Al-Hakim: ein Verrückter auf dem Thron – 2

Fortsetzung von Al-Hakim: ein Verrückter auf dem Thron? – 1    . Braucht noch Korrektur.@

Nuance
Aber war al-Ḥākim wirklich so verrückt, wie im Artikel von Canard zum Ausdruck kommt? Sind es denn Fakten, die dort erzählt werden; ist das alles wirklich so geschehen? Wie so oft standen Gelehrte auf, die das Bild nuancierten, die neue Fakten entdeckten und alte als fake news entlarvten. Ein wenig schade ist das schon, denn es gibt ein enormes Bedürfnis nach markanten Fakten und Horrorgeschichten; aber die Wissenschaft ist streng. Meist erweist sich bei solchen Forschungen, dass die verrückten Könige gar nicht so verrückt waren, oder wenigstens nicht ganz. Der babylonische König Nebukadnezar (reg. 605–562 v. Chr.) war Daniel 4:31–34 zufolge sieben Jahre lang geisteskrank, aber der Autor stand ihm feindselig gegenüber. Und vielleicht hat er ihn verwechselt mit König Nabonidus (556–539 v. Chr.), der eine Zeitlang als gestört galt und einige Jahre im arabischen Taima verbrachte — zur Kur? Moderne Altphilologen haben längst nachgewiesen, dass „verrückte“ Kaiser wie Nero und Caligula zwar grausam und gewalttätig waren, aber nebenbei ganz vernünftige Dinge taten. Auch al-Ḥākim ist Gegenstand solcher kritischen, nuancierenden Studien geworden, u.a. von Josef van Ess und vor allem Heinz Halm. Es ist die gleiche Sorte von Historikern, die zum Beispiel entdeckt, dass Martin Luther seine berühmten Thesen vielleicht viel später an der Kirchentür zu Wittenberg angeschlagen hat und nirgendwo gesagt hat: „Hier stehe ich und ich kann nicht anders“ — oder die darauf hinweisen, dass Mohammed nicht nachweisbar mit einem kleinen Mädchen verheiratet war.
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War Canard denn kein Wissenschaftler? Durchaus, aber sein Artikel erschien 1971 und ist veraltet. Er hatte noch nicht so viele Quellen zur Verfügung, und die kritische historische Forschung zur islamischen Welt war damals noch nicht so weit fortgeschritten. Inzwischen ist man sich bewusst geworden, dass viele Erzählungen zu al-Ḥākim von Christen stammen, die unter ihm gelitten hatten, oder von Sunniten, die ihn im Nachhinein kaputtschreiben wollten, weil er Schiit war: Gründe genug um mal richtig auf den Tyrannen loszugehen und ihn verrückter zu machen als er vielleicht war. Viele seiner Gräueltaten können einfach gelöscht werden. Folgende zwei z.B. sind einfach zu entlarven, wenn man bedenkt, dass die Autoren Christen waren und ihre Klassiker kannten:
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Al-Ḥākim soll Alt-Kairo (Fusṭāṭ) in Brand gesteckt haben und noch zwei Tage genüsslich von dem Hügel Muqaṭṭam auf die Flammen geschaut haben. Aber das ist natürlich ein recycling des großen Brandes von Rom, den Kaiser Nero angesteckt haben soll. Andere Quellen erwähnen keinen Brand in Fusṭāṭ zu der Zeit. Erst 1168 wurde in der Stadt nach Evakuation absichtlich Feuer gelegt um Eroberung durch die Kreuzfahrer zu verhindern.
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Der Kalif, so wird erzählt, wusch sich sieben Jahre lang nicht, verblieb in einem unterirdischen Gewölbe bei Kerzenlicht, liess seine Haare wachsen bis sie Löwenmähnen ähnelten und liess seine Fingernägel wachsen, bis sie Adlerklauen glichen. Dies hört sich an wie die Verrücktheit des Königs Nebukadnezar, die in Daniël 4:31–34 beschrieben wird. Der christliche Autor sah eine schöne Parallele: Nebukadnezar musste wie ein Verrückter herumirren, weil er den Tempel in Jerusalem zerstört hatte, al-Ḥākim wurde ähnlich bestraft, weil er die Grabeskirche, das christliche Heiligtum in Jerusalem, hatte abreißen lassen.
