Gottesbeweis: Der Schöpfer beugt Inflation vor

🇳🇱 Heute wieder ein Fragment aus dem arabischen, überwiegend christlichen Text Kitāb al-i‘tibār fī al-malakūt von Djibrīl ibn Nūh,1 eine Sammlung von ungefähr hundert teleologischen Gottesbeweisen (arguments from design), wahrscheinlich aus dem neunten Jahrhundert. Siehe zu dem Büchlein hier. Daraus finden Sie in diesem Bluch Fragmente zum Rüssel des Elefanten, zur Dummheit von Babys, zum Penis des Mannes, zur menschlichen Stimme und zum schreiendem Hirsch.

Die Fürsorge des Schöpfers für seine Geschöpfe ist auch ersichtlich aus der Knappheit von Edelmetallen. Er hat es den Menschen unmöglich gemacht, diese Metalle selbst herzustellen. Wenn sie das könnten und demzufolge unbegrenzte Mengen Gold und Silber zur Verfügung hätten, würde das Geld wertlos und der Handel damit unmöglich werden. Davor hat er die Menschheit behütet. In Djibrīls Worten: 

  • Erwäge, wie kostbar Gold und Silber sind und wie die Vernunft der Menschen versagt, wenn sie versuchen [diese Metallen] selbst herzustellen, obwohl sie das sehr gerne möchten und sie sich dazu sehr anstrengen. Wenn sie die Kenntnisse, nach denen sie streben, erlangen würden, würden diese unvermeidlich so allgemein bekannt werden in der Welt, dass es viel zu viel Gold und Silber geben würde und deren Preis würde stürzen und sie würden wertlos werden, so dass sie bei Kauf und Verkauf, bei Transaktionen, bei Steuern, die für den Sultan erhoben werden, und als Spartopf für den Nachwuchs keinen Nutzen mehr hätten. Es ist dem Menschen aber gegeben, Messing herzustellen aus Kupfer, Sand aus Glas und mehr solche Sachen, die nicht schaden können. Man sieht also, dass Menschen mit Sachen, die ihnen unschädlich sind, frei walten dürfen, aber ihnen das verwehrt bleibt bei Stoffen, die ihnen schädlich wären, wenn sie die erhielten.1

Nicht nur die Herstellung von Edelmetallen ist dem Menschen verwehrt worden, auch die Gewinnung derer in Gruben u.dgl. bleibt beschränkt, obwohl die Vorkommen riesig sind:

  • Grubenarbeiter haben uns erzählt, dass sie einmal sehr tief in eine bestimmte Grube durchdrangen und an eine Stelle kamen, wo sie etwas sahen wie Berge aus Silber. Aber vor der Stelle strömte ein gewaltiger, bodenlos tiefer Fluss mit einer starken Strömung, den sie unmöglich überqueren konnten. Später gingen sie zurück um diese Stelle zu suchen, aber sie konnten sie nicht finden und gingen enttäuscht zurück.
    Erwäge jetzt den Entwurf des Schöpfers. Er wollte seinen Knechten seine Allmacht und den Umfang seiner Schätze zeigen, um sie wissen zu lassen, dass er, wenn er ihnen Berge Silber schenken wollte, dazu fähig war. Aber das wäre nicht gut für sie, denn wie gesagt: Das Metall würde unter den Menschen an Wert einbüßen und von wenig Nutzen sein. Nehmen wir zum Beispiel an, dass unter den Gefäßen oder anderen Gegenständen, die Menschen herstellen können, etwas Außerordentliches erscheint. So lange es ungewöhnlich und selten bleibt, wird es teuer sein und seinen Preis behalten, aber wenn es in Überfluss zur Verfügung kommt, wird der Wert sinken und der Preis wird stürzen. Hierin liegt die Bestätigung von dem, was jemand mal sagte: „Die Kostbarkeit von Sachen hängt von ihrer Knappheit ab.“ 2

Dem Autor, der im Irak zu Hause war, war offensichtlich die Mär verborgen geblieben, dass im westafrikanischen Ghāna3 das Gold überhaupt nicht knapp sei. Das Land war nämlich bekannt für seinen wahrhaft legendarischen Goldvorkommen; es war gleichsam das Eldorado Afrikas. Das Gold wuchs dort an Pflanzen: „Gold wächst im Sande dieses Landes wie Karotten; bei Sonnenaufgang wird es gepflückt.“ 4 Nun, in Ghāna war es nicht der Schöpfer, sondern ein weiser König, der Inflation vorbeugte: „Die Goldklumpen, die in allen Gruben des Landes gefunden werden, sind für den König reserviert. Er lässt nicht zu, dass sie aus seinem Land in ein anderes gehen. Die Klumpen können von einer Unze bis zu einem Pfund wiegen. Nur Staubgold lassen sie aus dem Land heraus. Wenn sie alles, was in den Gruben gefunden wird, herausließen, würde zu viel Gold in die Hände der Menschen geraten und würde es seinen Wert verlieren.“ 5

Dieser König war nicht der Einzige: Viele Fürsten haben ihre Schatzkammern voll geladen und später machte die Kirche dasselbe, zum Beispiel in Spanien, wo viel neues Gold aus Amerika nicht auf den Markt kam, sondern in Gestalt teurer kirchlicher Kunst „unschädlich“ gemacht wurde. Alles eingedenk der Grundregel der Ökonomie: „Die Kostbarkeit von Sachen hängt von ihrer Knappheit ab.“

ANMERKUNGEN:
1. Auch als Dalāʾil al-i‘tibār bekannt. Das Büchlein wird oft al-Djāḥiẓ (ca. 776–869) zugeschrieben. Die erste (unkritische) Ausgabe erschien 1928 in Aleppo. Ich habe verschiedene Handschriften benutzt; Einzelheiten behalte ich noch für mich.

ثم فكر‏ في‏ عزة الذهب والفضّة‏ وقصور حيلة‏ الانس عمّا حاولوا من‏ صنعتهما على حرصهم واجتهادهم في‏ ذلك‏. ‏ فإنهم لو ظفزوا بما حاولوا من هذا العلم‏ كان لا محالة‏ سيظهر ويستفيض في‏ العالم حتّى‏ يكثر‏ الذهب والفضة‏ ويسقط عند الناس فلا تكون لهما قيمة ويبطل الانتفاع بهما في‏ الشراء والبيع والمعاملات والاتاوة‏ التي‏ تُجبَى الى السلطان والذخر‏ الذي‏ يذخر للأعقاب‏. وقد أعطي‏ الناس مع هذا صنعة‏ الشبه من النحاس والزجاج من الرمل وما أشبه ذلك مما لا مضرّة فيه‏. فانظر كيف أعطوا ارادتهم فيما لا‏ ضرر عليهم فيه ومنعوا ذلك فيما كان ضارّاً‏ ‏ لهم لو نالوه‏.

2.

أخبرنا أناس ممن يزاول المعادن أنّهم‏ أوغلوا في‏ بعضها فانتهوا الى موضع رأوا فيه أمثال الجبال من الفضّة،‏ ومن دون ذلك وادٍ‏ عظيم‏ يجري‏ منصلتًا بماء‏ غزير لا يدرك‏ غوره‏ ولا حيلة في‏ عبوره‏. ثم عادوا‏ يطلبونه فلم‏ يقفوا عليه فانصرفوا آسفين‏.
‏ ففكِّر الآن في هذا من تدبير الخالق‏. فانّه‏ جل ثناؤه أراد أن‏ يري‏ العباد قدرته وسعة خزائنه ليعلموا أنّه لو شاء أن‏ يمنحهم كالجبال من الفضّة لفعل،‏ ولكنه لا صلاح لهم في‏ ذلك،‏ لأنّه كان‏ يكون كما ذكرنا‏ بسقوط هذا الجوهر عند الناس وقلّة انتفاعهم به‏. واعتبر ذلك بأنّه قد‏ يظهر الشيء الطريف مما يُحدثه الناس من الأواني‏ والأمتعة‏. فما دام عزيزًا قليلاً‏ فهو نفيس جليل‏ آخذ للثمن،‏ فاذا فشا وكثر في‏ أيدي‏ الناس سقط عندهم وخست‏ ‏ قيمته‏. وفي‏ هذا مصداق قول القائل‏ انّ‏ نفاسة الأشياء من عزتها‏.

3. Dieses historische Ghāna lag weit nordwestlich des modernen Ghana, ungefähr im heutigen Mali. Es muss ein mächtiges Reich gewesen sein.
4. Yāqūt ibn ‘Abdallāh al-Ḥamawī, Mu‘djam al-buldān, Hrsg. Ferdinand Wüstenfeld, 6 Bde., Leipzig 1866–73, i, 822:  قال اين الفقيه: والذهب ينبت في رمل هذه البلاد كما ينبت الجزر وإنه يقطف عند بروغ الشمس . Dass diese Goldpflanzen heutzutage nicht mehr vorkommen, liegt merkwürdigerweise an der Islamisierung des Gebiets, „… for in Ghana and beyond it to the south are the places where gold grows and it has been found by experience that whenever the gold-plant land is taken and Islam and the call to prayer become widespread there the gold plant disappears from it.“ (Shihāb al-Dīn Ibn Faḍl Allāh al ‘Umarī, Al-ta‘rīf bil-muṣṭalaḥ al-sharīf, Cairo 1894, 27,6, wohl besser in al-Droubi, A critical edition; beide Ausgaben des arabischen Texts nicht zur Verfügung; fürs Augenblick zitiert aus Corpus of early Arabic sources, 276.)
5. K. al-istibṣār 221:

أخبرنا أناس ممن يزاول المعادن أنّهم‏ أوغلوا في‏ بعضها فانتهوا الى موضع رأوا فيه أمثال الجبال من الفضّة،وإذا وجد في جميع معادن بلاد هذا الملك الندرة من الذهب اصطفاها الملك لنفسه ولم يتركها تخرج من بللده لغيره. و الندرة تكون من أوقية إلى رطل وإنما يتركون أن يخرج من بلادهم من الذهب ما كان رقيقًا، ولو تركوا كل ما يوجد في المعادن يخرج من بلادهم لكثر الذهب بأيدي الناس ولهان.

BIBLIOGRAFIE:
Corpus of early Arabic sources for West African History, Übers. und Hrsg. J.F.P Hopkins & N. Levtzion, Cambridge [1981].
– Djibrīl ibn Nūḥ [=Ps.-Djahiz], Dalā’il al-i‘tibār ʿalā l-khalq wa al-tadbīr, Hrsg. Rāghib al-Ṭabbākh al-Ḥalabī,Aleppo 1928.
– N.N., Kitāb al-istibṣār fī ‘adjāʾib al-amṣār: waṣf Makka wa-‚l-Madina wa-Miṣr wa-bilād al-Maghrib, li-kātib Marrākushī min kuttāb al-qarn as-sādis al-hidjrī (12 m.), Übers. und Kommt. Sa‘d Zaghlūl ‘Abd al-Ḥamīd, A̓lexandrien 1958.
– Al-‘Umarī: Al-Droubi, Samīr, A critical edition of and study on Ibn Faḍl Allāh’s manual of secretaryship „al-Ta‘rīf bil-muṣṭalaḥ al-sharīf“, al-Karak 1992.

