Stammbäume Mohammeds

Genealogie ist in jeder Kultur ein hervorragendes Mittel die Vergangenheit rückwirkend ein wenig in Form zu pressen. Auch die alten Araber verstanden diese Kunst. Wenn zum Beispiel ein Stamm durch Aussterben oder Krieg so klein wurde, dass er nicht länger selbständig fortbestehen konnte, wurde er einem größeren einverleibt. Rückwirkend veränderte sich auch seine Ahnenliste. Wenn ein Vertrag zwischen Stämmen abgeschlossen wurde, entstanden wie von selbst Stammbäume, nach denen die beteiligten Stämme schon immer dieselben Urahnen gehabt hätten.
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Auch vom Propheten Mohammed sind Stammbäume überliefert worden. Es lassen sich drei Sorten erkennen:

  1. ein an der Bibel orientierter Stammbaum
  2. ein verkürzter, „entbibelter“ Stammbaum
  3. panarabische Stammbäume

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Biblischer Stammbaum
Ibn Isḥāq beginnt seine Prophetenbiografie (sira) mit einem „biblischen“ Stammbaum, der halb aus arabischen, halb aus hebräischen Namen besteht und über einige ältere Israeliten, darunter der Prophet Ibrāhīm (Abraham), bis auf Adam zurückgeht. So wollte man Mohammed in die biblische Geschichte einbetten.

  • Mohammed war der Sohn des ‘Abdallāh, des Sohnes des ‘Abd al-Muttalib, dessen Name Shaiba war, der Sohn des Hāshim, dessen Name ‘Amr war, des Sohnes des ‘Abd Manāf, dessen Name Mughīra war, des Sohnes des Qusayy, dessen Name Zaid war, des Sohnes des Kilāb, des Sohnes des Murra, des Sohnes des Ka‘b, des Sohnes des Lu’ayy, des Sohnes des Ghālib, des Sohnes des Fihr, des Sohnes des Mālik, des Sohnes des Nadr, des Sohnes des Kināna, des Sohnes des Khuzaima, des Sohnes des Mudrika, dessen Name ‘Āmir war, des Sohnes des Elias, des Sohnes des Mudar, des Sohnes des Nizār, des Sohnes des Ma‘add, des Sohnes des ‘Adnān, des Sohnes des Udd oder Udad,des Sohnes des Muqawwam, der Sohn des Nahor, des Sohnes des Terah, des Sohnes des Ya‘rub, des Sohnes des Yashdjub, des Sohnes des Nābit, der Sohn des Ismael, des Sohnes des Abraham (Ibrahīm) der Freund des Barmherzigen, der Sohn des Terach (das ist Azar), des Sohnes des Nahor, der Sohn des Serug, des Sohnes des Regu, des Sohnes des Peleg, des Sohnes des Eber, des Sohnes des Schelach, der Sohn des Arpachschad, des Sohnes des Sem, des Sohnes des Noah, des Sohnes des Lamech, der Sohn des Metuschelah, des Sohnes des Henoch (das ist der Prophet Idrīs, wie man sagt, aber Gott weiß es am besten; er war der erste der Söhne Adams, denen das Prophetentum und das Schreiben mit dem Rohr gegeben wurden), des Sohnes des Jered, des Sohnes des Mahalalel, des Sohnes des Kenan, des Sohnes des Enosch, der Sohn des Set, des Sohnes des Adam.1

Manche frühen Christen hatten schon vor Jahrhunderten ein ähnliches Bedürfnis gehabt: Das Evangelium nach Matthäus lässt Jesus wunderbar über David von Abraham abstammen.2
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„Entbibelung“
In der Hadithsammlung des al-Bukhārī (810–870) finden wir in einer Kapitelüberschrift dieselbe Ahnenliste, aber mit ‘Adnān als letztem Namen – alle alttestamentliche Namen fehlen dort.3 Einen Augenblick könnte man meinen, al-Bukhārī oder sein Herausgeber habe die Liste etwas verkürzt, weil die so viel Platz einnahm. Aber bei einem Blick in das Werk des Historiographen Ibn Sa‘d (784–845) stellt sich heraus, dass sich hinter der Verkürzung eine andere Absicht verbarg. Die biblischen Namen waren Gegenstand einer Diskussion, wie in einer ganzen Reihe von Hadithen und Berichten ersichtlich wird, von denen ich hier drei zitiere:4

  • Hishām [al-Kalbī] […] Wenn der Prophet seine Genealogie aufzählte, ging er nicht weiter zurück in seiner Ahnenlinie als bis zu Ma‘add ibn ‘Adnān ibn Udad; danach hörte er auf und sagte: „Die Genealogen lügen. Gott sagt: ,[…] und viele Generationen dazwischen.‘“ (Koran 25:38) — die ältesten Vorfahren werden also nicht länger namentlich genannt.
  • Ibn ‘Abbās: Hätte der Prophet diese bekannt machen wollen, so hätte er das getan. […] Er rezitierte: ,„ […] von ‘Ād und Thamūd und von denen, die nach ihnen lebten, und die nur Gott kennt.‘ (Koran 14:9) Die Genealogen lügen.“
  • Hishām [al-Kalbī] sagt: Mukhbir hat von meinem Vater gehört, aber ich nicht [Kursiviering von mir; es folgt eine Ahnenliste ab Maʿadd, die endet bei] Qaidhar ibn Ismāʿīl ibn Ibrāhīm.

Es schien anfangs eine gute Idee, den neuen Propheten Mohammed in der biblischen Urzeit wurzeln zu lassen. So konnte er auch für Christen und Juden legitim erscheinen. Aber ein Jahrhundert später wollte man alles Jüdische und Christliche — die sogenannten Isrā’īlīyāt — wieder loswerden und man tat alles um die alten Namen zu entsorgen. Die „Entbibelung“ ist in der ganzen frühislamischen Geschichte zu beobachten; nicht nur bei der Genealogie.
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Panarabische Stammbäume
Nach der Streichung aller biblischen Namen aus Stammbaum Nr. 1 bleibt eine rein arabische Ahnenreihe übrig, die den Propheten über den Stamm Hāshim mit dem Urvater ‘Adnān verbindet. Aber war Mohammed nicht der Prophet aller Araber? Hier bringen die Geschlechtsregister in der weiblichen Linie die Antwort. Ibn Sa‘d5 bietet erst eine Auflistung der „Mütter des Propheten“. In diesem Stammbaum wird die Mutter des Propheten erwähnt, dann ihre Mutter, dann deren Mutter, und so weiter. Bei jeder dieser Frauen werden dann ihr Vater, ihr Großvater und weitere Vorväter aufgelistet.
Einige Seiten weiter hat Ibn Sa‘d6 Listen der „Mütter der Väter des Propheten“, die genauso strukturiert sind. Noch mehr Namen, noch mehr Stämme – die Namensvielfalt wird so verwirrend, dass wohl nur Spezialisten, namentlich Ethnologen, sie genießen können. Aber der Eindruck, den uns diese Lektüre vermitteln soll, ist deutlich: Der Prophet stammte über die Frauen von allen Stämmen der Arabischen Halbinsel ab. Edmund Leach7 hat für den Stammbaum des biblischen Salomo einst Ähnliches festgestellt: Die Vorfahrenschaft wird über die Frauen verbreitert, um die Legitimität zu vergrößern.
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Wir sind hier Zeugen eines Prozesses, der auch anderenorts zu beobachten ist. Erst Verwurzelung in der Bibel, damit Mohammed als ebenbürtig mit den früheren Propheten und als Erfüllung der Weissagung hingestellt wird. Danach die Entfernung von allem, was an jüdische Überlieferung oder Bibel erinnert, und schließlich eine immer weiter fortschreitende *Arabisierung des Islams.

Auch veröffentlicht in zenith, september/oktober 2013, S. 110–111 und in zenith online.

