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Fünfzehn populäre Irrtümer zum Islam „In der Anti-Islamhetze, die immer heftiger wird, werden enorme Mengen an Desinformation verbreitet. Angesichts des weltweiten Erstarkens rechtspopulistischer und faschistischer Strömungen schadet es vielleicht nicht, Ihnen einige Korrekturen für die dunklen Jahre mitzugeben.“

Das Paradies, nach K. al-Azama „O Herr, wem gehört diese Frau?” und Gott antwortet: „Rede sie an, mein Knecht, so wird sie dir antworten.” Der Freund Gottes spricht sie an und indem er dies tut, öffnet sie die Tür ihres Zeltes, tritt heraus zu dem Freund Gottes und sagt zu ihm: „Mein Schatz, wie konntest du mich vergessen? Weißt du nicht mehr wie ich mit dir Hunger, Durst und Nacktheit, Jammer und Missgeschick ausgehalten habe? […] Ich bin deine Frau, die dir in der irdischen Bleibe gehorcht hat.”

Mohammeds Katze Made in China?

Bekannt ist eine obskure, sehr späte aber rührende Geschichte, die gerne erzählt wird um Mohammeds Liebe für seine Katze Mu‘izza und für Katzen im Allgemeinen zu illustrieren.:

  • Eines Tages wollte der Prophet aufstehen zum Gebet, aber die Katze lag schlafend auf dem Ärmel seines Gewandes. Um das Tier nicht zu wecken schnitt er den Ärmel ab und erschien mit beschädigtem Gewand beim Gebet. Als er zurückkam aus der Moschee dankte Mu‘izza ihm, indem sie sich verneigte.

Für diese Anekdote fand ich nur zwei Quellen, die beide keine sind: Wikipedia und ein Buch der Katzenliebenden Orientalistin Annemarie Schimmel.1 Obwohl sie eine Gelehrte war, gibt sie auch keine wirkliche Quelle. Kurz gesagt, es ist unbekannt, woher die Geschichte stammt.

Die Erzahlung gibt es aber auch in ganz anderer Besetzung. Nach dem chinesischen Historiker Bān Gù (32–92) versuchte der Han-Kaiser Āi dì (reg. 7–1 v.Chr.) einmal aufzustehen, als sein Geliebter auf dem Ärmel seines Gewandes eingeschlafen war. Um ihn nicht zu wecken schnitt er seinen Ärmel ab und erschien mit beschädigtem Gewand in der Öffentlichkeit. Seine Hofdiener übernahmen darauf diese Tracht um die Liebesbeziehung zu feiern.

Patrick Huang in London hat mir den chinesischen Originaltext geschickt. Ich kann ihn selbst nicht lesen, aber ich drucke ihn hier ab für diejenigen, die es können.2 Huang merkt an, dass das Hàn Shū 漢書, die Schrift des Bān Gù 班固, in dem die Geschichte vorkommt, ein großes historisches Werk mit offiziellem Status ist, das sich ausschließlich mit China befasst. Obwohl es auch in Korea, Japan und Vietnam gelesen wurde, hatte es dem „Westen“ nichts zu bieten und wird wohl nicht in die islamische Welt gebracht worden sein. Die Geschichte dieser homosexuellen Liebe und des Ärmels ist Huang zufolge in der chinesischen Überlieferung mehrmals überliefert und sogar sprichwörtlich geworden.

Von der Flöte oder dem Rad kann man sich vorstellen, dass sie mehrmals an verschiedenen Orten in der Welt erfunden wurden. Auch gibt es Motive in der Mythologie und in Volksmärchen, die universell erscheinen. Aber eine solch spezifische Erzählung wird nur einmal erfunden und macht danach eine Reise durch die Kulturen. Die chinesische Erzählung ist mindestens acht Jahrhunderte älter als die islamische; wahrscheinlich noch viel mehr. Wie aus dem Kaiser ein Prophet und aus seinem Freund eine Katze wurde, bleibt unklar.

Noch komplizierter wird es durch den Hinweis von Patrick Huang auf ein undatierbares japanisches(!) Bild, das eine Frau zeigt, die die Kante ihres Kimonos abschneidet, um eine schlafende Katze nicht zu wecken.3 Das Bild erwähnt ein Gedicht von Ki no Tsurayuki 紀 貫 之, einem Japanischen Dichter des 9. Jahrhunderts, in dessen Werk das Motiv jedoch nicht vorkommt. Der Verweis scheint apokryphisch und das Bild frühneuzeitlich zu sein.

Wie das Motiv durch die Welt gereist ist bleibt schleierhaft.

ANMERKUNGEN
1. Wikipedia und Annemarie Schimmel, Die orientalische Katze. Geschichten, Gedichte, Sprüche, Lieder und Weisheiten, München [1989], S. 11. Weder die Wikipedia noch Frau Schimmel bietet einen brauchbaren Quellennachweis.
2. 賢傳漏在殿下,為人美麗自喜,哀帝望見,說其儀貌,識而問之,曰:「是舍人董賢邪?」因引上與語,拜為黃門郎,繇是始幸。問及其父為雲中侯,即日徵為霸陵令,遷光祿大夫。賢寵愛日甚,為駙馬都尉侍中,出則參乘,入御左右,旬月間賞賜絫鉅萬,貴震朝廷。常與上臥起。##嘗晝寢,偏藉上袖,上欲起,賢未覺,不欲動賢,乃斷袖而起##。其恩愛至此。Es ist der biografische Teil zu Dong Xian 董賢, der Freund des Kaisers Āi dì 哀帝. Der Satz ab ## handelt vom Abschneiden des Ärmels.
3. https://twitter.com/aymro/status/989647167844335618?lang=en

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Der Ameisenlöwe

In einem arabischen Text stieß ich auf das Wort layth, „Löwe“. Aber das passte nicht in den Kontext, es sollte eher ein Insekt sein, so etwas wie eine Spinne. Der syrische Name stand daneben: aryā dedēbābē, der „Fliegenlöwe“. Und in der Tat, das passte. Wir kennen ihn aber als Ameisenlöwe.
In der Antike gab es mehrere zusammengesetzte Tiere. Von den meisten hören wir nicht mehr, aber der Ameisenlöwe ist noch nicht ausgestorben. Im Gegenteil: 2010 war er noch das Insekt des Jahres. Er ist ein nachtaktiver Netzflügler: Myrmeleon formicarius aus der Familie der Ameisenlöwen (Myrmeleontidae).
Als geflügeltes Insekt ist er einer unter vielen. Außergewöhnlich ist jedoch die Larve dieses Tieres. Zur Beutefang gräbt die kleine Larve ein trichterförmiges Loch im lockeren Sand. Wenn eine Spinne oder Ameise hochläuft und auf der Schräge des Trichters landet, kann sie nicht mehr zurück. Die Larve wirft mit ihren Beinen noch mehr Sand auf, das Beutetier rutscht weiter nach unten und wird zwischen den starken Larvenkiefern zerquetscht.

Mich beschäftigte kurz die Frage, woher der Name „Ameisenlöwe“ stammt. Ein Löwe ist zwar auch ein Raubtier, hat aber ansonsten wenig mit diesem Tier gemeinsam, weder in der Größe noch im Verhalten.
Der Ameisenlöwe ist nicht selten und wurde wegen seiner Jagdtechnik von Menschen überall bemerkt. Die alten Griechen kannten ihn mit Sicherheit. Bei Aristoteles heißt er (vielleicht) λύκος, lykos, „Wolf,“ was ebenfalls schwer zu verstehen ist.

Der Name geht auf die Bibel zurück, genauer gesagt auf die griechische Übersetzung der Septuaginta von Hiob 4:11, ± 100 v. Chr. In Luthers Bibelübersetzung lautet der Vers:

  • „Der Löwe kommt um, wenn er keine Beute hat, und die Jungen der Löwin werden zerstreut.“

Der hebräische Text2 hat hier zwei Wörter, die beide „Löwe“ bedeuten: layish und lavī. Im Deutschen gibt es dafür nur ein Wort. Zweimal dasselbe Wort im selben Vers wäre unschön gewesen, aber zum Glück schafften die Jungtiere und die Umwandlung des zweiten Löwen in ein Weibchen etwas Variation. Die griechischen Bibelübersetzer fanden zweimal „Löwe“ offensichtlich auch nicht schön. Sie übersetzten deshalb das erste „Löwe“ als μυρμηκολέων (myrmēkoléōn), in der Tat wörtlich „Ameisenlöwe“, was auch immer das bedeuten mag.3 (Die lateinische Bibelübersetzung Vulgata ging in ihrer Verzweiflung noch weiter und übersetzte es als tigris, „Tiger”. Löwen und Tiger passen in Texten immer gut zusammen; deswegen.)

Was haben sich die Griechen bei ihrer Übersetzung gedacht, was für ein Tier haben sie sich vorgestellt und wie blieb der Name an dieser unliebsamen Larve hängen? Ich habe es (noch) nicht herausgefunden; Sie vielleicht? Ein Text, der vielleicht etwas weiter helfen könnte, ist Herodot (± 485–425 v. Chr), Historiae iii, 102. Dort handelt es sich um eine Wüste in Indien, in der Menschen Goldpartikel aus dem Sand gewinnen, der von sehr großen Ameisen aufgeworfen wird:

  • In dieser Wüste gibt es Ameisen, die etwas kleiner sind als Hunde, aber größer als Füchse. Ein paar wurden gefangen und leben im Tiergarten des persischen Königs. Diese Ameisen bauen ihre Höhlen unter der Erde und graben genau wie die griechischen Ameisen, denen sie sehr ähnlich sind.4

Hier gibt es immerhin riesige „Ameisen” (μύρμηκες, myrmikes), die allerdings bei weitem nicht die Größe eines Löwen erreichen. Manchmal hat man an das tibetische Murmeltier gedacht, aber es kann genau so gut ein Fantasietier sein—und letzteres trifft auch auf den biblischen Ameisenlöwen zu. Inder, die von großen Ameisen Gold wegnehmen, werden übrigens auch bei → Timotheus von Gaza (± 500) erwähnt).5

Soweit ich es überprüfen kann, kommt der griechische Name myrmēkoléōn in griechischen Texten, die älter als die Bibelübersetzung sind, nicht vor, und danach nur noch sporadisch in christlichen oder christlich beeinflussten Texten.
Das christliche Tierbuch Physiologus aus dem zweiten Jahrhundert erzählt von diesem Tier:

  • Elifas, der König von Theman, sagte: [Hiob 4:11]: „Der Ameisenlöwe ging zugrunde, weil er keine Speise fand.“ Der Physiologus sagte vom Ameisenlöwen, er sei vorne wie ein Löwe, hinten aber wie eine Ameise. Das Vatertier frisst Fleisch, die Mutter aber kaut Hülsenfrüchte. Wenn sie nun den Ameisenlöwe zeugen, zeugen sie ihn als ein Wesen von zweifacher Natur: Er kann kein Fleisch fressen wegen der Natur seiner Mutter und keine Hülsenfrüchte wegen der Natur seines Vaters; also geht er zugrunde, weil er keine Nahrung findet. (Übersetzung Schönberger)6

So wurde der Bibelvers „erklärt“. Wie es mit dem Überleben der Art weiter gehen soll, interessierte den Autor offenbar nicht. Möchten Sie die Predigt noch hören? Hier kommt sie:

  • So ist auch ein Mann mit zwei Seelen unbeständig auf all seinen Wegen (Jak. 1:7f). Man soll nicht auf zwei Wegen wandeln noch doppelzüngig reden beim Gebet. Wehe nämlich, heißt es, einem gespaltenen und sündigen Herzen, das auf zwei Wegen wandelt (Sirach 2:12). Es ist nicht schön, Ja Nein und Nein Ja zu sagen, sondern sprich Ja Ja und Nein Nein, wie es unser Herr Jesus Christus gesagt hat. (Mt 5:37, 2 Kor. 1:17f).
    Schön also hat der Physiologus vom Ameisenlöwen gesprochen.6

Findet er selbst! Es gibt Augenblicken, in denen ich es bedauere, dass das Christentum die westliche Welt erobert hat. Nun ja, davor hatte man viel mehr Götter, Opfer, Kaiserkult, Massaker in Arenen und viel weniger Nächstenliebe.

