Fünfzehn populäre Irrtümer zum Islam

🇳🇱 In der Anti-Islamhetze, die immer heftiger wird, werden enorme Mengen an Desinformation verbreitet. Angesichts des weltweiten Erstarkens rechtspopulistischer und faschistischer Strömungen schadet es vielleicht nicht, Ihnen einige Korrekturen für die dunklen Jahre mitzugeben.
Wer hier öfter liest, weiß, dass einige Themen schon ausführlicher behandelt wurden. Ich verweise mit Links auf die jeweiligen Webseiten.

„Der Islam sagt ….“
Der Islam ist weder eine Person noch eine Rechtsperson. Er kann nicht reden, er kann nicht handeln. Sätze wie: Der Islam ist kriegslüstern, der Islam ist Frieden, der Islam unterdrückt Frauen, der Islam ist ganz lieb zu Frauen, der Islam sagt … sind unsinnig.
Der Islam will/kann/verbietet/befiehlt nichts, ist weder Frieden noch Krieg; es sind immer Muslime, die etwas tun oder sein lassen. Von Ihnen gibt es mehr als eine Milliarde, die wollen oder tun nicht alle dasselbe.

„Der Islam ist keine Religion, sondern eine Ideologie.“
Wenn man den Islam zur Ideologie erklärt, könnte er vielleicht in manchen Umgebungen bekämpft oder gar verboten werden. Eine Religion zu verbieten ist schwieriger; die meisten Verfassungen enthalten ja einen Artikel über Religionsfreiheit.
Aber im Islam wird die Hauptrolle gespielt von einem Gott, der die Welt erschaffen hat und sie erhält, der von Ewigkeit an eine heilige Schrift bei sich hatte, die er seinen Propheten offenbart hat, und der am Ende der Zeiten die Menschheit richten wird.
Solch eine Weltanschauung nennt man generell Religion. Wenn der Islam keine Religion ist, sind Judentum und Christentum ebenfalls keine. Diejenigen, die rufen: „Der-Islam-ist-(nur)-eine-Ideologie!”, wollen meist Religionsfreiheit predigen für die beiden letztgenannten und Ideologieverbot für den Islam.

„Aber der Koran sagt doch …?“
Was steht im Koran? Wie alle heiligen Schriften „sagt“ der Koran ungefähr alles, aber auch sein Gegenteil. Er enthält Botschaften von Liebe und Hass, von Krieg und Frieden, von Unbarmherzigkeit und Erbarmen. Es hat also keinen Sinn, nach der Art von Jehovas Zeugen allerlei Debatten zu führen auf der Basis von einigen einseitig gewählten Koranversen.
Überdies steht ganz viel gar nicht im Koran. Das Buch enthält nur einen Teil der islamischen Glaubensüberzeugungen und des islamischen Rechts (Scharia).
Nicht im Koran stehen unter anderem: Scharia, Kalifat, die Bestrafung im Grab, Märtyrer gehen direkt ins Paradies, 72 Jungfrauen, Hunde und Katzen, das Bilderverbot, fünfmal am Tag beten, Steinigung. Interpretationsabhängig sind: die Bedeckung der Frau, das Alkoholverbot und vieles mehr.
Achtung: wenn etwas nicht im Koran steht, ist es deshalb nicht gleich unislamisch.

„Mohammed war …“
Tausende Textseiten berichten vom Handeln des Propheten Mohammeds, aber einen Wert als Quelle für wissenschaftliche Geschichtsschreibung haben nur die wenigsten. Mit Hilfe dieser Texte kann sich jeder und jede den Propheten basteln, der ihm oder ihr gefällt: ein strenger Richter, ein milder Richter, kriegslüstern, friedfertig, frauenfeindlich oder eben nicht, väterlich, gnadenlos, sittlich hochstehend oder vielmehr egozentrisch, ein Held, ein Kinderschänder, menschlich-allzu-menschlich, immer kompromissbereit oder vielmehr unbiegsam: Sie haben die Wahl!
Über den historischen Mohammed ist nur ganz wenig bekannt. Einige frühe Texte über ihn datieren auf sechzig (!) Jahre nach seinem Tod; die meisten sind erheblich jünger. So wissen wir z. B. überhaupt nicht, ob er tatsächlich ein kleines Mädchen heiratete. Dazu gibt es nur einen kurzen Text (mit einigen Varianten), der nicht so heilig ist, dass Muslime ihn unbedingt für wahr halten müssen—und Nichtmuslime ohnehin nicht. Ein anderes Beispiel: die Erzählungen über die Ausrottung jüdischer Stämme durch Mohammed sind schon 2008 als Fiktion entlarvt worden. 

„Der Koran ist das Werk Mohammeds.“
Keineswegs. Dass der Koran von Gott dem Propheten Mohammed in mehreren Lieferungen über zwölf, dreizehn Jahren  offenbart wurde, ist nicht nachgewiesen. Aber dass er von Mohammed geschrieben wurde, wie man in Europa lange Zeit annahm, ebenfalls nicht. Ganz früher hieß es in Europa: der Koran könne nicht von Gott stammen, denn der ist der Gott der Bibel; Mohammed habe das Buch mit bösen Absichten selbst erfunden. Spätere Orientalisten meinten, dass Gott nicht existiere und dass also Mohammed der Verfasser sein müsse, weil er der Entstehung des Textes am nächsten war. Er habe den Koran selbst geschrieben, allerdings in Anlehnung an die jüdische und christliche Tradition.
Mit einer göttlichen Offenbarung können moderne Forscher nichts anfangen, aber mit der Autorschaft Mohammeds auch immer weniger. Die meisten von ihnen betrachten den Koran als einen anonymen Text oder vielmehr als eine Sammlung von Texten unterschiedliche Gattungen, die möglicherweise aus verschiedenen Quellen stammen.
Die Sammlung dieser Texte in einem Buch fand zwischen ca. 650 und 700 statt. Ohne Zweifel waren davor schon Teile in Umlauf. Diese spielten bestimmt eine wichtige Rolle bei der schnellen gesellschaftlichen Wandlung in Arabien, bei der Vereinigung der arabischen Stämme und bei den enormen arabischen Eroberungen ab 632. Welche genau ist nicht bekannt.

