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Das Paradies, nach K. al-Azama „O Herr, wem gehört diese Frau?” und Gott antwortet: „Rede sie an, mein Knecht, so wird sie dir antworten.” Der Freund Gottes spricht sie an und indem er dies tut, öffnet sie die Tür ihres Zeltes, tritt heraus zu dem Freund Gottes und sagt zu ihm: „Mein Schatz, wie konntest du mich vergessen? Weißt du nicht mehr wie ich mit dir Hunger, Durst und Nacktheit, Jammer und Missgeschick ausgehalten habe? […] Ich bin deine Frau, die dir in der irdischen Bleibe gehorcht hat.”

Ausländischer Wolf „Nein, bei der Wahrheit deiner grauen Haare, Prophet Gottes! Ich habe deinen Sohn nicht gefressen. Euer Fleisch und Blut, ihr Propheten, ist uns verboten. Ich bin, fürwahr, ein Wolf aus dem Land Ägypten.“

Geschlechter und Neigungen im vormodernen Nahen Osten – 2c

Weibliche Männer
Die khanīth in Oman waren (oder gibt es sie noch?) körperlich Mann, aber sie nannten sich Frau. Sie kamen als normale Jungen zur Welt. Khanīth wurden sie mit zwölf oder dreizehn, als sie, aus welchem Grund auch immer, als Prostituierte aktiv wurden. Sie verhielten sich wie Frauen, trugen zwar Männertuniken, aber in weiblichen Pastellfarben, sie schminkten und parfümierten sich, sie sprachen mit hoher Stimme und bewegten sich frei in den Gemächer der Frauen, die sie unverschleiert sehen durften. Bei Hochzeiten saßen sie bei den Frauen, mit denen sie auch aßen. Wenn musiziert wurde, sangen sie mit den Frauen mit, während die Männer Instrumente bespielten. Sie konnten auch als Hausangestellte arbeiten, was früher die Sklaven taten.1
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All dies hat Unni → Wikan 1974–1976 während ihrer Forschung im omanischen Städtchen Ṣuḥār entdeckt, als das Land noch ziemlich vormodern war. Sie befand, dass 2% der Männer khanīth war oder gewesen war.
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Homosexuelle Prostitution und effeminiertes Verhalten fand man in Oman schon verächtlich, aber man hatte dazu nicht ein so total vernichtendes und endgültiges Urteil wie in manchen westlichen Ländern. Wenn sich herausstellte, dass ein Junge sich prostituierte und dabei voraussichtlich bleiben wollte, nahm man es hin und richtete ein kleines Privatbordell für ihn ein. Seine Dienstleistungen wurden nützlich gefunden, denn weibliche Prostituierte durften nicht existieren. Männer hielten Frauen in Ehren und würden ungerne sehen, dass ein so reines Wesen sich mit solcher Schweinerei befassen würden. Sie durften sogar nicht damit assoziiert werden; deshalb waren die khanīth zwar effeminiert und parfümiert und wackelten sie mit ihrem Hinten, aber sich gänzlich als Frau kleiden durften sie nicht. Die Burka war ihnen nicht erlaubt; ihr Haar war halblang, während die Frauen es lang und die Männer kurz trugen. Der khanīth war mehr als nur ein Prostituierter, er galt als Zwischengeschlecht, das eine eigene, feste Stellung in der Gesellschaft hatte.
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Das Interessante an der Situation im damaligen Oman finde ich, dass jemand, nachdem er jahrelang khanīth gewesen ist, wieder Mann werden konnte, und noch schöner: später noch mal khanīth und dann wieder Mann. Das Geschlecht hängt ab von den sexuellen Handlungen, die man verrichtet, nicht von dem, was man zwischen den Beinen hat. Wenn jemand eine Erektion bekommen und penetrieren kann und das auch wirklich tut, dann ist er ein Mann und kann er auch verheiratet sein, auch wenn er bestimmte weibliche Verhaltensweisen beibehält. Vielleicht findet seine Frau das gar nicht schlimm; vielleicht war ihr Mann früher ihre beste Freundin. Seine Männlichkeit soll der khanīth, wie jeder Mann, in der Hochzeitsnacht beweisen, wenn er durch ein blutiges Tuch die erfolgreiche Entjungferung seiner Braut nachweisen muss. Ein khanīth, der alt geworden ist, wird von selbst wieder Mann, weil er als Prostituierter nicht länger attraktiv ist—wenn er sich auch zwischen den anderen alten Herren vielleicht nicht ganz zu Hause fühlen wird.
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In der westlichen Welt passiert es manchmal, dass verheiratete Männer und Väter sich zu Homosexuellen entwickeln. Man nimmt dann gemeinhin an, dass solche Männer „eigentlich“ schon immer homosexuell waren und sich nur nicht früher zum coming out durchgerungen hatten wegen Mangel an Erkenntnis, fehlender Toleranz oder Sozialangst. Aber dass ein Homosexueller (wieder) Hetero wird, davon hört man nie. Die Omanis waren (oder sind?) offensichtlich erheblich flexibler als die Westeuropäer, die sich meist in einem Seinszustand versteifen. Die Fähigkeit mancher Omanis ohne viel Aufhebens in die eine oder die andere Richtung zu wechseln strafen die westliche Auffassung Lügen, dass die sexuelle Identität ein für allemal festliegt, und auch dass beim Umschalten teure Hormonbehandlungen oder Operationen notwendig sind.

Ein männlicher Mann ohne Lust auf Frauen?
In der berühmten Erzählung, der zufolge Aischa, die Frau des Propheten, während eine Wüstenreise kurz ihr Sänfte verlassen hatte und die Karawane weiter gezogen war ohne zu bemerken, dass sie nicht darin war, wurde sie in der Wüste gefunden und nach Hause gebracht von einem Mann namens Ṣafwān Ibn al-Mu‘aṭṭal. Sofort entstand übles Gerede: Hatte dieser Mann sie berührt? Die Erzählung bei Ibn Isḥāq will Aischas Unschuld beweisen und mit dieser Absicht wird ihr u.a. in den Mund gelegt: „Es wurden Fragen gestellt zu Ibn al-Mu‘attal und man befand, dass er kein Verlangen nach Frauen hatte (fa-wadjadūhu radjulan ḥaṣūran) und nicht zu ihnen ging. Später wurde er als Märtyrer getötet.“2 Dies wird natürlich vor allem mitgeteilt um einmal mehr zu beweisen, dass Aicha unberührt geblieben war. Interessant ist die Mitteilung, dass er auf dem Schlachtfeld den Tod fand. Er war also ausdrücklich ein männlicher Mann, denn er kämpfte, aber hatte einfach keine Lust auf Frauen. Die ganze Mitteilung taugt nicht viel, denn in den biographischen Lexika wird zweimal eine Ehefrau von ihm aufgeführt, aber die Existenz eines solchen Mannes wurde offenbar für möglich gehalten.