ANMERKUNGEN
1. Aristoteles, Historia Animalium 623a: Τῶν δ’ ἀραχνίων καὶ τῶν φαλαγγίων ἔστι πολλὰ γένη, τῶν μὲν δηκτικῶν φαλαγγίων δύο, τὸ μὲν ἕτερον ὅμοιον τοῖς καλουμένοις λύκοις μικρὸν καὶ ποικίλον καὶ ὀξὺ καὶ πηδητικόν· καλεῖται δὲ ψύλλα· τὸ δ’ ἕτερον μεῖζον, τὸ μὲν χρῶμα μέλαν, τὰ δὲ σκέλη τὰ πρόσθια μακρὰ ἔχον, καὶ τῇ κινήσει νωθρὸν καὶ βαδίζον ἠρέμα καὶ οὐ κρατερὸν καὶ οὐ πηδῶν. Τὰ δ’ ἄλλα πάντα, ὅσα παρατίθενται οἱ φαρμακοπῶλαι, τὰ μὲν (623a.) οὐδεμίαν τὰ δ’ ἀσθενῆ ποιεῖ τὴν δῆξιν. Ἄλλο δ’ ἐστὶ τῶν καλουμένων λύκων γένος.
2. Job 4:11: לַיִשׁ אֹבֵד מִבְּלִי-טָרֶף וּבְנֵי לָבִיא יִתְפָּרָדוּ.
3. Job 4:11, LXX: μυρμηκολέων ὤλετο παρὰ τὸ μὴ ἔχειν βοράν, σκύμνοι δὲ λεόντων ἔλιπον ἀλλήλους.
4. Hdt. Hist. iii, 102.2: ἐν δὴ ὦν τῇ ἐρημίῃ ταύτῃ καὶ τῇ ψάμμῳ γίνονται μύρμηκες μεγάθεα ἔχοντες κυνῶν μὲν ἐλάσσονα ἀλωπέκων δὲ μέζονα: εἰσὶ γὰρ αὐτῶν καὶ παρὰ βασιλέι τῷ Περσέων ἐνθεῦτεν θηρευθέντες. οὗτοι ὦν οἱ μύρμηκες ποιεύμενοι οἴκησιν ὑπὸ γῆν ἀναφορέουσι τὴν ψάμμον κατά περ οἱ ἐν τοῖσι Ἕλλησι μύρμηκες κατὰ τὸν αὐτὸν τρόπον, εἰσὶ δὲ καὶ αὐτοὶ τὸ εἶδος ὁμοιότατοι: ἡ δὲ ψάμμος ἡ ἀναφερομένη ἐστὶ χρυσῖτις.
5. Tim. Gaz., De animalibus (Περὶ ζῴων), xxxii, 2,3, Hrsg. Haupt 1869, 20; Übers. Rabinowitz und Bodenheimer 1949, 37.
6. Physiologus (Φυσιολόγος) , Griechisch/Deutsch, Hrsg und Übers. Otto Schönberger, Stuttgart 2001, Nr. 20, S. 37: Ἐλιφὰζ ὁ Θαιμανῶν βασιλεὺς ἔλεξε˙ «μυρμηκολέων ὤλετο παρὰ τὸ μὴ ἔχειν βοράν». ὁ Φυσιολόγος ἔλεξε περὶ τοῦ μυρμηκολέοντος ὃτι τὰ μὲν ἐμπρόσθια ἔχει λέοντος, τὰ δὲ ὀπίσθια μύρμηκος. ὁ μὲν πάτηρ σαρκοφάγος ἐστίν, ἡ δὲ μήτηρ ὄσπρια τρώγει. ὃταν δὲ γεννῶσι τὸν μυρμηκολέοντα, γεννῶσιν αὐτὸν δυο φύσεις ἔχοντα, καὶ οὐ δύναται φαγεῖν κρέα διὰ τὴν φύσιν τῆς μητρός οὐδε ὄσπρια διὰ τὴν φύσιν τοῦ πατρός˙ απόλλυται οὔν διὰ τὸ μὴ ἔχειν τροφήν.
Οὓτω καὶ πᾶς ἀνὴρ δίψυχος ἀκατάστατος ἐν πάσαις ταῖς ὁδοῖς αὐτοῦ. οὐ χρὴ βαδίζειν δύο τρίβους οὐδὲ δισσὰ λέγειν ἐν τῃ προσευχῇ· οὐαὶ γάρ, φησί, καρδίᾳ δισσῇ καὶ ἁμαρτωλῷ ἐπιβαίνοντα ἐπὶ δύο τρίβους. οὐ καλὸν εἰπεῖν τὸ ναὶ οὖ, καὶ τὸ οὖ ναί, ἀλλὰ τὸ ναὶ ναί, καὶ τὸ οὖ οὖ, καθὼς εἶπεν ὁ Κύριος ἡμῶν Ἰησοῦς Χριστός.
Καλῶς οὖν ἔλεξεν ὁ Φυσιολόγος περὶ τοῦ μυρμηκολέοντος

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Eine Ameise auf der Seidenstraße

Während ich an einem arabischen Text von Djibrīl ibn Nūḥ al-Anbārī (9. Jahrhundert) arbeitete, wurde ich in einem Fragment nicht nur in die griechisch-römische Antike hineingezogen, sondern auch in die chinesische! Das einschlägige Fragment war eine Beschreibung des Laufs der Fixsterne und Planeten: 

  • Denke mal an die Sterne und den Unterschied in ihren Umlaufbahnen. Einige verlassen ihren Platz am Firmament nicht und bewegen sich nur als Gruppe, andere bewegen sich durch den ganzen Tierkreis und haben ihre eigenen Kreisbahnen. So hat jeder Stern der letzteren Art zwei verschiedene Umlaufbahnen: eine allgemeine zusammen mit dem Himmelsgewölbe nach Westen und die andere eine Eigenbewegung nach Osten. Die Alten haben einen so losen Stern mit einer Ameise verglichen, die auf einem Mühlstein krabbelt. Der Mühlstein beschreibt einen Kreis nach rechts und die Ameise bewegt sich nach links, so dass die Ameise in dieser Situation zwei verschiedene Bewegungen ausführt: eine unabhängige, geradeaus und die andere unfreiwillig, zusammen mit dem Mühlstein, der sie nach hinten zwingt.1

Wer sind diese „Alten“? Ich fing an, in antiken griechischen Texten zu stöbern und fand etwas über den Himmel als Mühlstein oder Rad. Auch zur entgegengesetzten Bewegung der Planeten war einiges zu finden. Aber woher kam die Ameise? Für einen Nicht-Altphilologe ist es oft schwierig, den Weg in den altgriechischen Texten zu finden. Deshalb freute es mich, dass Dr. Stefan Hagel aus Wien mich auf einige griechische Texte aufmerksam machte, in denen die Ameise vorkommt und von denen ein Fragment von Kleomedes wohl das wichtigste ist. Über ihn ist wenig bekannt, aber er zitiert viel von Posidonius, der von ± 135–51 v. Chr. lebte und auch als Hersteller einer Planetenmaschine bekannt war. Der Mechanismus von Antikythera,2 ein astronomischer Rechenmaschine, die u.a. die Position von Sonne, Mond, Fixsternen und Planeten berechnen konnte, datiert ebenfalls aus dieser Zeit. In Kleomedes‘ Caelestia (Über die Kreisbewegungen von Himmelskörpern) steht Folgendes:

  • Der Himmel, der sich oberhalb der Luft und der Erde herumdreht und diese seine dem Wohl und der Erhaltung der ganzen Welt angepaßte Bewegung vollzieht, muß notwendigerweise bei dieser Bewegung auch alle Gestirne, die er einschließt, mitführen. Von diesen vollführen nun einige die einfachste Bewegung, indem sie lediglich von der Weltkugel mit herumgedreht werden und immer die gleiche Stellung am Himmel einnehmen. Andere Sterne aber werden zwar auch mit dem Himmelsgewölbe herumgeführt, weil sie an ihm haften, sie haben aber außerdem auch noch eine Eigenbewegung, kraft deren sie ihre Stellung am Himmel verändern. Diese ihre Eigenbewegung ist langsamer als die Bewegung des Himmelsgewölbes. Sie ist auch der Bewegung des Himmelsgewölbes entgegengesetzt, nämlich von Westen nach Osten gerichtet.
    Jene Sterne heißen Fixsterne, diese Wandelsterne, da sie an anderen und anderen Stellen des Himmels gesehen werden. Die Fixsterne können wir vergleichen mit den Reisenden auf einem Schiff, welche währen der Fahrt auf ihren Plätzen bleiben, die Wandelsterne aber können wir mit Menschen vergleichen, die auf dem Schiff während der Fahrt vom Vorderdeck zum Hinterdeck gehen, während diese Bewegung langsamer ist als die Bewegung des Schiffes. Wir könnten sie auch mit Ameisen vergleichen, die auf einer@ sich herumdrehenden Töpferscheibe sich in einem der Drehung des Rades entgegengesetzten Sinne bewegen.

Mühlstein oder Töpferscheibe? Sie kommen beide vor. In der antiken griechischen Philosophie wird der Kosmos manchmal mit einem sich drehenden Mühlstein (Anaximenes) und manchmal mit einem Rad, τροχός, verglichen, das auch eine Töpferscheibe sein kann (Anaximander). Dies wird auch bei Theodoretus von Cyrrhus (± 393–458) erwähnt.4

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In der Zwischenzeit hatte ich auch Google für meine Suche verwendet, und dort erschien ein ähnlicher Text, der sogar die Ameise enthält. Er wurde verfasst von Luo Xia Hóng (ca. 130–70 v. Chr.):

  • Sowohl Sonne als Mond bewegen sich nach rechts und zur gleicher Zeit müssen sie den Himmeln folgen, die nach links drehen. Obwohl sich sowohl die Sonne als auch der Mond in Wirklichkeit nach Osten bewegen, werden sie [durch die Drehung der Himmel] mitgeschleppt, so dass sie im Westen unterzugehen scheinen. Dies ist analog zu einer Ameise, die auf einem Mühlstein krabbelt. Während sich der Mühlstein nach links [im Uhrzeigersinn] dreht, versucht die Ameise, nach rechts [im Gegenuhrzeigersinn] zu bewegen. Aber die Drehung des Mühlsteins ist viel schneller als die Bewegung der Ameise. Wir sehen dann, dass die Ameise gezwungen wird, der Bewegung des Mühlsteins zu folgen und sich anscheinend nach links [im Uhrzeigersinn] bewegt. 5

Obwohl es im chinesischen Text nicht um Planeten geht, ist die Ähnlichkeit mit dem griechischen Text viel zu groß, um zufällig zu sein. Das Rad und die Flöte dürften an mehreren Orten in der alten Welt unabhängig von einander erfunden worden sein, aber bei einem so spezifischen Text ist das nicht denkbar: Der kann nur überliefert worden sein. Es muss also mehr als nur Handelskontakte zwischen der griechisch-römischen Welt und dem alten China gegeben haben. Auch dazu konnte Dr. Hagel etwas sagen, aber Patrick Huang aus London hat hier ebenfalls geholfen. Sie erwähnten den intellektuellen Austausch zwischen dem Hof ​​des chinesischen Kaisers Hàn Wǔdì (156–87 v. Chr.) und dem hellenistischen Griechisch-Baktrischem Reich zur Zeit des oben genannten Astronomen Luo Xia Hóng. Zur gleichen Zeit war der Handelsverkehr auf der Seidenstraße gut angelaufen, nach Erkundungsreisen und zwei Militärexpeditionen von chinesischer Seite, und es wurde nicht nur Seide transportiert. Zumindest nach Persien und Indien wurde auch chinesische Wissenschaft exportiert, das war schon früher bekannt.

