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Das Paradies, nach K. al-Azama „O Herr, wem gehört diese Frau?” und Gott antwortet: „Rede sie an, mein Knecht, so wird sie dir antworten.” Der Freund Gottes spricht sie an und indem er dies tut, öffnet sie die Tür ihres Zeltes, tritt heraus zu dem Freund Gottes und sagt zu ihm: „Mein Schatz, wie konntest du mich vergessen? Weißt du nicht mehr wie ich mit dir Hunger, Durst und Nacktheit, Jammer und Missgeschick ausgehalten habe? […] Ich bin deine Frau, die dir in der irdischen Bleibe gehorcht hat.”

Ausländischer Wolf „Nein, bei der Wahrheit deiner grauen Haare, Prophet Gottes! Ich habe deinen Sohn nicht gefressen. Euer Fleisch und Blut, ihr Propheten, ist uns verboten. Ich bin, fürwahr, ein Wolf aus dem Land Ägypten.“

Ansteckung: Widersprach sich der Prophet? – Fortsetzung

🇳🇱 Wie dargelegt auf S. 1 gefiel mir der Artikel von Butt & Shah zur Ansteckung im Hadith des Propheten ganz und gar nicht. Wie lese ich dann die von ihnen behandelten Texte?
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Meine Voraussetzungen bei der Lektüre von Hadithen sind folgende:
1. Die Aussagen des Propheten und Berichte über seine Verrichtungen stammen gemeinhin nicht von ihm, sondern von Gläubigen, die mindestens ein halbes, aber meistens ein oder zwei Jahrhunderte später lebten. Bestimmt gibt es auch Aussagen, die tatsächlich vom Propheten stammen, aber welche das sind, ist nicht herauszufinden und ich lasse mich davon nicht um den Schlaf bringen.
2. Die dem Propheten zugeschriebenen Aussagen enthalten Widersprüche. Die sollten nicht weggeschafft, sondern vielmehr geschätzt werden, weil sie zeigen, über welche Themen und Probleme die Gläubigen in den ersten Jahrhunderten des Islam diskutierten und wie sich ihre Diskussionen entwickelten.
2. Die islamische Hadithwissenschaft (‘ilm al-ridjāl), die ihre Blütezeit hatte zwischen ca. 770 und 1500, war damals sehr beeindruckend, aber heute nicht länger überzeugend. Die Behauptungen in den Quellen sind leicht zu entkräften, die Isnāde sind oft nachweisbar fiktiv.
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Die Zielsetzungen von Butt & Shah sind offenbar: festzustellen welche Hadithe korrekt überliefert sind und somit von Gläubigen als Grundlage für ihr Leben und Denken zu akzeptieren sind. Des Weiteren für die Zweifler nachzuweisen, dass der Prophet sich nicht widersprach. Und in diesem spezifischem Fall: nachzuweisen, dass es zwar Ansteckung gibt, aber dass die von Gott kontrolliert und gesteuert wird..
Mein Ziel ist vielmehr, für mein eigenes Vergnügen eine Anzahl spannende und manchmal raffinierte Texte in ihrem Zusammenhang zu lesen und nebenbei anhand der geführten Diskussionen die Entwicklung des Islams zu verfolgen. Keine Religion, keine Theologie, sondern Religionsgeschichte und -phänomenologie.
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Die meisten Hadithe, die Butt & Shah behandeln, habe ich neu übersetzt. Überdies habe ich noch einige Parallele und Varianten dazu gesammelt. Ideal wäre es, alle Hadithe zum Thema zu sammeln und mit einander zu vergleichen. Das wäre mir jetzt zu viel Arbeit, aber einige Hadithe drum herum lesen hilft bereits um besser zu verstehen was Sache ist.

Es gibt keine Ansteckung 

Essen mit Aussätzigen
Wenn es keine Ansteckung gibt, muss man Körperkontakt nicht fürchten. Ein Hadith erzählt, dass der Prophet mit einem Aussätzigen aß:

  • T1. Der Prophet nahm einmal die Hand eines Aussätzigen und tauchte die zusammen mit der seinigen in die Schüssel. Er sagte: „Iss in Vertrauen auf Gott und setze deine Hoffnung auf Ihn!“1

Butt & Shah haben noch einige Texte gefunden, die erzählen, wie bekannte Gefährten des Propheten ausdrücklich mit Aussätzigen aßen. Manchmal wurde sogar extra eine Mahlzeit mit ihnen organisiert.2 Auch Abū Bakr soll mit Aussätzigen gegessen haben.3 Abū Bakrs Tochter Aischa, die Frau des Propheten, trieb es arg bunt: sie soll einen aussätzigen Sklaven gehabt haben, der von ihrem Teller aß, aus ihrem Becher trank und oft auf ihrer Schlafmatte schlief—wobei sie sich um Ansteckung selbstverständlich nicht scherte.4
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Die generelle Verneinung: „Es gibt keine Ansteckung.“
Die Existenz einer Sache kann im Arabischen verneint werden durch die Negation , gefolgt durch ein Substantiv im Akkusativ. Lā ilāha, „Es gibt keinen Gott, lā adwā, „Es gibt keine Ansteckung. Eine Ausnahme kann mit Hilfe des Wörtchen illā, „außer“ formuliert werden, gefolgt durch das Ausgenommene, z.B.: Lā ilāha illā allāh, „Es gibt keinen Gott außer Allāh. Shah & Butt zitieren Autoren, die bei der Aussage „Es gibt keine Ansteckungdas Ausgenommene nur hinzudenken, und zwar: „Es gibt keine Ansteckung außer durch Aussatz, bars und andere Krankheiten.“ Dieses „Hinzudenken“ akzeptiere ich nicht. Das Ausgenommene soll in der Aussage explizit genannt werden, sonst gilt es nicht.

Es gibt einige Hadithe, in denen die Aussage lā ‘adwā separat vorkommt. Es kommt z.B. ein Bettler zum Propheten und der jagt ihn nicht weg, sondern gibt ihm etwas, wobei er sagt: „Es gibt keine Ansteckung“.5 Ein anderer Text handelt vom Kauf einer Anzahl Kamele, die sich als räudig herausstellen; eine der Parteien zitiert dann dasselbe Prophetenwort.6
Aber viel öfter wird die Ansteckung in einer Auflistung von drei oder vier Sachen geleugnet.

  • T2. Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine Ansteckung, keine Vogelschau und keinen Wüstendämon.“7
    T3. Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine Ansteckung, keine Vogelschau, keinen Seelenvogel und keinen Wurm in Bauch.“ 8
    T4. Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine Ansteckung, keinen Seelenvogel, kein Unwetter verursacht durch einen Stern und keinen Wurm in Bauch.“9

Was wird hier alles verneint?
Vogelschau, ṭiyara, die Deutung der göttlichen Zeichen anhand des Vogelflugs.
Ein Wüstendämon, ghūl, so glaubte man, belästigte und bedrohte Reisende in der Wüste; er konnte unterschiedliche Gestalten annehmen.
Der Seelenvogel, hāmma, war die Eule, in der man glaubte, dass die Seele eines Verstorbenen wohnte. Nein, sagt ein anderer Hadith: wenn man eine Eule schreien hört, ist das kein Mensch, sondern nur ein Tier.
Der ṣafar war ein bösartiger Wurm im Bauch. Dass es auch einen Monat gibt, der Ṣafar heißt, ist hier nicht relevant.
Der naw’ war ein Unwetter, von dem man glaubte, dass es durch den Aufgang eines bestimmten Sterns verursacht wurde.
Es sind alles Sachen und Glaubensvorstellungen aus vorislamischer Zeit, die durch den Islam abgeschafft oder verblasst sind. Indem man Ansteckung in solche Auflistungen platzierte, wollte man glaubwürdig machen, dass auch (der Glauben an) Ansteckung ein rückständiger Aberglauben sei und nicht länger zeitgemäß. Hier waren raffinierte Theologen am Werk! In Wirklichkeit ist die Debatte über die Ansteckung deutlich islamisch. Sie ist ein Teil einer großen Diskussion; s. dazu unten.

Ansteckung gibt es durchaus

In einigen Hadithen lässt man den Propheten oder einen seiner Gefährten Distanz zu Aussätzigen wahren, offenbar wegen der Ansteckungsgefahr.

Abstand halten von Aussätzigen

  • T5. ‘Umar sagte zu Mu‘ayqīb al-Dausī: „Komm näher, aber wenn es jemand anders als du gewesen wäre, hätte er eine Speerlänge von mir entfernt sitzen müssen.“ Er war aussätzig.10

Schaut nicht lange auf Aussätzige
Einen Aussätzigen sehen ist nicht immer vermeidbar, aber man soll schnell den Blick abwenden. Aus Rücksicht auf den Kranken? Wohl eher aus Angst vor dem bösen Auge. Eine bekannte Aussage des Prophet is ja: „Das böse Auge gibt es wirklich.“

  • T6. Der Prophet hat gesagt: „Schaut nicht lange auf Aussätzige!“ 11
    T7. Der Prophet hat gesagt: „Schaut nicht lange auf Aussätzige und wenn ihr mit ihnen spricht, lasst dann eine Speerlänge Abstand zwischen euch und ihnen.“ 12

Die beschleunigte Treuegelübde
Der Prophet empfing Delegationen aus den arabischen Stämmen, die zu ihm kamen um ihm Treue zu geloben. In einer Delegation soll ein Aussätzige gewesen sein, den der Prophet ungerne in seiner Nähe hatte. 

  • T8. In der Delegation der Thaqīf war ein Aussätziger. Der Prophet sandte ihm folgende Botschaft: „Geh zurück; wir haben deinen Treueid hiermit angenommen.“ 13

Fliehe vor einem Aussätzigen
Für regelrechte Panik wird manchmal auch Raum gelassen:

  • T9. Ich haben den Propheten sagen hören: „Fliehe vor einem Aussätzigen wie vor einem Löwen!“ 14

Räude
Auch bei Tieren ist Ansteckung bekannt:

  • T10. Der Prophet hat gesagt: „Gesunde und kranke Tiere soll man nicht zusammen trinken lassen.“ 15

Es gibt keine Ansteckung, oder doch, oder doch nicht

Oft ist zu beobachten, dass ein Hadith einen früheren Hadith wieder aufnimmt, aber um einiges beschneidet oder umändert, oder dass etwas hinzugefügt wird.16 Manche Texte wollen z.B. die Abschaffung der Vogelschau etwas nuancieren:

  • T11. Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine Ansteckung und keine Vogelschau, aber eine günstige Vorhersage/ein gutes Wort habe ich gerne.“ 17

Oder man rettete mittels eines Hadith eine vorislamische Überzeugung hinüber in die Zukunft.

