Umar ibn abi Rabi‘a, Gedicht

Ein wenig alte arabische Poesie möchte ich hier auch loswerden. Die altarabische Poesie ist besonders reichhaltig. Sie war für mich zwar nicht der Grund Arabisch zu studieren, aber ab einem gewissen Augenblick schon der Grund weiterzumachen.
Leider kann ich Poesie nicht poetisch übersetzen — und schon gar nicht in die Fremdsprache, die Deutsch für mich ist. Ich werde es denn auch nicht versuchen und gebe nur nüchterne Sätze, die die Bedeutung des Gelesenen wiedergeben sollen. So kann keine poetische Leseerfahrung zu Stande kommen, aber vielleicht hat es einen Nutzen um sich einen Eindruck von der Thematik zu verschaffen.

Es folgt ein Gedicht von ‘Umar ibn abī Rabī‘a, der um 700 in Mekka lebte. Er gehörte zu einer vornehmen Familie aus dem Stamm Quraisch. In Mekka boomte zu der Zeit das Pilgerwesen. Nach den Jahren (680–692), in denen die Stadt durch ein Gegenkalifat von Syrien, dem damaligen Mittelpunkt des Araberreichs, abgeschnitten war, war jetzt die Einheit wiederhergestellt. Arabien spielte wieder eine wichtige Rolle im Reich und die Karawanen aus Damaskus trotteten hin und her. Wie viele Pilgerorte war auch Mekka ein Treffpunkt, wo man flirten und auf Partnersuche gehen konnte. ‘Umars Poesie hat oft Mekka als Kulisse; wir schauen quasi zu, wie die vornehmen Damen aus dem Norden aus ihren Sänften steigen. Das lyrische Ich hält die Augen offen, flirtet und beschränkt sich vielleicht nicht nur auf das Zuschauen. Inwieweit die Gedichte Wirklichkeitsgehalt haben, bleibt unklar.

  • Ach, hätte doch Hind ihre Versprechen erfüllt und unsere Seele von ihrem Leiden geheilt!
    Hätte sie nur einmal ihren Willen durchgesetzt! (Ein Schwächling ist, wer seinen Willen nicht durchsetzen kann.)
    Man sagt, sie fragte Ihre Nachbarinnen, als sie sich einmal entblößt hatte um sich zu erfrischen:
    „Seht ihr mich, wie er mich sieht? Kommt, sagt es mir! Oder übertreibt er?“
    Da lachten sie untereinander und sagten zu ihr: „Jedes Auge findet schön, wen es gern hat.“
    So sprachen sie aus Eifersucht, von der sie erfüllt waren. (Von alters her gab es unter den Menschen Neid.)
    „Ein rankes junges Ding ist sie; wenn sie ihre Zähne beim Lachen entblößt, siehst du Kamille oder Hagelkörner.
    In ihren Augen wechseln sich Tiefschwarz und Weiß; grazil ist ihr Hals.
    Sanft ist sie: kühl im Sommer, wenn die Hitzeglut schon am Morgen auflodert,
    und warm im Winter: eine Decke für den jungen Mann, wenn bittere Kälte ihn bedeckt.“
    Ich weiß noch gut, dass ich ihr sagte, während die Tränen mir über die Wangen strömten:
    „Wer bist du?“ fragte ich. „Oh,“ sagte sie, “eine, die durch Leidenschaft abgemagert ist, durch Kummer schwer mitgenommen.
    Wir sind die Leute von al-Khaif, zu den Leuten Minās gehörend — für einen, den wir töten, gibt es keine Vergeltung.“
    Ich sagte: „Willkommen. Du bist, was wir begehren; sag bloß, wie heißt du?“ „Ich bin Hind,“ sagte sie,
    „mein Herz ist zum Wahnsinn gebracht, denn es ist von einem fein gekleideten jungen Mann erfüllt, kerzengerade wie eine Lanze.
    Deine Leute sind in der Tat unsere Nachbarn; wir und sie sind ein und dasselbe.“
    Sie sagen mir, sie habe mich behext – aber welch herrliche Hexerei ist das!
    Immer wenn ich fragte: „Wann ist unser Stelldichein?“ lachte Hind und sagte: „Übermorgen!“

