Das Gewand hochziehen

Assyrische Reliefs im British Museum (8. Jh. v. Chr.) zeigen uns arabische Krieger in Lendenschurzen bis etwas oberhalb des Knies, die durch schmale, später auch breitere und dickere Gürtel am Platz gehalten werden. Aber vielleicht diente dieses Tuch nur als praktische Kampfkleidung, während man zu Hause im Zelt etwas Längeres anhatte?

Das lange Männergewand scheint aus dem Norden zu stammen. Ein Araber auf einem Relief, nicht in einer Kampfszene, trägt ein längeres Gewand in nordsyrischem Stil. Die Stoffe mussten ja auch aus dem Norden kommen. Oder ganz aus dem Süden: Viele Kleidungsstücke haben jemenitische Namen. Mittelarabien hatte genug Wolle, aber keinen Flachs zur Leinenherstellung.

Nach Herodot (484–425 v. Chr.)1 trugen sie eine ζειρά (seira), das ist ein langer Lendenschurz, der bis unter die Fußgelenke geht. Seira wird wohl nicht, wie ich anfangs meinte, das arabische Wort izāra sein, d.h. ein Lendentuch bis unterhalb des Knies. Die seira wurde auch in Teilen Griechenlands getragen und es ist unwahrscheinlich, dass die alten Griechen ihrer Kleidung arabische Namen gaben.

Als der Islam aufkam, wurde das uns wohlbekannte lange Männergewand also schon lange getragen. Zu solchen Gewändern passt das arabische Wort tashmīr, das Aufkrempeln oder Hochziehen. Vielleicht haben die alten Araber auch ihre Ärmel aufgekrempelt, aber vor allem denkt man bei diesem Wort an das Hochziehen des Gewandes, das mittels eines Gürtels um die Hüften  befestigt wird, so dass die Unterschenkel frei werden und man sich flotter bewegen kann. Hochgekrempelt wird das Gewand, wenn gerannt, gearbeitet oder gekämpft werden muss. Dies war schon in alttestamentlichen Zeiten bekannt, wie der biblische Ausdruck: „um die Lenden gegürtet“ (2. Mose 12:11 u.v.a.) beweist. Dort wird es bei ähnlichen Aktivitäten gemacht.

In Koran 68:42 wird mit Bezug auf den Jüngsten Tag gesagt يومَ يُكشف عن ساق , „am Tag, da ein Unterbein entblößt wird …,“ was auf das Hochziehen des Gewandes hinausläuft — wessen Bein ist das aber?

Es gab Ausleger, die meinten, es betreffe Gottes Bein.2 So merkwürdig ist das nicht: Der Koran spricht von Gottes Auge und Gottes Hand; warum sollte Gott nicht auch ein Bein haben? Es gab in der Tat Muslime, die diese Ausdrücke wortwörtlich nahmen — natürlich ohne zu fragen, wie das Bein wohl aussähe. Bilā kaif („ohne zu fragen wie“) war die orthodoxe Losung. Verständlich: Sonst würden nur seltsame Fragen aufkommen. Andere Kommentare meinten, dass der Satz die Beine der in der Hölle gequälten Menschen betreffe.3 So fasst es auch der Koranübersetzer M.A. Rassoul auf: „am Tage, wenn die Beine entblößt werden“. Der Amerikaner Majid Fakhry dachte noch etwas weiter; er übersetzt: „… when nothing shall be concealed.“ Das erinnert an unseren Ausdruck: „Er muss die Hosen herunterlassen“ — keine Wahrheit kann mehr verborgen bleiben.

Der Ausdruck wird ursprünglich mit dem Aufkrempeln des Gewandes zu tun gehabt haben, war aber wohl längst idiomatisch geworden, so dass nicht mehr an ein konkretes Bein gedacht werden musste. So wie wir bei „die Ärmel hochkrempeln“ und „seine Hände in Unschuld waschen“ meist auch nicht an echte Ärmel oder Hände denken. Dann bedeutet der koranische Ausdruck so etwas wie: „am Tag, da es heftig hergehen wird“.

ANMERKUNGEN
1. Herodotus, Historiae vii, 69.
2. U.a. al-Buḫārī, Ṣaḥīḥ, Tafsīr sūra 68, 2.
3.

Sonstige Kleidung
• Damen: Kopftuch, Schleier, Burka & Co, Tschadorhot pants. Siehe auch Hidschab.
• Herren: Burka, Arabische Kleidung in der Bibel

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Die Bestrafung im Grab

Der Koran kennt Bestrafung im Jenseits, aber nicht die Bestrafung der Toten in ihrem Grab (‘adhāb al-qabr), an die viele Muslime trotzdem gerne glauben. Sie ist vor allem ein Thema des Hadiths; dorthin wird sie wohl aus der vorislamischen Zeit hinübergerettet worden sein.1 Bis zum *Jüngsten Tage liegen die Körper der Verstorbenen von ihren Seelen getrennt in ihrem Grab. In dem sog. „Zwischenzustand“ (barzakh) bestehen sie in irgendeiner Weise weiter und sie können Druck, Schmerz oder Freude empfinden. Der Koran spielt nur kurz darauf an, aber Hadithe und volkstümliche Texte besprechen es ausführlich.2

