Unfähige Propheten

Einer Erzählung zufolge, die Mohammeds erstes Offenbarungserlebnis  schildert, hatte der Prophet sich auf den Berg Hirā’ zurückgezogen, als der Engel Gibrīl (Gabriel) zu ihm kam:

  • Der Prophet selbst erzählte dazu: Während ich schlief, kam Gibrīl zu mir mit einer Brokatdecke, auf der Schriftzeichen standen. Er sagte: „Lies!“ Ich sagte: „Ich kann nicht lesen (mā aqra’u).“ Darauf drückte er mit der Decke meinen Hals so kräftig zu, dass ich dachte, es wäre der Tod. Dann ließ er mich los [und sagte: „Lies!“ Ich antwortete: „Ich kann nicht lesen.“ Darauf drückte er abermals so kräftig, dass ich dachte, es wäre der Tod. Dann ließ er mich los] und sagte wieder: „Lies!“ Ich sagte: „Was soll ich lesen? (mā dhā aqra’u)“ und das sagte ich nur um ihn los zu werden, aus Angst, dass er es noch mal tun würde. Da sagte er: Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen. Lies im Namen deines Herrn, der erschuf,—erschuf den Menschen aus einem Klumpen Blut. Lies! denn dein Herr ist der Allgütige, der (den Menschen) lehrte durch die Feder, den Menschen lehrte, was er nicht wusste. [Koran 96:1–5] Dies rezitierte ich; dann ließ er mich los und ging weg. Als ich aufwachte war es, als wäre es in mein Herz geschrieben.
    Nun gab es kein Geschöpf, das mir verhasster war als Dichter und Besessene; ich konnte sie einfach nicht riechen. Und ich dachte: „O wehe, dieser Nichtswürdige“—er meinte sich selbst—„ist ein Dichter oder Besessener. Aber das werden die Quraisch nie von mir sagen! Ich werde hoch auf den Berg steigen und mich herunterstürzen und töten, dann habe ich Ruhe.“ In der Absicht machte ich mich also auf den Weg, aber als ich mitten auf dem Berg war, hörte ich eine Stimme vom Himmel: „Mohammed! Du bist der Gesandte Gottes, und ich bin Gibrīl.“ Ich schaute hoch zum Himmel und siehe da, es war Gibrīl in der Gestalt eines Mannes, der mit seinen Füßen neben einander am Horizont stand. Wieder sagte er: „Mohammed! Du bist der Gesandte Gottes, und ich bin Gibrīl.“ Ich sah ihn weiter an und das brachte mich von meinem Vorhaben ab; ich ging weder vorwärts noch rückwärts. Da wollte ich meinen Blick von ihm abwenden, aber in welche Richtung ich auch schaute, überall sah ich ihn wieder so stehen. Dort blieb ich so lange, ohne einen Schritt vorwärts oder Rückwärts zu tun, dass Khadīdja schon ihre Boten sandte um nach mir zu suchen; sie kamen bis oberhalb von Mekka, während ich noch am selben Ort stand. Dann verließ er mich.1

Diese Erzählung beschreibt das, was christliche Theologen eine Berufungsvision nennen. Von verschiedenen Propheten wird im Alten Testament erzählt, wie sie anfangs meinen der Aufgabe, die Gott ihnen auferlegen will, nicht gewachsen zu sein.
Moses wird beauftragt sein Volk aus Ägypten ins Land Kanaan zu führen. Er hat einige Ausreden und bringt zum Schluss vor: „Ach Herr! Ich bin kein redegewandter Mann […] denn unbeholfen ist mein Mund und unbeholfen meine Zunge.“ (2. Mose 4:10).

Jesaja sieht eine Ehrfurcht gebietende Vision des Herrn, umgeben von zwei Seraphim. Er ruft aus: „Wehe mir, ich bin verloren! Denn ein Mann mit unreinen Lippen bin ich …“ (Jesaja 6:5).
Jeremia sagt bei seiner Berufung: „Ach Herr, Herr, ich verstehe nicht zu reden; denn ich bin zu jung“ (Jeremia 1:6).
Hesechiel erschrickt gewaltig und fällt beim Anblick einer überwältigenden Vision auf sein Angesicht (Hesechiel 1–3).

Die Propheten haben Recht. Natürlich sind sie nicht im Stande ihre Aufgabe ohne Weiteres zu erfüllen. Aber Gott macht sie bereit und stärkt sie dazu, gibt ihnen seine Worte ein, worauf es dann gelingt. Jesajas unreine Lippen werden mit einer glühenden Kohle vom Altar gereinigt; dann ist er bereit zu prophezeihen. Hesechiel wird von Gott „emporgehoben“; er hat schon eine Schriftrolle zu essen bekommen, „süß wie Honig,“ und ihm wird die nötige Härte verliehen; Mohammed bekommt die Schrift buchstäblich fast in seinen Hals gepresst. Sowohl Hesechiel (Hes. 3:14–15) als auch Mohammed sind nach der Berufungsvision schwer angeschlagen.
Nur der biblische Prophet Jona sagt nicht, dass er kein Prophet sein kann; er weigert sich einfach. Sein Auftrag ist es in die große Stadt Ninive im Irak zu gehen, aber er nimmt ein Schiff in eine andere Richtung—das ist ein anderer Fall. Mohammed passt in die Reihe der anderen Propheten, die sich zunächst unfähig fühlen.

