ؟ قال : فغتني به حتى ظننت أنه الموت، ثم أرسلني، فقال: اقرأ، قلت:] ماذا أقرأ؟ ما أقول ذلك إلا افتداء منه أن يعود إلي بمثل ما صنع بي، قال:(اقرأ باسم ربك الذي خلق) ألى قوله (علم الإنسان ما لم يعلم.) قال: فقرأته. قال: ثم انتهى ثم انصرف عني وهببت من نومي ، وكأنما كتبت في قلبي كتابا. قال: ولم يكن من خلق الله أحد أبغض إلي من شاعر أو مجنون، كنت لا أطيق أن أنظر إليهما، قال: قلت إن الأبعد – يعني نفسه – لشاعر أو مجنون، لا تحدث بها عني قريش أبدًا. لأعمدنّ إلى حالق من الجبل فلأطرحنّ نفسي منه فلأقتلنّها فلأستريحنّ.) قال: فخرجت أريد ذلك حتى إذا كنت في وسط من الجبل سمعت صوتا من السماء يقول : يا محمد، أنت رسول الله وأنا جبرئيل. قال: فرفعت رأسي إلى السماء ، فإذا جبريل في صورة رجل صاف قدميه في أفق السماء يقول: يا محمد، أنت رسول الله وأنا جبرئيل. قال: فوقفت أنظر إليهِ فما أتقدم وما أتأخر، وجعلت أصرف وجهي عنه في آفاق السماء فلا أنظر في ناحية منها إلا رأيته كذلك ، فما زلت واقفا ما أتقدم أمامي ولا أرجع ورائي حتى بعثت خديجة رسلها في طلبي ، ختى بلغوا أعلى مكة ورجعوا إليها وأنا واقف في مكاني؛ ثم انصرف عني.

Der häufiger gelesene Ibn Hishām hat die Teile zum Selbstmordvorhaben aus der Vorlage von Ibn Ishāq gestrichen; deshalb zitiere ich hier die Fassung von at-Tabarī, die den ursprünglichen Wortlaut erhalten hat. Dafür hat Ibn Hishām dreimal den Auftrag: „Lies!“ Das zweite Mal habe ich hier zwischen Klammern hinzugefügt. Dreimal ein Auftrag und zweimal eine Weigerung ist klassisch; das gibt es z.B. auch in der Erzählung von der Berufung des Mönchs Cædmon bei Beda Venerabilis.

Diakritische Zeichen: Ḥirāʾ, Ǧibrīl, Quraiš, aṭṬabarī, taʾrīḫ, Hišām, Isḥāq

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Aischa: ein Fall von Akkomodation

Es kam eine Frage: „Was sagt der Koran zu Aischa?“1 Meine Antwort lautet: „Nichts, verehrter Leser, gar nichts.“ Sehr vieles, was zur islamischen Religion gehört, steht nun einmal nicht im Koran.

Aischa soll die Lieblingsfrau des Propheten Mohammed gewesen sein. Und so überrascht es nicht, dass Muslime seit Jahrhunderten dennoch immer wieder gemeint haben, etwas über sie in der heiligen Schrift lesen zu können. Koran 24:11 zum Beispiel soll sogar in Bezug auf sie offenbart worden sein:

Diejenigen, welche die große Lüge vorbrachten, sind eine Gruppe unter euch. Glaubt nicht, es sei ein Übel für euch; im Gegenteil, es ist euch zum Guten. Jedem von ihnen soll die Sünde, die er begangen hat[, vergolten werden]; und der unter ihnen, der den Hauptanteil daran hatte, soll eine schwere Strafe erleiden.

Eigentlich gehören auch die nächsten Verse noch dazu:

Warum dachten die gläubigen Männer und Frauen, als ihr es hörtet, nicht Gutes von ihren eigenen Leuten und sprachen: „Das ist eine offenkundige Lüge“?
Warum brachten sie nicht vier Zeugen dafür? Da sie keine Zeugen gebracht haben, sind sie es also, die vor Allah die Lügner sind.
Wäre nicht Allahs Huld und Seine Barmherzigkeit über euch, hienieden und im Jenseits, eine schwere Strafe hätte euch getroffen für das, worin ihr euch einließet.
Als ihr es übernahmt mit euren Zungen und ihr mit eurem Munde das aussprachet, wovon ihr keine Kenntnis hattet, da hieltet ihr es für eine geringe Sache, indes es vor Allah eine große war. [Koran 24:12–15]