Wer wird bestraft? Im Prinzip alle Verstorbenen, außer gewissen Kategorien von Menschen, die nach ihrem Tod eine Sonderbehandlung erhalten. Die Märtyrer, die für Gottes Sache auf dem Schlachtfeld umgekommen sind, sind „nicht tot. Nein, sie sind lebendig, und ihnen wird bei ihrem Herrn Lebensunterhalt gegeben“ (Koran 3:169). Laut einem Hadith kommen Propheten, Märtyrer und unschuldige Kinder sofort nach ihrem Tod ins Paradies.3 Ein anderer Hadith erwähnt zehn Personen, unter ihnen den Propheten Muḥammad und die ersten vier Kalifen, die „bereits im Paradies sind“.4

Was passiert? Die meisten Menschen werden aber in ihrem Grabe einer Befragung (musā’ala) unterzogen, die eine schmerzhafte Bestrafung zur Folge haben kann. Der Tote wird gebeten in seinem Grab aufrecht zu sitzen und von seinem Glauben und seinen Taten Rechenschaft abzulegen. Wenn er gute Taten getan hat, werden diese für ihn antworten. Wenn das Ergebnis der Befragung zufriedenstellend ist, wird das Grab geräumiger gemacht, so dass sein Körper Erleichterung spürt. Andernfalls wird er gefoltert, indem sein Grab zusammengedrückt wird; überdies kann er geschlagen, ausgepeitscht oder durch eine feurige Schlange gebissen werden. Zu seiner Schande wird sein Unglauben allgemein bekannt gemacht.5

Wer bestraft? Darüber sind die Quellen nicht einstimmig. Es kann ein Unbekannter sein oder ein Engel, der manchmal Rūmān genannt wird, oder zwei Engel, die entweder namenlos bleiben oder in einigen Texten Munkar and Nakīr heißen,6 oder es können sogar vier Engel sein.7

In der Koranauslegung (tafsīr). Wenn der Koran von einem wichtigen Thema nicht spricht, versuchen die Ausleger trotzdem in mehreren Versen Anspielungen darauf zu entdecken. Das ist auch hier geschehen. So wird z.B. in Koran 9:101 von den Heuchlern gesagt: „Wir werden sie zweimal bestrafen.“ Das könnte einmal in dieser Welt sein und einmal im Grab.8 Für den frühen Koranausleger *Muqātil ibn Sulaimān (gest. 767)9 ist die erste Bestrafung der Tod, während die zweite im Grab vollzogen wird: „Im Augenblick des Sterbens schlagen die Engel ihnen ins Gesicht und auf den Rücken, und Munkar und Nakīr tun dies im Grab.“ Zum Koranvers 40:11: „Sie sagen: Unser Herr, Du hast uns zweimal sterben lassen und zweimal lebendig gemacht, hat at-Tabarī (gest. 923) unter den ihm bekannten Auslegungen auch diese bewahrt: „Sie starben in dieser Welt und wurden im Grab auferweckt; dann wurden sie befragt oder zu Rede gestellt; dann starben sie in ihrem Grab und wurden im Jenseits nochmals auferweckt.“10 Es gibt noch viel mehr Koranauslegungen, die zeigen, dass die Bestrafung im Grab im frühen Islam ein wichtiges Thema war.

Auch in der Theologie war das der Fall. Al-Ash‘arī,11 die *Khāridjiten und die Muʿtaziliten verneinten den Realitätsgehalt der Bestrafung im Grabe. Dirār ibn ‘Amr (± 728-96) tat das sehr ausdrücklich, weil er von Hadithen nicht viel hielt.12 Die meisten alten Muslime glaubten aber, dass es diese Bestrafung wirklich gebe. Verschiedene Glaubensbekenntnisse (‘aqā’id) von Gläubigen, die sich an Hadith und Sunna halten wollten,13 drängten auf die Anerkennung der Realität der Bestrafung im Grabe.14 Das ist selbstverständlich in einem Milieu, in dem alle Texte über das Leben nach dem Tod wortwörtlich genommen werden. Sollten zum Beispiel Paradies und Hölle nicht wirklich existieren, sondern bloß Metaphern sein, warum sollte man dann noch den göttlichen Geboten gehorchen? Und wenn man Paradies und Hölle wörtlich nimmt, ist es nur ein kleiner Schritt, das auch mit der Bestrafung im Grab zu tun.

ANMERKUNGEN
1. Zwei Hadithe zur Bestrafung im Grabe:
Qatāda überliefert von Anas ibn Malik: Der Prophet hat gesagt: Wenn ein Toter in sein Grab gelegt worden ist und die Trauergemeinde sich entfernt hat, hört er das Gedröhn ihrer Sandalen. Dann kommen zwei Engel zu ihm, die ihn aufsitzen lassen und ihn fragen: „Was hast du immer über den Mann, über Muḥammad gesagt?“ Ein Gläubiger sagt dann: „Ich bezeuge, dass er der Knecht und der Gesandte Gottes ist.“ Dann wird zu ihm gesagt: „Schau, dort ist dein Platz in der Hölle, aber für dich hat Gott ihn mit einem Platz im Paradies vertauscht,“ und er wird beide Plätze sehen können. (Muslim, Ṣaḥīḥ, Ǧanna 70)

حدثنا عبد بن حميد. حدثنا يونس بن محمد. حدثنا شيبان بن عبدالرحمن عن قتادة. حدثنا أنس بن مالك قال: قال نبي الله ص „إن العبد إذا وضع في قبره، وتولى عنه أصحابه، إنه ليسمع قرع نعالهم“ قال „يأتيه ملكان فيقعدانه فيقولان له: ما كنت تقول في هذا الرجل؟“ قال „فأما المؤمن فيقول: أشهد أنه عبد الله ورسوله“ قال „فيقال له: انظر إلى مقعدك من النار. قد أبدلك الله به مقعدا من الجنة“ قال نبي الله ص „فيراهما جميعا“.