Natürlich gab es nicht nur die drei hier zitierten Texte. Es muss alle möglichen Bearbeitungen und Zwischenversionen gegeben haben. Aber diese entgegengesetzten Bewegungen, eine erzwungene und eine „freiwillige“, sowie das kleine Detail über die Ameise, kommen immer wieder vor.

Wer war der erste mit dieser Ameise? Hat sich das Tierchen von West nach Ost oder umgekehrt bewegt? Das ist noch nicht klar.

ANMERKUNGEN
1. Djibril ibn Nūḥ, Al-Iʿtibār:

فكِّر في النجوم واختلاف سيرها. ففرقة منها لا تريم مراكزها من الفلك ولا تسير الاّ مجتمعة، وفرقة مطلقة تتنقل في البروج وتفترق في مسيرها. فكل واحد منها يسير مسيرين مختلفين: أحدهما عام مع الفلك نحو المغرب والآخر خاص لنفسه نحو المشرق. وقد شبه الأولون هذه المطلقة بنملة تدب على رحى. فالرحى تدور ذات اليمين والنملة تدور ذات اليسار، فان النملة على تلك الحال تتحرّك حركتين مختلفتين: احداهما بنفسها متوجّهة أمامها والأخرى مستكرهة مع الرحى تجذبها الى خلفها.

2. Ich danke Hans Rottier, der mich auf diesen Mechanismus hingewiesen hat.
3. Sowohl Dr. Hagel als die Kleomedes-Übersetzer Bowen en Todd verweisen noch auf andere griechischen Texte in denen die Ameise vorkommt.
Die deutsche Übersetzung ist von → Czwalina. Sein „tönernes Rad“ für κεραμεικός τροχός habe ich durch „Töpferscheibe“ ersetzt. Präziser ist die englische Übersetzung von → Bowen und Todd:
II, 1: As the heavens revolve in a circle above the air and the Earth, and effect this motion as providential for the preservation and continuing stability of the whole cosmos, they also necessarily carry round all the heavenly bodies that they encompass. Of these, then, some have as their motion the simplest kind, since they are revolved by the heavens, and always occupy the same places in the heavens. But others move both with the motion that necessarily accompanies the heavens (they are carried round by them because they are encompassed), and with still another motion based on choice through which they occupy different parts of the heavens at different times. This second motion of theirs is slower than the motion of the cosmos, and they also seem to go in the opposite direction to the heavens, since they move from west to east. 
12: The first [set of bodies] is called “fixed,” but the second “planets,” since these appear at different times in different parts of the heavens. The fixed bodies might be likened to passengers who are borne along by a ship, yet remain in their assigned places in relation to the overall space. The planets, by contrast, are like passengers who move in an opposite direction to the ship (toward the stern from positions at the prow) with a relatively slower motion. They could also be likened to ants creeping on the basis of choice on a potter’s wheel in a motion opposite to [that of ] the wheel. 
Das griechische Original: Cleomedes, Caelestia 28.18-30.15/ii, 1-20:: Ὁ τοίνυν οὐρανός, κύκλῳ εἰλούμενος ὑπὲρ τὸν ἀέρα καὶ τὴν γῆν καὶ ταύτην τὴν κίνησιν προνοητικὴν οὖσαν ἐπὶ σωτηρίᾳ καὶ διαμονῇ τῶν ὅλων ποιούμενος, ἀναγκαίως καὶ πάντα τὰ ἐμπεριεχόμενα αὐτῷ τῶν ἄστρων περιάγει. τούτων τοίνυν τὰ μὲν ἁπλουστάτην ἔχει τὴν κίνησιν, ὑπὸ τοῦ κόσμου στρεφόμενα καὶ διὰ παντὸς τοὺς αὐτοὺς τόπους τοῦ οὐρανοῦ κατέχοντα· τὰ δὲ κινεῖται μὲν καὶ τὴν σὺν τῷ κόσμῳ κίνησιν ἀναγκαίως, περιαγόμενά γε ὑπ᾿ αὐτοῦ διὰ τὴν ἐμπεριοχήν, κινεῖται δὲ καὶ ἑτέραν προαιρετικήν, καθ᾿ ἣν [καὶ] ἄλλοτε ἄλλα μέρη τοῦ οὐρανοῦ καταλαμβάνει. αὕτη δὲ ἡ κίνησις αὐτῶν σχολαιοτέρα ἐστὶ τῆς τοῦ κόσμου κινήσεως· δοκεῖ δὲ καὶ τὴν ἐναντίαν κινεῖσθαι τῷ οὐρανῷ, ὡς ἀπὸ τῆς δύσεως ἐπὶ τὴν ἀνατολὴν φερόμενα. τὰ μὲν οὖν πρῶτα αὐτῶν καλεῖται ἀπλανῆ, ταῦτα δὲ πλανώμενα, ἐπειδὴ ἄλλοτε ἐν ἄλλοις μέρεσι τοῦ κόσμου φαντάζεται. τὰ μὲν οὖν ἀπλανῆ ἀπεικάσειεν ἄν τις ἐπιβάταις ἐπὶ νεὼς φερομένοις, ἐν τόποις οἰκείοις κατὰ χώραν μένουσι, τὰ δὲ πλανώμενα τὴν ἐναντίαν τῇ νηῒ φερομένοις ἀνθρώποις ὡς ἐπὶ τὴν πρύμναν ἀπὸ τῶν κατὰ τὴν πρώραν τόπων, ταύτης τῆς κινήσεως σχολαιοτέρας γινομένης. εἰκασθείη δ᾿ ἂν καὶ μύρμηξιν ἐπὶ κεραμεικοῦ τροχοῦ τὴν ἐναντίαν τῷ τροχῷ προαιρετικῶς ἕρπουσιν.
4. Diels/Kranz, Fragmente i, 93: καὶ οἱ μὲν μυλοειδῶς, οἱ δὲ τροχοῦ δίκην περιδινεισθαι, sc. τὸν κόσμον. Theodoretus, Graec. aff. cur. iv, 16 (Scholten)@.
5. Ho Peng Yoke, Li, Qi and Shu, 127: ‘Both the sun and the moon move towards the right, and at the same time they have to follow the heavens, which rotate towards the left. Hence, although in reality both the sun and the moon are moving eastwards, they are being dragged along by (the rotation of the heavens) so that they appear to set in the west. This is analogous to an ant crawling on a mill-stone, such that while the millstone is rotating towards the left (clockwise), the ant is attempting to move to the right (anti-clockwise). But the rotation of the mill-stone is much faster than the motion of the ant. It can be seen that the ant is compelled to follow the motion of the mill-stone, and that apparently it is moving towards the left (clockwise).’
Meine obige Übersetzung ist aus diesem Englisch. Patrick Huang sandte mir den chinesischen Text, den ich selbst nicht lesen kann. Einer von Ihnen vielleicht?

又《周髀》家云:「天圓如張蓋,地方如棋局。#天旁轉如推磨而左行,日月右行,隨天左轉,故日月實東行,而天牽之以西沒。譬之於蟻行磨石之上,磨左旋而蟻右去,磨疾而蟻遲,故不得不隨磨以左迴焉#。天形南高而北下,日出高,故見;日入下,故不見。天之居如倚蓋,故極在人北,是其證也。極在天之中,而今在人北,所以知天之形如倚蓋也。日朝出陽中,暮入陰中,陰氣暗冥,故沒不見也。夏時陽氣多,陰氣少,陽氣光明,與日同輝,故日出即見,無蔽之者,故夏日長也。冬天陰氣多,陽氣少,陰氣暗冥,掩日之光,雖出猶隱不見,故冬日短也。」

BIBLIOGRAPHIE
– Hermann Diels en Walther Kranz (Hrsg., Übers.), Fragmente der Vorsokratiker, Griechisch und Deutsch, 3 Bde., Zürich/Hildesheim 1951–52 (Nachdruck 1989-90).
– Djibril ibn Nūḥ al-Anbārī, Kitāb al-iʿtibār fī al-malakūt: ich arbeite an einer Ausgabe aus den Handschriften.
– Kleomedes: Cleomedes, Caelestia (Μετέωρα), die Teubner-Ausgabe von 1990 steht mir momentan nicht zur Verfügung.
– Kleomedes, Die Kreisbewegung der Gestirne, Übers. Arthur Czwalina, Leizpig 1927.
Cleomedes‘ Lectures on Astronomy. A Translation of The heavens. With an Introduction and Commentary by Alan C. Bowen and Robert B. Todd, Berkely/Los Angeles/London (University of California Press) 2004.
– Ho Peng Yoke, Li, Qi and Shu. An Introduction to Science and Civilization in China, Mineola NY (Dover) 1985.

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Dickicht im Koran

In vier Koranversen komt das arabische Wort ’aika, „Dickicht“ vor:

  • Die Leute des Dickichts (الأَيْكَةِ) waren ebenfalls Frevler und wir rächten uns an ihnen. (Koran 15:78–9)
  • Die Leute des Dickichts (لْئَيْكَةِ) ziehen (seinerzeit) die Gesandten (Gottes) der Lüge. (K. 26:176)
  • … desgleichen die Thamūd, die Leute von Lot und die Leute des Dickichts (لْئَيْكَةِ). Das sind die Heidenvölker (?) (K. 38:13)
  • … die Leute des Dickichts (الأَيْكَةِ) und die Leute des Tubba‘. Alle haben die Gesandten der Lüge geziehen. Und so ist meine Drohung in Erfüllung gegangen. (K. 50:14; Übersetzungen nach R. Paret)

Bei näherer Betrachtung steht zweimal al-’aika und zweimal ein merkwürdig geschriebenes l-’aika, obwohl sich das Wort in allen Stellen auf dasselbe bezieht. Offensichtlich liegt eine Inkonsequenz in der Rechtschreibung vor, wie sie öfter im Koran vorkommt. In manche Koranversionen steht sogar laika ohne hamza (Apostrophe, Glottisschlag). → Puin weist daraufhin, dass mit Laika ein Eigenname, wohl ein Ortsname gemeint sein muss, was manchmal noch an der Kasusendung ersichtlich wird und wie es einige Korankommentare noch wussten oder annahmen. Was liegt dann näher als eine kleine Emendation, eine Textänderung? Deshalb schlägt Puin vor an allen Stellen laika zu lesen. Ihm zufolge ist die Hafenstadt Leukē Komē (Λευκή Kώμη) an der Nordwestküste Arabiens gemeint, die bereits seit der Antike bekannt war. Der römische Aelius Gallus traf dort 25 v.Chr. mit mehr als zweihundert Schiffen ein; von dort aus startete er seine (völlig erfolglose) Überlandexpedition in den Jemen.
Das rätselhafte „Leute des Dickichts” (’aṣḥāb al-’aika) im Koran kann dann durch „die Leute von Layka“ ersetzt werden. Dieser Ort muss sich wohl im Nordwesten Arabiens befinden, da dies der Kontext all dieser vier Koranverse ist.
Pikant ist, dass hier eine Textänderung im arabischen Korantext vorgenommen wird, was für viele islamische Buchverehrer ein großes Tabu ist, zumal da ein Nicht-Muslim sie durchführt. Aber wohlbetrachtet haben die alten islamischen Gelehrten ebenfalls in den Korantext eingegriffen, indem sie heimlich die Vokalzeichen änderten, einen Artikel hinzufügten und nach Möglichkeit auf die Einheitslesart al-’aika hinarbeiteten. Früher dachte man sich nichts dabei. 

Vielleicht wird jemand einwenden: „Aber warum ein Ortsnahme? Wir kennen die Leute des Dickichts doch? Über sie wird ja in Korankommentaren und Prophetenerzählungen berichtet.“ Das sagt aber gar nichts. Die „Erzähler“, die frühesten Koranausleger, „wussten“ immer alles. Zum Beispiel, dass dieser Name ein altes arabisches Volk unweit von Midian bezeichnete, das nicht auf seinen Propheten hören wollte und deshalb in einem göttlichen Strafgericht unterging. Nehmen wir an, die ursprüngliche Lesart war Laika, aber man hat den Ort nicht (mehr) gekannt und fand das Wort unverständlich. Ein Ausleger kam dann auf die Idee al-’aika zu lesen, ein Wort, das für ihn sinnvoll war, und seitdem existierten die „Leute des Dickichts“. Sie sind frei erfunden, wie so vieles in der Koranexegese. Als das Dickicht einmal da war, ging es nicht mehr weg und es entstanden natürlich fantastische Erzählungen über Menschen in oder bei einem Dickicht. Laut → Nawas gibt es deren mindestens vier.