Ich musste etwas nachdenken über die Wörter mā aqra’u in der Erzählung über Mohammeds Berufung, oben übersetzt als: „Ich kann nicht lesen“— wobei wohlgemerkt in der alten Zeit lesen immer bedeutete: laut lesen, rezitieren.
mā aqra’u word manchmal aufgefasst als: „Was werde/soll ich lesen?“, aber naheliegender wäre in dem Fall mā dhā aqra’u, was etwas später kommt. Der Kontrast zwischen zweimal mā aqra’u und einmal mā dhā aqra’u ist beabsichtigt.
mā aqra’u ist in allerlei Varianten des modernen(!) gesprochenen Arabisch ein neutrales: „Ich lese nicht/werde nicht lesen“. In der Schriftsprache war und ist das aber lā aqra’u.
+ Imperfekt. Nach W. Fischer, Grammatik des klassischen Arabisch, Wiesbaden 21987, § 321 „bestreitet mit Impf. den Vorgang oder dessen Möglichkeit: [… ] mā yarāka, ‘er sieht dich gar nicht, kann dich nicht sehen’.“ Die anderen Grammatiken des klassischen Arabisch haben zu diesem Punkt nichts mitzuteilen.

Auf Grund dieses Paragraphen bei Fischer und der obigen biblischen Vorbilder habe ich in der Erzählung über das erste Offenbarungserlebnis die Übersetzung: „Ich kann nicht lesen“ gewählt.

ANMERKUNGEN

1. At-Tabarī, [Ta’rīkh al-rusul wal-mulūk] Annales, hrsg. M.J. de Goeje et al., 14 Bde., Leiden 1879–1901, i, 1150:

قال رسول الله ص: فجاءني [جبريل] وأنا نائم بنمط من ديباج فيه كتاب ، فقال: اقرأ، فقلت: ما أقرأ. فغتني حتى ظننت أنه الموت، ثم أرسلني فقال: اقرأ، فقلت: [ما أقرأ ؟ قال : فغتني به حتى ظننت أنه الموت، ثم أرسلني، فقال: اقرأ، قلت:] ماذا أقرأ؟ ما أقول ذلك إلا افتداء منه أن يعود إلي بمثل ما صنع بي، قال:(اقرأ باسم ربك الذي خلق) ألى قوله (علم الإنسان ما لم يعلم.) قال: فقرأته. قال: ثم انتهى ثم انصرف عني وهببت من نومي ، وكأنما كتبت في قلبي كتابا. قال: ولم يكن من خلق الله أحد أبغض إلي من شاعر أو مجنون، كنت لا أطيق أن أنظر إليهما، قال: قلت إن الأبعد – يعني نفسه – لشاعر أو مجنون، لا تحدث بها عني قريش أبدًا. لأعمدنّ إلى حالق من الجبل فلأطرحنّ نفسي منه فلأقتلنّها فلأستريحنّ.) قال: فخرجت أريد ذلك حتى إذا كنت في وسط من الجبل سمعت صوتا من السماء يقول : يا محمد، أنت رسول الله وأنا جبرئيل. قال: فرفعت رأسي إلى السماء ، فإذا جبريل في صورة رجل صاف قدميه في أفق السماء يقول: يا محمد، أنت رسول الله وأنا جبرئيل. قال: فوقفت أنظر إليهِ فما أتقدم وما أتأخر، وجعلت أصرف وجهي عنه في آفاق السماء فلا أنظر في ناحية منها إلا رأيته كذلك ، فما زلت واقفا ما أتقدم أمامي ولا أرجع ورائي حتى بعثت خديجة رسلها في طلبي ، ختى بلغوا أعلى مكة ورجعوا إليها وأنا واقف في مكاني؛ ثم انصرف عني.

Der häufiger gelesene Ibn Hishām hat die Teile zum Selbstmordvorhaben aus der Vorlage von Ibn Ishāq gestrichen; deshalb zitiere ich hier die Fassung von at-Tabarī, die den ursprünglichen Wortlaut erhalten hat. Dafür hat Ibn Hishām dreimal den Auftrag: „Lies!“ Das zweite Mal habe ich hier zwischen Klammern hinzugefügt. Dreimal ein Auftrag und zweimal eine Weigerung ist klassisch; das gibt es z.B. auch in der Erzählung von der Berufung des Mönchs Cædmon bei Beda Venerabilis.

Diakritische Zeichen: Ḥirāʾ, Ǧibrīl, Quraiš, aṭṬabarī, taʾrīḫ, Hišām, Isḥāq

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Gott erpressen

In einer Erzählung der Prophetenbiografie versucht Mohammed Gott zu erpressen. In der Schlacht bei Badr sieht es eine Weile für Mohammed und seine Kämpfer ganz schlecht aus. Gott hatte Hilfe versprochen, aber diese lässt auf sich warten und der Feind droht die Schlacht für sich zu entscheiden. Darauf betet der Prophet zu Gott und sagte unter anderem: „O Gott, wenn dieser Trupp heute verloren geht, wirst du nicht mehr angebetet!“ Sein Gefährte Abū Bakr findet, dass das zu weit geht und sagt: „Prophet, belästige deinen Herrn nicht ständig mit deinem Gebet! Gott wird bestimmt schon erfüllen, was er versprochen hat.“ Und so geschieht es auch, denn „darauf schlief der Prophet kurz ein und als er aufwachte, sagte er: ,Sei frohen Mutes, Abū Bakr, denn Gottes Hilfe ist gekommen! Hier ist Gabriel und er führt ein Pferd am Zügel mit, das Staub auf seinen Vorderzähnen hat.”’ 1
Hat Gott sich von seinem Gesandten erpressen lassen oder war die Hilfe ohnehin schon unterwegs? Wir wissen es nicht.

Im Dies iræ, einer mittelalterlichen Hymne über das Jüngste Gericht, die noch bis 1971 fester Bestandteil der katholischen Requiem-Messe war, wird Jesus unter Druck gesetzt: Recordare Iesu pie quod sum causa tuæ viæ, ne me perdas illa die …: „Denke daran, lieber Jesus, dass ich der Grund Deines Lebens bin; richte mich an dem Tag nicht zu Grunde!“ Mit anderen Worten: vergib mir meine Sünden und schick mich nicht in die Hölle, denn ohne arme Sünder wie mich hätte es Dich nicht einmal gegeben! Und lass die Mühe Deines Kreuzestodes nicht umsonst gewesen sein: tantus labor non sit cassus.

