Islamische Verkündigung

  • Die Menschen erzählen—und nur Gott weiß, was wahr ist—dass Āmina, die Mutter des Propheten, erzählt hat, während ihrer Schwangerschaft sei [eine Stimme?] zu ihr gekommen, die gesprochen habe: „Du bist schwanger mit dem Herrn dieses Volkes. Wenn er geboren wird, sag dann: ‘Lass den Einzigen ihn behüten vor dem Übel eines jeden Neiders,‘ und nenne ihn Mohammed.“ Als sie schwanger mit ihm gewesen sei, habe sie gesehen, wie ein Licht von ihr ausgegangen sei, in dem sie die Festungen von Busrā in Syrien habe sehen können.1

Das Licht, durch das Festungen sichtbar wurden, die sich mehr als tausend Kilometer von Mekka befanden, ist das wundersame, von Ewigkeit an existierende „Licht Mohammeds“ (nūr Muhammad). In Busrā fing das Römerreich an. Die Āmina zugeschriebene Aussage verweist auf die künftige Eroberung dieses Reiches. Die Beschwörungsformel, die sie aussprechen soll, erinnert an die Suren 113 und 114 im Koran. Die beiden Suren (al-mu‘awwidhātān) schützen vor dem Bösen.

Überdies fällt die Übereinstimmung mit der biblischen Verkündigung ins Auge. Im Lukasevangelium bekommt der Vater von Johannes dem Täufer Besuch des Engels Gabriel, der dem Kind eine große Zukunft weissagt und sagt, dass er Johannes heißen solle. Auch die Mutter Jesu bekommt kurz vor ihrer Schwangerschaft Besuch von ihm. Zu ihr sagt der Engel u. a.:

  • Sei gegrüßt, Begnadigte! Der Herr [ist] mit dir. […] Fürchte dich nicht, Maria! Denn du hast Gnade bei Gott gefunden. Und siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm seinen Namen Jesus nennen. Dieser wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden […].2

Die Verkündigungen an Āmina und an Maria haben einiges gemeinsam: 1. Besuch einer Stimme(?), bzw. eines Engels. 2. Verkündigung der Geburt eines großen Mannes. 3. Auftrag zur Namensgebung. Kurzum, die arabische Erzählung bedient sich nicht nur des Korans, sondern auch der biblischen oder einer sehr verwandten Erzählung. Sie tut das, weil sie in einer Umgebung entstanden ist, in der der neue Prophet Mohammed sich gegenüber den längst existierenden „Propheten“ der Juden und Christen durchsetzen musste. Sie versucht eine christliche Verkündigung durch eine islamische zu ersetzen.

ANMERKUNGEN
1. Ibn Isḥāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 102. Übers. G. Rotter: Ibn Isḥāq, Das Leben des Propheten, Kandern 1999, 30.
2. Bibel, Lukas 1:26–38.

Diakritische Zeichen: Buṣrā, nūr Muḥammad, al-muʿawwiḏātān

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Mohammed als Hirt

Wenn wir in Sira-Texten lesen, dass Mohammed als junger Mann Hirt gewesen sei, ist es schwierig, nicht an Moses zu denken, von dem dasselbe erzählt wird.1 In der Tat liegt ein biblisches Motiv zu Grunde. Genau besehen sind sogar viele Propheten Hirten gewesen. In diesem Fall war es ein Hadith, der uns auf die Sprünge half:

  • … von Djābir ibn ‘Abdallāh: Wir waren mit dem Propheten in Marr az-Zahrān beim arāk-Früchte-Pflücken. „Die schwarze sollt ihr nehmen,“ 2 sagte der Prophet. Wir sagten: „Gesandter Gottes, es ist, als ob du Schafe gehütet hast!” „Ja sicher,“ sagte der Prophet, „und hat es je einen Propheten gegeben, der das nicht getan hat?“ oder Ähnliches.3