„Der Islam ist im Mittelalter hängen geblieben.“
Der Nahe Osten hat nie ein Mittelalter gekannt. Als in Europa das frühe, angeblich „dunkle“ Mittelalter anfing, ging drüben die Antike einfach weiter. Es brach eine Blütezeit an, in der die islamische Welt Europa bei Weitem voraus war: in Industrie, Handel, Wirtschaft, Bankwesen, Wissenschaft, Medizin, Recht, Philosophie und sogar Theologie. Allerdings geriet die islamische Welt in späteren Jahrhunderten allmählich in Verfall, durch neue Handelsrouten (Amerika; Kap der Guten Hoffnung), durch veraltete Bewaffnung und überholten Schiffbau und durch koloniale Machtausübung aus Europa. Aber diese oder irgendeine frühere Zeit „mittelalterlich“ zu nennen wäre nicht richtig; der Begriff passt nur zur europäischen Geschichte—und vielleicht nicht einmal dazu.

„Der Islam ist eine Wüstenreligion.“
Das Ursprungsgebiet und die Westhälfte des Verbreitungsgebietes des Islams ist ein arider bzw. halb-arider Gürtel, in dem es tatsächlich viele Wüsten gibt. Aber dort wohnt niemand permanent; wohlweislich wohnt man in den fruchtbaren Gebieten, die es durchaus gibt: in den Flusstälern und –deltas, und natürlich in Städten. Die nomadischen Wüstenbewohner, die Beduinen, waren von alters her meist wenig zu Religion geneigt; das wird schon im Koran beklagt.
Der Islam stammt zum Teil aus der Stadt Mekka, zum Teil aus der Oase Medina, hat um 700 in Syrien erst richtig Form bekommen und wurde ein Jahrhundert später im Irak noch mal richtig umgearbeitet. Später bekam jede Periode und jede Gegend ihre eigene Gestaltung des Islams.

„Steinigen ist eine mittelalterliche Bestrafung“
Nein, Steinigen aufgrund eines Urteils nach einem Rechtsgang wird erst seit dem zwanzigsten Jahrhundert, vor allem seit 1979, in einigen Staaten praktiziert. Momentan ist die Zahl wieder rückläufig, wahrscheinlich weil es sich als eine recht unpraktische Methode der Hinrichtung entpuppt hat. Vor dem zwanzigsten Jahrhundert wurde nicht gesteinigt, zumindest nicht aufgrund eines Urteils. Zwar wird die Steinigung im Fall der Unzucht in einigen alten Rechtsquellen unzweideutig empfohlen, aber die Rechtsgelehrten wussten die zu umgehen, mit Hilfe anderer Rechtsquellen und schlauer Rechtskniffe: Leben und leben lassen war immer das Hauptziel der Scharia. Die Forschung hat nur einen einzigen Steinigungsfall im Osmanischen Reich ans Licht gebracht, aus dem Jahr 1670. Der verantwortliche Richter wurde damals sofort abgesetzt; der Chronist, der davon berichtete, war empört. 

„Der Islam braucht eine Aufklärung.“
Manchmal wird behauptet, dass aus „dem Islam“ ohne einen Prozess der Aufklärung nie mehr etwas werden wird. Aber im neunzehnten Jahrhundert war die Aufklärung im Nahen Osten schon bekannt geworden. Die Einwohner des Osmanenreichs spürten, dass sie im Vergleich schwach waren, sowohl militärisch als auch kulturell. Um aufzuholen fingen sie an Europa nachzueifern. Aber auf Dauer stellte sich heraus, dass eben die Gradlinigkeit der Aufklärung, mit ihrer Unzweideutigkeit, ihrer klaren Sprache und ihren kodifizierten Gesetzen (Code Napoléon) die Muslime dazu gebracht hat, den flexiblen Umgang mit ihren alten Texten aufzugeben und sie fortan alle wortwörtlich zu nehmen, ohne ein Auge für alternative Interpretationen zu haben. Die Ambiguitätstoleranz, die von alters her ein Merkmal der islamischen Kultur war, ist in den vergangen zwei Jahrhunderten zum Großteil verloren gegangen. Der Nahe Osten wurde ein flaches und zweitrangiges Europa-Imitat.
Muslime haben die Aufklärung durchaus kennen gelernt, aber sie ist ihnen schlecht bekommen.