ANMERKUNGEN
1. Die Sklaverei wurde in Oman erst 1970 abgeschafft; viele ehemalige Sklaven blieben jedoch bei derselben Arbeit. Sie wurden oft diskriminiert; noch schlechter behandelt werden die inzwischen aus dem Ausland importierten Arbeitnehmer.
2. Ibn Isḥāq, Sīra 739: وكانت عائشة تقول: قد سئل عن ابن المعطل فوجدوه رجلاً حصورًا ما يأتي النساء ثم قتل بعد ذلك شهيدًا.

BIBLIOGRAFIE
– Unni Wikan, „Man becomes Woman: The Xanith as a Key to Gender Roles,“ in Unni Wikan, Resonance. Beyond the words, Chicago 2012, 169–187.

Gehört zu: Geschlechter und Neigungen –1: Die Mädchen-Jungs des 8. Jahrhunderts. Die bache posh in Afghanistan
Geschlechter und Neigungen – 2a: Die Effeminierten im alten Medina
Geschlechter und Neigungen – 2b: Die Effeminierten im Hadith des Porpheten
Geschlechter und Neigungen –3: Sexuelle Orientierungen im vormodernen Nahen Osten

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Geschlechter und Neigungen im vormodernen Nahen Osten – 1

Die Bugis aug Sulawesi  kennen fünf Geschlechter und die Navajo-Indianer ebenfalls: männliche Männer, weibliche Männer, weibliche Frauen, männliche Frauen; bei den Navajo der Hermaphrodit, der Mann und Frau ist und bei den Bugis der bissu, eine Art Heiligmensch, der weder Mann noch Frau ist.
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Lawrence Durrell schrieb über Alexandrien in Justine: „There are more than five sexes, and only demotic Greek seems to distinguish between them.“ Das Letztere glaube ich nicht; das Arabische kann auch Einiges, aber in der Tat, von alters her gab es im Nahen Oosten erheblich mehr Geschlechter als im langweiligen Westen, der bis vor kurzem nur Männchen und Weibchen (an)erkannte und wo die Entdeckung anderer Möglichkeiten vor allem Mühsal mit sich bringt. Die Muslime nahmen das weniger schwer. Eine OP zur Geschlechtsänderung  war in Casablanca oder Teheran früher möglich als bei uns.
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Neuderdings schießen auch bei uns die Geschlechter und Gender wie Pilze aus dem Boden. Wir haben jetzt LGBTQ… und noch mehr Buchstaben; von den letzten weiß ich nicht mal, wofür sie stehen. Ist es angenehm mit so einem Buchstabe etikettiert zu werden? Die indonesische Aktivistin Tiara Tiar Bahtiar schrieb ein Buch mit dem Titel Namaku bukan waria – panggil aku manusia, „Ich heiße nicht Transgender, nenne mich Mensch.“ Aber offensichtlich gibt es auch Menschen, die für sich auf so einem Buchstaben bestehen. Ohne Identität scheint heutzutage nichts zu gehen.
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Es gibt Geschlechter und Gender, aber auch sexuelle Orientierungen; überdies gibt es noch die Möglichkeit der Travestie. Insgesamt ist eine große Anzahl Spielkombinationen möglich.
Über die Geschlechter und Neigungen im vormodernen Nahen Osten kann ich viel weniger sagen als ich möchte, denn in den arabischen Quellen, die ich mir vorstellen kann (Poesie, Geschichtswerke) bin ich nicht weit vorgedrungen; sie sind unermesslich ausgedehnt und oft unerschlossen. Eine Sache kann schon im Voraus gesagt werden: man scherte sich früher nicht um Identität. Der modern-westliche Gedanke: „Wenn du etwas bist, bist du das für immer, es ist dein wahres Wesen,“ existierte im alten Nahen Osten nicht. Menschen konnten sich durchaus verändern—manchmal auf Zeit, manchmal für immer.

Pseudo-Jungen 
Die ghulāmīya oder radjulīya, ein Mädchen, das sich wie ein Junge kleidet und verhält, wurde durch die Mutter des Kalifen al-Amīn (reg. 809–813) gefördert. Als al-Amīn in seiner Jugend wenig Interesse am weiblichen Geschlecht zeigte, wollte seine Mutter das stimulieren, indem sie solche Mädchen bei Hof introduzierte: kurzes Haar, kurze Tuniken, ein Gürtel um die Taille.
Was für Mädchen waren das? Die Mutter eines Prinzen konnte natürlich Sklavinnen befehlen, sich als Junge zu verhalten, auch wenn sie von sich aus dazu nicht geneigt waren. Aber bei der Auswahl wird sie wohl darauf geachtet haben, welche Mädchen die Rolle überzeugend spielen konnten.1
Kurz darauf wurden die ghulāmiyāt auch in der Stadt beliebt, zum Beispiel als Bedienung in den Kneipen.
 Der Dichter Abū Nuwās bekam seinen Wein gerne  „aus der Hand einer mit einer Scheide in der Kleidung eines mit einem Penis. Sie hat zwei Arten von Liebhabern: Päderasten und Hurer.“2 Er beschreibt die Mädchen auch, z.B. so: „Hier hast du Gestalten, weiblich in Benehmen, aber in der Kleidung der Männer, | mit bloßen Händen und Füssen, ohne Schmuck an den Ohren und um den Hals. | Sie sind schlank wie Zügel, Schwertgehänge und Gurte, |aber haben füllige Hintern in den Tunicas und Dolche an den Taillen, | ihre Locken sind skorpionartig gekrümmt, und die Schnurrbärte sind aus Parfüm.“3 