In der Bibel wird von Abraham, Isaak, Jakob, Moses und David erzählt, dass sie Hirten gewesen seien, und bestimmt vergesse ich noch einige. Im Neuen Testament ist Jesus „der gute Hirte“ — wenn auch nur im übertragenen Sinn.4

Mohammed, frühreif wie er war, soll schon Lämmer gehütet haben, als er noch von seiner Amme betreut wurde:

  • Der Prophet hat gesagt: „Ich hatte eine Amme beim Stamm Sa‘d ibn Bakr, und als ich einmal mit einem Brüderchen hinter unseren Zelten die Lämmer hütete … .“ 5

Und später als junger Mann war er auch Hirt:

  • Von Muhammad ibn ‘Abdallāh ibn Qais stammt der Bericht von Hasan ibn Muhammad ibn ‘Alī, über seinen Vater, von seinem Großvater ‘Alī ibn abī Tālib, der den Propheten hat sagen hören: „Die Dinge, die die Menschen in der Heidenzeit taten, interessierten mich nie, außer an zwei Abenden, und beide Male schützte mich Gott. Eines Abends sagte ich nämlich zu einem der jungen Männer aus Mekka, mit dem ich die Herden der Stadt hütete: „Willst du mal auf meine Tiere aufpassen? Dann kann ich nach Mekka gehen um dort die Nacht zu verbringen, wie junge Männer das tun.“ Er war einverstanden und ich ging los. Beim ersten Haus in Mekka angekommen, hörte ich, wie auf Tamburinen und Flöten gespielt wurde, und als ich fragte, was dies sei, wurde mir gesagt, dass eine Hochzeit gefeiert werde. Ich setzte mich hin und schaute zu, bis Gott meine Ohren zudeckte; ich schlief ein und wachte erst auf, als ich die Sonne auf meiner Haut spürte. Als ich zu meinem Freund zurückkam, fragte dieser mich, was ich getan habe. „Ich habe nichts getan,“ sagte ich und ich erzählte ihm, was geschehen war. Genau dasselbe passierte mir an noch einem anderen Abend. Danach dachte ich in jener Periode, bevor Gott mich mit dem Prophetentum ehrte, nie wieder an so etwas.“ 6

Als Staatsoberhaupt wird ihm nach seinem Tod noch eine Rolle als Hirt zugedacht:

  • Als der Prophet verstorben war, wurden die Araber abtrünnig, lebten Christentum und Judentum wieder auf und trat die Halbherzigkeit (nifāq) ans Tageslicht. Die Muslime waren wie Schafe im Regen in einer Winternacht, nun da sie den Propheten verloren hatten, bis Gott sie unter Abū Bakr wieder vereinte.7

ANMERKUNGEN

1. Koran 28:22-8; Bibel,
2 Mose 3:1. 2. Schafe und Ziegen knabbern gerne am Arakstrauch. Die Beeren gelten als Heilkraut: sie stärken den Magen, fördern die Verdauung und lindern Schmerzen.
3. Es gibt etliche Hadithe in denen dies thematisiert wird, z.B. Muslim, Saḥīḥ, Ashriba 163.

حدثني أبو الطاهر أخبرنا عبد الله بن وهب عن يونس عن ابن شهاب عن أبي سلمة بن عبد الرحمن عن جابر بن عبد الله قال: كنا مع النبي ص بمر الظهران ونحن نجني الكباث فقال النبي ص عليكم بالأسود منه قال فقلنا يا رسول الله كأنك رعيت الغنم قال نعم وهل من نبي إلا وقد رعاها أو نحو هذا من القول.

4. Bibel, Johannes 10:11. Ist in Offenbarung 2:27 und 19:15 der „eiserne Stab“, mit dem Jesus regieren wird (ἐν ῥάβδῳ σιδηρᾷ), auch ein Hirtenstab?
5. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, S. 106.
6. At-Tabarī, Ta’rīkh, hg. M.J. de Goeje et al., Leiden 1890 ff., i. S. 1126–7.
7. At-Tabarī, ibid., S. 1834.