Kommentar
ihren Willen durchgesetzt: Das Ich, die naive Dichterpersona, geht davon aus, dass Hind natürlich sehr gerne ein Stelldichein mit ihm hätte, aber sich als anständige, abhängige Frau nicht von ihren Begleitern lösen könne um eine beliebigen jungen Mann zu treffen, wie attraktiv der auch sei.
unsere Seele von ihrem Leiden geheilt: Das Ich spricht hier im dichterischen Bescheidenheitsplural; später im Gedicht dann nicht mehr. In der arabischen Poesie können „wir“ und „ich“ einander schnell abwechseln. Der verliebte Mann leidet: das ist Standard in der Liebespoesie der frühislamischen wie auch der späteren Zeit. Die Geliebte dagegen ist kalt und grausam und spielt ihr Spiel mit ihm.
Ein Schwächling ist, wer seinen Willen nicht durchsetzen kann, und Von alters her gab es unter den Menschen Neid: In arabischen Gedichten kommen solche allgemeinen „Weisheiten“ oft vor, auch gerne als Sprichwörter. Das Gedicht wird quasi zur Abwechslung kurz angehalten für eine allgemeine Betrachtung, der die Zuhörer zustimmen können.
Jedes Auge findet schön, wen es gerne hat ist auch solch eine Weisheit; hier elegant den Nachbarinnen in den Mund gelegt.
Ein rankes junges Ding […] Kälte ihn bedeckt. Der Eindruck wird erzeugt, dass dies die Verse sind, die der Dichter auf die schöne Frau geschmiedet hat — ungefähr wie die piropos in Spanien vielleicht? Aber die Beschreibung ihrer Schönheit hat nichts Individuelles; es sind genau die Klischees, die zu erwarten sind. Das ist nicht abwertend gemeint: Klischees sind in der altarabischen Poesie zu Hause; der Dichter zeigt sein Können, indem er sie gekonnt variiert.
Im nachfolgendem Zwiegespräch zeigt sich der Mann als ein ziemlicher Waschlappen, während Hind raffiniert und grausam ist. Sie behauptet, sie sei durch Leidenschaft abgemagert, durch Kummer schwer mitgenommen. Das ist ein frecher Rollentausch! Sie soll verliebt sein? Normalerweise spricht in Gedichten der verliebte Mann solche Worte. Hind ist natürlich gar nicht verliebt, sondern wird den armen Kerl um den Finger wickeln.
al-Khaif […] Minās gehören — für einen, den wir töten, gibt es keine Vergeltung. Minā, wo die Pilger sich aufhalten, gehört zum Heiligtum Mekkas. Dort ist Blutvergießen nicht erlaubt und Blutrache ebenso wenig. Das passt der Hind so in den Kram: Sie wird ihr Beutetier unbestraft töten können; sie warnt es bereits im Voraus. Töten wird sie im übertragenen Sinne, versteht sich: die Frau wird oft dargestellt als eine, die aus ihren Augen Pfeile abschießt und dadurch den schmachtenden Liebhaber tötet. Eine „Liebe auf den ersten Blick“ führt oft zum Liebestod, zumindest in der Literatur. Die Verschleierung der Frauen hat ja ihren Grund: sie verhindert tödliche Unfälle.
Ich heiße Hind: ein in der konventionellen alten Poesie üblicher Frauenname. So heißt nahezu jede.
Mein Herz […] erfüllt: Abermals tut Hind, als wäre sie diejenige, die durch Liebe in den Wahnsinn getrieben wird. Der fein gekleidete junge Mann, kerzengerade wie eine Lanze, was ebenfalls ein schmeichelhaftes Klischee ist, soll sich natürlich auf das lyrische Ich beziehen.
Sie haben mir gesagt: Die Freunde der Ich-Figur; Personen die traditionell den leidenden Liebhaber zu retten versuchen, was hier wohl nicht gelingen wird.
Behext: Ob so oder so, die Frau ist auf jeden Fall schuld an dem jämmerlichen Zustand, in dem das Ich sich befindet.
Mit dem Wort Übermorgen gibt Hind schließlich zu verstehen, dass es nie ein Stelldichein mit dem lyrischen Ich geben wird. Das haben alle Hörer des Gedichts längst begriffen; nur er selber nicht.
Nach dem letzten Vers beginnen seine Seufzer quasi auf’s Neue. Wenn wir die ersten beiden Zeilen nochmals lesen, sehen wir, wie falsch er die Lage eingeschätzt hat: Hind ist nur allzu gut in der Lage selbständig zu handeln!

QUELLE: Der Diwan des ‘Umar ibn abi Rebi‘a, hrsg. von Paul Schwarz, Leipzig 1901–09, ii S. @@.

ORIGINALTEXT

لَيْتَ هِنْدًا أَنْجَزَتْنَا مَا تَعِدْ * وَشَفَتْ أَنْفُسَنَا مِمَّا تَجِدْ
وَاسْتَبَدَّتْ مَرَّةَ وَاحِدَةً * إنَّمَا العَاجِزُ مَنْ لاَ يَسْتَبِدْ
زَعَمُوهَا سَأَلَتْ جَارَاتِنَا * وَتَعَرَّتْ ذَاتَ يَوْمٍ تَبْتَرِدْ
أَكَمَا يَنْعَتُنِي تُبْصِرْنَنِي * عَمْرَكُنَّ اللهَ أَم لاَ يقْتَصِدْ
فَتَضَاحَكْنَ وَقَدْ قُلْنَ لَهَا * حَسَنٌ فِي كُلِّ عَيْنٍ مَنْ تَوَدْ
حَسَدًا حُمِّلْنَه مِنْ أَجْلِهَا * وَقَدِيمًا كَانَ فِي النَّاسِِ الحَسَدْ
غَادَةٌ يَفْتَرُّ عَنْ أَشْنَبِهَا * حِينَ تَجْلُوهُ إَقَاحٍ أَوْ بَرَدْ
وَلَهَا عَيْنَانِ فِي طَرْفَيْهِمَا * حَوَرٌ مِنْهَا وَفِي الجِيدِ غَيَدْ
طَفْلَةٍ بَارِدَةُ القَيْظِ إذَا * مَعْمَعَان الصَيْفِ أَضْحَى يَتَْقِدْ
سُخْنَةُ المَشْتَى لِحَافٌ لِلْفَتَى * تَحْتَ لَيْلٍ حِينَ يَغْشَاهُ الصَّرَدْ
وَلَقَدْ أَذْكُرُ إذْ قُلْتُ لَهَا * وَدُمُوعي فَوْقَ خَدِّي تَطَّرِدْ
قُلْتُ مَنْ أَنْتَ فَقَالَتْ أَنَا مَنْ * شَفَّهُ الوَجْدُ وَأبْلاَهُ الكَمَدْ
نَحْنُ أَهْلَ الخَيْفِ مِنْ أَهْلُ مِنًى * مَا لِمَقْتُولٍ قَتَلْنَاهُ قَوَدْ
قُلْتُ أَهْلاً أَنْتُمُ بُغْيَتُنَا * فَتَسَمَّيْنَ فَقَالَتْ أَنَا هِنْدْ
إنَّمَا خُبِّلَ قَلْبِي فَاحْتَوَى * صَعْدَةً فِي سَابِرِيٍّ تَطَّرِدْ
إنَّمَا أَهْلُكَ جِيرَانٌ لَنَا * إنَّمَا نَحْنُ وَهُمْ شَيْءٌ أَحَدْ
حَدَّثُونِي أَنَّهَا لِي نَفَثَتْ * عُقَدًا يَا حَبَّذَا تِلْكَ العُقَدْ
كُلَّمَا قُلْتُ مَتَى مِيعَادُنَا * ضَحِكَتْ هِنْدٌ وَقَالَتْ بَعْدَ غَدْ