Ich gehe davon aus, dass diese Art von Erpressung in allen drei westlichen Religionen vorkommt. Bestimmt ist Gott auch in den Diskussionsrunden der Talmudrabbiner gehörig herangenommen worden. Ich werde nicht extra suchen, denn dann findet man nichts, aber ich lasse diesen Beitrag offen für Beispiele, auf die ich irgendwann stoße. Wenn Sie, lieber Leser, eines zur Hand haben oder finden, melden Sie sich bitte.

ANMERKUNG
1. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, Hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 444; Übersetzung A. Guillaume, The Life of Muhammad, Oxford 1955, 300.

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Aischa: ein Fall von Akkomodation

Es kam eine Frage: „Was sagt der Koran zu Aischa?“1 Meine Antwort lautet: „Nichts, verehrter Leser, gar nichts.“ Sehr vieles, was zur islamischen Religion gehört, steht nun einmal nicht im Koran.

Aischa soll die Lieblingsfrau des Propheten Mohammed gewesen sein. Und so überrascht es nicht, dass Muslime seit Jahrhunderten dennoch immer wieder gemeint haben, etwas über sie in der heiligen Schrift lesen zu können. Koran 24:11 zum Beispiel soll sogar in Bezug auf sie offenbart worden sein:

Diejenigen, welche die große Lüge vorbrachten, sind eine Gruppe unter euch. Glaubt nicht, es sei ein Übel für euch; im Gegenteil, es ist euch zum Guten. Jedem von ihnen soll die Sünde, die er begangen hat[, vergolten werden]; und der unter ihnen, der den Hauptanteil daran hatte, soll eine schwere Strafe erleiden.

Eigentlich gehören auch die nächsten Verse noch dazu:

Warum dachten die gläubigen Männer und Frauen, als ihr es hörtet, nicht Gutes von ihren eigenen Leuten und sprachen: „Das ist eine offenkundige Lüge“?
Warum brachten sie nicht vier Zeugen dafür? Da sie keine Zeugen gebracht haben, sind sie es also, die vor Allah die Lügner sind.
Wäre nicht Allahs Huld und Seine Barmherzigkeit über euch, hienieden und im Jenseits, eine schwere Strafe hätte euch getroffen für das, worin ihr euch einließet.
Als ihr es übernahmt mit euren Zungen und ihr mit eurem Munde das aussprachet, wovon ihr keine Kenntnis hattet, da hieltet ihr es für eine geringe Sache, indes es vor Allah eine große war. [Koran 24:12–15]

Lesen Sie hier etwas zu Aischa? Das gelingt nur, wenn Sie bereit sind eine ganze Erzählung im Kauf zu nehmen, nämlich „die Lüge“ (al-ifk). Diese entstand Jahrzehnte nach dem Koran und geht nicht auf den Propheten zurück, wie man das bei Hadithen gerne hat, sondern auf unterschiedliche Überlieferer. Die Erzählung2 geht so: Während einer Reise bleibt Aischa kurz zurück. Die Karawane zieht weiter ohne zu bemerken, dass sie fehlt. Sie wird von einem Mann zurückgebracht und sofort verbreitet sich das Gerücht, dass dieser die Situation missbraucht habe. Eine Hetzkampagne kommt in Gang, die sogar den Propheten nicht unberührt lässt: Eine Zeitlang ignoriert er Aischa. Letztendlich wird alles gut, weil Gott selbst eingreift und die obigen Koranverse offenbart, in denen Aischa von jeder Schuld freigesprochen wird und den Verleumdern Strafe angedroht wird.
Dies alles „wissen“ wir also aus einer Erzählung, die nicht aus dem Koran, sondern aus der Prophetenbiografie stammt. Sie wird seit Jahrhunderten in Korankommentaren und Prophetenbiografien wiederholt, aber weil deren Verfasser normal sterbliche Menschen waren — Heilige oder Kirchenväter gibt es im Islam nicht — ist niemand daran gebunden.

Wenn eine Erzählung viel Korantext enthält, gibt es grob gesagt zwei Möglichkeiten:

    • 1. Der Korantext steht im Mittelpunkt und die Erzählung dient zur Erklärung des Korantexts. Das heißt Koranexegese (tafsīr).
    • 2. Es gab erst eine Erzählung. Um diese überzeugender oder erbaulicher zu gestalten werden darin Koranverse eingeflochten: Verse, die vielleicht ursprünglich von etwas ganz anderes handelten. Das heißt koranisieren.

Auf jeden Fall wird der Korantext zumindest einige Jahrzehnte älter sein als die Erzählung.

Die Erzählung von Aischas Unschuld diente dazu, der Hetzkampagne wegen ihrer angeblichen Unkeuschheit entgegenzutreten. Aber hat wirklich jemand die blutjunge Frau des Propheten ein oder zwei Jahre nach ihrer Hochzeit mit Schlamm bewerfen wollen? Das muss erst viel später geschehen sein, rückwirkend, als der Prophet längst gestorben war und Aischa politisch aktiv war und sich im Konflikt mit Kalif ‘Alī (reg. 656–661) befand. Die Verfasser bemühen sich sehr, Aischas Unschuld zu beweisen und ziehen dabei alle Register, auch koranische. Einen ursprünglichen Bezug zwischen der Erzählung und den Koranversen sehe ich nicht. Der Koran ist sekundär herangezogen, oder anders gesagt: die Erzählung wurde koranisiert.

Aischa ist längst nicht das einzige Thema, über das Muslime gerne etwas im Koran lesen wüden—und das letztendlich auch tun.

