Grammatik Klassisch-Arabisch 2.0

🇳🇱 Leser meines Beitrags zur klassisch-arabischen Grammatik werden es gesehen haben: die neueste umfassende Syntax des klassischen Arabisch datiert auf 1921. Alter Kram also, mit dem man sich nicht mehr beschäftigen muss? Sogar die Arbeit an einer Syntax des modern Hocharabisches scheint zum Erliegen gekommen zu sein; um so mehr natürlich die an der klassischen Sprache.

Aber der Wunsch alte arabische Texte zu lesen gibt es in kleinem Kreis noch immer, wenn auch die meisten Leser sich auf religiösen Texten beschränken. Ob Sie es mir glauben oder nicht: Textverständnis erfordert Kenntniss der Grammatik.

Zum Glück haben jetzt einige Arabisten die Initiative ergriffen mit modernen Mittelen die Syntax der älteren Sprache wieder besser zugänglich zu machen. Eine vorläufige Webseite finden Sie hier. Demnächst wird daraus eine Online-Zeitschrift entstehen. Der Gründer, Frank Weigelt, sagt dazu: „Die Seite soll später als Online-Zeitschrift aufgebaut sein, so dass die einzelnen Beiträge als Zeitschriftenartikel zählen und ordentlich zitiert werden können. Die Zeitschrift wird lanciert, wenn der methodische Rahmen feststeht.“

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Ali Mubarak und das Trickle-Down-Effekt

🇳🇱 Wer Arabisch aus dem 19. Jahrhundert lesen mag, landet irgendwann bei ‘Alī Pāshā Mubārak (1823–1893). Dieser vielseitig talentierter Ägypter hätte ursprünglich Imam oder ähnliches werden sollen, aber er rang sich durch zu einem militärischen Ingenieursstudium, studierte darauf fünf Jahre in Frankreich, war im Aufbau und in der Organisation des Unterrichts in seinem Land tätig und hatte einige Male ein Ministeramt inne. Sein Name ist u.a. verbunden mit der Gründung der Nationalbibliothek und der pädagogischen Hochschule (Dār al-‘ulūm), beiden in Kairo, und mit zahllosen öffentlichen Bauaufträgen, wie der Wiederaufbau des Staudammes bei al-Qanāṭir al-Khayrīya nördlich von Kairo. Neben seinen öffentlichen Ämtern fand er noch Zeit dicke Bücher zu schreiben. (Biblio-, Bio- und Autobiographie folgen später.)
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Heute ein übersetztes Fragment aus seinem ‘Alam ad-Dīn, das 1882 erschien und 1486 Seiten und 125 Kapitel zählt. Oder vielmehr „Gespräche“ (musāmarāt), denn es werden Dialoge geführt, wenn die auch sehr hölzern sind. Das Werk hat einige Züge eines Romans: es gibt Personen und etwas wie eine Handlung.
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‘Alam al-Dīn, ein Absolvent der religiösen Azhar-Universität in Kairo, der im Buch meist „der Scheich“ genannt wird, hat große Mühe über die Runden zu kommen und seine Familie zu ernähren. Das Angebot eines namenlos bleibenden englischen Orientalisten ist deshalb sehr willkommen: der Scheich wird diesen Khawwāga (d.h. ein europäischer Herr) als Führer und Dolmetscher in Ägypten begleiten. Später geht er auch mit nach Europa und er nimmt sogar seinen Sohn mit, der sich zweimal in ein französisches Mädchen verliebt. In Frankreich gesellt sich ein gewisser Ya‘qūb zu ihnen: ein ägyptischer Matrose, der dort schon länger wohnt und ihnen als Führer und Gesprächspartner dient.
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Aber die Handlung bleibt dünn, hat kein Ende und wird ständig durch Auskünfte unterbrochen, die der Autor nützlich findet, über Sachen wie die Eisenbahn, die Korkeiche, der Holzwurm und noch vieles mehr. Wenn man diese Teile überspringt, bleibt kein sehr dickes Buch übrig. Allgemeiner Tenor: Man darf mit Ausländer verkehren und gar mit Orientalisten, die auf Grund ihrer Kenntnisse schon fast Muslime sind; man darf auch Sachen aus Europa übernehmen. Offensichtlich ist, wie viel Europa dem alten Ägypten verdankt und wie leicht Europäer sich zum Islam bekehren würden, wenn sie bloß den Koran und den Islam kennen würden. Eheschließungen zwischen ägyptischen Männern und europäischen Frauen sind im Prinzip möglich. Frauen sollen auch zur Schule gehen, damit sie angenehme Gesprächspartner für ihre Männer sein können.
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Im 101. Kapitel lässt Mubārak seine Personen ein wenig über den Unterschied zwischen reich und arm und das trickle-down-Effekt sinnieren. Obwohl er von zu Hause aus nicht sehr vermögend war, wird er später in seinem Leben so viele Besitztümer erworben haben, dass seine Gedankengänge wie von selbst die eines Reichen sind.
Ein Fragment wie das folgende ist an sich nicht spektakulär interessant. Nur, wenn man miteinbezieht, wo und wann es geschrieben ist, und dazu noch andere Texte aus der Zeit liest, wird es sinnvoll ihm Aufmerksamkeit zu schenken, zum Beispiel im Vergleich mit dem eher zum Sozialismus neigenden Fāris al-Shidyāq in Sāq ‘alā sāq (1855). Hier folgt die Übersetzung:

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„„„Der Scheich sagte: „Immer wenn ich durch Paris laufe, verwundert es mich, wie groß es ist, wie viele Einwohner es hat und wie sie Tag und Nacht auf den Beinen sind.“ Der Scheich litt unter seinem Aufenthalt in der Stadt wegen des vielen Verkehrs, den er ständig sah, und der Geräusche von Mensch und Tier, die er ständig hörte. Denn die Kutschen fahren an und ab, Tag und Nacht, und ihre Räder rattern, indem sie gegen die Steine stoßen, mit denen die Straßen belegt sind. Die Fenster der Häuser und Gebäude klappern im Wind und wenn sie auf und zu gehen. Betrunkene und Nachtschwärmer und dazu noch der Verkehr bringen Unruhe, verwirren den Geist und stören die Konzentration.
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Er sagte zu Ya‘qūb: „Wohnten wir doch außerhalb, das wäre angenehmer und gesunder.“ Ya‘qūb antwortete: „Der Scheich hat recht, denn auch der Khawwāga leidet unter dem Wohnen in dieser Stadt, aber dass er hier eine Unterkunft gesucht hat ist, weil sie nah an seiner Arbeit und seinen Freunden ist. Er hat mir eine Wohnung beschrieben, die geräumiger ist als diese, die auf einen Park sieht und etwas abseits von der Straße liegt; wenn der Khawwāga wüsste, wie sehr ihr zu leiden habt, würde er sofort dorthin umziehen.“ Darauf pries der Scheich sie beiden und sagte: „Paris ist eine der prachtvollste Städte der Welt, weil es Kunstwerke, schöne Sachen, Kostbarkeiten und Kuriositäten enthält und die Menschen so wohlhabend sind und die Gebäude so schön, aber ich denke, dass das Leben der Armen hier elend ist, weil so viele Menschen dicht auf einander wohnen.“
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Ya‘qūb sagte: „Vielleicht haben die Armen es in Paris besser als irgendwo sonst. Denn so wie die Reichen sich sehr anstrengen um viel Gewinn zu erzielen, so haben auch die Armen ihre Manieren ihr Brot zu verdienen und ihren Vergnügungen nachzugehen, je nach ihrer Situation. Die Armen entsprechen in jeder Stadt ja immer den Reichen. Je größer die Stadt wird und je reicher die Reichen, nehmen auch die Existenzmöglichkeiten der Armen zu, denn indem sie überall Stellen haben und Dienste leisten, können sie mehrere Sachen zu gleicher Zeit verfolgen, was man nur sieht wenn man gut darauf acht gibt. Ein Hausmeister zum Beispiel beschränkt sich nicht zu seinem Job; nein, man sieht auch, wie er und seine Familienmitglieder noch dazuverdienen. Denn der Mann repariert auch Schuhe und Sandalen, die Frau näht Kleider, die Tochter singt und studiert Gesang und der Sohn zerreibt Zutaten von Farbstoffen(?). Und wenn man darauf achtet kann man in den Straßen arme Leute sehen, die auf dem Boden und im Schlamm altes Eisen und Nägel einsammeln, und Männer und Kinder, die die Pferde der Menschen striegeln, und noch andere, die den Hunden das Haar scheren, oder Streichhölzer und Bonbons und Getränke für Kinder verkaufen. Es gibt Lumpenmänner und Kräuterverkäufer, und Leute die Blätter mit den Nachrichten oder den Spielplänen der Theater anbieten. Alle diese Tätigkeiten sind auf dem ersten Blick von wenig Nutzen, aber oft genug schaffen arme Leute es dadurch zum Grundbesitz und Vermögen, so dass sie zu den höheren Ständen gerechnet werden, und ich glaube, auch Sie haben abends diese Leute gesehen, die das Papier und die Knochen aufräumen, die man auf die Straße geworfen hat?“ „Ja,“ sagte der Scheich und Ya‘qūb fuhr fort: „Das sind Sachen, von denen vielen Leben und mit denen sie das Brot für ihre Familie verdienen. Und dann gibt es noch ganze Gruppen, die leben von Schmeichelei, Schwindel, Spionage, Betrug und dergleichen, wie man das in Großstädten vorfindet.“
Der Sohn des Scheichs sagte: „In Kairo gibt es viele Leute, die Zigarettenstummeln sammeln, die Tabak herausholen und davon neue Zigaretten anfertigen um die auf der Straße zu verkaufen und vom Ertrag zu leben. Andere sammeln Glasscherben und verkaufen die an die Hersteller von Armbänder für arme Frauen, und so weiter.“
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Darauf sagte der Sheikh: „Gott—gelobt und gepriesen sei er— hat es seinen Knechten leicht gemacht in allerlei Manieren Lebensunterhalt zu finden. Er ist wirklich der Ernährer (razzāq) und er hat für jedes Geschöpf seine Art des Broterwerbs gemacht. … .’ ”””

BIBLIOGRAPHIE
– ‘Alī Bāshā Mubārak, ‘Alam al-Dīn, 4 Bde., Alexandrien 1882.
– Andrea Geier, Von den Pharaonen zu den Khediven. Ägyptische Geschichte nach den Ḫiṭaṭ des ‘Alī Mubārak, Frankfurt am Main 1998.
– Rotraud Wieland, Das Bild der Europäer in der modernen arabischen Erzähl- und Theaterliteratur, Beirut 1980, 48-72 und Index unter ‘Alī Mubārak.