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Die bizarren Dekrete entsprachen bei näherer Betrachtung in großen Zügen dem islamischen Recht. Auch in anderen Umgebungen wurden schon mal Weinfässer kaputt geschlagen, oder wurden Juden und Christen mit diskriminierenden Maßnahmen belästigt; nur nie so eindringlich und nie alles auf einmal. Al-Ḥākims Dekrete waren auffällig, weil niemand je die Regeln so streng angewendet hatte. Dass sie ständig aufs Neue erlassen werden mussten, zeigt, dass die Bevölkerung so viel Rechtschaffenheit nicht gewöhnt war. Frauen auf der Straße und Alkohol waren einfach nicht zu unterdrucken. Die Scharia wird in ihrer vollen Pracht nur von Fundamentalisten für ausführbar gehalten, und al-Ḥākim war einer—wenn auch nicht immer konsequent. Das war er seinem Stand verpflichtet: war er nicht der Messias? Wir können das unsinnig finden, zu seiner Zeit war es mainstream ismailitische Theologie.
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Die Abschaffung gewisser Dekrete kann durch Aufstände oder andere politische Unruhen verursacht gewesen sein. Turbulente Perioden liessen einfach keine Zeit für übereifrige Gesetzeshandhabung.
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Die wechselhafte Haltung der sunnitischen Mehrheit gegenüber kann man auch verstehen: es gab schon genug Unruhe im Land, dabei konnte der Kalif nicht auch noch unzufriedene Massen Sunniten gebrauchen. Des Weiteren hielt er das Volk zufrieden durch Aufhebung von Steuern und Zöllen.
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Halm hat nachgewiesen, dass es nie eine generelle Christenverfolgung gab: nach der Zerstörung einer Kirche konnte am nächsten Tag ein Christ zu Minister ernannt werden. Al-Ḥākim konnte nicht allzu streng sein für Christen: er brauchte sie ja für seine Verwaltung. Gelegentliche Plünderung von Kirchen und Klöstern geschah oft einfach, weil die Staatskasse leer war oder irgendein Soldatentrupp mit Beute beschwichtigt werden musste. Aus demselben Grund konfiszierte er auch die Erbschaften der hingerichteten Funktionäre und das Vermögen seiner Mutter. Die Staatskasse war oft leer, weil er die Zölle abgeschafft hatte; das war wirtschaftlich nicht tragbar, deshalb musste er sie entweder wieder einführen oder er brauchte andere Einnahmequellen.
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Sogar die Gewohnheit des Kalifen, ganz bescheiden auf einem Esel zu reiten ist erklärbar. Sie steht in einer Tradition: so verhält sich nämlich ein Messias—und al-Ḥākim war einer, so glaubten seine Anhänger. Er war es nur konsequenter als andere schiitische Kalifen.
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Positive Punkte, die von al-Ḥāḳims Regierung genannt werden, waren Hungerbekämpfung, Steuersenkungen und ein Streben nach stabilen Preisen. Er war volksnah und stand offen für Bittschriften und Beschwerden; seine Gerechtigkeit wurde gepriesen. Überdies förderte er die Wissenschaft: Er gründete eine große, allgemein zugängliche Bibliothek, in der auch unterrichtet wurde.
Für al-Ḥākim wird das Regieren nicht immer leicht gewesen sein. Soldaten maghribinischer und türkischer Herkunft kämpften ständig um die Macht und mussten in Schach gehalten werden. Als geistiger Führer oder gar der Messias der Schiiten (den Drusen zufolge sogar Gott selber!) herrschte er über ein Reich, das hauptsächlich von Sunniten und Christen bewohnt war. Das war schon fast zum verrückt werden, um so mehr, weil er durch seine griechisch-orthodoxe Mutter selbst eine gehörige christliche Komponente hatte.
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Kurzum: verhaltenssauffällig, aber nicht total behämmert. Allerdings ein sehr strenger und unberechenbarer Herrscher, der viel mehr Hinrichtungen auf dem Buckel hatte als zu der Zeit üblich war. Volksnah, aber gerade dem Hof und den höheren Beamten gegenüber sehr misstrauisch.