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Handschriften und Textkritik

(Für Studierende der Arabistik. Wenn es Ihnen zu langweilig vorkommt, springen Sie gleich zum Beispiel von Abū Nuwās am Ende.

Handschriften
In arabischen Ländern werden erst seit dem 19. Jh. Bücher gedruckt (in Ägypten seit 1822). Davor waren bloß einige Werke in Europa und auf Malta gedruckt worden, die meisten religiöser oder wissenschaftlicher Natur oder für den Unterricht. Neuerdings hat die Weltpresse gemeldet, dass die ganze arabische Welt momentan so viele—so wenige!—gedruckte Bücher produziert wie das kleine Griechenland; ich kann die Richtigkeit dieser Mär nicht nachprüfen, aber groß ist die Bücherproduktion nicht. Und dann sind noch die meisten Bücher erbaulicher Natur.
Es gibt aber große Mengen (Hunderttausende!) handschriftlich überlieferte ältere Texte, von denen die meisten noch nicht veröffentlicht worden sind. Eine Tätigkeit der Orientalisten war von alters her das edieren (herausgeben) und durch Kommentare und Studien zugänglich machen bisher unedierter Texte. Diese Tätigkeit ist allmählich von Gelehrten in arabischen Ländern übernommen worden. Wenn moderne Orientalisten außerhalb der arabischen Welt einen Text herausgeben, wird das seit dem 19. Jh. nahezu immer eine textkritische Ausgabe. In der arabischen Welt werden sowohl textkritische als nicht­-kritische Ausgaben angefertigt. Das Herausgeben ist ja nicht den Gelehrten vorbehalten; jeder kann eine Handschrift abtippen (lassen) und in Druck geben. Die Zielsetzungen sind nicht notwendig wissenschaftlich, sondern können auch religiös o. ä. sein. In einigen islamischen Ländern sind aggressive, nahezu analphabete Gruppierungen dabei, aus religiösen Gründen Handschriften zu vernichten.
Sehr große Sammlungen arabischer Handschriften findet man in Kairo, Damaskus, Teheran, im Jemen und vor allem in Istanbul. In Europa in den Bibliotheken von Oxford, Cambridge, Leiden, Paris, Wien, Berlin, das in denen des Vatikan, des Klosters in Escurial u.v.a.
Idealerweise hat jede Bibliothek einen Handschriftenkatalog; in der Praxis haben nur fünf oder sechs Bibliotheken in ganz Deutschland einen für orientalische Handschriften. So ein Katalog kann ein hervorragendes wissenschaftliches Werk mit Beschreibungen der Manuskripte sein oder auch nur ein einfaches Heftchen. Tausende Handschriften sind noch gar nicht beschrieben worden. Man kann also in diesem Bereich noch wirkliche Entdeckungen machen. In einer Bibliothek sind die Handschriftenkataloge meistens nach Städten geordnet. Die Handschriften werden nach der Stadt und dazu wenn nötig noch nach der Bibliothek benannt, z. B. Leiden Or. 2245, İstanbul Köprülü 186, Damaskus Ẓāhiriyya 1123 usw.
Wenn man Handschriften eines bestimmten Textes, eines Verfassers oder über ein bestimmtes Thema sucht, schlägt man erst nach in:
­GAL = C. Brockelmann, Geschichte der arabischen Literatur, Bd. i–ii, Leiden 1943–49; Supplementband i–iii, Leiden 1937–1942.
Oder besser noch, jedoch nur für die ersten vier Jahrhunderte des Islams, in:
­GAS = F. Sezgin, Geschichte des arabischen Schrifttums, Bd. 1–10, Leiden 1967–1995.
Dort kann man auch lesen, ob es vielleicht schon Ausgaben des gewünschten Textes gibt. Das soll man natürlich auch nachprüfen: in den großen Bibliothekskatalogen der gedruckten Werke, die heutzutage alle über Internet zugänglich sind. (Berlin, Tübingen, Halle, London, Paris, Oxford, Cambridge, Leiden, Vatikan, Washington u.v.a.).
Für die Suche nach Handschriften sind GAL und GAS jedoch nicht ausreichend. Man kommt an den Handschriftenkatalogen nicht vorbei: Stadt für Stadt nachschlagen — das ist schon viel Arbeit! Daneben benutzt man natürlich Hinweise, die man in der Sekundärliteratur findet, falls es die gibt.