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Ibn Khaldun bei Timur Lenk

🇳🇱 Ibn Khaldūn (Tunis 1332–Kairo 1406) ist einer der berühmtesten Araber der Welt. Er war ein Rechtsgelehrter der malikitischen Schule, aber seinen Ruhm verdankt er einem großen Geschichtswerk über Nordafrika, dem Kitāb al-‘Ibar, oder besser gesagt der Einführung dazu: die Muqaddima. Warum das Buch so berühmt geworden ist, erzähle ich gerne ein anderes Mal.
Er hat aber auch eine Autobiografie hinterlassen, eine Seltenheit in der damaligen Welt. Die ist nicht mit modernen Werken der Gattung zu vergleichen. Der Verfasser bleibt an der Oberflache, bietet keinerlei Selbstkritik, aber dafür durchaus Eigenruhm. Er gibt einen schönen Überblick über seinen Lebenslauf, über seine vielen Arbeitgeber überall in Nordafrika und ab 1382 in Ägypten, über Menschen, die er gekannt hat und über seine Funktionen als Richter, Hochschullehrer oder Berater; überdies zitiert er ganze Ansprachen, die er abgehalten hat. Es ist eine wichtige historische Quelle, aber in seine Seele lässt er den Leser nur selten blicken. Alls er auf dem Weg nach Mekka in Ägypten eintraf kam es so, dass ihm ein Amt angeboten wurde, so dass er dort blieb. Er setzte alles daran seine Familie aus Tunis herüberkommen zu lassen; als diese endlich unterwegs war, sank das Schiff in einem Sturm vor der Reede Alexandriens. Zu dieser Tragödie, die ihn sehr berührt haben muss, schrieb er nur zwei Zeilen: „Das Schiff ging unter mit Mann und Maus; groß war mein Schmerz und ich geriet ganz in Verwirrung. Der Sultan enthob mich meines Amtes und bot mir eine Ruhezeit an, so dass ich mich der Wissenschaft widmen konnte, sowohl im Unterricht wie in Schrift.“1 Erst erheblich später trat er wieder eine Professur im malikitischen Recht an.

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Timurs Reich

Als Ibn Khaldūn auf die Siebzig zuging und sich aus allen seinen Ämtern zurückgezogen hatte, erlebte er noch etwas Besonderes. Die Mongolen waren nämlich in Syrien eingefallen, dessen Süden zu Ägypten gehörte, währen der nordöstliche Teil vom kriegslüsternen und grausamen mongolischen Herrscher Tīmūr Lenk (1336–1405) beherrscht wurde.Die Mongolen fielen manchmal in Südsyrien ein; dann musste der Sultan militärisch aktiv werden. Ibn Taimiyya hatte schon vor einem Jahrhundert beklagt, dass die Sultane mit dem Dschihad gegen die Mongolen zu lasch waren, und auch als Tīmūr Aleppo bedrohte, unternahm Kairo anfangs nichts. Erst als Aleppo tatsächlich zerstört wurde und Tīmūr nach Damaskus vorstieß, wurde eine Armee zusammengesetzt. Sultan Faradsch (reg. 1399–1405) führte sie an und machte sich im November 1400 mit zahllosen Emiren und Soldaten auf den Weg. Wie gewohnt nahm er auch die Führer der vier Rechtsschulen mit. Ibn Khaldūn hatte lange die malikitische Rechtsschule in Kairo geleitet, aber war nicht länger im Amt. Man bestand aber darauf, dass er mitging; vielleicht, weil er schon mal mit einem früheren Sultan in Syrien gewesen war. Als sich die Truppen aber Damaskus näherten, kam dem Sultan zu Ohren, dass in seiner Hauptstad ein Komplott gegen ihn geschmiedet wurde. Er trat eilends den Zurückweg an um es niederzuschlagen, wobei er viele Soldaten und die Rechtsgelehrten zurückließ.
Diese Situation war heikel für Ibn Khaldūn und seine Kollegen, aber vor allem für Damaskus, das jetzt nicht länger zu verteidigen war. Es wollte sich ergeben und sich loskaufen von Plünderung und Zerstörung, wie es damals üblich war. Tīmūr bot an die Stadt zu verschonen; einen neuen Statthalter hielt er auch schon bereit. Ibn Khaldūn konnte jetzt für die Damaskener eine Rolle als Ratgeber und als Diplomat im Kontakt mit Tīmūr spielen. Auch über diese Episode kann man in der Autobiographie lesen.
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Vielleicht bauscht Ibn Khaldūn hier seine eigene Rolle etwas auf. „Richter Burhān ad-Dīn erzählte mir, dass er [= Tīmūr] nach mir gefragt hatte, und ob ich mit den Ägyptischen Truppen abgereist oder noch in der Stadt sei.“3 Einer anderen Quelle zufolge war es eher ein Zufall, dass er bei Tīmūr landete. Wie auch immer, eines Tages wurde der betagte Gelehrte in einem Korb über die Stadtmauer heruntergelassen und von Tīmūrs Männern abgeholt.
Der Empfang im mongolischen Lager war freundlich, das Gespräch erfolgte durch einen Dolmetscher. Wie immer trug Ibn Khaldūn maghribinische Kleidung und ließ sich vorstellen als maghribinischer, maliktischer Rechtsgelehrter, wodurch er vielleicht betonen wollte, dass er nicht zu Ägypten gehörte, das ja Tīmūrs Feind war. Der Herrscher fragte gleich weiter über den Maghreb und wollte alles wissen über die Lage bestimmter Orte wie Tanger und Ceuta. Mit einer kurzen mündlichen Beschreibung gab er sich nicht zufrieden; er verlangte einen ausführlichen Bericht über ganz Nordwestafrika. Hier wird uns noch mal einen Einblick in die Seele des Gelehrten vergönnt: ‘Die Angst hatte mich gepackt, wegen der Katastrophe, die dem shafi‘itischen Oberrichter Sadr al-Dīn al-Munāwī widerfahren war. Die Verfolger der ägyptischen Armee hatten ihn in Shahqab verhaftet und mitgenommen. Er wurde bei ihnen gefangen gehalten und es wurde eine Lösegeld verlangt, was mich beängstigte …“4
Kein Wunder also, dass er sich sofort ans Schreiben setzte: Es wurden zwölf Hefte (240 Seiten) voller geographischer und historischer Informationen zu Nordwestafrika, wie Tīmūr sie haben wollte. Als es fertig war, wurde es ins Mongolische übersetzt.
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Fügsam erteilte der Gelehrte also die Informationen; des Weiteren versuchte er seine Angst durch Schmeichelei zu bändigen: „Gott stehe Ihnen bei: Seit dreißig oder vierzig Jahren habe ich mich danach gesehnt, Ihnen zu begegnen, […] weil Sie der Sultan des Universums und der Herrscher der Welt sind; ich glaube nicht, das von Adam bis heute ein Herrscher aufgestanden ist wie Sie!“6 Und dies, so betonte er, sage er nicht von ungefähr, denn als Gelehrter sei er sehr wohl im Stande seine Größe mit der von persischen und römischen Kaisern zu vergleichen, oder mit Alexander dem Großen und Nebukadnezar, und Tīmūr sei bestimmt der größte. Dem fiel es auf einmal ein, dass er mütterlicherseits mit Nebukadnezar verwandt sei, was Ibn Khaldūn dem Dolmetscher gegenüber spontan bejahte: „Noch ein Grund, weshalb ich mich sehnte, ihn zu treffen.“7 Ein anderer triftiger Grund um sich nach Tīmūr zu sehnen war, so Ibn Khaldūn, dass Astrologen die Erscheinung eines mächtigen Herrschers vorhergesagt hatten. Zwar wurde dies meist mit einem ganz anderen Herrscher in Verbindung gebracht, aber Ibn Khaldūn nahm die Freiheit diese Weissagung auf Tīmūr anzuwenden..
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Schmeicheln und schleimen gehörte damals einfach zum Leben. Ibn Khaldūn, der oft genug in Ungnade gefallen war, wird es bei seinen Brotherren getan haben, wie jeder anderer auch, und jetzt setzte er vor Angst noch einen darauf.
War er ein Verräter, kollaborierte er mit dem Feind, indem er ihm die strategisch wichtige Information über Nordafrika zur Verfügung stellte? In der Tat. Aber konnte er anders, in der heiklen Lage in der er verkehrte, mutterseelenallein und wohl wissend wie salopp Tīmūr mit Menschenleben umging? Für ihn würde ja niemand Lösegeld bezahlen.
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Nach fünfunddreißig Tagen konnte Ibn Khaldūn sich am 10. Januar 1401 losreißen und unbehindert nach Kairo zurückkehren—nicht bevor er noch die Einnahme und Plünderung von Damaskus durch die Mongolen erlebt hatte. Seine Scham über den Bericht, den er geschrieben hatte, überwand er zu Hause indem er dem Sultan von Marokko ein Gegenstück sandte: einen Bericht über Tīmūr und die Mongolen.
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Offensichtlich hegte Tīmūr Sympathie für Ibn Khaldūn. Eines Tages wollte er ein Maultier von ihm kaufen. Ibn Khaldūn antwortete: „Menschen wie wir verkaufen einander doch kein Maultier?“ und schenkte es ihm—was sonst hätte er machen können? Später bekam er aber den Geldwert für das Tier durch eine Zwischenperson ausgehändigt, was sehr korrekt war, aber über das Verhältnis zwischen beiden Männern zu denken gibt: War es doch herzlich? Ibn Khaldūn gab sich Mühe diese Geldsendung bei seinem Sultan zu verantworten; er möchte ja in Ägypten nicht durch seinen Kontakt mit Tīmūr kompromittiert werden.8