Alt Hist
Nuancierte Geschichtsschreibung ist eine Sache, es gibt aber auch parteiische, propagandistische Geschichtsschreibung, die eine Person gänzlich neu schreiben kann. Stalin, zum Beispiel war, nachdem russische Historiker und Medien die Fakten neu gemischt hatten, ein Spitzenmanager, ein netter Kerl, ein Pfeifenraucher, unter dessen Regierung das Leben in der Sowjet-Union, wie er selber sagte, „besser, fröhlicher geworden“ ist. Zu al-Ḥākim findet man solche „Geschichtsschreibung“ u.a. in der Encyclopaedia Iranica. Dies ist ein meistens vorzügliches englischsprachiges Nachschlagewerk, das alle Themen zu Iran und zum schiitischen Islam behandelt.1 Al-Ḥākim war Ägypter, aber auch Schiit und er bekam also einen Artikel in der EIr. Dieser hat mich aber sehr enttäuscht. Nichts als Lob dort für diesen Kalifen, der sein Reich so schön zusammenhielt und sogar noch zu vergrößern wusste, der sich um sie Sittlichkeit seiner Untertanen kümmerte und die Wissenschaft förderte. Kein Wort zu der Zerstörung von Kirchen, den zahllosen Hinrichtungen, den oft launenhaften Dekreten, der Vergöttlichung oder etwaigen Geistesstörungen. Der Mord an seinem Vormund Barǧawān heißt hier zum Beispiel: „the latter’s removal“ (Hervorhebung von mir). Dass al-Ḥākim einen so schlechten Ruf hatte, liegt dem Autor zufolge nur an der feindseligen Haltung der christlichen und sunnitischen Historiker.2 Der Autor dieses Artikels ist Farhad Daftary, ein führender Ismailit, also von derselben Glaubensrichtung wie der Mann, von dem er handelt. Ich kann seinen Artikel nur parteiisch nennen und hätte ihn in einem wissenschaftlichen Werk lieber nicht vorgefunden.

Volksepik
Es gibt noch eine Textgattung, die sich mit al-Ḥākim beschäftigt hat: die Volksepik.3 Fantastische, vielbändige Heldengeschichten zu historischen Personen oder wenigstens unter Verwendung ihrer Namen, die weit verbreitet waren in der ganzen islamischen Welt und überall vorgelesen wurden. Auch dem Kalifen al-Ḥākim wurde lange nach seinem Tod solch ein Werk gewidmet: die Sīrat al-Ḥākim. Die sunnitischen Erzähler hatten als heimliches Ziel die Bekämpfung der Schia. Oft genug dürfte  das Klientel solche Geschichten für Geschichte gehalten haben.
Al-Ḥākims fiktiven Lebenslauf aus diesen 1600 Seiten zusammenzufassen wäre verlorene Liebesmühe. Aber wo war der Kalif letztendlich geblieben? Für die seriösen Historiker war er wohl ermordet worden; für die Druzen war er verschwunden, was ihnen gut passte. Die sunnitischen Volkserzähler „wussten“ aber, dass er nicht auf, sondern in dem Hügel Muqaṭṭab (eine Verballhornung von Muqaṭṭam) verschwunden war. Er war ja mit 360 Schätzen vertraut gemacht worden; nur zwei Schätze blieben ihm verwehrt, in einer Schatzhöhle in dem Berg. Sein Rivale ‘Abd al-‘Azīz, der aus magischen Büchern viel Wissen gesammelt hatte, führte ihn in das Höhlensystem im Berg, das randvoll mit Gold und Juwelen war. Beide waren tief beeindruckt. Sie nahmen dort die Fähre über einen Fluss mit vergiftetem Wasser. Als al-Ḥākim Hunger bekam zeigte ‘Abd al-‘Azīz sich hinterlistig: während al-Ḥākim durch das Essen abgelenkt wurde, sprang er wieder auf die Fähre um selbst die Macht in Kairo zu ergreifen und Blutrache zu üben für dessen Bluttaten.
Der Kalif war also tief im Berg eingeschlossen. Dort ist er gestorben, aber nicht sofort, denn für seine Ernährung wurde gesorgt. Als sein Töchterchen aufwuchs und ihn suchte, fand sie ihn, als er gerade verstorben war.
Auch bei dieser Geschichte ist fact checking völlig sinnlos.