ANMERKUNGEN
1. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 3. Das Original enthält arabisierte Formen hebräischer Namen, die ich hier der Deutlichkeit halber in der Rechtschreibung der Lutherbibel wiedergebe. Es betrifft die Nachkommen Sems, wie sie in 1. Mose 11 erwähnt werden, und Namen aus einer älteren Vergangenheit (1. Mose 5).).

محمد بن عبد الله بن عبد المطلب ، واسم عبد المطلب : شيبة بن هاشم واسم هاشم : عمرو بن عبد مناف واسم عبد مناف : المغيرة بن قصي ، ( واسم قصي : زيد) بن كلاب بن مرة بن كعب بن لؤي بن غالب بن فهر بن مالك بن النضر بن كنانة بن خزيمة بن مدركة ، واسم مدركة : عامر بن إلياس بن مضر بن نزار بن معد بن عدنان بن أد ، ويقال أدد، بن مقوم بن ناحور بن تيرح بن يعرب بن يشجب بن نابت بن إسماعيل بن إبراهيم – خليل الرحمن – بن تارح ، وهو آزر بن ناحور بن ساروغ بن راعو بن فالخ بن عيبر بن شالخ بن أرفخشذ بن سام بن نوح بن لمك بن متوشلخ بن أخنوخ ، وهو إدريس النبي فيما يزعمون والله أعلم ، وكان أول بني آدم أعطى النبوة ، وخط بالقلم – ابن يرد بن مهليل بن قينن بن يانش بن شيث بن آدم ص.

2. Matthäus 1:1–17: Dies ist das Buch von der Geburt Jesu Christi, der da ist ein Sohn Davids, des Sohnes Abrahams. Abraham zeugte Isaak. Isaak zeugte Jakob. Jakob zeugte Juda und seine Brüder. Juda zeugte Perez und Serah von Thamar. Perez zeugte Hezron. Hezron zeugte Ram. Ram zeugte Amminadab. Amminadab zeugte Nahesson. Nahesson zeugte Salma. Salma zeugte Boas von der Rahab. Boas zeugte Obed von der Ruth. Obed zeugte Jesse. Jesse zeugte den König David. Der König David zeugte Salomo von dem Weib des Uria. Salomo zeugte Rehabeam. Rehabeam zeugte Abia. Abia zeugte Asa. Asa zeugte Josaphat. Josaphat zeugte Joram. Joram zeugte Usia. Usia zeugte Jotham. Jotham zeugte Ahas. Ahas zeugte Hiskia. Hiskia zeugte Manasse. Manasse zeugte Amon. Amon zeugte Josia. Josia zeugte Jechonja und seine Brüder um die Zeit der babylonischen Gefangenschaft. Nach der babylonischen Gefangenschaft zeugte Jechonja Sealthiel. Sealthiel zeugte Serubabel. Serubabel zeugte Abiud. Abiud zeugte Eliakim. Eliakim zeugte Asor. Asor zeugte Zadok. Zadok zeugte Achim. Achim zeugte Eliud. Eliud zeugte Eleasar. Eleasar zeugte Matthan. Matthan zeugte Jakob. Jakob zeugte Joseph, den Mann Marias, von welcher ist geboren Jesus, der da heißt Christus. Alle Glieder von Abraham bis auf David sind vierzehn Glieder. Von David bis auf die Gefangenschaft sind vierzehn Glieder. Von der babylonischen Gefangenschaft bis auf Christus sind vierzehn Glieder.
3. Buḫārī, Ṣaḥīḥ, Manāqib al-Anṣār 28:

‎باب مبعث النبي صلى الله عليه وسلم محمد بن عبد الله بن عبد المطلب بن هاشم بن عبد مناف بن قصي بن كلاب بن مرة بن كعب بن لؤي بن غالب بن فهر بن مالك بن النضر بن كنانة بن خزيمة بن مدركة بن إلياس بن مضر بن نزار بن معد بن عدنان ص

4. Alle bei Ibn Sa‘d, Kitāb at-Tabaqāt al-kabīr, hrsg. Ihsān ‘Abbās, Beirut o.J., i, 56.

قَالَت: وَ أَخْبَرَنَا هِشَامٌ قَالَ: أَخْبَرَنِي أَبِي عَنِ أَبِي صَالًِحٍ عَن ابْنِ عَبَّاسٍ أَنَّ النَبِيَّ عليه الصلاة والسلام كَانَ إذَا انْتَسَبَ لَمْ يُجَاوِزْ فِي نَسَبِهِ مَعَدَّ بْنَ عَدْنَانَ بْنِ أُدَدَ ثُمَّ يُمْسِكُ وَيَقُرلُ: „كَذَبَ النَّسَّابُونَ. قَالَ اللهُ تَعَالَى: وَقُرُونًا بَيْنَ ذَلِكَ كَثِيرًا.“
قَالَ : أَخْبَرَنَا قَالَ : أَخْبَرَنَا عُبَيْدُ اللهً بْنُ مُوسَى الْعَبْسِيُّ ، قَالَ : أَخْبَرَنَا إِسْرَائِيلُ ، عَنْ أَبِي إِسْحَاقَ ، عَنْ عَمْرِو بْنِ مَيْمُونٍ ، عَنْ عَبْدِ اللَّهِ : أَنَّهُ كَانَ يَقْرَأُ : وَعَادٍ وَثَمُودَ وَالَّذِينَ مِنْ بَعْدِهِمْ لا يَعْلَمُهُمْ إِلا اللهُ. “ كَذَبَ النَّسَّابُونَ “ .
قَالَ هِشَامٌ : وَأَخْبَرَنِي مُخْبِرٌ ، عَنِ أَبِي ، وَلَمْ أَسْمَعْهُ مِنْهُ أَنَّهُ كَانَ ينسِبُ مَعَدَّ بْنَ عَدْنَانَ بْنِ أُدَدَ بْنِ الْهَمَيْسَعِ بْنِ سَلامَانَ بْنِ عَوْصِ بْنِ يُوزَ بْنِ قَمْوَالِ بْنِ أُبَيِّ بْنِ الْعَوَّامِ بْنِ نَاشِدِ بْنِ حَزَّا بْنِ بِلْدَاسَ بْنِ تَدْلافِ بْنِ طَابِخِ بْنِ جَاحِمِ بْنِ نَاحِشِ بْنِ مَاخِي بْنِ عَبَقَى بْنِ عَبْقَرِ بْنِ عُبَيْدِ بْنِ الدَّعَّا بْنِ حَمْدَانَ بْنِ سَنْبَرِ بْنِ يَثْرِبِيِّ بْنِ نَحْزَنَ بْنِ يَلْحُنَ بْنِ أَرْعَوِيِّ بْنِ عَيْفَى بْنِ دَيْشَانَ بْنِ عَيْصَرِ بْنِ أَقْنَادِ بْنِ أَبْهَامَ بْنِ مَقْصِيِّ بْنِ نَاحِثِ بْنِ زَارِحِ بْنِ شُمِّيِّ بْنِ مَزَى بْنِ عَوْصِ بْنِ عَرَامِ بْنِ قَيْذَرِ بْنِ إِسْمَاعِيلَ بْنِ إِبْرَاهِيمَ صَلَّى اللهُ عَلَيْهِمَا وَسَلَّمَ .

5. Ibn Sa‘d, o.c., i, 59–60.
6. Ibn Sa‘d, o.c., i, 64–66.
7. E. Leach, Genesis as myth, London 1969, 64, erwähnt in D.M. Varisco, „Metaphors and Sacred History. The Genealogy of Muhammad and the Arab “Tribe”,“ Anthropological Quarterly, 68, (1995), 139–156, insbes. S. 148–49.