  • T12. Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine Ansteckung und keine Vogelschau, aber das böse Auge gibt es wirklich.“ 18

Oder man nuanciert in die andere Richtung: In manchen Bereichen sind düstere Vorhersagen durchaus berechtigt:

  • T13. Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine Ansteckung und keine Vogelschau, aber böses Glück kommt bei drei Sachen vor: die Frau, das Haus und das Reittier.“ 19

Beim Thema Ansteckung ist noch etwas anderes los. Hier findet mittels Hadithe eine heftige Diskussion statt: Es gibt sowohl Pro-Hadithe wie auch Kontra-Hadithe.
Es gibt hier aber auch Hadithe, in denen die Diskussion innerhalb eines Hadiths stattfindet, indem er seine eigenen Hauptaussage kannibalisiert, zu leugnen versucht oder den Tenor umdreht. Einen existierenden Hadith konnte man nicht ignorieren: er war ja ein Wort des Propheten. Man behält ihn also bei, aber fügt etwas hinzu oder bastelt daran herum. Beim Thema Ansteckung ist das des Öfteren gemacht worden, z. B. in:

  • T14. Abū Huraira: Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine Ansteckung und keine Vogelschau, keinen Seelenvogel und keinen Wurm im Bauch, aber vor einem Aussätzigen sollst du fliehen wie vor einem Löwe!“ 20

Den ersten Teil des Hadith war bereits vorbeigekommen in T2–T4, aber der hinzugefügte Satz dreht den Tenor um: Keine Ansteckung, aber siehe zu, dass du davon kommst! So einen Text hatte Ibn Qutaiba vielleicht im Kopf, als er versuchte darzulegen, dass Ansteckung keine Ansteckung ist.21

An T3 ist eine kleine Diskussion hinzugefügt, wobei die Theologie in zweiter Instanz die realistische Sichtweise einfach einverleibt:

  • T15. Abū Huraira: Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine Ansteckung, keine Vogelschau, keinen Wurm im Bauch und keinen Seelenvogel.“ Es stand ein Beduine auf, der fragte: „Wie ist es denn mit Kamelen, die im Sand so prächtig aussehen wie Gazellen, und wenn ein räudiges Kamel dazu kommt, bekommen sie auch die Räude?“ Darauf sagte der Prophet: „Aber wer hat dann das erste angesteckt?“ 22

Im folgenden Text findet die Diskussion nicht im Text des Hadiths statt, sondern im isnād, so dass der Prophet außen vor bleibt:

  • T16. Abū Salama ibn ‘Abd al-Rahman ibn ‘Auf: Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine Ansteckung,“ aber er überliefert auch: Der Prophet hat gesagt: „Gesunde und kranke Tiere soll man nicht zusammen trinken lassen.“
    Abū Salama sagte: Abū Huraira hat uns beide Hadithe vom Propheten überliefert. Später hat er uns aber verschwiegen, dass der Prophet gesagt hat: „Es gibt keine Ansteckung“ und er blieb bei: „Gesunde und kranke Tiere soll man nicht zusammen trinken lassen.“
    Al-Hārith ibn Abī Dhubāb—das ist der Neffe Abū Hurairas—sagte: Ich habe dich schon noch einen anderen Hadith überliefern hören, Abū Huraira, aber den verschweigst du jetzt! Du hast auch erzählt, dass der Prophet gesagt hat: „Es gibt keine Ansteckung!“ Aber Abū Huraira weigerte sich das zuzugeben und sagte: „… nicht zusammen trinken lassen“.
    Al-Hārith drängte so lange, bis Abū Huraira sich erboste, Äthiopisch zu brabbeln anfing und sagte: Weißt du, was ich sage? Ich sage: Auf gar keinen Fall!
    Abū Salama hat gesagt: Bei meinem Leben, Abū Huraira hatte uns sehr wohl überliefert, dass der Prophet gesagt hat: „Es gibt keine Ansteckung!“ Ich weiß nicht, ob Abū Huraira dies vergessen hatte oder ob der eine Hadith den anderen abgeschafft hat.23

Ansteckung und Theologie

Die obigen Hadithe sind nach ihrem Tenor geordnet worden. Ein Datierungsversuch mit Hilfe der isnāde habe ich unterlassen. Trotzdem widerspiegelt diese Ordnung, wie ich hoffe, ihre Entstehungsgeschichte.
Dass bestimmte Krankheiten durch Ansteckung übertragen werden, war seit Menschengedenken bekannt. Bereits im Alten Testament werden Aussätzige aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Im 6. und 7. Jahrhundert wütete die Pest im Nahen Osten. Wie diese Krankheit genau übertragen wird, wusste man nicht, aber dass sie ansteckend ist, wusste man durchaus! Viehzüchter beobachteten überdies, dass räudige Tiere gesunde Tiere anstecken.
Ansteckung wäre vielleicht nie Gesprächsthema geworden, wenn nicht Theologen deren Existenz geleugnet hätten. Dem Leugnern zufolge ist es Gott, der in jedem Einzelfall bestimmt, ob jemand krank wird oder nicht. Mit Schwangerschaft ist das genau so: Coitus interruptus ist nicht nötig, denn es ist Gott, der bestimmt, ob eine Frau schwanger wird oder nicht.23
Diejenigen, die die Ansteckung anerkannten, mussten sich darauf zur Wehr setzen. Das Phänomen wurde Gegenstand einer kleinen, aber ziemlich erhitzten Debatte zwischen Leugner und Realisten, die durch Hadithe und in Hadithen ausgetragen wurde. Beide Parteien schrieben ja ihre Auffassung dem Propheten zu.
Die Debatte war Teil der viel umfassenderen Diskussion zum freien Willen und dem Ratschluss Gottes, die von ca. 690–800 die Gemüter der islamischen Theologen beschäftigt hat. Es ist nicht die einzige Debatte, die man in der Hadithliteratur entdecken kann.

ANMERKUNGEN
1. Abū Dāwūd, Ṭibb, 24/3925; Tirmidhī, Aṭ‘ima 19a; Ibn Mādja, Ṭibb 44/3542: أن رسول الله ص أخذ بيد مجذوم فوضعها معه في القصعة وقال: كل ثقةً بالله وتوكلا عليه.
2. Butt & Shah, Concept 62.
3. ‘Abd al-Razzāq al-Ṣan‘ānī, Muṣannaf 19509 عن معمر أن أبا بكر كان يأكل مع الأجذم.
4. Ṭabarī, Tahdhīb al-āthār, zitiert bei Butt & Shah, Concept 62-63.
5. ‘Abd ar-Razzāq aṣ-Ṣan‘ānī, Muṣannaf 19511: عبد الرزاق عن معمر قال: بلغني أن رجلا أجذم أتى النبي ص كأنه سائلا فلم يعجله و جهّزه النبي ص وقال: لا عدوى
6. Ḥumaydi, Musnad 706; Bukhārī, Buyū‘ 36; Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad ii, 455, 531.
7. Muslim, Salām 107–109, vgl. Aḥmad ibn Ḥanbal Musnad iii, 293, 312, 382: عن جابر قال: قال رسول الله ص: لا عدوى ولا طيرة ولا غول.
8. Ibn Mādja, Ṭibb 43/3539 .عن ابن عباس أن نبي الله ص قال: لا عدوى ولا طيرة ولا هامة ولا صفر In anderen Kombinationen: Bukhārī, Ṭibb 45; Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad ii, 450 u.a.
9. Muslim, Salām 106; Abū Dāwūd, Ṭibb 24/3912: أبي هريرة أن رسول الله ص قال: لا عدوى ولا هامة ولا نَوْء ولا صفر
10. ‘Abd ar-Razzāq aṣ-Ṣan‘ānī, Muṣannaf 19510: أن عمر بن الخطاب قال لمعيقيب الدوسي: ادنُ فلو كان غيرك ما قعد مني الا كقيد رمح، وكان أجذم.
11. Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad i, 233, Var. 299; Ibn Mādja, Ṭibb 44/3543:
سمعت ابن عباس يقول قال رسول الله ص: لا تديموا الى المجذومين النظر
12. Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad i, 78: حسين عن أبيه قال رسول الله ص: لا تديموا الى المجذومين النظر وإذا كلمتموهم فليكن بينكم وبينهم قيد رمح.
13. Ibn Mādja, Ṭibb 44/3544, Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad iv, 390 رجل من آل شريد يقال له عمرو عن أبيه قال : كان في وفد ثقيف رجل مجذوم، فأرسل إليه النبي ص: ارجع فقد بايعناك; Muslim, Salām 126: عمرو بن الشريد عن أبيه قال: كان في وفد ثقيف رجل مجذوم، فأرسل إليه النبي ص: بايعناك فارجع; Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad iv, 389: عمرو بن الشريد عن أبيه قال قدم على النبي ص رجل مجذوم من ثقيف ليبايعه فأتيت النبي ص فذكرت ذلك فقال ائته فأخبره أني قد بايعته فليرجع. Die Delegation empfang der Prophet kurz vor seinem Tod. Je später im Leben des Propheten eine Aussage oder Handlung von ihm platziert wird, um so weniger wahrscheinlich ist es, das er diese noch „abgeschafft“ (naskh) hätte, d.h. ungültig gemacht durch eine neue Aussage oder Handlung.
14. Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad ii, 443; Var. ‘Abd ar-Razzāq aṣ-Ṣan‘ānī, Muṣannaf 19508: سمعت رسول الله ص يقول: فر من المجذون فرارك من الأسد
15. Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad ii, 406, 434: قال رسول الله ص: لا يورد الممرض على المصح; Mālik, ‘Ayn 18 ابن عطية أن رسول الله ص قال: لا عدوى ولا هام ولا صفرولا يحُل المُمرض على المُصح وليحلُلْ المصح حيث شاء. فقالوا: يا رسول الله وما ذاك؟ فقال رسول الله ص: إنّه أدَّىل
16. Beispiele auch im Text über Frauen in der Moschee.
17. Muslim, Salām 111; Var. Bukhārī Ṭibb 43, 54; Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad iii, 130, 154, 173, 178, 251, 276, 278: قتادة عن أنس أن نبي الله ص قال: لا عدوى ولا طيرة ويعجبني الفأل الصالح
18. Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad ii, 222, 420, 487: . أبو هريرة قال رسول الله ص قال: لا عدوى ولا طيرة والعين حق
19. Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad ii, 153, 174, 180; Abū Dāwūd, Ṭibb 24/3921: عن عبد الله بن عمر أن رسول الله ص قال: لا عدوى ولا طيرة وأنما الشؤم في ثلاثة في المرأة والدار والدابة/الفرس.
20. Bukhārī, Ṭibb 19: .أبو هريرة قال رسول الله ص: لا عدوى ولا طيرة ولا هامة ولا صفر وفر من المجذوم كما تفر من الأسد
21. S. oben S. 1 und Butt/Shah, Concept 72–3.
22. Muslim, Salām 101, 102, 103; Bukhārī Ṭibb 25, 54; Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad ii, 267 أبو هريرة: قال رسول الله ص: لا عدوى ولا صفر ولا هامة فقال أعرابي: يا رسول الله فما بال الإبل تكون في الرمل كأنها الظباء فيجيء البعير الأجرب فيدخل فيها فيجربها كلها؟ قال: فمن أعدى الأول؟. Varianten Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad i, 269, 328; ii, 434; ‘Abd ar-Razzāq aṣ-Ṣan‘ānī, Muṣannaf 19507; Ibn Mādja, Ṭibb 10/86.
23. Muslim, Salām 104: وحدثني أبو الطاهر وحرملة وتقاربا في اللفظ قالا أخبرنا ابن وهب أخبرني يونس عن ابن شهاب أن أبا سلمة بن عبد الرحمن بن عوف حدثه أن رسول الله ص قال لا عدوى ويحدث أن رسول الله ص قال لا يورد ممرض على مصح قال أبو سلمة كان أبو هريرة يحدثهما كلتيهما عن رسول الله ص ثم صمت أبو هريرة بعد ذلك عن قوله لا عدوى وأقام على أن لا يورد ممرض على مصح. قال فقال الحارث بن أبي ذباب وهو ابن عم أبي هريرة قد كنت أسمعك يا أبا هريرة تحدثنا مع هذا الحديث حديثا آخر قد سكت عنه كنت تقول قال رسول الله ص لا عدوى فأبى أبو هريرة أن يعرف ذلك وقال لا يورد ممرض على مصح فما رآه الحارث في ذلك حتى غضب أبو هريرة فرطن بالحبشية فقال للحارث أتدري ماذا قلت قال لا قال أبو هريرة قلت أبيت قال أبو سلمة ولعمري لقد كان أبو هريرة يحدثنا أن رسول الله ص قال لا عدوى فلا أدري أنسي أبو هريرة أو نسخ أحد القولين الآخر. Auch Bukhārī, Ṭibb 53; Abū Dāwūd, Ṭibb 4/3910.
23. Einem Hadith zufolge fragte man einmal den Propheten, ob es erlaubt sei, den Coitus interruptus anzuwenden. Er antwortete: „Es schadet euch nicht, wenn ihr es sein lasst, denn jedes Lebewesen, von dem Gott die Erschaffung vorherbestimmt hat bis zum Tage der Auferstehung, wird geboren werden.“ So in Muslim, Nikāḥ 125: لا عليكم أن لا تفعلوا ما كتب الله خلق نسمة هي كائنة إلى يوم القيامة إلا ستكون.

