Stammbäume Mohammeds

Genealogie ist in jeder Kultur ein hervorragendes Mittel die Vergangenheit rückwirkend ein wenig in Form zu pressen. Auch die alten Araber verstanden diese Kunst. Wenn zum Beispiel ein Stamm durch Aussterben oder Krieg so klein wurde, dass er nicht länger selbständig fortbestehen konnte, wurde er einem größeren einverleibt. Rückwirkend veränderte sich auch seine Ahnenliste. Wenn ein Vertrag zwischen Stämmen abgeschlossen wurde, entstanden wie von selbst Stammbäume, nach denen die beteiligten Stämme schon immer dieselben Urahnen gehabt hätten.
.
Auch vom Propheten Mohammed sind Stammbäume überliefert worden. Es lassen sich drei Sorten erkennen:

  1. ein an der Bibel orientierter Stammbaum
  2. ein verkürzter, „entbibelter“ Stammbaum
  3. panarabische Stammbäume

.
Biblischer Stammbaum
Ibn Isḥāq beginnt seine Prophetenbiografie (sira) mit einem „biblischen“ Stammbaum, der halb aus arabischen, halb aus hebräischen Namen besteht und über einige ältere Israeliten, darunter der Prophet Ibrāhīm (Abraham), bis auf Adam zurückgeht. So wollte man Mohammed in die biblische Geschichte einbetten.

  • Mohammed war der Sohn des ‘Abdallāh, des Sohnes des ‘Abd al-Muttalib, dessen Name Shaiba war, der Sohn des Hāshim, dessen Name ‘Amr war, des Sohnes des ‘Abd Manāf, dessen Name Mughīra war, des Sohnes des Qusayy, dessen Name Zaid war, des Sohnes des Kilāb, des Sohnes des Murra, des Sohnes des Ka‘b, des Sohnes des Lu’ayy, des Sohnes des Ghālib, des Sohnes des Fihr, des Sohnes des Mālik, des Sohnes des Nadr, des Sohnes des Kināna, des Sohnes des Khuzaima, des Sohnes des Mudrika, dessen Name ‘Āmir war, des Sohnes des Elias, des Sohnes des Mudar, des Sohnes des Nizār, des Sohnes des Ma‘add, des Sohnes des ‘Adnān, des Sohnes des Udd oder Udad,des Sohnes des Muqawwam, der Sohn des Nahor, des Sohnes des Terah, des Sohnes des Ya‘rub, des Sohnes des Yashdjub, des Sohnes des Nābit, der Sohn des Ismael, des Sohnes des Abraham (Ibrahīm) der Freund des Barmherzigen, der Sohn des Terach (das ist Azar), des Sohnes des Nahor, der Sohn des Serug, des Sohnes des Regu, des Sohnes des Peleg, des Sohnes des Eber, des Sohnes des Schelach, der Sohn des Arpachschad, des Sohnes des Sem, des Sohnes des Noah, des Sohnes des Lamech, der Sohn des Metuschelah, des Sohnes des Henoch (das ist der Prophet Idrīs, wie man sagt, aber Gott weiß es am besten; er war der erste der Söhne Adams, denen das Prophetentum und das Schreiben mit dem Rohr gegeben wurden), des Sohnes des Jered, des Sohnes des Mahalalel, des Sohnes des Kenan, des Sohnes des Enosch, der Sohn des Set, des Sohnes des Adam.1

Manche frühen Christen hatten schon vor Jahrhunderten ein ähnliches Bedürfnis gehabt: Das Evangelium nach Matthäus lässt Jesus wunderbar über David von Abraham abstammen.2
.
„Entbibelung“
In der Hadithsammlung des al-Bukhārī (810–870) finden wir in einer Kapitelüberschrift dieselbe Ahnenliste, aber mit ‘Adnān als letztem Namen – alle alttestamentliche Namen fehlen dort.3 Einen Augenblick könnte man meinen, al-Bukhārī oder sein Herausgeber habe die Liste etwas verkürzt, weil die so viel Platz einnahm. Aber bei einem Blick in das Werk des Historiographen Ibn Sa‘d (784–845) stellt sich heraus, dass sich hinter der Verkürzung eine andere Absicht verbarg. Die biblischen Namen waren Gegenstand einer Diskussion, wie in einer ganzen Reihe von Hadithen und Berichten ersichtlich wird, von denen ich hier drei zitiere:4