Diakritische Zeichen:
‘Abd al-Muṭṭalib, Šaiba, Hāšim, Muġīra, Quṣayy, Ġālib, Naḍr, Ḫuzaima, Muḍar, Yašǧub, al-Buḫārī, Hišām, Ṯamūd, Muḫbir, Qayḏar, Ibn Isḥāq, Ṣaḥīḥ, al-Anṣār, at-Ṭabaqāt, Iḥsān

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Islamische Verkündigung

  • Die Menschen erzählen—und nur Gott weiß, was wahr ist—dass Āmina, die Mutter des Propheten, erzählt hat, während ihrer Schwangerschaft sei [eine Stimme?] zu ihr gekommen, die gesprochen habe: „Du bist schwanger mit dem Herrn dieses Volkes. Wenn er geboren wird, sag dann: ‘Lass den Einzigen ihn behüten vor dem Übel eines jeden Neiders,‘ und nenne ihn Mohammed.“ Als sie schwanger mit ihm gewesen sei, habe sie gesehen, wie ein Licht von ihr ausgegangen sei, in dem sie die Festungen von Busrā in Syrien habe sehen können.1

Das Licht, durch das Festungen sichtbar wurden, die sich mehr als tausend Kilometer von Mekka befanden, ist das wundersame, von Ewigkeit an existierende „Licht Mohammeds“ (nūr Muhammad). In Busrā fing das Römerreich an. Die Āmina zugeschriebene Aussage verweist auf die künftige Eroberung dieses Reiches. Die Beschwörungsformel, die sie aussprechen soll, erinnert an die Suren 113 und 114 im Koran. Die beiden Suren (al-mu‘awwidhātān) schützen vor dem Bösen.

Überdies fällt die Übereinstimmung mit der biblischen Verkündigung ins Auge. Im Lukasevangelium bekommt der Vater von Johannes dem Täufer Besuch des Engels Gabriel, der dem Kind eine große Zukunft weissagt und sagt, dass er Johannes heißen solle. Auch die Mutter Jesu bekommt kurz vor ihrer Schwangerschaft Besuch von ihm. Zu ihr sagt der Engel u. a.:

  • Sei gegrüßt, Begnadigte! Der Herr [ist] mit dir. […] Fürchte dich nicht, Maria! Denn du hast Gnade bei Gott gefunden. Und siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm seinen Namen Jesus nennen. Dieser wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden […].2

Die Verkündigungen an Āmina und an Maria haben einiges gemeinsam: 1. Besuch einer Stimme(?), bzw. eines Engels. 2. Verkündigung der Geburt eines großen Mannes. 3. Auftrag zur Namensgebung. Kurzum, die arabische Erzählung bedient sich nicht nur des Korans, sondern auch der biblischen oder einer sehr verwandten Erzählung. Sie tut das, weil sie in einer Umgebung entstanden ist, in der der neue Prophet Mohammed sich gegenüber den längst existierenden „Propheten“ der Juden und Christen durchsetzen musste. Sie versucht eine christliche Verkündigung durch eine islamische zu ersetzen.

ANMERKUNGEN
1. Ibn Isḥāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 102. Übers. G. Rotter: Ibn Isḥāq, Das Leben des Propheten, Kandern 1999, 30.
2. Bibel, Lukas 1:26–38.

Diakritische Zeichen: Buṣrā, nūr Muḥammad, al-muʿawwiḏātān

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Moderne nichtislamische Mohammedbiografien: auf und ab

Das sira-Material — also die Texte zur Mohammedbiografie — ist so umfangreich und vielfältig, dass sich daraus kein zusammenhängendes Bild des Propheten gewinnen lässt. Ist es überhaupt verwertbar für eine zuverlässige Biografie oder als Quelle für die Geschichte des frühen Islams? Die Frage ist typisch eine, wie *Orientalisten sie stellen.

Im 19. Jahrhundert waren Gelehrte wie Ernest Renan (1823–93; „Der Islam entstand im vollen Licht der Geschichte“), Julius Wellhausen (1844–1918), Ignaz Goldziher (1850–1921) u. A. noch voller Vertrauen. Sie verwarfen viele Texte als unzuverlässig, glaubten aber an die Möglichkeit, mit dem Rest die historische Vergangenheit rekonstruieren zu können „wie sie wirklich gewesen“ sei.
Dieser Glaube wurde während der ersten Skeptizismuswelle untergraben, deren Hauptvertreter Leone →Caetani (1869–1935) und Henri →Lammens (1862-1937) waren. Caetani tat in seinen Annali nicht viel mehr als die damals zur Verfügung stehenden Quellen in italienischer Übersetzung nebeneinanderzustellen, so dass die Diskrepanzen deutlich ans Licht traten. Nach Lammens‘ Meinung basiert die ganze Biografie auf dem Koran und ist deshalb als Geschichtsquelle unbrauchbar.
Nach dem Ersten Weltkrieg war der kritische Geist verschwunden und die Suche nach der „historischen Wahrheit“ wurde wieder aufgenommen. Eine Anzahl wissenschaftlicher Biografien wurde verfasst, deren Höhepunkt das umfassende Werk von W. Montgomery →Watt war (1953–56).
Eine zweite Skeptizismuswelle rollte in den Siebzigern heran. John →Wansbrough ließ sich durch die Bibelwissenschaft inspirieren, wandte eine Art „Urkundenhypothese“ auf die sīra-Texte an und analysierte die verschiedenen literarischen Gattungen mit ihren Funktionen und Zielsetzungen. Patricia →Crone und Michael Cook führten in ihrem Hagarism die literaturwissenschaftliche Herangehensweise fort; überdies machten sie auf bisher vernachlässigte nichtarabische Quellen aufmerksam, wobei sie ein aufmerksames Auge für Informationen über die materiellen, wirtschaftlichen und geografischen Realien im alten Arabien hatten.
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Momentan gehen die Meinungen unter nichtislamischen Gelehrten stark auseinander. Einerseits gibt es eine Neigung zur Tradition zurückzukehren. Eine gewisse Sehnsucht nach der guten alten Biografie ist erkennbar bei → Schoeler, Charakter und →Motzki, Murder. F.E. Peters war sich der Natur der Quellen sehr wohl bewusst,  schrieb aber trotzdem eine Biografie. Die früher so skeptische Patricia →Crone ist jetzt der Meinung, dass wir viel über Mohammed wissen und durch weitere Forschung noch mehr Wissen erhalten können. Tilman → Nagel schrieb eine dicke Biografie, als ob es nie Skeptizismus gegeben hätte.
Andere Gelehrte versuchen die frühislamische Geschichte komplett neu zu schreiben. Manche bezweifeln sogar, dass es Mohammed je gegeben hat, oder sie behaupten, Mohammed sei kein Eigenname, sondern ein Adjektiv, das sich auf Jesus bezieht (Nevo & Koren; die sog. *Inârah-Gruppe; Ohlig und Puin; Luxenberg in →Ohlig & Puin; auch bei →Jansen erwähnt). Eine gewisse postmoderne Gleichgültigkeit gegenüber der Historizität der Biografie ist erkennbar bei →Rubin und →Schöller.
Welchen Standpunkt man auch immer einnimmt, die in den vergangenen Jahrzehnten gewonnene Einsicht, dass die biografischen Texte Literatur sind, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Viele dieser Texte gehören zu literarischen Gattungen mit eigenen Konventionen, einer gehörigen Menge Fiktionalität und ganz viel Intertextualität. Je mehr Intertextualität in einer Erzählung entdeckt werden kann, desto unbrauchbarer ist sie für die Geschichtsschreibung. Texte, die auf der Bibel oder anderer jüdischer oder christlicher Literatur basieren, können für die Geistesgeschichte ihrer Entstehungszeit schon verwendet werden, aber nicht für die Historiographie der Ereignisse, die darin beschrieben werden. Weil wir heutzutage mehr Quellen zur Verfügung haben als Caetani damals, sehen wir noch klarer die Diskrepanzen zwischen den Quellentexten. Dazu kommt noch, dass kaum ein biografischer Text im 1. Jahrhundert des Islams datiert werden kann. Je jünger die Quellen sind, desto mehr behaupten sie über den Propheten zu wissen.
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Rückblick
Wenn das, was man über den Propheten Mohammed zu wissen meint, über einen Zeitraum von anderthalb Jahrhunderten so sehr schwankt, ist nur eine Schlussfolgerung möglich: dass wir offensichtlich nicht viel gefestigte Kenntnis haben. Woran liegt es, dass die Meinungen von Wissenschaftlern so variabel sind? Ich kann die Frage nicht beantworten, sondern lediglich einige Erwägungen vorbringen.
– Die Persönlichkeit der Forscher spielt immer eine Rolle: Sind sie konservativ, glauben sie gerne oder sind sie vielmehr gierig etwas Neues zu entdecken?
– Auch der Zeitrahmen spielt eine Rolle. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte wohl niemand mehr Lust oder Energie, die vielversprechende Forschung von der Zeit davor fortzusetzen. Der Zweite Weltkrieg und die nachfolgende bleierne Zeit machten es nicht besser. Erst in den Siebzigern trauten sich junge Forscher die graue Verstaubtheit ihrer Lehrmeister abzuschütteln. Es gab Geld, die Aufbruchsstimmung war allgemein. Ab ca. 2000 bricht wieder politischer Pessimismus durch. Der Westen verliert immer mehr an Glanz, die Universitäten geraten fast überall in eine finanzielle und existentielle Krise; die allgemeine Stimmung wird eher konservativ. Das sind Faktoren, die die Forschung oder den Mangel daran beeinflussen.
– Ab den Sechzigern siedelten sich viele Muslime in Westeuropa und Nordamerika an. Das führte bei manchen Gelehrten zu politisch-korrekten Gewissensbissen („Damit kann ich meine muslimischen Freunde doch nicht belästigen?“); andere wollten gerne forschen, aber bekamen keine Mittel dafür, weil die Behörden vor allem Ruhe im Lande haben wollten und nichts unterstützten, was Muslime verdrießen könnte. Nach dem 9.11.2001 kippte die Stimmung und wieder andere Gelehrte nahmen die Chance wahr ihre islamfeindlichen und/oder rassistischen Gefühle wissenschaftlich verpackt unters Volk zu bringen.
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Mit keiner dieser politisch und finanziell bedingten Haltungen ist der Wissenschaft gedient, aber sie spielen mit Sicherheit eine Rolle. Nein, ich werde hier keine Namen nennen.

