Mohammed: Eselreiter oder Kamelreiter?

Wie seine Zeitgenossen auch wird der Prophet Muhammad alle Reittiere benutzt haben, die zur Verfügung standen und für eine bestimmte Strecke geeignet waren: Esel, Maultier, Kamel oder Pferd.
Nachdem es in einem früheren Beitrag um das Maultier ging, kommen jetzt die Esel an die Reihe. Derselbe Herbert Eisenstein, der die Maultiere des Propheten beschrieben hat, hat auch diese behandelt.1
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Ya‘fūr
In derselben Geschenksendung aus Ägypten, in der zwei Sklavinnen und das Maultier Duldul waren, befand sich auch ein Esel namens Ufair. Zudem gab es den Esel Ya‘fūr, der Mohammed von Farwa ibn Amr geschenkt wurde, zusammen mit einem weiteren Maultier. Wie bei den Maultieren schwankt hier die Überlieferung und die Tiere werden oft verwechselt. Nach einer anderen Quelle etwa war Ya‘fūr unter der Kriegsbeute bei der Eroberung der Oase Khaibar im Jahr 628. Als der Prophet ihn bei der Gelegenheit nach seinem Namen fragte, antwortete der Esel:

  • Ich bin Yazīd ibn Shihāb. Gott brachte aus der Nachkommenschaft meines Ahnen sechzig Esel hervor, auf denen nur Propheten ritten. Ich habe gehofft, dass du mich reitest, da von der Nachkommenschaft meines Ahnen keiner außer mir übrig ist und von den Propheten keiner außer dir.
Mohammed und Gabriel

Mohammed und Gabriel

Er beklagte sich noch, dass sein Vorbesitzer, ein Jude, ihn oft schlug, weil er absichtlich stolperte, wenn er von ihm geritten wurde. Der Prophet gab dem Esel den neuen Namen Ya‘fūr und ritt ihn oft. Er konnte ihn auch einsetzen, wenn er einen seiner Gefährten herbeirufen wollte. Der Esel klopfte dann mit seinem Kopf an dessen Haustür, worauf der Bewohner nach draußen kam und verstand, dass der Prophet ihn bei sich sehen wollte. Das Tier soll 632 nach der Abschiedswallfahrt des Propheten gestorben sein. Nach einer schöneren Erzählung aber starb es am Todestag des Propheten, als es vor Kummer in einen Brunnen fiel — oder war es Selbstmord? Auf jeden Fall wurde sein Sterben so mit Bedeutung aufgeladen: So wie Mohammed der Letzte der Propheten war, war Ya‘fūr der letzte prophetische Esel.
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Der Esel als prophetisches und messianisches Reittier
Der Esel ist also mehr als bloß ein Reittier und wenn Mohammed in vielen Überlieferungen auf einem Esel reitet, hat das seinen Grund. Der Islamhistoriker Suliman Bashear hat zu diesem Thema einen detaillierten Artikel verfasst, aus dem ich hier das Wichtigste zusammenfassen werde.2
Schon seit Ewigkeiten galt der Esel als prophetisches Reittier. Auch für die im islamischen Sinne älteren „Propheten“ Abraham, Moses und Jesus war er ein normales Beförderungsmittel. Aber bei der Exegese heiliger Schriften können immer bedeutungsvolle Verbindungen entdeckt werden. Der Autor der jüdischen Schrift Pirqe de Rabbi Eliezer3 zum Beispiel glaubt, dass es durch die Jahrhunderte nur ein- und denselben Esel gegeben habe — das Tier muss nahezu unsterblich gewesen sein.4

  • Abraham stand früh am Morgen auf und nahm Ismael und Eliëser und Isaak, seinen Sohn, und gürtete den Esel. Dieser Esel war der Sohn der Eselin, die in der Abenddämmerung erschaffen wurde,5 wie es heißt: Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel […].6 Das war auch der Esel, den Moses ritt als er nach Ägypten kam […].7 Und derselbe Esel wird in Zukunft von dem Sohn Davids geritten werden, wie es heißt: Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, demütig und reitend auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin. 8

Dieser Text aus Palästina datiert von nach 700; wie bekannt er in islamischen Kreisen war, ist unbekannt.
Der Esel ist also auch ein messianisches Tier: der Sohn Davids ist ja der erwartete Messias. Die Christen sind noch einen Schritt weitergegangen. Für sie war Jesus der Messias, der demzufolge bei seinem Einzug in Jerusalem auf einem Esel geritten sein musste: Jesus fand einen Esel und setzte sich darauf — wie geschrieben steht: Juble laut, Tochter Zion! … [usw. wie im Zitat oben ]“.9
Die frühen Muslime lasen fleißig die Bibel; viele dort vorgefundenen Verweise auf den kommenden Messias bzw. den Heiligen Geist bezogen sie auf Mohammed. Ihnen zufolge sollen Christen und Juden also aus ihren Schriften gewusst haben, dass es Mohammed geben würde, obwohl sie das nach ihrer Art meist leugneten. War die Bibel dann von Interesse für diese Muslime? Aber sicher! Sie oder ihre Väter waren ja Christ oder Jude gewesen und sie bildeten eine kleine Minderheit in einem Meer von Christen und Juden. Ein Hadith des Propheten empfiehlt ausdrücklich Texte von den Juden zu überliefern: Haddithū ‘an Banī Isrāʾīl. Überdies nahmen die Muslime in ihren Streitgesprächen mit Christen und Juden Bibeltexte zu Hilfe. Wenn die verwendeten Texte nicht  mit den wohlbekannten übereinstimmten, änderten sie sie — wobei sie ihrerseits natürlich meinten, dass die Juden oder Christen sie gefälscht oder unterschlagen hatten.