Lesen Sie hier etwas zu Aischa? Das gelingt nur, wenn Sie bereit sind eine ganze Erzählung im Kauf zu nehmen, nämlich „die Lüge“ (al-ifk). Diese entstand Jahrzehnte nach dem Koran und geht nicht auf den Propheten zurück, wie man das bei Hadithen gerne hat, sondern auf unterschiedliche Überlieferer. Die Erzählung2 geht so: Während einer Reise bleibt Aischa kurz zurück. Die Karawane zieht weiter ohne zu bemerken, dass sie fehlt. Sie wird von einem Mann zurückgebracht und sofort verbreitet sich das Gerücht, dass dieser die Situation missbraucht habe. Eine Hetzkampagne kommt in Gang, die sogar den Propheten nicht unberührt lässt: Eine Zeitlang ignoriert er Aischa. Letztendlich wird alles gut, weil Gott selbst eingreift und die obigen Koranverse offenbart, in denen Aischa von jeder Schuld freigesprochen wird und den Verleumdern Strafe angedroht wird.
Dies alles „wissen“ wir also aus einer Erzählung, die nicht aus dem Koran, sondern aus der Prophetenbiografie stammt. Sie wird seit Jahrhunderten in Korankommentaren und Prophetenbiografien wiederholt, aber weil deren Verfasser normal sterbliche Menschen waren — Heilige oder Kirchenväter gibt es im Islam nicht — ist niemand daran gebunden.

Wenn eine Erzählung viel Korantext enthält, gibt es grob gesagt zwei Möglichkeiten:

    • 1. Der Korantext steht im Mittelpunkt und die Erzählung dient zur Erklärung des Korantexts. Das heißt Koranexegese (tafsīr).
    • 2. Es gab erst eine Erzählung. Um diese überzeugender oder erbaulicher zu gestalten werden darin Koranverse eingeflochten: Verse, die vielleicht ursprünglich von etwas ganz anderes handelten. Das heißt koranisieren.

Auf jeden Fall wird der Korantext zumindest einige Jahrzehnte älter sein als die Erzählung.

Die Erzählung von Aischas Unschuld diente dazu, der Hetzkampagne wegen ihrer angeblichen Unkeuschheit entgegenzutreten. Aber hat wirklich jemand die blutjunge Frau des Propheten ein oder zwei Jahre nach ihrer Hochzeit mit Schlamm bewerfen wollen? Das muss erst viel später geschehen sein, rückwirkend, als der Prophet längst gestorben war und Aischa politisch aktiv war und sich im Konflikt mit Kalif ‘Alī (reg. 656–661) befand. Die Verfasser bemühen sich sehr, Aischas Unschuld zu beweisen und ziehen dabei alle Register, auch koranische. Einen ursprünglichen Bezug zwischen der Erzählung und den Koranversen sehe ich nicht. Der Koran ist sekundär herangezogen, oder anders gesagt: die Erzählung wurde koranisiert.

Aischa ist längst nicht das einzige Thema, über das Muslime gerne etwas im Koran lesen wüden—und das letztendlich auch tun.

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Mulier amicta sole

Mulier amicta sole

Ich war neugierig, ob auch Christen solche Fälle kennen.  Und in der Tat, bei Maria, der Mutter Jesu, der first lady der Christen, wurde ich gleich fündig. Sie kommt zwar in der Bibel vor: Es gibt die wohlbekannte Weihnachtsgeschichte und noch einige Splitter, aber für die Millionen Marienverehrer war das offensichtlich nicht genug. Deshalb haben sie eine Anzahl Bibelverse neu interpretiert, um ihre Sehnsucht zu erfüllen. In Offenbarung 12:1 erscheint beispielsweise „eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.“ 3 Sie ist hochschwanger und ein Drache mit sieben Häuptern liegt schon auf der Lauer um ihr Kind zu verschlingen, aber das wird gerettet und zu Gott entrückt. Man könnte hier tatsächlich an die Mutter Gottes denken, denn das Kind ist ein „Knabe, der alle Völker weiden sollte mit eisernem Stabe,“ und der eiserne Hirtenstab ist Vers 19:15 zufolge auch das Attribut Christi. Dann hätte der Autor der Offenbarung aber eine ganz andere Auffassung von Jesu und seiner Mutter gehabt als die Evangelisten. Vielleicht hatte er Eva oder die Frau im Allgemeinen im Kopf. Bereits 1. Mose 3:15 sagt ja den Kampf zwischen der Schlange und der Frau vorher.4

Turris davidica

Turris davidica

Noch merkwürdiger ist es, Maria in Hohelied (4:4) entdecken zu wollen, wo „Salomo“ seine Geliebte besingt: „Dein Hals ist wie der Turm Davids (turris davidica), mit Brustwehr gebaut, an der tausend Schilde hangen, lauter Schilde der Starken.“ 5 Auch dieser Vers wird in der katholischen Kirche auf Maria bezogen. Der Bezug zu der erst Jahrhunderte später lebenden Mutter Gottes ist sehr weit hergeholt. Der Vergleichspunkt ist hier wohl die Stärke eines Turms und der Schutz, den er bietet.