ANMERKUNGEN
1. Die EIr wird von Gelehrten außerhalb Irans herausgegeben. Von der Islamischen Republik Iran ist sie unabhängig. Siehe auch hier.
2. „Ḥākem also concerned himself with the moral standards of his subjects; many of his numerous edicts (sejellāt) preserved in later sources are of an ethico-social nature. He was also prepared to mete out severe punishment to high officials of the state who were found guilty of malpractice. Anṭāki and the Sunni historiographers have generally painted a highly distorted and fanciful image of this caliph-imam, portraying him as a person of unbalanced character with strange and erratic habits. However, modern scholarship is beginning to produce a different account on the basis of Ḥākem’s own edicts and the circumstances of his reign. As a result, Ḥākem is emerging as a tactful leader who was popular with his subjects.“
3. Auch Volksroman genannt, Arabisch: sīra sha’bīya; man spricht vielleicht besser von epischen Erzähltexten. Zur Gattung s. → Heath, Sīra.

BIBLIOGRAPHIE
– Marius Canard, „al-Ḥākim bi-Amr Allāh,“ EI2.
– Farhad Daftary, „Ḥākem be-Amr-Allāh,“ Encyclopaedia Iranica, XI/6, blz. 572-573, online hier (zuletzt gesehen am 12. Mai 2017).
– Josef Van Ess, Chiliastische Erwartungen und die Versuchung der Göttlichkeit. Der Kalif al-Hakim (386-411 H.), Abhandlungen der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse, Jg. 1977, Abh. 2.
– Heinz Halm, Die Kalifen von Kairo. Die Fatimiden in Ägypten (973–1074), München 2003, S. 167–304.
– Heinz Halm, „Der Treuhänder Gottes. Die Edikte des Kalifen al-Ḥākim,“ Der Islam 63 (1986), 11–72.
– Peter Heath, „Sīra sha‘biyya,“ EI2.
– Antje Lenora, Der gefälschte Kalif. Eine Einführung in die Sīrat al-Ḥākim bi-Amrillāh, Diss. Halle/Saale 2011. Hier herunterzuladen.
– Claudia Ott, „Wo versteckt sich al-Ḥākim? Eine Spurensuche in der Sīrat al-Ḥākim bi-Amrillāh und ihrer Berliner Handschrift.“ In H. Biesterfeldt and V. Klemm (Hrsg.), Differenz und Dynamik im Islam. Festschrift für Heinz Halm zum 70. Geburtstag, Würzburg 2012, 399–410.

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Wikipedia — Bamberger Islam-Enzyklopädie

Die Wikipedia ist im Allgemeinen nicht als wissenschaftliches Nachschlagewerk zu betrachten. Bei islamischen Themen gibt es große Qualitätsunterschiede. Manche Artikel sind hervorragend, andere sind unwissenschaftlich, sektiererisch oder missionierend.

