Fünfzehn populäre Irrtümer zum Islam

In der Anti-Islamhetze, die immer heftiger wird, werden enorme Mengen an Desinformation verbreitet. Angesichts des weltweiten Erstarkens rechtspopulistischer und faschistischer Strömungen schadet es vielleicht nicht, Ihnen einige Korrekturen für die dunklen Jahre mitzugeben.
Wer hier öfter liest, weiß, dass einige Themen schon ausführlicher behandelt wurden. Ich verweise mit Links auf die jeweiligen Webseiten.

„Der Islam sagt ….“
Der Islam ist weder eine Person noch eine Rechtsperson. Er kann nicht reden, er kann nicht handeln. Sätze wie: Der Islam ist kriegslüstern, der Islam ist Frieden, der Islam unterdrückt Frauen, der Islam ist ganz lieb zu Frauen, der Islam sagt … sind unsinnig.
Der Islam will/kann/verbietet/befiehlt nichts, ist weder Frieden noch Krieg; es sind immer Muslime, die etwas tun oder sein lassen. Von Ihnen gibt es mehr als eine Milliarde, die wollen oder tun nicht alle dasselbe.

„Der Islam ist keine Religion, sondern eine Ideologie.“
Wenn man den Islam zur Ideologie erklärt, könnte er vielleicht in manchen Umgebungen bekämpft oder gar verboten werden. Eine Religion zu verbieten ist schwieriger; die meisten Verfassungen enthalten ja einen Artikel über Religionsfreiheit.
Aber im Islam wird die Hauptrolle gespielt von einem Gott, der die Welt erschaffen hat und sie erhält, der von Ewigkeit an eine heilige Schrift bei sich hatte, die er seinen Propheten offenbart hat, und der am Ende der Zeiten die Menschheit richten wird.
Solch eine Weltanschauung nennt man generell Religion. Wenn der Islam keine Religion ist, sind Judentum und Christentum ebenfalls keine. Diejenigen, die rufen: „Der-Islam-ist-(nur)-eine-Ideologie!”, wollen meist Religionsfreiheit predigen für die beiden letztgeannten und Ideologieverbot für den Islam.

„Aber der Koran sagt doch …?“
Was steht im Koran? Wie alle heiligen Schriften „sagt“ der Koran ungefähr alles, aber auch sein Gegenteil. Er enthält Botschaften von Liebe und Hass, von Krieg und Frieden, von Unbarmherzigkeit und Erbarmen. Es hat also keinen Sinn, nach der Art von Jehovas Zeugen allerlei Debatten zu führen auf der Basis von einigen einseitig gewählten Koranversen.
Überdies steht ganz viel gar nicht im Koran. Das Buch enthält nur einen Teil der islamischen Glaubensüberzeugungen und des islamischen Rechts (Scharia).
Nicht im Koran stehen unter anderem: Scharia, Kalifat, die Bestrafung im Grab, Märtyrer gehen direkt ins Paradies, 72 Jungfrauen, Hunde und Katzen, das Bilderverbot, fünfmal am Tag beten, Steinigung. Interpretationsabhängig sind: die Bedeckung der Frau, das Alkoholverbot und vieles mehr.
Achtung: wenn etwas nicht im Koran steht, ist es deshalb nicht gleich unislamisch.

„Mohammed war …“
Tausende Textseiten berichten vom Handeln des Propheten Mohammeds, aber einen Wert als Quelle für wissenschaftliche Geschichtsschreibung haben nur die wenigsten. Mit Hilfe dieser Texte kann sich jeder und jede den Propheten basteln, der ihm oder ihr gefällt: ein strenger Richter, ein milder Richter, kriegslüstern, friedfertig, frauenfeindlich oder eben nicht, väterlich, gnadenlos, sittlich hochstehend oder vielmehr egozentrisch, ein Held, ein Kinderschänder, menschlich-allzu-menschlich, immer kompromissbereit oder vielmehr unbiegsam: Sie haben die Wahl!
Über den historischen Mohammed ist nur ganz wenig bekannt. Einige frühe Texte über ihn datieren auf sechzig (!) Jahre nach seinem Tod; die meisten sind erheblich jünger. So wissen wir z. B. überhaupt nicht, ob er tatsächlich ein kleines Mädchen heiratete. Dazu gibt es nur einen kurzen Text (mit einigen Varianten), der nicht so heilig ist, dass Muslime ihn unbedingt für wahr halten müssen—und Nichtmuslime ohnehin nicht. Ein anderes Beispiel: die Erzählungen über die Ausrottung jüdischer Stämme durch Mohammed sind schon 2008 als Fiktion entlarvt worden. 

„Der Koran ist das Werk Mohammeds.“
Keineswegs. Dass der Koran von Gott dem Propheten Mohammed in mehreren Lieferungen über zwölf, dreizehn Jahren  offenbart wurde, ist nicht nachgewiesen. Aber dass er von Mohammed geschrieben wurde, wie man in Europa lange Zeit annahm, ebenfalls nicht. Ganz früher hieß es in Europa: der Koran könne nicht von Gott stammen, denn der ist der Gott der Bibel; Mohammed habe das Buch mit bösen Absichten selbst erfunden. Spätere Orientalisten meinten, dass Gott nicht existiere und dass also Mohammed der Verfasser sein müsse, weil er der Entstehung des Textes am nächsten war. Er habe den Koran selbst geschrieben, allerdings in Anlehnung an die jüdische und christliche Tradition.
Mit einer göttlichen Offenbarung können moderne Forscher nichts anfangen, aber mit der Autorschaft Mohammeds auch immer weniger. Die meisten von ihnen betrachten den Koran als einen anonymen Text oder vielmehr als eine Sammlung von Texten unterschiedliche Gattungen, die möglicherweise aus verschiedenen Quellen stammen.
Die Sammlung dieser Texte in einem Buch fand zwischen ca. 650 und 700 statt. Ohne Zweifel waren davor schon Teile in Umlauf. Diese spielten bestimmt eine wichtige Rolle bei der schnellen gesellschaftlichen Wandlung in Arabien, bei der Vereinigung der arabischen Stämme und bei den enormen arabischen Eroberungen ab 632. Welche genau ist nicht bekannt.

„Der Islam ist im Mittelalter hängen geblieben.“
Der Nahe Osten hat nie ein Mittelalter gekannt. Als in Europa das frühe, angeblich „dunkle“ Mittelalter anfing, ging drüben die Antike einfach weiter. Es brach eine Blütezeit an, in der die islamische Welt Europa bei Weitem voraus war: in Industrie, Handel, Wirtschaft, Bankwesen, Wissenschaft, Medizin, Recht, Philosophie und sogar Theologie. Allerdings geriet die islamische Welt in späteren Jahrhunderten allmählich in Verfall, durch neue Handelsrouten (Amerika; Kap der Guten Hoffnung), durch veraltete Bewaffnung und überholten Schiffbau und durch koloniale Machtausübung aus Europa. Aber diese oder irgendeine frühere Zeit „mittelalterlich“ zu nennen wäre nicht richtig; der Begriff passt nur zur europäischen Geschichte—und vielleicht nicht einmal dazu.