  • Hishām [al-Kalbī] […] Wenn der Prophet seine Genealogie aufzählte, ging er nicht weiter zurück in seiner Ahnenlinie als bis zu Ma‘add ibn ‘Adnān ibn Udad; danach hörte er auf und sagte: „Die Genealogen lügen. Gott sagt: ,[…] und viele Generationen dazwischen.‘“ (Koran 25:38) — die ältesten Vorfahren werden also nicht länger namentlich genannt.
  • Ibn ‘Abbās: Hätte der Prophet diese bekannt machen wollen, so hätte er das getan. […] Er rezitierte: ,„ […] von ‘Ād und Thamūd und von denen, die nach ihnen lebten, und die nur Gott kennt.‘ (Koran 14:9) Die Genealogen lügen.“
  • Hishām [al-Kalbī] sagt: Mukhbir hat von meinem Vater gehört, aber ich nicht [Kursiviering von mir; es folgt eine Ahnenliste ab Maʿadd, die endet bei] Qaidhar ibn Ismāʿīl ibn Ibrāhīm.

Es schien anfangs eine gute Idee, den neuen Propheten Mohammed in der biblischen Urzeit wurzeln zu lassen. So konnte er auch für Christen und Juden legitim erscheinen. Aber ein Jahrhundert später wollte man alles Jüdische und Christliche — die sogenannten Isrā’īlīyāt — wieder loswerden und man tat alles um die alten Namen zu entsorgen. Die „Entbibelung“ ist in der ganzen frühislamischen Geschichte zu beobachten; nicht nur bei der Genealogie.
.
Panarabische Stammbäume
Nach der Streichung aller biblischen Namen aus Stammbaum Nr. 1 bleibt eine rein arabische Ahnenreihe übrig, die den Propheten über den Stamm Hāshim mit dem Urvater ‘Adnān verbindet. Aber war Mohammed nicht der Prophet aller Araber? Hier bringen die Geschlechtsregister in der weiblichen Linie die Antwort. Ibn Sa‘d5 bietet erst eine Auflistung der „Mütter des Propheten“. In diesem Stammbaum wird die Mutter des Propheten erwähnt, dann ihre Mutter, dann deren Mutter, und so weiter. Bei jeder dieser Frauen werden dann ihr Vater, ihr Großvater und weitere Vorväter aufgelistet.
Einige Seiten weiter hat Ibn Sa‘d6 Listen der „Mütter der Väter des Propheten“, die genauso strukturiert sind. Noch mehr Namen, noch mehr Stämme – die Namensvielfalt wird so verwirrend, dass wohl nur Spezialisten, namentlich Ethnologen, sie genießen können. Aber der Eindruck, den uns diese Lektüre vermitteln soll, ist deutlich: Der Prophet stammte über die Frauen von allen Stämmen der Arabischen Halbinsel ab. Edmund Leach7 hat für den Stammbaum des biblischen Salomo einst Ähnliches festgestellt: Die Vorfahrenschaft wird über die Frauen verbreitert, um die Legitimität zu vergrößern.
.
Wir sind hier Zeugen eines Prozesses, der auch anderenorts zu beobachten ist. Erst Verwurzelung in der Bibel, damit Mohammed als ebenbürtig mit den früheren Propheten und als Erfüllung der Weissagung hingestellt wird. Danach die Entfernung von allem, was an jüdische Überlieferung oder Bibel erinnert, und schließlich eine immer weiter fortschreitende *Arabisierung des Islams.