Jenny → Nordberg hat ein interessantes Buch über Mädchen in Afghanistan geschrieben, die aus praktischen Gründen einige Jahre als Jungen auftreten. Sie behandelt unsere Zeit, aber die Gesellschaft in Afghanistan ist noch ziemlich vormodern. Solche Mädchen werden als Jungen gekleidet und behandelt und sie verhalten sich entsprechend: Sie klettern auf Bäume, spielen Fussball und schlagen sich.4 Meist sind es die Eltern, die auf die Idee kommen, eine Tochter zu einem Sohn umzugestalten; manchmal ist es ein Molla. Es ist nämliche für eine afghanische Familie eine große Schande, keinen Sohn zu haben. Überdies ist Mädchen fast nichts erlaubt, so dass eine Familie ohne Sohn nicht gut funktionieren kann. Dazu kommt noch ein magisches Motiv: Man glaubt gerne, dass, wenn man einmal so einen Jungen im Haus hat, das nächst geborene Kind ein richtiger Sohn sein wird.
Die Mädchen finden es meistens in Ordnung. Als Junge haben sie ja viel mehr Freiheit, sie können in die Schule gehen, sie laufen breitbeinig und mit frechem Blick auf der Straße, sie können Vater helfen im Laden, sie können mit den Jungen und Männer sitzen und haben auch zu Hause eine privilegierte Position: Ihr Vater redet mit ihnen und nimmt sie ernst.
Solche Mädchen heißen dort bacha posh, bei uns tomboy, garçonne, erkek fatmafatāt mustardjila; im Deutschen gibt es wohl keine eindeutiges Wort—oder kennen Sie eins? Die Umgestaltung wird oft vollzogen, wenn das Mädchen drei oder vier Jahre alt ist; manchmal auch schon bei der Geburt. Im Idealfall werden die Jungen lange vor der Pubertät wieder in Mädchen zurückverwandelt, so dass sie noch ausreichend Zeit haben, weibliche  Tätigkeiten wie kochen, nähen, waschen, putzen und dergleichen zu erlernen. Nordberg hat ehemalige tomboys interviewt: Zurückblickend auf ihre Zeit als Junge sind diese dazu meist positiv: Es war doch eine einmalige Gelegenheit, mal außer Haus zu kommen und als Junge bekamen sie die Möglichkeit, die Welt kennen zu lernen und Selbstvertrauen aufzubauen. Schwierig war es aber für Mädchen, die noch bis in der Pubertät Junge blieben oder sogar den Übergang erst mit siebzehn machten. Das konnte richtig problematisch werden: Sie konnten weder kochen noch nähen, sie wussten nicht mal, wie sie sich schminken sollten und schafften es nicht, mit kleinen Schritten und niedergeschlagenem Blick zu gehen. Und vor allem: Sie hatten gar keine Lust, das freie Leben von Studium oder Arbeit aufzugeben um so ein unterwürfiges Geschöpf zu werden, von dem nur die Gebärmutter geschätzt wird—wenn diese Jungen gebärt, versteht sich. Auch solche Frauen hat Nordberg interviewt. Eine war dabei, die selbst schon längst Mutter war, aber die praktische Aspekte des Frau-Seins noch immer nicht ganz beherrschte. Warum nicht? Weil sie sich Mann fühlte und einer war! Sie hatte sich so in die Männerrolle eingelebt, dass sie wirklich einer geworden war—zwar ohne Penis, aber mit eingefallenen Brüsten und oft ausbleibender Menstruation.
Nordberg erzählt von einem afghanischen Mädchen, das mit fünfzehn noch bacha posh war und überhaupt keine Lust hatte, sich der Frauenrolle zu widmen. Einmal machte sie eine Runde auf einen gemieteten Motorrad, als ein Junge ihr zurief: „Wir wissen schon, dass du ein Mädchen bist!“ Aber es war nicht schlimm; er war ein Freund, der sie auch schützte, wenn andere Jungen sie an die Wäsche gehen wollten. Dass manche Jungen eigentlich Mädchen waren wusste man wohl doch, aber das wurde mehr oder weniger vertuscht und toleriert.

Von zwei Extremfällen berichtet Nordberg noch: eine bacha posh, die Mann blieb, in einem street gang aufgenommen war und Straßenkämpfe mit anderen Banden lieferte; und eine andere, die eine Militärausbildung absolviert hatte. Sie war von den Amerikanern zum Kommando und Scharfschütze ausgebildet worden und arbeitete danach im aktiven Dienst bei der Polizei. In ihrem Pass stand ein weiblicher Name, aber sie verhielt sich wie ein Mann und stand ihren männlichen Kollegen an Körperbau, Muskulatur und Machoverhalten nicht nach. Solche Frauen hofften, dass sie bald zu alt zum Heiraten sein würden; nicht mit ihnen!
Unsere tomboys sind es aus persönlicher Neiging; in Afghanistan werden sie meist von außerhalb in die Rolle gezwungen, aber sie kultivieren die Neigung, indem sie mit tiefer Stimme reden, die anderen Jungen nachahmen und lernen sich unter ihnen zu handhaben. Das soziale Geschlecht ist auch ein Geschlecht, das wird bei uns manchmal vergessen. Gefangen im falschen Körper? Das bedeutet im frauenverachtenden Afghanistan doch etwas anderes als bei uns. Eigentlich stecken dort alle Mädchen in einem falschen, denn unfreien Körper. Mann sein ist das Ideal. Zu denken gibt, dass bei diesen Frauen der Körper dem Geist gefolgt war und sich auch wirklich in einen männlichen Körper verwandelt  hatte—natürlich nicht ganz, aber ziemlich weitgehend
. Und das ohne Operation oder Hormonimpfungen, denn die hatten sie nicht. Wenn das in Afghanistan möglich ist, ist es das auch bei uns. Legen sich nicht viele Menschen auf eine Identität fest, während sie auch, vorübergehend oder für immer, eine andere haben könnten? Und wozu braucht man überhaupt eine Identität?
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Auch in Albanien leben noch ältere Männer, die als Mädchen geboren und aus denselben Gründen wie in Afghanistan von ihren Eltern zu Jungen ernannt wurden: die „geschworene Jungfrauen“ (burrnesha). Sie blieben ihr ganzes Leben Mann und mussten schwören, sich jeder sexuellen Tätigkeit zu enthalten.
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Wer meinen sollte, dass dies alles mit dem Islam zu tun hat, liegt falsch. Sowohl die normativen Quellentexte wie die Scharia-Gelehrten lehnen es ab, dass jemand sich als gehörig zu einem anderen als seinem biologischen Geschlecht vorführt. Die Umwandlung ergibt sich in Gesellschaften, die eine starke Geschlechtertrennung, und die existierten schon lange vor dem Islam, auch außerhalb des Nahen Ostens. Bei näherer Betrachtung gab es recht viele Länder, in denen Frauen den Schritt zur Geschlechtsumwandlung machen mussten oder wollten um ihre Chancen zu verbessern; Westeuropa bis ins 19. Jahrhundert nicht ausgenommen. In Albanien nahm seit dem Einzug der Moderne die Anzahl  burrnesha’s ab. Die Notlösung, die der Geschlechtswechsel war, ist dort nicht länger nötig.