„Der Islam ist das Werk von Mohammed.“
Glauben Sie das wirklich? Der arme Mann wäre fassungslos gewesen, wenn er hätte sehen können, was Muslime nach seinem Tod daraus gemacht haben. Der Islam ist natürlich nicht fix und fertig aus dem Himmel gefallen, sondern er hat sich entwickelt. Mohammed hat nicht mehr erlebt, wie Araber sofort nach seinem Tod die halbe Welt eroberten und demzufolge schon bald die koranische Furcht vor dem Jüngsten Gericht vergaßen. Wie unterschiedliche Gruppen sich in Bürgerkriegen bekämpften, hat er ebenso wenig mitbekommen. Und wie der Kalif ‘Abd al-Malik ca. 695 seinen eigenen Islamentwurf in die Welt setzte, wobei er sich vom Christentum verabschiedete und die frühislamische Geschichte niederschreiben ließ. Und wie noch einmal hundert Jahre später die Schriftgelehrten (‘ulamā’) ihren Platz im Staat erkämpften, auf Kosten der Autorität des Kalifen. Auch von Schiiten und vom Aufstieg der Sufi-Mystik, die immerhin mehr als tausend Jahre das Bild des Islams prägte, hatte der Prophet nicht die leiseste Ahnung.

„Die Scharia ist das Gesetz des Islams.“
Nein, die Scharia ist islamisches Recht; das ist etwas anderes. Sie regelt alle Beziehungen zwischen Gott und Mensch und zwischen den Menschen untereinander; somit ist sie umfassender als europäisches Recht. Auch Glaubenslehre, Ethik und gute Manieren sind darunter begriffen.
Die Scharia ist kein Gesetz, nicht kodifiziert und sicherlich kein Buch, das jemand für die Ewigkeit niedergeschrieben hätte. Fragen wie: „Was sagt die Scharia zu …? Was steht in der Scharia? Wer hat die Scharia geschrieben?“ sind also sinnlos. Die Scharia sagt nichts, sondern muss in den Rechtsquellen gefunden werden, d.h. in Koran, Hadith und Jurisprudenz. Sie ist also dem Wandel unterworfen, wenn auch Rechtsgelehrte sich nur allzu oft mit dem begnügen, was ihre Kollegen vor Jahrhunderten schon gefunden haben. Das muss aber nicht so sein. Der Umfang, die große Verschiedenheit der Rechtsquellen und deren Offenheit für unterschiedliche Interpretationen machen Erneuerung möglich.
Die Frage, inwieweit man den Alten folgen muss oder die früher bereits gelösten Rechtsfragen noch mal aufs Neue aufrollen kann, ist seit mehr als einem Jahrhundert das wichtigste Diskussionsthema in der ganzen islamischen Welt. Die Diskussion wird aber abgebremst durch 1. das Auftreten von Salafisten, Wahhabiten, ISIS, u. dgl.; 2. die fortwährende Hetze durch deren Verbündete: die Islamhasser und Islamophoben.
Die Scharia war übrigens nie irgendwo das einzig geltende Recht. Dazu wäre sie auch ungeeignet.

„Eine Fatwa ist ein Todesurteil.“
Nö. Eine Fatwa ist im sunnitischen Islam ein nicht verbindliches, gelehrtes Gutachten auf dem Gebiet der Scharia. Eine Fatwa wird von einem Mufti abgegeben, auf Verlangen von Richtern, Privatpersonen und manchmal von Behörden. Der Empfänger kann die Fatwa außer Acht lassen, wenn er das wünscht. Scharia ist islamisches Recht, aber auch mehr als Recht: das verlangte Gutachten kann deshalb auch auf dem Gebiet der Ethik, der guten Sitten und der Glaubenslehre liegen.
Wer sich nicht persönlich an einen Mufti wenden mag, kann Fatwa-Sammlungen von bekannten Schariagelehrten aus früherer oder neuerer Zeit lesen, oder eine Fatwa über das Internet einholen, siehe z.B. dieses Portal.
Seit der Rushdie-Affäre (1989) ist das Wort Fatwa auch in Deutschland verbreitet, wird aber oft falsch verstanden. In der Phrase: „eine Fatwa über jemanden verhängen“ hört es sich fast an wie ein Todesurteil. Aber ein Gerichtsurteil ist es eben nicht, geschweige denn ein Todesurteil.

„Der Islam kennt keine Trennung von Kirche und Staat.“
Bei Mohammed selbst war der Staat noch wenig entwickelt, aber wahrscheinlich gab es solch eine Trennung tatsächlich nicht, und bei den ersten gewählten Kalifen (632-661) ebenfalls nicht.
Bei den Umaiyadenkalifen (661-750) gab es sie offensichtlich noch immer nicht. Ihre Sunna (=Verhalten, Brauch, gewohnte Handlungsweise) sollte man unbedingt befolgen; davon hing ja das Seelenheil ab. Über sie sangen die Dichter, dass sie Regen brachten, die Ernte gelingen ließen, Recht und Gerechtigkeit etablierten— alles in der besten altorientalischen Tradition des Gott-Königs.
Widerstand gegen die Umaiyadenkalifen kam ab ca. 700 u.a. von den „Menschen der Sunna und der Gemeinde, die die eigenmächtigen Sunnas der verhassten Kalifen durch die des Propheten ersetzen wollten. Anfangs wusste niemand, wie dessen Sunna aussah, aber daran wurde gearbeitet: im Lauf des Jahrhunderts wurden die Schriftgelehrten (‘ulamā’) immer mehr und die Anzahl der Überlieferungen „des Propheten“ (Hadithe) wuchs noch schneller, bis es eine prophetische Alternative gab für die Sunnas der Kalifen. Nach 750 spielten die ersten Abbasidenkalifen noch einige Zeit weiter Gott-König, aber ca. 850 mussten sie sich ergeben. Gegen die Sunna des Propheten, wie fiktiv auch immer, konnten sie nicht ankämpfen; die inzwischen überall vordringenden Schriftgelehrten übernahmen die geistliche Macht. Seitdem gibt es durchaus eine Trennung zwischen weltlicher und geistlicher Macht.
Außer bei den Schiiten, aber die hatten meistens gar keinen Staat, so dass man es nicht so merkte.