Mit der Annahme, dass Layka ein Ortsname ist, könnte Puin durchaus Recht haben. Der Lage des nabatäischen Hafen- und Umschlagplatzes Leukē Komē ist jetzt bekannt: es ist Wādī ’Aynūna mit seinem Hafen Khurayba, eine nördliche Station auf der Karawanenstraße von Petra zum Hedschas. Dies war bereits im 19. Jahrhundert vorgeschlagen, aber auch wieder  zurückgenommen worden. Die richtige Lage wurde lange diskutiert (→ Puin → Nappo): Es wurden mehrere Orten weiter südlich vorgeschlagen, bis hin zu Yanbu‘, dem Hafen von Medina. Puin dachte sogar an einen Hafen, von dem er nur vermutete, dass er existiert hätte und durch ein Seebeben zerstört worden wäre. Ich bin kein Archäologe, nicht einmal ein Historiker, aber der neuere Artikel von → Juchniewicz überzeugt mich, weil er auch die Probleme der Schifffahrt auf dem Roten Meeres mit antiken Schiffen berücksichtigt. Das Rote Meer war aufgrund der meist nördlichen Winde, der vielen Felsen und Riffe entlang der Küste und der Knappheit an sicheren Häfen schwer zu befahren. Al-‘Aynūna hatte eine geräumige, gut geschützte Bucht, in der die mehr als zweihundert Schiffe von Aelius Gallus sicher ankern konnten, und wo Archäolologen ein komplettes emporium und eine Wasserleitung gefunden haben. Das südlichere al-Wajh hatte einen viel kleineren, weniger geschützten Hafen, in dem nur wenige römischen oder nabatäische Überreste gefunden wurden. Al-‘Aynūna war auch eine Station für Kamelkarawanen und offensichtlich ein Ort, an dem Waren, die für Petra und darüber hinaus bestimmt waren, auf Kamele umgeladen werden konnten. Von Süden nach Ayla (‘Aqaba) weiter zu segeln war nämlich wegen des fast immer vorherrschenden Gegenwindes schwierig. Noch im neunzehnten Jahrhundert brauchten Segelschiffe sechs Tage, um die 150 Km. durch den Golf von Aqaba zurückzulegen.(1)

Die Gleichsetzung von Laika mit Leukē Komē ist jedoch nicht sehr glaubwürdig. Die deutsche Aussprache von leukē ist nicht weit entfernt von laika. Aber im Griechischen aus der Zeit des Korans muss es sich wie lefkí angehört haben, mit Betonung auf der letzten Silbe . Natürlich kann man meinen, dass sich in diesem Ortsnamen die klassische griechische Aussprache von vor Jahrhunderten erhalten hat, aber das müsste erst einmal nachgewiesen werden. Und wo ist Komē geblieben? Und warum sollten Araber überhaupt einen griechischen Namen für diesen Ort verwendet haben? Nein, alles in allem sind die Beweise für Layka als diesen Hafen zu dünn. Ich bleibe also noch im Dickicht stecken.

ANMERKUNG
1. Aus dem gleichen Grund benutzten die Römer Südberenice als ägyptische Endstation für ihre Indienfahrer und nicht Clysma (± Qulzum, Suez). Die Reise auf Kamelen von Berenice nach Coptos am Nil dauerte zwölf Tage, war aber offenbar der Reise durch den nördlichen Teil des Roten Meeres vorzuziehen.

BIBLIOGRAPHIE
– Karol Juchniewicz, ‘The port of Aynuna in the pre-Islamic period: nautical and topographical considerations on the location of Leuke Kome,’ Polish Archaeology in the Mediterranean 26/2, 2017, Special Studies, 31–42. Illustriert, auch Kartenmaterial. Hier online.
– Dario Nappo, ‘On the Location of Leuke Kome, ’ Journal of Roman Archaeology (23) 2010, 335–348.
– John Nawas, ‘People of the Thicket,’ in Encyclopaedia of the QurʾānHier online, für Abonnenten.
– Gerd-R. Puin, ‘Leuke Kome / Layka, die Arser/Aṣḥāb al-Rass und andere vorislamische Namen im Koran: Ein Weg aus dem ‘Dickicht’?’ in Karl-Heinz Ohlig en Gerd-R. Puin (uitg.), Die dunklen Anfänge, Neue Forschungen zur Entstehung und frühen Geschichte des Islam, Berlijn 2005, 317–340.

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Islamische Verkündigung

Nicht nur die Geburt Jesu wurde seiner Mutter verkündet, auch die des Mohammeds. So will es wenigstens ein kurzer, schwer datierbarer Text (zwischen 650-750 AD):

  • Die Menschen erzählen—und nur Gott weiß, was wahr ist—dass Āmina, die Mutter des Propheten, erzählt hat, während ihrer Schwangerschaft sei [eine Stimme?] zu ihr gekommen, die gesprochen habe: „Du bist schwanger mit dem Herrn dieses Volkes. Wenn er geboren wird, sag dann: ‘Lass den Einzigen ihn behüten vor dem Übel eines jeden Neiders,‘ und nenne ihn Mohammed.“ Als sie schwanger mit ihm gewesen sei, habe sie gesehen, wie ein Licht von ihr ausgegangen sei, in dem sie die Festungen von Busrā in Syrien habe sehen können.1

War es ein Engel, der zu Āmina kam? Wir wissen es nicht. Im Arabischen stehen hier passive Verbalformen: „Es wurde zu ihr gekommen … ihr wurde gesagt.“ Wer oder was das tat, bleibt ungesagt. 
Das Licht, durch das Festungen sichtbar wurden, die sich mehr als tausend Kilometer von Mekka befanden, ist das wundersame, von Ewigkeit an existierende „Licht Mohammeds“ (nūr Muhammad). In Busrā fing das Römerreich an. Die Āmina zugeschriebene Aussage verweist auf die künftige Eroberung dieses Reiches. Die Beschwörungsformel, die sie aussprechen soll, erinnert an die Suren 113 und 114 im Koran. Die beiden Suren (al-mu‘awwidhātān) schützen vor dem Bösen.

Überdies fällt die Übereinstimmung mit der biblischen Verkündigung ins Auge. Im Lukasevangelium bekommt der Vater von Johannes dem Täufer Besuch des Engels Gabriel, der dem Kind eine große Zukunft weissagt und sagt, dass er Johannes heißen solle. Auch die Mutter Jesu bekommt kurz vor ihrer Schwangerschaft Besuch von ihm. Zu ihr sagt der Engel:

  • Sei gegrüßt, Begnadigte! Der Herr [ist] mit dir. […] Fürchte dich nicht, Maria! Denn du hast Gnade bei Gott gefunden. Und siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm seinen Namen Jesus nennen. Dieser wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden […].2

Die Verkündigungen an Āmina und an Maria haben einiges gemeinsam: 1. Besuch einer Stimme(?), bzw. eines Engels. 2. Verkündigung der Geburt eines großen Mannes. 3. Auftrag zur Namensgebung. 

Kurzum, die arabische Erzählung bedient sich nicht nur des Korans, sondern auch der biblischen oder einer sehr verwandten Erzählung. Sie tut das, weil sie in einer Umgebung entstanden ist, in der der neue Prophet Mohammed sich gegenüber den längst existierenden „Propheten“ der Juden und Christen durchsetzen musste. Sie versucht eine christliche Verkündigung durch eine islamische zu ersetzen.

ANMERKUNGEN
1. Ibn Isḥāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 102. Übers. G. Rotter: Ibn Isḥāq, Das Leben des Propheten, Kandern 1999, 30. ويزعمون – فيما يتحدث الناس والله أعلم – أن آمنة بنت وهب أم رسول الله ص كانت تحدث أنها أتيت، حين حملت برسول الله ص فقيل لها: أنك قد حملت بسيد هذه الأمة، فإذا وقع إلي الأرض فقولي: أعيذه بالواحد من شر كل حاسد ثم سمّيه محمدًا. ورأت حين حملت به أنه خرج منها نور رأت به قصور بُصْرى من أرض الشأم.
2. Bibel, Lukas 1:26–38.

Diakritische Zeichen: Buṣrā, nūr Muḥammad, al-muʿawwiḏātān

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Mohammed und die Juden

Dieses Thema ist zu groß und zu kompliziert, um es hier umfassend zu behandeln. An dieser Stelle werde ich nur erklären, weshalb es so schwierig ist.

Die drei wichtigsten alten arabischen Quellentexte, in den Juden vorkommen, passen nicht zu einander. Und auch die erhaltenen Fetzen alter Poesie, die fantastischen Erzählungen im Hadith sowie die Behandlung des Themas in späteren Geschichtswerken führen nicht weiter.
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1. Der Koran nennt die Juden bei Namen (yahūd) und erwähnt sie darüber hinaus, zusammen mit den Christen, auch als „die Leute der Schrift,“ (ahl al-kitāb). Die Juden werden bald zu den Gläubigen, bald zu den Ungläubigen gezählt. Ihre Sünden in der Vergangenheit werden mit religiösen Begriffen beschrieben, die zum Großteil mit denen im Neuen Testament parallel laufen: Die Juden haben Propheten getötet und wollten auch Jesus töten; sie haben sich nicht an die Regeln ihrer eigenen Thora gehalten und die Meisten betrachten sich als das auserwählte Volk — zu Unrecht! Viele dieser Sünden haben sie laut Koran übrigens mit den Christen gemeinsam.
In der Entstehungszeit des Korans kam noch der Vorwurf hinzu, dass die Juden die Schrift verfälscht (z. B. in Vers 4:46) und Teile davon den Gläubigen verheimlicht hätten (2:76), während sie andererseits die Echtheit des Korans nicht anerkannten. Ihr Monotheismus ist keineswegs lupenrein: Unter anderen betrachteten sie Esra (‘Uzair) als Sohn Gottes. Den wahren Gläubigen seien sie feindselig gesonnen. Wegen ihrer falschen Einstellung Schrift und Gesetz gegenüber wird Gläubigen geraten, sich mit Juden und Christen nicht anzufreunden (5:51).
Die Einwände gegen die Juden im Koran sind also vorwiegend religiöser Natur. Aber es werden auch Kriegshandlungen genannt, zu denen Juden angestiftet hätten (5:64). Die „Ungläubigen unter den Leuten der Schrift“ waren jedoch selbst untereinander uneins und haben deshalb den Kampf verloren. Gott hat sie aus ihren Festungstürmen heruntergeholt (33:26–27) und die Gläubigen haben ihre Häuser zerstört (59:2).
Was der Koran zu den Juden, bzw. zu den Leuten der Schrift zu sagen hat → Rubin schön zusammengefasst.
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2. Das Dokument von Medina1 (kitāb) war ein Bündnisvertrag zwischen Muhammad und den anderen Emigranten aus Mekka mit den Bewohnern Medinas, den „Helfern“, unter denen auch Juden waren. Einige Zitate aus → Wellhausens Übersetzung (1889):

  • Die Schutzgemeinschaft Gottes ist eine einzige und allgemeine; die Schutzgewähr verpflichtet alle. Die Gläubigen sind sich gegenseitig zu Schutz verpflichtet gegen die Menschen.
  • Die Juden, die uns folgen, bekommen Hilfe und Beistand; es geschieht ihnen kein Unrecht und ihre Feinde werden nicht unterstützt.
  • Die Juden der ‘Auf behalten zwar ihre Religion, bilden aber eine Gemeinde (umma) mit den Gläubigen.
  • Die Juden der Aus, ihre Beisassen und sie selber, haben die gleiche Stellung wie die Genossen dieser Schrift […].