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Ansteckung, oder: Widersprach sich der Prophet? 

🇳🇱 Aus dem Internet wehte mir ein Artikel über Ansteckung im Hadith des Propheten zu.1 Er wurde von zwei pakistanischen Gelehrten verfasst und innerhalb der islamischen Hadithwissenschaft scheint mir das ein solider Artikel. An europäischen Universitäten könnte er als Beispiel benutzt werden um die islamische Wissenschaft kennen zu lernen. Mir selbst hat es mal wieder klar gemacht, warum islamische Wissenschaft mich so langweilt und ich nichts damit zu tun haben möchte.
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Gibt es Ansteckung? In Hadithen des Propheten wird die Frage manchmal mit ja, manchmal mit nein beantwortet. Hatte der Prophet denn zwei Meinungen zum selben Thema oder hat er im Lauf seines Lebens drastisch die Meinung geändert?2 Die Zielsetzung der beiden Autoren steht gleich ganz vorne im Abstract: Both categories of ahādīth seem contrary to each other and demand a detailed insight into this matter in order to remove the apparent contradiction between them. Den ihres Erachtens scheinbaren Widerspruch wegschaffen, das ist ihr Ziel. Sie wollen nachweisen, dass die Aussagen des Propheten einander nicht widersprechen, und zwar mit Hilfe der jahrhundertealten Hadithwissenschaft. 

Ihre unausgesprochenen Voraussetzungen sind:
1. Korrekt überlieferte Hadithen gehen auf den Propheten zurück. Sie enthalten Aussagen, die er wirklich getan hat und die dort beschriebenen Handlungen hat er tatsächlich verrichtet. Korrekte Hadithe sind deshalb eine hervorragende historische Quelle.
2. Der Prophet hatte immer Recht und widersprach sich nie. Allerdings kann eine spätere Aussage von ihm eine frühere abschaffen. Nicht weil er sich geirrt hätte, aber die Umstände änderten sich, so dass manchmal eine neue Aussage nötig war.
3. Die jahrhundertealte Hadithwissenschaft (Blütezeit ca. 770–1500) gilt noch. Was die alten Bücher zu den Überlieferern mitteilen ist meist zuverlässig und die Methoden um die Korrektheit einer Überliefererkette festzustellen sind immer noch dieselben.
4. Eine Voraussetzung der Autoren zu diesem spezifischen Thema: Ja, Ansteckung existiert. Sie sind modern und lebenserfahren genug um das einzusehen und das taten sie
schon bevor sie diesen Artikel schrieben.
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Jetzt zur Ansteckung. Die meisten Menschen wussten und wissen, dass es so etwas gibt, und es gibt Hadithe, in denen das vorausgesetzt wird. Aber es gibt auch eine Aussage des Propheten: „Lā ‘adwā, „Es gibt keine Ansteckung,“ und wir haben einen Bericht über den Propheten, in dem er mit einem Aussätzigen isst und seine Hand in dieselbe Schüssel taucht wie der—wodurch er gezeigt habe, dass keine Ansteckung zu befürchten sei. Mit diesem Widerspruch mussten die Autoren und die Muslime im Allgemeinen fertig werden.
Die Autoren haben eine Anzahl Hadithe zum Thema gesammelt. Ich übersetze hier ihre Übersetzungen aus dem Englischen. Meine eigenen Übersetzungen kommen auf S. 2.

  • T1: Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine ‘adwā (keine ansteckende Krankheit wird ohne Gottes Erlaubnis übertragen), keinen ṣafar (kein schlechtes Omen im Monat Ṣafar) und keine hāmma (kein schlechtes Omen in Zusammenhang mit einer Eule)“ Da stand ein Beduine auf und sagte: „Prophet, warum stehen denn die Kamele im Sand so prächtig da wie Gazellen und wieso werden sie, wenn ein räudiges Tier dazu kommt, alle räudig?“ Der Prophet antwortete: „Aber wer hat denn das erste angesteckt?“3
  • T2: Der Prophet nahm bei einem Essen die Hand eines Aussätzigen und tauchte die mit der Seinigen in die Schüssel. Er sagte: „Sag: Im Namen Gottes und in Vertrauen auf ihn!“ 4
  • T3: Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine ‘adwā (keine ansteckende Krankheit wird ohne Gottes Erlaubnis übertragen), keinen ṣafar (kein schlechtes Omen im Monat Ṣafar) und keine hāmma (kein schlechtes Omen in Zusammenhang mit einer Eule)“ und fliehe vor einem Aussätzigen, wie vor einem Löwen!“5 
  • T4: Der Prophet hat gesagt: „Schaut nicht ständig auf Aussätzige!“6
  • T5: Der Prophet hat gesagt: „Die Pest ist eine Katastrophe, die über die Kinder Israels gesandt wurde oder über Menschen, die vor euch lebten. Wenn ihr hört, dass in einem Gebiet die Pest herrscht, geht dann nicht dorthin. Aber wenn sie ausbricht in einem Gebiet, in dem ihr schon seid, flüchtet dann nicht vor ihr!“7 

Die beiden pakistanischen Autoren zitieren und kommentieren das, was sie in alten Kommentaren und anderen Quellen aus vielen Jahrhunderten zu diesen Hadithen fanden. Sie stellen fest, dass die alten Gelehrten zwei Methoden anwandten: tardjīḥ, das Gegeneinander-Abwägen von Hadithen, meist aufgrund der isnāde, und taṭbīq oder djam‘, von dem ich nicht genau weiß, was es ist, das aber das am meisten dem Harmonisieren oder dem Weginterpretieren ähnlich sieht.

Leugnung der Ansteckung
Diejenigen, die Ansteckung leugnen, finden Unterstützung in der deutlichen Aussage des Propheten in T1: „Es gibt keine Ansteckung,“ und deren Bestätigung in einer Handlung von ihm in T2, wo er mit einem Aussätzigen isst—wenn Gefahr für Ansteckung bestanden hätte, hätte er das nicht getan. Es werden noch vier Texte zitiert, die erzählen, wie bekannte Gefährten des Propheten ausdrücklich mit Aussätzigen aßen und somit nach dessen Vorbild handelten. Manchmal sollen sie sogar regelrechte Abendessen mit Leprosen gegeben haben!8 Aischa, die Frau des Propheten, habe es auch bunt getrieben: Sie soll einen aussätzigen Sklaven gehabt haben, der aus ihrer Schüssel aß, aus ihrem Becher trank und oft auf ihrem Schlafplatz schlief—wobei sie sich um Ansteckung keine Sorgen machte, versteht sich.
Ein Text wie T4: „nicht ständig auf Aussätzige schauen,“ in dem Ansteckung vielleicht – aber nicht notwendigerweise – vorausgesetzt wird, wird von den Leugnern beseitigt, weil der isnād schwach ist. Dasselbe gilt für zwei nicht-prophetische Überlieferungen, die empfehlen zwischen sich und einem Aussätzigen eine, bzw. zwei Speerlängen Abstand zu wahren. Die Schwäche eines isnāds nachzuweisen ist eine klassische islamische Manier um einen unerwünschten Hadith zu beseitigen. Eine andere Methode ist einen Text als durch einen späteren Text abgeschafft (mansūkh) zu betrachten. Von T3: „Fliehe vor einem Aussätzigen…’ wird gesagt, dass er von T2, in dem der Prophet mit einem Aussätzigen isst, abgeschafft worden ist.
Die Gelehrten, die T3 nicht verwerfen, haben im Lauf der Jahrhunderte verschiedene andere Wege gefunden um ihn zu entschärfen. Sie sagen zum Beispiel: Man soll nicht aus Angst vor Ansteckung vor einem Aussätzigen fliehen, sondern um den armen Mann nicht zu verletzen. Dasselbe gilt beim Anschauen: Es geht nicht um Ansteckung, sondern um Diskretion, Rücksicht.
Oder wer meint, durch einen Aussätzigen Schaden zu erleiden, seinen Geruch oder seine Nähe nicht zu ertragen oder wer eine Abneigung gegen ihn spürt, der soll davonlaufen. Man bleibt ihm fern, wie man auch eine überhängende Mauer oder ein kaputtes Schiff meidet.
Oder ganz kompliziert: Man soll vor einem Aussätzigen flüchten, weil man sonst, wenn man krank wird, vielleicht denken könnte, dass es durch Ansteckung kommt—was der Prophet ausgeschlossen hat. Diese Begründung kommt häufig vor: bereits Abū ‘Ubayd (gest. 838) sagt, dass man gesunde Tiere nicht mit kranken Tieren trinken lassen soll, denn wenn sie dann krank werden, könnte man zu der Irrmeinung verführt werden, dass es Ansteckung gäbe. In Wirklichkeit werden die gesunden Tiere krank durch den Willen Gottes und durch nichts anderes.
Das ist tatsächlich der Grund, warum Ansteckung überhaupt geleugnet wird. Es ist immer von neuem ein göttlicher Ratschluss, der bestimmt, ob man krank wird oder nicht.