ANMERKUNGEN
1. Ibn Ḫaldūn, Ta‘rīf 320: فعصف بهم الرياح وغرق المركب بمن فيه وما فيه وذهب الموجرد والمولود فعظم الأسف واختلط الفكر وأعفاني السلطان من هذه الوظيفة وأراحني وفرغت لشأني من الاشتغال بالعلم تدريبًا وتأليفًا.
2. Auf Englisch auch bekannt als Tamerlane. Man könnte ihn besser Tamerlame nennen, denn lenk ist Persisch für lahm. Sein rechtes Bein könnte er kaum gebrauchen; über längere Strecken wurde er getragen oder ritt er zu Pferd. Den Sowjetärzten zufolge, die 1941 seine Überreste untersuchten, litt er an Knochentuberkulose. Tīmūr selbst behauptete, es sei die Folge eines Pfeilschusses in  sein Knie.
3. Ibn Ḫaldūn, Ta‘rīf 403: وأخبرني القاضي برهان الدين أنه سأل عني وهل سافرت مع عساكر مصر أو أقمت بالمدينة. Ibn ‘Arabšāh @
4. Ibn Ḫaldūn, Ta‘rīf 405–6: وقد غلبني الوجل بما وقع من نكبة قاضي القضاة الشافعية صدر الدين المناوي أسره التابعون لعسكر مصر بشحقب وردوه فحبس عندهم في طلب الفدية منه فأصابنا من ذلك وجل
5. Der arabische Text ist nicht erhalten. Es scheint noch eine osmanisch-türkische Übersetzung in Handschrift zu existieren.
6. Ibn Ḫaldūn, Ta‘rīf 407: أيدك الله لي اليوم ثلاثون أو أربعون سنة أتمنى لقاءك […] انك سلطان العالم وملك الدنيا وما أعتقد أنه ظهر في الخليقة مند آدم لهذا العهد ملك مثلك
7. Ibn Ḫaldūn, Ta‘rīf 408: وهذا مما يجعلني على تمني لقاءه
8. Ibn Ḫaldūn, Ta‘rīf 412, 414.

BIBLIOGRAPHIE
–  ‘Abd-ar-Raḥmān Ibn-Ḫaldūn: Kitāb al-ʿIbar wa-dīwān al-mubtada’ wal-khabar fī ayyām al-‘arab wal-‘adjam wal-barbar wa-man ‘āṣarahum min ḏawī as-sulṭān al-akbar, Erstausgabe von Étienne Quatremère, Prolégomènes d’Ebn-Khaldoun, texte arabe publié d’après les manuscrits de la Bibliothèque Impériale, 3 Bde., Paris 1858. Ausg.. Ibrāhīm Šabbūḥ, 14 Bde., Tūnis 2006-2013. Andere Ausgabe: Beirut 2000-2001, auch online. Dies ist das Hauptwerk, das aber auch die Muqaddima und eine Kurzfassung der Autobiographie (at-Ta‘rīf) enthält.
– Ibn Ḫaldūn, Die Muqaddima, Betrachtungen zur Weltgeschichte. Übertragen und mit einer Einführung von Alma Giese unter Mitwirkung von Wolfhart Heinrichs, München 2011. Englisch: The Muqaddimah. An Introduction to History, Übers. Franz Rosenthal, 3 Bde., New York 1958, 1986, auch online.
– Ibn Ḫaldūn, at-Ta‘rīf bi-ibn Ḫaldūn wa-riḥlatihi gharban wa-sharqan, Hg. Muḥammad ibn Tāwīt al-Tanǧī, Kairo 1951, 2003. Französische Übersetzung: Le Voyage d’Occident et d’Orient, Übers. Abdesselam Cheddadi, Paris 1980, 1995. Die Autobiographie.

Sekundär:
– M. Talbi, Ibn Khaldūn, in EI2.
– Walter J. Fischel, Ibn Khaldūn and Tamerlane, Berkeley/Los Angeles 1952.

Diakritische Zeichen: Ibn Ḫaldūn, Faraǧ, Ṣadr al-Dīn, Šaḥqab

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Abd al-Malik als Gründer des Islams

🇳🇱 Am Anfang des Islams stehen der Prophet Mohammed und der Koran. Aber was für ein Islam war das? Der Koran wurde erst im Lauf des 7. Jahrhundert zum Buch und stand als solches nur wenigen zur Verfügung. Die Sunna—also die überlieferte Handlungsweise—des Propheten wurde erst später ausgearbeitet; im 7. Jahrhundert war die wichtigste Sunna die der jeweiligen Kalifen. Die Scharia gab es auch noch nicht. Gab es schon Muslime? Man nennte sich meist „Gläubige“ (mu’minūn), und das Wort Islam als Religionsbezeichnung war noch nicht gängig.
Der Islam war einfach noch nicht auskristallisiert. Er brauchte Gestaltung und dazu hat der Umayyadenkalif ‘Abd al-Malik (reg. 685–705) vieles beigetragen—so viel sogar, dass man ihn als Gründer oder Zweitgründer des Islams auffassen kann.

  • Ein Umayyadenkalif als Gründer des Islams? Mancher Muslim wird das wütend leugnen: die Umayyaden waren doch Mörder, Säufer, Usurpatoren und noch vieles mehr! Mag sein, aber ‘Abd al-Malik hat einen Islam gegründet und ihn der Öffentlichkeit präsentiert. Dass sein Islam abwich von dem Islamentwurf späterer Schriftgelehrten, dafür konnte er nichts.

Als ‘Abd al-Malik antrat hatte er mit vielen Feinden zu kämpfen. Er hatte von seinem Vater zwar ein riesiges Reich geerbt, das ganz Persien und halb Ostrom umfasste, aber das Reich war marode. Der Ostteil wollte nie spuren und war aus Damaskus heraus schwierig zu regieren, Schiiten und Kharidschiten rebellierten und anfangs musste er noch einen anderes Kalifat vernichten: das von ‘Abdallāh ibn az-Zubair (reg. 680–992). Dieser residierte in Mekka; sein kompetenter Bruder Mus‘ab herrschte über große Teile des Iraks und Irans, während den Umayyaden manchmal nicht viel mehr blieb als Syrien und ihre Hauptstadt Damaskus. ‘Abdallāh und seinen Bruder zu vernichten gelang ‘Abd al-Malik 692: Beide wurden getötet, der Bürgerkrieg war beendet. Der Kalif muss erschrocken gewesen sein über die Kluft, die sich aufgetan hatte zwischen Syrien und Arabien. Jetzt kam er darauf an, die Einheit wiederherzustellen.

Geschichtsschreibung
Der nach dem Krieg wiedervereinte Staat brauchte eine allgemein akzeptierte Ideologie und Gründungsmythos, in dem Arabien eine Hauptrolle spielen sollte. Dazu war ‘Urwa ibn az-Zubair (643–712) sehr von Nutzen. Als ‘Abd al-Malik dessen Brüder ‘Abdallāh und Mus‘ab getötet hatte, eilte der viel jüngere ‘Urwa nach Damaskus um seine Haut zu retten und dem Umayyadenkalifen die Treue zu geloben. Das war ein gewagter Schritt, aber er war erfolgreich. Der Kalif, der bereits aus strategischen Gründen eine Staatstrauer für Mus‘ab ausgerufen hatte, verzichtete auf die Hinrichtung ‘Urwas und entschied, ihn lieber zu benutzen. ʿUrwa war der Intellektuelle der Familie, der nie militärisch aktiv gewesen war, sondern sich in Medina in Ruhe dem Studium der Hadith-Ü
berlieferungen, des Rechts und der Prophetenbiographie (sīra) gewidmet hatte. Der Kalif ließ ihn nach Medina zurückkehren und bat ihn, die wahre Geschichte des Islams für ihn niederzuschreiben.

Das tat ‘Urwa: Er schrieb ein ganze Reihe „Briefe“ (rasā’il) an den Kalifen und später noch an dessen Sohn al-Walīd. Diese Texte sind äußerst wichtig, denn sie enthalten den Kern der Prophetenbiographie und der frühen Geschichte der „koranischen Bewegung“—die seit ‘Abd al-Malik „Islam“ heißt. Spätere Autoren greifen fast alle auf ‘Urwas Texte zurück. Die sind kurz gefasst, denn fantastische Erzählungen mochte ‘Abd al-Malik nicht.
‘Urwa war nicht nur ein Sohn des vornehmen Prophetengefährten az-Zubair, sondern auch der Asmā’, der Tochter des ersten Kalifen Abū Bakr. Die Prophetenwitwe Aischa war seine Tante. Somit gehörte er väter- und mütterlicherseits zum frühen Verdienstadel. Seine Schriften „atmen Arabien“ und unterstützen stark Abū Bakr und dessen Familie.
Vor ‘Abd al-Malik drohte die früheste „koranische Bewegung“ auseinanderzuwachsen. In Syrien war die Atmosphäre noch sehr römisch, man verkehrte mit Christen und das heilige Jerusalem war eine formidable Anwesenheit. Im Irak, der persisch beeinflussten Brutstätte des Widerstands gegen Damaskus, entstand gerade die Schia; hier ergingen auch die ersten Rufe nach der Sunna des Propheten und wuchs die Hadith-Literatur heran. ‘Abdallah ibn az-Zubair und seine Brüder fokussierten sich voll auf Arabien und profilierten sich als die treuesten Hüter des Gewohnheitsrechts von Mekka und Medina. Als solche wären sie vielleicht am ehesten zum Kalifat berechtigt gewesen. Durch ‘Urwas Werk wurde dem Erbe Arabiens und des frühen Verdienstadels wieder der zentrale Platz in der offiziellen Ideologie gewährt.

Felsendom
Als der Bürgerkrieg noch wütete, ließ ‘Abd al-Malik auf dem ehemaligen Tempelberg in Jerusalem den Felsendom bauen, der 692 fertig wurde. In der Mitte befindet sich ein großer Felsbrocken, um den Pilger ihre Runden drehen konnten, wie in Mekka auch. Dabei sahen sie dann Inschriften, in denen einige deutliche Aussagen den Triumph des Islams verkünden, etwa: „Die Religion bei Gott ist der Islam.“ (Koran 3:19)
Warum hat der Kalif den Felsendom bauen lassen? Naheliegend ist, das Gebäude als Aussage an die Christen zu interpretieren. Christen bildeten ja den Großteil der Bevölkerung des Westreichs, und für sie war Jerusalem mit seiner alten Grabeskirche ein zentraler Ort. In der Kirche wurde das Heilige Kreuz aufbewahrt, das Kaiser Heraclius erst 630 in die Kirche zurückgebracht hatte, nachdem es von den Persern geraubt gewesen war. Der Felsendom war ein frischer Neubau, herausfordernd durch seine Lage und Schönheit und durch die Inschriften darauf und darin. Aus einer der Inschriften—Koran 4:171—wird klar, was über Jesus zu denken sei:

  • Christus Jesus, der Sohn der Maria, ist [nur] der Gesandte Gottes und sein Wort, das er der Maria entboten hat, und ein Geist von ihm. Glaubt denn an Gott und seine Gesandten und sagt nicht: „Drei“! Hört damit auf, das ist besser für euch. Gott ist [nur] ein [einziger] Gott, gelobt sei er! Dass er ein Kind haben würde!