Die Beschreibung einer Handschrift in einem Katalog enthält u.a. die folgenden Daten:
-­ die Signatur: Berlin 13855 o.ä.
­- eine Beschreibung der äußeren Merkmale: geschrieben auf Papier so­und­so, Länge, Breite, mit Tinte so­und­so, gebunden soundso, Anzahl der Folia (Blätter), Maße des Schriftspiegels, wie viele Zeilen usw.
-­ Welche Sprache und welche Schriftart (Marokkanisch, Naskh, Ruqʿa, Nastaʿlīq u.a.) sind benutzt worden.
­- die Herkunft.
-­ das (mutmaßliche) Datum des Abschreibens.
­- der Name des Verfassers, wenn die Handschrift die erwähnt; sonst eine gelehrte Mutmaßung darüber, wer es sein könnte.
-­ der Name des Werks, wenn die Handschrift ihn erwähnt.
-­ Incipit: die ersten Zeilen des Textes.
-­ Excipit: die letzten Zeilen des Textes und, falls vorhanden, das Schlusswort des Kopisten, das mit einigem Glück auch ein Datum enthält: „Dieses Werk ist von XYZ am 23 Ramadān 871 abgeschrieben worden” — womit dann die Datierung gegeben wäre.
Durch Incipit und Excipit ist die Identität des Textes mehr oder weniger bestimmt; der Titel variiert oft in den unterschiedlichen Handschriften und reicht somit nicht aus.
-­ die Geschichte der Handschrift: „1607 von XYZ in Aleppo gekauft worden”; „ehemals im Besitz des Prinzen so­und­so, 1855 nach B. verkauft worden” o. ä., Diese kann sehr ausführlich werden, wenn die Handschrift selbst schon einen „Stammbaum” der Abschriften enthält oder die Namen der Besitzer durch die Jahrhunderte erwähnt.
Man zitiert die Folia so: die Vorderseite fol. 13r. = recto oder die Rückseite fol. 13v. = verso. Also nicht die Seitenzahlen wie in einem gedruckten Buch.
Habe ich noch etwas vergessen? Bestimmt.

Benutzte Materialen:
-­ Papyrus, uralt, hergestellt aus einer Grasart (heutzutage auch oft als Mitbringsel aus Ägypten mitgebracht; das Material ist im Wesentlichen dasselbe wie vor Tausenden von Jahren). Das Konservieren, Entziffern und Studieren von Papyri ist schwierig und eine Spezialität für sich. Beispiel für einen wichtigen Papyrus (in facsimile, also fotografiert): R. G. Khoury, Wahb b. Munabbih. Der Heidelberger Papyrus PSR Heid Arab 23. 1. Leben und Werk des Dichters. 2. Faksimiletafeln, Wiesbaden 1972.
-­ Pergament, mit Kalkbeize behandeltes Leder, ab 200 v. Chr.
-­ Papier, im 8. Jh. In China erfunden. Seit ± 800 n. Chr. wird Papier in den islamischen Ländern angefertigt; ins Osmanenreich wurde auch aus Europa Papier importiert. Das letztere ist oft mit Hilfe der Wassermarken zu datieren.

Tinte aus Galläpfeln u. v. a. farbige Tinte, Blattgold usw. will ich nicht weiter behandeln.

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Textkritik, textkritische Ausgaben
Eine unkritische Ausgabe kann z. B. zu Stande kommen, indem man nur eine Handschrift in Druck gibt und der Drucker(!) nach seinem Geschmack noch einiges an Wortwahl und Rechtschreibung korrigiert. So geschah das öfters im 19. Jh.
Eine andere Variante kann sein: ein moderner Bearbeiter des Textes vergleicht z. B. zwei Handschriften und wählt jeweils die „beste”—d. h. meist die am leichtesten lesbare—Fassung, fügt seinerseits noch „Korrekturen” hinzu ohne über seine Verfahrensweise Rechenschaft abzulegen, und gibt sein Produkt dann in Druck.

Eine textkritische Ausgabe ist immer vorzuziehen. Ziel der Textkritik ist es, so nahe wie möglich an das Original heranzukommen. Die beste Handschrift ist das Autograph, die eigene Handschrift des Verfassers, die jedoch nur in den seltensten Fällen zur Verfügung steht.
Man sammelt also alle Handschriften des Textes, d.h. digitale Aufnahmen oder Mikrofilme davon. Diese sind schärfer als Fotokopien; überdies ist Fotokopieren schlecht für den Erhalt der Handschriften. Noch schöner ist natürlich, wenn man die echte Handschrift vor sich hat, aber das ist meistens nicht möglich.
Wenn die Anzahl der hss. (= Handschriften; international: mss. = Manuskripte) klein ist, kann man sie alle benutzen. Wenn es viele sind, soll man erst mal eine Auswahl vornehmen. „Gute” Handschriften sind z.B. die älteste (aber nicht immer) und/oder die mit den wenigsten Sprach­- und Rechtschreibfehlern — obwohl diese Merkmale nicht ausschlaggebend sind: es geht ja um die ältesten Lesarten, die nicht von verständnislosen und/oder lässigen, faulen — oder auch allzu klugen, „korrigierenden”! — Kopisten korrumpiert worden sind. Die können auch in jüngeren Handschriften bewahrt worden sein.
Es gilt — aber nicht ausnahmslos — das Prinzip: lectio difficilior potior = die schwierigere Lesart ist zu bevorzugen.)
Es kann sinnvoll sein, ein stemma der Handschriften anzufertigen, eine Art von Stammbaum, in dem die Abhängigkeit der Handschriften untereinander festgelegt wird: hs. B macht immer dieselben Fehler wie die ältere hs. A; hss. C, D, und E gehören dagegen zu einer anderen Gruppe  verwandter Textfassungen usw. Je nach Befund muss man dann entscheiden, ob man
a) eine Handschrift als die beste bezeichnen kann, die man dann als Grundlage für seine Ausgabe wählt, oder
b) selbst einen „neuen“ Text herstellt, auf Grundlage der jeweils pro Fall besten Lesart in einer der Hss. Das wird dann also ein Mischtext, den es so nie zuvor gegeben hat.
Es kann sein, dass auch noch Textzeugen herangezogen werden, z. B. Zitate aus dem Text, die in anderen Werken vorgefunden werden, oder Übersetzungen des Textes in andere Sprachen, die vielleicht älter sind als die älteste noch vorhandene Handschrift im Original.
Dann stellt der Herausgeber den Text fest. Die in den hss. vorgefundenen Lesarten, die er nicht in seinen Text aufnimmt, führt er in einem textkritischen Apparat (apparatus criticus) auf. S. die Beispiele auf dem Sonderblatt.
Jeder Handschrift und jedem Textzeugen hat er ein siglum gegeben: einen Buchstaben, ein Kürzel oder ein Sonderzeichen. Vor seine Ausgabe setzt er eine Liste der sigla und der übrigen von ihm verwendeten Kürzel und Zeichen. Beispiel einer solchen Seite, diesmal mit syrischen hss.:

  • SIGLA AND ABBREVIATIONS
    Sigla used for the Syriac mss.. (Only the sigla for manuscripts L, l,
    F2, M and V5 are used in the apparatus)
    F1 : Florence, Laurentianus syr. 69 olim 186
    F2 : Florence, Laurentianus syr. 83 olim 187
    L : London, British Library Or. 4079
    l : London, British Library Or. 9380
    M : Birmingham, Mingana 310
    m : Birmingham, Mingana 23
    O : Oxford, Bodleian Library 122 (Huntingdon 1)
    P : Princeton, Theological Seminary (Speer Library), Nestorian 25
    R : Manchester, John Rylands University Library 56
    V 1.2 : Vatican, syr. 603–04
    V 3.4.5 : Vatican, syr. 613–615
    – : om. (omitted by)
    + : add. (added by)
    corr. : corrected by
    ill. : illegible
    i.m. : in margine
    (?) : doubtful reading
    {…} : denotes a parenthesis or a place where the translated text has been re-worded for the purpose of enhancing the readibility
    AQ : Abū Qurra”s Arabic version of De virtutibus (cf. Kellermann-Rost)
    IM : Ibn Miskawayh, Tahḏīb al-aƒlāq, Beirut, 1966 (English trl. 1968)
    IṬ : Ibn aṭ-Ṭaiyib”s Arabic version of De virtutibus (cf. Kellermann-Rost)
    T : Naṣīr ad-Dīn Ṭūsī, Aḫlāq-e Nāṣiri, Teheran, 2536 = 1356 H
    W : G. M. Wickens, The Nasirean Ethics by Naṣīr ad-Dīn Ṭūsī, London, 1964

Im textkritischen Apparat meldet er jede wichtige Variante zusammen mit dem siglum.
Der Sinn dieser arbeitsintensiven Tätigkeit ist, dass das hoffentlich kritische Lesepublikum seine Vorgehensweise kontrollieren, ggf. anderer Meinung sein kann, wobei es quasi die hss. selbst zur Verfügung hat.
Nicht alle Varianten müssen erwähnt werden. Es ist z. B. nicht sinnvoll zu erwähnen, dass eine hss. الله تعالى schreibt und eine andere الله عز وجل. Auch Schlampereien mit den Pünktchen können unerwähnt bleiben. Ein Kollege hat einen allzu sehr ausgeuferten Apparat mal als „Variantenfriedhof” bezeichnet.

In der Ausgabe verwendet der Herausgeber meistens die moderne Rechtschreibung des Arabischen. Die Rechtschreibung der Hss. weicht davon meistens erheblich ab! Wenn es nur eine Hs. gibt, die sehr alt ist, oder gerade auch sprachlich interessant ist, oder wenn der Text nicht ganz in der Hochsprache abgefasst ist, kann es sinnvoll sein, die ursprüngliche Rechtschreibung beizubehalten (So z. B. Muhsin Mahdis Ausgabe der 1001 Nacht). Eine Ausgabe, die sich streng an die Schreibweise der Handschrift hält, heißt eine diplomatische Ausgabe.

Einige Probleme, mit denen der Herausgeber zu tun bekommt:
-­ Undeutlich geschriebene Buchstaben und Textstellen.
-­ Buchstaben ohne Pünktchen, bzw. mit den falschen Pünktchen.
-­ Zerfressene, zerriebene oder sonst irgendwie physisch vernichtete Textstellen.
-­ Lese-­ und Schreibfehler seitens des Kopisten; اريب statt لؤوب , اديب statt دلام , كؤوب statt كلام.
-­ Umstellung von Buchstaben: مكرب statt مركب.
­- Haplographie (Einfachschreibung): von zwei ähnlich aussehenden Buchstaben oder Wortteilen wurde versehentlich ein Teil ausgelassen: مبينة statt متبينة. Oder eins von zwei einander ähnlichen Wörtern wird ausgelassen: يكون statt يكون كون.
-­ Dittographie (Doppeltschreibung): versehentliche Doppeltschreibung eines Wortes oder Wortteils: سؤالكم لكم statt سؤالكم.
-­ Ausfall durch Homoioteleuton (gleiches Ende): in einer Zeile steht z.B. عيونهم, in der nächsten Zeile kommt das Wort noch mal vor; das Auge irrt ab auf das zweite, und der dazwischenstehende Textteil wird nicht abgeschrieben.
-­ Änderungen seitens des Kopisten, der ein Wort oder den Teil eines Satzes neu schreibt, weil er den ursprünglichen Text nicht verstand, unschön oder sogar inhaltlich unrichtig fand oder weil er einfach müde war oder keine Lust mehr hatte. Das Letztere kommt öfters bei Handschriften vor, die im Ramadan abgeschrieben wurden.
-­ Glossen. Ein Wort oder Ausdruck wird am Rande des Textes erklärt, mit einem Synonym oder einer Umschreibung. Beim nächsten Abschreiben landet diese Glosse in dem Text selbst, der fortan so weiter überliefert wird.