„Der Islam ist eine Wüstenreligion.“
Das Ursprungsgebiet und die Westhälfte des Verbreitungsgebietes des Islams ist ein arider bzw. halb-arider Gürtel, in dem es tatsächlich viele Wüsten gibt. Aber dort wohnt niemand permanent; wohlweislich wohnt man in den fruchtbaren Gebieten, die es durchaus gibt: in den Flusstälern und –deltas, und natürlich in Städten. Die nomadischen Wüstenbewohner, die Beduinen, waren von alters her meist wenig zu Religion geneigt; das wird schon im Koran beklagt.
Der Islam stammt zum Teil aus der Stadt Mekka, zum Teil aus der Oase Medina, hat um 700 in Syrien erst richtig Form bekommen und wurde ein Jahrhundert später im Irak noch mal richtig umgearbeitet. Später bekam jede Periode und jede Gegend ihre eigene Gestaltung des Islams.

„Steinigen ist eine mittelalterliche Bestrafung“
Nein, Steinigen aufgrund eines Urteils nach einem Rechtsgang wird erst seit dem zwanzigsten Jahrhundert, vor allem seit 1979, in einigen Staaten praktiziert. Momentan ist die Zahl wieder rückläufig, wahrscheinlich weil es sich als eine recht unpraktische Methode der Hinrichtung entpuppt hat. Vor dem zwanzigsten Jahrhundert wurde nicht gesteinigt, zumindest nicht aufgrund eines Urteils. Zwar wird die Steinigung im Fall der Unzucht in einigen alten Rechtsquellen unzweideutig empfohlen, aber die Rechtsgelehrten wussten die zu umgehen, mit Hilfe anderer Rechtsquellen und schlauer Rechtskniffe: Leben und leben lassen war immer das Hauptziel der Scharia. Die Forschung hat nur einen einzigen Steinigungsfall im Osmanischen Reich ans Licht gebracht, aus dem Jahr 1670. Der verantwortliche Richter wurde damals sofort abgesetzt; der Chronist, der davon berichtete, war empört. 

„Der Islam braucht eine Aufklärung.“
Manchmal wird behauptet, dass aus „dem Islam“ ohne einen Prozess der Aufklärung nie mehr etwas werden wird. Aber im neunzehnten Jahrhundert war die Aufklärung im Nahen Osten schon bekannt geworden. Die Einwohner des Osmanenreichs spürten, dass sie im Vergleich schwach waren, sowohl militärisch als auch kulturell. Um aufzuholen fingen sie an Europa nachzueifern. Aber auf Dauer stellte sich heraus, dass eben die Gradlinigkeit der Aufklärung, mit ihrer Unzweideutigkeit, ihrer klaren Sprache und ihren kodifizierten Gesetzen (Code Napoléon) die Muslime dazu gebracht hat, den flexiblen Umgang mit ihren alten Texten aufzugeben und sie fortan alle wortwörtlich zu nehmen, ohne ein Auge für alternative Interpretationen zu haben. Die Ambiguitätstoleranz, die von alters her ein Merkmal der islamischen Kultur war, ist in den vergangen zwei Jahrhunderten zum Großteil verloren gegangen. Der Nahe Osten wurde ein flaches und zweitrangiges Europa-Imitat.
Muslime haben die Aufklärung durchaus kennen gelernt, aber sie ist ihnen schlecht bekommen.

„Der Islam ist das Werk von Mohammed.“
Glauben Sie das wirklich? Der arme Mann wäre fassungslos gewesen, wenn er hätte sehen können, was Muslime nach seinem Tod daraus gemacht haben. Der Islam ist natürlich nicht fix und fertig aus dem Himmel gefallen, sondern er hat sich entwickelt. Mohammed hat nicht mehr erlebt, wie Araber sofort nach seinem Tod die halbe Welt eroberten und demzufolge schon bald die koranische Furcht vor dem Jüngsten Gericht vergaßen. Wie unterschiedliche Gruppen sich in Bürgerkriegen bekämpften, hat er ebenso wenig mitbekommen. Und wie der Kalif ‘Abd al-Malik ca. 695 seinen eigenen Islamentwurf in die Welt setzte, wobei er sich vom Christentum verabschiedete und die frühislamische Geschichte niederschreiben ließ. Und wie noch einmal hundert Jahre später die Schriftgelehrten (‘ulamā’) ihren Platz im Staat erkämpften, auf Kosten der Autorität des Kalifen. Auch von Schiiten und vom Aufstieg der Sufi-Mystik, die immerhin mehr als tausend Jahre das Bild des Islams prägte, hatte der Prophet nicht die leiseste Ahnung.

„Die Scharia ist das Gesetz des Islams.“
Nein, die Scharia ist islamisches Recht; das ist etwas anderes. Sie regelt alle Beziehungen zwischen Gott und Mensch und zwischen den Menschen untereinander; somit ist sie umfassender als europäisches Recht. Auch Glaubenslehre, Ethik und gute Manieren sind darunter begriffen.
Die Scharia ist kein Gesetz, nicht kodifiziert und sicherlich kein Buch, das jemand für die Ewigkeit niedergeschrieben hätte. Fragen wie: „Was sagt die Scharia zu …? Was steht in der Scharia? Wer hat die Scharia geschrieben?“ sind also sinnlos. Die Scharia sagt nichts, sondern muss in den Rechtsquellen gefunden werden, d.h. in Koran, Hadith und Jurisprudenz. Sie ist also dem Wandel unterworfen, wenn auch Rechtsgelehrte sich nur allzu oft mit dem begnügen, was ihre Kollegen vor Jahrhunderten schon gefunden haben. Das muss aber nicht so sein. Der Umfang, die große Verschiedenheit der Rechtsquellen und deren Offenheit für unterschiedliche Interpretationen machen Erneuerung möglich.
Die Frage, inwieweit man den Alten folgen muss oder die früher bereits gelösten Rechtsfragen noch mal aufs Neue aufrollen kann, ist seit mehr als einem Jahrhundert das wichtigste Diskussionsthema in der ganzen islamischen Welt. Die Diskussion wird aber abgebremst durch 1. das Auftreten von Salafisten, Wahhabiten, ISIS, u. dgl.; 2. die fortwährende Hetze durch deren Verbündete: die Islamhasser und Islamophoben.
Die Scharia war übrigens nie irgendwo das einzig geltende Recht. Dazu wäre sie auch ungeeignet.

„Eine Fatwa ist ein Todesurteil.“
Nö. Eine Fatwa ist im sunnitischen Islam ein nicht verbindliches, gelehrtes Gutachten auf dem Gebiet der Scharia. Eine Fatwa wird von einem Mutti abgegeben, auf Verlangen von Richtern, Privatpersonen und manchmal von Behörden. Der Empfänger kann die Fatwa außer Acht lassen, wenn er das wünscht. Scharia ist islamisches Recht, aber auch mehr als Recht: das verlangte Gutachten kann deshalb auch auf dem Gebiet der Ethik, der guten Sitten und der Glaubenslehre liegen.
Wer sich nicht persönlich an einen Mufti wenden mag, kann Fatwa-Sammlungen von bekannten Schariagelehrten aus früherer oder neuerer Zeit lesen, oder eine Fatwa über das Internet einholen, siehe z.B. dieses Portal.
Seit der Rushdie-Affäre (1989) ist das Wort Fatwa auch in Deutschland verbreitet, wird aber oft falsch verstanden. In der Phrase: „eine Fatwa über jemanden verhängen“ hört es sich fast an wie ein Todesurteil. Aber ein Gerichtsurteil ist es eben nicht, geschweige denn ein Todesurteil.