Siehe auch Moderne islamische Mohammedbiografien.

BIBLIOGRAPHIE
– Tor Andræ, Die person Muhammeds in lehre und glaube seiner gemeinde, Stockholm 1917.
– Leone Caetani, Annali dell‘ Islam, i–ii, Milano 1905–7.
– Patricia Crone and Michael Cook, Hagarism. The making of the Islamic world, Cambridge 1977.
– Patricia Crone, What do we actually know about Mohammed? (veröff. 31.08.2006).
– Toufic Fahd (hg.), La vie du prophète Mahomet. Colloque de Strasbourg (23–24 octobre 1980), Paris 1983.
– Ibn Warraq, The Quest for the Historical Muhammad, ed. with translations by Ibn Warraq, Amherst (NY) 2000.
– Hans Jansen, Mohammed. Eine Biographie, München 2008.
– Henri Lammens, „L’Âge de Mahomet et la chronologie de la Sîra,“ in Journal Asiatique [2nd ser.] 17 (1911), 209-50 (übers. „The age of Muhammad and the chronology of the sira,“ in Ibn Warraq, Quest, 188–217).
– idem, „Caractéristique de Mahomet d’après le Qoran,“ in Recherches de science religieuse 20 (1930), 416–38.
– idem, Fātima et les filles de Mahomet. Notes critiques pour l’étude de la Sīra, Rom 1912. (übers. „Fatima and the daughters of Muhammad,“ in Ibn Warraq, Quest, 218-329).
– idem, „Qoran et Tradition. Comment fut composée la vie de Mahomet,“ in Recherches de science religieuse 1 (1910), 26–51 (übers. als „The Koran and tradition. How the life of Muhammad was composed,“ in Ibn Warraq, Quest, 169–87).
– Harald Motzki (hg.), Biography of Muḥammad. The issue of the sources. Leiden 2000.
– idem, „The murder of Ibn abī l-Huqayq. On the origin and reliability of some maghāzī-reports,“ in idem, Biography, 170–239.
– Tilman Nagel, Mohammed. Leben und Legende, München 2008.
– Yehuda D. Nevo and Judith Koren, Crossroads to Islam : the origins of the Arab religion and the Arab state, Amherst (NY) 2003.
– Albrecht Noth and Lawrence I. Conrad, The early Arabic historical tradition. A source-critical study, Princeton 1994.
– Karl-Heinz Ohlig & Gerd-R. Puin (hg.), Die dunklen Anfänge: neue Forschungen zur Entstehung und frühen Geschichte des Islam, Berlin 2006.
– F. E. Peters, Muhammad and the origins of Islam, New York 1994.
– idem, „The quest of the historical Muhammad,“ in IJMES 23 (1991), 291–315 [nachgedruckt in Peters, Muhammad].
– Wim Raven, „Sīra and the Qur’ān“ in Encyclopaedia of the Qur’ān.
– Ernest Renan, Études d’histoire religieuse, Paris 61863 (das berühmte Zitat steht S. 220).
– Maxime Rodinson, „A critical survey of modern studies on Muhammad,“ in Merlin Swartz, Studies on Islam, New York/Oxford 1981, 23–85.
– Uri Rubin, The eye of the beholder. The life of Muḥammad as viewed by the early Muslims. A textual analysis. Princeton 1995.
– idem, „Muhammad,“ in Encyclopaedia of the Qur’ān.
– Gregor Schoeler, Charakter und Authentie der muslimischen Überlieferung über das Leben Muhammeds, Berlin/New York 1996.
– Marco Schöller, Exegetisches Denken und Prophetenbiographie. Eine quellenkritische Analyse der Sīra-Überlieferung zu Muḥammads Konflikt mit den Juden. Wiesbaden 1998.
– John Wansbrough, The sectarian milieu. Content and composition of Islamic salvation history, Oxford 1978.
– W. Montgomery Watt, Muhammad at Mecca, Oxford 1953.
– idem, Muhammad at Medina, Oxford 1956.
– idem, „The reliability of Ibn Ishāq’s sources,“ in Fahd, La vie, 31–43.

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Mohammed und Aischa: Hat der Prophet ein Kind geheiratet?

Eine Kurzfassung dieses Texts ist in Arbeit.

Der Hadith, nach dem der Prophet Mohammed seine Lieblingsfrau Aischa geheiratet habe, als sie sechs Jahre alt gewesen, und die Ehe vollzogen habe, als sie neun gewesen sei, wird zunehmend ein Stein des Anstoßes. Islamkritiker und -hasser nehmen ihn zum Anlass den Propheten noch mal so richtig zu beleidigen. Viele Muslime fühlen sich persönlich unbehaglich beim Inhalt dieser und ähnlicher Texte, und wissen oft nicht gut, wie sie auf die Kritik von außen reagieren sollen.

Der Hadith hat einige Varianten, die alle glasklar und eindeutig sind. Ein Beispiel:

  • Muhammad ibn Yūsuf überlieferte von Sufyān, und der letztere von Hishām ibn Urwa, der es von seinem Vater [Urwa ibn az-Zubair] gehört hatte: Es erzählte Aischa, dass der Prophet sie heiratete, als sie sechs Jahre alt war; sie wurde in sein Haus gebracht, als sie neun Jahre alt war, und dann blieb sie neun Jahre bei ihm.1

Im Grunde ist es nur ein Hadith, der in verschiedenen Varianten vorkommt, von denen die auffälligste die ist, in der auch ein Heiratsalter von sieben Jahren erwähnt wird. Alle Varianten mit allen Isnaden finden Sie hier: HadithAischaAlter. Sie zu lesen ist nicht jedermanns Sache; ich möchte den Leser, den kein fachspezifisches Interesse antreibt damit nicht belästigen.

Aber muss man wirklich glauben, dass diese Texte von Tatsachen berichten und dass sie als Quellen für Geschichtschreibung verwendet werden können?