Der Bedarf an Mariaversen in der Bibel war offensichtlich so enorm, dass auch dieser Vers zum Zweck der Verehrung herangezogen wurde. Einer Wikipedia-Seite entnehme ich den technischen Terminus, den ich sonst nirgendwo finde: Akkomodation, eine dogmatisch korrekte und liturgisch verwertbare Anwendung eines Schriftwortes auf eine heilige Person oder Sache, die aber im Text selbst keine Stütze findet.

Ein Fall der Akkomodation, den sich auch die Protestanten zu eigen gemacht haben, ist die Entdeckung des Heiligen Geistes, des dritten Glieds der Heiligen Dreifaltigkeit, in den Worten der Schöpfungsgeschichte: „… und Gottes Geist/Wind (Hebr.: ruach) schwebte auf dem Wasser“ (1. Mose 1: 2).6

Ohne Zweifel gibt es noch viele andere Bibelverse, in denen man ganz andere Themen behandelt gesehen hat ohne sich auf den Text stützen zu können.

Muslime und Christen haben andere Herangehensweisen, aber alle bedienen sie sich freimütig in ihrer jeweiligen Heiligen Schrift, wenn sie darin etwas lesen möchten, das diese gar nicht enthält. Zu den Eigenschaften heiliger Schriften gehört offensichtlich, dass sie fast unendlich dehnbar sind, bis weit außerhalb der Grenzen ihres Textes.

 

ANMERKUNGEN
1. Aischa soll die Lieblingsfrau des Propheten Mohammed gewesen sein. Siehe zu ihr hier.
2. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, Hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 731–739; Übersetzung A. Guillaume, The Life of Muhammad, Oxford 1955, 493–499.
3. Mulier amicta sole et luna sub pedibus eius et in capite eius corona stellarum duodecim. Hier auch das ursprüngliche Griechisch: γυνὴ περιβεβλημένη τὸν ἥλιον, καὶ ἡ σελήνη ὑποκάτω τῶν ποδῶν αὐτῆς, καὶ ἐπὶ τῆς κεφαλῆς αὐτῆς στέφανος ἀστέρων δώδεκα, aber solche Sachen hören sich oft auf Latein viel besser an.
4. Die Wörter „deinem Nachkommen“ (τοῦ σπέρματος ἀυτῆς, de semine eius) werden in Offenbarung 12:17 wieder aufgegriffen „von ihrem Geschlecht“, aber sind lost in translation.
5. Sicut turris David collum tuum, quae aedificata est cum propugnaculis: mille clipei pendent ex ea, omnis armatura fortium. כְּמִגְדַּל דָּוִיד צַוָּארֵךְ, בָּנוּי לְתַלְפִּיּוֹת; אֶלֶף הַמָּגֵן תָּלוּי עָלָיו, כֹּל שִׁלְטֵי הַגִּבֹּרִים.
6. Et spiritus Dei ferebatur super aquas. וְרוּחַ אֱלֹהִים, מְרַחֶפֶת עַל-פְּנֵי הַמָּיִם,

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„Der Islam ist nur der Koran“

„Der Islam ist nur der Koran.“ Unter diesem Titel hat Taufīq →Sidqī 1906 einen Artikel abgefasst, in dem er die Meinung vertrat, dass die Hadithliteratur als alter Ballast abgeschafft werden sollte und dass es für einen Muslim ausreichend sei, sich auf den Koran zu verlassen. Obwohl er sehr gegen die Christen war, wollte er genau das, was der christliche Reformator Martin Luther damals gesagt hatte: sola scriptura, „nur die Schrift“.
Tawfīq Sidqī (1881–1920) war Gefängnisarzt in Tura bei Kairo; ein wissenschaftlich ausgebildeter Mensch mit Kenntnis moderner Sprachen, aber weder in der traditionellen islamischen Gelehrsamkeit noch in der Literaturwissenschaft versiert. Bis heute lässt sich beobachten, dass namentlich gebildete Muslime der nicht-geisteswissenschaftlichen Richtungen—also Ärzte, Ingenieure u. dgl.— Sidqis Meinungen zum Hadith gerne übernehmen. Diese Vertreter des Standpunkts, der Koran sei ausreichend, werden Koranisten genannt.’ 1