„Der Islam kennt keine Trennung von Kirche und Staat.“
Bei Mohammed selbst war der Staat noch wenig entwickelt, aber wahrscheinlich gab es solch eine Trennung tatsächlich nicht, und bei den ersten gewählten Kalifen (632-661) ebenfalls nicht.
Bei den Umaiyadenkalifen (661-750) gab es sie offensichtlich noch immer nicht. Ihre Sunna (=Verhalten, Brauch, gewohnte Handlungsweise) sollte man unbedingt befolgen; davon hing ja das Seelenheil ab. Über sie sangen die Dichter, dass sie Regen brachten, die Ernte gelingen ließen, Recht und Gerechtigkeit etablierten— alles in der besten altorientalischen Tradition des Gott-Königs.
Widerstand gegen die Umaiyadenkalifen kam ab ca. 700 u.a. von den „Menschen der Sunna und der Gemeinde, die die eigenmächtigen Sunnas der verhassten Kalifen durch die des Propheten ersetzen wollten. Anfangs wusste niemand, wie dessen Sunna aussah, aber daran wurde gearbeitet: im Lauf des Jahrhunderts wurden die Schriftgelehrten (‘ulamā’) immer mehr und die Anzahl der Überlieferungen „des Propheten“ (Hadithe) wuchs noch schneller, bis es eine prophetische Alternative gab für die Sunnas der Kalifen. Nach 750 spielten die ersten Abbasidenkalifen noch einige Zeit weiter Gott-König, aber ca. 850 mussten sie sich ergeben. Gegen die Sunna des Propheten, wie fiktiv auch immer, konnten sie nicht ankämpfen; die inzwischen überall vordringenden Schriftgelehrten übernahmen die geistliche Macht. Seitdem gibt es durchaus eine Trennung zwischen weltlicher und geistlicher Macht.
Außer bei den Schiiten, aber die hatten meistens gar keinen Staat, so dass man es nicht so merkte.

„Märtyrer bekommen im Paradies zweiundsiebzig Jungfrauen.“
Ach! Es gibt nur einen seltenen Hadith, in dem das beiläufig erwähnt wird. Etwas fester in der islamischen Tradition verankert ist dieser Hadith:
„Das Erdreich ist noch nicht trocken vom Blut eines Märtyrers, da kommen schon seine beiden Gattinnen herbeigeeilt, wie Kamelstuten, die ihre Jungen in einem weiten Land verloren haben…“
Hier werden nur zwei Frauen erwähnt, deren Verlangen nach den Märtyrern mit dem Mutterinstinkt (!) von Kamelstuten verglichen wird. Noch häufiger sind Texte wie diese:
Der Prophet hat gesagt: „Als eure Brüder in Uhud gefallen waren, tat Gott ihre Seelen in das Innere grüner Vögel, die aus den Flüssen des Paradieses trinken, von seinen Früchten essen und nisten in goldenen Lampen im Schatten von Gottes Thron…“
Diesem Text zufolge ist ihr Aufenthaltsort also sehr nahe bei Gott, aber Jungfrauen gibt es an dem Ort wohl nicht. In ihrem Zustand würden sie mit denen auch nichts anzufangen wissen.

„Der Islam ist gegen Schwule.“
Wer der Islam ist, weiß ich noch immer nicht. In Büchern islamischer Rechtsgelehrter werden auf jeden Fall homosexuelle Handlungen scharf verurteilt. Handlungen, wohlgemerkt. Homosexualität als Krankheit bzw. Orientierung sind europäische Einfälle aus dem neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert.
Im wirklichen Leben dagegen gab es in der islamischen Welt eine für Europäer unglaubliche Toleranz. Bis in die höchsten Kreise, bis an den Hof des Kalifen. Die strengen Bücher ließ man einfach geschlossen. Die umfangreiche arabische Liebespoesie handelte überwiegend von Männerliebe. Frauen gab es für die Ehe und die Fortpflanzung, tiefe Gefühle hatte man für Männer, Sex auch mit Jungen.
Im neunzehnten Jahrhundert änderte sich das, als man anfing den Westen zu imitieren. Das viktorianische England lehnte Homosexualität rigoros ab. Wo möglich setzten britische Behörden strenge Gesetze in Kraft; auch wo das nicht geschah schlug die Haltung um in Ablehnung. Nach der Kolonialzeit fing man in den unabhängig gewordenen Staaten an die eigenen alten juristischen Texte wortwörtlich zu nehmen und sogar anzuwenden; Unzweideutigkeit war ja modern. Das führte fortan auch im islamischen Kulturkreis zu harten Strafen für Verhaltensweisen, die vor der Moderne  jeder dort hingenommen hätte.
Es war einfach Pech für die islamische Welt, wie auch für Indien, China und Afrika, dass ausgerechnet das sexuell ungeschickte England und Europa den Ton angaben. Das hat tiefe Spuren hinterlassen.

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Wanderkarte Idomeni

Dieses Flugblatt setzte sie in Bewegung, die große Gruppe Flüchtlinge in Idomeni, die durch den kalten Fluss wateten um in das vermeintlich gastfreundliche Mazedonien zu gelangen:

FlugblattIdomeniGanz

Es liest sich etwas mühsam; ich tippe es mal ab:

الحقائق
1. ١. الحدود اليونانية-المقدونية „ادميني“ مغلقة وسوف يبقى كذلك.
2. ٢. سوف لن يكون هناك باصات أو قطارات لتنقلكم الى ألمانيا.
3. ٣. من المحتمل أن من سيبقى في اليونان سوف يتم ترحيله الى تركيا.
4. ٤. من يستطيع شق طريقه بشكل غير قانوني نحو بلدان شرق أوروبا سيتمكن من البقاء (ألمانيا ما زالت تستقبل اللاجئين)
5. ٥. من المحتمل أن يتم إفراغ المخيم الحدودي في ادميني في غضون أيام قليلة قادمة. والمرجح أن يتم إجباركم للذهاب الى مخيمات الحكومة اليونانية، حيث يتم من هناك نقلكم وترحيلكم الى تركيا.
الحل
1. الحاجز المزدوج موضوع لإيهامكم ان الحدود مغلقة. السور ينتهي على بعد خمسة كيلومترات من هنا حيث لا يوجد حاجز يمنعكم من دخول مقدونيا عبور الحدود من هناك! (انظر الخارطة).
2. ٢. اذا ذهبتم بمفردكم في مجموعات صغيرة ستتمكن شرطة الحدود أو الجيش من إيقافكم أو إعادتكم.
3. ٣. عند تجمع المرور آلاف الأشخاص سوية، لن تتمكن شرطة من إيقافكم أو إعادتكم.
دعونا نلتقي يون الاثنين الساعة الثانية ظهرا ١٢.٠٠ عند مخرح المخيم ولنذهب لنقطع الحدود سوية.
الرجاء النظر للخارطة لمعرفة الطريق ونقطة التجمع.
١. هذا النهر جايف (لا ماء فيه)
٢. هذا لا يوجد سور
٣. الالتفاف هنا عند الممر (؟)
٤. هذا نقطة التجمع، الاثنين الساعة الثانية ظهرا 14.00
الرجاء إعلام وإخبار أصدقائكم ومعارفكم.
الرجاء إخفاء هذا البروشور. لا يتوجب على الشرطة أو الصحفيين رؤيته.
حظًا موفقًا

Übersetzung:

  • Die Fakten
    1. Der griechisch-mazedonische Grenzübergang Idomeni ist zu und wird es bleiben.
    2. Es wird keine Busse oder Züge geben um Sie nach Deutschland zu bringen.
    3. Wer in Griechenland bleibt, wird möglicherweise in die Türkei abgeschoben.
    4. Wer es schafft, illegal in einen anderen Staat Mittel- oder Osteuropas zu reisen, wird bleiben können. (Deutschland nimmt noch Flüchtlinge auf.)
    5. Möglicherweise wird das Grenzlager Idomeni in wenigen Tagen evakuiert wird. Möglicherweise werden Sie dann gezwungen in Lager der griechischen Regierung zu gehen. Von dort werden Sie dann in die Türkei transportiert.
  • Die Lösung
    1. Der doppelte Zaun ist gebaut worden, damit Sie glauben, die Grenze sei geschlossen. Der Zaun endet fünf Kilometer von hier, wo es es keinen Zaun gibt, der Sie daran hindern könnte, in Mazedonien einzureisen. Grenzübergang hier! (s. die Karte).
    2. Wenn Sie sich individuell in kleinen Gruppen auf den Weg machen, wird die Polizei oder die Armee Sie stoppen und zurückbringen können.
    3. Wenn Sie sich zu Tausenden gleichzeitig auf den Weg machen, wird die Polizei Sie nicht stoppen oder zurückbringen können.
    .
    Lasst uns uns am Montag um zwei Uhr nachmittags (12.00)[so!] treffen, beim Ausgang des Camps, um die Grenze zu durchbrechen. Bitte schauen Sie auf die Karte, um den Weg und den Treffpunkt zu finden.
    .
    [Die Texte in der Karte, von rechts nach links:]
    – Hier ist der Treffpunkt, Montag um zwei Uhr nachmittags 14.00
    – Die Kurve beim Durchgang (?)
    – Hier ist keine Mauer.
    – Dieser Fluss ist trocken (er führt kein Wasser).
    .
    [Unter der Karte:]
    Bitte erzählen Sie die dies Ihren Freunden und Bekannten!
    Bitte verstecken Sie diesen Flyer! Die Polizei und die Journalisten dürfen ihn nicht sehen.
    Viel Glück!           kommando norbert blüm


Die Zeit des Treffens ist zwei Uhr, aber einmal heißt es 12.00, in den im Arabischen üblichen indischen Ziffern. Fehler oder Absicht? So etwas kann auf jeden Fall zu Chaos führen.
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Die ersten fünf Zeilen enthalten schon ziemlich viel Desinformation, aber richtig zynisch und böswillig ist der Text auf der Karte: „Dieser Fluss ist trocken (er führt kein Wasser).“ Jeder hat in den Nachrichten sehen können, wie schnell der Fluss strömte und wirbelte. Nach den heftigen Regenfällen der vorhergehenden Zeit wundert das auch nicht.
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Der trockene Fluss wird nicht von einem Flüchtling erfunden worden sein, der schon seit Tagen in der Nässe lebte. Ein Flüchtling hätte im Camp auch nicht die technischen Möglichkeiten gehabt, das Flugblatt zu vervielfältigen: ein Textverarbeitungsprogramm, eine Zeichen App, ein Drucker im Copyshop des 300-Seelendorfs Idomeni? Niemals.
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Dieser raffinierte und bewusst irreführende Flyer kommt von außerhalb. Von Aktivisten, wie is es bald in den griechischen Medien hieß? Welche? Manche deutschen Medien wussten es genau: Grüne, Linke. Davon hört man aber inzwischen nichts mehr; das war wohl allzu unwahrscheinlich. Auch Flüchtlinge hassende Gruppierungen wie die AfD können den Flyer nicht angefertigt haben. Die sind zu wenig raffiniert, schauen nicht über die Grenze, können kein Arabisch.
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Bis ich eines Besseren belehrt werde, denke ich vielmehr an den Ulk einer fremden Macht, die einen zynischen Sinn für Humor hat. Eine Macht, die in Europa gerne Chaos verursacht, der das vermehrte Elend von Flüchtenden egal ist und die nebenbei noch den zufällig anwesenden Norbert Blum durch den Kakao zieht. Haben die wohl gelacht—und schon gar, als der Flyer auch noch einer menschenfreundlichen Gruppe zugeschrieben wurde. Oder war auch das so geplant?

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Das Schwert des Islams

Kennen Sie die Vorstellung, dass Mohammed und nach ihm die Muslime den Islam „mit dem Schwert in der einen Hand und dem Koran in der anderen” verbreitet hätten? Sie geht zurück auf den britischen Historiker Edward Gibbon, der 1781 schrieb:1

  • […], mit dem Schwert in der einen Hand und dem Koran in der anderen errichtete Mohammed seinen Thron auf den Ruinen des Christentums und Roms.

Hier muss man das Schwert und das Buch nicht wörtlich nehmen, genau so wenig wie die Ruinen: Es handelt sich um eine bildliche Darstellung. Aber etwas weiter im selben Kapitel ließ Gibbon sich bei seiner Beschreibung des Martyriums von Alīs Sohn Husain bei Kerbela wohl von seiner eigenen Bildersprache mitreissen:

  • Am Morgen des Schicksalstags stieg er auf sein Pferd, mit dem Schwert in der einen Hand und dem Koran in der anderen […]

Dieser Satz liest sich, als habe Husain sich an seinem Todestag wirklich mit diesen Attributen in den Sattel geschwungen. Anzunehmen ist aber, dass er nur sein Schwert bei sich trug. Den Koran als Taschenbuch gab es noch nicht.
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dOhssonOffensichtlich besaß auch D’Ohsson ein Exemplar von Gibbons Werk. Der Armenier war Dolmetscher des schwedischen Botschafters im Osmanenreich gewesen und wohnte lange in Paris. Sein Buch über das Reich2 hat in Europa viel Kenntnis und Unkenntnis über die Türkei und den Islam verbreitet. Und siehe da: Auf der Titelseite seines Werks hat er Gibbons Vorstellung wörtlich genommen. Man erkennt dann gleich, wie unsinnig die ist: Der Koran existierte noch gar nicht als Buch —und überdies: Welcher Muslim würde ihn in die linke Hand nehmen? Abgesehen davon, dass es wohl eher lästig wäre, so zu kämpfen. Hinter dem Propheten stehen denn auch Herren mit Turbanen, die die Tätigkeiten unter sich aufgeteilt haben: Die eine Hälfte beschäftigt sich mit der Schrift, die andere fuchtelt wenig überzeugend mit Schwertern herum. Links ist die Ka‘ba zu sehen, auf dem Dach die Götzenbilder, die es zu zerstören galt. Laut Überlieferung befanden sich diese Statuen in der Ka‘ba, aber das macht sich auf einer Abbildung nicht so gut.
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MahomethSchon erheblich früher hatte der niederländische Graphiker Romeyn de Hooghe (1645–1708) Mohammed auf einem Kupferstich dargestellt — mit einem Schwert in der rechten Hand und einem Schreibstift in der linken.3 Der Künstler drückte ihm diese Attribute in die Hand, genau so, wie man es von Abbildungen christlicher Evangelisten, von Aposteln und Heiligen gewohnt war — wenngleich diesen die Dynamik der Mohammed-Darstellungen fehlt. Konkret bezog de Hooghe sich wohl auf den Stift, der im Koranvers 96:4 erwähnt wird. Vielleicht schwang auch die Vorstellung mit, dass Mohammed den Koran selbst geschrieben habe, wie man früher in Europa glaubte. Im Laufe des 18. Jahrhunderts hat sich der Stift dann zu einem Buch weiterentwickelt. 
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Bei einer bloß oberflächlichen Suche habe ich noch etwa zehn westliche Abbildungen des Propheten gefunden, zwei davon nur mit Schwert und eine mit Schwert und Buch. Allzu unentbehrlich scheint das Attribut doch nicht gewesen zu sein.
Jemand hat mich darauf hingewiesen, dass sowohl Gibbon als auch d’Ohsson Freimaurer waren. Könnte es sein, dass es eine freimaurerische Tradition war, Mohammed mit besagten Attributen abzubilden? Das ist auf die Schnelle schwer zu sagen.4