Anerkennung der Ansteckung
Auch diejenigen, die glaubten, dass es Ansteckung gibt, konnten nicht alle Hadithe einfach hinnehmen. Zwar verfügten sie, neben ihren eigenen Beobachtungen von Ansteckung, über einige mehrfach und korrekt überlieferte Hadithe (T3, T5 und vielleicht T4), die diese bestätigten, aber einige andere, die deutlich die Ansteckung leugnen, mussten sie unschädlich machen. T2, in dem der Prophet mit einem Aussätzigen isst, hielten sie für nicht korrekt überliefert; der schadete also nicht viel. Blieb noch die korrekt überlieferte und glasklare Aussage des Propheten: „Es gibt keine Ansteckung“ (T1/3), aber dafür fand man unterschiedliche Lösungen:
– Man entkräftet die Aussage, indem man etwas hinzudenkt: Natürlich gibt es Ansteckung; was der Prophet meinte ist: „Es gibt keine Ansteckung außer durch Aussatz, bars und andere Krankheiten.“ Deshalb soll man durchaus vor einem Aussätzigen fliehen.9
– Andere denken etwas anderes dazu: „Es gibt keine Ansteckung von Natur aus, mit anderen Worten: Es ist Gott, der entscheidet, ob Ansteckung erfolgt oder nicht. Als Beweis dafür konnte dienen, dass der Prophet ruhig seine Hand zusammen mit der eines Aussätzigen in die Schüssel tauchte. Ein gewisser al-Turbushtī, ein Gelehrter aus dem 13. Jahrhundert, fand diese Auffassung die beste, gerade weil sie Übereinstimmung zwischen Hadithen zu diesem Thema ermöglicht.10
– Noch andere Gelehrten meinten, dass die Aussage: „Es gibt keine Ansteckung“ nicht die Ansteckung selbst leugnen will, sondern den Glauben, dass es Ansteckung durch etwas anderes als Gott gibt.11 Die rhetorische Frage des Propheten in T1: „Aber wer hat denn das erste angesteckt?“ passt gut zu dieser Auffassung.
– Ibn Qutaiba (± 828–889) war ein Literat, kein Mediziner, aber er verstand weitgehend wie Ansteckung funktioniert: durch Berührung (mulāmasa) oder durch Tröpfcheninfektion durch die eingeatmete Luft (al-shamm al-rā’iḥa), vor allem über Mitbewohner (mukhālaṭa). Trotzdem hatte er kein Problem mit der Aussage „Es gibt keine Ansteckung (‘adwā),“ denn die von ihm beschriebenen Übertragungsarten von Krankheiten sind einfach keine ‘adwā. Was das denn ist, sagt er nicht; zumindest wird es aus dem pakistanischen Artikel nicht ersichtlich. Ibn Ḥadjar al-‘Asqalānī (1372–1449) folgt demselben Gedankengang, aber er sagt durchaus, was ‘adwā ist, nämlich eine Krankheit, die an einem bestimmten Ort grassiert, wie die Pest in T5. Von so einem Ort zu fliehen ist nicht erlaubt, weil man dann dem Ratschluss Gottes zu entkommen versucht.12

Ich habe nicht den ganzen langen Artikel der beiden Autoren hier zusammengefasst, sondern versucht das Wichtigste herauszuholen. In einigen Punkten habe ich sie einfach nicht verstanden. Lobenswert ist, dass die beiden Autoren energisch und akribisch viele Kommentartexte gesammelt haben. Was ich aber bedaure, ist, dass ihre Gedankengänge sich den jahrhundertealten Kommentaren fast kritiklos anschließen, obwohl diese nach heutigen Einsichten intellektuell nicht ausreichend sind.
Allen Respekt für einen Ibn Qutaiba, der im neunten Jahrhundert schon gut wusste, was Ansteckung ist, aber jammerschade, dass er sich dann winden musste um das Zitat des Propheten zu retten und letztendlich behauptet, dass Ansteckung keine Ansteckung ist. Ihm und seinen Nachfolgern kann ich es aber nicht übel nehmen: vor Jahrhunderten konnte und durfte man wohl nicht anders denken. Anders sollte das sein bei den beiden modernen pakistanischen Autoren, die wahrscheinlich doch mal ein Gymnasium von innen gesehen haben. Aber leider nehmen sie die uralten Argumentationen ernst, als würden sie von Propheten oder Heiligen stammen, und gründen darauf ihre Folgerung: „Keine ansteckende Krankheit wird ohne Gottes Erlaubnis übertragen.“ Das ist, was mich in solchen Arbeiten so langweilt. Man kann auch sagen: Ich schätze es nicht, dass sie Theologie betreiben statt Textwissenschaft. Zu kritisieren ist auch, dass sie ihre Schlussfolgerung in ihre Übersetzung eines Hadith einarbeiten; das ist Mogelei. Lā ‘adwā bedeutet: „Es gibt keine Ansteckung,“ und nicht: „no contagious disease is conveyed without Allāh’s permission.“ Bei der Wiedergabe eines Textes in einer anderen Sprache soll man übersetzen, nicht theologisieren.
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Meine eigenen Voraussetzungen und meine Lesart dieser widersprüchlichen Texte werde ich auf S. 2 darlegen.

ANMERKUNGEN
1. Muhammad Qasim Butt und Muhammad Sultan Shah, „The Concept of Contagiousness in the Ahādīth,“ Pakistan Journal of Islamic Research, 19/1 (2018), 59–75. Im Netz sah ich es hier, das letzte Mal am 10. November 2018.  Eine pdf-Datei steht hier: Butt_Shah, Contagiousness in ahadith.
2. Und das ist erst ein Beispiel; es gibt etliche Themen, über die die Aussagen des Propheten widersprüchlich sind oder scheinen.
3. U.a. Bukhārī, Ṭibb 25; Muslim, Salām 101 und viele andere, mit unterschiedlichen Prophetengefährten als Überlieferer: قال رسول الله ص: لا عدوى ولا صفر ولا هامة فقال أعرابي: يا رسول الله فما بال الإبل تكون في الرمل كأنها الظباء فيجيء البعير الأجرب فيدخل فيها فيجربها كلها؟ قال: فمن أعدى الأول.
4. Abū Dāwūd, Ṭibb, 24/3925; Tirmidhī, Aṭ‘ima 19a e.a.: أن رسول الله ص أخذ بيد مجذوم فوضعها معه في القصعة وقال: كل ثقة بالله وتوكلا عليه
5. Bukhārī, Ṭibb 19:  قال رسول الله ص: لا عدوى ولا طيرة ولا هامة ولا صفر وفر من المجذوم كما تفر من الأسد.
6. Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad i, 233: قال رسول الله ص: لا تديموا الى المجذومين النظر 
7. Bukhārī, Anbiyā’ 54 (vgl. auch Muslim, Salām 100): … فقال أسامة قال رسول الله ص: الطاعون رجس أُرسل على طائفة من بني إسرائيل أو على من كان قبلكم فإذا سمعتم به بأرض فلا تقدموا عليه، وإذا وقع بأرض وأنتم بها فلا تخرجوا فرارًا منه. قال أبو النضر: لا يخرجكم الاّ فرارا منه  
8. Butt/Shah, Concept 62.
9. لا عدوى ألّا من الجُذام والبرس وغيرها . Was bars ist weiß ich nicht; es muss auch eine Krankheit sein. Butt/Shah, Concept 70. Gemeint ist vielleicht baraṣ, ein Name für Lepra.
10. لا تقع عدوى بطبعها. Butt/Shah, Concept 71.
11. Butt/Shah, Concept 72.
12. Butt/Shah, Concept 72–73.

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Geschlechter und Neigungen im vormodernen Nahen Osten –3

Orientierungen
Der Sammelbegriff Homosexualität, der für alle Formen von Sexualleben zwischen Personen desselben Geschlechts verwendet wird, gab es in der arabischen Welt nicht. Existiert es jetzt? In Wörterbüchern Europäisch-Arabisch wird es oft mit liwāṭ übersetzt, aber das ist etwas anderes. Es scheint heutzutage mithlīya djinsīya heissen zu müssen, aber das ist ein merkwürdiger Modernismus; wie viele Menschen verstehen was damit gemeint ist? Viel öfter hört man den stark abwertende Terminus shudhūdh oder shudhūdh djinsī, „Perversion,“ der seit ca. 1940 gängig ist.