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Das Fortleben der Antike im Islam

🇳🇱 Eine bekannte Studie von Franz Rosenthal heißt Das Fortleben der Antike im Islam.
Die traditionelle, längst nicht mehr von Wissenschaftlern vertretene Sichtweise in Westeuropa war, dass die Antike mit dem Untergang des weströmischen Reichs im Jahr 476 nicht länger fortlebte, sondern endete. Danach fing das Mittelalter an: das dunkle Zeitalter, das Jahrhunderte brauchte um etwas heller zu werden, die Antike auf neuen zu entdecken und in die Renaissance zu münden.
Wie dem auch sei: Der Ostteil des Römerreichs kannte kein Mittelalter. Dort und in Persien überlebte die antike Wissenschaft, wenn sie auch eine Zeitlang sehr bedroht war. Es war das Verdienst der frühabbasidischen Gesellschaft, dass sie für die Zukunft gerettet wurde. Diese Tatsache wird in Europa noch oft ignoriert.
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In den ersten zwei Jahrhunderten des Abbasidenkalifats (750–1258) gab es eine riesige Übersetzungsschlacht: aus dem Griechischen und Mittelpersischen (Pahlavi), erst ins Syrische, danach ins Arabische. Das ganze Griechische Schrifttum, ausgenommen die Dichtung und die Geschichtsschreibung, wurde übersetzt: will sagen: alles Bekannte zur Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musiktheorie; die Werke von Aristoteles und die Kommentare dazu: Metaphysik, Ethik, Physik, Zoologie, Botanik, Logik (Organon), Geographie. Medizin, Pharmakologie, (Al)chemie, Miltärwissen (Taktika), Weisheitssprüche (= Gnomologie), Tierheilkunde, Falknerei/Beizjagd.
Das war nicht das Werk eines Kalifen oder eines Mäzens mit einem ausgefallenen Hobby, sondern ein breit getragenes Großprojekt, das man für notwendig hielt und das etwas kosten durfte.

Die größten Förderer des Übersetzens, die Banū Mūsā ibn Shākir, bezahlten ca. 815 monatlich ungefähr 500 Dinar pro Monat an drei Spitzenübersetzer, d.h. 2125 Gramm Gold. Das wäre nach dem Kurs von heute (21.5.2018) fast 75.000 Euro. Aber so darf man wohl nicht rechnen. Auf jeden Fall war es sehr viel.

Warum gerade in dieser Periode? Die Kultur im Riesenreich Alexanders des Großen und in dessen Nachfolgerstaaten war hellenistisch gewesen. Diese hellenistische Kultur war Dimitri Gutas zufolge allmählich durch zwei Faktoren geschädigt worden:
–––1. Durch die langen Kriege zwischen Römern und Persern (der letzte war von 602–628) waren die Zentren von Kultur und Gelehrsamkeit nicht länger mit einander in Kontakt.
–––2. Für die Christenheit war profane vorchristliche Wissenschaft unerwünscht und war der Hellenismus eher ein Feind. Lieber vertat man seine Zeit—sehr viel Zeit—mit Querelen über die Fragen, ob Maria Gott geboren hatte, ob Gott der Vater und sein Sohn Jesus Christus eine Natur hätten oder zwei, einen Willen oder zwei, ob Ikonen erlaubt seien usw. Im östlichen Römerreich war „Grieche“ ein Schimpfwort geworden und wurde „heidnisches“ Wissen als minderwertig betrachtet.1 Allerdings war das Heidentum um 500 wohl endgültig beerdigt und wurde die Antike im Oströmischen Reich entweder ignoriert oder in uninspirierten Zusammenfassungen (Florilegia) weiter überliefert.
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Im arabischen Umaiyadenreich, das bis 750 existierte, waren die griechische Sprache und die griechisch-orthodoxe Staatskirche noch vordergründig anwesend gewesen. Kalif ‘Abd al-Malik führte zwar um 700 Arabisch als Amtssprache ein, aber noch Jahrzehnte lang sprachen und schrieben viele Einwohner des Reichs Griechisch. Ein wichtiger Kirchenvater wie Johannes Damascenus schrieb seine Werke um 750 auf Griechisch, und er tat das mitten in der umaiyadischen Hauptstadt Damaskus! Der noch recht römische Charakter des Umaiyadenreichs machte dort die Atmosphäre nicht günstig für hellenistisches Wissen.
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Als die Abbasiden aber den Schwerpunkt des Reichs in den Irak verlegten und Bagdad gründeten, geriet die griechische Kirche mit ihrer anti­hellenistischen Haltung außer Sicht. Nichts stand einer neuen Blüte der antiken Wissenschaft mehr im Weg; im Gegenteil: die Kalifen, Visiere, alle Staatsorgane und viele private Personen förderten sie wie nie zuvor. Im neuen Großreich fanden die wissenschaftlichen Zentren wieder zu einander und beeinflussten einander. Man sprach viele Sprachen; das neu gestaltete Reich war äußerst multikulturell.

„Hence the transfer of the caliphate from Damascus to central ‘Irāq — i.e., from a Greek-speaking to a non-Greek-speaking area — had the paradoxical consequence of allowing the preservation of the classical Greek heritage which the Byzantines had all but extirpated.“2

 

Kalif al-Mansūr (754–75)
Al-Mas‘ūdī, einem Historiker aus dem 9. Jahrhundert, zufolge, war al-Mansūr

„der erste Kalif, der Astrologen förderte und auf Grund astrologischer Weissagungen handelte. Er hatte Naubakht den Zoroastrier an seinem Hof, der auf sein Betreiben zum Islam konvertierte, der Vorfahr der Familie Naubakht; auch hatte er bei sich Ibrāhīm al-Fazārī, den Verfasser eines Dichtwerks über die Sternen und anderer astrologischen und astronomischen Werken, wie auch den Astrologen ‘Alī ibn ‘Īsā der Astrolabist.
Er war der erste Kalif, der Bücher aus Fremdsprachen ins Arabische übersetzen ließ, unter denen Kalīla wa-Dimna und Sindhind. Auch wurden für ihn Bücher von Aristoteles zu Logik und anderen Themen übersetzt, der Almagest von Ptolemaeus, das Buch von Euclid [über Geometrie], die Arithmetica [von Nicomachus von Gerasa], und andere alte Bücher aus dem klassischen Griechisch, dem römischen Griechisch, Pahlavi, Neupersisch und Syrisch. Diese wurden unter den Menschen verbreitet, die sie erforschten und studierten.“3

Al-Mansūr spürte, dass er das neue Abbasiden-Regime legitimieren sollte. Bei den arabischsprachigen Muslimen war das nicht so schwer: Die Dynastie sei ja (vermeintlich) verwandt mit dem Propheten. Aber für die Perser und Aramäer, und die waren in der neuen Umgebung stark in der Mehrheit, war es nicht so selbsverständlich: Es gab schon gleich mehrere Aufstände. Al-Mansūr wollte ihnen nun zeigen, dass die Abbasiden die legitimen Nachfolger der persischen Sassaniden seien. Diese hatten viel Wert gelegt auf Astrologie; ihr ganzes Tun und Treiben war von Astrologie durchzogen. Das wollte al-Mansūr genau so tun: Seine Astrologen sollten beweisen, dass seine Regiering „in den Sternen geschrieben“ stand und also unausweichlich die Beste sei. Darum sollten astrologische Texte her, und zwar persische und griechische. Arabische gab es ja nicht, weder islamische noch vorislamische.
Wenig islamisch, wird man vielleicht sagen — aber wer bestimmte was islamisch ist? Das tat niemand weniger als er selbst, der Stellvertreter Gottes (khalīfat allāh) auf Erden! Die Leute des Hadith und der Sunna, für die der Koran und die Sunna des Propheten Mohammeds das wichtigste waren, spielten anfangs noch keine Rolle.
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Alexander, der Bücherdieb
Aber wozu dann die altgriechischen Texte? Man höre und staune: Nach sassanidischer Auffassung hatte Zoroaster vom guten Gott Ohrmazd (Ahuramazda), die Avesta empfangen, die alle Kenntnis und Weisheit der ganzen Welt enthielt.4 Der böse Alexander [der Große] hatte aber Persien zerstört und die Kenntnis über die ganze Welt zerstreut. Er hatte sie ins Griechische übertragen lassen und die Originale zerstört. Deshalb kam es darauf an, die Kenntnis wieder zurück zu übersetzen. Das hatte schon der Sassanidenfürst Ardashīr gemacht und al-Mansūr wollte das fortsetzen. Er fasste es energisch an, wie seine Nachfolger auch.
Eine völlig fact free Geschichte hatte somit weitreichende, in diesem Fall positive Folgen. Die Übersetzungsbewegung war religiös verankert.
(Siehe jetzt mein Alexander doch kein Bücherdieb.)
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Kalif al-Mahdī (775–85)
Unter Kalif al-Mahdī wurde ruhig weiter übersetzt, allerdings mit etwas anderer Betonung. Jetzt kamen die Topica vom alten griechischen Philosophen Aristoteles (384–322 v.Chr.) an die Reihe, der 5. Teil des Organon. Das ist ein schwieriges Buch; es behandelt den Disput (ǧadal), die Kunst des Argumentieren auf Basis von geteilten Annahmen (z.B. Definitionen) über das Für und das Gegen gewisser Thesen. Die Methode wurde anhand von 300 Themen (topoi) verdeutlicht. Der Kalif bestellte 166/782 persönlich eine Übersetzung beim nestorianischen Patriarchen Timotheus I. Später sollte das Buch übrigens noch zweimal übersetzt werden
Was brachte ein vollbeschäftigtes Staatsoberhaupt dazu, für sich eine Übersetzung eines so schwierigen Buchs zu bestellen? Die Antwort liegt in den Diskussionen über Religion, die jetzt fällig waren. Wo das Abbasidenreich nun mal ein islamischer Staat war, sollten die Untertanen auch Muslime sein. Die Vorbehalte des Umaiyadenreichs gegen Konvertiten („es sind keine Araber,“ „sie bringen keine Kopfsteuer ein“) waren verschwunden. Es sollte ein Staat werden von muslimischen Bürgern mit gleichen Rechten und Privilegien. Auch Nichtaraber konnten jetzt Jobs bekommen; manchmal beklagten sich die Araber sogar darüber.
Der Islam sollte im Reich also notwendigerweise eine missionierende Religion werden. Wenn Islamstaat, dann auch Muslime, und es sollte attraktiv und überzeugend sein sich zu bekehren—nicht nur wegen der entfallenden Kopfsteuer: Es ging um die richtige Religion. Für die Dispute mit Andersgläubigen waren die Topica nützlich. Religionsgespräche fanden jetzt überall statt; es gibt eine unglaubliche Menge von Schriften dazu, auch von christlicher Seite. Die Christen hatten ja eine lange Tradition in Disput und Polemik und die Muslime mussten sich richtig ins Zeug legen um mitzuhalten.