Von Ibn ‘Abbās: Der Prophet kam an einer der Mauern in Medina oder Mekka vorbei und hörte dort die Stimmen zweier Menschen, die in ihrem Grab bestraft wurden. Der Prophet sagte: „Sie werden bestraft, aber nicht wegen einer großen Sünde. Nein, der eine hat sein Geschlechtsteil nicht von den letzten Urintropfen gereinigt; der andere ist mit Verleumdungen herumgegangen.“ Darauf rief er um einen Palmzweig, zerbrach ihn in zwei Teile und legte auf jedes der beiden Gräber ein Stück. Als man ihn fragte, weshalb er das getan habe, sagte er: „Vielleicht wird ihr Schicksal etwas erleichtert, solange die Zweige nicht verdorrt sind.“ (Buḫārī, Ṣaḥīḥ, Wuḍūʾ 55) (@Text stimmt nicht ganz überein@)

حدثنا محمد بن المثنى قال: حدثنا محمد بن خازم قال: حدثنا الأعمش، عن مجاهد، عن طاوس، عن ابن عباس قال: مر النبي ص بقبرين، فقال: (إنهما ليعذبان، وما يعذبان في كبير، أما أحدهما فكان لا يستتر من البول، وأما الآخر فكان يمشي بالنميمة). ثم أخذ جريدة رطبة، فشقها نصفين، فغرز في كل قبر واحدة. قالوا: يا رسول الله، لم فعلت هذا؟ قال: (لعله يخفف عنهما ما لم ييبسا).

2. Wensinck, Handbook s.v. „Graves“; Smith/Haddad, Understanding 31–61; Van Ess, Theologie iv, 521–8.
3. Abū Dāwūd, Sunan, Ǧihād, 25; Ibn Ḥanbal, Musnad v, 58 u.a.
Ich fragte den Propheten: „Wer ist im Paradies?“ Er antwortete: „Der Prophet ist im Paradies, die Märtyrer sind im Paradies, [verstorbene] Säuglinge sind im Paradies und lebendig beerdigte Mädchen sind im Paradies.“  حدثنا مسدد، ثنا يزيد بن زريع، ثنا عوف، قال: حدثتنا حسناء بنت معاوية الصريميّة قالت: ثنا عمي قال: قلت للنبي ص: من في الجنة؟ قال: النبيُّ في الجنة، والشهيد في الجنة، والمولود في الجنة، والوئيد في الجنة.
4. Abū Dāwūd, Sunan, Sunna 8/4649; Ibn Ḥanbal, Musnad i, 187–8. Für sonstige privilegierte Kategorien s. Wensinck, Handbook, s.v. „Graves: who is free from the trial“.
Der Prophet, Abū Bakr, ‘Umar, ‘Uthmān, ‘Alī, Ṭalḥa, az-Zubayr, Sa‘d ibn Mālik, ‘Abd ar-Raḥmān ibn ‘Awf, Sa‘īd ibn Zaid.

حدثنا حفص بن عمر النمري، ثنا شعبة، عن الحر بن الصيَّاح، عن عبد الرحمن بن الأخنسأنه كان في المسجد فذكر رجلٌ عليّاً عليه السلام، فقام سعيد بن زيد فقال: أشهد على رسول اللّه ص أني سمعته وهو يقول: „عشرةٌ في الجنة: النبيُّ في الجنة، وأبو بكرٍ في الجنة، وعمر في الجنة، وعثمان في الجنة، وعليٌّ في الجنة، وطلحة في الجنة، والزبير بن العوام في الجنة، وسعد بن مالك في الجنة، وعبد الرحمن بن عوفٍ في الجنة“ ولو شئت لسميت العاشر، قال: فقالوا: من هو؟ فسكت، قال: فقالوا: من هو؟ فقال: هو سعيد بن زيد.

5. Aḥwāl al-qiyāma 39–41; Übers. 69–73; Smith/Haddad, Understanding of death 41–50; Van Ess, Theologie iv, 528–34; Wensinck/Tritton, ‘Adhāb al-ḳabr.
6. Bereits bei Muqātil ibn Sulaimān, Tafsīr ii, 193, 405–6, pace Wensinck, Munkar wa-Nakīr; idem, Creed 117–9, 163–5.
7. Van Ess, Theologie, iv, 528, 531.
8. ‘Abd ar-Razzāq, Tafsīr i, 253; aṭ-Ṭabarī, Tafsīr xiv, 444; Zamaḫšarī, Kaššāf ii, 211.
9. Muqātil ibn Sulaimān, Tafsīr ii, 193.
10. At-Tabarī, Tafsīr xxiv, 31.
11. Al-Ash‘arī, Maqālāt 430.
12. Van Ess, Theologie iii, 52, iv, 529.
13. Im etwas schwierig datierbaren Glaubensbekenntnis Fiqh akbar, das wohl zu Unrecht Abū Ḥanīfa zugeschrieben worden ist, lautet der zehnte Artikel: „Wer sagt: ,Die Bestrafung im Grabe erkenne ich nicht an,‘ gehört zur Sekte der Ǧahmiten, die ins Verderben geht,“ und dies ist längst nicht der einzige Text.
14. Wensinck/Tritton, ‘Aḏāb al-ḳabr; Wensinck, Creed, Index unter „punishment“.