Nun hat Prof. Patrick Franke in Bamberg eine Initiative namens Bamberger Islam-Enzyklopädie gestartet. Es geht ihm darum „ein neues umfassendes islambezogenes Nachschlagewerk in deutscher Sprache aufzubauen, das einerseits die Qualitätskriterien einer Fachenzyklopädie erfüllt, andererseits aber in die populäre Online-Enzyklopädie Wikipedia integriert ist und die einzigartigen technischen Möglichkeiten dieses Mediums nutzt.“

Zun Auftakt hat er seine eigenen Wikipedia-Artikel darin untergebracht, zweihundert an der Zahl. Er hofft, dass viele Fachkollegen ihm in dieser Initiative folgen werden.

Diese Islam-Enzyklopädie empfehle ich Ihnen sehr gerne. Sie finden dort also Wikipedia-Artikel, deren wissenschaftlicher Standard garantiert ist.

Dem neuen Projekt wünsche ich ein gutes Gelingen.

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Der Westen

OccidentalismWo liegt er doch, „der Westen,“ an dem die bösen Jungs so gerne ihre Wut auslassen? Vergessen Sie lieber gleich die Himmelsrichtung. Nach meinem Telefonabo zu urteilen besteht er aus den Vereinigten Staaten, Kanada, Westeuropa und Australien. Mit Personen in diesen Gebieten kann ich nämlich nach einer monatlichen Zahlung von € 3,90 unbeschränkt telefonieren. Es gibt mehr Länder, die zum Westen gehören, aber welche? Neuseeland auf jeden Fall, aber Japan, Singapur, Israel, Mauritius, die Türkei und Argentinien auch? Den Westen irgendwo zu suchen scheint genau so vergeblich wie die Suche nach dem Orient. Auch der Westen ist nichts Geographisches, sondern ein Gedankending—und er war nicht immer gleich. Und was ist sein Gegensatz? Man kann den schwerlich Orient nennen. Zweite oder dritte Welt geht auch nicht, also sagen wir einfach: der Nichtwesten.

– Für Voltaire war ca. 1750 England der Westen: individuelle Freiheit und die Börse, frei fließendes Geld, im Gegensatz zu der rigiden Staatskontrolle in Frankreich. „Der Handel, der die Bürger Englands reich gemacht hat, hat dazu beigetragen, sie frei zu machen, und diese Freiheit hat ihrerseits den Handel gefördert; von daher hat sich die Größe des Staats gebildet.“
– Für die Deutschen um 1800 waren Frankreich und England der Westen; auch noch für Richard Wagner, der das kosmopolitische, ultramoderne Paris in Kontrast sah mit der anheimelnden Zurückgebliebenheitseiner Heimat. (Er bestellte aber gerne feine Damenwäsche aus Paris — ja, die trug er gerne auf seiner empfindlichen Haut. Westpakete waren daher willkommen.)
– Fontane sah in London auch den freien Geldverkehr, beurteilte ihn aber nicht so positiv wie noch Voltaire: „das gelbe Fieber des Goldes, […] das Verfallensein aller Seelen an den Mammonsteufel“.
– Für Russland im neunzehnten Jahrhundert war der Westen an erster Stelle Deutschland: das Land, in dem alles sachlich und ordentlich ablief, wo die Menschen aber keine „Seele“ hatten. Für Tolstoi war das aber auch Japan! Er beschreibt den japanischen Sieg über Russland im Jahr 1905 als einen Triumph des westlichen Materialismus über die asiatische Seele Russlands.
– Für Japan war der Westen vor dem und während des Zweiten Weltkrieg(s) alles was modern war, insbesondere Amerika. Japanische Intellektuelle versuchten „die Moderne zu überwinden,“ wie Deutschland unter den Nazis und Iran unter Khomeini. Heutzutage gehören Japan und Deutschland selbst zum Westen
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– Für Hitler war der Westen Amerika + die Juden.
– Für die Sowjet-Union war der Westen vor allem die NATO: Amerika und West-Europa.