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Beispiel
Den Nutzen der Textkritik kann ich anhand eines netten kleinen Gedichts von Abū Nuwās (ca. 756–814) klar machen.

لا تبك ليلى ، ولا تطرب إلى هند،     *     واشرب على الورد من حمراء كالورد
كأسا إذا انحدرت في حلق شاربها،     *     أجدته حمّرتها في العينِ والخد
فالخمر ياقوتة ، والكأس لؤلؤة      *     من كف جارِية ممشوقة  القد
تسقيك  من عينها خمراً  ومن يدها     *     خمْراً، فما لك من سكرين من بد
لي نشوتان، وللندْمان واحدة ،     *     شيء خصصت به من بينهِم وحدي

Man kann es hier auch hören. Anklicken: Don’t cry for Layla.

An zwei Stellen ist jedoch der Text nicht in Ordnung (rot markiert).
Die textkritische Ausgabe von Wagner (s. hier) liest أَحْذَتْهُ statt أَجْدَتْهُ. Das korrigiert eine normale, häufig vorkommende Textkorruption. Irgendein Kopist war schlampig oder verstand das ursprüngliche Wort nicht und ersetzte es durch ein einfacheres Wort.

Die zweite Stelle ist interessanter. Die Wörter من عيْنها خمراً ومن يدها , denen zufolge die Dichterpersönlichkeit einen Wein aus dem Auge und einen anderen aus der Hand der weiblichen Bedienung zu trinken bekommt, finden sich zwar in einigen Handschriften, aber sie sind flach und bedeutungslos. Der richtige Text und zugleich die schwierigere Lesart ist: من يدها خمراً ومن فمها und das macht Sinn: er bekommt einen Wein aus ihrer Hand, nämlich den Wein, den sie ihm aus dem Krug einschenkt, und einen anderen aus ihrem Mund. Ihren Speichel nämlich: Sie gibt ihm — und nur ihm — einen Kuss — und ihr Speichel ist ein Wein, der genauso berauscht wie der andere. Dass der Speichel einer schönen Frau (wie) Wein ist, ist ein bekanntes Motiv.

Für den korrekten Text siehe also die Ausgabe von Wagner. Ein unpoetischer Übersetzungsversuch von mir folgt hier:

  • Weine nicht um Laila, traure Hind nicht nach,
    trink lieber auf Rosa einen Becher von einem rosaroten Wein,
    der, wenn er die Kehle des Trinkers hinuntergleitet,
    seinem Auge und seinen Wangen einen Teil ihrer Röte abgibt.
    Der Wein ist ein Rubin, der Becher ist eine Perle,
    aus der Hand einer Sklavin, rank und schlank.
    Sie gibt dir einen Wein aus ihrer Hand zu trinken und einen aus ihrem Mund;
    so musst du wohl zweimal betrunken werden.
    Ich habe zwei Räusche, meine Kumpane nur einen;
    das wird nur mir zuteil und ihnen nicht.

Literaturhinweise
– Abū Nuwās: Ewald Wagner, Der Dīwān des Abū Nuwās, Bd. 3, Stuttgart 1988. Das zitierte Gedicht steht S. 106.
– A. J. W. Huisman, Les manuscrits arabes dans le monde. Une bibliographie des catalogues, Leiden 1967.
– J. D. Pearson, Oriental Manuscripts in Europe and North America. A survey, Zug 1971 (Bibliotheca Asiatica 7).
– Fuat Sezgin, „Bibliotheken und Sammlungen arabischer Handschriften,” in GAS vi, 311–466.@
– Wolfgang Vogt (hrsg.), Verzeichnis der orientalischen Handschriften in Deutschland, Wiesbaden 1968—.
– MME = Manuscripts of the Middle East, 1986–1992. (Zeitschrift)
Middle East Manuscripts online
– Régis Blachère und Jean Sauvaget, Règles pour éditions et traductions de textes arabes, Paris 1953.

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Ta’abbata Sharran, Räuber und Poet dazu

Ta’abbata Sharran war ein arabischer Dichter, der ca. 550, also lange vor der Enstehung des Islams, gelebt haben soll. Er gehörte zum Stamm Fahm, aber offensichtlich hielt er es im Stammesverband nicht aus. Es gab solche Menschen, die entweder selbst ihren Stamm verließen oder vergrault wurden und dann allein weiterlebten. Manchmal fanden sie bei Geistesverwandten Anschluss und bildeten eine kleine Bande von Räubern (su‘lūk, sa‘ālīk), die von der Jagd und von Überfällen und Raubzügen lebten. Helden und Kraftmenschen waren sie auch, denn ohne Stammesverband in einem wüsten Land zu überleben fordert Mut und Kraft. Anders als unsere modernen Räuber waren sie oft gute Dichter. Das war auch Ta’abbata Sharran .1
Sein Name bedeutet: „Er hat etwas Böses unter dem Arm getragen“ und ist also kein Name, sondern ein Beiname. In der „bürgerlichen“ Stammesgesellschaft hieß er Thābit ibn Djābir al-Fahmī. Es gibt mindestens drei Anekdoten, die erzählen, wie er zu seinem Beinamen gekommen ist:

  • 1. Die Poesieüberlieferer erzählen, dass er eines Tages in der Wüste einen Widder sah. Er hob ihn auf und trug ihn unter seinem Arm, aber das Tier pinkelte ihn den ganzen Weg an. Als er nahe an [das Lager] seines Stammes gekommen war, wurde es ihm zu schwer.2 Er konnte es nicht länger tragen und warf es von sich, und siehe da, es war ein Wüstendämon (ġūl, ghoul). Seine Leute fragten ihn:
    „Was hast du unter deinem Arm getragen?“
    „Einen Wüstendämon,“ antwortete er.
    „Dann hast du schon etwas Böses unter dem Arm getragen!“
    Und danach wurde er benannt.3

Eine andere, ziemlich gekünstelte Anekdote, zeigt den Mutter-Sohn-Konflikt des unerträglichen Rauhbauzes.

  • 2. Es wird auch erzählt: Nein, seine Mutter sagte zu ihm: „Alle deine Brüder bringen mir abends etwas mit, aber du nicht!“ Darauf sagte er: „Heute Abend werde ich dir etwas mitbringen.“ Er ging weg und fing eine große Anzahl Nattern, die größten, die er erwischen konnte. Als er am Abend nach Hause ging, tat er diese in einen Sack, den er unter seinem Arm trug. Den warf er vor seine Mutter hin. Sie öffnete ihn und siehe da, da schossen die Nattern los in ihrem Zelt. Sie sprang auf und rannte nach draußen.
    „Was hat Thābit dir mitgebracht?“ fragten die Frauen des Stammes.
    „Nattern in einem Sack!“
    „Aber wie hat er den denn getragen?“
    „Unter seinem Arm.“
    „Dann hat er schon etwas Böses unter seinem Arm getragen!“
    So blieb der Name Ta’abbata Sharran an ihm hängen.4

Von einer dritten Anekdote zitiere ich nur den in diesem Zusammenhang relevanten Teil:

  • 3. […] und er wurde Ta’abbata Sharran genannt, weil er, wie man erzählt, in einer dunklen Nacht, an einer Stelle namens Rahā Bitān, im Stammesgebiet der Hudhail, einer ghūl begegnete. Sie versperrte ihm den Weg, aber er bekämpfte sie so lange, bis er sie getötet hatte. Die ganze Nacht blieb er auf ihr liegen und am nächsten Morgen trug er sie unter seinem Arm zu seinen Gefährten. Diese sagten zu ihm: „Du hast schon etwas Böses unter dem Arm getragen!“5

Ein oder eine ghūl ist ein Dämon, der sich in der Wüste aufhält und einsame Reisende belästigt. Eine seiner Eigenschaften ist, dass er seine Form ändern kann. Oft nimmt er die Gestalt eines weiblichen Wesens an.6
Ta’abbata Sharran hat Verse über eine Begegnung mit einem Wüstendämon gedichtet. 

  • 4. Da leistete mir die ghūl nachbarliche Gesellschaft.
    Oh Nachbarin, wie unheimlich bist du doch!
    Ich forderte sie zum Koitus auf, aber sie machte mir Schwierigkeiten,
    und ich versuchte es (nur) zu tun.
    Wenn mich jemand nach meiner Nachbarin fragt,
    so hat sie ihre (letzte) Wohnung an der Krümmung des Sandhügels.7

„Nachbarin“ war eine Benennung, die Beduinen auf ihre Ehefrauen anwendeten. Der Dichter ist von dem gefährlichen Wesen überhaupt nicht beeindruckt. Im Gegenteil: Er verspottet den ängstlichen Glauben des braven Stammesvolks. Für ihn selbst existieren gar keine Wüstendämonen; fuck the ghoul! Und sollte jemand anders das auch tun wollen, sie wohnt um die Ecke beim Sandhügel, ihr wisst schon. Die Adresse ist im sandigen Arabien eindeutig.

Der Wüstendämon kommt in noch in weiteren Verszeilen vor, von denen ich hier einige zitiere:

  • 5. Auf, wer berichtet den Recken des Stammes Fahm,
    was mir bei Rahā Bitān begegnete?
    Ich traf die ghūl, als sie durch eine Wüste,
    so eben wie eine Seite (zum Beschreiben), hastete.
    Ich sprach zu ihr: Wir sind beide vor Müdigkeit erschöpft.
    (Du bist mein) Reisegenosse. Drum lass mir meinen (Ruhe)platz!
    Aber sie griff mich an. Da streckte meine Hand
    ihr ein gutgefegtes jemenitisches (Schwert) entgegen.
    Ich schlug sie ….; sie fiel auf ihre Vorderpfoten und ihren Hals
    […]
    und ich ließ nicht von ihr ab, mich auf sie lehnend,
    um am nächsten Morgen zu sehen, was zu mir gekommen war.

Auch hier brüstet sich die Dichterpersona, wie sie die ghoul bezwungen hat; auch hier liegt er, der Dichter, auf ihr, wenn auch von Sex keine Rede ist.

Der Versuch ein Gespräch anzuknüpfen erinnert an das „Gespräch mit dem Wolf,“ ein Motiv aus der etwas späteren Poesie. Wenn ein einsamer Reisender in der Wüste einem ebenfalls einsamen Wolf begegnet, haben die beiden viel gemeinsam: ihren Hunger, ihre Einsamkeit, ihre heikle Lage. Aber solche Begegnungen sind auch sehr gefährlich; deshalb sprechen die Dichter dem Wolf oft beschwörend zu.9 Das geschieht hier auch, aber naturgemäß geht die ghoul nicht darauf ein.