Jahrhunderten christlichen Gezänks über die Natur Christi sollte mit diesem und anderen Korantexten ein Ende gesetzt werden. Auch Mohammed wird in den Inschriften erwähnt; das war zuvor noch kaum in der Öffentlichkeit getan worden.

‘Abd al-Malik hatte große Verdienste für das Reich. Er hat die Einheit wiederhergestellt, innere Feinde klein gehalten und den Kaiser in Konstantinopel in die Schranken gewiesen. Er hat Verwaltungsreformen und eine Münzreform durchgeführt, wobei er aus dem römischen solidus, dem Euro der damaligen Zeit, ausstieg. Arabisch hat er zur Amtssprache gemacht. Das alles waren sehr wichtige Errungenschaften, aber nachhaltiger waren seine Förderung einer islamischen Identität und sein Anstoß zu einer islamischen Geschichtsschreibung.

Mit dem Abschied vom Christentum wurde der arabische Islam geboren. Allmählich verschwand immer mehr von dem jüdischen und christlichen Material (den isrā’īlīyāt), das anfangs die „Erzählungen“ und Genealogien, die Korankommentare und die Prophetenbiographie gefüllt hatte; es wurde eine deutliche „Entbibelung“ durchgeführt. Mekka, die Ka‘ba und Medina standen fortan im Mittelpunkt. Und der Prophet Muhammad wurde immer wichtiger, bis im achten Jahrhundert seine Sunna die der Kalifen entmachtete.

BIBLIOGRAFIE
– A. Görke und G. Schoeler, Die ältesten Berichte über das Leben Muḥammads. Das Korpus ‘Urwa ibn az-Zubair, Princeton 2008.  (‘Urwas Texte in deutscher Übersetzung gesammelt und analysiert)
– Chase Robinson, Abd al-Malik, Oxford 2005.

Diakritische Zeichen: ʿAbd al-Malik, Muṣʿab, ʿAbdallāh, ʿUrwa, ʿĀʾiša

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Wie sah Mohammed aus?

🇳🇱 Wie Mohammed aussah, weiß niemand; es gibt ja keine zeitgenössischen Abbildungen von ihm (s. dazu hier.) Es gibt aber zahlreiche Beschreibungen von seinem Aussehen. Die frühesten datieren von ca. dreiviertel Jahrhundert nach dem Tod des Propheten; die meisten sind jünger.
Die Anzahl alte Texte zu diesem Thema  ist viel zu groß für einen kurzen Artikel. Deshalb werde ich hier nur die Hadithe in den Ṭabaqāt von Ibn Sa‘d (784–845), und die im Ṣaḥīḥ des Muslim ibn Hadjdjādj (gest. 875) auswerten, mit noch einigen losen anderen Texten aus Sīra und Hadith
 dazu. Die Hauptsachen dürften damit erfasst sein.
Mir geht es nicht darum, die „korrekte“ Überlieferung ausfindig zu machen oder die endgültige Beschreibung des Propheten zu erreichen; das wäre ja ohnehin unmöglich. Ich versuche nur zu verstehen, was die Verfasser dazu gebracht hat, ihn so zu beschreiben, wie sie sie es tun, und ich sehe darin einige Tendenzen. In anderen Fällen bleibt unklar, was sie mit ihren Beschreibungen vorhatten.

1. Mohammed sah beeindruckend und schön aus
Weil Mohammed für seine Anhänger der wichtigste Mensch überhaupt war, dem das höchste Lob gebührte, liegt es nahe, dass man ihn als sehr gut aussehend, gar schön beschrieben hat. Sein Aussehen war einzigartig; verschiedene Gefährten bezeugen, dass sie weder vor ihm noch nach ihm jemanden gesehen haben wie er.1 Er war eine stattliche, ehrwührdige Erscheinung.2 Seine Körperliche Eigenschaften liegen zum Teil im übernatürlichen Bereich. Der Prophet soll strahlend, leuchtend ausgesehen haben. Er wird auch „weiß“, abyaḍ genannt. Das kann einfach die Hautfarbe bezeichnen, die weiter unter besprochen wird, aber an manchen Stellen ist durchaus das strahlende Weiß einer ganz besonderen Erscheinung gemeint. Man muss es aber nicht unbedingt wörtlich nehmen; solche Adjektive können auch stehen für „nobel, fehlerlos, untadelig“.3 Er war noch glänzender als ein Schwert, vielmehr wie die Sonne oder der Mond;4 sein Gesicht glänzte wie der Mond in einer Vollmondnacht.5 Er hatte eine weiße Blesse auf dem Stirn, wie auch sein Vater eine hatte als er zu Āmina ging um ihn zu zeugen; hier darf man an das präexistente „Licht Mohammeds“ (nūr Muḥammad) denken.6 Sein Nacken war wie eine silberne Kanne, bzw. wie der Nacken eines silbernen Standbildes.7
Sein Körpergeruch war äußerst angenehm. Wie einer sagte: „Ich habe kein Moschus oder Amber gerochen, der wohlriechender war als er.“8 Auch sein Schweiß soll wohlriechend und segensreich gewesen sein; die Prophetengattin Umm Sulaim fing ihn auf und mischte ihn durch ihren Parfüm.9 Der Schweiß in seinem Gesicht war wie Perlen.10

Andere, oder oft genug auch dieselbe, Hadithe beschreiben körperliche Eigenschaften des Propheten, die zwar sehr lobenswert sind, aber auch bei anderen Menschen nicht selten sind. Ich gehe davon aus, dass die folgenden Beschreibungen Lob bezweckten:
Er war breitschultrig,11 hatte eine breite Brust,12 dicke Knochengelenke, starke Schultern,13 lange, bzw. große Arme und Beine,14 große, bzw. kräftige Füsse, schlanke Fersen,15 große, bzw. kräftige Hände und Finger,16 aber: „Ich habe nie etwas berührt, sei es Brokat oder Seide oder was auch immer, das sanfter war als die Handfläche des Propheten“17—was vielleicht darauf hinweist, dass er nicht körperlich arbeiten musste.
Sein Kopf war groß,18 sein Gesicht sehr schön.19 Er hatte einen breiten, bzw. einen schönen Mund;20 die Backen waren glatt.21 Seine Augen werden als groß und als schwarz bezeichnet;22 das Weiße im Auge hatte etwas Rötliches;23 die Augenbrauen waren zusammengewachsen;24 die Wimpern waren lang.25 Er hatte vollkommene Ohren.26
Das Kopfhaar soll tiefschwarz, bzw. dicht gewesen sein;27 der Bart schön, dicht, sehr schwarz.28
Er lief energisch. „Ich habe nie jemanden gesehen,“ sagte ein Gefährte, „der schneller lief als der Prophet, als würde die Erde für ihn zusammengefaltet. Wir mussten uns anstrengen [um mitzuhalten], aber das war ihm egal.“ Und: „Wenn er mit Anderen lief, war er ihnen weit voraus.“29

Es drängt sich ein Bild von einem stark gebauten, bulligen Mann auf; so hatte man ihn wohl gern. Jemand könnte meinen, die Schlankheit der Fersen passt nicht so gut zu den großen Füssen, der schnelle Gang nicht zu dem schweren Körperbau. Aber alle diese Hadithe sind Ansammlungen von kleinen Elementen, die untereinander leicht auswechselbar sind und nie zu einem zusammenhangenden Bild führen. Unten wird das noch deutlicher werden.
Dass Mohammed einem Hadith zufolge mal einen Ringkampf gegen den stärksten Mann seines Stammes gewann, sagt nichts aus. Das ist eine Wundergeschichte; ohne Gottes Hilfe hätte er ihn nie besiegen können.

2. Nicht dies und nicht das: ein Mann der Mitte
Er war von mittlerer Körperlänge,30 nicht lang und nicht kurz,31 nicht dick und nicht mager,32 nicht mattweiß und nicht rötlich (ādam),33 weder kraushaarig noch glatthaarig.34 Hier kommt ein altes arabisches Adagium zur Anwendung: Die Mitte oder der Mittlere ist immer das Beste.35

3. Er sah besser aus als die anderen Propheten
Der Prophet wird zitiert in Beschreibungen der früheren Propheten, die er während seiner Himmelfahrt gesehen hatte. In einer der Varianten des Hadiths heißt es: „Ich sah ‘Īsā, Mūsā und Ibrāhīm. ʿĪsā ist kraushaarig, rötlich (aḥmar) und hat eine breite Brust. Mūsā ist rotbräunlich (ādam), beleibt und hat glattes Haar, als gehörte er zum Zuṭṭ-Volk.“„Und Ibrāḥīm?“ fragten sie. Er sagte: „Schaut auf euren Gefährten, den Gesandten Gottes, [dann weißt ihr es].“36. Einer anderen Fassung zufolge war Mūsā jedoch rotbräunlich, hochgewachsen, mit einer Hakennase, als gehöre er zum Stamm Shanū’a.37 Oder ähnlich. aber mit den Ergänzungen: „dürr, mit gekräuselten Haaren“.38 An derselben Stelle heißt es, dass ‘Īsā „rötlich war, weder kurz noch lang, dass er Sommersprossen und glattes Haar hatte und aussah, als sei er gerade aus dem Bad gekommen; man würde meinen, sein Haar tropfe vor Wasser, was aber nicht so war.“
Das vermeintliche Aussehen Mohammeds wird theologisch instrumentalisiert. Moses und Jesus waren mit ihren ausgesprochenen Eigenschaften im Aussehen keine „Männer der Mitte” wie Mohammed. Wie Sommersprossen und Hakennasen bewertet wurden, weiß ich nicht; ich vermute, dass sie als weniger schön galten. Auf jeden Fall sah Mohammed besser aus als die Propheten der Juden und Christen. Aber von Abraham sagt er: „Nie habe ich einen Mann gesehen, der mir ähnlicher war.“
Übrigens gibt es auch Beschreibungen von der Schönheit gewisser Propheten, die nicht mit Mohammed in Konkurrenz standen. Namentlich Hārūn soll besonders gut ausgesehen haben, und natürlich Yūsuf, in den Zulaika vernarrt war.37

4. Mohammed sah ganz normal aus
Er war ja ein Mensch wie alle anderen, wie auch der Koran betont. Hier folgen Beschreibungen von körperlichen Eigenschaften des Propheten, die offensichtlich nicht als Lob gemeint waren. Es kann aber auch sein, dass ich nicht verstanden habe, wie man die Eigenschaften damals betrachtet hat. Zusammengewachsene Augenbrauen oder ein Bauch werden in unterschiedlichen Kulturen und Zeiten ganz anders bewertet und das dürfte auch bei anderen Eigenschaften der Fall sein.
Wie oben schon erläutert steht Mohammeds Hautfarbe „weiß“, abyaḍ, oft für „strahlend, nobel, fehlerlos, untadelig“. Aber oft genug wird das Wort auch für die eigentliche Hautfarbe benutzt, die dann meistens eine rötliche Beimischung hat.39 Die Hautfarbe des Propheten wird auch braun, asmar, genennt, oder braun neigend zu weiß.40 Oder er war weder hellhäutig noch dunkler; s. oben unter 2.
Seine Hüfte und Achseln, gesichtet beim Gebet, werden weiß genannt. Man wollte wohl auf die ursprüngliche, natürliche Hautfarbe hinweisen.41 Gesicht, Arme und Beine werden ja durch die Sonne gebräunt gewesen sein.