Diakritische Zeichen: Ǧābir, Muḥammad, Marr aẓ-Ẓahrān, Ḥasan, ʿAlī ibn abī Ṭālib, Ṣaḥīḥ, Ašriba, Ibn Isḥāq, at-Ṭabarī, Taʾrīḫ

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Höllenstrafen

Nach islamischer Überlieferung machte Mohammed eine Reise durch Himmel und Hölle. Der älteste Bericht hierzu steht in der sīra des Ibn Ishāq (gest. 767). Später ist eine ganze Himmelfahrtliteratur (*mi‘rādj) entstanden, der auch Dante Vieles zu verdanken hat.
In den jüdischen und christlichen Literaturen gab es schon etliche solche Reiseberichte, bekannt unter dem Namen Apokalypse. Einer von denen ist in der Bibel gelandet: die Apokalypse oder Offenbarung des Johannes. Andere hat man hierzu für nicht gut genug befunden, aber sie sind dennoch erhalten: unter den Namen Henoch, Moses, Petrus, Paulus und noch anderen. In der persischen Literatur muss diese Art Erzählung schon viel länger existiert haben.
Die Hölle wird meist mit mehr Gusto beschrieben als das Paradies. Horror und Sadismus sind nun mal spannender als ewige Freude. Das menschliche Bedürfnis, das heutzutage durch Horrorfilme aus Hollywood bedient wird, wurde damals durch Texte dieser Art befriedigt. 
Aus der Erzählung der Himmelsreise Mohammeds folgt hier ein kleines Detail. Der Prophet besichtigt in der Hölle verschiedene Sündergruppen:

  • Darauf sah ich Männer mit Lefzen wie Kamele; in ihren Händen hatten sie faustgroße Stücke Feuer, die sie in ihren Mund warfen und die von hinten wieder herauskamen. Ich fragte Gabriel, wer sie waren. Er sagte: „Das sind Menschen, die unrechtmäßig den Besitz der Waisen verzehrt haben.
  • “Darauf sah ich Männer, die mageres, stinkendes Fleisch vor sich stehen hatten, und fettes, leckeres Fleisch daneben, aber nur von dem stinkenden Fleisch konnten sie essen. „Wer sind diese da?“ fragte ich Gabriel. Er sagte: „Das sind die, die nicht die Frauen nahmen, die Gott ihnen erlaubte, sondern Frauen nachstellten, die Gott ihnen verboten hatte,“ 1

Die Berichte sind also nach einem bestimmten Muster aufgebaut: „Ich sah …, ich fragte den Begleiter: Wer/was …? … und er sagte: … .“ Die vorangegangenen apokalyptischen Texte sind ähnlich aufgemacht. In der Paulusapokalypse sieht es wie folgt aus:

  • Und ich sah einen anderen Menschen im feurigen Flusse bis an die Knie. Es waren aber seine Hände ausgestreckt und blutig, und Würmer gingen aus seinem Munde und aus seinen Nasenlöchern, und er war seufzend und weinend, und ausrufend sagte er: Erbarme dich meiner, denn mir wird mehr Leid zugefügt, als den übrigen, die in dieser Strafe sind. Und ich fragte: Wer ist dieser, Herr? Und er sagte zu mir: Dieser, den du siehst, ist Diakon gewesen, der die Opfergaben aufaß und hurte und das Rechte angesichts Gottes nicht tat. Deshalb bezahlt er unaufhörlich diese Strafe.2

Und im vorislamischen persischen Buch Arda Viraf so:

  • Und ich sah die Seele eines Mannes, dessen Augen ausgestochen waren und dessen Zunge abgeschnitten war. Er war in der Hölle an einem Fuß aufgehängt; sein Körper wurde stetig mit einem zweiseitigen kupfernen Kamm geharkt und ein eiserner Nagel war in seinen Kopf getrieben. Ich fragte: „Wer ist dieser Mann und welche Sünde hat er begangen?“ Srōš, der Fromme, und der Gott(?) Ādur sagten: „Dies ist die Seele des gottlosen Richters, dessen Aufgabe in der Welt es war, die Gottlosen zu verurteilen, aber er nahm Schmiergelder und sprach lügenhafte Urteile. 3

In der jüdischen Legende, von der ich nur die englische Fassung von Ginzberg4 zur Verfügung habe, wird die Frage ausgelassen:

  • Darauf sagte Nasargiel zu Moses: „Komme und siehe wie die Sünder in der Hölle verbrannt werden.“ […] Moses sah wie die Sünder verbrannt wurden, die eine Hälfte ihres Körper in Feuer und die andere in Schnee getaucht, während Würmer, die in ihrem eigenen Fleisch ins Leben gekommen waren, über sie krochen und die Engel der Vernichtung sie unaufhörlich schlugen. Nasargiel sagte: „Diese sind die Sünder, die Inzest, Mord und Götzendienst betrieben haben, die ihre Eltern und Lehrer verflucht haben und die, wie Nimrod und andere, sich selbst Götter nannten.“

Es ist offenkundig, dass die Erzählung von Mohammeds Himmelsreise in einer langen Tradition steht. Der persische Text ist nicht so alt, aber weil Paradies und Hölle persische Erfindungen sind, ist es wahrscheinlich, dass auch dieses Motiv schon viel länger existiert.
Dies waren nur einige Beispiele. Die Texte, vor allem Arda Viraf, handeln von einer ganzen Reihe von Sündern, über die immer nach demselben Muster erzählt wird.

Anmerkungen
1. Ibn Isḥāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 269.   (± 760)
2. „Apokalype des Paulus,“ in: Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. II. Apostolisches. Apokalypsen und Verwandtes, hrsg. W. Schneemelcher, Tübingen 19895, S. 663. (@. Jh.; das ganze Werk in englischer Übersetzung hier.)
3. Ardâ Wirâz Nâmag. The Iranian ‘Divina Commedia’, hrsg. Fereydun Vahman, London/Malmö 1986, S. 214. (6. Jh.; das ganze Werk in einer älteren englischen Übersetzung hier.)
4. Louis Ginzberg, The Legends of the Jews, Philadelphia 1954–59, ii, 312; Quellennachweis v, 416–18. Es kann sein, dass die Frage fehlt, weil Ginzberg die Erzählung etwas verkürzt hat.

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Umars Bekehrung. Eine verborgene Schrift

Zum Bericht über die Bekehrung des Apostels Paulus in der Apostelgeschichte der Bibel gibt es in der Prophetenbiographie (sīra) eine Parallele in der Erzählung von der Bekehrung des ‘Umar ibn al-Khattāb, der später Kalif wurde. Beide Männer hatten zuerst die neue Religion aufs Heftigste bekämpft, beide werden nach einer unerwarteten Bekehrung ihre energischsten Verteidiger. Die Bekehrung des Paulus geschah urplötzlich, als ihn auf dem Weg nach Damaskus eine Vision überkam, die seine Augen blendete.1 Bei ʿUmar kam die Wende ebenso blitzartig, als er in der Wohnung seiner Schwester Fātima mit dem Koran konfrontiert wurde. Der Koran spielt die Hauptrolle bei seiner Bekehrung; das ist fein islamisch gedacht.
Der noch unbekehrte ‘Umar—kurz angebunden wie immer—stürmt ins Zimmer seiner Schwester und fragt in barschem Ton, was das zu bedeuten habe. Es kam sogar zu Handgreiflichkeiten. Fātima verbirgt das Blatt mit dem Korantext, und zwar, indem sie sich daraufsetzt. Heutige islamische Koranverehrer würden es wohl nie wagen, auf so eine Idee zu kommen, aber so steht es in der Prophetenbiographie von Ibn Isḥāq aus dem achten Jahrhundert.2 Zu der Zeit waren die Menschen noch nicht so zimperlich. ‘Umar will das Blatt sehen, aber seine Schwester weigert sich es herauszugeben, mit der Begründung, dass er unrein sei und der Koran nur von Reinen berührt werden dürfe. Nachdem er sich gereinigt hat, liest ʿUmar das Blatt dann doch — und wird bekehrt.