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Mulier amicta sole

Mulier amicta sole

Ich war neugierig, ob auch Christen solche Fälle kennen.  Und in der Tat, bei Maria, der Mutter Jesu, der first lady der Christen, wurde ich gleich fündig. Sie kommt zwar in der Bibel vor: Es gibt die wohlbekannte Weihnachtsgeschichte und noch einige Splitter, aber für die Millionen Marienverehrer war das offensichtlich nicht genug. Deshalb haben sie eine Anzahl Bibelverse neu interpretiert, um ihre Sehnsucht zu erfüllen. In Offenbarung 12:1 erscheint beispielsweise „eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.“ 3 Sie ist hochschwanger und ein Drache mit sieben Häuptern liegt schon auf der Lauer um ihr Kind zu verschlingen, aber das wird gerettet und zu Gott entrückt. Man könnte hier tatsächlich an die Mutter Gottes denken, denn das Kind ist ein „Knabe, der alle Völker weiden sollte mit eisernem Stabe,“ und der eiserne Hirtenstab ist Vers 19:15 zufolge auch das Attribut Christi. Dann hätte der Autor der Offenbarung aber eine ganz andere Auffassung von Jesu und seiner Mutter gehabt als die Evangelisten. Vielleicht hatte er Eva oder die Frau im Allgemeinen im Kopf. Bereits 1. Mose 3:15 sagt ja den Kampf zwischen der Schlange und der Frau vorher.4

Turris davidica

Turris davidica

Noch merkwürdiger ist es, Maria in Hohelied (4:4) entdecken zu wollen, wo „Salomo“ seine Geliebte besingt: „Dein Hals ist wie der Turm Davids (turris davidica), mit Brustwehr gebaut, an der tausend Schilde hangen, lauter Schilde der Starken.“ 5 Auch dieser Vers wird in der katholischen Kirche auf Maria bezogen. Der Bezug zu der erst Jahrhunderte später lebenden Mutter Gottes ist sehr weit hergeholt. Der Vergleichspunkt ist hier wohl die Stärke eines Turms und der Schutz, den er bietet.

Der Bedarf an Mariaversen in der Bibel war offensichtlich so enorm, dass auch dieser Vers zum Zweck der Verehrung herangezogen wurde. Einer Wikipedia-Seite entnehme ich den technischen Terminus, den ich sonst nirgendwo finde: Akkomodation, eine dogmatisch korrekte und liturgisch verwertbare Anwendung eines Schriftwortes auf eine heilige Person oder Sache, die aber im Text selbst keine Stütze findet.

Ein Fall der Akkomodation, den sich auch die Protestanten zu eigen gemacht haben, ist die Entdeckung des Heiligen Geistes, des dritten Glieds der Heiligen Dreifaltigkeit, in den Worten der Schöpfungsgeschichte: „… und Gottes Geist/Wind (Hebr.: ruach) schwebte auf dem Wasser“ (1. Mose 1: 2).6

Ohne Zweifel gibt es noch viele andere Bibelverse, in denen man ganz andere Themen behandelt gesehen hat ohne sich auf den Text stützen zu können.

Muslime und Christen haben andere Herangehensweisen, aber alle bedienen sie sich freimütig in ihrer jeweiligen Heiligen Schrift, wenn sie darin etwas lesen möchten, das diese gar nicht enthält. Zu den Eigenschaften heiliger Schriften gehört offensichtlich, dass sie fast unendlich dehnbar sind, bis weit außerhalb der Grenzen ihres Textes.

 

ANMERKUNGEN
1. Aischa soll die Lieblingsfrau des Propheten Mohammed gewesen sein. Siehe zu ihr hier.
2. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, Hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 731–739; Übersetzung A. Guillaume, The Life of Muhammad, Oxford 1955, 493–499.
3. Mulier amicta sole et luna sub pedibus eius et in capite eius corona stellarum duodecim. Hier auch das ursprüngliche Griechisch: γυνὴ περιβεβλημένη τὸν ἥλιον, καὶ ἡ σελήνη ὑποκάτω τῶν ποδῶν αὐτῆς, καὶ ἐπὶ τῆς κεφαλῆς αὐτῆς στέφανος ἀστέρων δώδεκα, aber solche Sachen hören sich oft auf Latein viel besser an.
4. Die Wörter „deinem Nachkommen“ (τοῦ σπέρματος ἀυτῆς, de semine eius) werden in Offenbarung 12:17 wieder aufgegriffen „von ihrem Geschlecht“, aber sind lost in translation.
5. Sicut turris David collum tuum, quae aedificata est cum propugnaculis: mille clipei pendent ex ea, omnis armatura fortium. כְּמִגְדַּל דָּוִיד צַוָּארֵךְ, בָּנוּי לְתַלְפִּיּוֹת; אֶלֶף הַמָּגֵן תָּלוּי עָלָיו, כֹּל שִׁלְטֵי הַגִּבֹּרִים.
6. Et spiritus Dei ferebatur super aquas. וְרוּחַ אֱלֹהִים, מְרַחֶפֶת עַל-פְּנֵי הַמָּיִם,

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Mohammeds Hidschra im Koran

Die Hidschra war die Migration des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina. Das Datum der Hidschra, der 20. September 622 (oder auch ein anderes), wurde nicht mal zwanzig Jahre später zum Anfangspunkt der islamischen Jahreszählung gemacht. Das Ereignis wurde also als höchst wichtig betrachtet.

Im Koran kommt das Verbalsubstantiv hidjra nicht vor. Des öfteren ist jedoch die Rede von Menschen, die ausgewandert sind (alladhīna hādjarū), oder kurz von Emigranten (muhādjirūn). Diese sind „zu Gott und seinem Gesandten“ ausgewandert, oder „auf dem Weg Gottes“. Letzteres bedeutet meist Krieg führen: Emigration geht dann mit dem Kampf für die gute Sache einher. Nur einmal deutet der Koran an, dass auch der Prophet ein muhādjir war, und das nur indirekt: In Vers 33:50 ist von weiblichen Verwandten die Rede, „die mit dir ausgewandert sind“.