Ein lūṭī ist ein Mann, der einen Jungen oder einen anderen Mann anal penetriert. Das kann er tun aus Lust, oder um den Anderen zu erniedrigen, zu bestrafen oder um ihm seine Dominanz zu zeigen; oder aus mehrfachen Impulsen. Die anale Penetration heißt liwāṭ.
Ein ma’būn ist ein Junge oder Mann, der sich anal penetrieren lässt, aus Lust, aus Kalkül, unter Zwang oder aus mehrfachen Impulsen. Das Verlangen penetriert zu werden heißt ubna. Liwāṭ ist eine Handlung, die man verrichten kann oder nicht: ubna ist ein Verlangen, das einem Menschen innewohnen kann und das man ausleben kann oder nicht. Die Handlung war dem islamischen Recht zufolge (sharī‘a) eine Straftat, die aber in der Praxis selten bestraft wurde. Das Verlangen zu haben war keine Straftat, aber Menschen, die ubna hatten, wurden schon oft verachtet, wenn sie ihre Neigung auslebten.
Inzwischen wird allmählich klar sein, warum der Begriff Homosexualität im Arabischen nicht vorkam. Während im Westen, oder wenigstens in der dominanten protestantischen Welt, die Orientierung auf dasselbe Geschlecht bestimmend war, waren drüben die Penetration und das Aktiv- oder Passivsein das Wichtige, während Kosen und Schmusen, Knutschen, Herumtollen und andere Verrichtungen die im Westen „sexuelle Handlungen“ genannt werden, außer Betracht blieben: Die sind ja weder liwāṭ noch ubna und kaum erwähnenswert. Was man nicht benennt, kann auch nicht tadelnswert sein.
Im heutigen Nahen Osten wird oft heftig gegen Homosexualität gewittert. Das ist ein Erbe westlicher ethischen und juristischen Auffassungen, aber auch eine Abneigung gegen das Importprodukt Homosexualität, das ja ein alles explizit machender Lifestyle aus dem Westen ist. Darum gab → el-Rouayheb seinem Buch den Titel: Before homosexuality, will sagen: vor deren Import. Dieselbe Leute, die dagegen wittern, können falls erwünscht ihre traditionellen Verhaltensweisen einfach fortsetzen—was ihnen dann aus dem Westen den Vorwurf der Hypokrisie einbringt. Ich hab allerdings den Eindruck—mehr ist es nicht—, dass heutzutage unter arabischen jungen Männern doch weniger geknutscht und Händchen gehalten wird als während meines Studienjahrs in Kairo (1971–72). Wenn das stimmt, ist auch das eine Folge westlicher Einflüsse—die Aufklärung, Sie wissen schon, und das amerikanische Macho-Ideal: Wettbewerb und kämpfen sind Pflicht, schmusen darf nicht sein. Schade für die Jungs, denn sie haben ohnehin so wenig. Mit Mädchen dürfen sie ja noch immer nichts.
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Im alten Nahen Osten gab es von alters her viel Pädophilie. Wo bei uns nur eine Minderheit der Männer daran interessiert ist, war man drüben fast einstimmig der Meinung, dass junge Jungen, kurz vor oder bereits in der Pubertät, sehr sexy sind und oft noch verführerischer als junge Frauen. Es gibt Unmengen von Gedichten, die die Schönheit eines solchen Jungen zelebrieren, noch ohne Bartwuchs oder mit dem ersten Flaumhaar auf den Backen. Es gibt auch jede Menge Berichte und Selbstzeugnisse von durchaus ehrwürdigen
 Männern, die den Umgang mit solchen Jungen suchten und leidenschaftlich in sie verliebt waren. Sie zu penetrieren wurde entschieden abgelehnt, sowohl ethisch wie auch juristisch, aber sie voller Bewunderung anschauen, sie in Gedichten zu beschreiben und mit ihnen zu flirten war den meisten Juristen zufolge erlaubt und das taten tatsächlich viele Männer. Natürlich gab es eine Grauzone und gesündigt wurde sicherlich auch, aber im Prinzip blieb diese Pädophilie keusch. Sie erinnert an die Liebe für Wein, die viele Dichter empfinden— unter denen z.B. Khomeini, der Führer der islamischen Revolution in Iran. Sie schrieben Bände voller Versen über Wein, Rausch und Betrunkenheit ohne in Wirklichkeit je einen Tropfen zu trinken.

In Afghanistan heißt Päderastie bacha bāzī. Erwachsene Männer, z.B. Milizenführer, nehmen sich noch immer junge Lustknaben, die sie auch als Prostituierte oder Tanzjungen einsetzen—wo man sonst lieber Tanzmädchen hatte. Eine jahrhundertealte Gewohnheit, die schwer auszurotten ist. Unter den Taliban stand darauf die Todesstrafe; aber was ist, wenn die Führungskräfte selbst mitmachen? Auch hier gilt wahrscheinlich, dass das Phänomen durch Modernisierung der Gesellschaft verschwinden wird. Früher kam es in ganz Mittelasien vor, aber im neunzehnten Jahrhundert würde es in den russisch besetzten Ländern bereits verboten und verschwand es.
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Konnten erwachsene Männer einander auch lieben? Aber natürlich; man pflegte warme, innige Kontakte mit männlichen Freunden; auch weil ein Mann mit seiner Ehefrau nicht befreundet sein konnte und bei ihr seine Emotionen nicht loswerden konnte. Hatten sie auch Sex miteinander? Meistens nicht, nehme ich mal an, aber wenn doch, wird es auch kein Problem gewesen sein. 

Jetzt müsste ich natürlich etwas schreiben über lesbische Liebe in der alten Zeit, aber davon weiß ich nichts und es gibt ganz wenig Literatur; deshalb schweige ich lieber. Demnächst erscheint eine Studie zu diesem Thema; mal abwarten, was die zu bieten hat.

Gehört zu: Geschlechter und Neigungen –1: Die Mädchen-Jungs des 8. Jahrhunderts. Die bache posh in Afghanistan
Geschlechter und Neigungen – 2a: Die Effeminierten im alten Medina
Geschlechter und Neigungen – 2b: Die Effeminierten im Hadith des Propheten
Geschlechter und Neigungen – 2c: Die khanīth, weibliche Männer in Oman

BIBLIOGRAFIE
– G.H.A. Juynboll, ‘Siḥāḳ,’ in EI2. (Zur lesbischen Liebe).
– Khaled el-Rouayheb, Before Homosexuality in the Arab-Islamic World, Chicago 2005.
– Ewald Wagner, Abū Nuwās. Eine Studie zur arabischen Literatur der frühen ‘Abbāsidenzeit, Wiesbaden 1965.

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Geschlechter und Neigungen im vormodernen Nahen Osten – 2c

Weibliche Männer
Die khanīth in Oman waren (oder gibt es sie noch?) körperlich Mann, aber sie nannten sich Frau. Sie kamen als normale Jungen zur Welt. Khanīth wurden sie mit zwölf oder dreizehn, als sie, aus welchem Grund auch immer, als Prostituierte aktiv wurden. Sie verhielten sich wie Frauen, trugen zwar Männertuniken, aber in weiblichen Pastellfarben, sie schminkten und parfümierten sich, sie sprachen mit hoher Stimme und bewegten sich frei in den Gemächer der Frauen, die sie unverschleiert sehen durften. Bei Hochzeiten saßen sie bei den Frauen, mit denen sie auch aßen. Wenn musiziert wurde, sangen sie mit den Frauen mit, während die Männer Instrumente bespielten. Sie konnten auch als Hausangestellte arbeiten, was früher die Sklaven taten.1
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All dies hat Unni → Wikan 1974–1976 während ihrer Forschung im omanischen Städtchen Ṣuḥār entdeckt, als das Land noch ziemlich vormodern war. Sie befand, dass 2% der Männer khanīth war oder gewesen war.
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Homosexuelle Prostitution und effeminiertes Verhalten fand man in Oman schon verächtlich, aber man hatte dazu nicht ein so total vernichtendes und endgültiges Urteil wie in manchen westlichen Ländern. Wenn sich herausstellte, dass ein Junge sich prostituierte und dabei voraussichtlich bleiben wollte, nahm man es hin und richtete ein kleines Privatbordell für ihn ein. Seine Dienstleistungen fand man nützlich, denn weibliche Prostituierte durften nicht existieren. Männer hielten Frauen in Ehren und würden ungerne sehen, dass diese reine Wesen sich mit solcher Schweinerei befassen würden. Sie durften sogar nicht damit assoziiert werden; deshalb waren die khanīth zwar effeminiert und parfümiert und wackelten sie mit ihrem Hinten, aber sich gänzlich als Frau kleiden durften sie nicht. Die Burka war ihnen nicht erlaubt; ihr Haar war halblang, während die Frauen es lang und die Männer kurz trugen. Der khanīth war mehr als nur ein Prostituierter, er galt als Zwischengeschlecht, das eine eigene, feste Stellung in der Gesellschaft hatte.
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Das Interessante an der Situation im damaligen Oman finde ich, dass jemand, nachdem er jahrelang khanīth gewesen war, wieder Mann werden konnte, und noch schöner: später noch mal khanīth und dann wieder Mann. Das Geschlecht hängt ab von den sexuellen Handlungen, die man verrichtet, nicht von dem, was man zwischen den Beinen hat. Wenn jemand eine Erektion bekommen kann, penetrieren kann und das auch wirklich tut, dann ist er ein Mann und kann er auch verheiratet sein, auch wenn er bestimmte weibliche Verhaltensweisen beibehält. Vielleicht findet seine Frau das gar nicht schlimm; vielleicht war ihr Mann früher ihre beste Freundin. Seine Männlichkeit soll der khanīth, wie jeder Mann, in der Hochzeitsnacht beweisen, wenn er durch ein blutiges Tuch die erfolgreiche Entjungferung seiner Braut nachweisen muss. Ein khanīth, der alt geworden ist, wird von selbst wieder Mann, weil er als Prostituierter nicht länger attraktiv ist—wenn er sich auch zwischen den anderen alten Herren vielleicht nicht ganz zu Hause fühlen wird.
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In der westlichen Welt passiert es manchmal, dass verheiratete Männer und Väter sich zu Homosexuellen entwickeln. Man nimmt dann gemeinhin an, dass solche Männer „eigentlich“ schon immer homosexuell waren und sich nur nicht früher zum coming out durchgerungen hatten wegen Mangel an Erkenntnis, fehlender Toleranz oder Sozialangst. Aber dass ein Homosexueller (wieder) Hetero wird, davon hört man nie. Die Omanis waren (oder sind?) offensichtlich erheblich flexibler als die Westeuropäer, die sich meist in einem Seinszustand versteifen. Die Fähigkeit mancher Omanis ohne viel Aufhebens in die eine oder die andere Richtung zu wechseln strafen die westliche Auffassung Lügen, dass die sexuelle Identität ein für allemal festliegt, und auch dass beim Umschalten teure Hormonbehandlungen oder Operationen notwendig sind.

Ein männlicher Mann ohne Lust auf Frauen?
In der berühmten Erzählung, der zufolge Aischa, die Frau des Propheten, während eine Wüstenreise kurz ihre Sänfte verlassen hatte und die Karawane weiter gezogen war, ohne zu bemerken, dass sie nicht darin war, wurde sie in der Wüste gefunden und nach Hause gebracht von einem Mann namens Ṣafwān Ibn al-Mu‘aṭṭal. Sofort entstand übles Gerede: Hatte dieser Mann sie berührt? Die Erzählung bei Ibn Isḥāq will Aischas Unschuld beweisen und mit dieser Absicht wird ihr u.a. in den Mund gelegt: „Es wurden Fragen gestellt zu Ibn al-Mu‘attal und man befand, dass er kein Verlangen nach Frauen hatte (fa-wadjadūhu radjulan ḥaṣūran) und nicht zu ihnen ging. Später wurde er als Märtyrer getötet.“2 Dies wird natürlich vor allem mitgeteilt um einmal mehr zu beweisen, dass Aischa unberührt geblieben war. Interessant ist die Mitteilung, dass er auf dem Schlachtfeld den Tod fand. Er war also ausdrücklich ein männlicher Mann, denn er kämpfte, aber hatte einfach keine Lust auf Frauen. Die ganze Mitteilung taugt nicht viel, denn in den biographischen Lexika wird zweimal eine Ehefrau von ihm aufgeführt, aber die Existenz eines solchen Mannes wurde offenbar für möglich gehalten.