Es ist offensichtlich: der Erzähler hatte hier die Koranverse 56:77–79 im Kopf, einen Passus, in dem ebenfalls der Koran im Mittelpunkt steht:  انه لقرآن كريم في كتاب مكنون لا يمسه الا المطهرون „Es ist wirklich ein vorzüglicher Koran, in einer verborgenen Schrift, die nur Reine berühren dürfen.“ Über die verborgene Schrift (kitāb maknūn) ist im Laufe der Jahrhunderte viel Tiefsinniges gesagt worden: Sie werde von Gott im Himmel aufbewahrt usw. Aber der Erzähler dieser frühen Geschichte hat daran nicht gedacht. Er hat den beiden Wörtern eine einfache, etwas derbe Deutung gegeben, indem er Fātima das Blatt auf ihre Weise „verbergen“ ließ.

Auch veröffentlicht in zenith Juli/August 2013, 94–95.

ANMERKUNGEN
1. Bibel, Apostelgeschichte 9:3.
2 Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd al-Malik Ibn Hischâm, hrsg. F. Wüstenfeldt. 2 Bde., Göttingen 1858-60, S. 224. Übersetzung: Ibn Isḥāq, Das Leben des Propheten, übers. Gernot Rotter, Kandern 1999, S. 71-74. Hier finden Sie meine Übersetzung der ganzen Erzählung.

Diakritische Zeichen: ʿUmar ibn al-Khaṭṭāb, Fāṭima

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Sira in Alt-England?

In der bekannten Erzählung aus der Prophetenbiografie (sīra) des Ibn Ishāq1 über die erste Koranoffenbarung kommt der Engel Gabriel zum schlafenden Mohammed mit einer Decke aus Goldbrokat, auf der Schriftzeichen stehen.
– Rezitiere! befiehlt Gabriel ihm.
– Ich kann nicht rezitieren, erwidert Mohammed, worauf der Engel dessen Hals kräftig zudrückt.
– Rezitiere! sagt Gabriel abermals.
– Ich kann nicht rezitieren, erwidert Mohammed, worauf dasselbe noch mal passiert.
– Rezitiere! sagt Gabriel zum dritten Mal.
– Was soll ich denn rezitieren, antwortet Mohammed jetzt, und darauf wird ihm die Sure 96 des Korans offenbart.

Dies hat eine Parallele in einer Erzählung des Briten Beda Venerabilis (673–735) über den Laienbruder Cædmon, der von Gott den Auftrag und die Gabe bekommt, geistliche Lieder zu dichten und zu singen. Das geht so:
Der Laienbruder Cædmon kann weder singen noch Harfe spielen. Nachts in seinem Schlaf bekommt er einen Besucher, der sagt:
– Cædmon, singe mir etwas!
– Ich kann nicht singen, erwidert er.
– Du musst aber singen!
– Was soll ich dann singen?
– Singe über den Anfang der Schöpfung!
Nach dieser Antwort fing er gleich an Loblieder auf Gott, den Schöpfer, zu singen, die er noch nie gehört hatte … .2