Von den Emigranten wird im Koran einige Male gesagt, dass sie „aus ihren Wohnstätten vertrieben wurden“ (ukhridjū min diyārihim). An einigen Stellen wird das auch vom Propheten gesagt, z.B. in Koran 9:40; 47:13.  In 17:76 heißt es: „Und sie hätten dich beinahe aus dem Land verscheucht, um dich daraus zu vertreiben“ und in 9:13 dass sie vorhatten ihn zu vertreiben.

Von welcher Art war Mohammeds Emigration, was war ihr Grund? Der niederländische Orientalist Chr. Snouck Hurgronje bekämpfte 1886 die damals gängige Meinung, die Hidschra sei eine Flucht gewesen.1 Das Wort bedeutet ja nicht Flucht, sondern: „die Beziehungen abbrechen, sich lossagen, seine Stadt oder seinen Stamm verlassen um sich woanders niederzulassen, auswandern“. Snouck zufolge war sie Teil eines Plans, einer Strategie: „Die Hidschra wurde also von Mohammed, wegen seiner im Lauf der Zeit veränderten Auffassung von seiner Sendung, lange im Voraus sorgfältig geplant.“ So ist auch die gängige islamische Darstellung, die bereits bei ‘Urwa ibn al-Zubair zu lesen ist, obwohl bei ihm der Plan, die Strategie natürlich ein Heilsplan Gottes ist. Im großen Ganzen wird es bei den Orientalisten so beschrieben wie bei Snouck.1

Die allgemein bekannte Erzählung von der Hidschra steht nicht im Koran, sondern in den biografischen Texten über Mohammed (sīra) und in Hadithen, selbstverständlich in unterschiedlichen Fassungen; z.B. in zwei kurzen von ‘Urwa3 und in einer ausgearbeiteten Version von Ibn Ishāq.4 In groben Zügen läuft es so: Mohammed und seine Anhänger werden in Mekka gemobbt. Manche Gläubigen emigrieren deswegen nach Äthiopien, die meisten kommen nach einiger Zeit wieder. Versuche unter den Beduinen und in Tā’if Unterstützer zu finden verlaufen im Sande. Eine Gruppe Einwohner von Yathrib (Medina), die zum Jahrmarkt nach Mekka kommt, will sich aber doch auf Mohammed einlassen. Nach zwei Jahren der Verhandlungen und Vorbereitungen reisen erst die Gläubigen ab nach Medina und darauf Mohammed selbst.

Das im Koran verwendete Verb akhradja, „hinauswerfen, vertreiben, ausweisen“, bezeichnet tatsächlich nicht eine Flucht, aber auch keine souveräne Entscheidung abzureisen. In der biografischen Erzählung kommt das „Hinauswerfen“ gar nicht vor—oder nur einmal, aber verneint. Ibn Ishāq hat an seine Version eine Vergrößerung von Koran 8:30 hinzugefügt. In der Erzählung berät der Gemeinderat von Mekka über das, was mit Mohammed zu tun sei: soll man ihn töten, ihn rauswerfen oder ihn einsperren? In der Erzählung wird der Beschluss gefasst ihn eben nicht rauszuwerfen: dann würde er ja außerhalb Verbündete suchen. Nein, sie werden ihn in der Nacht in seinem eigenen Bett töten. Gott warnt Mohammed aber und dieser weiß … zu fliehen. Nach einer spannenden Verfolgungsjagd findet er mit Gottes Hilfe Zuflucht in einer Höhle und erreicht von dort aus Medina. Also doch eine Flucht—aber nur in einer Ergänzung der Hidschra-Erzählung.

Offensichtlich vermieden es die Biografen aus Feingefühl, das koranische Motiv des „Hinauswerfens“ mit Mohammeds Hidschra in Verbindung zu bringen, da diese ihnen zufolge nicht von einer erniedrigenden Initiative der Heiden ausgelöst wurde, sondern auf einem Heilsplan Gottes beruhte und aus selbständigem Handeln seines Propheten heraus erfolgte. Das hört sich erheblich positiver an. Inzwischen habe ich den Eindruck, dass auch in modernen Betrachtungen ignoriert wird, dass die Hidschra de facto ein Rauswurf war – oder zumindest ganz wie einer aussah.

ANMERKUNGEN
1. In seinem Twee populaire dwalingen verbeterd, Nachdruck in Chr. Snouck Hurgronje, Verspreide geschriften, 6 Bde., Bonn/Leiden 1923–27, i, 295–305. (online hier oder hier).
2. Ein bequemer Überblick steht bei W. Montgomery Watt, Muhammad at Mecca, Oxford 1953, 141–51.
3. In ‘Urwas Brief an Kalif ‘Abd al-Malik (al-Tabarī, Ta’rīkh  i, 1180–1, 1224–5, 1234ff) und in seiner Erzählung bei ‘Abd ar-Razzāq as-San‘ā’ī, Musannaf STELLE@. S. weiter A. Görke und G. Schoeler, Die ältesten Berichte über das Leben Muḥammads. Das Korpus ‘Urwa ibn az-Zubair, Princeton 2008, 39ff.
4. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, Hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 217–223.

Diakritische Zeichen: hiǧra, allaḏīna hāǧarū, muhāǧirūn, uḫriǧū, ʿUrwa, Ibn Isḥāq, Ṭāʾif, aḫraǧa, al-Ṭabarī, Taʾrīḥ, ʿAbd ar-Razzāq aṣ-Ṣanʿāʾī, Muṣannaf

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Umars Bekehrung (übersetzter Text)