Neben den ‘Auf und den Aus werden weitere Stämme erwähnt, jeder mit seinen eigenen Juden. Es scheint, dass diese in einer untergeordneten Position Teil des jeweiligen Stammes waren. Das Dokument muss sehr alt sein, es enthält etliche unverständliche Wörter und Termini. Wellhausens Übersetzung mag zu wünschen übrig lassen; zu befürchten ist aber, dass die anderen Übersetzungen auch nicht besser sind.
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3. Die Standarderzählung über Mohammeds Abrechnung mit den Juden aus Ibn Ishāqsira in der Bearbeitung von Ibn Hishām kennen Sie wahrscheinlich.2 Sie steht in jedem einführendes Buch zum Islam. Es gibt auch andere sira-Quellen, in denen sie vorkommt. Laut dieser Erzählung suchte Mohammed erst eine Annäherung an die jüdischen Stämmen in Medina, nämlich Quraiza, an-Nadīr und Qainuqā‘. Diese machten aber gemeinsame Sache mit seinen Feinden, verrieten ihn und wurden deshalb bestraft: Grund und Besitz wurden ihnen abgenommen, sie wurden vertrieben, zum Teil sogar ausgerottet, und in Arabien durften nie wieder Juden leben.
Diese Erzählung ist historiographisch jedoch fast nichts wert, denn sie ist vor allen Dingen eine ausführliche Exegese bestimmter Koransuren und will in einigen Punkten Präzedenzfälle für die Rechtsgelehrtheit bieten. Dies hat → Schöller in seinem Exegetisches Denken nachgewiesen. Das Buch erschien bereits 2008, wurde aber kaum wahrgenommen, womöglich weil es die – nicht nur von Muslimen – fast wie ein Dogma behandelte traditionelle Überlieferung widerlegt. Oder man fand es einfach zu schwierig: Das Buch ist nur für klassisch ausgebildete Arabisten genießbar.3
In der ganzen sira ist die Gesinnung oft ausgesprochen judenfeindlich. Merkwürdig ist aber, dass der Erzähler bei den Hinrichtungs- und Ausrottungsszenen manchmal den jüdischen Opfern gegenüber mitleidsvoll ist. Im alten Arabien war man nie so empfindsam bei der Ausrottung von Sippen, aber in diesem Fall durchaus. Warum ist noch unklar.
Die sira enthält auch ein großes Kapitel4 voller „Berichten“ von Streitgesprächen zwischen dem Propheten und einigen seiner Gefährten mit arglistigen jüdischen Rabbinern. Auch diese sind Koranauslegung, und zwar der Sura 2:1–100.
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Die drei in der Standarderzählung erwähnten selbständigen jüdischen Stämme kommen im „Dokument von Medina“ nicht vor; die dort genannten Juden wiederum nicht in der Standarderzählung. Der Koran nennt überhaupt keine Namen und redet weder von einem Bündnis noch von dessen Verletzung.
Wenn die Standarderzählung in der sira überwiegend Koranexegese ist, kann sie schwerlich als historische Quelle verwendet werden. Das »Dokument« wiederum muss von vor dem Bruch zwischen Muslimen und Juden datieren — aber wann ergab sich dieser Bruch? Als Muhammad noch lebte – oder erst hundert Jahre später? In einem gewissen Augenblick fingen die Muslime ja an, sich von den jüdischen Texten zu distanzieren, die sie anfangs schon bei ihrer Koranauslegung und in der sīra verwendet hatten, nämlich die Bibel und die jüdischen Prophetenlegenden. Diese sogenannten isrā’īlīyāt wurden ab dem 8. Jahrhundert von Muslimen immer unakzeptabeler gefunden. Es ist denkbar, dass die älteste Geschichte des Islams bei dieser „Entbibelung“ noch mal überholt worden ist und dass bei dieser Gelegenheit anti-jüdische Gefühle in die Vergangenheit zurückprojiziert wurden. Das macht es noch schwieriger zu erkennen, was zu Mohammeds Zeit wirklich geschah.
Es gab etliche moderne Autoren, die eine zusammenhängende Erzählung nachstreben, indem sie die drei heterogenen Hauptquellen mit einander in Einklang zu bringen versuchten. Meist sind sie von der Standarderzählung ausgegangen – deren fiktiver Charakter mittlerweile nachgewiesen ist – und haben ihre Interpretation der beiden anderen Quellen daran »angepasst«. Solche Harmonisierungsversuche können nicht befriedigen. Es ist ehrlicher zuzugeben, dass wir über die Geschehnisse wenig bis gar nichts wissen. Andere Autoren wissen oder spüren das; unter ihnen gibt es einige, die mit postmoderner Gleichgültigkeit erklären, dass es nicht wichtig ist, was damals wirklich geschah. Ihnen geht es ja um Analyse, Interpretation und Kontextualisierung der Erzählungen.

Was in Wirklichkeit geschehen oder vielmehr nicht geschehen ist, ist aber doch von Interesse. Dass zu Muhammads Umgang mit den Juden kein zuverlässige Auskunft existiert, hindert die Menschen nämlich nicht daran, das Thema zu instrumentalisieren. Moderne muslimische Judenhasser berufen sich auf die Standarderzählung, um die Juden noch mal so richtig hassen zu können. Moderne Muslimhasser berufen sich auf dieselbe Erzählung, um Mohammed als mordlustigen, von Hass erfüllten Antisemit zu schildern. Bis vor kurzem waren einige von ihnen vielleicht selbst noch Antisemiten; die islamische Standarderzählung, die sie für sich frisch entdeckt und glatt für wahr gehalten haben, macht es ihnen leichter auf Muslimhass umzusteigen, was einen Tick moderner erscheint. Und das, obwohl kein Mensch herausfinden kann, was damals wirklich geschah. Wenn man wenigstens das eingestehen würde, müsste man gleich viel weniger hassen und schimpfen.

6.9.2013 Auch veröffentlicht in zenith, Nov./Dez. 2013, S. 110–111.

ANMERKUNGEN
1. Auf Deutsch oft „die Gemeindeordnung von Medina“, auf Englisch „the constitution of Medina“ genannt. Ibn Isḥāq, arabische Text, 341–44; Deutsch in Wellhausen, 67–73, online hier; Englisch: Guillaume, 231–33, online hier; Watt 221-225, Lecker@. Humphreys bietet eine wertvolle Einführung zum „Dokument“; mit Bibliographie.
2. Ibn Isḥāq, arabische Text: 545–547, 652–661, 680–697; Deutsch: Rotter 160–162, 176–181, 204–207; Englisch: Guillaume 363–364, 437–445, 458–468 und viele andere Stellen.
3. Aber man könnte doch wenigstens sein „Zusammenfassung und Ergebnis“ zur Kenntnis nehmen, S. 463–468.
4. Ibn Isḥāq: Arabische Text: 361–400; Deutsch: Rotter116–123; Englisch: Guillaume 246–270.

BIBLIOGRAPHIE
– Ibn Isḥāq: Arabische Text: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, Hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, Deutsche Übersetzung: Ibn Isḥāq, Das Leben des Propheten, Übers. Gernot Rotter, Kandern 1999.; Englische Übersetzung: A. Guilaume, The Life of Muhammad, A Translation of Isḥāq’s (sic!) Sīrat Rasūl Allāh, Oxford 1955.
– Moshe Gil, „The Constitution of Medina. A Reconsideration,“ Israel Oriental Studies 4 (1974), 44–65.
– R. Stephen Humphreys, Islamic History. A Framework for InquiryRevised Edition, London/New York 1991. Die S. 92–98 enthalten eine wertvolle Einführung in das „Dokument von Medina,“ mit Bibliographie.
– Michael Lecker, The ‘Constitution of Medina’. Muḥammad’s First Legal Document, Princeton, New Jersey 2004.
– Paul Lawrence Rose, Muhammad, „The Jews and the Constitution of Medina: Retrieving the historical Kernel,“ Der Islam 86 (2011), 1–29.
– Uri Rubin, „Jews and Judaism,“ Encyclopaedia of the Qurʾān. Hrsg. Jane Dammen McAuliffe, Leiden 2001–2006 (iii, 21–34).
– Günter Schaller, Die „Gemeindeordnung von Medina“. Darstellung eines politischen Instruments. Ein Beitrag zur gegenwärtigen Fundamentalismus-Diskussion im Islam, Augsburg, Univ.-Diss. 1983.
– Marco Schöller, Exegetisches Denken und Prophetenbiographie: eine quellenkritische Analyse der Sīra-Überlieferung zu Muḥammads Konflikt mit den Juden, Wiesbaden 2008.
– W. Montgomery Watt, Muhammad at Medina, Oxford 1956, insbes. S. 221-228.
– Julius Wellhausen, „Mohammeds Gemeindeordnung von Medina“ in Skizzen und Vorarbeiten iv, Berlin 1889, 65-83. Online hier verfügbar.