ANMERKUNGEN
1. Die Sklaverei wurde in Oman erst 1970 abgeschafft; viele ehemalige Sklaven blieben jedoch bei derselben Arbeit. Sie wurden oft diskriminiert; noch schlechter behandelt werden die inzwischen aus dem Ausland importierten Arbeitnehmer.
2. Ibn Isḥāq, Sīra 739: وكانت عائشة تقول: قد سئل عن ابن المعطل فوجدوه رجلاً حصورًا ما يأتي النساء ثم قتل بعد ذلك شهيدًا.

BIBLIOGRAFIE
– Unni Wikan, „Man becomes Woman: The Xanith as a Key to Gender Roles,“ in Unni Wikan, Resonance. Beyond the words, Chicago 2012, 169–187.

Gehört zu: Geschlechter und Neigungen –1: Die Mädchen-Jungs des 8. Jahrhunderts. Die bache posh in Afghanistan
Geschlechter und Neigungen – 2a: Die Effeminierten im alten Medina
Geschlechter und Neigungen – 2b: Die Effeminierten im Hadith des Propheten
Geschlechter und Neigungen –3: Sexuelle Orientierungen im vormodernen Nahen Osten

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Geschlechter und Neigungen im vormodernen Nahen Osten – 1

Die Bugis auf Sulawesi kennen fünf Geschlechter und die Navajo-Indianer ebenfalls: männliche Männer, weibliche Männer, weibliche Frauen, männliche Frauen; bei den Navajo der Hermaphrodit, der Mann und Frau ist und bei den Bugis der bissu, eine Art Heiligmensch, der weder Mann noch Frau ist.
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Lawrence Durrell schrieb über Alexandrien in Justine: „There are more than five sexes, and only demotic Greek seems to distinguish between them.“ Das Letztere glaube ich nicht; das Arabische kann auch Einiges, aber in der Tat, von alters her gab es im Nahen Osten erheblich mehr Geschlechter als im langweiligen Westen, der bis vor kurzem nur Männchen und Weibchen (an)erkannte und wo die Entdeckung anderer Möglichkeiten vor allem Mühsal mit sich bringt. Die Muslime nahmen das weniger schwer. Eine OP zur Geschlechtsänderung war in Casablanca oder Teheran früher möglich als bei uns.
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Neuerdings schießen auch bei uns die Geschlechter und Gender wie Pilze aus dem Boden. Wir haben jetzt LGBTQ… und noch mehr Buchstaben; von den letzten weiß ich nicht mal, wofür sie stehen. Ist es angenehm mit so einem Buchstabe etikettiert zu werden? Die indonesische Aktivistin Tiara Tiar Bahtiar schrieb ein Buch mit dem Titel Namaku bukan waria – panggil aku manusia, „Ich heiße nicht Transgender, nenne mich Mensch.“ Aber offensichtlich gibt es auch Menschen, die für sich auf so einem Buchstaben bestehen. Ohne Identität scheint heutzutage nichts zu gehen.
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Es gibt Geschlechter und Gender, aber auch sexuelle Orientierungen; überdies gibt es noch die Möglichkeit der Travestie. Insgesamt ist eine große Anzahl Spielkombinationen möglich.
Über die Geschlechter und Neigungen im vormodernen Nahen Osten kann ich viel weniger sagen als ich möchte, denn in den arabischen Quellen, die ich mir vorstellen kann (Poesie, Geschichtswerke) bin ich nicht weit vorgedrungen; sie sind unermesslich ausgedehnt und oft unerschlossen. Eine Sache kann schon im Voraus gesagt werden: man scherte sich früher nicht um Identität. Der modern-westliche Gedanke: „Wenn du etwas bist, bist du das für immer, es ist dein wahres Wesen,“ existierte im alten Nahen Osten nicht. Menschen konnten sich durchaus verändern—manchmal auf Zeit, manchmal für immer.

Pseudo-Jungen 
Die ghulāmīya oder radjulīya, ein Mädchen, das sich wie ein Junge kleidet und verhält, wurde durch die Mutter des Kalifen al-Amīn (reg. 809–813) gefördert. Als al-Amīn in seiner Jugend wenig Interesse am weiblichen Geschlecht zeigte, wollte seine Mutter das stimulieren, indem sie solche Mädchen bei Hof introduzierte: kurzes Haar, kurze Tuniken, ein Gürtel um die Taille.
Was für Mädchen waren das? Die Mutter eines Prinzen konnte natürlich Sklavinnen befehlen, sich als Junge zu verhalten, auch wenn sie von sich aus dazu nicht geneigt waren. Aber bei der Auswahl wird sie wohl darauf geachtet haben, welche Mädchen die Rolle überzeugend spielen konnten.1
Kurz darauf wurden die ghulāmiyāt auch in der Stadt beliebt, zum Beispiel als Bedienung in den Kneipen.
 Der Dichter Abū Nuwās bekam seinen Wein gerne „aus der Hand einer mit einer Scheide in der Kleidung eines mit einem Penis. Sie hat zwei Arten von Liebhabern: Päderasten und Hurer.“2 Er beschreibt die Mädchen auch, z.B. so: „Hier hast du Gestalten, weiblich in Benehmen, aber in der Kleidung der Männer, | mit bloßen Händen und Füssen, ohne Schmuck an den Ohren und um den Hals. | Sie sind schlank wie Zügel, Schwertgehänge und Gurte, |aber haben füllige Hintern in den Tuniken und Dolche an den Taillen, | ihre Locken sind skorpionartig gekrümmt, und die Schnurrbärte sind aus Parfüm.“3 

Jenny → Nordberg hat ein interessantes Buch über Mädchen in Afghanistan geschrieben, die aus praktischen Gründen einige Jahre als Jungen auftreten. Sie behandelt unsere Zeit, aber die Gesellschaft in Afghanistan ist noch ziemlich vormodern. Solche Mädchen werden als Jungen gekleidet und behandelt und sie verhalten sich entsprechend: Sie klettern auf Bäume, spielen Fußball und schlagen sich.4 Meist sind es die Eltern, die auf die Idee kommen, eine Tochter zu einem Sohn umzugestalten; manchmal ist es ein Molla. Es ist nämliche für eine afghanische Familie eine große Schande, keinen Sohn zu haben. Überdies ist Mädchen fast nichts erlaubt, so dass eine Familie ohne Sohn nicht gut funktionieren kann. Dazu kommt noch ein magisches Motiv: Man glaubt gerne, dass, wenn man einmal so einen Jungen im Haus hat, das nächst geborene Kind ein richtiger Sohn sein wird.
Die Mädchen finden es meistens in Ordnung. Als Junge haben sie ja viel mehr Freiheit, sie können in die Schule gehen, sie laufen breitbeinig und mit frechem Blick auf der Straße, sie können Vater helfen im Laden, mit den Jungen und Männern sitzen und haben auch zu Hause eine privilegierte Position: Ihr Vater redet mit ihnen und nimmt sie ernst.
Solche Mädchen heißen dort bacha posh, bei uns tomboy, garçonne, erkek fatmafatāt mustardjila; im Deutschen gibt es wohl kein eindeutiges Wort—oder kennen Sie eins? Die Umgestaltung wird oft vollzogen, wenn das Mädchen drei oder vier Jahre alt ist; manchmal auch schon bei der Geburt. Im Idealfall werden die Jungen lange vor der Pubertät wieder in Mädchen zurückverwandelt, so dass sie noch ausreichend Zeit haben, weibliche Tätigkeiten wie kochen, nähen, waschen, putzen und dergleichen zu erlernen. Nordberg hat ehemalige tomboys interviewt. Zurückblickend auf ihre Zeit als Junge sind diese dazu meist positiv: Es war ja eine einmalige Gelegenheit, mal außer Haus zu kommen und als Junge bekamen sie die Möglichkeit, die Welt kennen zu lernen und Selbstvertrauen aufzubauen. Schwierig war es aber für Mädchen, die noch bis in der Pubertät Junge blieben oder sogar den Übergang erst mit siebzehn machten. Das wurde manchmal richtig problematisch: Sie konnten weder kochen noch nähen, sie wussten nicht mal, wie sie sich schminken sollten und schafften es nicht, mit kleinen Schritten und niedergeschlagenem Blick zu gehen. Und vor allem: Sie hatten gar keine Lust, das freie Leben von Studium oder Arbeit aufzugeben um so ein unterwürfiges Geschöpf zu werden, von dem nur die Gebärmutter geschätzt wird—wenn diese Jungen gebärt, versteht sich. Auch solche Frauen hat Nordberg interviewt. Eine war dabei, die selbst schon längst Mutter war, aber die praktische Aspekte des Frau-Seins noch immer nicht ganz beherrschte. Warum nicht? Weil sie sich Mann fühlte und einer war! Sie hatte sich so in die Männerrolle eingelebt, dass sie wirklich einer geworden war—zwar ohne Penis, aber mit eingefallenen Brüsten und oft ausbleibender Menstruation.
Nordberg erzählt von einem afghanischen Mädchen, das mit fünfzehn noch bacha posh war und überhaupt keine Lust hatte, sich der Frauenrolle zu widmen. Einmal machte sie eine Runde auf einen gemieteten Motorrad, als ein Junge ihr zurief: „Wir wissen schon, dass du ein Mädchen bist!“ Aber es war nicht schlimm; er war ein Freund, der sie auch schützte, wenn andere Jungen sie an die Wäsche gehen wollten. Dass manche Jungen eigentlich Mädchen waren wusste man wohl doch, aber das wurde mehr oder weniger vertuscht und toleriert.