„Märtyrer bekommen im Paradies zweiundsiebzig Jungfrauen.“
Ach! Es gibt nur einen seltenen Hadith, in dem das beiläufig erwähnt wird. Etwas fester in der islamischen Tradition verankert ist dieser Hadith:
„Das Erdreich ist noch nicht trocken vom Blut eines Märtyrers, da kommen schon seine beiden Gattinnen herbeigeeilt, wie Kamelstuten, die ihre Jungen in einem weiten Land verloren haben…“
Hier werden nur zwei Frauen erwähnt, deren Verlangen nach den Märtyrern mit dem Mutterinstinkt (!) von Kamelstuten verglichen wird. Noch häufiger sind Texte wie diese:
Der Prophet hat gesagt: „Als eure Brüder in Uhud gefallen waren, tat Gott ihre Seelen in das Innere grüner Vögel, die aus den Flüssen des Paradieses trinken, von seinen Früchten essen und nisten in goldenen Lampen im Schatten von Gottes Thron…“
Diesem Text zufolge ist ihr Aufenthaltsort also sehr nahe bei Gott, aber Jungfrauen gibt es an dem Ort wohl nicht. In ihrem Zustand würden sie mit denen auch nichts anzufangen wissen.

„Der Islam ist gegen Schwule.“
Wer der Islam ist, weiß ich noch immer nicht. In Büchern islamischer Rechtsgelehrter werden auf jeden Fall homosexuelle Handlungen scharf verurteilt. Handlungen, wohlgemerkt. Homosexualität als Krankheit bzw. Orientierung sind europäische Einfälle aus dem neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert.
Im wirklichen Leben dagegen gab es in der islamischen Welt eine für Europäer unglaubliche Toleranz. Bis in die höchsten Kreise, bis an den Hof des Kalifen. Die strengen Bücher ließ man einfach geschlossen. Die umfangreiche arabische Liebespoesie handelte überwiegend von Männerliebe. Frauen gab es für die Ehe und die Fortpflanzung, tiefe Gefühle hatte man für Männer, Sex auch mit Jungen.
Im neunzehnten Jahrhundert änderte sich das, als man anfing den Westen zu imitieren. Das viktorianische England lehnte Homosexualität rigoros ab. Wo möglich setzten britische Behörden strenge Gesetze in Kraft; auch wo das nicht geschah, schlug die Haltung um in Ablehnung. Nach der Kolonialzeit fing man in den unabhängig gewordenen Staaten an die eigenen alten juristischen Texte wortwörtlich zu nehmen und sogar anzuwenden; Unzweideutigkeit war ja modern. Das führte fortan auch im islamischen Kulturkreis zu harten Strafen für Verhaltensweisen, die vor der Moderne  jeder dort hingenommen hätte.
Es war einfach Pech für die islamische Welt, wie auch für Indien, China und Afrika, dass ausgerechnet das sexuell ungeschickte England und Europa den Ton angaben. Das hat tiefe Spuren hinterlassen.

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Wie leicht wird man Scharia-Regeln los?