All dies entnehme ich dem vorzüglichen Buch von Buruma und Margalit, dessen Umschlag hier oben abgebildet ist.1

Für viele Muslime, sogar für Muslime, die „im Westen“ leben, ist der Westen die Koalition aus den Vereinigten Staaten, dem Weltkapitalismus, Juden und Kreuzfahrern, deren Hauptabsicht es ist „den Islam“ zu schädigen – wer war das noch mal?

Ganz abgesehen von der Geographie: im Westen scheint immer großer Reichtum, viel Freiheit und viel Modernität vorhanden zu sein.

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Eine kurze, unverbindliche Liste:

Der Westen
– ist demokratisch oder wird zumindest nicht links-diktatorial“ regiert.
– ist international, kosmopolitisch, globalisiert.
– hat eine überwiegend liberale, nicht staatlich geführte Wirtschaft.
– häuft Geld an, nicht zuletzt durch Ausbeutung des Nichtwestens erworben.
– hat keine zu verherrlichende Stammesstruktur, keinen Totalitarismus.
– ist die anonyme Stadt, in der man alles kaufen kann — inklusive der Hure Babylon. Der Nichtwesten ist das gemütliche Dorf mit seiner traditionellen Kultur. Und einem Blockwart, der darüber wacht.
– ist kalt, gefühlsarm, hat keine (russische) Seele, bzw. kein soul.
– gibt sich etwas schlicht (Obama, Juncker), im Gegensatz zu dem Glanz und Gloria von Stalin, Hitler, Ceauşescu, Bokassa, Putin, Erdoğan, Kim Eins bis Drei undsoweiter.
– ist unheroisch, feige: ein Westmensch stirbt ungern für Kaiser, Gott oder Vaterland.
– wird oft bekämpft, aber zugleich auch beneidet. Der Nichtwestler würde (heimlich) gerne dazu gehören, aber es gelingt ihm nicht.
– mischt sich überall ein und das ist ein Skandal! Aber bei Naturkatastrophen, Völkermord oder blutigen Kriegen heißt es auf einmal: Warum unternimmt der Westen nichts?

Der Westen ist an allem Schuld, aber wie gerne wären wir mitschuldig! Wer nicht zum Westen gehören kann oder darf, hegt oft einen Groll gegen ihn.

Viele Weltbewohner dürfen tatsächlich nicht zum Westen gehören, weil ihnen die Freiheit und ein Anteil an dem Wohlstand —und somit Zugang zur Bildung — vorenthalten bleibt. Die Bösewichte sind längst nicht immer fiese Diktatoren in Asien oder Afrika. Oft genug hat der Westen selbst demokratische oder wirtschaftliche Entwicklungen in den Kontinenten verhindert und tut das noch. Bodenschätze und sonstige wertvolle Güter empfängt man ja gern aus einer gehorsamen Hand.

Viele Andere können nicht zum Westen gehören. Frei sein, immer wählen, oft allein sein, die eigene Verantwortung tragen und ständig Energie entfalten um mit dem modern Leben Schritt zu halten ist Schwerstarbeit. Ich finde es persönlich auch oft schwierig, ein Westmensch zu sein, und für den durchschnittlichen Zwanzigjährigen „mit Migrationshintergrund“ wird das noch mehr der Fall sein. Stellen wir uns mal einen vor: er hat einen Schulabschluss oder eine Berufsausbildung; das ist immerhin gelungen und das ist nicht wenig. Aber spätestens bei der Jobsuche oder einer Weiterbildung bekommt er endgültig zu spüren, dass seine Sorte nicht gefragt ist— was er eigentlich schon viel früher gemerkt hatte. Er bekommt wenig Förderung und seine Kommilitonen oder Kollegen sind nicht nett zu ihm, aber er hat auch selbst nicht die Energie und den Mut um sich dagegen zu stemmen und seinen Platz in „dem Westen“ zu erobern. Dann liegt die Flucht in den Nichtwesten nahe, wie künstlich das in vielen Fällen bei hier Geborenen auch ist.