Juden und Christen hatten eine geschützte Position. Manichäer und andere Ungläubigen (Bardesanieten, Marcionieten) dagegen wurden mit harter Hand verfolgt.
Noch ein Mas‘ūdi-Zitat:

„Al-Mahdī widmete viel Energie dem Ausrotten von Ketzern und Abtrünnigen. Diese Leute traten zu seiner Zeit auf und verkündeten während seines Kalifats öffentlich ihre Glaubensvorstellungen, als die Büchern von Mani, Bardesanes und Marcion (u. a. überliefert von Ibn al-Muqaffaʿ und anderen) weit verbreitet waren, die aus dem Persischen und Pahlavi ins Arabische übersetzt wurden, und die Schriften, die dem Manichäismus, Bardesanismus und Marcionismus unterstützen, geschrieben von Ibn Abī al-‘Audjā’, Hammād ‘Adjrad, Yahyā ibn Ziyād und Mutī‘ ibn Iyās. So nahm die Zahl der Manichäer zu und ihre Lehrmeinungen wurden öffentlich bekannt.
Al-Mahdī war der erste [Kalif], der in ihrer Forschung dialektisch argumentierende Theologen (djadaliyūn) beauftragte, Bücher gegen die gerade erwähnten Ketzer und anderen Ungläubigen zu schreiben. Die Theologen brachten demonstrative Beweise gegen die Abweichler hervor, eliminierten die Scheinargumenten der Ketzer und legten den Zweiflern in klaren Worten die Wahrheit dar.“5

Al-Mahdī war ein guter Schüler, der mit dem Patriarch Timotheus selbst die Technik des Disputierens trainierte. Diese Techniken erwiesen sich auch in der Wissenschaft, Philosophie, Theologie (kalām) und im Recht nützlich.
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Kalif al-Ma’mūn (813–833)
bekam es mit den Leuten der Sunna und des Hadith zu tun, die späteren ’ulamāʾ. Er versuchte sie klein zu halten und lehnte dazu auf die Mu‘taziliten, die sich sehr stark mit der „griechischen“ Wissenschaft beschäftigten. Das förderte noch einmal mehr die Übersetzungstätigkeit.

Der berühmte Mu‘tazilitische Prosaschriftsteller al-Djāḥiẓ (ca. 777–869) bekam eine Art Dialektik-Rausch. Es machte ihm Spaß, das Für und das Gegen bestimmter Dingen provozierend gegenüber einander zu stellen. Dabei war es unwichtig, welche Auffassungen letztendlich richtig seien. So hat er ein Traktat über die Überlegenheit der Schwarzen über die Weißen geschrieben,6 und ein anderes, in dem er die Vor- und Nachteile von jungen Sklaven und Sklavinnen als Sexpartner gegeneinander abwägt.7

Den wohl berühmtesten Übersetzer möchte ich noch kurz erwähnen: Hunain ibn Ishāq, 808–873. Er war ein nestorianischer Christ aus dem Irak, studierte Physik und Medizin, zog nach Alexandrien zum Griechisch lernen, danach nach Basra, wo er Arabisch lernte. Er übersetzte Aristoteles und Galen u.v.a. und verfasste ein griechisch-syrisches Wörterbuch.

Zwei, drei Jahrhunderte später kam das Gedankengut der Antike in arabischer, teils hebräischer Übersetzung nach Europa, über Sizilien und vor allem Spanien. Ohne die abbasidische Zwischenstufe wäre es den Europäern unbekannt geblieben; ohne sie hätte es nie eine europäische Renaissance gegeben.

ANMERKUNGEN

1. D. Gutas, Greek thougt, Arabic culture, 20.
2. Theodoret von Kyrrhus (393–458) schrieb z.B. Græcarum affectionum curatio, [Ελληνικών θεραπευτική παθημάτων], „Heilung der griechischen Krankheiten“. Er meinte das vorchristliche Heidentum.
3. Al-Mas‘ūdī, Prairies, v, 3446:

وكان أول خليفة قرّب المنجمين وعمل بأحكام النجوم، وكان معه نوبخت المجوسي المنجم، وأسلم على يديه وهو أبو هؤلاء النوبختية، وإبراهيم الفزاري المنجم صاحب القصيدة في النجوم وغير ذلك من علم النجوم وهيآت الفلك، وعلي بن عيسى الأُسطُرلابي المنجم. وكان أول خليفة ترجمت له الكتب من اللغة العجمية إلى العربية، منها كتاب كليلة ودمنة وكتاب السند هند، ترجمت له كتب أرسطاطاليس من المنطقيات وغيرها، ترجم له كتب المجِسطي لبَطْلميوس وكتاب إقليدس وكتاب الأرِثماطقي وسائر الكتب القديمة من اليونانية والرومية والفهلوية والفارسية والسريانية، وأخرجت الى الناس، فنظروا فيها وتعلّقوا الى علمها.

4. D. Gutas, Greek Thought, 34–45 hat die Texte dazu gesammelt und übersetzt, z.T. aus dem persischen.
5. Al-Mas‘ūdī, Prairies, v, 3447:

وأمعن [المهدي] في قتل الملحدين والذاهبين عن الدين لظهورهم في أيامه وإعلانهم باعتقاداتهم في خلافته، لمّا انتشر من كتب ماني وابن دَيْصان ومَرْقيون مما نقله عبد الله بن المقفَّع وغيره وترجمت من الفارسية والفَهْلوية الى العربية، وما صنّفه في ذلك الوقت ابن أبي العوجاء وحمّاد عَجْرَد ويحيى بن زياد ومطيع بن إياس تأييدًا لمذاهب المانية والديْصانية والمَرْقيونية. فكثر بذلك الزنادقة وظهرت آراءهم في الناس، وكان المهدي أول من أمر الجدليين من أهل البحث من المتكلمين بتصنيف الكتب على الملحدين ممن ذكرنا من الجاحدين وغيرهم، فأقاموا البراهين على المعاندين وأزالوا شُبَه الملحدين، فأوضحوا الحق للشاكّين.

6. „Kitāb fakhr as-sūdān ʿalā al-bīḍān,“ in Rasāʾil al-Ǧāḥiẓ, Hg. ʿAbd al-Salām Muḥammad Hārūn, 2 Bde. Kairo o.J. [1964], i, 173–226. Deutsch (Fragmente) in: Charles Pellat, Arabische Geisteswelt, ausgewählte und übersetzte Texte von al-Ǧāḥiẓ (777–869), Übers. Walter Müller, Zürich/Stuttgart 1967, Kap. 31: „Über den Ruhm der Schwarzen vor den Weißen,“ 315–318. Englisch: „What Blacks may boast of to Whites,“ Übers. T. Khalidi in Islamic Quarterly 25 (1981), 3–51 (nicht gesehen).
7. „Kitāb Mufāḫarat al-ǧawārī wal-ġilmān,“ in Rasāʾil al-Ǧāḥiẓ, ii, 87–137; Übers.: Éphèbes et Courtisanes, traduit par Maati Kabbal, préface et notes de Malek Chebel, Paris 1997.

BIBLIOGRAFIE
– Dimitri Gutas, Greek Thought, Arabic Culture. The Graeco-Arabic Translation Movement in Baghdad and Early ʿAbbāsid Society (2nd–4th/8th–10th centuries), London 1998.
– Franz Rosenthal, Das Fortleben der Antike im Islam, Zürich 1965.
– Al-Mas‘ūdī, Les prairies d’or [Murūǧ aḏ-ḏahab], Hg. […] Ch. Pellat, 7 Bde. Beirut 1966–1979.
– Hinrich Biesterfeldt, „Secular Graeco-Arabica — Fifty years after Franz Rosenthal’s Fortleben der Antike im Islam,” in: Intellectual History of the Islamicate World, 3 (2015), 125–157.

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Al-Hakim: ein Verrückter auf dem Thron?