BIBLIOGRAPHIE
Primär:
‘Abd ar-Razzāq aṣ-Ṣanʿānī, Tafsīr, Hg. Qalʿaǧī, 2 Bde., Beirut 1991; Aḥwāl al-qiyāma, Hg. und übers. M. Wolff, Muhammedanische Eschatologie, Leipzig 1872; Al-Ash‘arī, Kitāb al-maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn, Hg. H. Ritter, Wiesbaden 19803; Tafsīr Muqātil b. Sulaymān, Hg. ‘Abdallāh Maḥmūd Shiḥāta, 5 Bde. Kairo 1979-89; aṭ-Ṭabarī, Tafsīr, Hg. Šākir (sura 1–12), hg. Cairo 1323–9 (sura 13–114); Zamaḫšarī, Kaššāf, Hg. M. Ṣ. Qamḥāwī, 4 Bde., Cairo (al-Bābī al-Ḥalabī) 1972, und die üblichen Hadithsammlungen.

Sekundär:
R. Eklund, Life between death and resurrection according to Islam, Uppsala 1941; Joseph van Ess, Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert Hidschra, 6 Bde., Berlin 1991–95, iv, 521–34; R. J. McCarthy, The theology of al-Ash‘arī, Beirut 1953; W. Raven, „Reward and punishment,“ in EQ; J. Smith and Y. Haddad, The Islamic Understanding of Death and Resurrection, Albany 1981, 31–61; A.J. Wensinck, „Munkar wa-Nakīr“ in EI2; idem, The Muslim Creed, Cambridge 1932, index; A.J. Wensinck und A.S. Tritton, „‘Adhāb al-ḳabr“ in EI2, und die üblichen Hilfsmittel zur Erschließung des Hadiths.

Diakritische Zeichen: aḏāb al-qabr, barzaḫ, aṭ-Ṭabarī, Al-Ashʿarī, Ḫāriǧiten, Ḍirār ibn ʿAmr, ʿaqāʾid

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Enthaarungspaste

Wer hat die Enthaarungspaste erfunden? Das waren die Teufel und sie taten es auf Verlangen König Salomos. Dieser bekam nämlich Besuch der Königin von Saba, Bilqis, die behaarte Beine hatte, was er unattraktiv fand. Die Beine bekam er zu sehen, als sie über einen gläsernen Palastboden schritt und dabei ihr Kleid hochzog. So erzählt es wenigstens der arabische Autor ath-Tha‘labī (gest. 1035) in seinem Qisas al-anbiyā’ (Prophetenerzählungen)

  • Die Teufel hatten sich gegen Bilqis verschworen und Sulaimān (Salomo) von ihr erzählt: „Ihre Füße sind wie Eselspfoten und sie hat behaarte Beine, weil ihre Mutter eine Dschinnin war.“ Sulaimān wollte die Wahrheit wissen und ihre Füße und Beine sehen, und deshalb befahl er den Palast zu bauen.
    […]
    Als Bilqis kam, sagte man zu ihr: „Tritt in den Palast ein!“ Als sie [den Boden] sah, meinte sie, es sei eine Wasserfläche, also entblößte sie ihre Unterschenkel, um [das Wasser] zu durchwaten und auf Sulaimān zuzugehen. Dieser betrachtete sie und fand, dass sie prächtige Beine und Füße habe, nur dass ihre Beine behaart seien. Als Sulaimān das sah, wandte er sich ab und rief ihr zu, es sei nur ein Palast, der mit Glasplatten ausgelegt sei, und kein Wasser.
    […]
    Die Gelehrten sind sich nicht einig über das, was ihr widerfuhr, als sie sich Gott ergeben hatte. Die meisten sagten, Sulaimān habe sie danach heiraten wollen, aber habe gegen ihre dichte Beinbehaarung einen Widerwillen gespürt und gedacht: „Ist das hässlich!“ Darum habe er die Menschen nach einem Mittel gefragt, um sie zu entfernen, und sie sagten: „Ein Rasiermesser.“ Die Frau aber sagte: „Eisen hat mich noch nie berührt.“ Also habe Salomo darauf verzichtet, denn er habe gemeint, es schneide in ihr Bein. Dann habe er die Dschinn gefragt, die sagten: „Wir wissen es nicht.“ Darauf habe er die Teufel gefragt, aber diese hätten gelogen und auch gesagt: „Wir wissen es nicht.“ Als er aber stark darauf gedrungen habe, hätten sie gesagt: „Wir werden schon etwas finden, so dass ihre Beine blank wie Silber werden.“ Darauf hätten sie ihr eine Enthaarungspaste und ein Bad bereitet. (Ibn ʿAbbās sagt, das sei das erste Mal gewesen, dass eine Enthaarungspaste gesehen worden sei.) Dann heiratete Sulaimān sie.1