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RegnaultExécutionWie dem auch sei: Ganz unabhängig vom Propheten hat das Schwert des Islams seit Jahrhunderten eine Rolle in europäischen Vorstellungen gespielt. Europa hatte ja insgesamt eine negative Vorstellung von der islamischen Welt, obwohl man dort immer gerne die schönen Textilien und köstlichen Gewürze kaufte. Es gab die Erinnerung an die reale militärische Bedrohung durch die Araber im frühen Mittelalter und durch das starke Osmanenreich bis etwa 1700. Im 18. Jahrhundert war die Bedrohung gewichen und das Orientbild wurde positiver. Die orientalischen Herrscher konnten ja sogar den absolutistischen Fürsten Europas als Beispiel für Toleranz und Aufklärung entgegengehalten werden (Lessing). Im 19. Jahrhundert, als die Kolonialmächte sich die Welt untertan machten, verschlechterte das Bild sich wieder. Edward Said hat 1978 in seinem epochemachenden Buch Orientalism gezeigt, dass die europäischen Vorstellungen sogar mit Absicht verzerrt wurden um das Herrschen zu erleichtern. Der Orient sollte schön exotisch, aber auch rückständig und antiquiert sein und dazu noch unvorstellbar grausam. Orientalische Despoten mussten nur mit den Fingern schnippen und schon wurde jemand standrechtlich geköpft, natürlich malerisch mit einem Schwert, wie auf dem Gemälde Regnaults.5 Der so kreierte Orient bescherte dem Betrachter ständig ein wohliges Schaudern: Angstlust. Bilder von Arabern, die mit Schwertern um sich schlagen, sind in dem europäischen Gedächtnis wie eingebrannt.
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Natürlich verwendeten die alten Araber und die frühen Muslime tatsächlich Schwerter; das waren damals überall gängige Waffen. Aber später stiegen sie auf modernere Hinrichtungsmethoden um, wie alle anderen auch. Im Osmanenreich, das ja auch Syrien und den Irak umfasste, hat man seit Mitte des 19. Jahrhunderts nur noch durch Erhängen hingerichtet.6 Die Todesstrafe mittels Enthäuptung ist in der hanafitischen Rechtsschule auch gar nicht vorgesehen. Die Rechtsbücher der Hanbaliten dagegen, denen sowohl die Saudis wie die irakisch-syrische Terrorgruppe „Islamischer Staat“ folgen, schreiben das Schwert vor. In Saudi-Arabien wird in der Tat mit dem Schwert hingerichtet, aber seit wann? Der Staat existiert ohnehin erst seit 1932. Es gibt im Königreich nur wenige gute Scharfrichter, weshalb man dort das Erschießen bevorzugt.
Wahrscheinlich hat man sowohl in Saudi-Arabien wie auch im „Islamischen Staat“ irgendwelche Prophetenüberlieferungen neu beleben wollen, was einer re-invented tradition gleichkommt. Solchen Hadithen zufolge hat der Kalif Umar (reg. 634–44) dem Propheten mehrmals vorgeschlagen jemandem den Kopf abzuschlagen. Zu der Zeit war das noch nicht exotisch.

reelbadarabsIch vermute aber, dass der IS mit seinen Schwertern — mehr noch als auf Hadithe — auf die orientalistische Bildertradition im „Westen“ Bezug nimmt und sie medial ausnutzt. IS-Kämpfer lassen sich gerne mit Schwertern ablichten. Vielleicht werden die auch bei Hinrichtungen benutzt, obwohl das Bildmaterial oft irgendwie unecht wirkt. Ich habe mir die Filme dieser Hinrichtungen nicht so genau angesehen, und schon gar kein zweites Mal. Vielleicht habe ich hier oder da ein Schwert erkannt, wo nur ein Fleischermesser war. Das bewiese dann, dass auch ich darauf progammiert bin, Muslime mit Schwertern zu sehen. Welcher von den Terroristen hat wirklich jemanden mit einem Schwertschlag geköpft? Köpfen will gelernt sein und man braucht dazu viel Körperkraft. Es verlangt äußerste Konzentration, bis es bei laufender Kamera mit einem Mal gelingt.

So oder so, der IS will die jahrhundertealte Bildkraft des Schwertes nutzen; man weiß dort sehr wohl, dass Muslime mit Schwertern uns seit Jahrhunderten gruseln lassen. Es ist ein weiteres Beispiel dafür, wie Muslime sich selbst nach Vorbildern inszenieren, die von „orientalistischen“ Europäern stammen. Der „Westen“ bekommt damit genau die Muslime, die er sich vorstellt. Natürlich ist das Schwert nur ein Aspekt dieses Stylings. Mit dem finsteren Mittelalter hat das Ganze auf jeden Fall nicht so viel zu tun.

Vielleicht sollte jemand einmal der Frage nachgehen, warum archaische Tötungsweisen wie Köpfen oder Steinigen bei uns Entsetzen und Fassungslosigkeit auslösen, während das Morden mit Maschinengewehren und Drohnen als alltäglich hingenommen wird.

 

ANMERKUNGEN
1. Edward Gibbon, The Decline And Fall Of The Roman Empire, Bd. 3, London 1781, Kap. 50: […] „Mahomet, with the sword in one hand and the Koran in the other, erected his throne on the ruins of Christianity and of Rome,“ und „On the morning of the fatal day, he mounted on horseback, with his sword in one hand and the Koran in the other… .“
2. Ignatius Mouradgea d’Ohsson, Tableau Général de l’Empire Othoman, 7 Bde., Paris 1788-1824.
3. In Gottfried (Godfried) Arnold, Historie der kerken en ketteren van den beginne des Nieuwen Testaments tot aan het jaar onses Heeren 1688, Bd.1, Amsterdam 1701, S. 469. Ich danke dem niederländischen Historiker Martin Hillenga für den Hinweis. Eine hochauflösende Reproduktion steht hier.
4. De Hooghe kann noch kein Freimaurer gewesen sein, da die erste Loge in den Niederlanden erst 1734 eröffnet wurde.
5. So auch wieder in Sacha Baron Cohens Film The Dictator (2012).
6. Adolf Heidborn, Manuel de droit public et administratif de l’Empire Ottoman, 2 Bde., Wien 1909–1912, i, 370.

Diakritische Zeichen: Ḥusain ibn ʿAlī, Karbalāʾ, ʿUmar

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Moderne nichtislamische Mohammedbiografien: auf und ab

Das sira-Material — also die Texte zur Mohammedbiografie — ist so umfangreich und vielfältig, dass sich daraus kein zusammenhängendes Bild des Propheten gewinnen lässt. Ist es überhaupt verwertbar für eine zuverlässige Biografie oder als Quelle für die Geschichte des frühen Islams? Die Frage ist typisch eine, wie *Orientalisten sie stellen.