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Männliche Frauen
Frauen, die einfach keine Lust hatten auf die traditionell unterwürfige Frauenrolle, gab es natürlich auch:

Hind bint Nu‘mān, „die erste arabische Lesbierin“ (6. Jht.), fand Gefallen am Erniedrigen ihres jeweiligen Ehegatten.

Hind bint ‘Utba (7. Jht.), „die Leberesserin“, begnügte sich der Überlieferung zufolge nicht mit der traditionellen Frauenrolle auf dem Schlachtfeld, die darin bestand, die Männer zu ermutigen, Wasser heranzutragen und Verletzte zu versorgen. Sie schnitt den Körper des besiegten Helden Hamza auf und aß seine Leber roh.. 

2105 besprach ich hier Remke → Kruk, The Warrior Women of Islam. Dieses Buch handelt von alten arabischen Volkserzählungen über butch Frauen, die auf dem Schlachtfeld kämpften und sogar eigen Armeen anführten. Aber die Erzählungen sind Fiktion, Produkte männlicher Fantasie. Sie bezwecken, ein männliches Publikum zu unterhalten und sind deshalb ungeeignet als Quelle für die gelebte Wirklichkeit. In ihrem ersten Kapitel berichtet die Autorin aber über ihre Suche nach Kämpferinnen, die wirklich gelebt haben. In den ersten Jahrhunderten des Islams scheinen einige, aber nicht sehr viele Frauen wirklich militärisch aktiv gewesen zu sein; die betreffenden Berichte sind sehr knapp. Des Weiteren gibt es einige Erzählungen, die halblegendär sind oder auf den altgriechische Mythos der Amazonen zurückzuführen sind. Die meist kriegerische Frau aus dem alten Nahen Osten, die real existiert hat, war wohl Königin Zenobia (240–274), der es gelang aus der syrischen Oase Palmyra heraus ein großes Reich aufzubauen und einige Jahre eine Bedrohung für die Römer zu bilden. Von ihr wird auch erzählt, dass die als Mädchen ein tomboy war und mädchenhafte Tätigkeiten mied, dafür aber Ringkämpfe mit den Jungen lieferte und mit Pfeil und Bogen auf wilde Tiere jagte.5

In der Hadith-Literatur wird eine gewisse Umm Ḥarām bint Milḥān erwähnt, die darauf bestand an der Militärexpedition gegen Zypern im Jahr 649 teilzunehmen. Von ihren Kriegshandlungen ist nichts bekannt; ihre Militärlaufbahn endete unglücklich als sie nach wohlbehaltener Heimkehr von ihrem Reittier fiel und umkam.6

In Ägypten thematisieren viele Witze und Cartoons mickerige Männchen, die ganz unter dem Pantoffel ihrer überwältigenden Gattin stehen. Das ist nur Phantasie; trotzdem gibt es eine Minderheit von Paaren, bei denen das durchaus der Fall ist. Niemand wird z. B. die Dame vorne auf dem Foto für schüchtern oder unterwürfig halten. Ist der Mann im Hintergrund etwa ihr Ehemann? Wir wissen es nicht.
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In Ägypten waren (sind?) Frauen manchmal als Bauarbeiter tätig. Ich habe sie bei der Knochenarbeit beobachtet: mit Körben voller Steinen auf Gerüste klettern usw. Vielleicht hatten sie keinen Mann (mehr), der sich um das Familieneinkommen kümmerte und mussten sie als Ernährer auftreten? Aber mussten sie dann gerade diese Arbeit machen, oder wollten sie es selbst? Hätten sie keine Näh- oder Bügelarbeit verrichten können, oder einen Windelservice anbieten? Ich weiß nicht, wie das war.

„Meine Mutter war ein richtiger Kerl,“ schrieb al-Māzinī ca. 1930, „sie …@TEXT NOCH SUCHEN@

Umm Kulthūm (± 1904–1975), die berühmte ägyptische Sängerin, die mit ihrer formidablen Stimme jahrzehntelang die arabische Welt in die Knie zwang, fiel schon früh durch ihr Gesangstalent auf. Ihr Vater hatte neben seiner Arbeit als Dorfimam eine Musikgruppe, mit dem sie auftreten durfte unter der Bedingung, dass sie sich als Junge kleiden und verhalten würde. Das ging lange Zeit gut, aber als sie immer sichtbarer Frau wurde und immer mehr Menschen „es“ wussten, befahl ihr Vater ihr, mit dem Singen aufzuhören und zu heiraten. Daraus wurde aber nichts und nach einer Pause sang sie weiter in Kairo, ganz als Frau. In ihren späteren Jahren war ihre Stimme ganz tief, aber in ihrer Jugend nicht. Jede Gesangstimme wird im Alter tiefer, aber bei ihr war es extrem. War es ihr Wunsch, eine tiefe Altistin zu sein, war es etwas Männliches das herauswollte? Sie hielt sich von der unter Künstlern üblichen Liederlichkeit fern. Dass sie nicht mit Männern herummachte wird oft ihrer frommen Gesinnung und ihrem noblem Charakter zugeschrieben; es kann aber auch sein, dass sie sich nicht zu Männern hingezogen fühlte. Zumindest will ein Gerücht, dass sie beim Abfassen eines Vertrages für einen Auftritt außer Lande auf die Lieferung zweier jungen Mädchen bestand.

Dies waren nur so ein Paar Eindrücke, die meiste aus Lektüre. Ich habe keinen Überblick über diese Phänomene in der ganzen arabischen oder islamischen Welt, bin auch kein Sozialwissenschaftler, wollte sie aber doch mal aufschreiben, weil sonst jemand denken könnte, im Ausland müsse alles unbedingt genau so eingerichtet sein wie bei uns.

Sicherheitshalber sage ich es noch mal: Burschikose Mädchen und mannhafte Frauen müssen keineswegs lesbisch sein.