🇳🇱 In islamischen Umgebungen gab es von alters her relativ wenige Abbildungen von Menschen oder Tieren, und Standbilder noch weniger. Es gibt nämlich eine Anzahl Hadithe, in denen das Anfertigen solcher Bilder verboten oder zumindest die potentiellen Produzenten stark entmutigt werden. Seit dem Vordringen der Fotografie im Nahen Osten, also ab ca. 1860, wollte jeder fotografiert werden und das Verbot kippte. Fotos seien ja nichts anderes als Spiegelbilder, kopfüber projiziert auf der Rückseite eines Kästchens, so dachte man auf einmal darüber, und auch Standbilder könnten nicht schaden, so lange sie nur nicht angebetet würden. Und welcher Zeitgenosse würde das wollen, außer den komischen Christen mit ihren Ikonen und Heiligenbildern?
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Nur noch Reste des Verbots sind übrig geblieben: keine Abbildungen des Propheten oder dessen Gefährten, keine Fotos an Orten, an denen das Gebet verrichtet wird.
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Heutzutage gibt es im Nahen Osten eine Kunstszene genau wie bei uns mit allem was dazu gehört: Maler und Bildhauer, Grafiker, Fotografen, Museen, Galerien, Ausstellungen, Auktionen und kunsthistorische Ausbildungen, Graffiti und Installationen. Anfangs brachte diese Kunst nicht viel Bedeutendes hervor, aber neuerdings hat sie gehörig an Qualität aufgeholt.
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Die Verführungen von Film und Fernsehen waren natürlich auch unwiderstehlich. Muftis erklärten das alles bei näherer Betrachtung für erlaubt. Die ersten Kinos datieren bereits von ca. 1900 und heutzutage sind die Schüssel auf den Dächern nicht mehr wegzudenken.
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Nur in ganz strengen Umgebungen, wie bei den Wahhabiten und ihrem bewaffneten Arm Daesh („Islamischer Staat“), bei den Taliban und in traurigen Gebieten in Ost-Afrika werden die vermeintlichen(?) Gebote noch zum Großteil befolgt. Obwohl man natürlich nie weiß, ob dort nicht vielleicht doch nach dem Abendgebet blonde Mädels auf westlichen Pornoseiten angeschaut werden. Auch diese Verführung ist für viele unwiderstehlich.
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Aber auch in Saudi-Arabien kippen manchmal die Regeln. Es war im Königreich zum Beispiel verboten, in der Öffentlichkeit Fotos zu machen. Als die Regierung 2006 beschloss, den Tourismus zu fördern, verschwand auch dieser Verbot ohne viel Aufhebens ( → Naef, Bilder 121–2).
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In Saudi-Arabien müssen reisende Frauen von männlichen Verwandten begleitet werden. Aber Flugbegleiterinnen müssen das nicht, wohl aus praktischen Gründen. Ein ganz frommer Mann, der das anstößig fand und lauthals protestierte, wurde aus einem Flugzeug entfernt und abgeführt. Ein königsnaher Mufti erklärte danach, dass die Begleiterinnen im Flugzeug nicht begleitet werden müssten, aber durchaus am Flughafen von männlichen Verwandten abgeholt werden sollten. Dazu hier.
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Iran produzierte von alters her beträchtliche Mengen Kaviar, die dem Land Millionen einbrachten. Der schiitischen Jurisprudenz zufolge war der Stör aber ḥarām, weil er keine Schuppen hat. Der Handel damit war demzufolge auch verboten, aber es wurden immer Wege gefunden, das Verbot zu umgehen. Im zweiten Jahr nach der islamischen Revolution wurden die Regeln verschärft und daher kam der Handel mit diesem im dekadenten Westen so begehrten Produkt zum Erliegen. Das führte aber zu finanziellen Einbußen. Schriftgelehrte und Biologen wurden konsultiert und siehe da: man entdeckte doch etwas Schuppenähnliches am Unterleib des Störs, der deshalb bei näherer Betrachtung durchaus erlaubt schien. Im vierten Jahr nach der Revolution, 1983, fand Khomeini persönlich die Zeit eine Fatwa abzufassen, die den Stör und seinen Kaviar für erlaubt erklärte. Wenn Sie Lust haben auf eine komplizierte, talmudisch anmutende Diskussion über die Zulässigkeit von Fischen mit oder ohne Schuppen, lesen Sie → Chihabi. Aber wir verstehen auch so, dass es vor allem die vielen zu verdienenden Dollars waren, die den Stör ḥalāl machten.
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Kurzum: Wenn Muslimen danach ist, eine Scharia-Regel abzuschaffen, gelingt ihnen das schon; oft sogar in ziemlich unkomplizierter Weise.

BIBLIOGRAFIE:
– H.E. Chihabi, „How Caviar Turned Out to Be Halal,“ in Gastronomica, The Journal of Critical Food Studies, 7:2. Online hier.
– Sylvia Naef, Bilder und Bilderverbot im Islam, München 2007, oder das französische Original: Y a-t-il une «question de l’image» en Islam?, Paris 2004.

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Wikipedia — Bamberger Islam-Enzyklopädie

Die Wikipedia ist im Allgemeinen nicht als wissenschaftliches Nachschlagewerk zu betrachten. Bei islamischen Themen gibt es große Qualitätsunterschiede. Manche Artikel sind hervorragend, andere sind unwissenschaftlich, sektiererisch oder missionierend.

Nun hat Prof. Patrick Franke in Bamberg eine Initiative namens Bamberger Islam-Enzyklopädie gestartet. Es geht ihm darum „ein neues umfassendes islambezogenes Nachschlagewerk in deutscher Sprache aufzubauen, das einerseits die Qualitätskriterien einer Fachenzyklopädie erfüllt, andererseits aber in die populäre Online-Enzyklopädie Wikipedia integriert ist und die einzigartigen technischen Möglichkeiten dieses Mediums nutzt.“

Zun Auftakt hat er seine eigenen Wikipedia-Artikel darin untergebracht, zweihundert an der Zahl. Er hofft, dass viele Fachkollegen ihm in dieser Initiative folgen werden.

Diese Islam-Enzyklopädie empfehle ich Ihnen sehr gerne. Sie finden dort also Wikipedia-Artikel, deren wissenschaftlicher Standard garantiert ist.

Dem neuen Projekt wünsche ich ein gutes Gelingen.

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Was suchen Sie im Islam?

Diese als Blog vorprogrammierte Webseite bietet mir die Möglichkeit die Suchbegriffe zu sehen, durch welche die Leser hier landen. Dabei fällt auf, dass viele Menschen etwas „im Islam“ suchen. Im Islam, wo immer das auch sein mag, ist alles offensichtlich ganz anders als anderswo. Vor allen Haustiere sind das, denn die werden bei mir weitaus am meisten gesucht. An erster Stelle kamen die „Katzen im Islam“ und halb so oft die Hunde. Manchmal speziell „schwarze Hunde“—dazu gibt es tatsächlich einen Hadith.

Es ist bekannt, dass es Hunden und vor allem Katzen Wurst ist, ob sie „im Islam“ sind oder außerhalb—aber den Herrchen und Frauchen offensichtlich nicht. Einige Male wurde die Frage zugespitzt: sind sie erlaubt oder verboten? Einige Male wurde auch nach der Bedeutung der Katze bzw. des Hundes im Islam gesucht. Was damit gemeint ist, verstehe ich nicht.
Viel weniger häufig war die Suche nach „Schlangen im Islam“.