Von zwei Extremfällen berichtet Nordberg noch: eine bacha posh, die Mann blieb, in einem street gang aufgenommen war und Straßenkämpfe mit anderen Banden lieferte; und eine andere, die eine Militärausbildung absolviert hatte. Sie war von den Amerikanern zum Kommando und Scharfschütze ausgebildet worden und arbeitete danach im aktiven Dienst bei der Polizei. In ihrem Pass stand ein weiblicher Name, aber sie verhielt sich wie ein Mann und stand ihren männlichen Kollegen an Körperbau, Muskulatur und Machoverhalten nicht nach. Solche Frauen hofften, dass sie bald zu alt zum Heiraten sein würden; nicht mit ihnen!
Unsere tomboys sind es aus persönlicher Neigung; in Afghanistan werden sie meist von außerhalb in die Rolle gezwungen, aber sie kultivieren die Neigung, indem sie mit tiefer Stimme reden, die anderen Jungen nachahmen und lernen sich unter ihnen zu handhaben. Das soziale Geschlecht ist auch ein Geschlecht, das wird bei uns manchmal vergessen. Gefangen im falschen Körper? Das bedeutet im frauenverachtenden Afghanistan doch etwas anderes als bei uns. Eigentlich stecken dort alle Mädchen in einem falschen, denn unfreien Körper. Mann sein ist das Ideal. Zu denken gibt, dass bei diesen Frauen der Körper dem Geist gefolgt war und sich auch wirklich in einen männlichen Körper verwandelt hatte—natürlich nicht ganz, aber ziemlich weitgehend
. Und das ohne Operation oder Hormonimpfungen, denn die hatten sie nicht. Wenn das in Afghanistan möglich ist, ist es das auch bei uns. Legen sich nicht viele Menschen auf eine Identität fest, während sie auch, vorübergehend oder für immer, eine andere haben könnten? Und wozu braucht man überhaupt eine Identität?
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Auch in Albanien leben noch ältere Männer, die als Mädchen geboren und aus denselben Gründen wie in Afghanistan von ihren Eltern zu Jungen ernannt wurden: die „geschworene Jungfrauen“ (burrnesha). Sie blieben ihr ganzes Leben Mann und mussten schwören, sich jeder sexuellen Tätigkeit zu enthalten.
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Wer meinen sollte, dass dies alles mit dem Islam zu tun hat, liegt falsch. Sowohl die normativen Quellentexte wie die Scharia-Gelehrten lehnen es ab, dass jemand sich als gehörig zu einem anderen als seinem biologischen Geschlecht vorführt. Die Umwandlung ergibt sich in Gesellschaften, die eine starke Geschlechtertrennung, und die existierten schon lange vor dem Islam, auch außerhalb des Nahen Ostens. Bei näherer Betrachtung gab es recht viele Länder, in denen Frauen den Schritt zur Geschlechtsumwandlung machen mussten oder wollten um ihre Chancen zu verbessern; Westeuropa bis ins 19. Jahrhundert nicht ausgenommen. In Albanien nahm seit dem Einzug der Moderne die Anzahl burrneshas ab. Die Notlösung, die der Geschlechtswechsel war, ist dort nicht länger nötig.

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Männliche Frauen
Frauen, die einfach keine Lust hatten auf die traditionelle unterwürfige Frauenrolle, gab es natürlich auch:

Hind bint Nu‘mān, „die erste arabische Lesbierin“ (6. Jht.), fand Gefallen am Erniedrigen ihres jeweiligen Ehegatten.

Hind bint ‘Utba (7. Jht.), „die Leberesserin“, begnügte sich der Überlieferung zufolge nicht mit der traditionellen Frauenrolle auf dem Schlachtfeld, die darin bestand, die Männer zu ermutigen, Wasser heranzutragen und Verletzte zu versorgen. Sie schnitt den Körper des besiegten Helden Hamza auf und aß seine Leber roh.

2015 besprach ich hier Remke → Kruk, The Warrior Women of Islam. Dieses Buch handelt von alten arabischen Volkserzählungen über butch Frauen, die auf dem Schlachtfeld kämpften und sogar eigen Armeen anführten. Aber die Erzählungen sind Fiktion, Produkte männlicher Fantasie. Sie bezwecken, ein männliches Publikum zu unterhalten und sind deshalb ungeeignet als Quelle für die gelebte Wirklichkeit. In ihrem ersten Kapitel berichtet die Autorin aber über ihre Suche nach Kämpferinnen, die wirklich gelebt haben. In den ersten Jahrhunderten des Islams scheinen einige, aber nicht sehr viele Frauen wirklich militärisch aktiv gewesen zu sein; die betreffenden Berichte sind sehr knapp. Des Weiteren gibt es einige Erzählungen, die halblegendär sind oder auf den altgriechische Mythos der Amazonen zurückzuführen sind. Die meist kriegerische Frau aus dem alten Nahen Osten, die real existiert hat, war wohl Königin Zenobia (240–274), der es gelang aus der syrischen Oase Palmyra heraus ein großes Reich aufzubauen und einige Jahre eine Bedrohung für die Römer zu bilden. Von ihr wird auch erzählt, dass die als Mädchen ein tomboy war und mädchenhafte Tätigkeiten mied, dafür aber Ringkämpfe mit den Jungen lieferte und mit Pfeil und Bogen auf wilde Tiere jagte.5

In der Hadith-Literatur wird eine gewisse Umm Ḥarām bint Milḥān erwähnt, die darauf bestand an der Militärexpedition gegen Zypern im Jahr 649 teilzunehmen. Von ihren Kriegshandlungen ist nichts bekannt; ihre Militärlaufbahn endete unglücklich als sie nach wohlbehaltener Heimkehr von ihrem Reittier fiel und umkam.6

In Ägypten thematisieren viele Witze und Cartoons mickerige Männchen, die ganz unter dem Pantoffel ihrer überwältigenden Gattin stehen. Das ist nur Phantasie; trotzdem gibt es eine Minderheit von Paaren, bei denen das durchaus der Fall ist. Niemand wird z. B. die Dame vorne auf dem Foto für schüchtern oder unterwürfig halten. Ist der Mann im Hintergrund etwa ihr Ehemann? Wir wissen es nicht.
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In Ägypten waren (sind?) Frauen manchmal als Bauarbeiter tätig. Ich habe sie 1971 bei der Knochenarbeit beobachtet: mit Körben voller Steinen auf Gerüste klettern usw. Vielleicht hatten sie keinen Mann (mehr), der sich um das Familieneinkommen kümmerte und mussten sie als Ernährer auftreten? Aber mussten sie denn gerade diese Arbeit machen, oder wollten sie es selbst? Hätten sie keine Näh- oder Bügelarbeit verrichten können, oder einen Windelservice anbieten? Ich weiß nicht, wie das war.

„Meine Mutter war ein richtiger Kerl,“ schrieb al-Māzinī ca. 1930, „sie …@TEXT NOCH SUCHEN@

Umm Kulthūm (± 1904–1975), die berühmte ägyptische Sängerin, die mit ihrer formidablen Stimme jahrzehntelang die arabische Welt in die Knie zwang, fiel schon früh durch ihr Gesangstalent auf. Ihr Vater hatte neben seiner Arbeit als Dorfimam eine Musikgruppe, mit der sie auftreten durfte unter der Bedingung, dass sie sich als Junge kleidete und verhielt. Das ging lange Zeit gut, aber als sie immer sichtbarer Frau wurde und immer mehr Menschen „es“ wussten, befahl ihr Vater ihr, mit dem Singen aufzuhören und zu heiraten. Daraus wurde aber nichts und nach einer Pause sang sie weiter in Kairo, ganz als Frau. In ihren späteren Jahren war ihre Stimme sehr tief, aber in ihrer Jugend noch nicht. Jede Gesangstimme wird im Alter tiefer, aber bei ihr war es extrem. War es ihr Wunsch, eine tiefe Altistin zu sein, war es etwas Männliches das herauswollte? Sie hielt sich von der unter Künstlern üblichen Liederlichkeit fern. Dass sie nicht mit Männern herummachte wird oft ihrer frommen Gesinnung und ihrem noblem Charakter zugeschrieben; es kann aber auch sein, dass sie sich nicht zu Männern hingezogen fühlte. Zumindest will ein Gerücht, dass sie beim Abfassen eines Vertrages für einen Auftritt außer Lande auf die Lieferung zweier jungen Mädchen bestand.

Dies waren nur so ein Paar Eindrücke, die meiste aus Lektüre. Ich habe keinen Überblick über diese Phänomene in der ganzen arabischen oder islamischen Welt, bin auch kein Sozialwissenschaftler, wollte sie aber doch mal aufschreiben, weil sonst jemand denken könnte, im Ausland müsse alles unbedingt genau so eingerichtet sein wie bei uns.

Sicherheitshalber sage ich es noch mal: Burschikose Mädchen und mannhafte Frauen müssen keineswegs lesbisch sein.

Wird fortgesetzt:
Geschlechter und Neigungen – 2a: Weibliche Männer im alten Medina
Geschlechter und Neigungen – 2b: Weibliche Männer im Hadith des Propheten
Geschlechter und Neigungen – 2c: Weibliche Männer: die Khanīth von Oman. Ṣafwān ibn al-Mu‘attal
Geschlechter und Neigungen – 3 Sexuelle Orientierungen im vormodernen Nahen Osten

ANMERKUNGEN
1. Viel Erfolg hatte sie übrigens nicht mit ihrem Versuch. Als al-Amīn einmal Kalif war, dichtete ein anonymer Spottdichter über ihn und seinen Minister Faḍl: Es ist ein Wunder: Der Kalif | ist als Päderast aktiv, | der andere wird befriedigt | (was uns noch mehr verwundert) passiv!
2. Abū Nuwās, Dīwān I,@@; Übers. Wagner, Abū Nuwās 178من كَفّ ذات حِرّ في زيّ ذي ذكر لها محبّان لوطي وزنّاءُ
3. Abū Nuwās, Dīwān I, 174–5; Übers. Wagner, Abū Nuwās 177:
صوَر إليك مؤنّثاتُ الدلّ في زيّ الذكورِ
عُطُلُ الشَّوي ومواضعِ الأزرار منهل والنحورِ
أُرهِقن إرهاف الأعنّة والحمائل والسيورِ
وموفَّراتٍ في القراطق والخناجرُ في الخصورِ
أصداغُهنّ معقربات والشوارب من عبيرِ
4. Ich danke Prof. Remke Kruk, Leiden, die mich auf dieses Buch hingewiesen hat.
5. Kruk, Warrior Women, 17, 45. Eine wichtige Quelle ist Trebellius Pollio in der Historia Augusta, ein Autor, der bekannt ist um seinen wenig wahrheitsgetreuen Beschreibungen und der vielleicht selbst nicht mal existiert hat. Aber um ein Reich aufzubauen und sich gegen Römische Legionen zu handhaben muss Zenobia doch wirklich Einiges auf dem Kasten gehabt haben.
6. Buḫārī, Ǧihād 8, var. Ǧihād 3, 17: […] von Anas ibn Mālik, von seiner Tante Umm Ḥarām bint Milḥān: Der Prophet schlief eines Tages in meiner Nähe und als er aufwachte, lachte er. Ich fragte ihn, warum er lache. Er sagte: „[Im Traum] sind mir Menschen aus meiner Gemeinde gezeigt worden, während sie das grüne Meer befuhren wie Könige auf Thronen.“ Sie sagte: „Bete zu Gott, dass er mich eine von ihnen macht!“ Darauf schlief der Prophet wieder ein; dasselbe geschah noch einmal. Dann sagte er:„Du bist eine der Ersten.“ Sie begleitete ihren Gatten ‘Ubāda ibn al-Ṣāmit auf dem Kriegszug, als die Muslime mit Mu‘āwiya zum ersten Mal das Meer befuhren. Als sie zurückkehrten vom Kriegszug und wieder in Syrien landeten, wurde ihr ein Reittier gebracht, aber dieses warf sie ab und daran starb sie.

