Haqqis „Jungfrau von Dinschaway“

Anbei der arabische Text des Kurzromans ʿAḏrāʾ Dinšawāy (Die Jungfrau von Dinshaway) von Maḥmūd Ṭāhir Ḥaqqī, Kairo 1964 (die Erstauflage war 1906). Ich habe nun mal diese pdf-Datei und es wäre Schade sie wegzuwerfen. So müssen Sie nicht noch mal in die UB rennen.

Haqqis Werk ist einer der frühesten ägyptischen Romane, der einen großen Einfluss gehabt hat sowohl auf die Entwicklung des ägyptischen Nationalismus wie auch auf die der Romankunst. In den Worten von Samah Selim, S. 93:

The novel dramatizes the events that took place in the Delta village of Dinshaway in 1906. A party of British officers out pigeon hunting near the village was attacked by a group of peasants to whom the pigeons belonged. In the confrontation that followed, an officer was severely wounded and subsequently died of sun-stroke. The British reprisal was swift and brutal — a military trial ended in the execution of four villagers — and the popular outrage that ensued eventually led to Lord Cromer’s departure from Egypt.

Sekundärliteratur:
– Saʿd al-Ǧabalāwī, Three pioneering Egyptian novels, Fredericton NB 1986.
– Roger Allen, „History of the Egyptian Novel. Its Rise and Early Beginnings,“ IJMES 1988, Vol.20(3), S. 397-397.
– Samah Selim, The Novel and the Rural Imaginary in Egypt, 1880-1985, S. 92ff.

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Der älteste ägyptische Roman

(Zielgruppe: Menschen, die arabische Literatur auf Arabisch lesen)

Vor Jahren habe ich mal im Schnäppchenkeller der Brill’schen Buchhandlung in Leiden für einen lächerlichen Preis zwei arabische Bücher von Nakhla Sālih gekauft, „vormals Übersetzer bei der Ägyptischen Eisenbahn“ (gest. 1899).1 Das eine war ein Reisebeschreibung durch Syrien und Palästina, das andere ein Roman mit dem Titel Qissat Fu’ād wa-Rifqa mahbūbatihi (Die Geschichte von Fu’ād und seiner geliebten Rifqa). Das besondere an dem letzten Werkchen ist, dass es auf 1289 (= 1872) datiert und der älteste ägyptische, wenn nicht der älteste arabische Roman überhaupt ist.2 Oder besser gesagt: Kurzroman, denn es zählt nur 48 Seiten. Es ist eine Liebesgeschichte, inspiriert von Abbé Prevost, Manon Lescaut. Das Exemplar habe ich der UB in Leiden geschenkt. In Deutschland finden Sie ein Exemplar in der Staatsbibliothek Berlin, und ab jetzt in Kopie auch hier, damit Sie es zur Hand haben. Nicht dass es ein literarisches Meisterwerk ist, aber als ältester Roman verdient es im Rahmen der Literaturgeschichte schon einige Aufmerksamkeit.
Sollten Sie je arabische Bücher im Originaldruck aus dem 19. Jahrhundert entdecken, retten und bewahren Sie diese, oder sorgen Sie für ein gutes Zuhause. Sie sind rar.

ANMERKUNGEN
1. J. Brugman, An Introduction to the History of Modern Arabic Literature in Egypt, Leiden 1984, 207 (schreibt zu Unrecht Nakhīla).
2. C. Brockelmann, GAL ii, 491, S ii, 749; iii, 378.

أقدم رواية عربية:  قؤاد ورفقة  لنخلة صالح  pdf

Diakritische Zeichen: Naḫla Ṣāliḥ, Qiṣṣat Fuʾād wa-Rifqa maḥbūbatihi

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Saiyid Qutb, Aschwak

(Zielgruppe: Menschen, die Arabisch lesen)

Bevor der Ägypter Saiyid (oder Sayyid) Qutb (1906–1966) das Licht sah und Fürst der Islamisten wurde, beschäftigte er sich mit Literatur. Zwar nicht auf einem besonders hohen Niveau, aber immerhin: Er hat Gedichte, eine Anzahl literaturkritische Artikel und drei Romane verfasst; darunter Ashwāk, „Dornen,“ (1947). Hans Jansen nennt in der Encyclopaedia of Islam (Art. „Sayyid Kutb“) diesen gemeinhin für autobiographisch gehaltenen Liebesroman ein „rührendes Werk, das erklärt, warum der Protagonist niemals heiratete“. In der Tat qualmt einem die Sexualangst aus dem Büchlein entgegen. Auch zeigt es mal wieder, wie sehr der moderner Islamismus, der latent natürlich schon in Qutb brütete, mit der Angst vor allem Sexuellen oder gar Körperlichen zusammenhängt.

Ashwāk ist in Europa nahezu nirgendwo in Bibliotheken vorhanden. Deshalb biete ich jetzt einen Scan der zweiten Auflage des arabischen Texts (1961) hier an. Besprechen werde ich es vielleicht später. Viel Spaß!

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Al-Koni, Blutender Stein (Besprechung)

Ibrahim al-Koni, Blutender Stein. Roman aus Libyen. Aus dem Arabischen von Hartmuth Fähndrich, Basel (Lenos Verlag) 1990.

