Die islamistische Steinigung: ein modernes Phänomen

Wo es Steine gibt, wird mit ihnen geworfen — auch auf Menschen. In einem Armenviertel in Tetuan in Marokko bin ich mal von Jungs mit Steinen beworfen worden. Die Jungs waren klein und ihre Steine zum Glück auch. Überdies rief ein älterer Mann sie zur Ordnung, sie hörten auf und ich kam unbeschädigt davon. In Straßenkämpfen zwischen Gruppen von Jungen im Jemen, so Michael Roes, wurde allen Ernstes mit Steinen geworfen; dabei gab es manchmal auch Schwerverwundete.1 Sie hatten dort noch keine mordlustigen Computerspielchen. Aus dem Norden kenne ich nur Schneeballschlachten, die entarten konnten, sobald knallharte „Eisbomben“ mit einem Stein drin angefertigt und geworfen wurden.
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Erwachsene steinigen manchmal Menschen absichtlich in einem „Volksgericht“. Für die Täter ist das deutlich von Vorteil: Weil sie eine Gruppe bilden, ist es nicht möglich festzustellen, wer letztendlich den tödlichen Stein geworfen hat. In Umgebungen, in denen Steinigung bereits als Mord gilt und der Täter sich vor einem Gericht verantworten muss, kann er nicht belangt werden, weil er unbekannt ist. Und in Gegenden, in denen Blutrache herrscht, wird so den Umstand vorgebeugt, dass eine Blutrache in Gang kommt, die dann wieder eine Reaktion hervorruft und so weiter. Das ist umso mehr der Fall, wenn Verwandte des oder der Gesteinigten die tödlichen Steine werfen: Sie sind identisch mit den Racheberechtigten; Rache muss also nicht genommen werden.
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Zu unterscheiden sind wohl spontane Steinigungen, die eine Form von Lynchjustiz sind, und Steinigungen aufgrund eines Urteils nach einem Rechtsgang. Im Folgenden werde ich nur von Letzteren reden.
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Mir sind zwei Rechtssysteme bekannt, die Hinrichtung mittels Steinigung ermöglichen: das des Alten Testaments und somit des Judentums, und das des Islams.
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Allerdings: Juden steinigen nicht. Wie sie es fertiggebracht haben, die sehr harten Rechtsregeln aus der Thora für ungültig zu erklären, ist mir unbekannt. Ein Alttestamentler, den ich danach fragte, hat mir erklärt, dass die Gesetze des Alten Testaments erst nach dem Untergang des alten Israels und Judas zu Stande kamen und somit nie angewandt wurden. Er fand keinen Hinweis darauf, dass in den beiden Kleinstaaten je durch Steinigung hingerichtet worden wäre. Nach 586 v.Chr. lebten die Juden als Minderheiten in anderen Staaten und waren nicht befugt selbst Todesurteile zu vollstrecken. Das ist bekannt aus dem alten Persien, wo viele Juden lebten, und vom Fall Jesus, bei dem Juden das Urteil verkündeten, aber die Römer es in höherer Instanz bekräftigen und ausführen mussten. Bekanntlich entschieden die sich für einen Strafvollzug in römischem, nicht in alttestamentarischem Stil.
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Muslime steinigten früher auch nicht, obwohl das in einigen Rechtsquellen der Scharia unzweideutig empfohlen wird; in anderen Rechtsquellen fanden sie aber die juristischen Mittel um es zu umgehen; siehe dazu unten. Aber seit einigen Jahrzehnten steinigen sie manchmal doch. In allen Fällen ist es die Strafe für einvernehmlichen Geschlechtsverkehr von zwei Personen, die mit anderen verheiratet sind oder schon mal waren.