Dass der Prophet tiefschwarzes, dichtes Kopfhaar hatte, habe ich als Lob aufgefasst. Die Haarlänge und der Scheitel sind aber schwierig zu bewerten; überdies können sie variabel gewesen sein. Einem Text zufolge war er glatthaarig,42 aber viel mehr Texte betonen, dass er als „Mann der Mitte“ weder kraushaarig noch glatthaarig war. s. oben. Sein Haar reichte bis zur Hälfte der Ohren, oder bis zu seinen Ohrläppchen, oder endete halbwegs zwischen den Ohren und Schultern, oder es reichte bis zu seinen Schultern.43 Er ließ seine Stirnlocken abhängen und scheitelte den Rest (?).44 Die Fragen, ob der Prophet beim Altern grau- oder weißhaarig wurde, und ob er seine Kopfhaare und Barthaare färbte, hat eine Flut von Texten generiert, die ich hier nicht berücksichtige, weil sie bereits erforscht worden sind (→ Juynboll).
Am Körper soll der Prophet kaum behaart gewesen sein.45 Oder doch: Die Unterarmen und Brust waren behaart, bzw. auch seine Schultern.46 Er hatte eine Haarlinie von der Brust bis an den Nabel (masruba). Diese Behaarung war fein, bzw. lang.47

Mohammeds schnellen Gang habe ich oben schon erwähnt, weil ich den als eine positive Eigenschaft deute. Seine Gangart war das nicht; die war vielmehr etwas merkwürdig. Die Überlieferung schwankt stark: Wenn er lief beugte er sich vornüber.48 Wenn er lief beugte er sich vornüber, als liefe er bergauf.49 Wenn er lief, war es, als ginge er bergab.50 Wenn er lief beugte er sich (Var.: ein wenig) vornüber, als liefe er bergab.51 Wenn er lief (oder: Wenn er aufstand), war sein Schritt unfest, als liefe er bergab.52 Wenn er sich umdrehte, drehte er sich ganz um.53 Er wandte sich ganz nach vorn und ganz nach hinten.54  Keine klare Vorstellung habe ich bei diesem Text: „Der Prophet setzte seinen linken Fuß so auf, dass man sehen konnte, dass die die Außenseite schwarz war (?).55

War Mohammed dick? In der Erzählung zu der Schlacht bei Uḥud muss jemand dem Propheten beim Besteigen eines Felsen behilflich sein, von dem heraus er die Schlacht beobachten will, „weil er beleibt war und überdies zwei Panzerhemde über einander trug; als er versuchte hoch zu kommen, gelang ihm das nicht.“56 Umm Hāni’, die Tante des Propheten, bei der er zur Zeit seiner Himmelfahrt nächtigte, beobachtete Falten an seinem Bauch: „Ich packte ein Teil seines Oberkleides, so dass sein Bauch sichtbar wurde: [wie] ein gefaltetes koptisches Tuch.“57 War das ein Zeichen der Korpulenz, oder betraf es vielleicht die Narben der „Spaltung des Bauchs“ (shaqq al-baṭn) durch zwei Engel, die kurz vor der Himmelfahrt stattfand? Falten will auch eine gewisse Umm Hilāl gesehen haben: „Immer wenn ich den Bauch des Propheten sah, musste ich an über einander gefaltete Blätter denken.“58
Die Aussage in einem Hadith, in dem der Prophet von sich selbst sagt „Ich bin dick“, ist nicht aussagekräftig, weil er als Basis einer Schariaregel dienen soll; s. unten.
Wie auch immer: Die etwaige Korpulenz des Propheten sollte man nicht nach modernen Maßstäben bewerten. Der Bauch konnte ein Statussymbol sein, ein Nachweis, dass man reichlich zu essen hatte. Einen Sixpack hatte ja jeder.

5. Ein besonders Merkmal
Ein merkwürdiges Merkmal am Körper des Propheten war das Siegel oder der Stempel des Prophetentums (ḫātam an-nubuwwa oder an-nabīyīn).59 Das war eine Geschwulst auf seinem Rücken, oder zwischen seinen Schultern, so groß wie ein Taubenei, dem Rest seines Körpers ähnlich60—farblich oder in Konsistenz?—oder alternativ: wie der Knopf eines Brautzeltes,61 oder ein Stück Kamelkot,62 oder wie ein Apfel,63 oder wie ein Haarbüschel,64 oder faustgroß mit Muttermalen wie Warzen oben darauf65—die Texte variieren. Mehrere Gefährten des Propheten sollen das Siegel gesehen oder betastet haben.66 Der Vorschlag einiger Gefährten—alle angeblich medizinisch bewandert— die Geschwulst zu behandeln bzw. auszuschneiden, wird vom Propheten abgelehnt: Der beste Arzt sei Gott, der sie erschaffen hat.67
Wie kam man auf den Ausdrück ḫātam an-nubuwwa? Es ist unmöglich nicht an Koran 33:40 zu denken, wo die Rede ist von ḫātam an-nabiyīn, „das Siegel der Propheten“. Man hat sich natürlich gefragt was das bedeuten sollte; dabei dürfte das Wort ḫātam nicht allen Hörern vertraut gewesen sein. Ein Teil der Exegeten hat dabei offensichtlich an etwas Körperliches gedacht, und siehe da: das Siegel nahm Gestalt an.

6. Vorlagen für Schariaregeln
Gewisse Körperbeschreibungen Mohammeds dienten (auch) als Vorlage für Verhaltensregeln.
– Was zu tun wenn ein Imam dick ist und seine Bewegungen beim Gebet langsam sind? Die Gläubigen möchten das Ritual vielleicht schneller zu Ende bringen als er. Ein Hadith, in dem man den Propheten sagen lässt: „Ich bin dick“ (baṭuntu) war jedoch Vorlage für eine Shariaregel: Wenn der Imam langsam ist, sollen die Gläubigen bei den Bewegungen im Gebet seinem Tempo folgen und nicht schneller sein als er.68
– Träger gewisser Frisuren können sich die Haarlänge des Propheten vorgestellt haben um die eigene zu empfehlen.
– Soll oder darf man sich die Haare oder den Bart färben? Es gibt Hadithe, denen zufolge der Prophet sie färbte, mit Henna, Safran und Indischgelb (wars) und somit eine sunna etablierte (→ Juynboll).
– Was macht man mit einer Geschwulst; etwa auf- oder ausschneiden? Nein, unbehandelt lassen; der Prophet war selbst Vorbild. Mann kann die Texte, in denen der Prophet seine Geschwulst nicht verarzten lassen wollte, auch als „prophetische Heilkunde“ (ṭibb an-nabī) lesen.

Es ist manchmal schwierig festzustellen, wann eine Eigenschaft normal, gewöhnlich, oder lobenswert war. Ein glänzendes Gesicht und breite Schultern kann man ohne weiteres als positiv auffassen, aber eine merkwürdige Gangart? Und was bedeutet z.B., dass er sich nur ganz umwandte? Hatte er einen steifen Nacken oder ein Rückenleiden, so dass er seinen Kopf nicht drehen konnte? Oder ist es ein Lob, weil er sich seinen Gesprächspartnern voll und ganz zuwandte? Oder hat es noch einen anderen Hintergrund?

Bei vielleicht der Hälfte der Texte ist hinter der Beschreibung eine Absicht verborgen, die die reine Beschreibung übersteigt; bei der anderen Hälfte ist nicht festzustellen, welchem Zweck sie gedient haben können. Man könnte fast meinen, er liegen Erinnerungen an realen körperlichen Eigenschaften des Propheten vor. Das kann aber auch nicht sein, dafür sind die beschriebene Eigenschaften unter einander zu strittig. Lief er nun schnell oder unsicher? Quasi nach oben oder nach unten? Läuft ein bulliger Mann überhaupt schnell? Passen schlanke Fersen zu großen Füssen? Und angenommen, der Prophet hatte wirklich eine Geschwulst auf seinem Rücken, hat man das einander Jahrzehntelang weitererzählt?

Wissenschaft?
Jemand sagte zu mir: Das ist Wissenschaft, was du hier machst, warum schickst du es nicht an eine Fachzeitschrift?
Nein, es ist keine Wissenschaft, sondern ein Aufsatz, eine Sondierung, eine Vorübung. Wissenschaft wäre: „alle“ relevante Hadithe—zwischen Anführungszeichen, weil man sie nie alle findet—zu sammeln, lexikalisch zu studieren, Isnadanalysen und Datierungsversuche anzustellen und wo möglich die Entwicklung und den Sitz im Leben der Thematik zu untersuchen. Das würde mindestens drei Monate dauern.
Solche Wissenschaft wird aber in diesem Fachgebiet nicht länger betrieben. Die Zeit ist nicht danach. Hadith, obwohl nach aller Meinung eine sehr wichtige Literaturgattung, wird weiterhin nicht studiert.