Diakritische Zeichen: Ibn Isḥāq, Ibn Hišām, Quraiẓa, an-Naḍīr, Qainuqāʿ

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Der Westen: ein Rückblick

Der Westen, was war das noch mal? Jahrhundertelang beherrschte er die Welt, vor allem in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, und jetzt hört man kaum noch davon. Der Orient, der älter war, war ein äußerst vages Konzept, das außerhalb der Köpfe der Westmenschen kaum existierte. Er sollte ein malerisches, aber rückständiges Gebiet sein, zu dem in der Kaiserzeit sogar unser geliebtes Land gezählt wurde! Wer erinnert sich nicht an das Schild im Shanghaier Huangpu-Park: „Hunde und Chinesen nicht erlaubt“? Der Westen war einfacher zu definieren: Er bestand aus einer Reihe von Kleinstaaten in Westeuropa sowie „Gross“-Britannien und den ehemaligen britischen Kolonien, soweit sie überwiegend von Weißen bewohnt wurden: Kanada, die Vereinigten Staaten, Australien, Neuseeland und hier und da einige Inseln, die mit Postämtern und Banken übersät waren.
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Der Westen war also ein loser Zusammenschluss von Staaten, obwohl gegenseitige Kriege nie lange ausblieben. Die beabsichtigte Vereinigung Europas gelang nur teilweise. Die Bevölkerung war weiß, kaukasisch wie sie auch genannt wurde. Technologisch standen die Westler jahrhundertelang an der Spitze. Während wir noch Schießpulver verwendeten um Feste mit Feuerwerk zu feiern, schossen sie dort damit ganze Städte in Trümmer. Sie hatten die besten Waffen, Schiffe und Flugzeuge, was ihre Überlegenheit erklärte. Sie beuteten große Teile der Welt wirtschaftlich aus, was vor allem in der Anfangszeit oft mit territorialen Eroberungen einherging. Die Portugiesen und Spanier hatten damit angefangen, aber die Niederländer, Engländer, Franzosen und Belgier taten es rücksichtsloser. Alle diese Völker hatten eine tiefe Verachtung für die armen Schlucker in ihren Kolonien, die sie selbst in die Armut getrieben hatten, im Orient, im Süden, in der Dritten Welt oder wie sie es auch immer nannten. Die Vereinigten Staaten von Amerika hatten kaum Kolonien, aber ihnen gelang es, die Methoden der Ausbeutung zu perfektionieren, ohne ihre eigenen Untertanen ins Ausland zu schicken—was der Rest des Westens in einem späteren Stadium übernahm.
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Jeder wollte früher dem Westen angehören, aber das ging natürlich nicht: Es war nur Ländern mit einer überwiegend weißen Bevölkerung erlaubt. Was war daran so attraktiv? Lange Zeit war der Westen der modernste Teil der Welt; kein Wunder, bei all dem, was aus dem Nicht-Westen an Geld und Waren geraubt wurde. Das Geld floss frei und mit wenig staatlicher Einmischung. Der Markt war ebenfalls frei, was Einzelpersonen ermöglichte, große Reichtümer anzuhäufen, und versorgte in guten Zeiten fast alle Bürger mit einem nie da gewesenen Reichtum an Nahrungsmitteln und Gütern, während der Staat weiterhin für Verteidigung, Polizei Gefängnisse, Straßen, Eisenbahnen und Wasserwerke, Kranken- und Altenpflege, Bildung und Kultur sorgte.
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Alles in allem schien die freie Marktwirtschaft eine gute Idee zu sein, bis die Staaten begannen, die Kontrolle über diese Einrichtungen zu verlieren, so dass Eisenbahnen und Wasserwerke in Privatbesitz übergingen und manchmal sogar Gefängnisse, Armeen, Krankenhäuser, Schulen und Universitäten als Unternehmen betrieben wurden. Die Forderung des Marktes, dass alles profitabel sein sollte, führte zum Abriss dieser elementaren Einrichtungen, wie während der Corona-Krise schmerzlich deutlich wurde. Zu der Zeit war der Markt beispielsweise nicht in der Lage, genügend medizinische Geräte herzustellen. Den ehemals bekannten Industrieländern gelang es nicht, schnell von der Herstellung von Geländewagen auf die von Mundmasken, Testsätzen, Beatmungsgeräten oder Kontrollsoftware umzustellen. Wo junge Unternehmer versuchten, solche Dinge herzustellen, stießen sie oft auf eine Mauer bürokratischen und juristischen Widerstands: Sie hätten Patente verletzt! Länder, denen es während des zweiten großen Krieges im zwanzigsten Jahrhundert gelungen war, über Nacht Millionen von Waffen zu produzieren und Feldlazarette zu Dutzenden aus dem Boden zu stampfen, waren jetzt nicht in der Lage, einige medizinische Einrichtungen zu schaffen, so dass sie uns um Hilfe bitten mussten. Der Bau eines Krankenhauses dauerte in diesen Ländern manchmal bis zu einem Jahr! Hinzu kam das „Problem“ der ausländischen Arbeitskräfte, deren Einwanderung und Beteiligung am Arbeitsprozess systematisch erschwert wurde, selbst wenn es sich um Ärzte oder Pflegekräften handelte. Das langsame und unkluge Vorgehen gegen Corona und die daraus resultierende lange Stilllegung großer Teile der Produktion untergruben die westlichen Volkswirtschaften und führten dazu, dass sich der Schwerpunkt der Welt endgültig auf unsere Regionen verlagerte.
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Auch die Demokratie schien zunächst eine gute Idee zu sein. Nicht der Adel oder die Oberschicht würden herrschen, sondern das Volk selbst. Aber da die Mehrheit regierte und die Mehrheit der Menschheit ziemlich dumm ist, wurden schließlich nur die falschen Führer gewählt—was bereits im neunzehnten Jahrhundert vorausgesehen und bereits nach einem verhängnisvollen deutschen Wahlergebnis in den dreißiger Jahren bewiesen worden war—, aus dem jedoch keine Lehren gezogen wurden.
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Die Pressefreiheit war ein weiterer historischer Fehler. Diese Freiheit mag in den Provinzmedien existiert haben, aber die großen Zeitungen und Fernsehsender fielen in die Hände böser Milliardäre, die es genossen, Gesellschaften zu zerrütten. Darüber hinaus gab es zahlreiche Hacks aus verfeindeten Ländern, denen es leicht gelang, Zugang zu den digitalen Medien zu erhalten.
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Die Corona-Krise läutete das Ende des Westens ein, der sich jedoch seit einiger Zeit bereits in einem Zustand der Auflösung befand. Die letzte Konsequenz des demokratischen Systems wurde sichtbar, als tatsächlich die dümmsten und unmoralischsten Führer gewählt wurden, mit Hilfe böser Kräfte aus einem fremden Land, die Einfluss auf den Wahlprozess selbst nahmen. In den Vereinigten Staaten wurde der denkbar schlimmste Idiot zum Präsidenten gewählt, der bald die Stellung Amerikas als Weltmacht untergrub und sowohl im eigenen Land als auch im übrigen Westen Risse verursachte. Großbritannien zog mit einem weniger dummen, aber ebenfalls völlig unmoralischen Premierminister nach, der das Land von Europa trennte. Auf dem europäischen Festland gab es Kleinstaaten, die die Coronakrise nutzten, um das „Joch“ der Möchtegern-Hauptstadt Brüssel und der Demokratie abzuschütteln: Ungarn und Polen.
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Im Sommer 2020 bekam der amerikanische Präsident die Corona, aber er überwand sie, was sein Volk in einen Zustand religiösen Jubels versetzte. Dies war ein Zeichen von Gott, falls es je eines gab! Er erklärte, er fühle sich stärker als jeder amerikanische Präsident vor ihm, wurde bei den chaotischen, corona-geprägten Wahlen mehr oder weniger wiedergewählt und führte die erbliche Präsidentschaft ein. Stellen Sie sich vor, ähnlich wie wenn wir das Kaisertum wieder einführen würden! Die US-Regierung versuchte zu regieren, indem sie ihn so gut wie möglich ignorierte, konnte jedoch bürgerkriegsähnliche Unruhen nicht verhindern.
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In den späten zwanziger Jahren war es vorbei mit dem Westen und seine Gebiete gerieten in relative Armut. Das Konzept „Westen“ verschwand nicht völlig, sondern wurde allmählich in die Geschichtsbücher verbannt.
Das bedeutete nicht, dass die sogenannten „westlichen Werte“ auch sofort verschwunden waren. Als wir einen Corona-Impfstoff an umerzogenen Uiguren testeten, waren die Proteste in Europa wie immer heftig. Aber diese Uiguren waren natürlich Freiwillige, das versteht sich doch von selbst! Zur gleichen Zeit wurden bei uns 30 Millionen Dosen Impfstoff bestellt. Das war alles, denn für mehr gab es kein Geld, aber diejenigen, die die Bestellungen aufgaben, sprachen nie von Menschenrechten.
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Das wahre Wesen der westlichen Zivilisation zeigte sich auch während der Corona-Krise, als sich herausstellte, dass alle westlichen Völker ihre Hintern nach dem Toilettengang abwischten mit … Papier. Darüber können wir jetzt herzlich lachen, aber es war auch ein schockierender Mangel an Hygiene! Während der Krise wurde dieses spezielle Papier von den Westlern überall massiv gehortet. Sie schienen zu spüren, dass sie ohne dieses Papier ihre „Identität“ verlieren würden—und in der Tat, so ist es gekommen. Kaum jemand definiert sich mehr als Westmensch.

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Der Drache und die Wolken: ein Gottesbeweis

Ein weiteres Fragment aus dem arabischen, überwiegend christlichen Werk Kitāb al-iʿtibār fī al-malakūt von Djibrīl ibn Nūḥ, eine Sammlung von ungefähr hundert teleologischen Gottesbeweisen (arguments from design), wahrscheinlich aus dem neunten Jahrhundert. Hier hatte ich schon mal etwas zu diesem Text erzählt und ein Fragment zum Rüssel des Elefanten präsentiert. Aus demselben Text hatte ich bereits Einträge zur Dummheit von Babys, den Penis des Mannes, die menschliche Stimme, den schreienden Hirsch und die Giraffe veröffentlicht. Bei der Drache ist nicht das Tier selbst Gottesbeweis, sondern der wundersame Schutz, den Gott den Menschen vor ihm bietet:

  • Hast du gehört, was über den Drachen (tinnīn) und die Wolken gesagt wird? Man sagt, dass die Wolken sozusagen angewiesen werden, ihn an sich zu reißen, sobald sie ihn finden, genau wie ein magnetischer Stein (ḥajar al-maghnāṭīs) Eisen an sich reißt. Deshalb streckt ein Drache aus Angst vor den Wolken seinen Kopf nicht aus den Tiefen der Erde heraus und kommt nur gelegentlich heraus, wenn der Himmel klar und wolkenlos ist.
    Warum wurden die Wolken angewiesen, dem Drachen aufzulauern und ihn an sich zu reißen, wenn sie ihn finden, wenn nicht um die Menschheit vor den Schäden zu schützen, die er anrichtet?
    Wenn du nun fragst, warum der Drache überhaupt erschaffen wurde, lautet unsere Antwort: „Um [den Menschen] Angst einzuflößen und sie einzuschüchtern und als vorbildliche Bestrafung zur rechten Zeit. Er ist mit einer Peitsche zu vergleichen, die in einem Haus hängt um die Bewohner zu erschrecken und die gelegentlich von der Wand genommen wird zur Bestrafung und zur Ermahnung.“1

Der tinnīn ist ein großes Tier aus dem Nahen Osten, das bereits in ugaritischen Texten vorkommt. In der hebräischen Bibel ist תַּנִּין, תַּנִּינִים, tannīn, pl. tannīnīm, ein bösartige und bedrohliche Bestie, groß und meistens im Wasser zu anzutreffen, zum Beispiel ein vielköpfiges Seemonster, manchmal Leviathan genannt (z. B. Jesaja 27: 1), aber es kann auch eine Schlange oder ein Krokodil sein.2
In der griechischen Bibelübersetzung der Septuaginta wird das Wort manchmal mit κήτος, kètos übersetzt, aber meist mit δράκων, drakōn, „Drache“.
Auf Syrisch heißt er ܬܢܝܢܐ tannīnā, pl. tannīnē, was „Drache“ bedeutet, aber auch „Draco“, d. h. die Konstellation dieses Namens. Auch in der syrischen Bibel kommt tannīnā vor, aber ich habe nicht alle Stellen überprüft.

Bei Aristoteles (HA viii) fand ich δράκων, drakōn, nur als Name für eine bestimmte Art von Schlangen, nicht für etwas Größeres. Älian, der römische Tierautor des zweiten Jahrhunderts, kannte große Drachen. In Äthiopien werden ihm zufolge die Bestien bis zu 180 Fuß lang, in Phrygien bis zu 60 Fuß. Sie schnappen ganze Vögel aus der Luft und liegen auf der Lauer um die Schafe abzufangen, die am Abend von der Weide zurückkehren. Unter ihnen richten sie ein Gemetzel an; manchmal nehmen sie auch den Schäfer mit. Eine lustige Lektüre, aber nicht relevant für unseren Text. (Ael. NA ii, 11)

Laut al-Djāḥiẓ, dem arabischen Tierschriftsteller des neunten Jahrhunderts, ist der tinnīn das größte Tier, das es überhaupt gibt.3 Es wurde in Syrien und Bahrein gesichtet. Er erzählt, dass in Anṭākiya (Antiochien) ein Drache aus dem Meer gekommen war, der eine verheerende Spur durch die Region gezogen und das obere Drittel eines Minaretts durch einen Schlag mit seinem Schwanz zerstört hatte.4
Des Weiteren berichtet er von einer ziemlich heftigen Meinungsverschiedenheit über die Frage, ob der tinnīn wirklich existiert: Einige leugneten seine Existenz, andere versicherten, sie hätten tatsächlich einen gesehen.5

Der Kosmograph und Enzyklopädist al-Qazwīnī lebte im 13. Jahrhundert. Seit al-Djāḥiẓ hatte sich das Wissen über den Drachen stark vermehrt. Er schreibt:

  • [Der tinnīn] ist ein Thier von gewaltig grosser Körperform, furchtbarem Anblick, sehr langer und breiter Statur, grossem Kopf, funkelnden Augen, weitem Maule und Bauche, mit zahlreichen Zähnen, das eine unberechenbare Anzahl von Geschöpfen verschlingt und das die Wasserthiere wegen seiner gewaltigen Kraft fürchten …, usw. (Übers. Ethé)6

Auch die Schäden in Anṭākiya waren im Laufe der Jahrhunderte viel größer geworden. Laut al-Qazwīnī hätte das Monster nicht ein Drittel eines Minaretts, sondern zehn Türme der Stadtmauer zerstört! Dieser Autor hat noch mehr Wundersames über den Drachen zu berichten. Es gibt eine lange Geschichte darüber, wie er anfangs ein Landtier war, aber die anderen Landtiere beschwerten sich bei dem Herrn, weil er so viele von ihnen fraß. Dann sandte Gott einen Engel, der ihn aufhob und ins Meer warf. Nach einer Weile hatten die Meerestiere den gleichen Grund, sich zu beschweren „und nun entsendet Gott abermals einen Engel zu ihm, um seinen Kopf aus dem Meere herauszuholen. Da senkt sich eine Wolkenmasse zu ihm herab, trägt ihn mit sich fort und schleudert ihn zu Gog und Magog.“ (Übers. Ethé)7
Auch hier sind es Wolken, mit denen das Monster gezähmt wird. Und es gibt noch ein anderes Fragment mit Wolken:

  • Man sagt ferner: das über ihn zur Aufsicht gestellte Gewölk entrückt ihn, wo immer es ihn erblickt, gerade so wie der Magnetstein das Eisen an sich zieht und entrückt. Er hebt daher seinen Kopf nicht aus dem Wasser empor, aus Furcht vor dem Gewölk, kommt auch nur mitten im Sommer heraus, wenn die Welt heiter und wolkenlos ist. (Übers. Ethé)8

Dies entspricht weitgehend einigen Sätzen aus dem Text von Gibril ganz oben—auf Arabisch noch mehr als in den Übersetzungen. Philologen sind immer froh, so eine Übereinstimmung zu entdecken, denn sie gibt Aufschluss darüber, wie ein Text übertragen wurde und wie die Ideen reisten. Es ist denkbar, dass al-Qazwīnī von Gibrils Text abgeschrieben hat, aber notwendig ist das nicht: Es kann eine Zwischenstufe gegeben haben, oder beide Autoren hatten eine gemeinsame Quelle.