Blutender Stein ist ein Roman aus der Sahara, der stark von anderen aus dem Arabischen übersetzten Werken abweicht. Das hat mit dem unüblichen Hintergrund des Verfassers zu tun. Der Libyer al-Koni (1948) schreibt zwar Arabisch, ist aber ein Tuareg, als Nomade im tiefen Süden der Sahara aufgewachsen. Deshalb spielt die Wüste in seinem Werk eine Hauptrolle, was sonst bei arabischen Autoren selten der Fall ist. Als er in Moskau studierte, lernte er an russischen Vorbildern, was Literatur ist. Danach war er als Pressesprecher und Kulturattaché an den Botschaften in Warschau, Moskau und der Schweiz tätig. Von einem wertlosen Büchlein Ghaddafis abgesehen ist al-Konis Buch das erste libysche Buch, das übersetzt worden ist, und es ist fast ein Meisterwerk.

Man könnte Blutender Stein einen ökologischen Roman nennen. In der Wüste kann der Mensch nur überleben, wenn er mit seiner Umgebung, einschließlich der Tiere, im Einklang steht, – umso mehr, wenn der Mensch alleine ist. Assûf, die Hauptfigur, lebt mit seinen Eltern außerhalb des Stammesverbandes. Als Assûfs Eltern nun sterben, ist er ganz alleine mit den Ziegen, die er hütet. Unter diesen Umständen ist es gar nicht abwegig, dass er sich mit den Tieren verbunden fühlt. Schon die vor- und frühislamischen Dichter aus Arabien waren mit Geistern, Dämonen und Tieren, zum Beispiel mit Wölfen, im Gespräch, die oft genau so einsam waren wie sie selbst. Assûf ist um das zarte Gleichgewicht in der Wüste besorgt und tötet nur selten und mit großer Zurückhaltung. Später kommt er, durch seine Erlebnisse und Kämpfe mit einem Mufflon, sogar zu dem Entschluss, dass er gar kein Fleisch mehr essen will. Einmal, als er auf der Flucht war, verwandelte er sich in einen Mufflon; ein anderes Mal ist ihm das Leben durch den Mufflon, den er jagte, gerettet worden. Die Grenze zwischen den Arten ist für ihn fließend.

Gegenpole sind die blutrünstigen Fleischesser aus dem Norden, die Araber von der Küste, deren Verhältnis zu den Tieren gänzlich gestört ist, und die aus Geländewagen und Hubschraubern mit automatischen Waffen Jagd auf Gazellen machen. Ihnen wird dabei von einem ziemlich albernen Mann aus dem amerikanischen Lager geholfen. Dieser ist aufrichtig am „Orient“ interessiert und meint es gut, ist aber auch derjenige, der die mordenden Jagdwerkzeuge liefert. Als die Gazellen ausgerottet sind, wollen die Jäger mit den Mufflons weiter machen, und Assûf soll ihnen dabei helfen. Weil er das nicht will, wird er von dem fleischsüchtigen Kain Adam auf einem heiligen Stein, der mit einer vorgeschichtlichen Felsenmalerei versehen ist, gekreuzigt und getötet, weil auch der, wahnsinnig geworden, in ihm einen Mufflon sieht.

In al-Konis Wüste herrscht eine Art Naturreligion, die nahtlos an die Abbildungen auf den uralten Felsenmalereien anschließt. Der Islam sieht hier ganz anders aus, als die Gelehrten es sich wünschen würden, und dem Autor macht das sichtlich Spaß. Schon auf der ersten Seite wird Assûfs Gebet durch herumtollende und kopulierfreudige Ziegenböcke gestört. Die Schriftgelehrten schenkten Störfaktoren beim Gebet wie Frauen und Esel immer große Aufmerksamkeit, aber diesen Fall sahen sogar sie nicht vor. Assûf vollendet sein Gebet nicht mit seinem Gesicht in Richtung Mekka, sondern in Richtung eines geweihten Felsens, auf dem ein Priester aus einer grauen Vorzeit abgebildet ist. Größere Blasphemie ist kaum vorstellbar. Es sind auch kleine blasphemische Nadelstiche im Buch versteckt. In der Übersetzung konnten diese aber unmöglich beibehalten werden; überdies hätte es den meisten Lesern an der benötigten Hintergrundkenntnis gefehlt. Für die „in der Erde bewahrte Platte,“ über die das Blut des gekreuzigten Assûf strömt, werden die Wörter al-lauh al-mahfuz verwendet, die normalerweise die „wohlverwahrte Tafel“ bezeichnen, auf der Gott im Himmel den Urkoran aufbewahrt. Der uneigentliche Gebrauch einer so hochheiligen Wortkombination dürfte die Gottgelehrten zu Raserei bringen — aber keine Sorge, sie lesen nicht. Zum Glück vollendete der Verfasser dieses Buch in Moskau und er ließ es in England veröffentlichen, so dass es niemandem auffiel.

Dem Autor gelingt es, den Leser immer wieder aus der Welt der normalen Naturgesetze in eine andere Sphäre mitzunehmen, in der Phantasie und Wirklichkeit, Mythos und Geschichte nicht voneinander zu unterscheiden sind. Ein einziges Mal geht das gründlich daneben: Wenn eine Gazelle ihrem Jungen die Mythologie erklärt, bin ich nicht bereit dem Sprung des Verfassers in die andere Sphäre zu folgen. Aber im Übrigen lasse ich mich gerne mitschleppen, weil in überzeugender Manier die Wüste evoziert wird, in der ja die Leere jedes Realitätsbewusstsein herausfordert und flimmernde Hitze die Vorstellungen verzerrt. Die Stille des großen Nichts ist in diesem Buch hörbar, und wie bei einer Fata Morgana weiß man wortwörtlich nicht, was man sieht.

Verfasst 1997             Zurück zum Inhalt