Die Erzählung steht in Bedas Kirchengeschichte, die ca. 731 vollendet worden ist. Die Übereinstimmung ist vom Skandinavisten Von See entdeckt worden und die Orientalisten Sellheim und Schoeler haben einstimmend darauf hingewiesen.3 Die beiden Letzten folgern, dass die Prophetenbiographie also schon ca. 730 in England bekannt gewesen sein muss. Unmöglich ist dies nicht; Spanien war damals schon von den Arabern erobert worden, und von dort war England nicht mehr weit. Damit wäre dann auch bewiesen, dass die arabische Erzählung schon lange bevor Ibn Ishāq sie ± 760 in sein Buch aufnahm existierte.
Aber das Motiv bei Beda kann doch auch in England ohne arabische Quelle, einfach unter Einfluss der Bibel entstanden sein? Auch die spricht von Propheten, die protestieren, wenn sie beauftragt werden zu sprechen, und das erst können, nachdem Gott es ihnen ermöglicht hat, nämlich Moses (2. Mose 4:1, 10, 13) und Jeremia (Jeremia 1:6). Das Schema: zwei Mal sich weigern, das dritte Mal einwilligen, scheint mir weltweit vorzukommen und ein typischer Zug oraler Literatur zu sein. Die Cædmongeschichte beweist gar nicht, dass die sīra so früh in England bekannt war.

ANMERKUNGEN
1. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, uitg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 152–
2. Beda Venerabilis, Historia Ecclesiastica gentis Anglorum iv, 24, Latein mit englischer Übersetzung: … adstitit ei quidam per somnium, eumque salutans, ac suo appellans nomine: ‘Cædmon,’ inquit, ‘canta mihi aliquid.’ At ille respondens: ‘Nescio,’ inquit, ‘cantare; nam et ideo de conuiuio egressus huc secessi, quia cantare non poteram.’ Rursum ille, qui cum eo loquebatur, ‘Attamen,’ ait, ‘mihi cantare habes.’ ‘Quid,’ inquit, ‘debeo cantare?’ Et ille, ‘Canta,’ inquit, ‘principium creaturarum.’ Quo accepto responso, statim ipse coepit cantare in laudem Dei conditoris uersus, quos numquam audierat, …;  Thereupon one stood by him in his sleep, and saluting him, and calling him by his name, said, “Cædmon, sing me something.” But he answered, “I cannot sing, and for this cause I left the banquet and retired hither, because I could not sing.” Then he who talked to him replied, “Nevertheless thou must needs sing to me.” “What must I sing?” he asked. “Sing the beginning of creation,” said the other. Having received this answer he straightway began to sing verses to the praise of God the Creator, which he had never heard, … (Bede’s Ecclesiastical History of England, transl. A. M. Sellar, London 1907).
3. K. von See, ‘Caedmon und Muhammad,’ in Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 112 (1983), 225–233; R. Sellheim, ‘Mohammeds erstes Offenbarungserlebnis […],’ in JSAI 10 (1987), 13ff.; G. Schoeler, Character und Authentie der muslimischen Überlieferung über das Leben Mohammeds, Berlin/New York 1996, 61.

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Dreihundert und

Im Film 300 versuchen dreihundert Spartaner und noch einige andere Griechen in der Schlacht bei den Thermopylen (480 v. Chr.) einer großen persischen Übermacht Paroli zu bieten. Die Zahl 300 wird schon beim griechischen Autor Herodot (± 480–425 v. Chr.) erwähnt.1

Dieselbe Zahl kommt auch in der Bibel vor: in der Gideonerzählung, im Buch der Richter.2 Auch dort wird von einer kleinen Schar von erlesenen Kriegern erzählt, die sich gegen eine Übermacht von Midianitern, gewaltig „wie eine Menge Heuschrecken,“ aufgestellt habe. In der Nacht vor der Schlacht hat jemand im feindlichen Lager einen Albtraum, nämlich dass Gideon siegen und das ganze Lager ihm in die Hände fallen wird. Der Sieg des kleinen Trupps wird mit ausdrücklicher Hilfe Gottes errungen.
Richter datiert, so viel ich weiß, auf ± 1000 v. Chr. und ist also erheblich älter als die griechische Erzählung. Dass Herodot das Buch der Richter gekannt hätte, das auf Hebräisch geschrieben ist und zu seiner Zeit nur von Juden in Mesopotamien und Palästina gelesen wurde, ist unwahrscheinlich. Er muss von sich aus auf die Zahl 300 gekommen sein, oder die Erzählung ist in irgendeiner abgeleiteten Form in der alten Welt zirkuliert.