Die Freiheit kann so beängstigend sein. Ich denke an die Briefe von Saiyid Qutb (Kairo 1906–1969). Bevor er Muslimbruder wurde und einflussreiche fundamentalistische Bücher schrieb, besuchte er die Vereinigten Staaten und machte sich vor Angst fast in die Hose. Freizügige Frauen, die manchmal ein Glas über den Durst tranken; große, grobe, sogar tätowierte Mannsbilder; ein Tanzabend im Pfarrhaus der Provinzstadt, in der er sich aufhielt: das waren Sachen, die diesen kühnen Held, der auf Fotos eher wie ein kleines Männchen wirkt, sehr beängstigten und seine Flucht in die Gottesfurcht förderten. Er konnte nicht dazu gehören.

Ich denke auch an den kleinen Roman von Yahya Haqqi, Die Lampe der Umm Haschim (1940). Ein ägyptischer Junge darf in England Medizin studieren und tut das mit Erfolg. Das Beängstigende ist für ihn eine Freundin, eine Ärztin, die sich selbständig, ja souverän verhält. Nicht mal herrisch oder unsympathisch, aber ihr gegenüber fühlt er sich sehr minderwertig. Hier spielt Sexualangst ebenfalls eine Rolle.

Und Putin, der hat es auch nicht gekonnt. Vielleicht hätte er sein Land durchaus gerne modernisieren und öffnen wollen, wer weiß; aber es erwies sich als zu schwierig. Sein persönlicher Werdegang war nicht hilfreich und der Zustand Russlands war auch ein immenses Problem. Die leichtere Alternative ist dann eine antiwestliche Haltung.

Wer mit dem Westen nicht mitmachen kann oder darf, hegt oft einen Groll und wird antiwestlich, selbstverständlich aus der vollen, gegebenenfalls religiös untermauerten Überzeugung heraus, dass der Westen minderwertig, widerwärtig oder sündig ist. Dann sind die Trauben sauer. Diese Haltung schließt übrigens die Nachahmung desselben Westens nicht aus: Namentlich die Araber sind richtige Amerika-Fans, viel mehr als wir Europäer. Auch Salafisten sind oft viel westlicher als sie selbst erkennen.
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Es gibt keine Garantie, dass der Westen immer existieren wird. Freiheit und Reichtum nehmen im Westen ab oder beschränken sich auf so kleine Kreise, dass man fast wieder an vormoderne Herrschaftsformen erinnert wird. Dagegen nimmt die Modernität im unfreien Nichtwesten zu; denken Sie z. B. an China und Iran. An die sogenannten „westlichen Werte“ glaubt die Welt immer weniger, der Westen selbst nicht ausgenommen.

Dies waren nur so ein paar Gedanken. Sie sollten mal ausgearbeitet werden; das Thema ist wichtig, in unserer Zeit.

Nachschrift: Vor 1200 Jahren war Bagdad der Westen!

ANMERKUNG:
1. Ian Buruma und Avishai Margalit, Occidentalism: The West in the Eyes of Its Enemies, New York 2004; dt. Übersetzung Andreas Wirthensohn: Okzidentalismus: der Westen in den Augen seiner Feinde, München 2005.

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Ältere Beiträge nochmals

Der Antichrist auf der Insel (übersetzter Hadith) „Ich bin der Messias (masīh); mir wird alsbald erlaubt, auszubrechen und durch das Land zu reisen. Es wird keine Stadt geben, in der ich nicht vierzig Tage verweile, außer Mekka und Taiba, denn diese beiden sind mir verboten.“

Der schreiende Hirsch als Gottesbeweis „Es wird gesagt, dass ein Hirsch, wenn es Schlangen frisst, danach sehr durstig wird, aber trotzdem kein Wasser trinkt, aus Angst, dass das Gift in seinen Körper kriechen und es töten würde.“