Auch veröffentlicht in zenith, september/oktober 2013, S. 110–111 und in zenith online.

ANMERKUNGEN
1. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 3. Das Original enthält arabisierte Formen hebräischer Namen, die ich hier der Deutlichkeit halber in der Rechtschreibung der Lutherbibel wiedergebe. Es betrifft die Nachkommen Sems, wie sie in 1. Mose 11 erwähnt werden, und Namen aus einer älteren Vergangenheit (1. Mose 5).).

محمد بن عبد الله بن عبد المطلب ، واسم عبد المطلب : شيبة بن هاشم واسم هاشم : عمرو بن عبد مناف واسم عبد مناف : المغيرة بن قصي ، ( واسم قصي : زيد) بن كلاب بن مرة بن كعب بن لؤي بن غالب بن فهر بن مالك بن النضر بن كنانة بن خزيمة بن مدركة ، واسم مدركة : عامر بن إلياس بن مضر بن نزار بن معد بن عدنان بن أد ، ويقال أدد، بن مقوم بن ناحور بن تيرح بن يعرب بن يشجب بن نابت بن إسماعيل بن إبراهيم – خليل الرحمن – بن تارح ، وهو آزر بن ناحور بن ساروغ بن راعو بن فالخ بن عيبر بن شالخ بن أرفخشذ بن سام بن نوح بن لمك بن متوشلخ بن أخنوخ ، وهو إدريس النبي فيما يزعمون والله أعلم ، وكان أول بني آدم أعطى النبوة ، وخط بالقلم – ابن يرد بن مهليل بن قينن بن يانش بن شيث بن آدم ص.

2. Matthäus 1:1–17: Dies ist das Buch von der Geburt Jesu Christi, der da ist ein Sohn Davids, des Sohnes Abrahams. Abraham zeugte Isaak. Isaak zeugte Jakob. Jakob zeugte Juda und seine Brüder. Juda zeugte Perez und Serah von Thamar. Perez zeugte Hezron. Hezron zeugte Ram. Ram zeugte Amminadab. Amminadab zeugte Nahesson. Nahesson zeugte Salma. Salma zeugte Boas von der Rahab. Boas zeugte Obed von der Ruth. Obed zeugte Jesse. Jesse zeugte den König David. Der König David zeugte Salomo von dem Weib des Uria. Salomo zeugte Rehabeam. Rehabeam zeugte Abia. Abia zeugte Asa. Asa zeugte Josaphat. Josaphat zeugte Joram. Joram zeugte Usia. Usia zeugte Jotham. Jotham zeugte Ahas. Ahas zeugte Hiskia. Hiskia zeugte Manasse. Manasse zeugte Amon. Amon zeugte Josia. Josia zeugte Jechonja und seine Brüder um die Zeit der babylonischen Gefangenschaft. Nach der babylonischen Gefangenschaft zeugte Jechonja Sealthiel. Sealthiel zeugte Serubabel. Serubabel zeugte Abiud. Abiud zeugte Eliakim. Eliakim zeugte Asor. Asor zeugte Zadok. Zadok zeugte Achim. Achim zeugte Eliud. Eliud zeugte Eleasar. Eleasar zeugte Matthan. Matthan zeugte Jakob. Jakob zeugte Joseph, den Mann Marias, von welcher ist geboren Jesus, der da heißt Christus. Alle Glieder von Abraham bis auf David sind vierzehn Glieder. Von David bis auf die Gefangenschaft sind vierzehn Glieder. Von der babylonischen Gefangenschaft bis auf Christus sind vierzehn Glieder.
3. Buḫārī, Ṣaḥīḥ, Manāqib al-Anṣār 28:

‎باب مبعث النبي صلى الله عليه وسلم محمد بن عبد الله بن عبد المطلب بن هاشم بن عبد مناف بن قصي بن كلاب بن مرة بن كعب بن لؤي بن غالب بن فهر بن مالك بن النضر بن كنانة بن خزيمة بن مدركة بن إلياس بن مضر بن نزار بن معد بن عدنان ص

4. Alle bei Ibn Sa‘d, Kitāb at-Tabaqāt al-kabīr, hrsg. Ihsān ‘Abbās, Beirut o.J., i, 56.

قَالَت: وَ أَخْبَرَنَا هِشَامٌ قَالَ: أَخْبَرَنِي أَبِي عَنِ أَبِي صَالًِحٍ عَن ابْنِ عَبَّاسٍ أَنَّ النَبِيَّ عليه الصلاة والسلام كَانَ إذَا انْتَسَبَ لَمْ يُجَاوِزْ فِي نَسَبِهِ مَعَدَّ بْنَ عَدْنَانَ بْنِ أُدَدَ ثُمَّ يُمْسِكُ وَيَقُرلُ: „كَذَبَ النَّسَّابُونَ. قَالَ اللهُ تَعَالَى: وَقُرُونًا بَيْنَ ذَلِكَ كَثِيرًا.“
قَالَ : أَخْبَرَنَا قَالَ : أَخْبَرَنَا عُبَيْدُ اللهً بْنُ مُوسَى الْعَبْسِيُّ ، قَالَ : أَخْبَرَنَا إِسْرَائِيلُ ، عَنْ أَبِي إِسْحَاقَ ، عَنْ عَمْرِو بْنِ مَيْمُونٍ ، عَنْ عَبْدِ اللَّهِ : أَنَّهُ كَانَ يَقْرَأُ : وَعَادٍ وَثَمُودَ وَالَّذِينَ مِنْ بَعْدِهِمْ لا يَعْلَمُهُمْ إِلا اللهُ. “ كَذَبَ النَّسَّابُونَ “ .
قَالَ هِشَامٌ : وَأَخْبَرَنِي مُخْبِرٌ ، عَنِ أَبِي ، وَلَمْ أَسْمَعْهُ مِنْهُ أَنَّهُ كَانَ ينسِبُ مَعَدَّ بْنَ عَدْنَانَ بْنِ أُدَدَ بْنِ الْهَمَيْسَعِ بْنِ سَلامَانَ بْنِ عَوْصِ بْنِ يُوزَ بْنِ قَمْوَالِ بْنِ أُبَيِّ بْنِ الْعَوَّامِ بْنِ نَاشِدِ بْنِ حَزَّا بْنِ بِلْدَاسَ بْنِ تَدْلافِ بْنِ طَابِخِ بْنِ جَاحِمِ بْنِ نَاحِشِ بْنِ مَاخِي بْنِ عَبَقَى بْنِ عَبْقَرِ بْنِ عُبَيْدِ بْنِ الدَّعَّا بْنِ حَمْدَانَ بْنِ سَنْبَرِ بْنِ يَثْرِبِيِّ بْنِ نَحْزَنَ بْنِ يَلْحُنَ بْنِ أَرْعَوِيِّ بْنِ عَيْفَى بْنِ دَيْشَانَ بْنِ عَيْصَرِ بْنِ أَقْنَادِ بْنِ أَبْهَامَ بْنِ مَقْصِيِّ بْنِ نَاحِثِ بْنِ زَارِحِ بْنِ شُمِّيِّ بْنِ مَزَى بْنِ عَوْصِ بْنِ عَرَامِ بْنِ قَيْذَرِ بْنِ إِسْمَاعِيلَ بْنِ إِبْرَاهِيمَ صَلَّى اللهُ عَلَيْهِمَا وَسَلَّمَ .

5. Ibn Sa‘d, o.c., i, 59–60.
6. Ibn Sa‘d, o.c., i, 64–66.
7. E. Leach, Genesis as myth, London 1969, 64, erwähnt in D.M. Varisco, „Metaphors and Sacred History. The Genealogy of Muhammad and the Arab “Tribe”,“ Anthropological Quarterly, 68, (1995), 139–156, insbes. S. 148–49.