‘Abdallāh ibn Mas‘ūd hat erzählt: Bevor ‘Umar Muslim wurde, konnten wir das Gebet nicht bei der Ka‘ba verrichten. Als er zum Islam übergetreten war, bekämpfte er die Quraisch so lange, bis er dort beten konnte, und wir mit ihm. ‘Umar wurde Muslim, nachdem die Gefährten des Propheten nach Äthiopien gezogen waren.
Wie ich erfahren habe, verlief die Bekehrung ‘Umars so: Seine Schwester Fātima und ihr Mann Sa‘īd ibn Zaid waren schon Muslime geworden, aber sie verschwiegen es ‘Umar. Sein Stammesgenosse Nu‘aim ibn ‘Abdallāh war auch Muslim geworden und auch er verheimlichte es aus Angst vor seiner Verwandtschaft. Khabbāb ibn Aratt besuchte Fātima oft um ihr den Koran zu rezitieren.
Eines Tages umgürtete ‘Umar sich mit seinem Schwert und begab sich zum Propheten. Man hatte ihm nämlich gesagt, dass dieser mit einer Anzahl seiner Gefährten in einem Haus bei Safā versammelt war. Sie waren ungefähr vierzig Personen, Männer wie Frauen, unter denen Mohammeds Onkel Hamza, Abū Bakr und ‘Alī und noch andere Muslime waren, die bei dem Propheten in Mekka geblieben und nicht nach Äthiopien gezogen waren. Unterwegs traf ‘Umar Nu‘aym ibn ‘Abdallāh, der ihn fragte, wohin er gehe.
„Zu Mohammed,” sagte er, „diesem Sabier, der unter den Quraisch Zwietracht sät, ihre besten Tugenden Torheiten nennt, ihre Religion schmäht und ihre Götter verflucht. Ich werde ihn töten!”
„Du betrügst dich selbst, ‘Umar,” sagte Nu‘aym, „meinst du, dass die ‘Abd Manāf dich hier frei herumlaufen lassen werden, nachdem du Mohammed getötet hast? Solltest du nicht besser erst deine Angelegenheiten in der eigenen Familie in Ordnung bringen?”
„Was ist mit meiner Familie?”
„Dein Schwager und Vetter Sa‘īd und deine Schwester Fāṭima sind auch Muslime geworden und bekennen sich zu Mohammeds Glauben. Kümmere dich erst mal darum!”
‘Umar kehrte um und ging zu seiner Schwester und seinem Schwager. In dem Augenblick war Khabbāb ibn Aratt gerade bei ihnen; er hatte ein Blatt bei sich, auf dem die Sure Tāhā geschrieben war, die er ihnen rezitierte. Als sie ‘Umar kommen hörten, versteckte Khabbāb sich in einem Zimmerchen oder irgendwo im Haus, während Fatima das Blatt nahm und sich daraufsetzte. ‘Umar hatte aber, als er sich dem Haus näherte, Khabbāb schon rezitieren gehört und fragte sobald er hereintrat:
„Was war das für ein Kauderwelsch?”
„O, das war nichts.”
„Doch, doch, und mir ist auch gesagt worden, dass ihr der Religion des Mohammeds anhängt!”
Mit diesen Worten ging er seinem Schwager zu Leibe und als Fātima dazwischen kommen wollte, verpasste er auch ihr einen Schlag auf den Kopf.
„Ja,” sagten sie dann, „wir sind Muslime geworden und wir glauben an Gott und seinen Gesandten. Mache mit uns, was du willst!”
Als ‘Umar sah, wie seine Schwester blutete, tat sie ihm Leid, er tat einen Schritt rückwärts und sagte zu ihr: „Gib mir das Blatt mal, von dem ich gerade rezitieren hörte, damit ich sehe, was Mohammed verkündet.” ‘Umar konnte nämlich lesen und schreiben. Aber sie wollten es ihm nicht anvertrauen. „Keine Angst,” sagte er und er schwor ihr bei seinen Göttern, er werde es ihr zurückgeben, wenn er es gelesen habe. Da hoffte Fātima, dass er Muslim werden würde, und sagte: „‘Umar, du bist unrein, weil du ein Heide bist, und nur wer rein ist darf ihn berühren. 1 ‘Umar wusch sich; darauf gab sie ihm das Blatt mit der Sure Ṭāhā. Nachdem er ein Stück daraus gelesen hatte, rief er aus:
„Was für wunderbare, edle Worte!”
Als Khabbāb das hörte, kam er aus seinem Versteck und sagte: „‘Umar, ich hoffe, dass Gott dich auserwählt hat durch das Gebet Seines Propheten, denn diesen habe ich gestern beten hören: “O Gott, stärke den Islam durch die Bekehrung des Abū Ḥakam oder des ‘Umar!” Komm zu Gott, ‘Umar, komm zu Gott!”
Dann sagte ‘Umar: „Sag mir, wo ich Mohammed finden kann, Khabbāb; dann werde ich Muslim.”
Khabbāb antwortete, er sei mit einer Anzahl Gefährten in einem Haus bei Safā. ‘Umar legte sein Schwert um und machte sich auf den Weg. Er klopfte an die Tür des Hauses, in dem sie sich aufhielten. Als sie ihn hörten, ging einer der Gefährten zur Tür um durch einen Spalt zu schauen, wer da sei. Voller Angst kam er zurück zum Propheten und rief: „Prophet, es ist ‘Umar, und er trägt sein Schwert.” Hamza ibn ‘Abd al-Muttalib aber sagte: „Lasst ihn herein; wenn er gute Absichten hat, behandeln wir ihn gut; wenn er Böses will, töten wir ihn mit seinem eigenen Schwert.” Der Prophet willigte ein und der Mann öffnete ‘Umar die Tür. Der Prophet ging auf ihn zu, packte ihn fest an seinem Gürtel und zog ihn an sich.
„Was willst du hier, Ibn al-Khattāb?” sagte er, „denn du machst glaube ich weiter, bis Gott Unheil über dich herabsendet.”
„Prophet, ich bin gekommen um an Gott und seinen Gesandten und seine göttliche Botschaft zu glauben.”
„Gott ist groß!” schrie der Prophet, so dass alle Gefährten im Haus wussten, dass ‘Umar Muslim geworden war.
Darauf gingen die Gefährten frohen Mutes auseinander, nun da sowohl Hamza wie auch ‘Umar Muslime geworden waren. Sie wussten ja, dass diese beiden Männer den Propheten schützen würden und dass sie mit ihrer Hilfe von ihrem Feind ihr Recht erlangen könnten.
Dies ist die Erzählung der Überlieferer aus Medina über den Islam ‘Umars.