Sehr populär waren auch „Martyrer im Islam“ und „das Grab im Islam“, bzw. die „Bestrafung” oder „Befragung im Grab”.

Weniger oft wurde „Paradies” und/oder „Hölle im Islam” gesucht, noch seltener „platonische Liebe im Islam” und „Lachen im Islam”. Und weiter gar nichts. Niemand hat „die Frau im Islam“ gesucht. Vor dreißig Jahren wollte jede dritte Studentin dazu eine Hausarbeit schreiben, aber das Interesse an dem Thema hat sich offenbar erschöpft.

Viel seltener als „im Islam“ wurde etwas „im Koran“ gesucht. Die Suchbegriffe geordnet nach Häufigkeit: „Märtyrer“; die *„Jungfrauen für die Märtyrer“; „Ungläubige“; „Beschreibung Paradies und Hölle“; „das Gebet“, *„Katzen“; „das Grab und die *Bestrafung darin“; *„Haut abziehen“. Aber alles nur wenige Male. Die Themen mit Sternchen hat man übrigens vergebens gesucht; die stehen nicht im Koran.

Als lustigsten Suchbegriff überhaupt empfand ich „burka + hund“. Ich kann mir durchaus einen Mops mit Burka vorstellen, aber „im Islam“ ist der nicht vorgesehen.

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Marmelade und Käse für Muslime

Ein erfreulicher Bericht im Fernsehen: Ein älterer Arzt, ein Witwer vielleicht, hatte einen jungen, schon früher aus Syrien geflohenen Zahnarzt bei sich aufgenommen und half ihm beim Alltag, mit der Sprache und beim Studium, das er brauchte um sein Zeugnis anerkannt zu bekommen. So soll es gehen. Der ältere Mann erzählte, dass das Zusammenleben problemlos ablief. Allerdings hatte sich der Inhalt des gemeinsamen Kühlschranks geändert: kein Schweinefleisch mehr, dafür Lamm und Geflügel, aber das fand er in Ordnung. Das würde ich auch finden: vielleicht mal öfter ein Perlhuhn essen. Leicht amüsiert erzählte der Arzt noch, dass sein neuer Mitbewohner keine Erdbeermarmelade essen wollte, weil diese Gelatine enthalte, die womöglich aus Schweineknochen hergestellt worden sei.
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Anders als dieser Gastgeber fand ich Letzteres nicht amüsant, sondern vielmehr lächerlich. So ein Meckerarsch. Ja, solche Haarspalter gibt es, in allen Religionen und Weltanschauungen, also auch unter Muslimen. Es gibt sogar einen Markt für halāl Katzenfutter.1
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Als ich über das Zahnholz des Propheten arbeitete, lernte ich solche Typen auch kennen. Am Anfang des neunten Jahrhunderts war eine aktuelle Frage, ob der Gebrauch eines Zahnholzes (siwāk) im Fastenmonat erlaubt sei. Beim Kauen darauf—denken Sie an so etwas wie Süßholz—kommt ja Wasser in den Mund, und wenn man das herunterschluckt, kommt das nicht Trinken gleich, was tagsüber nicht erlaubt ist? Und der feste Stoff im Hölzchen, ist das nicht Nahrung? Man bedachte aber, dass der Gebrauch eines trockenen Zahnholzes doch nicht schaden könne, und damit konnte man ziemlich fanatisch sein:

  • Abū Huraira sagte: Ich habe heute, während ich fastete, meinen Mund zweimal mit einem Zahnholz bluten lassen.2

Anders gesagt: er benutzte ein trockenes Hölzchen. Ein frisches, von Natur aus feuchtes oder ein eingeweichtes Hölzchen hätte ja sein Zahnfleisch nicht bluten lassen. Nach frommer Auffassung war es aber nicht richtig, im Ramadan ein Zahnholz in Wasser einzuweichen. Das würde ja Wasser von außerhalb in den Mund bringen, wie etliche Hadithe warnen. Aber es gab auch Leute, die offensichtlich von dem ganzen Palaver genug hatten:

  • Ibn ‘Umar sagte: Einem Fastenden kann weder ein feuchtes noch ein trockenes Zahnholz schaden.3

Des Weiteren ging man noch der Frage nach, wie oft der Gebrauch eines Zahnholzes während des Fastens erlaubt sei. Zweimal am Tag, heißt es meist in den Hadithen, und es schadet nicht, das kurz vor dem Fastenbrechen zu tun. Und sollte man es vor dem Gebet anwenden oder vielmehr danach? Auch diese Frage erzeugte wiederum eine Anzahl Hadithe.

Aber es gab auch eine Gegenrichtung, die einfach keine Lust hatte auf die ganze Problematik:

  • ‘Abdallāh ibn ‘Āmir überliefert von seinem Vater: Ich habe unzählige Male gesehen, wie der Prophet das Zahnholz anwendete, während er fastete.4

Und einer Frau des Propheten wird eine ganz entspannte Haltung zugeschrieben:

  • Maimūna bint al-Ḥārith, die Frau des Propheten, ließ ihr Zahnholz zum Einweichen im Wasser stehen. Wenn Arbeit oder das Gebet sie ablenkte, [vergaß sie es]; ansonsten nahm sie es und benutzte es.5

Haarspalter gab es also schon früh,6 aber andere Muslime boten Paroli—ebenfalls mittels Hadithen.