ANMERKUNGEN
IS = Ibn Sa‘d, Ṭabaqāt, Band i, 410–36. Ich erwähne die Seite und die Nummer des Hadith, die allerdings im Text nicht angezeigt wird.
Muslim = Muslim, Ṣaḥīḥ, Buch Faḍāʾil.
IH = Ibn Hišām, Sīra.
1. لم أر (قبله ولا) بعده مثله HI 266; Muslim 91, 92; IS 410:2; 411:1–3; 412:1–2; 414:2, 4, 6; 415:1–4; 418:6.
2. فخم مفخم IS 422.
3. أبلج IS 411:2; أبيض Muslim 98, 99; IS 417:4; 418:1, 5; 419:7; أزهر IS 410:3; 413:2; 419:7; 422; أبيض شديد الوضح IS 411:2; له نور تعلوه IS 422;  أنور المتجرَّد IS 422.
4. أوجهه مثل السيف؟ فقال جابر: مثل الشمس والقمر مستدير IS 416:2, 5; 419:3.
5. يتلؤلأ وجهه تلألؤ القمر ليلة البدر IS 422.
6 أغرّ IS 411:2. Zu Mohammeds Vater IH 101.
7. كأن عرقه إبريق فضة IS 410:2; كأن عنقه جيد دمية في صفاء الفضة IS 422.
8. ولا شممت مسكة ولا عنبرة ما أطيب من ريحه IS 413:2, 3; 414:3; ريح عرقه أطيب من المسك الأذفر IS 410:2.
9. Muslim 83, 84.
10. كأن عرقه في وجهه اللؤلؤ IS 410:2; 411:2; 412:1.
11. بعيد ما بين المنكبين Muslim 91, 92; IS 412:2; 414:5; 415:2; 416:3–4; 422; جليل الكتد IH 266; IS 411:3.
12. رحب الصدر IS 415:2; عريض الصدر IS 422.
13. ضخم الكراديس IS 411:1; 422; عظيم الكراديس IS 412:2; جليل المُشاش IH 266; IS 411:3; عظيم المناكب IS 412:1; ضخم المنكبين IS 415:2; 415:5.
14. سبج الساعدين IS 414:5; عظيم الساعدين IS 415:2; ضحم السافين IS 415:2 .
15. صخم القدمين IS 414:2, 4; IH 266; IS 410:2, 3; 411:1–3; 412:1, 2; 415:2; 422; شثن الأطراف IS 415:5; منهوس العقبين Muslim 97; IS 416:1.
16. ضخم الكفين IS 414:4; شثن الكف، الكفين IH 266; IS 410:2, 3; 411:1–3; 412:1, 2; 415:2; 422; شثن الأطراف IS 415:5; شثن الأصابع IS 418:3, 6.
17. وما مسست ديباجة ولا حريرة ولا شيئا قط ألين من كف رسول الله IS 413:2, 3.
18. ضحم الرأس IS 411:1; ضخم الهامة ;412:2 IS 410:3; 411:2.
19. حسن الوجه IS 414:4; 418:5; 420:4, أحسن الرجال وجها; Muslim 93, 98; مليح الوجه IS 417:4; 418:1; جميل دوائر الوجه IS 417:1.
20. ضليع الفم Muslim 97; IS 415:2; 416:1; حسن الفم IS 412:2; 415:2; حسن المضحك IS 417:1
21. سهل الخد IS 410:2.
22. عظيم العينين  IS 410:3; أدعج العينين IH 266; IS 410:2; 411:3; 415:5; أكحل العينين IS 417:1; أسود الحدقة IS 412:1.
23. أشكل العين Muslim 97; dem Herausgeber Fuʾād ʿAbd al-Bāqī zufolge ist diese Eigenschaft lobenswert; مشرب العينين حمرة IS 410:3;  في عينيه حمرة  IS 412:2.
24. مقرون الحاجبين IS 412:2; dies wurde wohl positiv bewertet.
25. أهدب الأشفار IH 266; IS 410:3; 411:2–3; 412:1–2; 414:5–6; 415:2, 3, 5.
26. تام الأذنين Muslim 97; IS 412:2; 415:2.
27. أسوده IS 412:2;  شديد سواد الشعر IS 418:3; فما أنسى شدة … سواد شعره IS 419:1; عظيمة الجمة Muslim 91; ذا وفرة IS 410:2; 422.
28. حسن اللحية IS 412:2; 415:2; 418:3; كث اللحية IS 410:2, 3; 422; شديد سواد الرأس واللحية IS 418:3; قد ملأت لحيته ما لدن هذه الى هذه، وأشار الى صدغيه ختى كادت ملأت نحره IS 417:1.
29. إذا مشى مشى مجتمعا ليس فيه كسل IS 417:3; وما رأيت أحدا أسرع في مشيه من رسول الله كأنما الأرض تطوى له إنه تجهد أنقسنا وإنه لغير مكترث IS 415:1, 4; إذا جاء مع القوم غمرهم IS 411:2; إذا مشى هرول الناس وراءه IS 418:6; يمشي ويمشون IS 419:1.
30. مقصَّد Muslim 99; IS 417:4;  في الرجال أطول منه وفي الرجال أقصر منه IS 413:1: 415:4; 419:1; مربوع ، رَبعة IH 266; IS 411:3; 413:1; 415:2; 416:3; 418:5.
31. ليس بالطويل ولا بالقصير، لا طويل ولا قصير IS 410:2; 411:1, 3; 412:1–2; 413:1; 414:3, 415:2; 416:4, 418:3, 6.
32. FEHLT NOCH@
33. ليس بالأبيض الأمهق ولا بالآدم IS 413:1; 418:3.
34. ليس بالجعد القَطط ولا بالسبط، ليس بالجعد ولا السبط Muslim 94; IH 266; IS 411:3; 412:2; 413:1; 418:3, 6.
35. خيرهم أوسطهم، خير الأمور أوسطها , so z.B. in Kommentaren zu Koran 68:28 und in Hadithen, z.B Buḫārī, Manāqib 24, und Buḫārī, Faḍāʾil al-Aṣḥāb 5 أوسط العرب.
36. IS 417:2. Die Zuṭṭ sind ein Roma-Volk in Oman.
37. IH 270.
38. IH 266.
39. أبيض مشرب حمرة IH 266; IS 410:2; 411:1,3; 412:1, 2; IS 415:5; IS 418:3, 6;
40. أسمر IS 414:1; أسمر الى البياض IS 417:1.
41. بياض إبطيه IS 420:7; 421:1–4,6; أبيض الكشحين IS 414:6; 415:3; 421:6.470. سبط الشعر IS 410:2.
42. سبط الشعر IS 410:2.
43. الى أنصاف أذنيه Muslim 96 ; يبلغ شعره شحمة أذنيه Muslim 91; IS 416:3; بين أذنبه وعاتقه Muslim 94; يجاوز شعره شحمة أذنيه IS 422; كان يضرب شعره منكبيه Muslim 92, 95.
44. سدل  ناصيته ثم فرق بعد Muslim 90.
45. أحرد IH 266; IS 411:3; ليس في بطنه ولا صرده شعر غير [المسربة] ه IS 410:2.
46. أشعر الذراعين والصدر IS 415:5. EINE STELLE FEHLT NOCH@
47. ذا مسربة IS 411:3; 415:5; في صدره مسربة  IS 412:1; له شعر من لبته الى سرته يجري كالخط/كالقضيب IS 410:2; 422; دقيق المسربة IH 266; IS 410:2; طويل المسربة IS 411:1; 412:2.
48. إذا مشى تكفّأ IS 413:2; فيه جنأ IS 412:2
49. إذا مشى تكفّأ كأنما يمشي في صعد IS 410:3; 412:1; 415:5.
50. إذا مشى كأنما ينحدر من صبب  IS 410:2; 411:2, 3.
51. إذا مشى تكفّأ (تكفّؤًا) كأنما ينرل/ينحط من صبب  IS 411:1, 3; 412:2; 422.
52. إذا مشى تقلّع كأنما ينحدر من صبب  IH 266; IS  411:2. تقلّع Kazmirski: être déraciné. Ibn Hishām: لم يثبت قدمه; لم يثبت قدمه إذا قام كأنما ينقلع من صخر IS 410:2.
53. إذا التفت التفت معا/جميعا IH 266; IS 410:2, 3; 411:3; 415:5; 417:3; 420:2, 3; 422.
54. يقبل جميعا/معا ويدبر جميعا/معا  IS 412:2; 414:5, 6; 415:2, 3.
55. كان يفترش قدمه اليسرى حتى يرى ظاهرها أسود IS 419:5.
56. ونهض رسول الله الى صخرة من الجبل ليعلوه وقد كان بدن رسول الله وظاهر بين درعين فلما ذهب لينهض لم يستطع فجلس تحته طلحة بن عبيد الله فنهض به حتى استوى عليها. IH 576–7.
57. فأخدت بطرف ردائه فتكشّف عن بطنه كأنه قبطية مطوية IH 267.
58. ما رأيت بطن رسول الله قط الا ذكرت القراطيس المثنية بعضها على بعض IS 419:2.
59. IH 266; IS 411:3; 415:4.
60. بيضة الحمامة Muslim 110; مثل بيضة تشبه جسم IS 425:1, 2, 3;  427:1, 3.@@@
61. Muslim 111.
62. بعرة البعير IS 427:1.
63. مثل التفاحة IS 427:2.
64. شعر مجتمع عند كتفيه IS 425:4.
65. مثل الجمع … حوله خيلان كأنها الثآليل Muslim 112; IS 426:2.
66. Muslim 110–112; ورأيت خاتمه عند كتفيه مثل بيضة تشبه جسمه ؛ ثم أذخلت يدي في جيب قميصه الخ IS 425:1–4;  426:2, 3; 427:1–3.
67. يا رسول الله إني كأطبّ الرجال ألا أعالجها؟ فقال: لا طبيبها الذي خلقها IS 426:3; 427:1–3.
68. إني بدنت فلا تبادروني بالقيام في الصلاة والركوع والسجود IS 420:5.