Natürlich zweifelten Seefahrer nicht an der Existenz des tinnīn; sie hatten ja manchmal beängstigende Erfahrungen mit ihm. In einem Text aus dem 9. oder 10. Jahrhundert heißt es:

  • Im Meer soll es riesige, furchterregende Schlangen geben, die tinnīn genannt werden. Wenn mitten im Winter die Wolken über die Meeresoberfläche streichen, erhebt sich der tinnīn aus dem Wasser, weil er unter der Hitze des Meeres leidet, denn im Winter ist das Meerwasser so warm wie ein Kochtopf. Der tinnīn ist in der Kälte der Wolken gefangen, und wenn der Wind sich über die Meeresoberfläche erhebt, steigen die Wolken auf und nehmen ihn mit. Die sich auftürmenden Wolken bewegen sich von einer Seite des Horizonts zur anderen, und wenn sie ihren Regen verloren haben, werden sie zu leichten Staubwolken, die in der Luft schweben und vom Wind zerstreut werden. Der tinnīn hat nichts mehr, was ihm Halt gibt und fällt ins Meer oder aufs Land. Wenn Gott Böses mit einem Volk vorhat, lässt er einen auf ihrem Land los, wo er die Kamele, Pferde, Rinder und Schafe verschlingt und zerstört. Der tinnīn bleibt dort, bis er nichts mehr zu essen findet und stirbt, oder bis Gott die Menschen von ihm befreit.
    Seeleute und Reisende, Kaufleute und Kapitäne haben mir erzählt, dass sie ihn mehrmals über ihren Köpfen vorbeiziehen sahen: schwarz und länglich in den Wolken. Wenn sich die Wolken senken, steigt er bis zur untersten Schicht hinab und lässt manchmal das Ende seines Schwanzes in der Luft hängen. Aber wenn er die Kälte der Luft spürt, bewegt er sich weg, steigt in die Wolke auf und wird unsichtbar. Gepriesen sei Gott, der beste aller Schöpfer!“9

Trombe

ANMERKUNGEN
1.

هل سمعت ما يتحدث به عن التنّين والسحاب؟ فانّه يقال انّ السحاب كالموكل به يختطفه حيث ما ثڤفه كما يختطف حجر المغناطيس الحديد، حتّى صار لا يطلع رأسه من بطن الأرض خوفًا من السحاب، ولا يخرج في الفرط الاّ مرة اذا أصحت السماء فلم تكن فيها نكتة من غيم. فلِم وكِّل السحاب بالتنّين يرصده ويختطفه اذا وجده الاّ ليرفع عن الناس مضرته؟ فان قلت: ولم خُلق التنّين أصلاً؟ قلنا: للتخويف والترهيب والنكال في موضع ذلك. فهو كالسوط المعلَّق يخوّف به أهل البيت وينزل أحيانًا للتأديب والموعظة.

2. Michaela Bauks, Art. ‘Tannin von 2019 in Das Wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex).
3. Al-Djāḥiẓ, Ḥayawān vii: 105.
4. Al-Djāḥiẓ, Ḥayawān iv: 154.

ومِمَّا عظَّمها وزادَ في فَزَع النَّاس منها الذي يرويه أهل الشام وأهْل اْلبَحْرَيْن وأهل أنطاكِيََة وذلك أنِّي رأيتُ الثلث الأعلى من منارة مسجد أنطاكِية أظهرَ جدًَّة من الثلثين الأسفلين فقلت لهم: ما بال هذا الثلثِ الأعلى أجدَّ وأطْرى؟ قالوا: لأنّ تِنِّينًا تَرَفّعَ مِنْ بَحْرنا هذا، فكان لا يمرُّ بشيءٍ إلاّ أهلكه. فمرَّ على المدينة في الهواء محاذيًا لرأس هذه المنارة وكان أعلى ممَّا هي عليه فضربه بذنبهِ ضَرْبًَة حَذفت من الجميع أكثرَ من هذا المقدار فأعادوه بعد ذلك ولذلك اختلفَ في المنْظر.

5. Al-Djāḥiẓ, Ḥayawān iv: 155:

الخلاف في التنين ولم يزل أهل البقاع يتدافعون أمْرَ التِّنِّين ومن العجب أنّكَ تكون في مجلس وفيه عِشروُن رَجُلا فيجري ذكرُ التِّنِّين فينكرهُ بعضهم وأصحاب التثبت يدَّعون العِيان والموضع قريب ومَنْ يعاينهُ كثير وهذا اختلافٌ شديد.

6. Al-Qazwīnī, ‘Adjā’ib 132:

تنين حيوان عظيم الخلقة هائل المنظر طويل الجثة عريضها كبير الرأس براق العينين واسع الفم والجوف كثير الأسنان يبلع من الحيوانات عددا لا يحصى تخافه حيوانات الماء لشدة قوّته … الخ.

7. Al-Qazwīnī, ‘Adjā’ib 132. Gog und Magog wohnten irgendwo im Kaukasus.

فيبعث الله اليها ملَكا ليخرج رأسها من البحر فيتدلى لها سحاب لها سحاب فيحتملها ويلقيها الى ياجوج وماجوج.

8. Al-Qazwīnī, ‘Adjā’ib 133., Übers. Éthé 272.

ويقال انّ السحاب الموكل به يختطفه حيث ما رآه كما يختطف حجر المغناطيس الحديد، فهو لا يطلع رأسه من الماء خوفًا من السحاب، ولا يخرج في القيظ اذا أصحت السماء..

9. Ar-Rāmhurmuzī, ‘Adjā’ib al-Hind, 41-42:

وحدثت أن في البحر حيات يقال له التنين عظيمة هايلة إذا مرت السحاب في كبد الشتاء على وجه الماء خرج هذا التنين من الماء ودخل فيه لِما يجد في البحر من حرارة الماء لان ماء البحر في الشتاء يسخن كالمرجل فيُسجَن هذا التنين ببرودة السحاب فيها وتهبّ الرياح على وجه الماء فترفع السحاب عن الماء ويستقلّ التنين في السحاب وتتراكم وتسير من أفق الى أفق فإذا استفرغت مما فيها من الماء خفّت وصارت كالهباء وتفرّقت وقطعتها الرياح فلا يجد التنين ما يتحامل عليه فيسقط إما في بحر وإما في البر فاذا أراد الله تعالى بقوم شرا أسقطه في أرضها فيبتلع جمالهم وخيلهم وأبقارهم ومواشيهم ويهلكهم ويبقى حتى لا يجد شيئا يأكله فيموت أو يهلكه الله سبحانه عنهم.

BIBLIOGRAPHiE
– Al-Djāḥiẓ, Kitāb al-Ḥayawān, Hrsg und Kommt. ‘Abd al-Salām Muḥammad Hārūn, 7 Bde., Kairo 1938–47.
– Al-Qazwīnī, ‘Adjā’ib: Zakarija Ben Muhammed Ben Mahmud el-Cazwini’s Kosmographie, Herg. Ferdinand Wüstenfeld. Die Wunder der Schöpfung – aus den Handschriften der Bibliotheken zu Berlin, Gotha, Dresden und Hamburg, Göttingen, 1849. Übers. Hermann Ethé, Leipzig 1868.
– Bozorg ibn Shahriyār ar-Rāmhurmuzī, ‘Adjā’ib al-Hind, Hrsg. P. A. van der Lith, Leiden 1883–86 (mit französischer Übersetzung).

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Die vermeintliche Krankheit Mohammeds– 3: Akromegalie

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Die vermeintliche Krankheit Mohammeds – 2: Hysterie