حَدَّثَنَا عَبْدُ اللَّهِ بْنُ يُوسُفَ قَالَ حَدَّثَنِي اللَّيْثُ حَدَّثَنَا يَحْيَى عَنْ مُحَمَّدِ بْنِ يَحْيَى بْنِ حَبَّانَ عَنْ أَنَسِ بْنِ مَالِكٍ عَنْ خَالَتِهِ أُمِّ حَرَامٍ بِنْتِ مِلْحَانَ قَالَتْ نَامَ النَّبِيُّ ص يَوْمًا قَرِيبًا مِنِّي ثُمَّ اسْتَيْقَظَ يَتَبَسَّمُ فَقُلْتُ مَا أَضْحَكَكَ قَالَ أُنَاسٌ مِنْ أُمَّتِي عُرِضُوا عَلَيَّ يَرْكَبُونَ هَذَا الْبَحْرَ الْأَخْضَرَ كَالْمُلُوكِ عَلَى الْأَسِرَّةِ قَالَتْ فَادْعُ اللَّهَ أَنْ يَجْعَلَنِي مِنْهُمْ فَدَعَا لَهَا ثُمَّ نَامَ الثَّانِيَةَ فَفَعَلَ مِثْلَهَا فَقَالَتْ مِثْلَ قَوْلِهَا فَأَجَابَهَا مِثْلَهَا فَقَالَتْ ادْعُ اللَّهَ أَنْ يَجْعَلَنِي مِنْهُمْ فَقَالَ أَنْتِ مِنْ الْأَوَّلِينَ فَخَرَجَتْ مَعَ زَوْجِهَا عُبَادَةَ بْنِ الصَّامِتِ غَازِيًا أَوَّلَ مَا رَكِبَ الْمُسْلِمُونَ الْبَحْرَ مَعَ مُعَاوِيَةَ فَلَمَّا انْصَرَفُوا مِنْ غَزْوِهِمْ قَافِلِينَ فَنَزَلُوا الشَّأْمَ فَقُرِّبَتْ إِلَيْهَا دَابَّةٌ لِتَرْكَبَهَا فَصَرَعَتْهَا فَمَاتَتْ.

BIBLIOGRAPHIE
– Abū Nuwās: Der Dīwān des Abū Nuwās, Teil I, Hg. Ewald Wagner, Wiesbaden 1958.
– Remke Kruk, The Warrior Women of Islam. Female empowerment in Arabic Popular Literature, Londen 2014.
– Adam Mez, Die Renaissance des Islâms, Heidelberg 1922.
– Jenny Nordberg, Afghanistans verborgene Töchter. Wenn Mädchen als Söhne aufwachsen, übers. von Gerlinde Schermer-Rauwolf, und Robert A. Weiß, Hamburg 2015; urspr. erschienen auf Englisch: The Underground Girls of Kabul, The Hidden Lives of Afghan Girls Disguised as Boys, 2014.
– Ewald Wagner, Abū Nuwās. Eine Studie zur arabischen Literatur der frühen ‘Abbāsidenzeit, Wiesbaden 1965.

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Neues aus der Arabistik: Koranforschung – 2

Fortsetzung von Neues aus der Arabistik: Koranforschung – 1

Der Kopist aus dem Beispiel in der 1. Lieferung  war noch recht bescheiden. Es ging auch drastischer. Als David →Powers zum frühislamischen Erbrecht arbeitete, traf er auf eine folgenschwere Textänderung.

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Sie steht auf einer Seite (fol. 10b) aus dem Codex Parisino-petropolitanus, 1 auch bekannt als Handschrift BNF 328a der Bibliothèque Nationale de France. Dank weitestgehender Digitalisierung der Pariser Bibliothek bekommt man den Text in wenigen Sekunden auf den Schirm; früher hätte so etwas viel Mühe und Geld gekostet. Die Handschrift hat einen so langen Namen, weil ein Teil sich in Paris befindet, ein anderer Teil in St. Petersburg und einige Blätter im Vatikan. Sie ist eine der ältesten Koranhandschriften und datiert wahrscheinlich noch aus dem siebten Jahrhundert.
Sie sehen es selbst: In der 4. Zeile von unten hat jemand den Text in schwärzeren Buchstaben und in einer anderen Schreibstil überschrieben. In noch zwei anderen Zeilen und an etlichen anderen Stellen in dieser Handschrift ist das auch der Fall.
Das Interessante ist, dass die korrigierte Fassung mit dem heutzutage gängigen Korantext übereinstimmt und eine ältere, dichter beim Original stehende Fassung abdeckt. Mit infra-rotem Licht und anderen technischen Hilfsmitteln hat Powers den älteren Text sichtbar gemacht und einen Einblick in die Textgeschichte des Korans gewährt, der offensichtlich doch nicht ganz fertig aus dem Himmel hinabgesandt worden ist.
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Der Korantext, der Powers in Bezug auf das Erbrecht besonders interessierte, war der Doppelvers 4:11–12. Ich werde ihn hier nicht ganz zitieren: Es ist ein langer und schwieriger Text und es geht mir nicht um das Erbrecht, sondern um Korrekturen in Koranhandschriften. Powers hat die Pariser Handschrift durchleuchtet und befunden, dass zwei Korrektoren sie bearbeitet haben. Der ursprüngliche Kopist hatte in 12b offensichtlich geschrieben: واﮞ كاں رحل ىورٮ كله او امراه ولها اح او احٮ  wa’in kāna raǧulun yūriṯu kallatan aw imra’atan wa-lahā aḫun aw uḫtun, „Wenn ein Mann eine Schwiegertochter(?) oder eine Frau beerbt, und sie einen Bruder oder eine Schwester hat…“
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„Sie“ war einfach ein Fehler, den der erste Korrektor, wohl identisch mit dem ursprüngliche Kopist, in ‘er’ veränderte. Die kalla, „Schwiegertochter“ ist problematisch, denn da
s Wort kommt im Arabischen nicht vor. Powers geht aufgrund von anderen semitischen Sprachen davon aus, dass „Schwiegertochter“ die richtige Bedeutung gewesen sein muss. Aber der erste Korrektor, dem das Wort wohl auch nicht bekannt war, veränderte kalla in kalāla, „seitliche Verwandtschaft“, vielleicht weil diese Lesart ihm von ganz oben aufgedrängt wurde. Jetzt brauchte man eine andere Vokalisierung nötig um dem Vers wenigstens noch etwas an Bedeutung abzuringen: واﮞ كاں رحل ىورٮ كلله او امراه وله اح او احٮ   wa’in kāna raǧulun yūrathu kalālatan aw imra’atun wa-lahu aḫun aw uḫtun,  „Und wenn ein Mann von seitlicher Verwandtschaft (kalāla) beerbt wird, oder eine Frau, und er einen Bruder oder eine Schwester hat, …“
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Der zweite Korrektor hat den Text nicht geändert, sondern nur die Korrekturen des ersten Korrektors mit frischer schwarzer Tinte überdeckt. Aufgrund der Schrift und der Tinte hat er das schätzungsweise zwei Jahrhunderte später getan. 
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Der „korrigierte“ Text stimmt mit dem des heutigen Korans überein: وَإِن كَانَ رَجُلٌ۬ يُورَثُ ڪَلَـٰلَةً أَوِ ٱمۡرَأَةٌ۬ وَلَهُ أَخٌ أَوۡ أُخۡتٌ۬
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Die Korrektur war nicht erfolgreich, denn der Vers wurde dadurch unverständlicher als zuvor. Das fiel den frühesten Hörern, bzw. Lesern gleich ins Auge, so dass sie eine Erklärung verlangten. Die bekamen sie noch im Koran selbst, in Vers 4:176: يَستَفتونَكَ قُلِ اللَّهُ يُفتيكُم فِي الكَلالَةِ إِنِ امرُؤٌ هَلَكَ لَيسَ لَهُ وَلَدٌ وَلَهُ أُختٌ فَلَها نِصفُ ما تَرَكَ „Sie fragen dich um Belehrung. Sprich: ‘Allah belehrt euch über die seitliche Verwandtschaft (kalāla): Wenn ein Mann stirbt und keinen Sohn hat, aber eine Schwester  … usw.‘“—dieser Vers ist durchaus verständlich. 
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Dies ist kein einfacher Stoff. Ich habe ihn ganz kurz zusammengefasst und bin auf die Inhalte der Verse nicht mal eingegangen. Powers widmet der Sache sein ganzes Kapitel 8. Aber ersichtlich ist: Ein früher Abschreiber hat ein schwieriges Wort im Koran geändert und dadurch einen Vers ruiniert. Im 9. Kapitel ist bei Powers nachzulesen, wie diese Änderung auf die Koranauslegung und das Recht gewirkt hat. Denn als das Wort kalāla einmal in Koran 4:12 stand, war es nicht länger möglich es wegzuschaffen und musste der jetzt schwierige Vers auch eine Bedeutung bekommen. Diese herauszufinden hat die Schriftgelehrten viel Arbeit gekostet. 

Für mehr umfassende Textänderungen im Koran siehe das Palimpsest von Ṣan‘ā’.1

Hat es in der Bibel auch solche Textänderungen gegeben? Bestimmt, aber davon weiß ich nicht viel. Im Alten Testament werden sie aber schwieriger festzustellen sein, weil zwischen der Entstehung des Textes und den ältesten erhaltenen Handschriften Jahrhunderte liegen. Beim Koran dagegen ist man fast Augenzeuge der Textgestaltung. Wenn man nur hinguckt.

ANMERKUNG
1. Die Wikipedia-Artikeln zu solchen Themen sind nicht sehr zuverlässig, aber sie bieten einen ersten Eindruck,.

BIBLIOGRAFIE
David Powers, Muḥammad Is Not the Father of Any of Your Men. The Making of the Last Prophet, Philadelphia 2009, vor allem Hst. 8.

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