  • „Alle Muslime sind sich darüber einig,“ schreibt Sidqī in seinem Essay, „dass der Text des Korans definitiv ist, weil er wörtlich so vom Propheten überliefert worden ist, ohne dass etwas hinzugefügt oder weggenommen wäre, und in seiner Zeit und auf sein Geheiß niedergeschrieben worden ist; im Gegensatz zu den prophetischen Hadithen, von denen überhaupt erst nach seinem Tod etwas schriftlich niedergelegt worden ist, lange genug danach um Betrug und Textkorruption darin zu ermöglichen. Daraus erkennen wir, dass der Prophet nicht wollte, dass etwas von ihm die Menschheit in schriftlicher Form erreichen würde, außer dem Koran, dessen Erhaltung Gott gewährleistet, wie es heißt in Koran 15:9: ‘Wir haben die Mahnung hinabgesandt und wir geben auf sie Acht.’ Wäre in der Religion etwas anderes als der Koran nötig gewesen, so hätte der Prophet befohlen es schriftlich festzulegen, und  Gott hätte dessen Erhaltung gewährleistet.“
    • Wenn nun jemand sagt, dass der Prophet nicht befohlen hat seine Worte niederzuschreiben um der Verwechslung mit dem Wort Gottes vorzubeugen, wie kann das denn sein, wo doch der Koran ein Gotteswunder der Komposition ist und keine Menschenseele in der Lage ist etwas Ähnliches hervorzubringen?“
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  • Und weshalb sollte ein Teil des Glaubens im Koran niedergelegt worden sein und ein anderer Teil in der sunna? „Der Koran sagt ja in 6:38: „Wir haben in der Schrift nichts übergangen,“ und in 16:89: „Wir haben die Schrift auf dich hinabgesandt um alles klarzulegen ….“ 2

Daraufhin legt Sidqī ausführlich dar, dass allerlei Regeln durchaus aus dem Koran abgeleitet werden können. Und wenn nicht, so sind sie nicht wichtig und müssen nicht befolgt werden.

Der Artikel wurde heftig kritisiert und der Herausgeber von Al-Manār Rashīd Ridā (1865–1935), der Sidqi im Übrigen sehr schätzte, korrigierte ein wenig, woraufhin der Autor etwas einlenkte.3

Angesichts der Kritik muss man festhalten: Der berühmte ägyptische Islamreformer Muḥammad ‘Abduh (1845–1905) war Sidqī in seinem Ansinnen vorausgegangen. Auch ‘Abduh wollte bereits modernisieren und vieles über Bord werfen. So schrieb er 1897, das Glaubensgut wolle er reduzieren auf „das, was mehrfach überliefert worden ist und von dem bekannt ist, dass es zur Religion gehört, das heißt auf das, was in der Schrift steht, und ein wenig aus der sunna ‘amalīya.“ 4 Mit letzterer meinte er mehrfach überlieferte Hadithe, in denen praktische Angelegenheiten behandelt werden, etwa die Ausführung des Gebets oder die Pilgerfahrt.

‘Abduhs Schüler und Mitarbeiter Rashīd Ridā entfernte sich nach dem Tod seines Lehrmeisters immer weiter von dessen Standpunkten. Auf Dauer sollte er den Weg zurück einschlagen, zu einer fiktiven, idealisierten Vergangenheit.

Als Nicht-Muslim versuche ich aus dem Abseits ein wenig mitzudenken — und muss feststellen, dass ohne den Hadith nur wenig vom Islam übrigbleiben würde. Ein Islam nur mit  dem Koran, das geht einfach nicht. Es gibt so vieles, das nicht im Koran steht! Große Teile der Scharia würden wegfallen—und nicht nur die Teile, die man gerne loswerden würde.

Der Koran ist ohne Exegese (tafsīr) kaum zu verstehen. An die Stelle des Hadiths würden also mehr denn je die Korankommentare treten—und die enthalten doch auch Hadithe: nicht immer viele, aber durchaus wichtige. Abgesehen davon sind die Kommentare voller Aussagen, die deutlich weniger Gewicht haben als Hadithe. Warum sollte man sich der Hadithe entledigen und auf den Kommentaren sitzen bleiben? Der Hadith ist eine Literatur, die nicht nur erbaulich und unterhaltsam ist, sondern auch identitätsstiftend. 