Herman Somers (1921-2004)
Die biografischen Informationen, die ich zu diesem Autor gefunden habe, sind nicht sehr solide, weshalb ich sie mit Vorbehalt präsentiere. Somers war kein Arzt, sondern ein promovierter Psychologe, der im belgischen Löwen arbeitete, allerdings nicht an der Universität. Er war zunächst Jesuit, wurde aber später Skeptiker und veröffentlichte viel über psychopathologische Elemente in den Äußerungen verschiedener Propheten und Religionsstifter. Aus seinen niederländisch abgefassten Schriften geht hervor, dass sein Hauptziel darin bestand, Religionen zu entlarven.
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Obwohl nicht mal Arzt hat Somers sich in seinem Buch Een andere Mohammed (Ein anderer Muhammed) erdreistet, einen Patienten zu diagnostizieren, den er nicht gesehen hatte und der schon lange tot war: Mohammed. Auch er konnte sein Bild vom Propheten nur auf der Grundlage von Texten aufbauen, von denen er viel weniger zur Verfügung hatte als Sprenger, da er kein Arabisch konnte und auf Übersetzungen angewiesen war. Es muss jedoch gesagt werden, dass er sich sehr bemüht hat, Übersetzungen zu finden.
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Nicht sein ganzes Buch handelt von Mohammeds Krankheit. Der Autor trifft seine eigene Wahl aus den Übersetzungen der Quellen und macht sich daran, dessen Biographie zusammenzufassen— mit viel Aufmerksamkeit für die Psychologie. Mohammeds Vater starb vor seiner Geburt, seine Mutter, als er noch ein Säugling war; welche psychischen Folgen hatte das? Der Autor denkt nach über die Bindung an die Amme und an den Großvater, der die Rolle des Vaters erfüllte, aber auch über Abraham, der später den abwesenden Vater ersetzte. Mohammeds viel ältere Frau Khadidja erfüllte die Rolle einer Mutter. Ich lege wenig Wert auf diese Art von psychologischer Spekulation, zumal sie auf der Annahme beruht, dass die biografischen Texte Wort für Wort wiedergeben, wie alles wirklich gewesen ist.
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Und das alles gegen besseres Wissen. Somers folgt ja dem Grundsatz, der sich wie folgt zusammenfassen lässt: „Wir wissen fast nichts, aber wir wissen trotzdem sehr viel“. Dies ist eine Strategie moderner gebildeter Menschen mit horror vacui: Zuerst sagen, dass die Quellen unzuverlässig sind und dass wir fast nichts wissen, und dann eine detaillierte Biographie schreiben. Rodinson (Mohammed, 1961) war sich der Natur der Quellen bereits bewusst und schrieb trotzdem eine dicke Biographie, als ob das noch möglich wäre! Bei F. E. Peters (Muhammad and the origins of Islam, 1994) ist es nicht anders, ganz zu schweigen von Tilman Nagel (Mohammed, Leben und Legende, 2008). Somers macht etwas Ähnliches: „Wenn wir sehr streng sein wollen, können wir sagen, dass wir alles, was wir […] wissen, auf eine kleine Postkarte schreiben können.“ (S. 12) Doch wenn er Hadithe liest, hat er „den starken Eindruck, dass sie weitgehend authentisch sind,“ nämlich weil sie so detailliert sind—eine alte Falle. Die Texte, in denen er meint, Mohammeds Krankheitsbild zu erkennen, müssen wohl echt sein, denn sie bestätigen, was die (seriöse, medizinische) Wissenschaft lehrt (S. 18-19).
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Und was ist jetzt mit der Krankheit? Nun, „der andere Mohammed“ ist nicht anders, das fällt sofort ins Auge. Seit Jahrhunderten wird Mohammed als geistig gestörter Betrüger und Lustmolch dargestellt. Für eine Weile schien es, als wäre das vorbei, aber bei Somers sind die Hauptlinien wieder wie gehabt: Muhammad war geisteskrank. Infolgedessen war er impotent und (daher) von Sex besessen. Seine Verlogenheit, Grausamkeit und Rachsucht lassen sich ebenfalls durch seine Krankheit erklären.
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Aber an Epilepsie oder Hysterie als Ursache dieser Geisteskrankheit konnte Somers nicht glauben. Ihm zufolge litt Mohammed an Akromegalie, einer Krankheit, die von einem Hypophysentumor herrührt. „Wenn der einen Überdruck im Gehirn verursacht, sehen und hören die Menschen Dinge, die nicht da sind.“ Ich fasse einige weitere Symptome und Phänomene zusammen, nach Somers S. 70-79: große Ohren, Nase, Kinn, Hände und Füße; zarte Handflächen und dicke Finger; eine tiefe Stimme; durch fusionierte Wirbel verursachte Rückenschmerzen; starke Transpiration; dichtes Haar; eine gelbliche Hautfarbe; Unersättlichkeit; eine Hühnerbrust; Impotenz; Neigung zu Halluzinationen und Halluzinosen; starke Kopfschmerzen und Bewusstseinsstörungen nach einem Schlaganfall. Die Erkrankung tritt hauptsächlich nach dem 40. Lebensjahr auf; die meisten Patienten sterben im Alter von etwa 60 Jahren.
Dies und mehr behauptet Somers in den Quellen über den Propheten bestätigt gefunden zu haben.
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Um in Muhammad die Krankheit seiner Wahl zu entdecken musste Somers an den Quellentexten herumpfuschen. Akromegalie-Patienten haben ein großes Kinn und eine grobe Haut. Somers hat diese Symptome nirgendwo gefunden: Die Texte schweigen über das Kinn und bezeichnen Mohammeds Haut als schön. Aber keine Sorge: Die Symptome waren natürlich unter starken Bartwuchs verborgen (S. 75–6)! Die Haut von Akromegalen soll gelblich sein. Einer Überlieferung zufolge war Mohammed aber „weder hell noch dunkel im Teint, sondern eher etwas rötlich“. Aber gelblich oder rötlich, für Somers ist es einerlei. So druckte er die Texte in Modell. Zudem war er nicht in der Lage oder willens, alle verfügbaren Texte zu lesen, denn es gibt auch andere Beschreibungen von Mohammeds Hautfarbe und von seinen anderen körperlichen Merkmalen. Um nur eine zu nennen: Der Prophet soll breite Schultern gehabt haben; wie passt das zu einer Hühnerbrust?
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Somers Motivation ist eindeutig nicht das Streben nach Wissenschaft, sondern ein tief empfundener Hass auf die Religion und insbesondere auf den Islam, von dem „wir“—wen meint er damit?—eine natürliche Abneigung haben. Er braucht Mohammeds vermeintliche Krankheit, weil der Koran seiner Meinung nach von Mohammed zusammengestellt wurde, weil der gesamte Islam seinem kranken Gehirn entstammte und weil vom Islam nichts Gutes zu erwarten ist. Kein Wunder also, dass der niederländische populistische Politiker Geert Wilders von diesem Pamphlet begeistert war.
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Auf Somers‘ Fehleinschätzungen, Trugschlüsse und seinen Umgang mit den Quellentexten werde ich zurückkommen, nachdem ich auch Armin Geus besprochen habe, der Mohammed für schizophren hielt.

Wird fortgesetzt

BIBLIOGRAPHIE
– Herman Somers, Een andere Mohammed, Antwerpen/Baarn 1993. Online hier.

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Die Franzosen und die Pest in Ägypten (1798)

1798 besetzten die Franzosen Ägypten, wo sie drei Jahre lang blieben. Ein lokaler Historiker, ‘Abd al-Raḥmān al-Djabartī (1753-1825), führte während der ersten Monate der Besatzung ein Tagebuch. Darin ist unter anderem über die Pest zu lesen. Die Franzosen hatten eine panische Angst vor der Pest, die sich ihrer Meinung nach durch Miasmen ausbreitete: verfaulte, feuchte Luft und die Ausdünstungen von Kranken und Leichen. Sie ergriffen drastische Maßnahmen, von denen eine die Quarantäne war. Die verfaulte Luft versuchten sie durch das Verbrennen von Kräutern und Weihrauch zu verbessern. Pestärzte trugen eine lange spitze Nase, an deren Ende Duftstoffe angebracht waren und liefen manchmal mit einer Art Räuchergefäß herum.
Die Mitteilung von Al-Djabartī darüber, wie die Franzosen mit ihren Toten umgingen, ist fake news. Die Franzosen waren Besatzer und wurden von den Ägyptern gehasst.
Drei nicht zusammenhängende Fragmente aus dem Tagebuch:

„Später wurde klar, dass dieser Bishli mehr als vierzig Tage zuvor mit der Korrespondenz des Wesirs an ‘Ali Bey […] angekommen war, aber die Franzosen hatten ihn mit den Passagieren auf dem Schiff in Alexandria isoliert, aus Angst, die Pest hätte sie infiziert. Nach vierzig Tagen ließen sie sie von Bord gehen und gaben ihnen die Erlaubnis zu reisen, nachdem sie stark unter der Haft und der Enge gelitten hatten, wie auch unter dem Rauch, mit denen sie im Laderaum, d.h. in dem Bauch des Schiffes, desinfiziert wurden. Dazu kamen noch die Verteuerung und so weiter.“
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„An diesem Tag sagten sie den Menschen, dass sie ihre Toten nicht mehr auf Friedhöfen in der Nähe von Wohnhäusern begraben sollten, wie zum Beispiel auf den Friedhöfen von al-Azbakīya und al-Ruway’ī, sondern nur auf weit entfernten Friedhöfen. Diejenigen, die kein Grab auf dem Friedhof hatten, sollten ihre Toten in den Gräbern der Mamluken bestatten. Und wenn sie jemanden beerdigten, sollten sie die Tiefe der Gräber vergrößern. Außerdem befahlen sie den Menschen, ihre Kleidung, Möbel und Bettwäsche mehrere Tage auf den Dächern aufzuhängen und ihre Häuser auszuräuchern, um den Fäulnisgeruch zu beseitigen. All dies, wie sie behaupteten, aus Angst vor dem Geruch und der Ansteckung durch die Pest. [Die Franzosen] glauben, die Fäulnis sei in den Tiefen der Erde gefangen.. Wenn der Winter einsetzt und die Tiefen der Erde durch die Nilflut, den Regen und die Feuchtigkeit kalt werden, kommt das, was in der Erde eingeschlossen ist, mit seinen Verwesungsdämpfen heraus und lässt die Luft verrotten, wodurch eine Epidemie und die Pest entstehen.
Was [die Franzosen] selbst betrifft, so ist es bei ihnen Brauch, ihre Toten nicht zu begraben, sondern sie wie Hunde- und Tierkadaver auf Müllhaufen oder ins Meer zu werfen. Überdies sagten sie, dass sie informiert werden sollten, wenn jemand krank wurde. Dann würden sie eine bevollmächtigte Person schicken, um ihn zu untersuchen und herauszufinden, ob er die Pest hat oder nicht.”
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„An diesem Tag wurde in den Marktstraßen bekannt gegeben, dass Kleidung und Hausrat zwei Wochen lang in der Sonne aufgehängt werden sollten, und man wies die Scheichs der verschiedenen Viertel, Wohnstraßen und …(qlqāt?) an, diese Aktivität zu kontrollieren und zu inspizieren. Die Behörden ernannten für jede Straße eine Frau und zwei Männer, die die Häuser betreten und inspizieren sollten. Die Frau ging nach oben und informierte die beiden Männern beim Hinuntergehen, dass man die Kleider in der Sonne ausgebreitet hatte. [Die Familie] gab ihnen dann einige Münzen. Sie gingen erst, nachdem sie die Bewohner ernsthaft gewarnt und ihnen mitgeteilt hatten, dass in einigen Tagen auch eine Gruppe von Franzosen kommen würde, um die Häuser zu inspizieren. All dies wurde getan, um den Geruch der Pest aus ihren Kleidern zu vertreiben. Zu diesem Zweck schrieben sie Proklamationen aus, die sie wie üblich an die Wände anklebten.“

ثم تبين ان هذا البشلي حضر من مدة نيف واربعين يوما وبيده مكاتبات من الوزير خطابا لعلي بيك قابجي باشا الذي كان معينا بطلب المال والخزينة وحجزوه الفرنج في المركب في سكندرية مع الركاب خوفا من تعلق الطاعون بهم. فلما مضي عليهم اربعون يوما اخرجوهم واذنوهم في السفر بعد ان قاسوا الشدة من الحبس والضيق وثم الدخان الذي يبخروهم به من داخل العنبر وهو بطن المركب وزيادة على ذلك الغلا وغيره.

وفيه نبّهوا على الناس بالمنع من دفن الموتى بالترب القريبه من المساكن كتربة الازبكية والرويعي ولا يدفنون الا بالقرافات البعيدة والذي ليس له تربه بالقرافه يدفن ميته في ترب المماليك وإذا دفنوا [يبالغوا] في تسفيل الحفر، وامروا ايضا بنشر الثياب والامتعة والفرش بالاسطحه عدة ايام وتبخير البيوت بالبخورات المذهبة للعفونه كل ذلك خوفا من رائحة الطاعون بزعمهم وعدوه ويقولون ان العفونة تستجن باغوار الارض فاذا دخل الشتا وبردت الاغوار بسريان النيل والامطار والرطوبات خرج ما كان مستجنا بالارض بالابخره الفاسده فيتعفن الهوا ويفسد ويحدث الوبا والطاعون، واما طريقتهم فانهم لا يدفنون موتاهم بل يرمونهم علي الكيمان مثل رمم الكلاب والبهايم او يلقونهم في البحر ومما قالوا ايضا: انه اذا مرض مريض يخبروهم عنه فيرسلون من جهتهم امينا للكشف عليه ان كان بالطاعون او لا ثم يرون رايهم فيه بعد ذلك.

وفي ذلك اليوم نودي في الاسواق بنشر الثياب والامتعة خمسة عشر يوما وقيدوا على مشايخ الاخطاط والحارات والقلقات بالفحص والتفتيش فعينوا لكل حارة امرأة ورجلين يدخلون البيوت للكشف عن ذلك فتطلع المرأة الى فوق وتنزل فتخبرهم بانهم ناشرين ثيابهم ويعطوهم بعض الدراهم ويذهبوا بعد ان يقرطوا على اصحاب الدار ويخبروهم ان بعد ايام ياتون جماعة الفرنج ويكشفوا ايضا، وكل ذلك حتى تذهب من الثياب رائحة الطاعون، وكتبوا يذلك مناشير ولصقوها بحيطان الاسواق على عادتهم في ذلك.

Quelle: Al-Jabartī’s Chronicle of the First Seven Months of the French Occupation of Egypt. Muḥarram – Rajab 1213|15 June – December 1798, (تاريخ مدة الفرنسيس بمصر), Hrsg. und Übers. S. Moreh, Leiden 1975, 75–6, 82, 91  ٤٩، ٥٥-٥٦ ٦٤-٦٥.

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