🇳🇱 In jedem politischen System landet schon mal ein Verrückter auf dem Thron. Nebukadnezar, Nero, Caligula, Iwan, Adolf, Bokassa und etliche andere—wie man weiß, passiert es auch heute noch. Aus dem arabischen Kulturkreis kann ich Ihnen den Kalifen al-Hākim (geb. 985, reg. 996-1021) anbieten, der aus seiner Hauptstadt Kairo heraus über ein Reich herrschte, das sich von Tunis bis in den Norden des heutigen Syriens erstreckte. Er gehörte zur Dynastie der Fātimiden, die schiitisch war nach ismailitischem Bekenntnis (die „Siebener-Schiiten”). Für sie hatte ein Kalif—oder ein Imam, wie sie ihn lieber nannten—absolute Macht und war so etwas wie ein Demiurg oder Messias.
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Dass al-Hākim geisteskrank war, meinte bereits Yahyā al-Antākī, ein christlicher Arzt und Historiker, der in Ägypten lebte, bis er dem Land 1014  entfloh. Er attestierte dem Kalifen Gehirnkrämpfe und Melancholie. Wie machte sich al-Hākims Geistesstörung bemerkbar? Er folgte seinem Vater auf dem Thron als er elf Jahre alt war. Mit fünfzehn wollte er nicht länger von seinem Vormund, dem Eunuchen Bargawān, gegängelt werden; er ließ ihn während eines gemeinsamen Spaziergangs ermorden. Das war die erste Äußerung seiner blutrünstigen Neigungen. Ein schönes Kind soll er eigenhändig getötet und ausgeweidet haben, einen Diener persönlich mit einem Hackbeil umgebracht haben, aber meistens überlies er dass Töten seinen Sklaven.
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Al-Hākim versuchte sein Reich in Ordnung zu bringen indem er Korruption und Machtmissbrauch am Hof und in den Verwaltungsorganen bekämpfte. Was anfangs vielleicht als eine gutgemeinte Säuberungsaktion erschien, erwies sich bald als ein Terrorregime. Der Kalif mochte Schnellverfahren und das Strafmaß war oft die Todesstrafe; dabei wurden Minister und hohe Beamte nicht verschont. Er hatte ja die absolute Macht, und jemand umbringen zu lassen war kinderleicht, wie er früh gelernt hatte. Während seiner Regierung sind unzählige Menschen, gerne auch aus der Elite, standrechtlich verurteilt und hingerichtet worden. Beim „Volk“ war er aber beliebt, und er war sogar bekannt für seine Zugänglichkeit und Gerechtigkeit.
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Mehr als die Hälfte der Einwohner Ägyptens zu jener Zeit waren Christen; Juden gab es ebenfalls. Die meisten Muslime waren Sunniten, während der Herrscher Schiit war. Weil viele Verwaltungsfunktionen in christlichen Händen waren, fielen seinen „Säuberungen“ viele Christen zum Opfer. Der Kalif ließ auch Kirchen, Klöster und gelegentlich eine Synagoge zerstören. Er enteignete die Besitztümer seiner Mutter und Schwester und ließ seinen Onkel Arsenios im Jahr 1010 sogar meucheln; der war der griechisch-orthodoxee Patriarch von Alexandrien und Jerusalem. Seine Mutter war nämlich eine Christin, und zwar eine griechisch-orthodoxe: orientiert an Konstantinopel — dem Feind! Es fanden erzwungene Bekehrungen zum Islam statt — obwohl der Koran das verbietet. Christen und Juden sollte erniedrigende, sie von den Muslimen absetzende Kleidung tragen, und sogar lächerlich große Unterscheidungsmerkmale im Badehaus. Spektakulär war die Zerstörung der Grabeskirche in Jerusalem 1009, die in Europa noch Jahrzehnte nachhallte und mit zum ersten Kreuzzug führte. Einige Jahre später war alles wieder anders: Zerstörte Kirchen durften wiederaufgebaut werden, manche sogar auf Staatskosten. Zwangsbekehrte Christen und Juden durften, falls sie das wünschten, zu ihrer alten Religion zurückkehren.
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Ab 1003 regnete es Dekrete (sigillāt), die die Sittlichkeit in Ägypten verbessern sollten. Als junger Mann hatte der Kalif sich noch gerne an den Volksfesten in Fustāt (Alt-Kairo) beteiligt. Die Christen, die dort wohnten, tranken gerne Wein und oft kam es zu Ausschreitungen. Es hatte ihm gefallen zuzuschauen, wenn Männer auf der Straße aneinander gerieten, sogar wenn das in eine blutige Schlacht zwischen Gruppen ausartete. Aber eines Tages meinte al-Hākim, dass die Unordnung und die Gewalt aus dem Ruder liefen. Per Dekret verbot er den Ausschank von Wein und die Teilnahme von Frauen am Nachtleben; sie sollten abends lieber zu Hause bleiben. Laut einem späteren Dekret sollten sie das auch tagsüber, es sei denn mit einer Sondergenehmigung, wenn es wirklich nötig war. Spazierfahrten auf dem Nil wurden verboten; später durften auch Männer nicht mehr abends auf die Straße: das ganze Nachtleben kam zum Erliegen. Wein und alles, was damit zu tun hatte, wie Krüge usw. wurden öffentlich vernichtet, Kneipen wurden zugemacht, Reben entwurzelt; sogar die Honigproduktion wurde gedrosselt, damit die Leute nicht in Honigwein Zuflucht suchen konnten. Musik, Schach und Ausritte in die Wüste wurden verboten, wie auch Erker an der Straße und sogar mulūḫīya, ein Gemüse, das Mu‘awiya, der bei den Schiiten so verhasste Rivale ‘Alīs, gerne gegessen hatte.
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Aber auch sunnitische Muslime wurden nicht verschont. Man machte ihnen klar, dass sie immer einer Irrlehre angehangen hatten, und sie wurden aufgefordert sich zu bekehren. Es wurden Kurse zum schiitischen Glauben gegeben und bald waren die Hörsäle zu klein, so viele Sunniten wollten dorthin, um ihren Job oder ihr Leben zu behalten. Mit allerlei Dekreten über Speisen und Details des Kultus wurden sie weiter belästigt. Erst in al-Hakims letzten Regierungsjahren, als der Kalif eher zur Mystik neigte, wurde aber der sunnitische Glaube wieder anerkannt, und fast sah es nun so aus, als wäre die Schia gar nicht mehr so wichtig.
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Wenn ein Dekret des Kalifen nicht befolgt wurde oder unausführbar war, wie etwa das Alkoholverbot, zog er es zurück und versuchte es später noch mal durchzusetzen. Oft genug aber wurden Dekrete auch „einfach so“ zurückgezogen, weil der Kalif auf andere Gedanken gekommen war. Er war tatsächlich bekannt für seine Launenhaftigkeit. Manch Untertan entschloss sich, wenn eine neue Anordnung in der Luft lag, eine Zeitlang aufs Land zu ziehen, wenn möglich in Besitz eines Schutzbriefs (amān).
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In seinen letzten Jahren wurde al-Hākim Asket. Er fühlte sich den Mystikern verwandt, trug vor lauter Bescheidenheit ein schlichtes, selten gewaschenes Gewand und machte oft nächtliche Ausritte auf einem Esel. Beim Volk wurde er noch beliebter, weil er viele Staatseigentümer verschenkte. Der stark verkleinerte Hof fragte sich inzwischen, ob der Herrscher überhaupt noch zurechnungsfähig sei. Der ließ unterdessen einen Propagandisten in seinem Palast wohnen, der dort an einem Buch arbeitete, in dem er die Göttlichkeit des Kalifen nachwies. Dieser hinderte ihn nicht daran.
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Im Februar 1021 unternahm der Kalif eines Abends wieder einen einsamen Ausritt auf seinem Esel, auf einem Hügel etwas außerhalb von Kairo. Diesmal kam er nicht zurück. Nach einigen Tagen wurden seine blutige Kleidung und der Esel gefunden. Anzunehmen ist, dass er ermordet worden war. Ein verschwundener Imam: eine in schiitischen Augen vertraute und schöne Vorstellung.

Nuance
Bis hierher habe ich das traditionelle Bild wiedergegeben, wie es beispielsweise Marius Canard in einem Artikel, der 1971 in der Encyclopaedia of Islam erschien, dargestellt hatte. Aber war der Kalif wirklich ein Geisteskranker? Wie so oft standen Gelehrte auf, die das Bild nuancierten, die neue Fakten entdeckten und alte als fake news entlarvten. Ein wenig schade ist das schon, denn es gibt ein enormes Bedürfnis nach markanten Fakten und Horrorgeschichten; aber die Wissenschaft ist streng. Meist erweist sich bei solchen Forschungen, dass die verrückten gar nicht so verrückt waren, oder wenigstens nicht ganz. Der babylonische König 
Nebukadnezar (reg. 605–562 v. Chr.) war dem Propheten Daniel 4:29–34 zufolge sieben Jahre lang geisteskrank, aber der Autor stand ihm feindselig gegenüber. Und vielleicht hat er ihn verwechselt mit König Nabonidus (reg. 556–539 v. Chr.), der als gestört galt und einige Jahre im arabischen Taima verbrachte — zur Kur vielleicht? Moderne Altphilologen haben längst nachgewiesen, dass „verrückte“ Kaiser wie Nero und Caligula zwar grausam und gewalttätig waren, aber nebenbei ganz vernünftige Dinge taten.
Auch al-Hākim ist Gegenstand solcher kritischen, nuancierenden Studien geworden, u.a. von Josef van Ess und vor allem Heinz Halm. Inzwischen erkennt man, dass viele Erzählungen über al-Hakim von Christen stammen, die unter ihm gelitten hatten, oder von Sunniten, die ihn im Nachhinein kaputtschreiben wollten, weil er Schiit war.
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Manche Gräueltaten z.B. können einfach gestrichen werden, wenn man bedenkt, dass die Autoren Christen waren und ihre „Klassiker“ kannten: So soll Al-Hākim Alt-Kairo (Fustāt) in Brand gesteckt haben und noch zwei Tage genüsslich vom Berg Muqattam aus auf die Flammen geschaut haben. Aber das ist natürlich ein narratives  recycling des großen Brandes von Rom, den Kaiser Nero befohlen haben soll. Einen Großbrand in Fustāt ist zu der fraglichen Zeit nicht belegt.
Auch wird erzählt, der Kalif wusch sich sieben Jahre lang nicht, wohnte in einem unterirdischen Gewölbe, ließ seine Haare wachsen bis sie lang waren wie Löwenmähnen, und seine Fingernägel, bis sie Adlerklauen glichen. Dies hört sich an wie die Verrücktheit Nebukadnezars, wie sie Daniel beschrieben hatte. In den Augen christlicher Historiker eine schöne Parallele: Nebukadnezar musste wie ein Verrückter herumirren, weil er den Tempel in Jerusalem zerstört hatte; al-Hakim, weil er dort die Grabeskirche hatte abreißen lassen.
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Die berühmten bizarren Dekrete entsprachen bei näherer Betrachtung in weiten Teilen dem islamischen Recht. Auch in anderen Umgebungen wurden schon mal Weinfässer kaputt geschlagen oder Juden und Christen mit diskriminierenden Maßnahmen belästigt; nur nie so eindringlich und nie alles auf einmal. Al-Hākims Dekrete waren auffällig, weil niemand je die Regeln so streng angewendet hatte. Dass sie ständig aufs Neue erlassen werden mussten, zeigt, dass die Bevölkerung so viel Rechtschaffenheit nicht gewöhnt war. Frauen auf der Straße und Alkohol waren einfach nicht zu unterbinden. Die Scharia wird in ihrer vollen Pracht nur von Fundamentalisten für ausführbar gehalten, und al-Hākim war einer. Das war er sich selbst und seinem Stand verpflichtet: War er nicht der Messias?
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Andererseits musste der Kalif die Bevölkerung zufrieden halten. Mit der Abschaffung von Steuern und Zöllen befolgte er islamische Regeln und erfreute zugleich das Volk. Leider konnte die Staatskasse nicht ohne diese Einnahmen auskommen, so dass sie auch wieder eingeführt werden mussten. Auch seine Dekrete schaffte al-Hākim manchmal wieder ab, wenn sie nicht durchführbar waren oder wenn das die Stimmung im Volk hob. Auch seine wechselhafte Haltung der sunnitischen Mehrheit gegenüber wird so verständlich: in schwierigen Zeiten konnte er keine unzufriedene Massen Sunniten gebrauchen. Was reine Willkür zu sein schien, war eine pragmatische Strategie des Machterhalts.
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Eine generelle Christenverfolgung gab es nicht: Einen Tag nach der Zerstörung einer Kirche konnte ein Christ zu Minister ernannt werden. Al-Hākim konnte nicht allzu streng sein mit den Christen: Er brauchte sie ja für die Staatsverwaltung. Gelegentliche Plünderung von Kirchen und Klöstern erfolgte, wenn die Staatskasse leer war. Aus dem gleichen Grund konfiszierte er auch die Erbschaften der hingerichteten Funktionäre und das Vermögen seiner Mutter.
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Sogar die Gewohnheit des Kalifen, ganz bescheiden auf einem Esel zu reiten steht in einer Tradition: So verhält sich nämlich ein Messias (siehe hier oder zenith 4/2014).
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Für al-Hākim wird das Regieren nicht immer leicht gewesen sein. Soldaten maghribinischer und türkischer Herkunft kämpften ständig um die Macht und mussten in Schach gehalten werden. Als geistiger Führer oder gar der Messias der Schiiten (den Drusen zufolge sogar Gott selber!) herrschte er über ein Reich, das hauptsächlich von Sunniten und Christen bewohnt war. Das hätte eigentlich gereicht zum Verrücktwerden; um so mehr, weil er durch seine griechisch-orthodoxe Mutter selbst eine gehörige christliche Komponente hatte.
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Kurzum: al-Hākim war verhaltensauffällig, aber nicht total behämmert. Allerdings ein sehr strenger und unberechenbarer Herrscher, der viel mehr Hinrichtungen auf dem Buckel hatte als zu der Zeit üblich war. Volksnah, aber gerade dem Hof und den höheren Beamten gegenüber sehr misstrauisch.