Natürlich hegen konservative Muslime, die nicht mit moderner Literatur und Literaturwissenschaft vertraut sind, nicht den geringsten Zweifel an der Geschichtlichkeit dieser Hadithe. Manch einer dürfte sogar meinen, dass auf Grund des prophetischen Vorbilds es allen Muslimen erlaubt sei, solch junge Mädchen zu heiraten. Dazu werden sie vielleicht durch die Kapitelüberschriften in den Hadithsammlungen inspiriert. Auffällig ist dort nämlich eine gewisse Verallgemeinerung: „Über das Verheiraten kleiner Töchter,“ „Wer die Ehe vollzieht mit einer Frau, die neun Jahre alt ist,“ usw. Stets befindet sich aber unter dieser Überschrift nur der Hadith über Aischas Alter.2 In der Praxis war es wohl doch kein Thema; den Schariagelehrten zufolge war und ist das Heiratsalter das Eintreten der Pubertät.

Islamhasser in Europa und den Vereinigten Staaten3 haben ebenfalls keinen Zweifel: Aischa war neun, als sie entjungfert wurde. Nur ist deren Schlussfolgerung eine andere: Mohammed sei demzufolge ein Pädophiler und ein perverser Kinderschänder gewesen. Je schwärzer der Islam, desto schöner ist ja das Kämpfen gegen ihn.

WikiIslam, eine islamkritische Webseite, gibt sich wissenschaftlich, aber entlarvt sich bald und endet letztendlich auch bei den Islamhassern.4 Sie besteht ebenfalls auf der Realität des Ehevollzugs mit neun Jahren und weigert sich Vorschläge für Alternativen in Erwägung zu ziehen. Sie hält voll und ganz an der Glaubwürdigkeit der Hadithe als historische Berichte fest. Die Annahme eines höheren Alters der Ehevollziehung würde ja bedeuten, dass es einen Punkt weniger am Islam zu mäkeln gäbe — was die Hersteller der Webseite offensichtlich bedauern würden. Sie kritisieren lieber „den Islam“ als dass sie Texte kritisch lesen, und sind somit doch eher Gläubige als Gelehrte.

Nicht nur die konservative Minderheit, sondern die Mehrzahl der Muslime glaubt an die Zuverlässigkeit von korrekt überlieferten Hadithen als Geschichtsquelle. Dazu gehört im Prinzip auch dieser Bericht, der die genannte Peinlichkeit enthält: Ihr Prophet hat ein neunjähriges Mädchen entjungfert. Im traditionellen Islam fängt das Heiratsalter, wie in vielen anderen alten Kulturen auch, mit der Pubertät an. Neun Jahre ist entschieden zu früh. Zwar soll der Prophet bestimmte Privilegien gehabt haben, aber es wäre in diesem Fall ungeschickt, damit zu argumentieren, weil der Prophet eben ein sittliches Vorbild war. Moderne Muslime, die wie die meisten anderen Menschen der Meinung sind, dass ein so junges Mädchen in einem Ehebett nichts verloren hat, müssen also andere Methoden finden um diese Peinlichkeit los zu werden und die lästigen Texte zu entschärfen.

Eine Methode ist: ignorieren und verdrängen. Es gibt in der Tat Muslime, die nicht mit dem Thema belästigt werden wollen. Ohne Zweifel hatte der Prophet das Beste mit der kleinen Aischa vor; zu etwas Anderem war er ja nicht fähig, und für das Mädchen war es eine Gnade, bereits als Kind die Nähe und den Segen des Propheten zu erfahren; Amen! Diese Haltung findet man zum Beispiel auf der einschlägigen Webseite der Islam-pedia. Dort wird ausführlich geschildert, wie ungemein liebevoll und segenreich die Ehe Mohammeds mit Aischa war. Das Heiratsalter von neun Jahren wird kurz erwähnt, aber mit keinem Wort thematisiert. Solche Gläubige fantasieren sich ein ganzes Eheleben zusammen, doch die Frage: „Aber wie war es denn genau mit dem Vollzug der Ehe?“ stellen sie sich grundsätzlich nicht. Sie weigern sich sich vorzustellen, wie der etwas beleibte Fünfziger mit einem so kleinen Mädchen Geschlechtsverkehr hatte. Und den müssten sie gehabt haben, denn eine Ehe besteht erst durch ihren Vollzug. Das Ignorieren des Problems wird durch die eindringlichen Fragen der Außenwelt immer schwieriger.

Sehr viele Menschen wollen aber das Problem nicht vertuschen, sondern versuchen diese Hadithe mit Argumenten zu retten – nicht nur Muslime, sondern auch Andersgläubige, die gerne Verständnis für diese haben. Ihre Argumente sind meist lässig und vage, wie zum Beispiel: „Zu der Zeit fing die Pubertät ja viel früher an,“ oder: „Aischa war bestimmt frühreif; das kommt in warmen Ländern öfters vor,“ oder: „Damals wusste niemand, wie alt er genau war.“ Das letzte Argument ist sicherlich zutreffend, aber eine Ehe mit einem viel zu jungen Mädchen fällt auch ohne Einwohnermeldeamt auf. Die ersten beiden Aussagen sind völlig spekulativ und frei von Sachverstand. Ärzte versichern mir sogar, dass die Pubertät in der Antike durch die schlechtere Ernährung erheblich später eintrat als heutzutage. Überdies, wenn diese Ehe normal wäre, warum hat die Literatur ihr dann so viel Aufmerksamkeit geschenkt?

Später in diesem Beitrag werde ich die viel interessanteren Argumente von Muslimen besprechen, die diese Hadithe nicht retten, sondern loswerden möchten, unter Beibehaltung der anderen und ohne gleich das ganze Glaubensgebäude niederzureißen. Solche Muslime gibt es nämlich zunehmend, und so ergibt sich die interessante Sachlage, dass viele Gläubige den verehrten Hadithen diesmal keinen Glauben schenken möchten — wozu sie eigentlich verpflichtet sind —, während ungläubige Islamhasser sie einfach hinnehmen und daran glauben — wozu sie normalerweise nicht bereit sind.

Aber hat es diese Ehe mit einem Kind wirklich gegeben? Hier geht’s weiter !

ANMERKUNGEN
1. D.h. bis zu seinem Tod. Bukhārī, Nikāh 38, vgl. 39; ähnlich Muslim, Nikāh 70, 72: عن عائشة أن النبي ص تروّجها وهي بنت ستّ سنين وأُدخلت عليه وهي بنت تسع ومكثت عنده تسعًا
2. Bukhārī, Manāqib al-Ansār 44a باب تزويج النبي ص عائشةَ وقدومها المدينة وبنائه بها ; Nikāh 38 باب إنكاح الرجل ولده الصغار لقول اللَّه تعالى واللّائي لم يحضن فجعل عدتها ثلاثة أشهر قبل البلوغ ; Nikāh 59 باب من بنى بامرأة وهي بنت تسع سنين ; Muslim Nikāh 69 باب تزويج الأب البكر الصغيرة ; Ibn Mādja, Nikāh 13 باب نكاح الصغار يزوّجهن الآباء ; Dārimī, Nikāh 56 باب في تزويج الصغار إذا زوّجهنّ آباؤهنّ ; Nasā’ī, Nikāh, 29a إنكاح الرجل ابنته الصغيرة .
3. Wie z. B. Bat Ye’or, Elisabeth Sabaditsch-Wolff, der niederländische Filmemacher Theo van Gogh, Ayaan Hirsi Ali u.v.a.. Wenn Sie einfach Mohammed + Pädophile, oder + Kinderschänder in eine Suchmaschine eingeben, qualmt Ihnen der Hass bereits entgegen.
4. http://www.wikiislam.net/wiki/Main_Page, http://www.wikiislam.net/wiki/Aisha_Age_of_Consummation, http://wikiislam.net/wiki/David_Liepert       Abgerufen am 13. März, 2013.