Wir haben es hier mit einem Stück Koranauslegung des Typs Midrasch zu tun (s. Tafsīr: Erweiterung). Bei den Christen ist diese Gattung nicht bekannt, aber bei den Juden schon. Als Grundlage wird ein Vers oder Fragment aus der Schrift genommen und drumherum wird eine Erzählung gebaut. Zu Grunde liegt in diesem Fall der folgende Koranvers:

      • Man sagte zu ihr: „Tritt in den Palast ein!“ Als sie [den Boden] sah, meinte sie, es sei eine Wasserfläche und entblößte ihre Unterschenkel. [Sulaimān] sagte: „Es ist ein Palast, der mit Glasplatten ausgelegt ist.“ Sie sagte: „Mein Herr! Ich habe gegen mich selber gesündigt. Ich ergebe mich nun zusammen mit Salomo Gott, dem Herrn der Menschen in aller Welt.“ 2

An diesem einen Koranvers hängt für die Muslime die ganze Erzählung über die behaarte Beine und das Mittel dagegen. In der obigen Übersetzung habe ich die Koranzitate kursiviert. Die Erzählung über Sulaimān und Bilqis ist viel länger, auch im Koran. Natürlich gehört sie zu den Legenden jüdischen Ursprungs (isrā’īlīyāt).3 Die islamischen Fassungen der Prophetenerzählungen gehen zurück auf die Erzähler aus dem ersten Jahrhundert des Islams, die den Auftrag hatten den Koran auszulegen und über den Propheten zu erzählen, aber auch über die früheren Propheten, wie Sulaimān einer war. Später wurden die Erzähler weniger geschätzt und es kamen die seriösen Schriftgelehrten, die ‘ulamā’, an die Reihe.

Ath-Tha‘labī schrieb einen seriösen Korankommentar, aber daneben noch sein berühmtes Buch Prophetenerzählungen, in dem er, wie er selber sagt, das Material habe loswerden können, das für den Kommentar nicht gut genug war. Die obige Erzählung fand er also schon zweitrangig. Trotzdem hat er — und haben die Muslime aller Jahrhunderte — die Prophetenerzählungen nicht wegwerfen wollen. In der Tat sind sie dazu viel zu unterhaltsam. Überdies ist zu bedenken, dass seriöse Korankommentare doch auch nicht selten auf Material von solchen Erzählern basieren, wenn es auch gesäubert, abgeflacht und in theologisch korrekte Form gebracht ist.

ANMERKUNGEN:
1. Der Text ist aus der Sulaimānerzählung in aṯ-Ṯaʿlabī, Qiṣaṣ al-anbiyāʾ. Ausgabe und Seitenzahl zu nennen hat wenig Sinn, weil es unzählige Ausgaben gibt, alle gleich unkritisch.
2. Koran 27:44: ‎قِيلَ لَهَا ادْخُلِي الصَّرْحَ فَلَمَّا رَأَتْهُ حَسِبَتْهُ لُجَّةً وَكَشَفَتْ عَنْ سَاقَيْهَا قَالَ إِنَّهُ صَرْحٌ مُمَرَّدٌ مِنْ قَوَارِيرَ قَالَتْ رَبِّ إِنِّي ظَلَمْتُ نَفْسِي وَأَسْلَمْتُ مَعَ سُلَيْمَانَ للهِ رَبِّ الْعَالَمِينَ
3. Bei Ginzberg, The Legends of the Jews. Klicken Sie hier; dann scrollen Sie weiter bis zu den Wörtern „Benaiah conducted the queen to Solomon,“ dann haben Sie es. Für die Quellennachweise brauchen Sie schon Ginzbergs gedrucktes Werk.

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Die „Erzähler“, die ersten Koranausleger

Der Bedarf an Koranauslegung (tafsīr) wurde anfangs von den „Erzählern“ (qāss, Pl. qussās;→ Pellat, Kāss) gedeckt. Das waren die ersten „islamischen“ Intellektuellen, die oft nebenamtlich Richter waren. In der Umayyadenzeit sprachen sie nach der Freitagspredigt zu den Gläubigen in den Moscheen. Sie erklärten den Koran, erzählten aber auch über den Propheten und die älteren Propheten und schilderten Paradies und Hölle. Ihre Erzählungen (qissa, Pl. qisas) waren sowohl erbaulich wie auch unterhaltsam und oftmals recht fantastisch. Wenn sie die koranischen Texte zu den früheren Propheten „erweiterten,“ schöpften sie oft aus jüdischen und christlichen, biblischen und nichtbiblischen Erzählungen, den sogenannten Isrā’īlīyāt. Was der Koran schon angefangen hatte, setzten sie fort: Mohammed wird als letzter Prophet in einer ganzen Reihe früherer Propheten positioniert, während diese umgekehrt auch die Merkmale Mohammeds verliehen bekamen.
Nach 700 wurden die Erzähler immer öfter aus den Moscheen verbannt. Ihr Ruf verschlechterte sich und letztendlich landeten sie auf der Straße, wo sie auch ein Publikum fanden. Ihre Neigung zu fantasieren verärgerte die frommen Gläubigen und Hadithgelehrten zunehmend, und die außerislamischen Materialien, die sie verbreiteten, wurde immer weniger akzeptabel gefunden.
Weil die Erzähler keine Schriftsteller waren, ihren guten Ruf relativ schnell verloren und als Gelehrtentyp spätestens bei dem Antreten der *Abbasiden-Dynastie (750) als überholt galten, sind kaum Texte unter ihren Namen in Büchern gesammelt. (Eine Ausnahme ist *Wahb ibn Munabbih.) Es gab zu der Zeit ohnehin noch kaum Bücher. Aber ihr Material sickerte in mindestens zwei Gattungen ein: die *Prophetenbiographie (sīra) und die Koranauslegung, trotz aller Versuche der Kompilatoren, sich von den Erzählern zu distanzieren und ihren Stoff politisch und religiös korrekt zu gestalten.
Die ‘ulamā’, die „Gelehrten,“ nahmen allmählich den Platz der Erzähler ein und hatten ein andere Auffassung von Gelehrsamkeit. Es ist nicht so, dass später nicht mehr auf Basis von Koranversen „erzählt“ wurde. Ich erinnere nur an die reichhaltigen Prophetenerzählungen aus dem zehnten Jahrhundert. Nur der Status, das Prestige solcher Erzählungen wurde geringer.