Wird fortgesetzt:
Geschlechter und Neigungen – 2a: Weibliche Männer im alten Medina
Geschlechter und Neigungen – 2b: Weibliche Männer im Hadith des Propheten
Geschlechter und Neigungen – 2c: Weibliche Männer: die Khanīth von Oman. Safwan ibn al-Mu‘attal
Geschlechter und Neigungen – 3 Sexuelle Orientierungen im vormodernen Nahen Osten

ANMERKUNGEN
1. Viel Erfolg hatte sie übrigens nicht mit ihrem Versuch. Als al-Amīn einmal Kalif war,  dichtete ein anonymer Spottdichter über ihn und seinen Minister Faḍl: Es ist ein Wunder: Der Kalif | ist als Päderast aktiv, | der andere wird befriedigt | (was uns noch mehr verwundert) passiv!
2. Abū Nuwās, Dīwān I,@@; Übers. Wagner, Abū Nuwās 178من كَفّ ذات حِرّ في زيّ ذي ذكر لها محبّان لوطي وزنّاءُ
3. Abū Nuwās, Dīwān I, 174–5; Übers. Wagner, Abū Nuwās 177:
صوَر إليك مؤنّثاتُ الدلّ في زيّ الذكورِ
عُطُلُ الشَّوي ومواضعِ الأزرار منهل والنحورِ
أُرهِقن إرهاف الأعنّة والحمائل والسيورِ
وموفَّراتٍ في القراطق والخناجرُ في الخصورِ
أصداغُهنّ معقربات والشوارب من عبيرِ
4. Ich danke Prof. Remke Kruk, Leiden, die mich auf dieses Buch hingewiesen hat.
5. Kruk, Warrior Women, 17, 45. Eine wichtige Quelle ist Trebellius Pollio in der Historia Augusta, ein Autor, der bekannt ist um seinen wenig wahrheitsgetreuen Beschreibungen und der vielleicht selbst nicht mal existiert hat. Aber um ein Reich aufzubauen und sich gegen Römische Legionen zu handhaben muss Zenobia doch wirklich Einiges auf dem Kasten gehabt haben.
6. Buḫārī, Ǧihād 8, var. Ǧihād 3, 17: […] von Anas ibn Mālik, von seiner Tante Umm Ḥarām bint Milḥān: Der Prophet schlief eines Tages in meiner Nähe und als er aufwachte, lachte er. Ich fragte ihn, warum er lache. Er sagte: „[Im Traum] sind mir Menschen aus meiner Gemeinde gezeigt worden, während sie das grüne Meer befuhren wie Könige auf Thronen.“ Sie sagte: „Bete zu Gott, dass er mich eine von ihnen macht!“ Darauf schlief der Prophet wieder ein; dasselbe geschah noch einmal. Dann sagte er:„Du bist eine der Ersten.“ Sie begleitete ihren Gatten ‘Ubāda ibn al-Ṣāmit auf dem Kriegszug, als die Muslime mit Mu‘āwiya zum ersten Mal das Meer befuhren. Als sie zurückkehrten vom Kriegszug und wieder in Syrien landeten, wurde ihr ein Reittier gebracht, aber dieses warf sie ab und daran starb sie.

حَدَّثَنَا عَبْدُ اللَّهِ بْنُ يُوسُفَ قَالَ حَدَّثَنِي اللَّيْثُ حَدَّثَنَا يَحْيَى عَنْ مُحَمَّدِ بْنِ يَحْيَى بْنِ حَبَّانَ عَنْ أَنَسِ بْنِ مَالِكٍ عَنْ خَالَتِهِ أُمِّ حَرَامٍ بِنْتِ مِلْحَانَ قَالَتْ  نَامَ النَّبِيُّ صَلَّى اللَّهُ عَلَيْهِ وَسَلَّمَ يَوْمًا قَرِيبًا مِنِّي ثُمَّ اسْتَيْقَظَ يَتَبَسَّمُ فَقُلْتُ مَا أَضْحَكَكَ قَالَ أُنَاسٌ مِنْ أُمَّتِي عُرِضُوا عَلَيَّ يَرْكَبُونَ هَذَا الْبَحْرَ الْأَخْضَرَ كَالْمُلُوكِ عَلَى الْأَسِرَّةِ قَالَتْ فَادْعُ اللَّهَ أَنْ يَجْعَلَنِي مِنْهُمْ فَدَعَا لَهَا ثُمَّ نَامَ الثَّانِيَةَ فَفَعَلَ مِثْلَهَا فَقَالَتْ مِثْلَ قَوْلِهَا فَأَجَابَهَا مِثْلَهَا فَقَالَتْ ادْعُ اللَّهَ أَنْ يَجْعَلَنِي مِنْهُمْ فَقَالَ أَنْتِ مِنْ الْأَوَّلِينَ فَخَرَجَتْ مَعَ زَوْجِهَا عُبَادَةَ بْنِ الصَّامِتِ غَازِيًا أَوَّلَ مَا رَكِبَ الْمُسْلِمُونَ الْبَحْرَ مَعَ مُعَاوِيَةَ فَلَمَّا انْصَرَفُوا مِنْ غَزْوِهِمْ قَافِلِينَ فَنَزَلُوا الشَّأْمَ فَقُرِّبَتْ إِلَيْهَا دَابَّةٌ لِتَرْكَبَهَا فَصَرَعَتْهَا فَمَاتَتْ.

BIBLIOGRAPHIE
– Abū Nuwās: Der Dīwān des Abū Nuwās, Teil I, Hg. Ewald Wagner, Wiesbaden 1958.
– Remke Kruk, The Warrior Women of Islam. Female empowerment in Arabic Popular Literature, Londen 2014.
– Adam Mez, Die Renaissance des Islâms, Heidelberg 1922.
– Jenny Nordberg, Afghanistans verborgene Töchter. Wenn Mädchen als Söhne aufwachsen, übers. von Gerlinde Schermer-Rauwolf, und Robert A. Weiß, Hamburg 2015; urspr. erschienen auf Englisch: The Underground Girls of Kabul, The Hidden Lives of Afghan Girls Disguised as Boys, 2014.
– Ewald Wagner, Abū Nuwās. Eine Studie zur arabischen Literatur der frühen ‘Abbāsidenzeit, Wiesbaden 1965.

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Neues aus der Arabistik: Koranforschung – 2

Fortsetzung von Neues aus der Arabistik: Koranforschung – 1

Der Kopist aus dem Beispiel in der 1. Lieferung  war noch recht bescheiden. Es ging auch drastischer. Als David →Powers zum frühislamischen Erbrecht arbeitete, traf er auf eine folgenschwere Textänderung.