BIBLIOGRAFIE
– Ibn Hishām: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, ed. F. Wüstenfeld, Göttingen, 2 dln., 1858–60 [editio princeps des arabischen Texts]. Auch online vorhanden.
– Ibn Sa‘d, aṭ-Ṭabaqāt al-kubrā, hg. Iḥsān ‘Abbās, 9 Bde., Beirut (Dār Ṣādir), o.J.
– Muslim ibn Ḥaǧǧaǧ, Ṣaḥīḥ, Hg. Fuʾād ʿAbd al-Bāqī, 5 Bde., Kairo 1955.
– Wolfdietrich Fischer, Farb- und Formbezeichnugen in der Sprache der altarabischen Dichtung, Wiesbaden 1965.
– G.H.A. Juynboll, „Dyeing the Hair and Beard in Early Islam. A Ḥadīth-analytical Study,“ Arabica 33 (1986), 49–75.

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Al-Hakim: ein Verrückter auf dem Thron?

🇳🇱 In jedem politischen System landet schon mal ein Verrückter auf dem Thron. Nebukadnesar, Nero, Caligula, Iwan, Adolf, Bokassa und etliche andere—wie man weiß, passiert es auch heute noch. Aus dem arabischen Kulturkreis kann ich Ihnen den Kalifen al-Hākim (geb. 985, reg. 996-1021) anbieten, der aus seiner Hauptstadt Kairo heraus über ein Reich herrschte, das sich von Tunis bis in den Norden des heutigen Syriens erstreckte. Er gehörte zur Dynastie der Fātimiden, die schiitisch war nach ismailitischem Bekenntnis (die „Siebener-Schiiten”). Für sie hatte ein Kalif—oder ein Imam, wie sie ihn lieber nannten—absolute Macht und war so etwas wie ein Demiurg oder Messias.
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Dass al-Hākim geisteskrank war, meinte bereits Yahyā al-Antākī, ein christlicher Arzt und Historiker, der in Ägypten lebte, bis er dem Land 1014  entfloh. Er attestierte dem Kalifen Gehirnkrämpfe und Melancholie. Wie machte sich al-Hākims Geistesstörung bemerkbar? Er folgte seinem Vater auf dem Thron als er elf Jahre alt war. Mit fünfzehn wollte er nicht länger von seinem Vormund, dem Eunuchen Bargawān, gegängelt werden; er ließ ihn während eines gemeinsamen Spaziergangs ermorden. Das war die erste Äußerung seiner blutrünstigen Neigungen. Ein schönes Kind soll er eigenhändig getötet und ausgeweidet haben, einen Diener persönlich mit einem Hackbeil umgebracht haben, aber meistens überlies er dass Töten seinen Sklaven.
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Al-Hākim versuchte sein Reich in Ordnung zu bringen indem er Korruption und Machtmissbrauch am Hof und in den Verwaltungsorganen bekämpfte. Was anfangs vielleicht als eine gutgemeinte Säuberungsaktion erschien, erwies sich bald als ein Terrorregime. Der Kalif mochte Schnellverfahren und das Strafmaß war oft die Todesstrafe; dabei wurden Minister und hohe Beamte nicht verschont. Er hatte ja die absolute Macht, und jemand umbringen zu lassen war kinderleicht, wie er früh gelernt hatte. Während seiner Regierung sind unzählige Menschen, gerne auch aus der Elite, standrechtlich verurteilt und hingerichtet worden. Beim „Volk“ war er aber beliebt, und er war sogar bekannt für seine Zugänglichkeit und Gerechtigkeit.
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Mehr als die Hälfte der Einwohner Ägyptens zu jener Zeit waren Christen; Juden gab es ebenfalls. Die meisten Muslime waren Sunniten, während der Herrscher Schiit war. Weil viele Verwaltungsfunktionen in christlichen Händen waren, fielen seinen „Säuberungen“ viele Christen zum Opfer. Der Kalif ließ auch Kirchen, Klöster und gelegentlich eine Synagoge zerstören. Er enteignete die Besitztümer seiner Mutter und Schwester und ließ seinen Onkel Arsenios im Jahr 1010 sogar meucheln; der war der griechisch-orthodoxee Patriarch von Alexandrien und Jerusalem. Seine Mutter war nämlich eine Christin, und zwar eine griechisch-orthodoxe: orientiert an Konstantinopel — dem Feind! Es fanden erzwungene Bekehrungen zum Islam statt — obwohl der Koran das verbietet. Christen und Juden sollte erniedrigende, sie von den Muslimen absetzende Kleidung tragen, und sogar lächerlich große Unterscheidungsmerkmale im Badehaus. Spektakulär war die Zerstörung der Grabeskirche in Jerusalem 1009, die in Europa noch Jahrzehnte nachhallte und mit zum ersten Kreuzzug führte. Einige Jahre später war alles wieder anders: Zerstörte Kirchen durften wiederaufgebaut werden, manche sogar auf Staatskosten. Zwangsbekehrte Christen und Juden durften, falls sie das wünschten, zu ihrer alten Religion zurückkehren.
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Ab 1003 regnete es Dekrete (sigillāt), die die Sittlichkeit in Ägypten verbessern sollten. Als junger Mann hatte der Kalif sich noch gerne an den Volksfesten in Fustāt (Alt-Kairo) beteiligt. Die Christen, die dort wohnten, tranken gerne Wein und oft kam es zu Ausschreitungen. Es hatte ihm gefallen zuzuschauen, wenn Männer auf der Straße aneinander gerieten, sogar wenn das in eine blutige Schlacht zwischen Gruppen ausartete. Aber eines Tages meinte al-Hākim, dass die Unordnung und die Gewalt aus dem Ruder liefen. Per Dekret verbot er den Ausschank von Wein und die Teilnahme von Frauen am Nachtleben; sie sollten abends lieber zu Hause bleiben. Laut einem späteren Dekret sollten sie das auch tagsüber, es sei denn mit einer Sondergenehmigung, wenn es wirklich nötig war. Spazierfahrten auf dem Nil wurden verboten; später durften auch Männer nicht mehr abends auf die Straße: das ganze Nachtleben kam zum Erliegen. Wein und alles, was damit zu tun hatte, wie Krüge usw. wurden öffentlich vernichtet, Kneipen wurden zugemacht, Reben entwurzelt; sogar die Honigproduktion wurde gedrosselt, damit die Leute nicht in Honigwein Zuflucht suchen konnten. Musik, Schach und Ausritte in die Wüste wurden verboten, wie auch Erker an der Straße und sogar mulūḫīya, ein Gemüse, das Mu‘awiya, der bei den Schiiten so verhasste Rivale ‘Alīs, gerne gegessen hatte.
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Aber auch sunnitische Muslime wurden nicht verschont. Man machte ihnen klar, dass sie immer einer Irrlehre angehangen hatten, und sie wurden aufgefordert sich zu bekehren. Es wurden Kurse zum schiitischen Glauben gegeben und bald waren die Hörsäle zu klein, so viele Sunniten wollten dorthin, um ihren Job oder ihr Leben zu behalten. Mit allerlei Dekreten über Speisen und Details des Kultus wurden sie weiter belästigt. Erst in al-Hakims letzten Regierungsjahren, als der Kalif eher zur Mystik neigte, wurde aber der sunnitische Glaube wieder anerkannt, und fast sah es nun so aus, als wäre die Schia gar nicht mehr so wichtig.
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Wenn ein Dekret des Kalifen nicht befolgt wurde oder unausführbar war, wie etwa das Alkoholverbot, zog er es zurück und versuchte es später noch mal durchzusetzen. Oft genug aber wurden Dekrete auch „einfach so“ zurückgezogen, weil der Kalif auf andere Gedanken gekommen war. Er war tatsächlich bekannt für seine Launenhaftigkeit. Manch Untertan entschloss sich, wenn eine neue Anordnung in der Luft lag, eine Zeitlang aufs Land zu ziehen, wenn möglich in Besitz eines Schutzbriefs (amān).
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In seinen letzten Jahren wurde al-Hākim Asket. Er fühlte sich den Mystikern verwandt, trug vor lauter Bescheidenheit ein schlichtes, selten gewaschenes Gewand und machte oft nächtliche Ausritte auf einem Esel. Beim Volk wurde er noch beliebter, weil er viele Staatseigentümer verschenkte. Der stark verkleinerte Hof fragte sich inzwischen, ob der Herrscher überhaupt noch zurechnungsfähig sei. Der ließ unterdessen einen Propagandisten in seinem Palast wohnen, der dort an einem Buch arbeitete, in dem er die Göttlichkeit des Kalifen nachwies. Dieser hinderte ihn nicht daran.
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Im Februar 1021 unternahm der Kalif eines Abends wieder einen einsamen Ausritt auf seinem Esel, auf einem Hügel etwas außerhalb von Kairo. Diesmal kam er nicht zurück. Nach einigen Tagen wurden seine blutige Kleidung und der Esel gefunden. Anzunehmen ist, dass er ermordet worden war. Ein verschwundener Imam: eine in schiitischen Augen vertraute und schöne Vorstellung.