Als Beispiele zwei Texte aus der Prophetenbiographie, die auf „Erzähler“ zurückgehen:

  • Aus dem Bericht des ‘Abdallāh ibn Mas‘ūd entnehme ich die folgenden Worte des Propheten:
    Immer wenn mich Gabriel von einem Himmel zum nächsten brachte, fragte man ihn, als er um Einlass bat, wer ich sei. Er nannte ihnen meinen Namen und sie fragten ihn weiter, ob ich gesandt worden sei. Als er es bejahte, riefen sie aus:
    „Gott schenke ihm Leben, Bruder und Freund!“
    So geschah es, bis wir zum siebten Himmel gelangten und er mich schließlich zu meinem Herrn brachte, der mir für jeden Tag fünfzig Gebete zur Pflicht machte. Als ich dann auf dem Rückweg wieder bei Moses vorbeikam — welch vortrefflicher Freund ist er euch! —, fragte er mich:
    „Wie viele Gebete sind dir auferlegt worden?“
    „Fünfzig jeden Tag,“ erwiderte ich, worauf er sprach:
    „Das Gebet ist eine schwere Last, und dein Volk ist schwach. Gehe zurück zu deinem Herrn und bitte Ihn, Er möge dir und deinem Volke diese Last erleichtern!“
    Ich tat, wie er mich geheißen hatte, und mein Herr ließ mir zehn Gebete nach, doch als ich wieder bei Moses vorüber kam, sagte er mir nochmals das gleiche, und Gott erließ mir weitere zehn Gebete. So ging es fort, bis nur noch fünf Gebete übrig waren. Als ich dann wieder zu Moses kam und er mir erneut riet, Gott um Erleichterung zu bitten, sprach ich zu ihm:
    „Ich bin nun so oft zu meinem Herrn zurückgekehrt und habe Ihm diese Bitte vorgetragen, dass ich mich jetzt schäme und es nicht nochmals tun werde.“
    Seinen Zuhörern aber versprach der Prophet:
    „Jedem von euch, der diese fünf Gebete gläubig und ergeben verrichtet, werden sie wie fünfzig Gebete vergolten werden.“ 1
  • […] von ‘Abdallāh ibn ‘Amr habe ich erfahren, dass der Freigelassene des Propheten Abū Muwaihiba Folgendes erzählte: Mitten in der Nacht ließ der Prophet mich zu sich kommen und sagte: „Mir wurde befohlen, für die Tote auf dem Baqī‘-Friedhof um Vergebung zu beten. So komme mit mir!”
    Ich ging mit ihm und als er mitten zwischen den Gräbern stand, sprach er:
    „Friede sei über euch, o ihr Volk der Gräber! Freut euch, dass ihr nicht mehr seid, wo die Lebenden sind! Wie Fetzen der finsteren Nacht nahen die Versuchungen, eine nach der anderen, die letzte schlimmer als die erste.“ […]2

Als Beispiel aus der Koranauslegung möge die „erzählerische“ Erklärung des Wortes kauthar in Q 108:1 dienen. Ibn Ishāq zitiert einen Hadith, nachdem dies

  • „ein Fluss ist, so breit wie die Strecke von San‘ā’ nach Aila [das sind ± 2000 km.; WR]. Seine Wasserstellen(?) sind so zahlreich wie die Sterne des Himmels. Dort steigen Vögel ab mit Nacken wie Kamele […] usw..“ 3

Oder alternativ bei at-Tabarī:

  • „[…] ein Fluss [im Paradies], weißer als Milch und süßer als Honig, mit Perlenkuppeln an beiden Ufern.“ 4

Der Fantasie der Erzähler waren keine Grenzen gesetzt. Über die Varianten der Koranauslegung siehe auch hier.