Im 19. Jahrhundert waren Gelehrte wie Ernest Renan (1823–93; „Der Islam entstand im vollen Licht der Geschichte“), Julius Wellhausen (1844–1918), Ignaz Goldziher (1850–1921) u. A. noch voller Vertrauen. Sie verwarfen viele Texte als unzuverlässig, glaubten aber an die Möglichkeit, mit dem Rest die historische Vergangenheit rekonstruieren zu können „wie sie wirklich gewesen“ sei.
Dieser Glaube wurde während der ersten Skeptizismuswelle untergraben, deren Hauptvertreter Leone →Caetani (1869–1935) und Henri →Lammens (1862-1937) waren. Caetani tat in seinen Annali nicht viel mehr als die damals zur Verfügung stehenden Quellen in italienischer Übersetzung nebeneinanderzustellen, so dass die Diskrepanzen deutlich ans Licht traten. Nach Lammens‘ Meinung basiert die ganze Biografie auf dem Koran und ist deshalb als Geschichtsquelle unbrauchbar.
Nach dem Ersten Weltkrieg war der kritische Geist verschwunden und die Suche nach der „historischen Wahrheit“ wurde wieder aufgenommen. Eine Anzahl wissenschaftlicher Biografien wurde verfasst, deren Höhepunkt das umfassende Werk von W. Montgomery →Watt war (1953–56).
Eine zweite Skeptizismuswelle rollte in den Siebzigern heran. John →Wansbrough ließ sich durch die Bibelwissenschaft inspirieren, wandte eine Art „Urkundenhypothese“ auf die sīra-Texte an und analysierte die verschiedenen literarischen Gattungen mit ihren Funktionen und Zielsetzungen. Patricia →Crone und Michael Cook führten in ihrem Hagarism die literaturwissenschaftliche Herangehensweise fort; überdies machten sie auf bisher vernachlässigte nichtarabische Quellen aufmerksam, wobei sie ein aufmerksames Auge für Informationen über die materiellen, wirtschaftlichen und geografischen Realien im alten Arabien hatten.
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Momentan gehen die Meinungen unter nichtislamischen Gelehrten stark auseinander. Einerseits gibt es eine Neigung zur Tradition zurückzukehren. Eine gewisse Sehnsucht nach der guten alten Biografie ist erkennbar bei → Schoeler, Charakter und →Motzki, Murder. F.E. Peters war sich der Natur der Quellen sehr wohl bewusst,  schrieb aber trotzdem eine Biografie. Die früher so skeptische Patricia →Crone ist jetzt der Meinung, dass wir viel über Mohammed wissen und durch weitere Forschung noch mehr Wissen erhalten können. Tilman → Nagel schrieb eine dicke Biografie, als ob es nie Skeptizismus gegeben hätte.
Andere Gelehrte versuchen die frühislamische Geschichte komplett neu zu schreiben. Manche bezweifeln sogar, dass es Mohammed je gegeben hat, oder sie behaupten, Mohammed sei kein Eigenname, sondern ein Adjektiv, das sich auf Jesus bezieht (Nevo & Koren; die sog. *Inârah-Gruppe; Ohlig und Puin; Luxenberg in →Ohlig & Puin; auch bei →Jansen erwähnt). Eine gewisse postmoderne Gleichgültigkeit gegenüber der Historizität der Biografie ist erkennbar bei →Rubin und →Schöller.
Welchen Standpunkt man auch immer einnimmt, die in den vergangenen Jahrzehnten gewonnene Einsicht, dass die biografischen Texte Literatur sind, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Viele dieser Texte gehören zu literarischen Gattungen mit eigenen Konventionen, einer gehörigen Menge Fiktionalität und ganz viel Intertextualität. Je mehr Intertextualität in einer Erzählung entdeckt werden kann, desto unbrauchbarer ist sie für die Geschichtsschreibung. Texte, die auf der Bibel oder anderer jüdischer oder christlicher Literatur basieren, können für die Geistesgeschichte ihrer Entstehungszeit schon verwendet werden, aber nicht für die Historiographie der Ereignisse, die darin beschrieben werden. Weil wir heutzutage mehr Quellen zur Verfügung haben als Caetani damals, sehen wir noch klarer die Diskrepanzen zwischen den Quellentexten. Dazu kommt noch, dass kaum ein biografischer Text im 1. Jahrhundert des Islams datiert werden kann. Je jünger die Quellen sind, desto mehr behaupten sie über den Propheten zu wissen.
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Rückblick
Wenn das, was man über den Propheten Mohammed zu wissen meint, über einen Zeitraum von anderthalb Jahrhunderten so sehr schwankt, ist nur eine Schlussfolgerung möglich: dass wir offensichtlich nicht viel gefestigte Kenntnis haben. Woran liegt es, dass die Meinungen von Wissenschaftlern so variabel sind? Ich kann die Frage nicht beantworten, sondern lediglich einige Erwägungen vorbringen.
– Die Persönlichkeit der Forscher spielt immer eine Rolle: Sind sie konservativ, glauben sie gerne oder sind sie vielmehr gierig etwas Neues zu entdecken?
– Auch der Zeitrahmen spielt eine Rolle. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte wohl niemand mehr Lust oder Energie, die vielversprechende Forschung von der Zeit davor fortzusetzen. Der Zweite Weltkrieg und die nachfolgende bleierne Zeit machten es nicht besser. Erst in den Siebzigern trauten sich junge Forscher die graue Verstaubtheit ihrer Lehrmeister abzuschütteln. Es gab Geld, die Aufbruchsstimmung war allgemein. Ab ca. 2000 bricht wieder politischer Pessimismus durch. Der Westen verliert immer mehr an Glanz, die Universitäten geraten fast überall in eine finanzielle und existentielle Krise; die allgemeine Stimmung wird eher konservativ. Das sind Faktoren, die die Forschung oder den Mangel daran beeinflussen.
– Ab den Sechzigern siedelten sich viele Muslime in Westeuropa und Nordamerika an. Das führte bei manchen Gelehrten zu politisch-korrekten Gewissensbissen („Damit kann ich meine muslimischen Freunde doch nicht belästigen?“); andere wollten gerne forschen, aber bekamen keine Mittel dafür, weil die Behörden vor allem Ruhe im Lande haben wollten und nichts unterstützten, was Muslime verdrießen könnte. Nach dem 9.11.2001 kippte die Stimmung und wieder andere Gelehrte nahmen die Chance wahr ihre islamfeindlichen und/oder rassistischen Gefühle wissenschaftlich verpackt unters Volk zu bringen.
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Mit keiner dieser politisch und finanziell bedingten Haltungen ist der Wissenschaft gedient, aber sie spielen mit Sicherheit eine Rolle. Nein, ich werde hier keine Namen nennen.

Siehe auch Moderne islamische Mohammedbiografien.