Mit Sicherheit abhängig von der Bibel oder einer jüdischen Bearbeitung der Gideonlegende waren jedoch die arabischen Erzähler, die über Mohammeds Schlacht bei Badr berichteten.3 Dreihundert und noch einige Anhänger des Propheten, als Muslime grundsätzlich Elitekämpfer, überfallen dort eine erheblich stärkere Karawane der noch heidnischen Quraisch. Im feindlichen Lager hat jemand in der Nacht vor der Schlacht einen Traum, in dem die Niederlage vorhergesagt wird; genau so wie in der Gideonerzählung. Auch hier gelingt es der kleinen Schar, mit Gottes Hilfe die größere Gruppe zu besiegen.
Die ± 300 Mann, die Übermacht des Feindes, der Traum und die Hilfe Gottes: So viele Übereinstimmungen können kein Zufall sein; darauf hat Von Mžik bereits vor einem Jahrhundert hingewiesen.4 Es ist abermals ein Beispiel des jüdisch-christlichen Einflusses auf die Biographie des Propheten Mohammeds.

Wie zahlreich sollten, erzähltechnisch betrachtet, die Gegner bei Badr sein? Es sollten nicht so unwahrscheinlich viele wie bei Gideon sein; die Erzählkunst hatte im Lauf der Jahrhunderte schon Fortschritte gemacht. Dass ein Muslim einem Heiden überlegen ist, ist selbstredend. Dass er auch zwei schafft, liegt nahe: durch die Kraft seines Glaubens nämlich.5 Aber zehn, zum Beispiel, wäre wirklich zu viel; dann würde die Erzählung in eine andere Gattung abdriften. Figuren wie Superman, Asterix und Obelix, Bud Spencer und Terence Hill werden mit unbeschränkten Zahlen von Gegnern fertig, aber sie sind deutlich in fantastischen Erzählungen zu Hause. Und die sind ziemlich fade, weil darin die Kämpfe nicht spannend oder real vorstellbar werden. Die Gegner bei Badr belaufen sich auf insgesamt 950; das bedeutet: ein Muslim auf etwas mehr als drei Heiden. Das ist grenzwertig und neigt schon einigermaßen zum Fantastischen, aber wird es doch nicht. Die Erzählung will uns ja klar machen, dass die Schlacht mit Gottes Hilfe gewonnen worden sei, und in den Augen sowohl des Erzählers als der ersten Hörer ist daran nichts Fiktives oder Fantastisches. Die Wahrscheinlichkeit ist so für sie gerade noch nicht beeinträchtigt.

ANMERKUNGEN
1. Herodot, Historiae vii, 205.
2. Richter 7:2–22.
3. Ibn Isḥāq, in: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, […] hrsg. F. Wüstenfeld, 3 Bde., Göttingen 1858–60, S. 428–9, 506, 516 (Arabische Texte). In englischer Übersetzung: A. Guillaume, The Life of Muhammad, A Translation of Isḥāq’s (so!) Sīrat Rasūl Allāh, Oxford 1955, S. 290, 336, 340.
4. Hans von Mžik, ‘Die Gideon-Saul-Legende und die Überlieferung der Schlacht bei Badr. Ein Beitrag zur ältesten Geschichte des Islām,’ Wiener Zeitschift für die Kunde des Morgenlandes 29 (1915), S. 371–383.
5. Das bestätigt ein Hadith: Muslim, @@@, @@@

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