Dann erinnerte ich mich an Michael Cooks Artikel über persischen Käse. Darin stand ein lustiger Hadith, der aus der Zeit von Mohammeds Eroberung von Mekka stammen soll. Eine arbeitsreiche Periode, ohne Zweifel; trotzdem fand der Prophet noch Gelegenheit einen Käse zu begutachten:

  • Von Abū Dāwūd at-Tayālisī […] von Ibn ‘Abbās: Als der Prophet Mekka eroberte, sah er einen Käse. Er fragte, was das sei; man antwortete ihm, es sei ein Nahrungsmittel, das im Land der Perser (arḍ al-‘adjam) hergestellt werde. Darauf sagte der Prophet: „Steckt das Messer rein, nennt den Namen Gottes und esst ihn!“7

Gab es im alten Mekka einen Feinkostladen, der persischen Käse verkaufte? Natürlich nicht; der ganze Hadith ist eine Erdichtung wie die meisten, und in diesem Fall eine sehr ungeschickte, weil der Wahrscheinlichkeit nicht Genüge getan worden ist. Muslime lernten selbstverständlich nicht in Mekka, sondern erst im Irak und in Iran persischen Käse kennen, als sie diese Länder erobert hatten. Aber der Text hat einen sympathischen Tenor: nicht meckern über ausländische Nahrungsmittel, einfach essen!

Was hätte an dem Käse denn falsch sein können? Nun, um die Milch gerinnen zu lassen wurde das Lab (minfaḥa) eines Kalbs benötigt. Dies konnte nur einem toten Tier entnommen werden—und man wusste ja nie, ob das Tier richtig geschächtet worden war! Über dieses Thema hatten jüdische Rabbiner kurz vor at-Tayālisī ausführlich diskutiert, ebenfalls im Irak. Berichte dazu sind im babylonischen Talmud niedergelegt worden. Für sie war ungläubiger Käse tatsächlich nicht hinnehmbar. Auch aus islamischer Sicht konnten zoroastrische Perser nicht rituell schlachten; ihr Käse hätte theoretisch für Muslime ebenfalls verboten sein sollen. Aber diese Auffassung versucht dieser Hadith gerade zu entkräften: Der Prophet fand nichts dabei! Das passt in die ganze Gedankenwelt des Islams: Die islamischen Speisegesetze sind generell lockerer als die jüdischen; bereits im Koran ist das so. Die Aussage zum Käse soll der Prophet spät in seinem Leben gemacht haben, so dass er sie kaum noch widerrufen konnte—tatsächlich, auch solche Aspekte wurden von Hadithverfassern berücksichtigt.
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Der oben erwähnte Zahnarzt hätte auch über das Käseproblem grübeln können. Vielleicht würde er sogar in einer Zeitschrift wie Islamic Medicine „wissenschaftlich“ untermauert schreiben, dass Marmelade und Käse aus nichtislamischer Herstellung schlecht für das Gebiss sind. Derartige Artikel gibt es wirklich. Aber zum Glück gibt es immer die viel breitere Gegenströmung: Nicht meckern, der Prophet sah kein Problem und Gott ist kein Korinthenkacker.

In den Worten eines anderen, breit überlieferten Hadiths:

  • Der Prophet hat gesagt: Macht es leicht und nicht schwierig; erfreut [die Menschen] und schreckt sie nicht ab!8

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BIBLIOGRAFIE
– Michael Cook, Magian Cheese: An Archaic Problem in Islamic Law, BSOAS 47/3 (1984), 449–467.
– Wim Raven, The Chewstick of the Prophet in Sīra and hadīth, in: Islamic Thought in the Middle Ages. Studies in Text, Transmission and Translation, in Honour of Hans Daiber, Hrsg. Anna Akasoy und Wim Raven, Leiden/Boston 2008, 593–611. Hier online.

ANMERKUNGEN
1. Der Prophet hat nie gesagt, dass Katzenfutter halāl sein soll; zu seiner Zeit fraßen Katzen noch selbst gejagte kleine Tiere und Küchenabfälle. Katzen haben ohnehin keine Ahnung von halāl und harām. Das Problem ist wohl, dass die Herrchen und Fräuchen beim Öffnen einer gängigen Dose Katzenfutter mit nicht korrekt geschächtetem Fleisch oder gar Schw…. in Berührung kommen könnten. The horror! The horror!


2. ‘Abd al-Razzāq as-San‘ānī, Musannaf iv, 7486:

عبد الرزاق – معمر – قتادة – أبو هريرة: قال لقد أدميْتُ فمي اليوم [وأنا] صائم بالسواك مرّتين.

3. Ibn Abī Shaiba, Musannaf xxx, 37/3:

علي بن الحسن بن شقيق – أبو حمزة – ابراهيم الصائغ – نافع – ابن عمر: قال لا بأس ان يستاك الصائم بالسواك الرطب واليابس.

4. ‘Abd al-Razzāq al-Ṣan‘ānī, Musannaf iv, 7484; Ibn Abī Shayba, Musannaf xxx, 35/1:

عبد الرزاق – الثوري – عاصم بن عبد الله بن عبيد الله بن عاصم – عبد الله بن عامر بن ربيعة – أبيه: رأيت رسول الله ص يستاك وهو صائم ما لا أُحصي.

5. Ibn Abī Shaiba, Musannaf i, 170/20:

ابن أبي شيبة – كثير بن هشام – جعفر بن برقان – يزيد بن الأصم: كان سواك ميمونة ابنة الحارث زوج النبي صلعم منقعًا في ماء فإن شغلها عنه عملٌ أو صلاةٌ والاّ فأخذته واستاكت.