Anekdote Nr. 3. will den merkwürdigen Beinamen des Dichters erklären, wie die anderen auch. Aber sie ist von dem Gedichtfragment Nr. 5 inspiriert und will dazu ein wenig „Geschichtsschreibung“ bieten. Die Erzählung verhält sich zum Gedicht wie eine sabab an-nuzūl-Geschichte zu einem Koranvers. 

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ANMERKUNNGEN
1. Albert Arazi, „Ta’abbaṭa Sharran“ in EI2. Ewald Wagner, Kap. „Räuberdichtung“ in seinem Grundzüge der klassischen arabischen Dichtung, Band 1. Die altarabische Dichtung, Darmstadt 1987, 135–44.
2. Wie viele Meter können Sie zurücklegen mit einem Widder unter dem Arm?
3. Abū al-Faraǧ al-Iṣfahānī, Kitāb al-Aġānī, hrsg. Kairo 1927, xxi, 127.

ذكر الروة أنّه كان رأى كبشًا في الصحراء فاحتمله تحت إبطه فجعل يبول عليه طول طريقه. فلما قرب من الحيّ ثقل عليه الكبش فلم يُقِلّه فرمى به فإذا هو الغول. فقال له قومه: ما تأبّطَّ يا ثابت؟ قال: الغول. قالوا: لقد تأبّطَّ شرا! فسُمّي بذلك.

4. Aġānī xxi,127:

وقيل بل قالت أمّه له كل إحوتك يأتيني بشيء إذا راح غيرَك. فقال لها: سآتيك الليلة بشيء. ومضى فصاد أفاعيَ كثيرة من أكبر ما قدر عليه. فلمّا راح أتى يهنّ في جِراب متأبّطًا به فألقاهه بين يديها ففتحته فتساعين في بيتها. فوثب وخرجت. فقال لها نساء الحيّ: ما ذا أتاك به ثابت؟ فقالت: أتاني بإفاعٍ في جراب. وقلن: وكيف حملها؟ قالت: تأبّها. قلن: تأبّط شرّاً، فلزمه تأبّطا شرّاً.

5. Aġānī xxi,128–29:

[…] وإنّما سمّي تأبّط شرّاً لأنهه فيما حُكي لنا٬ لقي الغول في ليلة ظلماء في موضع رَحَى بِطَانٍ في بلاد هذيل فأخذت عليه الطريقَ فلم يزل بها حتى قتلها وبات عليها فلمّا أصبح حملها تحت إبطه وجاء بها الى أصحابه فقالوا له: لقد تأبّطّ شرّاً.

6. Ghouls gibt es noch immer; vgl. was hier gesagt wird zu Soraya Qadir, alias Dust.
7. Aġānī xxi, 128, Übersetzung von Ewald Wagner, o.c., i, 140

فَأَصْبَحَتِ‎ الغُولُ‏ لِي‏ جَارَةً  *  فَيَا جَارَتَا لَكِ‎ مَا أَهْوَلاَ
فَطَالَبْتُهَا بُضْعَهَا فَالْتَوَتْ  *  عَلََيَّ‏ وَحَاوَلْتُ‏ أَنْ‏ أَفْعَلاَ
فَمَنْ‎ كَانَ‎ يَسْأَلُ‏ عَنْ‏ جَارَتِي  *  فَإنَّ‏ لَهَا باللِّوَى مَنْزِلاَ

8. Aġānī xxi, 129, Übersetzung zum Großteil von Ewald Wagner, o.c., i, 140–1.

أَلاَ‎ مَنْ‏ مُبْلِغٌ‏ فِتْيَانَ‏ فَهْمٍ  *  بِمَا لَقِيتُ‏ عِنْدَ‏ رَحَى بِطَانِ
وَأَنِّي‏ قَدْ‎ لَقِيتُ‏ الغُولَ‏ تَهْوَى  *  بِسَهْبٍ‏ كَالصَّحِيفَةِ‏ صَحْصَحَانِ
فَقُلْتُ‏ لَهَا‏: كِلاَنَا نِضْوَأَيْنِ  *  أَخُو سَفَرٍ‏ فَخَلِّي‏ لِي‏ مَكَانِي
فَشَدَّتْ‏ شَدَّةً‏ نَحْوِي‏ فَأَهْوَى  *  لَهَا كَفِّي‏ بِمَصْقُولٍ‏ يَمَانِي
فَأَضْرِبُهَا بِلاَ‎ دَهَشٍ‏ فَخَرَّتْ  *  صَرِيعًا لِلْيَدَيْنِ‏ وَلِلْجِرَانِ
[‏…]
فَلَمْ‏ أَنْفَكَّ‏ مُتَّكِئًا عَلَيْهَا  *  لأَنْظُرَ‏ مُصْبِحًا مَاذَا أَتَانِي

9. Manfred Ullman, Das Gespräch mit dem Wolf, München 1981.

Diakritische Zeichen: Taʾabbaṭa Šarran, ṣuʿlūk, ṣaʿālīk, Ṯābit ibn Ǧābir al-Fahmī, ġūl, Raḥā Biṭān, Huḏail

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Blachère, Principaux thèmes

Für Arabisten, die an alte arabische Liebesdichtung interessiert sind

R. Blachère, „Les principaux thèmes de la poésie érotique au siècles des Umayyades de Damas,“ in: Annales de l’Institut d’études orientales d’Alger, 5 (1939–41), 82–128

ist ein Artikel, den man nicht jeden Tag sieht, weil er im Weltkrieg in Alger erschien. Deshalb biete ich hier meine mittelprächtige, aber brauchbare Kopie an: Blachère.

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