Alt Hist
Nun ist die Nuancierung bestehender Auffassungen eine Sache; es gibt aber auch propagandistische Geschichtsschreibung, die das Bild einer Person gänzlich revidieren kann. Stalin, zum Beispiel war, nachdem russische Historiker und Medien die Fakten neu gemischt hatten, ein Spitzenmanager, ein netter Kerl, unter dessen Regierung das Leben in der Sowjet-Union, wie er selber sagte, „besser, fröhlicher geworden ist“.
Zu al-Hākim findet man solche „Geschichtsschreibung“ unter anderem in der Encyclopaedia Iranica. Die ist ein meistens vorzügliches englischsprachiges Nachschlagewerk, das alle Themen zu Iran und zum schiitischen Islam behandelt.1 Den Artikel „Hākem be-Amr-Allah“ aber kann man nur parteiisch nennen. Nichts als Lob dort für diesen Kalifen, der sein Reich so schön zusammenhielt und sogar noch zu vergrößern wusste, der sich um die Sittlichkeit seiner Untertanen kümmerte und die Wissenschaft förderte. Kein Wort zu der Zerstörung von Kirchen, den Hinrichtungen, den Dekreten, der Vergöttlichung oder etwaigen Geistesstörungen. Der Mord an seinem Vormund Bargawan heißt dort zum Beispiel: „the latter’s removal“ (Hervorhebung von mir). Dass al-Hākim einen so schlechten Ruf hatte, liegt dem Autor zufolge nur an der feindseligen Haltung christlicher und sunnitischer Historiker.2 Der Autor ist Farhad Daftary, ein führender Ismailit, also von derselben Glaubensrichtung wie der Kalif.

Volksepik
Es gibt noch eine Textgattung, die sich mit al-Ḥākim beschäftigt hat: die Volksepik.3 Fantastische, vielbändige Heldengeschichten über historische Personen oder wenigstens unter Verwendung ihrer Namen waren in der ganzen islamischen Welt weit verbreitet. Das Klientel dürfte solche Erzählungen oft für Geschichte gehalten haben. Postum erschien auch eine Sīrat al-Hākim, „Lebensgeschichte al-Hākims“. Den fiktiven Lebenslauf des Kalifen aus diesen 1600 Seiten zusammenzufassen wäre verlorene Liebesmüh. Aber wo war der Kalif letztendlich geblieben? Für die seriösen Historiker war er wohl ermordet worden; den Drusen zufolge war er verschwunden. Die Volkserzähler „wussten“ aber, dass er nicht auf, sondern in dem Berg Muqattab (eine Verballhornung von Muqattam) verschwunden war. Er war ja mit 360 Schätzen vertraut gemacht worden; nur zwei Schätze blieben ihm verwehrt, in einer Höhle im Berg. Sein Rivale ‘Abd al-‘Azīz, der aus magischen Büchern viel Wissen gesammelt hatte, führte ihn in das Höhlensystem, das randvoll mit Gold und Juwelen war, und er wusste ihn dort unten zurückzulassen. Selbst eilte er nach Kairo, um die Macht zu ergreifen und für die Bluttaten des Kalifen Rache zu üben.
Der Kalif war also tief im Berg eingeschlossen, aber für seine Ernährung war gesorgt. Jahre später fand seine Tochter ihn dort, als er gerade verstorben war.

 

ANMERKUNGEN
1. Die EIr wird von Gelehrten außerhalb Irans herausgegeben. Von der Islamischen Republik Iran ist sie unabhängig. Siehe auch hier.
2. „Ḥākem also concerned himself with the moral standards of his subjects; many of his numerous edicts (sejellāt) preserved in later sources are of an ethico-social nature. He was also prepared to mete out severe punishment to high officials of the state who were found guilty of malpractice. Anṭāki and the Sunni historiographers have generally painted a highly distorted and fanciful image of this caliph-imam, portraying him as a person of unbalanced character with strange and erratic habits. However, modern scholarship is beginning to produce a different account on the basis of Ḥākem’s own edicts and the circumstances of his reign. As a result, Ḥākem is emerging as a tactful leader who was popular with his subjects.“
3. Auch Volksroman genannt, Arabisch: sīra sha’bīya; man spricht vielleicht besser von epischen Erzähltexten. Zur Gattung s. → Heath, Sīra.

BIBLIOGRAPHIE
– Marius Canard, „al-Ḥākim bi-Amr Allāh,“ EI2.
– Farhad Daftary, „Ḥākem be-Amr-Allāh,“ Encyclopaedia Iranica, XI/6, blz. 572-573, online hier (zuletzt gesehen am 12. Mai 2017).
– Josef Van Ess, Chiliastische Erwartungen und die Versuchung der Göttlichkeit. Der Kalif al-Hakim (386-411 H.), Abhandlungen der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse, Jg. 1977, Abh. 2.
– Heinz Halm, Die Kalifen von Kairo. Die Fatimiden in Ägypten (973–1074), München 2003, S. 167–304.
– Heinz Halm, „Der Treuhänder Gottes. Die Edikte des Kalifen al-Ḥākim,“ Der Islam 63 (1986), 11–72.
– Peter Heath, „Sīra sha‘biyya,“ EI2.
– Antje Lenora, Der gefälschte Kalif. Eine Einführung in die Sīrat al-Ḥākim bi-Amrillāh, Diss. Halle/Saale 2011. Hier herunterzuladen.
– Claudia Ott, „Wo versteckt sich al-Ḥākim? Eine Spurensuche in der Sīrat al-Ḥākim bi-Amrillāh und ihrer Berliner Handschrift.“ In H. Biesterfeldt and V. Klemm (Hrsg.), Differenz und Dynamik im Islam. Festschrift für Heinz Halm zum 70. Geburtstag, Würzburg 2012, 399–410.

Diakritische Zeichen: Al-Ḥākim, Fāṭimiden, Yaḥyā al-Anṭākī, Barǧawān, siǧillāt, Fusṭāṭ, Muqaṭṭam, Muqaṭṭab

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Die erste arabische Kriegsmarine

🇳🇱 640 eroberten die Araber die römische Provinz Ägypten, aber 646 wurde Alexandrien schon wieder durch eine römische Flotte zurückerobert. Die blieb nicht so lange, aber Mu‘āwiya, der kompetente Gouverneur von Syrien, der später Kalif wurde, erkannte plötzlich, wie leicht das neue arabische Reich vom Meer aus angegriffen werden konnte. Er überzeugte seinen etwas passiven Großonkel, den Kalifen ‘Uthmān, von der Notwendigkeit eine Flotte aufzubauen. Er bekam die Erlaubnis und zwang unzählige Schiffbauer in Syrien und Ägypten sich an die Arbeit zu machen. Nach drei Jahren lag eine Flotte von nicht weniger als 1700 Kriegsschiffen vor der syrischen Küste: „Man sah vor lauter Masten das Meer nicht mehr.“
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Jetzt sollte die Flotte natürlich ausprobiert werden. Im Frühling 649 brachte man 12.000 Soldaten an Bord und ein Teil der Flotte fuhr für einen Überfall auf die noch römische Insel Zypern aus. Die dortigen Bewohner ließen die Soldaten ungehindert von Bord gehen, weil sie meinten, es seien Römer. Man konnte sich offensichtlich nicht vorstellen, dass es so etwas wie eine arabische Flotte geben konnte. Die Truppen konnten einfach in die Hauptstadt Constantia (griechisch Σαλαμίνα, Salamina; unweit vom heutigen Famagusta) einmarschieren, die sie besetzten und plünderten. Sehr große Mengen Gold und Silber und eine große Zahl von Sklaven und Sklavinnen wurden erbeutet. So wurden die Kosten des Flottenbaus weitgehend wettgemacht.
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Ein Hadith erzählt, dass eine Frau namens Umm Haram gerne als Soldat mit ihrem Mann mitgehen wollte, auf dieser Expedition gegen Zypern. Man ließ sie mitgehen, aber sie fiel nach der Rückkehr in Syrien von ihrem Reittier, starb und wurde somit Märtyrerin. Zu ihrem Gedächtnis baute man 1816 eine Moschee bei ihrem Grab auf Zypern. Vor Ort meinte man wohl, sie sei auf Zypern umgekommen.

[…] von Anas ibn Mālik, von seiner Tante Umm Harām bint Milhān: Der Prophet schlief eines Tages in meiner Nähe und als er aufwachte, lächelte er. Ich fragte ihn, warum er lachte. Er antwortete: [Im Traum] sind mir Menschen aus meiner Gemeinde gezeigt worden, reitend auf dem grünen Meer  wie Könige auf ihren Thronen. Sie sagte: Bete zu Gott, dass er mich zu einer von ihnen macht! Darauf bat der Prophet für sie und schlief wieder ein; dasselbe geschah noch einmal. Er sagte: Du bist eine der Ersten.
[Und in der Tat,] sie ging an der Seite ihres Gatten ‘Ubāda ibn as-Sāmit mit auf den Raubzug, als die Muslime mit Mu‘āwiya zum ersten Mal das Meer befuhren. Als sie von dem Raubzug heimkehrten und in Syrien wieder an Land gingen, wurde ihr ein Tier zum Reiten gebracht, aber es warf sie ab und daran starb sie.1

Das Fahren und Plündern verlief sehr angenehm. Mu‘āwiya nahm darauf Kurs auf Konstantinopel, aber seine Flotte wurde von den Römern vertrieben. Dann lieber nach Arwad, eine kleine Insel vor der syrischen Küste, die er aber wegen ihrer sehr starken Befestigungsanlagen nicht einnehmen konnte. Inzwischen wurde es Winter und die Flotte kehrte nach Syrien zurück, aber im Frühling 650 eroberte Mu‘āwiyas Flotte Arwad und schleifte die Festungen. Dann wurde Zypern noch mal überfallen, wo diesmal römische Soldaten lagerten. Diese spornten die Bewohner an durchzuhalten, aber beim Anblick der arabischen Flotte ergriffen die die Flucht und versuchten überall sich zu verstecken. Vergebens: Die Araber „zupften sie aus den Rissen im Boden wie Eier, die in einem Nest zurückgelassen waren.“ Abermals wurden große Mengen Edelmetall erbeutet und nicht weniger als 50.000 Sklaven—wenn diese Zahl nicht übertrieben ist. Constantia hat sich nie davon erholt.
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Die Schiffbauer und die Seeleute waren alle christliche Kopten und Syrer; die Soldaten waren Araber. Die Syrer wie auch die Ägypter waren seit Jahrhunderten mit dem Meer vertraut. Obwohl die Schifffahrt im Koran ein nicht unwichtiges Thema ist, scheuten die Muslime in Syrien sich aber vor dem Meer. Dass die Matrosen und Ruderer Christen waren, erwies sich noch 716 als ein Nachteil. Als die Flotte Konstantinopel angreifen wollte, aber beim heutigen Rumeli Hisarı am Bosporus überwintern musste, liefen viele von ihnen zu den Römern über, weil ihnen jetzt einfiel, dass sie Christen waren und deshalb eigentlich zum Römerreich gehörten.