Diakritische Zeichen:
‘Abd al-Muṭṭalib, Šaiba, Hāšim, Muġīra, Quṣayy, Ġālib, Naḍr, Ḫuzaima, Muḍar, Yašǧub, al-Buḫārī, Hišām, Ṯamūd, Muḫbir, Qayḏar, Ibn Isḥāq, Ṣaḥīḥ, al-Anṣār, at-Ṭabaqāt, Iḥsān

Zurück zum Inhalt

Die „Verdienste der Prophetengefährten“

Unter den „Prophetengefährten“ (ashāb an-nabī) versteht man gemeinhin die Zeitgenossen des Propheten, die Muslim geworden waren und den Propheten persönlich sahen oder sogar kannten.1 Ein eigenes Genre in der islamischen Literatur beschäftigt sich mit ihnen: die „Verdienste der Prophetengefährten“ (fadā’il oder manāqib al-ashāb), in der eben deren Vorzüge und Leistungen beschrieben werden. Sie sind eine Untergattung der SīraLiteratur, also der biographischen Schilderungen des Lebens Mohammeds. 

Die Sira-Literatur ist nämlich nicht nur am Propheten interessiert, sondern auch an seinen Gefährten, die zusammen die erste islamische Gemeinschaft bildeten. Sie ist ein Archiv von Genealogien und Namenslisten der Gefährten und enthält unzählige Erzählungen über deren Handlungen. Mittels solcher Erzählungen versuchten die Menschen die Vergangenheit lebendig zu halten, wie sie das immer getan hatten. Spätere Generationen versuchten ihre Vorfahren so positiv wie nur möglich darzustellen, von ihren Taten zu erzählen, die vom Propheten gutgeheißen oder gar gepriesen worden waren und ihre Verdienste für den entstehenden Islam zu betonen — gegebenenfalls indem man sie den Makeln (mathālib) anderer Gefährten gegenüberstellte.

Dafür gab es auch einen praktischen Grund: Die Stellung eines Gefährten unter den Empfängern von Zuwendungen aus der Staatskasse (‘aṭā’) basierte auf den Berichten, die es über ihn gab. Überdies, bevor das vorbildliche Handeln, die Sunna des Propheten seinen zentralen Platz im islamischen Recht einnahm, waren die Gelehrten an der „Handlungsweise“ (sira oder sunna) der ersten Kalifen  genau so stark interessiert gewesen, denn die waren ja ebenfalls Gefährten gewesen. So konnte auch deren Tun und Lassen als Mittel zur Bestimmung des richtigen Verhaltens herangezogen werden. Darum wundert es nicht, dass verschiedene Sira-Werke auch die Periode nach dem Tod des Propheten abdeckten.

Eine Untergattung der „Verdienste“ bilden die Awā’il, die mitteilen, wer etwas zum ersten Mal getan hatte:2 „Der erste Mann, der an den Propheten glaubte war ‘Alī.“ 3 „‘Abdallāh ibn Mas‘ūd war der erste nach dem Propheten, der den Koran öffentlich in Mekka rezitierte.“ 4 „Der erste, der das Freitagsgebet in Medina verrichtete, war Mus‘ab ibn ‘Umair.“ 5 Es wird selbstverständlich gewesen sein, dass man vor frühen Konvertiten mehr Respekt hatte als vor späteren. Die ersten Emigranten aus Mekka und die ersten Helfer in Medina genossen auch als Gruppen großes Ansehen.