6. Die zitierten Hadithe stammen aus Quellen, die im Schnitt um ein halbes Jahrhundert älter sind als die unter Muslimen hochgeschätzten „kanonischen“ Hadithsammlungen.
7. Al-Baihaqī, Sunan 10:6.6; at-Tayālisī, Musnad Nr. 2684.

… النبي ص لما كان فتح مكة رأى جبنة فقال: ما هذا؟ قالوا: طعام يصنع بارض العجم. قال فقال رسول الله ص: ضعوا فيه السكبن واذكروا اسم الله وكلوا !

Anderen Quellen zufolge soll der Prophet den Käse in Tā’if oder Tabūk gesehen haben; es blieb aber ein persischer Käse (min ard Fāris, min ahl Fāris). ‘Abd al-Razzāq, Musannaf, iv, 8795 erwähnt die Befürchtung des Fragestellers, dass der Käse maita, etwas von einem nicht geschächteten Tier, enthalten könnte.
8. Bukhārī, ‘Ilm 11 u.v.a.: النبي ص قال يسروا ولا تعسروا وبشروا ولا تنفروا.

Diakritische Zeichen: ḥalāl ḥarām, al-Šaʿbī, al-Ḥārith, aṭ-Ṭayālisī, arḍ al-ʿaǧam, minfaḥa, aṣ-Ṣanʿānī, Muṣannaf, Ibn Abī Šaiba, Ṭā’if, Fāris, al-Buḫārī

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Beim Frisör im „Islamischen Staat“

Ein Frisör im „Islamischen Staat“ teilt seinen Kunden Folgendes mit:1

  • Sehr geehrte Kunden
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    Im Gehorsam gegenüber Gott und Seinen Gesandten schneiden wir keine Frisuren, die denen der Ungläubigen ähneln, der Aussage des Propheten Folge leistend: „Wer Menschen ähnlich sieht, gehört zu ihnen.“
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    Im Gehorsam gegenüber Gott und Seinen Gesandten rasieren wir keine Bärte, der Aussage des Propheten Folge leistend: „Lass den Bart frei wachsen aber schneide den Schnurrbart zurecht.“ Und: „Macht es anders als die Heiden: lasst eure Bärte wachsen, aber kürzt eure Schnurrbärte.“
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    Im Gehorsam gegenüber Gott und Seinen Gesandten rasieren wir die Augenbrauen nicht und zupfen sie nicht, was namṣ genannt wird, der Aussage des ‘Abdallāh ibn Mas‘ūd Folge leistend: „Der Prophet verfluchte Frauen, die ihre Augenbrauen rasierten oder zupften.“ Dies gilt für Frauen; umsomehr also für Männer.
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    Im Gehorsam gegenüber Gott und Seinen Gesandten rasieren wir nicht einen Teil des Haars weg und lassen einige Locken stehen, was qaza‘ genannt wird, der Aussage des Ibn ‘Umar Folge leistend: „Der Prophet hat qaza‘ verboten.“

Qaza‘ wurde in vorislamischer Zeit vor allem bei kleinen Jungen angewandt, die mit Glatzen und Stirnlocken (dhu’āba, Pl. dhawā’ib) herumliefen. Für diese vorislamische Mode dürfte es aber im letzten Jahrtausend kaum Kundschaft gegeben haben—außer vielleicht in Punkkreisen. Heutzutage wird der Begriff aber auch für bestimmte Irokesenschnitte benutzt. Auf jeden Fall ging und geht es bei diesem Verbot ebenfalls darum, sich nicht wie die Heiden frisieren zu lassen.

Frisöre scheinen also im „Islamischen Staat“ nicht viel zu tun zu haben, denn sogar der Kochtopfschnitt, der Bürstenschnitt und die Glatze haben alle ihre Vorbilder im gottlosen Westen. Aber vielleicht kommen sie über die Runden, indem sie Bärte gelb färben, in Anbetracht des Hadiths:

  • „[..] und er [der Prophet] färbte seinen Bart gelb mit wars und Safran.“ 2

Islamistenbärte sollten also gelb oder orange sein; das wäre ein echtes Alleinstellungsmerkmal. ‘Abdallāh ibn ‘Umar und andere Prophetengefährten sollen tatsächlich ihre Bärte gelb gefärbt haben. Dem nachzufolgen geht aber den neumodischen Frömmlern wohl zu weit.

Meinen Sie aber bloß nicht, dass der Prophet seinen Bart färbte, weil er alt und grau wurde:

  • „[…] und er [der Prophet] hatte auf seinem Kopf und in seinem Bart noch nicht mal zwanzig graue Haare.“ 3

Einwohner des „Islamischen Staats“, die gerne etwas mehr Haar auf dem Kopf hätten um richtig kriegerisch auszusehen, müssen für eine Haartransplantation ins Ausland fahren, z. B in die Türkei.

LESETIPP:
G.H.A. Juynboll, „Dyeing the Hair and Beard in Early Islam | A Ḥadīth-analytical Study,“ Arabica 33 (1986), 49–75.

ANMERKUNGEN
1. CN0YVC7WIAACTMg-1
2. An-Nasā’ī, Zīna 66 u.a: ويصفّر لحيته بالورس والزعفران  Wars (Memecylon tinctorium) ist eine Pflanze, aus der der Farbstoff Indischgelb gewonnen wurde.
3. Mālik, Ṣifat an-Nabī 1 u.a.: وليس في رأسه ولحيته عشورن شعرة يبضاء

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