BIBLIOGRAPHIE
– Tor Andræ, Die person Muhammeds in lehre und glaube seiner gemeinde, Stockholm 1917.
– Leone Caetani, Annali dell‘ Islam, i–ii, Milano 1905–7.
– Patricia Crone and Michael Cook, Hagarism. The making of the Islamic world, Cambridge 1977.
– Patricia Crone, What do we actually know about Mohammed? (veröff. 31.08.2006).
– Toufic Fahd (hg.), La vie du prophète Mahomet. Colloque de Strasbourg (23–24 octobre 1980), Paris 1983.
– Ibn Warraq, The Quest for the Historical Muhammad, ed. with translations by Ibn Warraq, Amherst (NY) 2000.
– Hans Jansen, Mohammed. Eine Biographie, München 2008.
– Henri Lammens, „L’Âge de Mahomet et la chronologie de la Sîra,“ in Journal Asiatique [2nd ser.] 17 (1911), 209-50 (übers. „The age of Muhammad and the chronology of the sira,“ in Ibn Warraq, Quest, 188–217).
– idem, „Caractéristique de Mahomet d’après le Qoran,“ in Recherches de science religieuse 20 (1930), 416–38.
– idem, Fātima et les filles de Mahomet. Notes critiques pour l’étude de la Sīra, Rom 1912. (übers. „Fatima and the daughters of Muhammad,“ in Ibn Warraq, Quest, 218-329).
– idem, „Qoran et Tradition. Comment fut composée la vie de Mahomet,“ in Recherches de science religieuse 1 (1910), 26–51 (übers. als „The Koran and tradition. How the life of Muhammad was composed,“ in Ibn Warraq, Quest, 169–87).
– Harald Motzki (hg.), Biography of Muḥammad. The issue of the sources. Leiden 2000.
– idem, „The murder of Ibn abī l-Huqayq. On the origin and reliability of some maghāzī-reports,“ in idem, Biography, 170–239.
– Tilman Nagel, Mohammed. Leben und Legende, München 2008.
– Yehuda D. Nevo and Judith Koren, Crossroads to Islam : the origins of the Arab religion and the Arab state, Amherst (NY) 2003.
– Albrecht Noth and Lawrence I. Conrad, The early Arabic historical tradition. A source-critical study, Princeton 1994.
– Karl-Heinz Ohlig & Gerd-R. Puin (hg.), Die dunklen Anfänge: neue Forschungen zur Entstehung und frühen Geschichte des Islam, Berlin 2006.
– F. E. Peters, Muhammad and the origins of Islam, New York 1994.
– idem, „The quest of the historical Muhammad,“ in IJMES 23 (1991), 291–315 [nachgedruckt in Peters, Muhammad].
– Wim Raven, „Sīra and the Qur’ān“ in Encyclopaedia of the Qur’ān.
– Ernest Renan, Études d’histoire religieuse, Paris 61863 (das berühmte Zitat steht S. 220).
– Maxime Rodinson, „A critical survey of modern studies on Muhammad,“ in Merlin Swartz, Studies on Islam, New York/Oxford 1981, 23–85.
– Uri Rubin, The eye of the beholder. The life of Muḥammad as viewed by the early Muslims. A textual analysis. Princeton 1995.
– idem, „Muhammad,“ in Encyclopaedia of the Qur’ān.
– Gregor Schoeler, Charakter und Authentie der muslimischen Überlieferung über das Leben Muhammeds, Berlin/New York 1996.
– Marco Schöller, Exegetisches Denken und Prophetenbiographie. Eine quellenkritische Analyse der Sīra-Überlieferung zu Muḥammads Konflikt mit den Juden. Wiesbaden 1998.
– John Wansbrough, The sectarian milieu. Content and composition of Islamic salvation history, Oxford 1978.
– W. Montgomery Watt, Muhammad at Mecca, Oxford 1953.
– idem, Muhammad at Medina, Oxford 1956.
– idem, „The reliability of Ibn Ishāq’s sources,“ in Fahd, La vie, 31–43.

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Die Islamisierung des Islams

Islamisches Weinglas, Kairo ± 1310

Islamisches Weinglas, Kairo ± 1310

Islamisch und islamisch
Das Lästige mit den Wörtern Islam und islamisch ist, dass sie zwei Bedeutungen haben. Erstens beziehen sie sich auf die Religion, die Islam heißt. Zweitens nehmen sie Bezug auf die islamische Welt (ein mehr oder weniger geographischer Begriff), die islamische Kultur, die islamische Geschichte und viele andere Sachen, die nichts oder wenig mit der Religion zu tun haben.
Diese Mehrdeutigkeit macht sich auch in unserer sog. „Islamwissenschaft“ bemerkbar. Die kann die Religion zum Gegenstand haben oder die Kultur und Geschichte des Nahen und Mittleren Ostens oder auch die Wissenschaftsgeschichte dieses Gebiets oder von allem etwas.

Googeln Sie mit? Islamische Kunst, islamische Architektur, islamische Keramik, islamische Zivilisation, islamische Enthaarungspaste, islamische Musik, islamische Kalligraphie, islamische Wissenschaft, islamische Übersetzungen, islamische Medizin, islamische Münzen, islamische Astronomie, islamische Geschichte, islamische Textilien, islamische Maße und Gewichte, islamische Mathematik, islamische Philosophie, islamische Geometrie, islamische Wissenschaft, islamische Geographie, islamische Schifffahrt, islamische Astrolabia, islamische Entdeckungen, muslimische Flotte, islamische Erfindungen, islamisches Glas, islamische Gärten, islamischer Handel, islamische Diplomatie, islamisches Recht, islamische Mystik, islamische Glaubenslehre.

Sehen Sie, wie unangenehm es ist, wenn überall das Wort islamisch dazu kommt? Fehl am Platze ist es auch, denn von all diesen Sachen, die in der „islamischen Welt“ existierten oder noch existieren, haben nur die drei letzten etwas mit Religion zu tun; die anderen nichts oder nur ganz wenig. Die islamische Wissenschaft war sogar ausgesprochen unislamisch. Andere Lebensbereiche waren nicht oder nur leicht durch Religion oder Vorschriften berührt.
Auch „arabische“ Dinge wie Grammatik und Literatur waren nicht religiös. In der kleinen Nische, in der die arabische Literatur religiös war, war sie fast immer gleich unlesbar, wie die christliche Literatur auch. Die Medizin war areligiös; wo sie wirklich religiös war (z.B. die „Heilkunde des Propheten,“ oder die Magie mit Hilfe von Talismanen usw.) half sie nicht oder erheblich weniger als die Schulmedizin. Ein normaler Patient ging und geht zu einem richtigen Arzt.
Das Wort „islamisch“ auch in der nicht-religiösen Bedeutung zu benutzen war eine europäische Idee. Es kommt derart im Arabischen nur unter Einfluss der europäischen Sprachen vor.

  • Man kann schon einigermaßen verstehen, wie es dazu gekommen ist.
    Beispiel: die „islamische Schifffahrt“. Die Schifffahrt, die ab ± 800 aus Basra und Sīrāf nach Indien, Indonesien und China unternommen wurde, kann man nicht arabisch nennen, denn die Perser waren stark daran beteiligt. Sīrāf war ja ein Hafen in Iran und viele Schiffstermini sind Persisch. Man kann gut von der portugiesischen, spanischen, englischen und niederländischen Schifffahrt reden, aber arabische Schifffahrt wäre wirklich falsch. Was denn? Etwa die „arabisch-persische“, oder die „abbasidische Schifffahrt“? Häufig trifft man in so einem Fall dann die Verlegenheitswahl: „islamische Schifffahrt“.
    Jedoch: Bereits 655 schickte Mu‘āwiya von Syrien aus eine Flotte gegen das Oströmische Reich. Auch diese Flotte kann man schwerlich arabisch nennen, weil die Araber damals noch keine Seefahrer waren. Anzunehmen ist, dass libanesische und griechische Untertanen des Araberreichs sie organisierten und bemannten. Also heißt sie manchmal „umayyadische Flotte“, aber leider auch oft „muslimische Flotte“ oder „islamische Flotte“. Und das, obwohl es 655 noch kaum einen Islam gab und die Seeleute wohl alle christlich waren.
    Jemand kann also das Wort „islamisch“ verwenden, weil ihm ein anderer passender Terminus nicht eingefallen ist. Aber oftmals steckt auch ein geheimer Wunsch dahinter, nämlich die Islamisierung des Islam (s. unten).