ANMERKUNGEN
1. Ibn Ishāq, Sīra: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, uitg.. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 271. Übersetzung: Ibn Ishāq, Das Leben des Propheten, übers. Gernot Rotter, Kandern 1999, 88.
2. ibidem, 1000. Rotter, 252.
3. @
4. at-Tabarī, Ta’rīkh, i, 1158

MEHR LESEN:
– Ch. Pellat, „Kāss“ en„Kissa I“ in EI2.
– Lyall R. Armstrong, The Quṣṣāṣ of Early Islam, Leiden 2016.
– A. A. Duri, The Rise of Historical Writing among the Arabs, hg. und übers. Lawrence I. Conrad, Einf. Fred M. Donner, Princeton 1983, Index s. v. qisas.
– G. Vajda, „Isrāʾīliyyāt,“ in EI2.
– I. Goldziher, Muhammedanische Studien i–ii, Halle 1888–90, insbes. ii, 160–170.
– Merlin S. Swartz, Ibn al-Jawzī’s Kitāb al-quṣṣās wal-muḏakkirīn. Including a Critical Edition, Annotated Translation and Introduction, Beirut [1969].
– al-Ǧāḥiẓ, al-Bayān wat-tabyīn, hg. ‘Abd al-Salām Muḥammad Hārūn, Kairo, 4 Bde. 1985; i, 367–9.

Diakritische Zeichen: qāṣṣ, Pl. quṣṣāṣ;→ Pellat, Ḳāṣṣ, qiṣṣa, qiṣaṣ, Ibn Isḥāq, Ṣanʿāʾ, Ibn Isḥāq, aṭ-Ṭabarī, Taʾrīḫ, ḳāṣṣ, ḳiṣṣa

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Tafsir (Koranexegese): Kurzdefinition

Tafsīr ist Koranexegese oder Koranauslegung. Man findet sie meist Vers nach Vers, in den Korankommentaren des Muqātil ibn Sulaimān, Mudjāhid, ‘Abd ar-Razzāq as-San‘ānī, at-Tabarī, al-Qurtubī, ath-Tha‘labī, az-Zamakhsharī, al-Baydāwī, Ibn Kathīr, al-Djalālayn und anderer.
In der Gegenwart gibt es den Kommentar al-Manār. Auch das große Werk Saiyid *Qutbs, Fī zilāl al-qur’ān, will Koranexegese bieten, sieht aber eher wie eine Sammlung von Predigten und Meditationen aus. Die Kommentare der Neuzeit bieten häufig nur Bruchstücke aus älteren Kommentaren.

Außer in Kommentaren findet man Koranexegese auch in anderen Werken: in sīra-Schriften, in den Prophetenerzählungen und in anderen populären Schriften. S. auch den Artikel Erzähler.
Der deutsche Wikipedia-Artikel „Tafsīr“ ist gediegen und wertvoll. Interessant ist dort auch der Hinweis ganz unten auf den wichtigen EQ-Artikel „Exegesis of the Qur’ān“ von Claude Gilliot, der dort kostenfrei heruntergeladen werden kann, was andernorts nicht möglich ist. Der englische Wikipedia-Artikel ist unwissenschaftlich.

Zu den unterschiedlichen exegetischen Tätigkeiten siehe den größeren Artikel hier.

Kurzdefinitionen: Anlässe der Offenbarung, DhimmiFatwa, Hadith, Isnad, Isra’iliyatKalif, Muslim, Naskh, ProphetenerzählungenSabab an-nuzul, Scharia, Sira, SunnaTaqiya,

Diakritische tekens: Muǧāhid, ʿAbd ar-Razzāq aṣ-Ṣanʿānī, aṭ-Ṭabarī, al-Qurṭubī, aṯ-Ṯaʿlabī, az-Zamaḫšarī, al-Bayḍāwī, Ibn Kaṯīr, al-Ǧalālayn, Saiyid Quṭb, Fī ẓilāl al-qurʾān

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Ist die Hölle eine Frau?

Nach Koran 50:30 ist sie auf jeden Fall ein weibliches Wesen, das reden kann und ein großes Mundwerk hat: يوم نقول لجهنم هل امتلأت وتقول هل من مزيد  „… am Tag, da Wir zu der Hölle sagen: „Bist du schon voll?“ worauf sie sagt: Gibt es noch mehr?“
Ich war neugierig zu erfahren, wie die alten Muslime über diese Personifizierung der Hölle gedacht und geredet haben, und schlug einige gängige Korankommentare auf: Muqātil, at-Tabarī, al-Qurtubī, Ibn Kathīr.
Nichts! Dagegen gibt es Vieles zu ihrem enormen Inhalt und zur genauen Nuance der Wörter „Gibt es noch mehr?“ Ist das Gier oder vielmehr Protest? Und es stellte sich heraus, dass auch das Paradies reden kann, denn es wird ein schöner Hadith zitiert, in dem Hölle und Paradies ein Streitgespräch führen:

  • … von Abū Huraira, vom Propheten: Die Hölle und das Paradies hatten einen Disput. Die Hölle sagte: „Ich bin privilegiert mit den Arroganten und den Despoten.“ Das Paradies sagte: „Warum kommen bei mir nur die Schwächlinge und arme Schlucker herein?“ Gott sagte zum Paradies: „Du bist mein Erbarmen; mit dir zeige ich Erbarmen mit den Menschen, die ich will,“ und zu der Hölle sagte Er: „Du bist meine Bestrafung; mit dir foltere ich die Menschen, die ich will. Beide habt ihr einen Punkt, an dem ihr voll seid.“
    Die Hölle wird nicht voll, bevor Er nicht seinen Fuß hineinstellt; dann sagt sie: „Genug, genug!“ Dann ist sie voll und wird zusammengefaltet.1