Einige Bemerkungen von mir zu dieser Erzählung finden Sie hier.

ANMERKUNG
1. Gemeint ist der Koran. Der zitierte Vers ist 56:79.

QUELLE: Ibn Isḥāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 224–7 (verkürzt).

Diakritische Zeichen: ʿUmar ibn al-Ḫaṭṭāb, Fāṭima, Ṣafā , Ḥamza ibn ʿAbd al-Muṭṭalib, Ṭāhā, Abū Ḥakam

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Einundvierzig Höllenqualen

Momentan arbeite ich konzentriert an der Ausgabe eines alten arabischen Textes, das Kitāb al-‘Azama.

Eine Textausgabe hat etwas Handwerkliches, etwas Gemütliches für die Winterabende: Rätsel lösen, mit (Fotos von) ungefähr zehn alten Handschriften auf dem Tisch. Nachdem ich zur Einstimmung ein Fragment über die heiße und die kalte Hölle hier eingegeben hatte, sind jetzt die Höllenqualen an der Reihe, um die vierzig an der Zahl, eine noch grausamer als die andere — das macht richtig Spaß. Um Ihnen einen Eindruck zu geben: Es sieht so aus:

  • – Darauf wurden andere aus dieser Gemeinschaft gebracht, deren Haut abgezogen und danach wieder aufgebracht wurde. Über sie rief ein Herold: Dies sind diejenigen, die sich um einen guten Ruf und Ruhm bei den Fürsten und Sultanen dieser Welt bemüht haben.
    – Darauf wurden andere aus dieser Gemeinschaft gebracht, deren Bauch aufgeschlitzt wurde, in den dann Pfähle aus Feuer getrieben wurden und denen ihre Ohren zu essen gegeben wurden. Über sie rief ein Herold: Dies sind die Imame und Muezzins der Muslime, die zum Gebet riefen, aber für Lohn beteten, die Güter der Menschen begehrten und sich die Belohnung bei Gott versagten.
    – Darauf wurden andere aus dieser Gemeinschaft gebracht, die mit dem Kopf nach unten gekreuzigt wurden und in deren Ohren Blei aus dem Höllenfeuer gegossen wurde. Über sie rief ein Herold: Dies sind diejenigen, die an der Botschaft Mohammeds zweifelten.

Solche Texte gab es schon im alten Persien, aber sie sind auch in apokryphen christlichen Texten zu finden — und in der Biographie des Propheten Mohammed, der ja während seiner Reise durch Himmel und Hölle seine Augen offen gehalten haben soll. Ein kurzer Hinweis auf die verwandten Texte bereits hier.

Man kann schon verstehen, warum der Koran so gerne gelesen wird. Der spielt ja immer nur kurz auf die Hölle an, so dass sich jeder selbst Angst einjagen kann. Bei ausgearbeiteten Beschreibungen der Höllenqualen wie den obigen tritt nach einiger Zeit Langeweile ein und der Schrecken bleibt aus. Man sieht auch in den Handschriften, dass der eine oder andere Kopist mit Leichtigkeit noch einige Foltern hinzuerfinden konnte. Sein Nachbar, ein Neffe oder der Steuerbeamte sollte auch noch zur Hölle fahren und bekam mit Gusto eine Folterung zugedacht.

Das Prophetenwort, nach dem „die meisten Einwohner der Hölle Frauen sind“,1 ist in diesem Text übrigens nicht berücksichtigt worden. In ʿAẓamas Hölle gibt es nur ganz wenige Frauen. Ganz hart bestraft — allerdings nur in zwei Handschriften — werden Frauen, die behaupten, sie hätten Kopfschmerzen, während sie keine haben.

Nachschrift: Inzwischen kann man hier das ganze Kapitel in englischer Übersetzung lesen.

ANMERKUNG
1. Bukhārī, Bad’ al-khalq 8: . اطّلعت في الجنة فرأيت أكثر أهلها الفقراء واطّلعت في النار فرأيت أكثر أهلها النساء

Diakritische Zeichen: Kitāb alʿ-Aẓama, Buḫārī, bad’ al-ḫalq

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Die Zerstörung Mekkas

makkah-and-the-makkah-clock-tower-950x615Damit meine ich nicht den Abbruch der Ka‘ba, der am Ende der Zeiten zu erwarten ist, sondern die Tätigkeiten des heutigen saudischen, wahhabitisch geprägten Regimes bei der Modernisierung Mekkas und bei der Ausweitung der Einrichtungen für Pilger. 2012 kamen drei Millionen Pilger in die Stadt; 2013 bekamen nur zwei Millionen die Erlaubnis, was bald mit den Baumaßnahmen, bald mit der Gefahr der Ansteckung durch den MERS-Virus begründet wurde. 2025 werden aber 17 Millionen Pilger erwartet (wieso eigentlich?) und etwas muss unternommen werden um diese in der engen, von Bergen eingeschlossenen Stadt aufnehmen zu können. Ein Artikel in The Guardian zeigt die sehr megalomanen Baupläne. Die Kaʿba ist darin kaum noch wiederzufinden.