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Sie steht auf einer Seite (fol. 10b) aus dem Codex Parisino-petropolitanus, 1 auch bekannt als Handschrift BNF 328a der Bibliothèque Nationale de France. Dank weitestgehender Digitalisierung der Pariser Bibliothek bekommt man den Text in wenigen Sekunden auf den Schirm; früher hätte so etwas viel Mühe und Geld gekostet. Die Handschrift hat einen so langen Namen, weil ein Teil sich in Paris befindet, ein anderer Teil in St. Petersburg und einige Blätter im Vatikan. Sie ist eine der ältesten Koranhandschriften und datiert wahrscheinlich noch aus dem siebten Jahrhundert.
Sie sehen es selbst: In der 4. Zeile von unten hat jemand den Text in schwärzeren Buchstaben und in einer anderen Schreibstil überschrieben. In noch zwei anderen Zeilen und an etlichen anderen Stellen in dieser Handschrift ist das auch der Fall.
Das Interessante ist, dass die korrigierte Fassung mit dem heutzutage gängigen Korantext übereinstimmt und eine ältere, dichter beim Original stehende Fassung abdeckt. Mit infra-rotem Licht und anderen technischen Hilfsmitteln hat Powers den älteren Text sichtbar gemacht und einen Einblick in die Textgeschichte des Korans gewährt, der offensichtlich doch nicht ganz fertig aus dem Himmel hinabgesandt worden ist.
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Der Korantext, der Powers in Bezug auf das Erbrecht besonders interessierte, war der Doppelvers 4:11–12. Ich werde ihn hier nicht ganz zitieren: Es ist ein langer und schwieriger Text und es geht mir nicht um das Erbrecht, sondern um Korrekturen in Koranhandschriften. Powers hat die Pariser Handschrift durchleuchtet und befunden, dass zwei Korrektoren sie bearbeitet haben. Der ursprüngliche Kopist hatte in 12b offensichtlich geschreven: واﮞ كاں رحل ىورٮ كله او امراه ولها اح او احٮ  wa’in kāna raǧulun yūriṯu kallatan aw imra’atan wa-lahā aḫun aw uḫtun, „Wenn ein Mann eine Schwiegertochter(?) oder eine Frau beerbt, und sie einen Bruder oder eine Schwester hat…“
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„Sie“ war einfach ein Fehler, den der erste Korrektor, wohl identisch mit dem ursprüngliche Kopist, in ‘er’ veränderte. Die kalla, „Schwiegertochter“ ist problematisch, denn da
s Wort kommt im Arabischen nicht vor. Powers geht aufgrund von anderen semitischen Sprachen davon aus, dass „Schwiegertochter“ die richtige Bedeutung gewesen sein muss. Aber der erste Korrektor veränderte kalla in kalāla, „seitliche Verwandtschaft“, vielleicht weil diese Lesart ihm von ganz oben aufgedrängt wurde. Das machte jetzt eine andere Vokalisierung nötig um dem Vers wenigstens noch etwas an Bedeutung abzuringen: واﮞ كاں رحل ىورٮ كلله او امراه وله اح او احٮ   wa’in kāna raǧulun yūrathu kalālatan aw imra’atun wa-lahu aḫun aw uḫtun,  „Und wenn ein Mann von seitlicher Verwandtschaft (kalāla) beerbt wird, oder eine Frau, und er einen Bruder oder eine Schwester hat…“
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Der zweite Korrektor hat den Text nicht geändert, sondern nur die Korrekturen des ersten Korrektors mit frischer schwarzer Tinte überdeckt. Aufgrund der Schrift und der Tinte hat er das schätzungsweise zwei Jahrhunderte später getan. 
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Der „korrigierte“ Text stimmt mit dem des heutigen Korans überein: وَإِن كَانَ رَجُلٌ۬ يُورَثُ ڪَلَـٰلَةً أَوِ ٱمۡرَأَةٌ۬ وَلَهُ أَخٌ أَوۡ أُخۡتٌ۬
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Die Korrektur war nicht erfolgreich, denn der Vers wurde dadurch unverständlicher als zuvor. Das fiel den frühesten Hörern, bzw. Lesern gleich ins Auge, so dass sie eine Erklärung verlangten. Die bekamen sie noch im Koran, in Vers 4:176: يَستَفتونَكَ قُلِ اللَّهُ يُفتيكُم فِي الكَلالَةِ إِنِ امرُؤٌ هَلَكَ لَيسَ لَهُ وَلَدٌ وَلَهُ أُختٌ فَلَها نِصفُ ما تَرَكَ „Sie fragen dich um Belehrung. Sprich: ‘Allah belehrt euch über die seitliche Verwandtschaft (kalāla): Wenn ein Mann stirbt und keinen Sohn hat, aber eine Schwester  … usw.‘“—dieser Vers ist durchaus verständlich. 
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Dies ist kein einfacher Stoff. Ich habe ihn ganz kurz zusammengefasst und bin auf die Inhalte der Verse nicht mal eingegangen. Powers widmet der Sache sein ganzes Kapitel 8. Aber ersichtlich ist: Ein früher Abschreiber hat ein schwieriges Wort im Koran geändert und dadurch einen Vers ruiniert. Im 9. Kapitel ist bei Powers nachzulesen, wie diese Änderung auf die Koranauslegung und das Recht gewirkt hat. Denn als das Wort kalāla einmal in Koran 4:12 stand, war es nicht länger möglich es wegzuschaffen und musste der jetzt schwierige Vers auch eine Bedeutung bekommen. Diese herauszufinden hat die Schriftgelehrten viel Arbeit gekostet. 

Für mehr umfassende Textänderungen im Koran siehe das Palimpsest von Ṣan‘ā’.1

Hat es in der Bibel auch solche Textänderungen gegeben? Bestimmt, aber davon weiß ich nicht viel. Im Alten Testament werden sie aber schwieriger festzustellen sein, weil zwischen der Entstehung des Textes und den ältesten erhaltenen Handschriften Jahrhunderte liegen. Beim Koran dagegen ist man fast Augenzeuge der Textgestaltung. Wenn man nur hinguckt.

ANMERKUNG
1. Die Wikipedia-Artikeln zu solchen Themen sind nicht sehr zuverlässig, aber sie bieten einen ersten Eindruck,.

BIBLIOGRAFIE
David Powers, Muḥammad Is Not the Father of Any of Your Men. The Making of the Last Prophet, Philadelphia 2009, vor allem Hst. 8.