Fortsetzung folgt

BIBLIOGRAFIE
– Robert G. Hoyland, In God’s Path: The Arab Conquests and the Creation of an Islamic Empire, Oxford 2015, S. 90–3.
– Hugh Kennedy, The Great Arab Conquests. How the Spread of Islam Changed the World We Live In, London 2007, Kap.. 10.

ANMERKUNG
1. Bukhārī, Djihād 8, var. Djihād 3, 17:

حَدَّثَنَا عَبْدُ اللَّهِ بْنُ يُوسُفَ قَالَ حَدَّثَنِي اللَّيْثُ حَدَّثَنَا يَحْيَى عَنْ مُحَمَّدِ بْنِ يَحْيَى بْنِ حَبَّانَ عَنْ أَنَسِ بْنِ مَالِكٍ عَنْ خَالَتِهِ أُمِّ حَرَامٍ بِنْتِ مِلْحَانَ قَالَتْ نَامَ النَّبِيُّ صَلَّى اللَّهُ عَلَيْهِ وَسَلَّمَ يَوْمًا قَرِيبًا مِنِّي ثُمَّ اسْتَيْقَظَ يَتَبَسَّمُ فَقُلْتُ مَا أَضْحَكَكَ قَالَ أُنَاسٌ مِنْ أُمَّتِي عُرِضُوا عَلَيَّ يَرْكَبُونَ هَذَا الْبَحْرَ الْأَخْضَرَ كَالْمُلُوكِ عَلَى الْأَسِرَّةِ قَالَتْ فَادْعُ اللَّهَ أَنْ يَجْعَلَنِي مِنْهُمْ فَدَعَا لَهَا ثُمَّ نَامَ الثَّانِيَةَ فَفَعَلَ مِثْلَهَا فَقَالَتْ مِثْلَ قَوْلِهَا فَأَجَابَهَا مِثْلَهَا فَقَالَتْ ادْعُ اللَّهَ أَنْ يَجْعَلَنِي مِنْهُمْ فَقَالَ أَنْتِ مِنْ الْأَوَّلِينَ فَخَرَجَتْ مَعَ زَوْجِهَا عُبَادَةَ بْنِ الصَّامِتِ غَازِيًا أَوَّلَ مَا رَكِبَ الْمُسْلِمُونَ الْبَحْرَ مَعَ مُعَاوِيَةَ فَلَمَّا انْصَرَفُوا مِنْ غَزْوِهِمْ قَافِلِينَ فَنَزَلُوا الشَّأْمَ فَقُرِّبَتْ إِلَيْهَا دَابَّةٌ لِتَرْكَبَهَا فَصَرَعَتْهَا فَمَاتَتْ.

Diakritische Zeichen: Muʿawiya, ʿUṯmān, Umm Ḥarām bint Milḥān, ʿUbāda ibn aṣ-Ṣāmit, al-Buḫārī

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Gott erpressen

In einer Erzählung der Prophetenbiografie versucht Mohammed Gott zu erpressen. In der Schlacht bei Badr sieht es eine Weile für Mohammed und seine Kämpfer ganz schlecht aus. Gott hatte Hilfe versprochen, aber diese lässt auf sich warten und der Feind droht die Schlacht für sich zu entscheiden. Darauf betet der Prophet zu Gott und sagte unter anderem: „O Gott, wenn dieser Trupp heute verloren geht, wirst du nicht mehr angebetet!“ Sein Gefährte Abū Bakr findet, dass das zu weit geht und sagt: „Prophet, belästige deinen Herrn nicht ständig mit deinem Gebet! Gott wird bestimmt schon erfüllen, was er versprochen hat.“ Und so geschieht es auch, denn „darauf schlief der Prophet kurz ein und als er aufwachte, sagte er: ,Sei frohen Mutes, Abū Bakr, denn Gottes Hilfe ist gekommen! Hier ist Gabriel und er führt ein Pferd am Zügel mit, das Staub auf seinen Vorderzähnen hat.”’ 1
Hat Gott sich von seinem Gesandten erpressen lassen oder war die Hilfe ohnehin schon unterwegs? Wir wissen es nicht.

Im Dies iræ, einer mittelalterlichen Hymne über das Jüngste Gericht, die noch bis 1971 fester Bestandteil der katholischen Requiem-Messe war, wird Jesus unter Druck gesetzt: Recordare Iesu pie quod sum causa tuæ viæ, ne me perdas illa die …: „Denke daran, lieber Jesus, dass ich der Grund Deines Lebens bin; richte mich an dem Tag nicht zu Grunde!“ Mit anderen Worten: vergib mir meine Sünden und schick mich nicht in die Hölle, denn ohne arme Sünder wie mich hätte es Dich nicht einmal gegeben! Und lass die Mühe Deines Kreuzestodes nicht umsonst gewesen sein: tantus labor non sit cassus.

Ich gehe davon aus, dass diese Art von Erpressung in allen drei westlichen Religionen vorkommt. Bestimmt ist Gott auch in den Diskussionsrunden der Talmudrabbiner gehörig herangenommen worden. Ich werde nicht extra suchen, denn dann findet man nichts, aber ich lasse diesen Beitrag offen für Beispiele, auf die ich irgendwann stoße. Wenn Sie, lieber Leser, eines zur Hand haben oder finden, melden Sie sich bitte.

ANMERKUNG
1. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, Hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 444; Übersetzung A. Guillaume, The Life of Muhammad, Oxford 1955, 300.

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Aischa: ein Fall von Akkomodation

Es kam eine Frage: „Was sagt der Koran zu Aischa?“1 Meine Antwort lautet: „Nichts, verehrter Leser, gar nichts.“ Sehr vieles, was zur islamischen Religion gehört, steht nun einmal nicht im Koran.

Aischa soll die Lieblingsfrau des Propheten Mohammed gewesen sein. Und so überrascht es nicht, dass Muslime seit Jahrhunderten dennoch immer wieder gemeint haben, etwas über sie in der heiligen Schrift lesen zu können. Koran 24:11 zum Beispiel soll sogar in Bezug auf sie offenbart worden sein:

Diejenigen, welche die große Lüge vorbrachten, sind eine Gruppe unter euch. Glaubt nicht, es sei ein Übel für euch; im Gegenteil, es ist euch zum Guten. Jedem von ihnen soll die Sünde, die er begangen hat[, vergolten werden]; und der unter ihnen, der den Hauptanteil daran hatte, soll eine schwere Strafe erleiden.

Eigentlich gehören auch die nächsten Verse noch dazu:

Warum dachten die gläubigen Männer und Frauen, als ihr es hörtet, nicht Gutes von ihren eigenen Leuten und sprachen: „Das ist eine offenkundige Lüge“?
Warum brachten sie nicht vier Zeugen dafür? Da sie keine Zeugen gebracht haben, sind sie es also, die vor Allah die Lügner sind.
Wäre nicht Allahs Huld und Seine Barmherzigkeit über euch, hienieden und im Jenseits, eine schwere Strafe hätte euch getroffen für das, worin ihr euch einließet.
Als ihr es übernahmt mit euren Zungen und ihr mit eurem Munde das aussprachet, wovon ihr keine Kenntnis hattet, da hieltet ihr es für eine geringe Sache, indes es vor Allah eine große war. [Koran 24:12–15]

Lesen Sie hier etwas zu Aischa? Das gelingt nur, wenn Sie bereit sind eine ganze Erzählung im Kauf zu nehmen, nämlich „die Lüge“ (al-ifk). Diese entstand Jahrzehnte nach dem Koran und geht nicht auf den Propheten zurück, wie man das bei Hadithen gerne hat, sondern auf unterschiedliche Überlieferer. Die Erzählung2 geht so: Während einer Reise bleibt Aischa kurz zurück. Die Karawane zieht weiter ohne zu bemerken, dass sie fehlt. Sie wird von einem Mann zurückgebracht und sofort verbreitet sich das Gerücht, dass dieser die Situation missbraucht habe. Eine Hetzkampagne kommt in Gang, die sogar den Propheten nicht unberührt lässt: Eine Zeitlang ignoriert er Aischa. Letztendlich wird alles gut, weil Gott selbst eingreift und die obigen Koranverse offenbart, in denen Aischa von jeder Schuld freigesprochen wird und den Verleumdern Strafe angedroht wird.
Dies alles „wissen“ wir also aus einer Erzählung, die nicht aus dem Koran, sondern aus der Prophetenbiografie stammt. Sie wird seit Jahrhunderten in Korankommentaren und Prophetenbiografien wiederholt, aber weil deren Verfasser normal sterbliche Menschen waren — Heilige oder Kirchenväter gibt es im Islam nicht — ist niemand daran gebunden.

Wenn eine Erzählung viel Korantext enthält, gibt es grob gesagt zwei Möglichkeiten:

    • 1. Der Korantext steht im Mittelpunkt und die Erzählung dient zur Erklärung des Korantexts. Das heißt Koranexegese (tafsīr).
    • 2. Es gab erst eine Erzählung. Um diese überzeugender oder erbaulicher zu gestalten werden darin Koranverse eingeflochten: Verse, die vielleicht ursprünglich von etwas ganz anderes handelten. Das heißt koranisieren.

Auf jeden Fall wird der Korantext zumindest einige Jahrzehnte älter sein als die Erzählung.

Die Erzählung von Aischas Unschuld diente dazu, der Hetzkampagne wegen ihrer angeblichen Unkeuschheit entgegenzutreten. Aber hat wirklich jemand die blutjunge Frau des Propheten ein oder zwei Jahre nach ihrer Hochzeit mit Schlamm bewerfen wollen? Das muss erst viel später geschehen sein, rückwirkend, als der Prophet längst gestorben war und Aischa politisch aktiv war und sich im Konflikt mit Kalif ‘Alī (reg. 656–661) befand. Die Verfasser bemühen sich sehr, Aischas Unschuld zu beweisen und ziehen dabei alle Register, auch koranische. Einen ursprünglichen Bezug zwischen der Erzählung und den Koranversen sehe ich nicht. Der Koran ist sekundär herangezogen, oder anders gesagt: die Erzählung wurde koranisiert.