Diakritische Zeichen: ʿĀʾiša, Muḥammad, Hišām ibn ʿUrwa, Buḫārī, Nikāḥ, al-Anṣār, Ibn Māǧa

Umar und der Prophet

Wie kommt es, dass der Prophet Mohammed und der spätere Kalif Umar (634-644) über die Absonderung der Frau und viele andere juristische und ethische Probleme oft so unterschiedliche Meinungen hatten? Meine Antwort ist: diese Meinungen hatten sie erst 150-200 Jahre nach ihrem Tod.

Als die Araber im 7. Jahrhundert große Teile Westasiens und Nordafrikas erobert hatten, brauchten sie eine Rechtsprechung. Die Bewohner der eroberten Gebiete behielten erst ihre gewohnte Rechtsprechung; da mischten sich die Araber nicht ein. Es wurden aber einige wenige Richter angestellt, die unter den Arabern Recht sprachen und zugleich auch Streitsachen zwischen Arabern und ihren neuen Untertanen behandelten. Diese Richter waren oft schlecht bezahlt und jobbten zusätzlich noch im Handel oder waren als Erzähler (qāss) tätig. Sie waren die ersten Intellektuellen der neuen religiösen Bewegung, die gut mit Korantexten bekannt waren, wie auch mit der Biografie des Propheten und den Überlieferungen der Juden und Christen, mit denen sie ihre Erzählungen durchsetzten. Als Erzähler und Koranausleger bekamen sie am Freitag nach dem Gebet das Wort in der Moschee. Recht sprachen sie auf der Grundlage des Korans und ihres gesunden Menschenverstandes. Ältere Koranauslegung oder Jurisprudenz gab es ja noch nicht.

Hundert Jahre später hatte sich schon etwas geändert. Araber sein war im Reich weniger wichtig geworden; jetzt ging es darum Muslim zu sein. In Bagdad war eine neue Hauptstadt gegründet worden und die Abbasidenkalifen versuchten ihr enormes Staatsgebiet zu einer Einheit zu schmieden. Im Reich gab es anfangs kein einheitliches Recht: Die unterschiedlichen städtischen Zentren hatten alle jeweils ihre eigenen Auffassungen und ihre eigene Jurisprudenz. In den Städten wurden die Aussagen und Rechtsmeinungen von früheren Rechtsgelehrten noch überliefert. Überdies berief man sich auf religiöse Autoritäten aus der Vergangenheit. In Medina z.B. war das oft ʿUmar; in der irakischem Stadt Kūfa war es Alī. War es nun der wirkliche Umar, der wahre Alī, deren Lehren dort befolgt wurden? Natürlich nicht; es handelte sich um rückprojizierte Bilder dieser großen Prophetengefährten. Wer eine Meinung hatte, schrieb diese gerne dem Umar oder dem Alī zu: diese hatten ja mehr Autorität als die zeitgenössischen Rechtsgelehrten X,Y und Z.

Inzwischen hatte sich im 8. Jahrhundert auch eine Gruppe gebildet, die mit dem Islam, wie er unter den Umayyadenkalifen Gestalt angenommen hatte, nicht zufrieden war. Für sie war die sunna (Brauch, überlieferte Norm) des Propheten Mohammed viel wichtiger als die eines Herrschers oder die Meinung eines Rechtsgelehrten im Staatsdienst. Anfangs war es nicht so klar, was die sunna sei, aber in der sog. Hadithliteratur wurden immer mehr Aussagen des Propheten in Worten niedergelegt. Und für die prophetische sunna wurde immer deutlicher eine Monopolstellung beansprucht; man hielt sie zunehmend für wertvoller als die eigenmächtigen sunnas der Kalifen, aber auch als die der namhaften Prophetengefährten. Um 800 kam eine homogenisierende Tendenz auf. Das Großreich der Abbasiden verlangte Einheitlichkeit in der Rechtsprechung, konnte allerlei Lokaltraditionen in den unterschiedlichen Städten nicht dulden. Der Rechtsgelehrte ash-Shāfiʿī (Schafi‘i; gest. 820) soll den genialen Schritt getan haben. In seinem Rechtssystem galt fortan als einzige Rechtsquelle neben dem Koran nur noch der Hadith, also Berichte zur sunna des Propheten und Aussagen von diesem. Damit war rückwirkend die Autorität des Propheten etabliert und zur gleichen Zeit waren die Grundlagen für die Vereinheitlichung des Rechts in allen Teilen des Reiches gelegt worden. Die Folge war, dass die Zahl der Aussagen des Propheten stark zunahm. Hatte der berühmte Hadithgelehrte az-Zuhrī (gest. 742) noch insgesamt 2200 Hadithe gesammelt, „davon die Hälfte mit isnad“,1 so gab es anderthalb Jahrhunderte später zehntausende. Die Autorität des Propheten ist rückwirkend aufgebaut und auf ihn rückprojiziert worden, wie es zuvor mit früheren Kapazitäten wie Umar und Alī gemacht worden war. In religiösen Systemen ist das nicht ungewöhnlich: Denken Sie bloß an Moses, der (eine unbekannte Anzahl) Jahrhunderte nach seinem Auftreten zum Gesetzgeber des Judentums wurde.

Die nicht-prophetischen Texte, die z.B. auf Umar zurückgeführt werden, hat man nicht alle weggeworfen; viele von ihnen sind bewahrt worden. Wenn wir diese neben die prophetischen Texte legen, finden wir unterschiedliche Meinungen und Standpunkte. Das war den alten Muslimen natürlich auch aufgefallen. Um Einheitlichkeit und Harmonie zu kreieren brachten sie den Konfliktstoff in neuen Texte unter, in denen der Meinungsunterschied selbst thematisiert und in Szene gesetzt wurde. Das meinte ich, als ich sagte, dass Umar und der Prophet ihre Meinungsverschiedenheiten erst lange nach ihrem Tod gehabt hätten. Es war immer ein Streit zwischen zwei neueren Texten, die jeweils eine ehrwürdige Vergangenheit rekonstruiert hatten. Selbstverständlich gewann der Prophet fortan immer die papierene Debatte, und ʿUmars Meinung ist als ehrenvolle, aber doch weniger wichtige Alternative bewahrt geblieben. Stereotyp ist zum Beispiel die folgende Szene, in Situationen, in denen ein Rechtsbeschluss verlangt wird. ʿUmar fragt den Propheten: „Werde ich ihm den Kopf abschlagen?“ „Nein,“ sagt der Prophet dann, und schlägt eine mildere, pragmatischere Lösung vor.2 Die Auffassungen des Propheten sind im Laufe der Jahrhunderte natürlich maßgeblich geworden und geblieben. Einige weniger milde, ʿUmar zugeschriebene Auffassungen aus Medina haben sich aber durchgesetzt; darunter auch die über die Absonderung der Frau. In diesem Punkt hat der Prophet quasi „nachgegeben“, mit Rückenstärkung von Gott selbst, z.B. in:

  • Umar erzählte: Ich sagte: „Prophet, jedermann geht bei deinen Frauen ein und aus; wenn du ihnen mal auftragen würdest sich abzusondern?“ Und darauf wurde der „Vers der Absonderung“ offenbart.3

ANMERKUNGEN
1. Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī, Tahḏīb at-tahḏīb ix, 447:  .وقال الآجُري عن أبي داود: جميع حديث الزهري كله ألفا ومائتا حديث النصف منها مسند
2. سأضرب عنقه Noch in Arbeit @@
3. Aṭ-Ṭabarī, Tafsīr zum Vers:

حدثنا ابن بشار، قال ثنا ابن أبي عدي، عن حميد، عن أنس بن مالك، قال: فال عمر بن الخطّاب: “ قلت لرسول الله ص: لو حجبت عن أمهات المؤمنين، فإنه يدخل عليك البرّ والفاجر، فنرلت آية الحجاب.“

Diakritische Zeichen: ʿUmar, qāṣṣ, ʿAlī, aš-Šāfiʿī

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Moderne islamische Mohammedbiografien