Was dann? Noch immer aus dem Abseits: Hadithe wegwerfen ist schade, wenn sie auch noch so viel altes Zeug enthalten. „Nur der Koran“ würde meines Erachtens die Probleme moderner Muslime auch deshalb nicht lösen, weil der Koran ebenfalls veraltete Auffassungen enthält. Alte Bücher soll man nie wegwerfen

Darin liegt vielleicht auch der Schlüssel zur Lösung. Sowohl Koran wie auch Hadith könnten vielleicht allmählich verblassen, in ihrer gesetzgebenden Rolle unschädlich werden. Die Juden und Christen haben das schon geschafft. In der Bibel enthalten 3. Mose 13 und 14 zum Beispiel ausführliche Regeln über was bei Aussatz zu tun ist. Der Patient gilt als kultisch unrein und gewissermaßen schuldig; es gibt ein Ritual, einen Priester, Tieropfer sollen gebracht werden; nach der Heilung folgt ein Sühneritual. Moderne Juden und Christen tun das alles nicht; sie gehen mit einer Hautkrankheit zum Dermatologen und finden oft Genesung auf eine Weise, die die Bibel nicht vorhersehen konnte. Kurzum, die erwähnten Vorschriften sind veraltet, und viele ähnliche ebenso. Wie genau es Juden und Christen gelungen ist, solche Teile ihrer doch ungemein Heiligen Schrift für ungültig zu erklären, weiß ich nicht; fragen Sie einen Rabbiner oder Pastor. Aber gelungen ist es: Die meisten solcher Passagen stören kaum noch. Hat man, islamisch formuliert, eine Art „Abschaffung der Rechtsregel, aber nicht des Textes“ (naskh al-hukm dūn al-tilāwa) ausgeübt? Ich kann nur hoffen, dass es auch Muslimen demnächst gelingen wird, sich veralteter Inhalte von Schrift und Hadith zu entledigen. Stillschweigend tun sie das längst. Niemand — vielleicht ausgenommen die Verrückten von „Islamischer Staat“ — lässt zum Beispiel Koran 4:3 noch komplett gelten: Demzufolge darf ein Mann zwei, drei oder vier Frauen heiraten — und wenn man fürchtet diese nicht gerecht behandeln zu können, „dann eine; oder Sklavinnen“. Von den Sklavinnen hört man heutzutage nicht mehr; der Teil des Verses wird einfach nicht mehr angewandt. Eine umfassende Theorie zu veralteten Texten steht aber noch aus. Die Lehre der Abschaffung (naskh) bietet bestimmt Möglichkeiten, wie auch das Denken über die „Zwecke der Scharia“ (maqāsid al-sharī‘a): die Suche nach dem „Geist des Gesetzes“. Diese Themen beschäftigen Muslime schon lange; sie werden in der ganzen islamischen Welt intensiv diskutiert. Das Geschrei der Salafisten wirkt dabei aber verzögernd, wie auch das Fauchen der Islamhasser in Europa und Amerika.

ANMERKUNGEN
1. Auch unter Islamhassern herrscht oft die Auffassung, dass der Islam nur aus dem Koran bestehe; bei ihnen basiert sie aber auf Unwissenheit.
2. Ṣidqī, Al-Islām 515–6.
3. Juynboll, Authenticity 23–9; Ryad, Islamic reformism 43–6.
4. ‘Abduh, Risāla 189: .بما تواتر وعلم أته من الدين بالضرورة، وهو ما في الكتاب وقليل من السنة في العمل […] Über eine ausführlichere Betrachtung ‘Abduhs zum Hadith siehe Juynboll, Authenticity 15–21.

BIBLIOGRAFIE
Primär:
– Ṣidqī, „Al-islām huwa al-qur’ān waḥdahu,“ Al-Manār 9 (1906), 515–24. Weil nicht jeder die Jahrgänge komplett hat, setze ich den Artikel hier online.
– Muḥammad ‘Abduh, Risālat al-tawḥīd, Cairo o.J. (Dār al-Ma’ārif, ca. 1970; Erstauflage war 1897).

Sekundär:
– G. H. A. Juynboll, The Authenticity of the Tradition Literature. Discussions in Modern Egypt, Leiden 1969, 23–9, und siehe den General Index.
– Umar Ryad, Islamic reformism and Christianity : a critical reading of the works of Muhammad Rashid Rida and his associates (1898-1935), Diss. Leiden 2008, ch. 1, 43–46, hier online.  Ryads Kap. 6 behandelt Ṣidqīs Widerlegung des Christentums.

Diakritische Zeichen: Ṣidqī, Ṭura, Muḥammad ʿAbduh, Rašīd Riḍā, al-ḥukm, nasḫ, maqāṣid aš-šarīʿa

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