Aischa ist längst nicht das einzige Thema, über das Muslime gerne etwas im Koran lesen wüden—und das letztendlich auch tun.

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Mulier amicta sole

Mulier amicta sole

Ich war neugierig, ob auch Christen solche Fälle kennen.  Und in der Tat, bei Maria, der Mutter Jesu, der first lady der Christen, wurde ich gleich fündig. Sie kommt zwar in der Bibel vor: Es gibt die wohlbekannte Weihnachtsgeschichte und noch einige Splitter, aber für die Millionen Marienverehrer war das offensichtlich nicht genug. Deshalb haben sie eine Anzahl Bibelverse neu interpretiert, um ihre Sehnsucht zu erfüllen. In Offenbarung 12:1 erscheint beispielsweise „eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.“ 3 Sie ist hochschwanger und ein Drache mit sieben Häuptern liegt schon auf der Lauer um ihr Kind zu verschlingen, aber das wird gerettet und zu Gott entrückt. Man könnte hier tatsächlich an die Mutter Gottes denken, denn das Kind ist ein „Knabe, der alle Völker weiden sollte mit eisernem Stabe,“ und der eiserne Hirtenstab ist Vers 19:15 zufolge auch das Attribut Christi. Dann hätte der Autor der Offenbarung aber eine ganz andere Auffassung von Jesu und seiner Mutter gehabt als die Evangelisten. Vielleicht hatte er Eva oder die Frau im Allgemeinen im Kopf. Bereits 1. Mose 3:15 sagt ja den Kampf zwischen der Schlange und der Frau vorher.4

Turris davidica

Turris davidica

Noch merkwürdiger ist es, Maria in Hohelied (4:4) entdecken zu wollen, wo „Salomo“ seine Geliebte besingt: „Dein Hals ist wie der Turm Davids (turris davidica), mit Brustwehr gebaut, an der tausend Schilde hangen, lauter Schilde der Starken.“ 5 Auch dieser Vers wird in der katholischen Kirche auf Maria bezogen. Der Bezug zu der erst Jahrhunderte später lebenden Mutter Gottes ist sehr weit hergeholt. Der Vergleichspunkt ist hier wohl die Stärke eines Turms und der Schutz, den er bietet.

Der Bedarf an Mariaversen in der Bibel war offensichtlich so enorm, dass auch dieser Vers zum Zweck der Verehrung herangezogen wurde. Einer Wikipedia-Seite entnehme ich den technischen Terminus, den ich sonst nirgendwo finde: Akkomodation, eine dogmatisch korrekte und liturgisch verwertbare Anwendung eines Schriftwortes auf eine heilige Person oder Sache, die aber im Text selbst keine Stütze findet.

Ein Fall der Akkomodation, den sich auch die Protestanten zu eigen gemacht haben, ist die Entdeckung des Heiligen Geistes, des dritten Glieds der Heiligen Dreifaltigkeit, in den Worten der Schöpfungsgeschichte: „… und Gottes Geist/Wind (Hebr.: ruach) schwebte auf dem Wasser“ (1. Mose 1: 2).6

Ohne Zweifel gibt es noch viele andere Bibelverse, in denen man ganz andere Themen behandelt gesehen hat ohne sich auf den Text stützen zu können.

Muslime und Christen haben andere Herangehensweisen, aber alle bedienen sie sich freimütig in ihrer jeweiligen Heiligen Schrift, wenn sie darin etwas lesen möchten, das diese gar nicht enthält. Zu den Eigenschaften heiliger Schriften gehört offensichtlich, dass sie fast unendlich dehnbar sind, bis weit außerhalb der Grenzen ihres Textes.

 

ANMERKUNGEN
1. Aischa soll die Lieblingsfrau des Propheten Mohammed gewesen sein. Siehe zu ihr hier.
2. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, Hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 731–739; Übersetzung A. Guillaume, The Life of Muhammad, Oxford 1955, 493–499.
3. Mulier amicta sole et luna sub pedibus eius et in capite eius corona stellarum duodecim. Hier auch das ursprüngliche Griechisch: γυνὴ περιβεβλημένη τὸν ἥλιον, καὶ ἡ σελήνη ὑποκάτω τῶν ποδῶν αὐτῆς, καὶ ἐπὶ τῆς κεφαλῆς αὐτῆς στέφανος ἀστέρων δώδεκα, aber solche Sachen hören sich oft auf Latein viel besser an.
4. Die Wörter „deinem Nachkommen“ (τοῦ σπέρματος ἀυτῆς, de semine eius) werden in Offenbarung 12:17 wieder aufgegriffen „von ihrem Geschlecht“, aber sind lost in translation.
5. Sicut turris David collum tuum, quae aedificata est cum propugnaculis: mille clipei pendent ex ea, omnis armatura fortium. כְּמִגְדַּל דָּוִיד צַוָּארֵךְ, בָּנוּי לְתַלְפִּיּוֹת; אֶלֶף הַמָּגֵן תָּלוּי עָלָיו, כֹּל שִׁלְטֵי הַגִּבֹּרִים.
6. Et spiritus Dei ferebatur super aquas. וְרוּחַ אֱלֹהִים, מְרַחֶפֶת עַל-פְּנֵי הַמָּיִם,

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Der schreiende Hirsch als Gottesbeweis

Mosaikmuseum Istanbul Foto Dick Osseman

Mosaikmuseum Istanbul
Foto Dick Osseman

Ein fünftes Fragment aus dem arabischen, überwiegend christlichen Text Kitāb al-i‘tibār fī al-malakūt von Djibrīl ibn Nūh,1 eine Sammlung von ungefähr hundert teleologischen Gottesbeweisen (arguments from design), wahrscheinlich aus dem neunten Jahrhundert. Siehe zu dem Büchlein hier. Daraus finden Sie in diesem Bluch Fragmente zum Rüssel des Elefanten, zur Dummheit von Babys, zum Penis des Mannes und zur menschlichen Stimme—alles Gottesbeweise, versteht sich. Heute kommt der Hirsch an die Reihe.

  • „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir,“

heißt es in der Bibel, in Psalm 42:1. Warum ist der Hirsch so durstig; warum schreit er oder lechzt er, in anderen Übersetzungen? Die Bibel erklärt den Durst des Tieres nicht. Im hebräischen Original betrifft es ein Weibchen, eine Ricke. Das Schreien kann also nicht Röhren sein.

Im Buch des Djibrīl ibn Nūh wird ein durstiger Hirsch als Gottesbeweis angeführt:

  • Es wird gesagt, dass ein Hirsch, wenn er Schlangen frisst, danach sehr durstig wird, aber trotzdem kein Wasser trinkt, aus Angst, dass das Gift in seinen Körper kriechen und es töten würde. Er steht also beim Tümpel, von Durst gequält und laut schreiend, aber ohne zu trinken, bis es weiß, dass das Gift zerstreut ist und das Gegessene verdaut ist; erst dann trinkt er. Betrachte, was in der Natur dieses Tieres angelegt worden ist: wie es einen übermächtigen Durst aushält, aus Angst sich durch Trinken Schaden zuzufügen. Dazu kann sich sogar ein vernunftbegabter Mensch kaum zwingen.1

Der Hirsch ist ein Gottesbeweis, weil er sich in einer Lage, in der Trinken schädlich oder gar tödlich wäre, so gut beherrschen kann. Der Autor ist sich sicher, dass das Tier seine Selbstkontrolle mittels einer natürlichen Veranlagung von einem intelligenten Schöpfer empfangen hat.

Hirsche sind heutzutage als pflanzenfressende Wiederkäuer bekannt, aber in der Antike meinten manche Leute tatsächlich, dass sie gerne Schlangen fressen und diese sogar jagen. So schrieb der Römer Älian (Claudius Aelianus; ± 170–222) auf Griechisch ein ziemlich dickes Tierbuch, in dem er viel Aufmerksamkeit richtet auf Tierfeindschaften und auf unwahrscheinliche Kämpfe zwischen Tierarten, wie sie heutzutage bei Youtube wieder populär sind. Er weiß:

  • Ein Hirsch besiegt eine Schlange durch eine außerordentliche Gabe der Natur. Auch die gemeinste Schlange in ihrer Höhle entwischt ihm nicht: Der Hirsch setzt seine Nasenlöcher an den Eingang [der Höhle] der gefährlichen Bestie und bläst darin aus aller Macht, bis er sie mit dem Zauber(?) seines Atems herauszieht; sobald sie ihren Kopf herausstreckt, fängt er an sie zu fressen. Vor allem im Winter machen Hirsche das.
    Es ist sogar vorgekommen, dass jemand das Horn eines Hirschs zu Pulver vermahlen und dann ins Feuer geworfen hat und dass der aufsteigende Rauch die Schlangen aus der ganzen Umgebung vertrieben hat; sogar der Geruch ist ihnen unerträglich.2

Das mit dem Winter ist vorstellbar, weil Schlangen dann wegen der Kälte sehr passiv sind oder sogar Winterschlaf halten. Alles andere entspricht nicht dem, was die moderne Biologie zum Hirsch mitzuteilen hat.

Etwas älter ist der griechische Physiologus, aus dem zweiten Jahrhundert: ein christliches Tierbuch, das der vornehme Heide Älian als minderwertig betrachtet haben dürfte. Aber offensichtlich waren Texte über Tiere, gerne auch über kämpfende Tiere, zu der Zeit überall gängig. Hier das Fragment zum Hirsch:

  • In Psalm 413 sagt [David]: „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.“ Der Hirsch ist der Schlange Feind. Wenn diese vor ihm in die Spalten der Erde flüchtet, kommt der Hirsch und nimmt seinen Mund voll mit Quellwasser, spuckt es in die Erdritzen und treibt die Schlange heraus, zertritt sie und tötet sie.
    So tötete auch der Herr die große Schlange, den Teufel, mit dem himmlischen Wasser, durch das der Unbeschreibliche …wusste [Text ist nicht in Ordnung]. Und wie eine Schlange kein Wasser verträgt, so verträgt der Teufel keine himmlischen Worte. Wenn Haare eines Hirschs im Hause sind oder wenn du Knochen von ihm verbrennst, wirst du [dort] nie mehr eine Schlange vorfinden: Wenn die Spur Gottes und die Furcht Christi in deinem Herz vorhanden sind, wird kein unreiner Geist in dich hineingehen.4

Wie immer gibt der Physiologus seinen Tiergeschichten eine fromme Wendung. Allgemeinbildung oder interessante Fakten interessieren ihn erst, wenn sie christlich zu deuten sind.
Das Wasser ist also jetzt da, aber die Verbindung zwischen Schlangenfressen und Durst noch nicht. Die finden wir in der syrischen5 Fassung des Physiologus, die die Araber eher zur Hand gehabt haben dürften als die griechische oder lateinische. Diese Fassung hat in großen Zügen denselben Text wie die weiter oben, einschließlich der Schlangen verscheuchenden Wirkung von verbranntem Hirschhorn, hat aber noch eine Ergänzung, die den Durst des Tiers erklärt:

  • Wenn ein Hirsch eine Schlange frisst, so fängt er bei dem Schwanze an, sie zu fressen, und nimmt sie ganz in seinen Schlund, ihren Kopf aber legt er in seinem Munde zurecht, und so zerbeißt und verschlingt er sie; weil aber der Kopf der Schlange in seinem Gaumen steckt, so speit sie viel Galle aus in seinen Mund, und so, aus diesem Grunde, wird er durstig und schreit nach dem Wasserteiche. (Übers. Ahrens)6

Auch bei dem berühmten Prosaisten und Tiergeschichtenschreiber al-Djāhiz (ca. 776–869), der Muslim war, gibt es einen deutlichen Zusammenhang mit dem Psalmvers. Er zitiert ihn sogar, wenn auch in einer sehr korrupten Fassung:

  • Der Prophet David sagt in den Psalmen: „Meine Sehnsucht nach dem Messias ist wie die eines Hirschs, wenn er Schlangen frisst.“ [Wenn er das tut,] wird er nämlich durch einen großen Durst überwältigt. Man sieht ihn um das Wasser herumgehen, aber vom Trinken wird er abgehalten durch sein Wissen, dass das sein Untergang sein würde. Denn das Gift würde in das Wasser strömen und in Körperöffnungen geraten, die nicht für die Nahrungsaufnahme bestimmt sind. Der Hirsch weiß das nicht aus früherer Erfahrung; nein, [die Kenntnis] hatte er schon beim ersten Mal, als er Schlangen fraß.7

Hier ist der Ablauf ein etwas anderer, aber es ist offensichtlich, dass Jibrīls Gottesbeweis aus einer langen literarischen Tradition schöpfen konnte.

Wie landeten die Schlangen überhaupt auf dem Menü der Hirsche, schon im 2. Jahrhundert? Liegt ein korrupt überlieferter oder falsch verstandener Text aus der Antike zu Grunde? Oder eine eigenartige Bibelexegese? Nein; die hätte der Heide Älian nicht gekannt. Hat jemand vielleicht den Hirsch mit einer anderen Tierart verwechselt? Oder ist einfach die Fantasie mit jemandem durchgegangen, wie beim Basilisk und beim Einhorn?

Es gibt noch etliche andere Texte aus der späten Antike und aus frühislamischer Zeit, die nach schlangenfressenden Hirschen durchsucht werden könnten, aber für einen ersten Eindruck reicht es erst mal. Das Interessante an solchen Texten ist, dass sie zeigen, was die Menschen durch die Jahrhunderte einander weisgemacht haben, wie ihr Gedankengut durch die Kulturen reiste und manchmal tausend Jahre überlebte. Von Babylonien und dem alten Persien nach Athen und  Rom, über die syrische Sprache und Pahlavi ins Arabische und Neupersische des Nahen Ostens; von dort später oft nach Europa. Noch Hildegard von Bingen meinte, dass mit Weihrauch verbranntes Hirschhornpulver die Luftgeister und die „bösen Würmer“ vertreibe. Es ist eine Zivilisation; sollen wir sie die westliche Zivilisation nennen?

Auch veröffentlich in zenith, 04/2015.

NACHSCHRIFT: Eine Spezialistin für antike und arabische Tiere weist mich auf Aristoteles, Historia animalium viii (ix) 611b20 hin: Wenn ein Hirsch von einer giftigen Spinne (φαλάγγιον) gebissen wird, geht er Krabben fangen und frisst die als Gegengift.
Ich meinte immer, dass Älian und der Physiologus Autoren der zweiten, wenn nicht der dritten Garnitur seien, während ich für echt große Denker und Gelehrte wie Aristoteles eine große Ehrfurcht behielt. Diese Ehrfurcht wird jetzt etwas weniger.

ANMERKUNGEN:
1. Auch als Dalāʾil al-iʿtibār bekannt. Das Büchlein wird oft al-Djāḥiẓ (ca. 776–869) zugeschrieben. Die erste (unkritische) Ausgabe erschien 1928 in Aleppo.

فقد‏ يقال انّ‏ الأيّل يأكل‏ الحيّات،‏‏ فيعطش‏ عطشًا شديدًا ويمتنع من شرب الماء خوفًا من أن‏ يدبّ‏ السم في جسمه فيقتله‏. وانه‏ ليقف على الغدير وهو مجهود عطشًا فيعجّ‏ عجيجًا‏ عاليًا ولا‏ يشرب منه‏ حتّى‏ يعلم أنّ‏ السمّ‏ قد تفرق‏ ‏ وانّ‏ الذي‏ أكل قد انهضم وحينئذ‏ يشرب‏. ‏ فانظر الى ما جُعل‏ ‏ في‏ طباع هذه البهيمة من الصبر على الظمأ الغالب خوفًا من المضرّة في‏ الشرب‏. وذلك‏ ما لا‏ يكاد الانسان العاقل أن‏ يضبطه من نفسه‏.

2. Aelianus, Nat. anim. ii, 9: Ἒλαφος ὂφιν νικᾷ, κατά τινα φύσεως δωρεὰν θαυμαστήν· καὶ οὐκ αυτὸν διαλάθοι ἐν τῷ φωλεῷ ὤν ὁ ἔχθιστος, αλλὰ προσερείσας τῇ καταδρομῇ τοῦ δακετοῦ τοὺς ἑαυτοῦ μυκτῆρας βιαιότατα ἐσπνεῖ, καὶ ἓλκει ὡς ἴυγγι τῷ πνεύματι, καὶ ἂκοντα προάγει, καὶ προκύπτοντα ἀυτὸν ἐσθίειν ἂρχεται· καὶ μάλιστά γε διὰ χειμῶνος δρᾷ τοῦτο. ἢδη μέντοι τις καὶ κέρας ἐλάφου ξέσας, εἶτα το ξέσμα ἐς πῦρ ἐνέβαλε, καὶ ὁ καπνὸς ἀνιῲν διώκει τοὺς ὂφεις πανταχόθεν, μηδὲ τὴν ὀσμὴν ὑπομένοντας.
3. 41 ist kein Tippfehler. Die Nummerierung ist nicht überall dieselbe.
4. Ich habe keinen griechischen Text zur Hand und biete vorläufig einen lateinischen  aus dem Internet, wenn ich sie auch nicht ganz verstehe: In psalmo XLI dicit: Sicut cervus desiderat ad fontes aquarum, ita desiderat anima mea ad te, deus. Ceruus inimicus est draconi; draco autem fugit a ceruo in fissuras terre; et uadens ceruus, et ebibens, implet nasa sua fontem aque, et euomit in fissuram terre, et educit draconem, et conculcauit eum, et occidit eum. Sic et dominus noster interfecit draconem magnum diabulum ex celestibus aquis, quibus habebat sapiente inenarrabilis; non enim potest draco baiulare aquam, neque diabulus sermones celestes. […] Capilli autem cervi, ubi apparuerint in domo, vel de ossibus incenderis, numquam draconem invenies: vestigium dei et timor Christi si inveniantur in corde tuo, nullus spiritus inmundus introibit tibi. (Physiologus latinus (Uersio Y) (CPL 1154 h (A)), cap. : 43, par. : 2, pag. : 131). Griechisch kommt hoffentlich noch. Eine arabische Fassung könnte auch noch existieren. Die Überlieferung des Physiologus durch die Jahrhunderte in vielen von Christen gesprochenen Sprachen ist äußerst kompliziert. Gab es je ein Original?
Ein talentierter Prediger kann mit diesem Stoff noch viel mehr machen. Im sog. Berner Physiologus (ca. 830–59) heißt es: „So hat auch der Herr Jesus Christus den großen Drachen, den Teufel, (fol. 17v) bis in die Tiefen der Erde verfolgt und hat ihn, indem er Blut und Wasser aus seiner Seite ergoss [Joh. 19,34], vertrieben durch das Bad der Wiedergeburt [Tit. 3,5], und hat die Werke des Teufels hinweg genommen.“ (Bern, Burgerbibliothek, Cod. 318: Physiologus Bernensis, fol. 17r–v). Hier passt nur ein herzhaftes Amen.
5. Bei syrisch denke man nicht an das moderne Syrien, wo Arabisch gesprochen wird. Syrisch ist eine aramäische, also semitische Sprache, die heute nur noch wenige Sprecher hat, aber in den ersten Jahrhunderten n. Chr. im Nahen Osten weit verbreitet war. Unzählige meist christliche Schriften in Syrisch sammeln in Bibliotheken Staub an, obwohl man sie für eine verantwortungsvolle Geschichtsschreibung eigentlich lesen sollte.
6. Physiologus Syrus, Nr. 17. Syrisch kann ich nicht tippen; der eine Leser, der das Original sehen will, möge sich zur UB begeben.
7. Al-Ǧāḥiẓ, Ḥayawān vii, 29–30:

ومن هذا الباب الذي ذكرنا فيه صِدق إحسان الحيوان ثم اللاتي يضاف منها الى المُوق وينسب الى الغثارة. قال داود النبي عليه السلام في الزبور: شوقي إلى المسيح مثل الأيل إذا أكل الحيات. [والأيل إذا أكل الحيات] فاعتراه العطش الشديد تراه كيف يدور حول الماء ويحجزه من الشرب [منه] علمه بأن ذلك عطبه، لأن السموم حينئذ تجري مع [هذا] الماء، وتدخل مداخل لم يكن ليبلغها الطعام بنفسه. وليس علم الأيل بهذا كان عن تجرية متقدمة، بل هذا يوجد في أول مل يأكل الحيات وفي آخره.

Auch in Ḥayawān iv, 166 nennt al-Ǧāḥiẓ den Hirsch unter den schlangenfressenden Arten: وتأكل الحياتَ العقبان والأيائل والأراويّ والأوعال والسنانير والشاهمرك والقنفذ. „Adler, Hirsche, Bergziegen und -böcke, Katzen, der Stelzenläufer (? shāhmurk) und der Igel.“

BIBLIOGRAFIE:
– Claudius Aelianus, Περὶ ζῴων ἰδιότητος – De natura animalium: On animals, 3 dln., Übers. A.F. Scholfield, Harvard 1958–9 (Loeb Classical Library 446, 448, 449).
Physiologus syrus: Ketobó dakjonojotó. Das ‘Buch der Naturgegenstände’, Hrsg. und Übers. K. Ahrens, Kiel 1892.
– Al-Ǧāḥiẓ, Kitāb al-Ḥayawān, Hrsg u. Kommt. ʿAbd al-Salām Muḥammad Hārūn, 7 Bde., Kairo 1938–47.

Diakritische Zeichen: Ǧibrīl ibn Nūḥ, al-Ǧāḥiẓ, šāhmurk

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