Nuance
Bis hierher habe ich das traditionelle Bild wiedergegeben, wie es beispielsweise Marius Canard in einem Artikel, der 1971 in der Encyclopaedia of Islam erschien, dargestellt hatte. Aber war der Kalif wirklich ein Geisteskranker? Wie so oft standen Gelehrte auf, die das Bild nuancierten, die neue Fakten entdeckten und alte als fake news entlarvten. Ein wenig schade ist das schon, denn es gibt ein enormes Bedürfnis nach markanten Fakten und Horrorgeschichten; aber die Wissenschaft ist streng. Meist erweist sich bei solchen Forschungen, dass die verrückten gar nicht so verrückt waren, oder wenigstens nicht ganz. Der babylonische König 
Nebukadnezar (reg. 605–562 v. Chr.) war dem Propheten Daniel 4:29–34 zufolge sieben Jahre lang geisteskrank, aber der Autor stand ihm feindselig gegenüber. Und vielleicht hat er ihn verwechselt mit König Nabonidus (reg. 556–539 v. Chr.), der als gestört galt und einige Jahre im arabischen Taima verbrachte — zur Kur vielleicht? Moderne Altphilologen haben längst nachgewiesen, dass „verrückte“ Kaiser wie Nero und Caligula zwar grausam und gewalttätig waren, aber nebenbei ganz vernünftige Dinge taten.
Auch al-Hākim ist Gegenstand solcher kritischen, nuancierenden Studien geworden, u.a. von Josef van Ess und vor allem Heinz Halm. Inzwischen erkennt man, dass viele Erzählungen über al-Hakim von Christen stammen, die unter ihm gelitten hatten, oder von Sunniten, die ihn im Nachhinein kaputtschreiben wollten, weil er Schiit war.
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Manche Gräueltaten z.B. können einfach gestrichen werden, wenn man bedenkt, dass die Autoren Christen waren und ihre „Klassiker“ kannten: So soll Al-Hākim Alt-Kairo (Fustāt) in Brand gesteckt haben und noch zwei Tage genüsslich vom Berg Muqattam aus auf die Flammen geschaut haben. Aber das ist natürlich ein narratives  recycling des großen Brandes von Rom, den Kaiser Nero befohlen haben soll. Einen Großbrand in Fustāt ist zu der fraglichen Zeit nicht belegt.
Auch wird erzählt, der Kalif wusch sich sieben Jahre lang nicht, wohnte in einem unterirdischen Gewölbe, ließ seine Haare wachsen bis sie lang waren wie Löwenmähnen, und seine Fingernägel, bis sie Adlerklauen glichen. Dies hört sich an wie die Verrücktheit Nebukadnezars, wie sie Daniel beschrieben hatte. In den Augen christlicher Historiker eine schöne Parallele: Nebukadnezar musste wie ein Verrückter herumirren, weil er den Tempel in Jerusalem zerstört hatte; al-Hakim, weil er dort die Grabeskirche hatte abreißen lassen.
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Die berühmten bizarren Dekrete entsprachen bei näherer Betrachtung in weiten Teilen dem islamischen Recht. Auch in anderen Umgebungen wurden schon mal Weinfässer kaputt geschlagen oder Juden und Christen mit diskriminierenden Maßnahmen belästigt; nur nie so eindringlich und nie alles auf einmal. Al-Hākims Dekrete waren auffällig, weil niemand je die Regeln so streng angewendet hatte. Dass sie ständig aufs Neue erlassen werden mussten, zeigt, dass die Bevölkerung so viel Rechtschaffenheit nicht gewöhnt war. Frauen auf der Straße und Alkohol waren einfach nicht zu unterbinden. Die Scharia wird in ihrer vollen Pracht nur von Fundamentalisten für ausführbar gehalten, und al-Hākim war einer. Das war er sich selbst und seinem Stand verpflichtet: War er nicht der Messias?
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Andererseits musste der Kalif die Bevölkerung zufrieden halten. Mit der Abschaffung von Steuern und Zöllen befolgte er islamische Regeln und erfreute zugleich das Volk. Leider konnte die Staatskasse nicht ohne diese Einnahmen auskommen, so dass sie auch wieder eingeführt werden mussten. Auch seine Dekrete schaffte al-Hākim manchmal wieder ab, wenn sie nicht durchführbar waren oder wenn das die Stimmung im Volk hob. Auch seine wechselhafte Haltung der sunnitischen Mehrheit gegenüber wird so verständlich: in schwierigen Zeiten konnte er keine unzufriedene Massen Sunniten gebrauchen. Was reine Willkür zu sein schien, war eine pragmatische Strategie des Machterhalts.
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Eine generelle Christenverfolgung gab es nicht: Einen Tag nach der Zerstörung einer Kirche konnte ein Christ zu Minister ernannt werden. Al-Hākim konnte nicht allzu streng sein mit den Christen: Er brauchte sie ja für die Staatsverwaltung. Gelegentliche Plünderung von Kirchen und Klöstern erfolgte, wenn die Staatskasse leer war. Aus dem gleichen Grund konfiszierte er auch die Erbschaften der hingerichteten Funktionäre und das Vermögen seiner Mutter.
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Sogar die Gewohnheit des Kalifen, ganz bescheiden auf einem Esel zu reiten steht in einer Tradition: So verhält sich nämlich ein Messias (siehe hier oder zenith 4/2014).
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Für al-Hākim wird das Regieren nicht immer leicht gewesen sein. Soldaten maghribinischer und türkischer Herkunft kämpften ständig um die Macht und mussten in Schach gehalten werden. Als geistiger Führer oder gar der Messias der Schiiten (den Drusen zufolge sogar Gott selber!) herrschte er über ein Reich, das hauptsächlich von Sunniten und Christen bewohnt war. Das hätte eigentlich gereicht zum Verrücktwerden; um so mehr, weil er durch seine griechisch-orthodoxe Mutter selbst eine gehörige christliche Komponente hatte.
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Kurzum: al-Hākim war verhaltensauffällig, aber nicht total behämmert. Allerdings ein sehr strenger und unberechenbarer Herrscher, der viel mehr Hinrichtungen auf dem Buckel hatte als zu der Zeit üblich war. Volksnah, aber gerade dem Hof und den höheren Beamten gegenüber sehr misstrauisch.

Alt Hist
Nun ist die Nuancierung bestehender Auffassungen eine Sache; es gibt aber auch propagandistische Geschichtsschreibung, die das Bild einer Person gänzlich revidieren kann. Stalin, zum Beispiel war, nachdem russische Historiker und Medien die Fakten neu gemischt hatten, ein Spitzenmanager, ein netter Kerl, unter dessen Regierung das Leben in der Sowjet-Union, wie er selber sagte, „besser, fröhlicher geworden ist“.
Zu al-Hākim findet man solche „Geschichtsschreibung“ unter anderem in der Encyclopaedia Iranica. Die ist ein meistens vorzügliches englischsprachiges Nachschlagewerk, das alle Themen zu Iran und zum schiitischen Islam behandelt.1 Den Artikel „Hākem be-Amr-Allah“ aber kann man nur parteiisch nennen. Nichts als Lob dort für diesen Kalifen, der sein Reich so schön zusammenhielt und sogar noch zu vergrößern wusste, der sich um die Sittlichkeit seiner Untertanen kümmerte und die Wissenschaft förderte. Kein Wort zu der Zerstörung von Kirchen, den Hinrichtungen, den Dekreten, der Vergöttlichung oder etwaigen Geistesstörungen. Der Mord an seinem Vormund Bargawan heißt dort zum Beispiel: „the latter’s removal“ (Hervorhebung von mir). Dass al-Hākim einen so schlechten Ruf hatte, liegt dem Autor zufolge nur an der feindseligen Haltung christlicher und sunnitischer Historiker.2 Der Autor ist Farhad Daftary, ein führender Ismailit, also von derselben Glaubensrichtung wie der Kalif.

Volksepik
Es gibt noch eine Textgattung, die sich mit al-Ḥākim beschäftigt hat: die Volksepik.3 Fantastische, vielbändige Heldengeschichten über historische Personen oder wenigstens unter Verwendung ihrer Namen waren in der ganzen islamischen Welt weit verbreitet. Das Klientel dürfte solche Erzählungen oft für Geschichte gehalten haben. Postum erschien auch eine Sīrat al-Hākim, „Lebensgeschichte al-Hākims“. Den fiktiven Lebenslauf des Kalifen aus diesen 1600 Seiten zusammenzufassen wäre verlorene Liebesmüh. Aber wo war der Kalif letztendlich geblieben? Für die seriösen Historiker war er wohl ermordet worden; den Drusen zufolge war er verschwunden. Die Volkserzähler „wussten“ aber, dass er nicht auf, sondern in dem Berg Muqattab (eine Verballhornung von Muqattam) verschwunden war. Er war ja mit 360 Schätzen vertraut gemacht worden; nur zwei Schätze blieben ihm verwehrt, in einer Höhle im Berg. Sein Rivale ‘Abd al-‘Azīz, der aus magischen Büchern viel Wissen gesammelt hatte, führte ihn in das Höhlensystem, das randvoll mit Gold und Juwelen war, und er wusste ihn dort unten zurückzulassen. Selbst eilte er nach Kairo, um die Macht zu ergreifen und für die Bluttaten des Kalifen Rache zu üben.
Der Kalif war also tief im Berg eingeschlossen, aber für seine Ernährung war gesorgt. Jahre später fand seine Tochter ihn dort, als er gerade verstorben war.

 

ANMERKUNGEN
1. Die EIr wird von Gelehrten außerhalb Irans herausgegeben. Von der Islamischen Republik Iran ist sie unabhängig. Siehe auch hier.
2. „Ḥākem also concerned himself with the moral standards of his subjects; many of his numerous edicts (sejellāt) preserved in later sources are of an ethico-social nature. He was also prepared to mete out severe punishment to high officials of the state who were found guilty of malpractice. Anṭāki and the Sunni historiographers have generally painted a highly distorted and fanciful image of this caliph-imam, portraying him as a person of unbalanced character with strange and erratic habits. However, modern scholarship is beginning to produce a different account on the basis of Ḥākem’s own edicts and the circumstances of his reign. As a result, Ḥākem is emerging as a tactful leader who was popular with his subjects.“
3. Auch Volksroman genannt, Arabisch: sīra sha’bīya; man spricht vielleicht besser von epischen Erzähltexten. Zur Gattung s. → Heath, Sīra.

BIBLIOGRAPHIE
– Marius Canard, „al-Ḥākim bi-Amr Allāh,“ EI2.
– Farhad Daftary, „Ḥākem be-Amr-Allāh,“ Encyclopaedia Iranica, XI/6, blz. 572-573, online hier (zuletzt gesehen am 12. Mai 2017).
– Josef Van Ess, Chiliastische Erwartungen und die Versuchung der Göttlichkeit. Der Kalif al-Hakim (386-411 H.), Abhandlungen der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse, Jg. 1977, Abh. 2.
– Heinz Halm, Die Kalifen von Kairo. Die Fatimiden in Ägypten (973–1074), München 2003, S. 167–304.
– Heinz Halm, „Der Treuhänder Gottes. Die Edikte des Kalifen al-Ḥākim,“ Der Islam 63 (1986), 11–72.
– Peter Heath, „Sīra sha‘biyya,“ EI2.
– Antje Lenora, Der gefälschte Kalif. Eine Einführung in die Sīrat al-Ḥākim bi-Amrillāh, Diss. Halle/Saale 2011. Hier herunterzuladen.
– Claudia Ott, „Wo versteckt sich al-Ḥākim? Eine Spurensuche in der Sīrat al-Ḥākim bi-Amrillāh und ihrer Berliner Handschrift.“ In H. Biesterfeldt and V. Klemm (Hrsg.), Differenz und Dynamik im Islam. Festschrift für Heinz Halm zum 70. Geburtstag, Würzburg 2012, 399–410.

Diakritische Zeichen: Al-Ḥākim, Fāṭimiden, Yaḥyā al-Anṭākī, Barǧawān, siǧillāt, Fusṭāṭ, Muqaṭṭam, Muqaṭṭab

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