– In Iran zum Beispiel wurden zwischen 1980-1989 laut Amnesty International 76 Personen aufgrund eines rechtsgültigen Urteils gesteinigt und 74 weitere in der Periode 1990 bis 2009, so das International Committee Against Execution. In den letzten Jahren hat es Versuche gegeben, die Steinigung aus den iranischen Gesetzen zu streichen; das ist nur teilweise gelungen. Aber in der Praxis wird seit 2009 die Steinigung in Iran in andere Arten der Hinrichtung umgewandelt.
– In Saudi-Arabien, das seit 1932 existiert, wird meistens geköpft und erschossen, aber auch schon mal gesteinigt. Daten dazu sind mir nicht bekannt.
– Aus den Vereinigten Arabischen Emiraten sind zwischen 2006 und 2014 ungefähr zehn Fälle von Steinigung bekannt.
– In Afghanistan wurde während des Taliban-Regimes gesteinigt und danach noch gelegentlich von den Taliban. Obwohl in diesen Fällen keine spontanen Volksgerichte urteilten, kann man die Vorgänge auch nicht Rechtspflege nennen, denn seit 2004 ist in Afghanistan die Steinigung verboten und die Taliban gelten als Rebellen.
– Im Gebiet der Gruppe „Islamischen Staat“ wird gesteinigt; Näheres ist mir unbekannt.
– In Sudan wurden 2012 zwei Personen zur Steinigung verurteilt, aber die Urteile sind nicht vollstreckt worden.
– In Nord-Nigeria (das Gebiet von Boko Haram ausgenommen) sind seit 2000 mehr als zwölf Personen zum Tod durch Steinigung verurteilt, die Urteile aber nicht vollstreckt worden.
– Mauretanien? Ich denke schon.
– In Pakistan lässt der Staat nicht steinigen, sondern verurteilt vielmehr Steiniger als Mörder. Allerdings wird aufgrund von Urteilen von Stammesgerichten gesteinigt–welche Zuständigkeit diese haben und wie groß der Unterschied zur Lynchjustiz ist, weiß ich nicht.
– In Somalia wurde von 2009 bis 2014 gesteinigt nach Urteilverkündung durch sog. Schariagerichte von Terroristengruppierungen ohne Legitimation.
– Im indonesischen Teilstaat Aceh und in Brunei (2013) hatte man vor, die Steinigung ins Gesetzbuch aufzunehmen, aber meines Wissens ist es nicht dazu gekommen.

Diese Daten sind unvollständig und nicht wasserfest; ich habe sie dem Wikipedia-Artikel über „Stoning“ entnommen. Das ist natürlich unbefriedigend, aber ich werde die Fakten aus der Moderne nicht weiter erforschen. Der Artikel unterscheidet nicht zwischen Lynchjustiz und Steinigung aufgrund eines Gerichtsverfahrens. Eine große Linie ist allerdings sichtbar. Auffällig ist, dass nahezu alle Steinigungen aus der jüngsten Zeit datieren.
Im späten 20. Jahrhundert zeigt sich in mehreren islamischen Länder die Tendenz die Steinigung in die Gesetzgebung aufzunehmen und anzuwenden. Und in diesem Jahrhundert sehen wir das Bestreben, Steinigungen zu stornieren, obwohl sie „eigentlich“ ausgeführt werden sollten. Für Behörden bringt das Steinigen ohne Zweifel eine Menge Ärger: Es muss eine Gruppe gebildet werden, die die Steine werfen soll; diese muss nicht selten zur unangenehmen Arbeit gezwungen werden und jeder behält dabei einen üblen Geschmack im Mund. Überdies wirkt es ungemein unmodern. Für Behörden ist es einfacher, andere Formen der Hinrichtung anzuwenden: etwa durch einen Henker im Staatsdienst. Dann weiß man, was man hat, und ist zugleich von dem Rummel in den Medien befreit, die sich über Steinigungen gewaltig aufregen, über modernere Hinrichtungsmethoden aber viel weniger.
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Aber wie war es denn vor 1980 oder vor 1932? Vor dem 20. Jahrhundert wurde NICHT aufgrund eines Rechtsurteils gesteinigt. Steinigung ist in der islamischen Welt ein modernes Phänomen, das zu Unrecht „mittelalterlich“ genannt wird.
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Der Münsteraner Islamwissenschaftler Thomas Bauer hat viele Geschichtswerke aus der klassischen Periode im Nahen Osten durchgearbeitet und stieß dabei auf zahlreiche schwungvoll erzählte Berichte von Folterungen und Hinrichtungen. Aber er fand nur einen Fall einer Steinigung, und der verursachte seinerzeit großes Aufsehen:

  • Es gab Rebellen und Räuber, die gekreuzigt wurden – die Dichter stürzten sich darauf und dichteten spektakuläre Gedichte – Sensationslust ist ja kein modernes Phänomen. Es gab Machthaber, die folterten und hinrichten ließen – die Chronisten berichten es in aller Ausführlichkeit – aber nirgendwo wird von einer Steinigung berichtet. Mit einiger einzigen Ausnahme. Meines Wissens gab es in der Zeit zwischen 800 und dem 20. Jahrhundert nur einen einzigen sicher bezeugten Fall einer Steinigung wegen Ehebruchs aus dem Kernbereich des Islams. Er trug sich um das Jahr 1670 im osmanischen Reich zu, war – wie die modernen Fälle ja auch – politisch motiviert – und sorgte für einen handfesten Skandal. Der verantwortliche Richter wurde abgesetzt. Der Chronist, der von dem Fall berichtet, zeigt sich ebenfalls empört. Er hält Steinigungen keineswegs für islamisch. So etwas sei seit der Frühzeit des Islams nie mehr vorgekommen, stellt er entrüstet fest. Auch für ihn waren Steinigungen etwas Atavistisches und Unmenschliches.2

Warum steinigen moderne Muslime dann, wenn das gar keine Tradition hatte? Lesen Sie weiter auf Seite 2

ANMERKUNGEN:
1. Roes, Leeres Viertel, z.B. 446, 602.
2. Bauer, Musterschüler, 10. Auch in Bauer, Ambiguität, 280–282 und Rohe, Recht, 135–6.

2 Kommentare zu “Die islamistische Steinigung: ein modernes Phänomen

  1. Zur Aufhebung des vorgeblichen Koranverses, wonach „der alte Mann und die alte Frau ganz bestimmt gesteinigt werden“ sollen, ist zu bemerken, daß dessen Wortlaut von einer Variante des Ḥadīṯes zur anderen leicht unterschiedlich ist, was als Hinweis darauf gesehen werden kann, daß es sich hier wohl kaum um einen Koranvers handeln dürfte. Weiterhin soll laut Aussage ʿĀʾišas, der Ehefrau des Propheten – Allah segne ihn und gebe ihm Heil –, ein kleines Tier (Schaf oder Ziege) gekommen sein und das Blatt, auf dem dieser Vers stand, aufgefressen haben, als ʿĀʾiša und die anderen mit dem todkranken Propheten beschäftigt waren [Aḥmad, Nr. 26359].
    Hier muß man sich die Frage stellen:
    Wer hat entschieden, daß durch dieses Auffressen der Vers als schriftlicher und mündlich vorgetragener Teils des Korans, aber nicht als Regel und Vorschrift aufgehoben ist? Da der Prophet – Allah segne ihn und gebe ihm Heil – damals bereits totkrank war, dürfte er selbst es wohl kaum gewesen sein. Bekanntlich ließ sein Nachfolger Abū Bakr während seiner Amtszeit alle bisher noch nicht kodifizierten Teile des Korans schriftlich festhalten, damit sie nicht verloren gehen sollten. Demnach hätte er diesen angeblich aufgefressenen Koranvers wieder neu niederschreiben lassen müssen, da dessen Wortlaut ja bekannt war. Die Behauptung, dieser Vers sei dadurch aufgehoben worden, daß ein Tier ihn aufgefressen habe, mutet völlig absurd an. Das wäre so, als würde man sagen, der Koran sei aufgehoben, wenn eine Ziege ein ganzes Koranexemplar auffräße.
    Man muß sich fragen, was in den Köpfen der Gelehrten schief gelaufen ist, daß sie eine solch lächerliche Geschichte glauben und davon eine Regelung ableiten konnten, die über Leben und Tod entscheidet.

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