Ein Gläubiger wäre vielleicht nicht so neugierig und würde sich nicht näher vorstellen wollen, wie die Hölle wohl ausschaut. Die korrekte islamische Antwort auf solche Fragen ist ja bilā kaif, „ohne zu fragen, wie.“ Die Vorstellung der Hölle bleibt also unvollständig, zumal an vielen Stellen im Koran ein Gemisch aus anderen Vorstellungen dargereicht wird: die Hölle ist ein Feuer (nār), „ein schlimmes Lager“ (bi’sa al-mihād); sie befindet sich an einem unbekannten, aber offensichtlich festen Platz mit sieben Toren, der über den „Höllenweg“ (sirāt al-djahīm) erreicht wird. Aber sie wird auch „herbeigebracht,“ laut Koran 89:23: وجيء يومئذ بجهنم „… und (wenn) an jenem Tag die Hölle herbeigebracht wird.“

Ich nehme solche Texte schon als Warnung: nicht vor der Hölle, aber davor, dass ich meinen könnte dieses alte Gedankengut zu verstehen. Auch moderne Muslime können das wohl nicht.

ANMERKUNG
1. Ein Stück Rangstreitdichtung; dazu soll irgendwann mal ein separater Artikel her.

وحدثني محمد بن رافع حدثنا شبابة حدثني ورقاء عن أبي الزناد عن الأعرج عن أبي هريرة عن النبي ص قال تحاجت النار والجنة فقالت النار أوثرت بالمتكبرين والمتجبرين وقالت الجنة فما لي لا يدخلني إلا ضعفاء الناس وسقطهم وعجزهم فقال الله للجنة أنت رحمتي أرحم بك من أشاء من عبادي وقال للنار أنت عذابي أعذب بك من أشاء من عبادي ولكل واحدة منكم ملؤها فأما النار فلا تمتلئ فيضع قدمه عليها فتقول قط قط فهنالك تمتلئ ويزوى بعضها إلى بعض.

In at-Tabarīs Korankommentar, aber die Version hier oben auch bei Muslim, SahīhDjanna 35; es gibt etliche andere Versionen.

Diakritische Zeichen: aṭ-Ṭabarī, al-Qurṭubī, Ibn Kaṯīr, ṣirāṭ al-ǧaḥīm, Ṣaḥīḥ, ǧanna

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Umars Bekehrung. Eine verborgene Schrift

Zum Bericht über die Bekehrung des Apostels Paulus in der Apostelgeschichte der Bibel gibt es in der Prophetenbiographie (sīra) eine Parallele in der Erzählung von der Bekehrung des ‘Umar ibn al-Khattāb, der später Kalif wurde. Beide Männer hatten zuerst die neue Religion aufs Heftigste bekämpft, beide werden nach einer unerwarteten Bekehrung ihre energischsten Verteidiger. Die Bekehrung des Paulus geschah urplötzlich, als ihn auf dem Weg nach Damaskus eine Vision überkam, die seine Augen blendete.1 Bei ʿUmar kam die Wende ebenso blitzartig, als er in der Wohnung seiner Schwester Fātima mit dem Koran konfrontiert wurde. Der Koran spielt die Hauptrolle bei seiner Bekehrung; das ist fein islamisch gedacht.
Der noch unbekehrte ‘Umar—kurz angebunden wie immer—stürmt ins Zimmer seiner Schwester und fragt in barschem Ton, was das zu bedeuten habe. Es kam sogar zu Handgreiflichkeiten. Fātima verbirgt das Blatt mit dem Korantext, und zwar, indem sie sich daraufsetzt. Heutige islamische Koranverehrer würden es wohl nie wagen, auf so eine Idee zu kommen, aber so steht es in der Prophetenbiographie von Ibn Isḥāq aus dem achten Jahrhundert.2 Zu der Zeit waren die Menschen noch nicht so zimperlich. ‘Umar will das Blatt sehen, aber seine Schwester weigert sich es herauszugeben, mit der Begründung, dass er unrein sei und der Koran nur von Reinen berührt werden dürfe. Nachdem er sich gereinigt hat, liest ʿUmar das Blatt dann doch — und wird bekehrt.

Es ist offensichtlich: der Erzähler hatte hier die Koranverse 56:77–79 im Kopf, einen Passus, in dem ebenfalls der Koran im Mittelpunkt steht:  انه لقرآن كريم في كتاب مكنون لا يمسه الا المطهرون „Es ist wirklich ein vorzüglicher Koran, in einer verborgenen Schrift, die nur Reine berühren dürfen.“ Über die verborgene Schrift (kitāb maknūn) ist im Laufe der Jahrhunderte viel Tiefsinniges gesagt worden: Sie werde von Gott im Himmel aufbewahrt usw. Aber der Erzähler dieser frühen Geschichte hat daran nicht gedacht. Er hat den beiden Wörtern eine einfache, etwas derbe Deutung gegeben, indem er Fātima das Blatt auf ihre Weise „verbergen“ ließ.

Auch veröffentlicht in zenith Juli/August 2013, 94–95.

ANMERKUNGEN
1. Bibel, Apostelgeschichte 9:3.
2 Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd al-Malik Ibn Hischâm, hrsg. F. Wüstenfeldt. 2 Bde., Göttingen 1858-60, S. 224. Übersetzung: Ibn Isḥāq, Das Leben des Propheten, übers. Gernot Rotter, Kandern 1999, S. 71-74. Hier finden Sie meine Übersetzung der ganzen Erzählung.

Diakritische Zeichen: ʿUmar ibn al-Khaṭṭāb, Fāṭima

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