Die Wirkung der Gattung „Verdienste der Prophetengefährten“ kann vielleicht am besten anhand einer Einzelperson gezeigt werden. Sa‘d ibn Abī Waqqās (gest. nach 660)6 war einer der ersten Muslime. Er war der Heerführer in mehreren Feldzügen, nahm an allen wichtigen Schlachten teil und wurde ein erfolgreicher General. Aber als er die Armee führte, die etwa 636 bei Qādisīya die Perser besiegte, war er nicht persönlich bei der Schlacht zugegen — angeblich aus gesundheitlichen Gründen.

Manche Autoren kritisieren ihn ob dieser Abwesenheit. Eine sira-Erzählung unterstreicht diese Kritik noch extra, indem sie Saʿds Verhalten in die Zeit des Propheten zurückprojiziert. Sie beinhaltet, dass Saʿd aus irgendeinem trivialen Grund verhindert war an einem bestimmten Kriegszug teilzunehmen, wie der Prophet ihm aufgetragen hatte.7

Im Gegensatz dazu betonen andere Texte, dass Saʿd der erste war, der für den Islam Blut vergoss,8 und der erste, der für die Sache des Islams einen Pfeil abschoss.9 Sind das normale Lobsprüche oder Versuche den Schandfleck aus Sa‘ds Lebenslauf zu tilgen? Wie auch immer, das Beispiel zeigt, wie ein Gefährte in Sira-Texten eine gute oder eine schlechte „Presse“ bekommen konnte. Insbesondere die Haltungen gegenüber den ersten Kalifen, den wichtigsten Gefährten Mohammeds, variieren stark. Sowohl ihre Anhänger wie auch ihre Gegner versuchten in Erzählungen zu punkten, zum Beispiel in den unterschiedlichen Geschichten zum Sterbebett des Propheten, die das Problem seiner Nachfolge thematisieren.

Ein Sonderfall ist ‘Abbās ibn ‘Abd al-Muttalib.10 Er war Mohammeds Onkel, aber kein „Gefährte“, weil er nie Muslim wurde. Für die ‘Abbāsiden, die 750 der Umayydendynastie die Macht abrangen, war er ein prestigeträchtiger Vorfahr, den sie für ihre Legitimation benötigten — schließlich machte er sie ja ein wenig mit dem Propheten verwandt. Auch der Name ihrer Dynastie wird auf ‘Abbās zurückgeführt. Von daher finden wir bei Ibn Ishāq, der für den ‘Abbāsidenhof arbeitete, positive Berichte über ‘Abbās,11 wohingegen *Wahb ibn Munabbih ihm nicht gewogen ist12 und *Mūsā ibn ‘Uqba uns glauben machen will, dass ‘Abbās mit den Helfern aus Medina verwandt war.13

Verdienste haben ihr Gegenstück in Makeln (mathālib). Diese werden nicht immer so subtil wie im Fall von Sa‘d ibn Abī Waqqās dargeboten. In der Erzählung über die frühe muslimische Auswanderung nach Äthiopien und den Besuch heidnischer Mekkaner beim Negus (nadjāshī) jenes Landes14 sind die guten Charaktere frühe Muslime mit tadellosem Ruf, während die Bösewichte als späte, eventuell opportunistische Konvertiten bekannt sind.

Im Koran findet sich zu den „Verdiensten“ wenig — es sei denn, man denkt an die Erwähnung bestimmter privilegierter Gruppen in K. 9:100; 56:10–11 und 59:9–10. Dazu gibt es etliche Verse zu den Heuchlern (munāfiqūn), die in der Sira ebenfalls ausführlich behandelt werden.

Einen biblischen Hintergrund für die „Verdienste“-Literatur gibt es nicht, allenfalls vage thematische Parallelen wie die Bekehrungsgeschichte des ‘Umar, eines gefürchteten Feindes des Islams, der sich dann in einen glühenden Verteidiger verwandelte, so wie es einst Paulus im entstehenden Christentum ergangen war.15

Die Taten der Gefährten landeten nicht nur in Sira-Texten, sondern auch in Hadithsammlungen, in Kapiteln mit Titeln wie fadā’il bzw. manāqib al-ashāb und seit *Ibn Sa‘ds Tabaqāt darüber hinaus in Werken, die nur ihnen gewidmet waren.16

Das Interesse an den Prophetengefährten in der Sira kann auch kollektiv sein: Sie bietet Episoden aus der Stammesgeschichte, zum Beispiel Berichte zu den Delegationen beim Propheten und zu ihren Verträgen mit ihm oder zu Stammeskonflikten. Die Rivalität zwischen den Emigranten und den Helfern kommt ebenfalls in der Sira zum Ausdruck.