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Neues aus der Arabistik: Koranforschung – 1

Vor fast sechs Jahren wurde ich pensioniert und seitdem habe ich den Entwicklungen in der Arabistik kaum noch gefolgt. Manchmal bedauere ich das, weil in den wenigen Jahren im Fach sehr viel passiert ist. Ich werde nicht zurückgehen um alles noch nachzuholen, aber hin und wieder bekomme ich zufälligerweise noch wichtige Entwicklungen mit und es schadet nicht, darauf kurz hinzuweisen.
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Die Kenntnis der alten Sprachen Arabiens hat spektakulär zugenommen. In Nordwestarabien sind zehntausende Inschriften auf Steinen gefunden worden, die allmählich entziffert werden. Die sind meist nicht in Hocharabisch geschrieben. Früher lernte man, dass in Arabien unterschiedliche arabische Dialekten gesprochen wurden, überwölbt durch eine Hochsprache, in der sowohl die alte Poesie wie auch der Koran abgefasst waren. Im Jemen gab es altsüdarabische Sprachen, in Syrien Aramäisch und Griechisch, im Irak Aramäisch und Persisch und das war es ungefähr
. Aber dank der Arbeit von Experten auf diesem Gebiet, unter denen Ahmad al-Jallad herausragt, sieht die Sprachsituation Altarabiens inzwischen ganz anders aus: Man hat viele bisher unbekannte Schriften und Sprachen entdeckt. Ein schneller Einblick in in al-Jallads Arbeit bietet seine Seite bei Twitter wie auch diese Karte von seiner Hand:


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Diese neue Kenntnis wird die Koranforschung ändern. Meinte Chr. Luxenberg (Pseud.) noch, das der Koran „eigentlich“ auf Syrisch geschrieben ist, jetzt gibt es mehr Sprachen, die auf Grammatik, Wortschatz und Rechtschreibung des Korans Einfluß gehabt haben können. Anzunehmen ist, dass auch eine alte Diskussion wieder aufleben wird: Ist die vorislamische Poesie wirklich vorislamisch, wenn es um der
 Hochsprache der Halbinsel vielleicht doch anders steht als man früher annahm?
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Die Koranforschung  hat einen mächtigen Aufschwung genommen. Tekstkritik, zum Beispiel: endlich wird mal ernsthaft auf die alten Handschriften geschaut, die Rechtschreibung und die Redaktionsgeschichte des Korans studiert. Und die Intertextualität: die Beziehungen zwischen  dem Koran und christlichen und jüdischen Literaturen; siehe z.B. Corpus Coranicum.
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Hier gebe ich zwei Beispiele. Einigen Gelehrten ist es aufgefallen, dass in Koranversen mit einem problematischen oder unerwünschten Inhalt in der alten Zeit relativ viele Textänderungen durchgeführt oder versucht worden sind.
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Ghilène Hazem referierte in einer Konferenz in Helsinki über ihre  Hypothese, dass ‘theologically problematic verses might have left traces at a manuscript level’: bei schwer verdaulichen Versen können Kopisten in den Handschriften Spuren ihrer Zweifel oder sogar Meinungen zurückgelassen haben. Hazems Ergebnisse werden bestimmt veröffentlicht, aber das kann nach einer Konferenz lange dauern; deshalb hat sie im Voraus etwas bei Twitter vorveröffentlicht.
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Dort weist sie hin auf Koran 38:17–18:اصبِر عَلىٰ ما يَقولونَ وَاذكُر عَبدَنا داوودَ ذَا الأَيدِ إِنَّهُ أَوّابٌ  إِنّا سَخَّرنَا الجِبالَ مَعَهُ يُسَبِّحنَ بِالعَشِيِّ وَالإِشراقِ
„Ertrage geduldig, was sie sagen und gedenke Unseres Knechtes David, des Kraftvollen. Er war bußfertig. Wir machten zusammen mit ihm (ma‘ahu) die Berge dienstbar, so daß sie [Uns] abends und bei Sonnenaufgang priesen.“
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Ist das nicht merkwürdig oder gar anstößig, dass David diesem Vers zufolge mitmachen darf, die Berge dienstbar zu machen? Viele moderne Übersetzer lassen das „zusammen mit“ in ihrer Übersetzung verschwinden, aber auch ein Kopist aus dem (frühen?) achten Jahrhundert fand es peinlich. Er schrieb das Wörtchen ma‘ahu, „zusammen mit ihm“ zwar ab, aber tat es in Rot. So erfüllt er seine Pflicht, akkurat abzuschreiben, aber drückte zur gleichen Zeit seinen Zweifel aus.

Der Zweifel des Kopisten war unberechtigt. Hazem weist noch hin auf Koran 21:79: وَسَخَّرنا مَعَ داوودَ الجِبالَ يُسَبِّحنَ وَالطَّيرَ وَكُنّا فاعِلينَ  „Und zusammen mit (ma‘aDavid machten Wir die Berge dienstbar, so daß sie [Uns] priesen, und die Vögel ebenso. Wir haben das getan.“ Der Koran hatte es also wirklich so gemeint. Lectio difficilior potior, „die schwierigere Lesart ist besser“— wen der Kopist auch kein Latein kannte, dieser Grundregel der Textkritik wird er sich bewust gewesen sein. Aber es gibt auch einen Vers, der das Problem auf anderer Weise aus der Welt schaffte: Koran 34:10 وَلَقَد آتَينا داوودَ مِنّا فَضلًا  يا جِبالُ أَوِّبي مَعَهُ وَالطَّيرَدَ „Wir haben einst David Unsere Huld erwiesen und sprachen: ‘O ihr Berge, singt zusammen mit ihm (ma‘ahu) preisende Kehrreime!, und ihr Vögel ebenso.’“
Hazem geht wohl zu Recht davon aus, dass die jüdische Davidlegende mehr Einblick in die Entwicklung des Motivs bieten wird, aber das ist ein anderes Thema.
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Fortsetzung: Neues aus der Arabistik: Koranforschung – 2.

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Alexander doch kein Bücherdieb

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🇳🇱 Während meines Italienurlaubs sah ich im Palazzo Te in Mantua auf einer Freske eine Abbildung von Alexander dem Großen mit einem Kästchen, das einige Buchbände enthielt. Sie illustriert einen Passus in Plutarchs Alexanderbiografie:

  • Als ihm ein Kästchen gebracht wurde, von dem diejenigen, die die Schätze und Güter von Darius  aufnahmen, sagten, dies sei das Allerkostbarste, fragte er seine Freunde, welche Kostbarkeit darin am besten aufbewahrt werden könne. Als viele unterschiedliche Antworte kamen, sagte er selbst, er wolle die Ilias darein legen um sie gut zu überwachen. 1

Alexander hat den persischen König Darius III (reg. 336–330 v.Chr.) in Etappen geschlagen, wobei er immer wieder reichlich Beute erwarb. Homers Ilias war ihm ein wichtiges Buch; er stellte sich ja gerne vor, er sei ein neuer Achilles.
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Könnte dies vielleicht mit der frühabbasidischen, eigentlich persischen Annahme zusammenhängen, dass Alexander alle Bücher von den Persern gestohlen hätte, so dass sie später wieder aus dem griechischen ins Arabische zurückübersetzt werden mussten? Dazu hatte ich hier etwas geschrieben.
Warum war das Kästchen zo kostbar? Vielleicht war es aus Gold und mit Edelsteinen besetzt. Es kann aber auch sein, das der Inhalt sehr kostbar war. Darius III hatte bekanntlich die alten persischen Zand Avesta-Texte herausgeben, übersetzen und kommentieren lassen. Sie bildeten das Mittelpunkt seiner Reichsideologie und wurden in seiner Schatzkammer aufbewahrt, die Alexander plünderte. Das Kästchen brachte er an sich, aber die persischen Bücher werden wohl das letzte gewesen sein, das ihn interessierte. Es ist gut denkbar, dass er die Bücher gleich weggeschmissen und ersetzt hat durch etwas, das ihm ein Schatz war: die Ilias, das wichtigste griechische Buch überhaupt. Und wenn es nicht wirklich so geschehen ist, ist es doch eine schöne Symbolik.
Das Thema kann noch etwas näheres Studium gebrauchen..