Die Autoren der ältesten Prophetenbiographien waren selbstverständlich Muslime. Die ersten Biographien, sīra oder maghāzī genannt, erschienen im achten Jahrhundert; später produzierte man in dieser Gattung noch Jahrhunderte lang traditionelle, nicht europäisch kolorierte sira-Texte. Am Ende des 19. Jahrhunderts hat zunehmender europäischer Einfluss in der islamischen Welt zur allmählichen Einführung literarischer Biographien nach europäischer Art geführt. Zu deren Merkmalen gehörte die Unterbringung des beschriebenen Lebens in einer durchgehenden Erzählung, wogegen die alten Werke eher Sammlungen locker aneinandergefügten Erzählfragmente waren. In der modernen Biographie gehört es zum guten Ton, auch eine Beurteilung der beschriebenen Person zu geben, und die Biographen des Propheten übernahmen das. Die europäische historische Kritik, die gegenüber dem islamischen Glaubensgut oft einen arroganten oder gar gehässigen Ton anschlug, war für Muslime Anlass in ihren Werken den Propheten zu verteidigen und mehr Respekt für ihn zu verlangen.
Es erschienen zahlreiche moderne Werke, unter denen die gelehrtesten vielleicht die von Sir Sayyid Ahmad → Khan (1817–98), Muhammad → Hamidullah (1908–2002), Martin → Lings (1909–2005), Abdul Hameed Siddiqui und Hishām Dju‘ait (1935–) sind. Weniger gelehrt, aber unter Muslimen gern gelesen, ist das Werk von → Mubārakpūrī (1942–). Es gibt auch literarische Werke, in denen die Prophetenbiographie neu geschrieben oder verarbeitet wird, von Autoren wie Muhammad Husain → Haikal (1888–1956), Tāhā → Husain (1889–1973), Taufīq → al-Hakīm (1898–1987), ‘Abbās Mahmūd → al-‘Aqqād (1889–1964) and Nadjīb → Mahfūz (1911–2006), noch ganz abgesehen von unzähligen populären und erbaulichen Schriften.
Von den europäischen Orientalisten übernahmen die modernen islamischen Biographen meist das chronologische Gerüst. Zudem folgten sie westlichen literarischen Biographien, indem sie fragmentarische alte Texte zu längeren, zusammenhängenden Erzählungen umgestalteten und fortan auch eine Skizze und eine Charakterbeschreibung und -beurteilung des Propheten boten. Bis auf Mahfūz vielleicht haben sie alles weggelassen, was Zweifel oder negative Gefühle verursachen könnte, und haben somit wenig Raum für die menschlichen, allzu menschlichen Züge des Propheten gelassen. So ängstlich waren die ältesten sīra-Autoren nicht gewesen.

Biographie und fiqh
Aus islamischer Sicht ist die sunna des Propheten nicht nur in der Hadith-Literatur, sondern auch in der sira niedergelegt worden. Doch wird der Hadith als die bessere Quelle betrachtet, weil Hadithgelehrte sich um Kontrolle der Quellen mittels Überliefererketten (isnad) gekümmert haben. Man hat aber auch viel sira-Material gleichsam upgraded und für die Zukunft gerettet, indem man es in Hadithen unterbrachte. Oft ist es dann etwas verkürzt und auf die Bedürfnisse der Juristen zugeschnitten.
Inwieweit die Biographie als Quelle der islamischen Rechtswissenschaft (fiqh) und der Glaubenslehre verwendbar war, wurde u. a. von Ibn Taimīya (1263–1328) thematisiert, der den Standpunkt vertrat, dass viel biographisches Material für die Rechtswissenschaft nicht als Argument einsetzbar ist, außer wenn das Thema sehr wichtig und der Text mit mehreren Überliefererketten überliefert worden ist. In seinem Geist sind in unserer Zeit Bücher mit Titeln wie Fiqh as-sīra erschienen, die nicht viel mehr tun als die alten Quellen, insoweit sie korrekt überliefert waren, noch mal abzudrucken und mit erbaulichen Gedanken zu umspielen (→ Albānī, Ghadbān).

Siehe auch Moderne nichtislamische Mohammedbiografien.

BIBLIOGRAPHIE
– ʿAbbās Maḥmūd al-ʿAqqād, ʿAbqarīyat Muḥammad, Kairo 1941.
– Muḥammad Nāṣir ad-Dīn al-Albānī, Fiqh as-sīra, bearb. von Muḥammad al-Ġazālī, Kairo 19888.
– Munīr Muḥammad al-Ġaḍbān, Fiqh as-sīra an-nabawīya, Kairo 1997.
– Hišām Ǧuʿayṭ, Fī as-sīra an-nabawīya, Beirut, 2 vols, 2001, 2007.
– Tawfīq al-Ḥakīm, Muḥammad, Kairo 1936.
– Muhammad Hamidullah, Muhammad Rasulullah: A concise survey of the life and work of the founder of Islam, Hyderabad 1974.
– idem, Le prophète de l’Islam. 1. Sa vie, 2. Son œuvre, Paris 1959.
– idem, Battlefields of the Prophet Muhammad, Hyderabad 19732.
– idem, The prophet of Islam: Prophet of migration, n.p. 1989.
– idem, The Prophet’s establishing a state and his succession, Islamabad 1988.
– Muḥammad Ḥusayn Haikal, Ḥayāt Muḥammad, Kairo 1933 (Das Leben Muhammads (s.a.s.), übers. unbekannt, Siegen 1987. Herunterladen hier.
– Ṭāhā Ḥusayn,ʿAla hāmish as-sīra, Kairo 1933.
– Sir Sayyid Ahmad Khan, A series of essays on the life of Muhammad and subjects subsidiary thereto, London 1870.
– Martin Lings, Muhammad. Sein Leben nach den frühesten Quellen, übers. Shukriya Uli Full, Kandern 2004.
– Naǧīb Maḥfūz, Awlād ḥāratinā, Beirut 1967.
– Ṣafī ar-Raḥmān al-Mubārakpūrī, The Sealed Nectar (ar-Raheequl makhtum), übers. Issam Diab, Dar us-Salam Publishers, Ort?@.
– Abdul Hameed Siddiqui, The life of Muhammad (PBUH), Lahore 1969, 199310.
– Antonie Wessels, A modern biography of Muḥammad. A critical study of Muḥammad Ḥusayn Haykal’s “Ḥayāt Muḥammad, Leiden 1972.
– idem, „Modern biographies of the life of the Prophet Muhammad in Arabic,“ Islamic Culture 49 (1975), 99-105.

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Der Tod des Propheten

Wenn eine geliebte oder verehrte Person stirbt, ist die erste Reaktion oft eine des Unglaubens: Nein, es ist nicht wahr! Einen solchen Unglauben an den Tod des Propheten Mohammed, der nach einer unbekannten Krankheit verstorben war, hat ein siraErzähler ‘Umar in den Mund gelegt. Abū Bakr soll ihn korrigiert haben:

  • Az-Zuhrī überlieferte mir von Sa‘īd ibn Musayyab den folgenden Bericht des Abū Huraira:
    Nachdem der Prophet verstorben war, erhob sich ʿUmar und sprach zu den Muslimen:
    „Einige Heuchler werden behaupten, der Prophet sei gestorben. Nein! Der Gesandte Gottes ist nicht gestorben, sondern er ist zu seinem Herrn gegangen, so wie Moses, der vierzig Nächte von seinem Volk fernblieb und dann zu ihm zurückkehrte, nachdem behauptet worden war, er wäre gestorben. Bei Gott, der Prophet wird zurückkehren, wie Moses zurückgekehrt ist, und wird denjenigen Hände und Füße abschlagen, die behauptet haben, er wäre gestorben.“
    Als Abū Bakr davon hörte, begab er sich zum Tor der Moschee, während ‘Umar zu den Leuten sprach. Er achtete auf nichts, sondern ging in das Zimmer der ʿĀʾiša, in dem der Prophet mit einem Mantel aus jemenitischem Stoff bedeckt lag. Er trat hinzu, deckte das Gesicht des Propheten auf, küsste es und sprach:
    „Du, der du mir teurer bist als Vater und Mutter, hast den Tod gekostet, den Gott dir beschieden hat, und ein zweiter Tod wird dich nicht mehr treffen.“
    Er legte ihm den Mantel wieder über das Gesicht, trat hinaus, wo ‘Umar zu den Menschen sprach, und forderte ihn auf zu schweigen. Dieser weigerte sich aber und redete weiter. Da wandte Abū Bakr sich selbst an die Gläubigen, und als sie seine Worte vernahmen, ließen sie ʿUmar stehen und kamen zu ihm. Abū Bakr lobte und pries Gott und sprach:
    „O ihr Menschen! Wenn jemand Muḥammad anbetet, Muḥammad ist tot! Wenn jemand Gott anbetet, Gott lebt und wird nie sterben.“ Dann trug er den Koranvers vor: „Muḥammad ist nur ein Gesandter. Vor ihm hat es schon Gesandte gegeben. Werdet ihr euch dann zurückwenden, wenn er stirbt oder getötet wird? Wer sich zurückwendet, wird Gott keinen Schaden zufügen. Aber Gott wird es denen vergelten, die dankbar sind.“ [K. 3:44]
    Bei Gott, es war, als hätten die Muslime nichts von der Offenbarung dieses Verses gewusst, bevor ihn Abū Bakr damals vortrug. Sie übernahmen ihn und führten ihn ständig im Munde. ʿUmar aber erzählte später:
    „Bei Gott, kaum hatte ich Abū Bakr den Vers vortragen hören, war ich so erschüttert, dass mich meine Füße nicht mehr trugen und ich zu Boden stürzte: Ich wusste jetzt, der Prophet war wirklich gestorben!“ 1

Der zitierte Koranvers treibt zur Nüchternheit: Das Leben geht weiter. Mohammed war ja „nur“ ein Gesandter; ein normaler Mensch und deshalb sterblich. Auch an anderen Stellen ist der Koran dazu eindeutig. Deshalb hatten die Erzähler nicht die Möglichkeit ihn weiterleben zu lassen oder seinen Aufenthalt auf Erden so enden zu lassen wie bei früheren Propheten. Von Henoch (Idrīs) erzählt die Bibel, dass „Gott ihn hinwegnahm“ (1. Mose 5:24); Elia (Ilyās) „fuhr im Wetter gen Himmel” (2 Könige 2:11) und auch Jesus „fuhr gen Himmel“ (Apostelgeschichte 1:9–11). Ein Erzähler fand eine Alternative: Mohammed sei vor die Wahl gestellt worden: sterben oder länger leben, und er habe den Tod gewählt. So sollte sein Dahinscheiden für seine Anhänger erträglicher werden:

  • […] von ‘Abdallāh ibn ‘Amr habe ich erfahren, dass der Freigelassene des Propheten Abū Muwaihiba Folgendes erzählt habe: Mitten in der Nacht ließ der Prophet mich zu sich kommen und sagte:
    „Mir wurde befohlen, für die Tote auf dem Baqī‘-Friedhof um Vergebung zu beten. So komme mit mir!”
    Ich ging mit ihm und als er mitten zwischen den Gräbern stand, sprach er:
    „Friede sei über euch, o ihr Volk der Gräber! Freut euch, dass ihr nicht mehr seid, wo die Lebenden sind! Wie Fetzen der finsteren Nacht nahen die Versuchungen, eine nach der anderen, die letzte schlimmer als die erste.“ Und zu mir gewandt fuhr er fort: „Mir wurden die Schlüssel zu den Schätzen dieser Welt und der Aufstieg ins Paradies nach einem langen Leben hier angeboten, und ich wurde vor die Wahl gestellt, mich dafür oder für die Begegnung mit meinem Herrn und den Eintritt ins Paradies schon jetzt zu entscheiden.”
    „Ich flehe dich an, nimm die Schlüssel für die Schätze dieser Welt, ein langes Leben darin und den Eintritt ins Paradies!“ bat ich ihn, doch er sprach:
    „Nein, bei Gott, Abū Muwaihiba! Ich habe mich entschieden, schon jetzt meinem Herrn zu begegnen und ins Paradies einzugehen.“
    Dann bat er für die Toten um Vergebung und nachdem er den Friedhof verlassen hatte, begann sein Leiden, durch das Gott ihn zu sich nahm.2

Laut einem Hadith geschah es in der Tat so:

  • Ya‘qūb ibn ‘Utba überlieferte mir von az-Zuhrī, der sich auf ‘Urwa beruft, die folgenden Worte Aischas:
    An jenem Tag kam der Prophet von der Moschee zurück und legte das Haupt in meinen Schoß. Da trat ein Mann aus der Familie Abū Bakrs ein. In der Hand trug er ein grünes Zahnputzholz,3 und als ich den Blicken des Propheten entnahm, dass er das Holz gerne gehabt hätte, fragte ich ihn: „Möchtest Du das Zahnputzholz?“
    Er bejahte. Ich nahm das Hölzchen, kaute es für ihn weich und gab es ihm. Er rieb sich damit so gründlich die Zähne, wie ich es noch nie bei ihm gesehen hatte, und legte es beiseite. Dann bemerkte ich, wie mir sein Kopf auf meinem Schoße schwer wurde, und als ich ihm darauf ins Antlitz sah, waren seine Augen starr. Er sprach:
    „Ja! Die höchste Gefährtenschar im Paradies!“4
    „Bei Dem, Der dich mit der Wahrheit gesandt hat! Du wurdest vor die Wahl gestellt und hast gewählt! antwortete ich, und der Gesandte Gottes verschied.5

So war der Tod Mohammeds auch etwas Besonderes geworden, aber doch ganz anders als bei den anderen Propheten. Das biblische Motiv der Hinwegnahme war hier einfach nicht einsetzbar, weil der Koran in seinen Aussagen über die Normalität und Sterblichkeit des Propheten ganz eindeutig ist. Die Hadith-Literatur verneint darauf einfach den Unterschied: alle Propheten seien wie Mohammed gestorben:

  • Az-Zuhrī überliefert von ‘Ubayd ibn Abdallāh ibn ‘Utba, der es von Aischa gehört hatte: Ich habe den Propheten oft sagen hören: „Gott nimmt keinen Propheten zu sich, ohne ihn vor die Wahl zu stellen.“ Als der Prophet im Sterben lag, war das Letzte, das ich ihn sagen hörte: „Nein, lieber die höchste Freundesschar im Paradies.“ Dann wählt er uns also nicht, dachte ich, und erst dann verstand ich was die Worte bedeuten: dass kein Prophet stirbt bevor er nicht vor die Wahl gestellt worden ist.6
  • Mālik hat gehört, dass Aischa gesagt habe: Kein Prophet stirbt, bevor er nicht vor die Wahl gestellt worden ist. Ich habe ihn sagen hören: „O Gott, die höchste Freundesschar im Paradies!“ und dann verstand ich, dass er von uns gehen würde.7

Ich denke nicht, dass das Thema hiermit erschöpft ist. Bei Gelegenheit werde ich mal nachschlagen, ob Ginzbergs The Legends of the Jews noch etwas bietet.

ANMERKUNGEN
1. Ibn Isḥāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 1012–13. Übersetzung: Ibn Isḥāq, Das Leben des Propheten, übers. Gernot Rotter, Kandern 1999, 256–7.
2. Ibn Isḥāq o. c., 1000; Übers. Rotter 252.
3. Ein Zweig des arāk-Baums (Salvadora persica), der gekaut und im Mund hin und her bewegt wird, wie Süßholz bei uns.
4. Ar-rafīq al-aʿlā, vgl. Koran 4:69.
5. Ibn Isḥāq o. c., 1011; Übers. Rotter 255–6, mit einer Korrektur von mir.
6. Ibn Isḥāq o. c., 1008.
7. Mālik, Djanāʾiz 46.

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