Siehe auch den Artikel zu Abū Bakr.

Auch veröffentlicht in zenith Juli/August 2013, 94–95.

ANMERKUNGEN
1. M. Muranyi, Die Prophetengenossen in der frühislamischen Geschichte, Ph. D. Diss. Bonn 1973; idem, „Ṣaḥāba,“ in EI2; L. L. Kern, „Companions,“ in EQ.
2. F. Rosenthal, „Awāʾil“ in EI2; Ibn abī Šaiba, Al-kitāb al-muṣannaf fī al-aḥādīth wal-āṯār, uitg. ʿAbd al-Ḫāliq al-Afġānī, 15 Bde., Hyderabad/Bombay 1979–83, xiv, 68-147.
3. Ibn Isḥāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hg. F. Wüstenfeld, Göttingen, 2 Bde., 1858–60, 158-61; Übersetzung: A. Guillaume, The Life of Muhammad. A translation of Isḥāq’s (sic!) Sīrat Rasūl Allāh, Oxford 1955, 114-15@.
4. Ibn Isḥāq, o.c., 202; Übers. 141@.
5. Mūsā b. ʿUqba: E. Sachau, „Das Berliner Fragment des Mûsâ Ibn ʿUḳba. Ein Beitrag zur Kenntnis der ältesten arabischen Geschichtsliteratur,“ in Sitzungsberichte der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften (1904), 445–70, Fragm. 2.
6. G. Hawting, „Saʿd ibn Abī Waqqāṣ,“ in EI2.
7. Ibn Isḥāq, o.c., 424; Übers. 287; aṭ-Ṭabarī, [Taʾrīḫ ar-rusul wal-mulūk] Annales, hg. M.J. de Goeje et al., 14 Bde., Leiden 1879–1901, i, 1274, 1277; cf. W. M. Watt, Muḥammad at Medina, Oxford 1956, 6.
8. Ibn Isḥāq, o.c., 166; Übers. 118.
9. Ibn Isḥāq, o.c., 416; Übers. 281; aṭ-Ṭabarī, o.c. i, 1267.
10. W.M. Watt, „ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muṭṭalib,“ in EI2.
11. Ibn Isḥāq, o.c., 296, 1007; Übers. 203, 680.
12. Wahb b. Munabbih: Raif Georges Khoury, ——. Der Heidelberger Papyrus PSR Heid Arab 23. 1. Leben und Werk des Dichters. 2. Faksimiletafeln, Wiesbaden 1972,  i, 126.
13. Mūsā b. ʿUqba, o.c., Fragment Nr. 6.
14. Ibn Isḥāq, o.c., 217-22; Übers. 150-3; W. Raven, „Some early Islamic texts on the negus of Abyssinia,“ in JSS 33 (1988), 200-1; hier herunterzuladen.
15. Ibn Isḥāq, o.c., 224-7; Übers. 155-7; Bibel,  Apostelgeschichte 9:1–29; s. demnächst auch @hier.
16. L. L. Kern, „Companions,“ in EQ, Bibliography, primary.

Diakritische Zeichen: aṣḥāb an-nabī, faḍāʾil, manāqib al-aṣḥāb, maṯālib, awāʾil, Muṣʿab, Saʿd ibn Abī Waqqāṣ, ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muṭṭalib, Ibn Isḥāq, naǧāšī

Zurück zum Inhalt