Weil ständig die Wörter Islam oder islamisch fallen, entsteht der Eindruck, dass der ganze Nahe Osten von Religion durchzogen war oder ist. Das ist natürlich nicht so. Normale, nicht auf Frömmigkeit spezialisierte Menschen widmen nur einen gewissen Teil ihrer Zeit der Religion.
Dem „Westen“ passt es aber so, dass alles islamisch heißt. Das (absichtliche?) Missverständnis, das darin Ausdruck findet, ist, dass Muslime ganz andere Menschen sind als Europäer und nicht in die gegenwärtige Welt passen.
Des Weiteren stellt man im Westen auch gerne einen Konflikt zwischen islamischen Geboten oder Verboten einerseits und nicht-islamischen wissenschaftlichen, philosophischen oder literarischen Aktivitäten andererseits fest. In Wirklichkeit haben die unterschiedlichen Lebensstile und -bereiche wohl aneinander vorbei gelebt, oder sie haben einander vertragen, wie anderswo auch.

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Die Islamisierung des Islams
Der Ausdruck ist nach der Lektüre des vorigen Teils verständlich. So kann ich jetzt behaupten: Islamisierung des Islams ist das Durchdringen einer „islamischen“ Kultur mit der islamischen Religion und in der nächsten Phase sogar das Ersetzen einer islamischen Kultur durch Religion. Dies ist ein Prozess, der vor zwei Jahrhunderten zögernd anfing und sich heute verstärkt fortsetzt. Zwei Arten von Menschen haben dazu beigetragen: Salafisten/Islamisten und Orientalisten.

– Salafisten, Islamisten, Fundamentalisten und wie sie sonst noch heißen. Erstens gab es jene noch kaum durch den Westen berührte Reformbewegung, die von Ibn ‘Abd al-Wahhāb (1703–1792) in einem Dorf im tiefsten Arabien initiiert wurde; parallele Entwicklungen gab es u.a. in Indien. Man könnte sie vielleicht mit extremen Formen der christlichen Reformation vergleichen, namentlich mit der „bibeltreuen“ Variante: zurück zu den Schriften; Bildersturm; Reinigung; Abkapselung. Diese Muslime wollten in der Tat das ganze Leben in Familie, Gesellschaft und Staat mit Religion durchziehen, und alles schöne „Unislamische“, das ich oben angedeutet habe, am liebsten verneinen oder vernichten. Keine Musik, Wissenschaft, Literatur, Heiligengräber, Musik oder Tanz mehr; bloß keine Sufis und Schiiten! Nun hatten die Wahhabiten anfangs nur lokale Bedeutung; es war eine kleine, etwas exzentrische Minderheit, die ohne die politisch motivierten Unterstützungen der Engländer im 19. Jh. und der U. S. Amerikaner im 20. Jh. wohl nie einen Auftritt auf dem Weltpodium bekommen hätte. Als sich herausstellte, dass ihr Land auf Erdöl schwimmt, betrieben Wahhabiten vielerorts lautstark Mission und haben andere Gestaltungen des Islams einfach wegfinanzieren können. Deshalb spricht man manchmal auch von der „Arabisierung des Islams“. Rückenwind bekamen sie aus vielleicht unerwarteter Richtung: von den europäischen, später auch U.S. amerikanischen Orientalisten.

– Die älteren Orientalisten (± 1830–1960) sind, wie oben bereits erläutert, an der Islamisierung des Islams tatsächlich schuldig. Im 19. Jahrhundert studierten Orientalisten den Islam hauptsächlich aus alten Texten: Koran, Hadith, Bücher zum islamischen Recht und zur islamischen Glaubenslehre. Hieraus gewannen sie ihr Wissen um das „Wesen“ des Islams: ein System, das ganz von Religion durchzogen ist. Natürlich wussten sie, dass es in der Praxis des Osmanischen Reichs oder in den Kolonien oft ganz anders aussah. Aber dies waren dann Abweichungen von der Norm. Sie maßen die „Entartungen“, die angeblichen Verfallserscheinungen des Islams, an ihrer Vorstellung des „echten Islams“, die sie den Büchern entnommen hatten. Das passiert heutzutage in wissenschaftlichen Kreisen nicht mehr so häufig. Aber in den Medien und in populären Veröffentlichungen, in Literatur und in Film wird noch tausendfach das alte Islambild verbreitet, mit der Unterstellung, dass die Wirklichkeit auch so ausschaue. Und wo die nicht so ausschaut, soll es angeblich daran liegen, dass man entweder das „wahre Wesen des Islams“ noch nicht erkannt hätte, und/oder die Muslime sich ihrerseits verstellten und taqīya übten. Auch unsere zeitgenössischen Islamhasser präsentieren sich oft als halbe Koranexperten und somit als Sachverständige par excellence.

In den islamischen Ländern beeilte man sich in der kolonialen Periode den „Westen“ nachzuahmen und den Islamentwurf der europäischen Gelehrten zu übernehmen. Hörten die Muslime wirklich auf die von ihnen heute so verpönten Orientalisten und Kolonialherrscher? – ja, indirekt schon. Die „islamische Welt“ entdeckte im 19. Jahrhundert, dass sie Europa unterlegen war: militärisch, aber auch kulturell. Deshalb fing man fleißig an die Europäer zu imitieren, in der Hoffnung genau so fortschrittlich und stark zu werden wie diese. Dies ging so weiter bis tief ins 20. Jahrhundert. In diesem Zusammenhang imitierte man auch die protestantische Ethik Englands, später die der Vereinigten Staaten, inklusive deren Sturheit, Geradlinigkeit und Prüderie. Oftmals hat man sich in direkter Konfrontation mit Europäern vor diesen geschämt, wenn diese z.B. die Polygamie oder Paradiesvorstellungen oder gewisse Handlungen Mohammeds kritisierten. So haben Muslime das im Westen entstandene Idealbild eines „offiziellen“, „orthodoxen“ Islams zum Teil übernommen.
Die Aussagen der Salafisten und die der Orientalisten und sonstiger überheblicher Westmenschen verstärken sich gegenseitig. So hören die Araber und andere Völker heutzutage von allen Seiten verkünden, dass sie Muslime seien, dass der „richtige“ Islam das ganze Leben, also auch Politik und Wissenschaft umfasse und dass das Religiöse wichtiger sei als das Nicht-Religiöse. Dieser Umstand hindert sie nicht nur daran, sich weiter zu modernisieren, sondern auch mit ihrer reichen, profanen „islamischen“ Kultur in Kontakt zu bleiben, die jetzt überall vernachlässigt oder ins Abseits gedrängt wird. Das ist ewig schade.

Literaturhinweise:
– Th. Bauer, Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams, Berlin 2011, insbes. Kap 6: „Die Islamisierung des Islams“.
– Aziz al-Azmeh, Die Islamisierung des Islam. Imaginäre Welten einer politischen Theologie, Frankfurt am Main 1996.

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