Foto Saudi Bin Laden Group

Foto Saudi Bin Laden Group

Schön wird das alles nicht, aber wo gibt es heute noch schöne Architektur? Eine gewaltige Tiefgarage unter der Kaʿba gibt es bereits. Auch verschiedene Shopping Malls sind in der Nähe vorhanden, mit u.a. einer Boutique von Paris Hilton; oder hat die wieder zugemacht? Hauptstück ist ein 601 meter hoher Uhrturm, im Vergleich zu welchem der Campanile in Venedig und der Big Ben nur Winzlinge sind. Die Riesenuhr ist 43 meter in Durchschnitt und ist made in Germany. Indem sie durch aufleuchtende Zeiger die genauen Gebetszeiten vorgibt, zementiert sie eine Neuerung, die mit der Erfindung der Stehuhr schon eingesetzt hatte. Im frühen Islam konnten die Gläubigen selbst anhand des Sonnenstandes feststellen, wann es Zeit zum Beten war; in der Praxis half ihnen ein menschlicher Muezzin. Es gab ziemlich breite Zeitfenster, in denen das Gebet gültig war. Jetzt werden die genauen Zeitpunkte mit deutscher Präzision durch eine unpersönliche Behörde festgestellt — wenn es nach den Saudis ginge, gleich für die ganze Welt. Wer auf diese Uhr schaut wird das Gebet nicht zu unterlassen wagen; in Riesenbuchstaben steht ja der Name Gottes darüber.

Für Hotels, Kongresszentren, Malls, Apartmentblocks und Parkplätze müssen selbstverständlich historische Bauten und archäologische Fundstatten aus allen Jahrhunderten weichen; das ist nichts Neues und kommt überall vor. Aber nicht jeder weiß und erwartet vielleicht, dass in Mekka eine Sorte Denkmäler mit besonderem Eifer zerstört wird: die frühislamischen. Das hat nicht nur mit den Bauplänen zu tun, sondern auch mit der religiös fundierten Abneigung der Regierung gegen Gräber und (mögliche) Pilgerorte einerseits, gegen die Biografie des Propheten andererseits. Bereits 1925 hat die frisch angetretene wahhabitische Regierung den Friedhof Medinas, Baqiʿ al-Gharqad, zerstört. Dort lagen nicht irgendwelche Menschen begraben, sondern die Frauen und Zeitgenossen des Propheten! Die islamische Welt war entsetzt; trotzdem wurde noch im selben Jahr auch der historische Friedhof Mekkas planiert. So gingen auch die Gräber von Mohammeds Vorfahren verloren und das seiner ersten Frau, Khadidja. Bei den heutigen Bauaktivitäten verschwindet unter anderem jede Reminiszenz an das Geburtshaus des Propheten. Das Wohnhaus Khadidjas ist schon abgetragen worden; laut Guardian musste es Platz machen für einen Block von nicht weniger als 1400 Toiletten. In Mekka sch….t man auf die Vergangenheit.

Doch spricht vieles für den saudischen Zerstörungsdrang, oder? Alle diese historischen Stätten sind ja nicht wirklich historisch. In Goethes Geburtshaus in Frankfurt ist der Dichter wenigstens wirklich geboren, das ist nachgewiesen … wenn auch das Haus nur eine Kopie des kriegszerstörten Originals ist, haha. Aber hat Mohammed je einen Fuß in sein angebliches Geburtshaus gesetzt? Hat es ihn überhaupt gegeben? Hat Khadidja gelebt; und wenn ja, war das ihr Haus, war sie dort wirklich begraben? Liegt Abraham wirklich in dem heftig umkämpften Grab in Hebron (al-Khalil), wo doch sogar seine reale Existenz angezweifelt wird? Dass die Herberge des Barmherzigen Samariters, die angeblich in der Wüste Judäas steht oder stand, nepp ist, versteht jeder Leser von Lukas 10:34 auf Anhieb. Alle drei westlichen Religionen haben ganze Haufen Ballast dieser Art. Erfrischend also, dass die Saudis mit solchem Kram mal aufräumen?

Mekka 1953

Mekka 1953

Natürlich nicht. Ich bedaure es, dass diese Baudenkmäler zerstört werden. Auch wenn sie nichts mit Mohammed zu tun haben, Bauten oder Gräber aus den letzten vierzehn Jahrhunderten und vielleicht aus der Zeit davor sind historisch wertvoll; ich hätte gerne mehr darüber gewusst. Die wahhabitische Abneigung gegen Archäologie und Denkmalschutz folgt nicht nur aus der Sauberkeit ihrer Lehre, sondern auch aus der Angst vor der möglicherweise auffindbaren Vergangenheit. Vielleicht könnte nachgewiesen werden, dass die Heilsgeschichte doch anders verlaufen ist, dass die vorislamitische Zeit (Dschahiliyya) weniger barbarisch war als geglaubt oder christlicher als erwünscht.

Die wahhabitische Abneigung gegen die Prophetenbiografie hat zwei Aspekte. Die Verehrung von Menschen ist streng verpönt und für den Propheten wird keine Ausnahme gemacht. Der andere ist der religionsübergreifende fundamentalistische Hass gegen Dichtung im Allgemeinen. Die Biografie (Sīra) ist erzählend und deshalb Dichtung, das haben die Wahhabiten schon richtig verstanden. Ihr geistiger Urahn Ibn Taimīya (1263–1328) vertrat bereits den Standpunkt, dass das biografische Material wertlos und nicht bei juristischen Argumentationen einsetzbar ist; es sei denn, das Thema ist von großer Wichtigkeit und der Text wird mehrfach überliefert. Durch diese Einschränkung entfällt ein erheblicher Teil der Sīra. Die Geburt, die frühe Jugend, das erste Offenbarungserlebnis, all das interessiert nicht. Indessen bleibt Mohammed für die Saudis natürlich eine äußerst wichtige Person, daran ist kein Zweifel. Er darf nur kein Leben gehabt haben, nichts Menschliches-Allzumenschliches. Was von der Sīra übrig bleibt, ist eine relativ beschränkte Zahl Hadithe, die die Rechtsregeln oder deren Basis bilden — man findet sie in juristisch verwendbaren Fiqh as-sīra-Sammlungen. Sīra light also. Wenn ich Muslim wäre, würde es mir schwer fallen, so einen nahezu abstrakten Propheten zu haben.

(Auch veröffentlicht in zenith Januar/Februar 2014 und in zenithonline.)

Mehr Fotos von Mekka 1953 finden Sie hier.

NACHSCHRIFT 21.07.2016: Siehe jetzt auch hier.

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