ANMERKUNG:
1. κιβωτίου δέ τινος αὐτῷ προσενεχθέντος, οὗ πολυτελέστερον οὐδὲν ἐφάνη τοῖς τὰ Δαρείου χρήματα καὶ τὰς ἀποσκευὰς παραλαμβάνουσιν, ἠρώτα τοὺς φίλους ὅ τι δοκοίη μάλιστα τῶν ἀξίων σπουδῆς εἰς αὐτὸ καταθέσθαι: πολλὰ δὲ πολλῶν λεγόντων αὐτὸς ἔφη τὴν Ἰλιάδα φρουρήσειν ἐνταῦθα καταθέμενος. (Plut. Alex. 26, 1–2)

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Mosul Eye in Marburg

Morgen, am 20. Juni, hält Omar Muhammed aka Mosul Eye einen Vortrag in Marburg. Titel: „Mosul between two caliphates 1918-2018“.
Er war es, der während der ISIS-Besatzung in Mosul die Außenwelt durch ein Blog informierte über was dort geschah: die Verfolgungen, die Zerstörungen. Jetzt setzt er sich ein für den Wiederaufbau, z.B. der einst sehr reichen Universitätsbibliothek.

Lesen Sie zur Info zum Beispiel seine Tweets: https://twitter.com/MosulEye

Ort: CNMS, Deutschhausstraße 12, 18.15 Uhr. Sie sind herzlich eingeladen.

Ahad, ein noch unbekannter Gott

🇳🇱 Der Gott des Korans heißt Allāh, das weiß jeder. Viele wissen auch, dass das ursprünglich kein Eigenname ist, sondern ein Substantiv mit Artikel: „der Gott“. Aber aufgrund dessen göttlichen Wesens, seines Handeln und seiner Eigenschaften ist es volkommen richtig das Wort Allāh als Eigenname aufzufassen.
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Dieser Gott wird im Koran oft al-raḥmān genannt. Das bedeutet „barmherzig“ und hat den Status eines Adjektivs, oder anderen zufolge den eines Substantivs bekommen. An vielen Stellen im Koran tritt das Wort aber als Eigenname auf, wenn es auch auf denselben Gott Bezug nimmt als Allāh. Innerhalb des Korans gibt es Hinweise, dass ein al-Raḥman früher als separater Gott aufgefasst wurde, z.B. Koran 17: 110 قل دعوا الله أو دعوا الرحمن  „betet zu Allāh oder betet zu al-Raḥmān“. Außerhalb des Korans ist es noch deutlicher. Bereits hundert Jahre vor Mohammed wurde im Jemen auf einer Inschrift der Gott Raḥmānān erwähnt, mit der sabäischen Endung -ān, die den Artikel darstellt. Er war der mittel- und südarabische high god des Himmels und der Sterne. Er ist aufgegangen in „dem Gott“, der im Islam der Einzige geworden ist.
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In den letzten Jaren wurden in Arabien Tausende Felsinschriften aus vorislamischer Zeit gefunden
. Einer davon lautet, in der Übersetzung von Ahmad al-Jallad, wie folgt:1 

  • He kept watch for his family while camping near water so O Aḥad and Allāt, may he who reads (this) have security and spoil.2

Hier werden also Schutz und Hilfe zweier Götter angerufen. Allāt ist eine Göttin, die auch bekannt ist aus dem Koran—wo sie natürlich als Göttin hat abgetan. Aḥad war noch unbekannt. Aḥad ist ein gängiges arabisches Wort, das „einer“ oder „jemand“ bedeutet. Aber offensichtlich war es auch der Name eines Gottes. Wenn man so will, kann man ihn auch in der Bibel entdecken: שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהוָה אֱלֹהֵינוּ יְהוָה אֶחָֽד „Höre Israël, der HERR ist unser Gott, der HERR ist Æḥad“ (5. Mose 6:4).
Für Muslime gilt aḥad als einer der „herrlichen Namen“ Gottes. Er kommt auch im Koran vor, in Sure 112: قل هو الله أحد „Sag: Er ist Allāh, ein Einziger,“ oder wenn wir das huwa weglassen (siehe dazu hier): „Allāh ist ein Einziger“. Ich kann mir die Frage nicht verkneifen: Haben wir auch hier mit einer Gottheit zu tun, die met „dem Gott“ gleichgesetzt wird: „Allāh ist Aḥad“? Sowie er mit al-Raḥmān identisch ist, ist er so auch identisch mit Aḥad? Ein Koranvers und eine ziemlich alte Inschrift reichen nicht für eine Schlussfolgerung, aber ich behalte den Gedanke im Kopf. Sollte es so sein, so enthielte der letzte Vers der Sura ein Wortspiel: ولم يكن له كفوا أحد : „und nicht einer (aḥad) ist ihm ebenbürtig.“
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Der Eigenname ‘Abd al-Aḥad, „Knecht des Einen,“ ist islamisch. Muslime verwenden oft einen der „herrlichen Namen“ in dieser Manier. Kam er auch schon in vorislamischer Zeit vor? Nach einigem Blättern in Namenlisten scheint das mir nicht der Fall zu sein, aber auch dies sollte als Möglichkeit offen gehalten werden.

ANMERKUNG
1. Al-Jallad hat hierzu interessante Tweets. Die Sache ist offensichtlich noch nicht reif für einen wissenschaftlichen Artikel. OCIANA, auf das er hinweist, ist das Online Corpus of the Inscriptions of Ancient North Arabia. Seihe dort auch unter Safaitic.
2. Safaitische Inschrift Nr. KRS 1131: kharaṣa ahl-oh ḥāṣ́era fa-hā-aḥad wal-lāt salām le-dhī da’aya. Safaitisch war ein Alfabet; man hat Tausende Inschriften in dieser Schrift gefunden zwischen Südsyrien und Nordsaudien. Man kann sie datieren zwischen dem 1. Jahrhundert v. Chr. und dem 4. n.Chr.

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