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Der Prophet als Eselreiter
Tatsächlich gibt es etwas wie einen Bibelvers, in dem Mohammed als Eselreiter angekündigt wird. Nur müssen Sie ihn nicht in der Bibel nachschlagen wollen: Er ist reine Erfindung, knüpft aber in seiner Gestaltung einigermaßen bei dem oben zitierten Vers zum Sohn Davids an. Bashear10 fand vier Varianten des vermeintlichen Verses, von denen ich nur die am leichtesten auffindbare auswähle:

  • […] Er wird erscheinen in Mekka und dies[e Stadt = Medina] wird die Wohnstätte seiner Hidschra sein. Er ist der Lachende, der Tödliche, der sich mit Brotstückchen und einigen Datteln zufrieden gibt, einen ungesattelten Esel reitet; in seinen Augen ist Röte, zwischen seinen Schultern ist das Siegel des Prophetentums und er trägt sein Schwert auf seiner Schulter […].11

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Der Prophet als Kamelreiter
Häufiger sind Texte, in denen die Erscheinung Mohammeds als Kamelreiter vorhergesagt wird. Ich zitiere wieder nur einen, damit es nicht zu lang wird. Ein jüdischer Gegner Mohammeds aus den Banū Nadīr erinnerte die Juden daran, dass sie einen Mann mit folgenden Eigenschaften zu erwarten hätten:

  • […] der Lachende, der Tödliche, in dessen Augen Röte ist, der aus dem Süden herankommt, der ein Kamel reitet und einen Mantel trägt, sich mit einem Brotstückchen zufrieden gibt und sein Schwert auf seiner Schulter hat […]12

Warum lässt man Mohammed erst auf einem Esel, dann auf einem Kamel reiten? Als Prophet stand er natürlich in einer Linie mit Jesus, aber vielleicht passte gerade der messianische Charakter Jesu manchen Muslimen nicht. Obwohl Jesus im Koran auch Messias (masīh) genannt wird, ist nach islamischem Glauben der masīh vor allem derjenige, der am Ende der Zeiten kommen wird um zusammen mit dem Mahdī den dadjdjāl, eine Art Antichrist, zu schlagen. Das wird nicht auf Mohammed bezogen: Er war ein normaler Mensch, wird nicht für den masīh gehalten — und sollte also keine entsprechenden Züge aufweisen.13
Oder aber die Verfasser dieser Texte haben nicht verstanden oder geschätzt, dass der Esel ein Symbol für Bescheidenheit war und ein nobles Kamel als eines Propheten würdiger erachtet.
Des Weiteren gab es bereits eine gottgelenkte Kamelstute (an-nāqa al-ma’mūra) in Mohammeds Leben: das Tier, auf dem er die Hidschra von Mekka nach Medina machte und das sich in Medina nicht auf die Stelle hinsetzen wollte, die man ihm anwies, sondern nur dort, wo es selbst sich dazu entschied — auf göttliches Geheiß, versteht sich.
Die vielen komplizierten Texte zum Thema sind schlecht zu datieren, aber sollten die Kamel-Überlieferungen tatsächlich späteren Datums sein, so könnte der Wechsel des Reittiers auch mit der „Entbibelung“ und Arabisierung des frühen Islams zu tun haben, von der hier und hier schon mal die Rede war: Ein biblisches wird durch ein echt arabisches Tier ersetzt.14

Mohammed und Jesus?

Mohammed und Jesus?

In manchen Texten ist sowohl von einem Eselreiter als auch von einem Kamelreiter die Rede. Nach al-Fārisī (gest. 902), dem Autor einer frühen Sammlung von Prophetenerzählungen, war es der biblische Prophet Jesaja, der für Vorhersagen wie die oben zitierten zuständig war:

  • Es wurde gesagt, dass es Jesaja war, der mit der Sache [der Verkündigung] Jesu und Mohammeds betraut wurde. Er sagte zu Aelia, das ist eine Stadt unweit von Bait al-Maqdis, genannt Jerusalem: „Freue dich, Jerusalem, der Eselreiter wird zu dir kommen (d.h. Jesus); danach wird der Kamelmann zu dir kommen (d.h. Mohammed).“ 15

Hier werden im selben angeblichen Jesajavers erst Jesus und dann Mohammed angekündigt, jeder auf einem passenden Reittier. In der Tat gibt es bei Jesaja einen echten Vers, in dem mit etwas Fantasie von einem Eselreiter und einem Kamelreiter die Rede ist: Und sieht er Reiter, Pferdegespanne, einen Zug Esel, einen Zug Kamele, so soll er aufmerksam Acht geben, mit großer Aufmerksamkeit!16 Jedoch das dort vorkommende Wort rèkèv, „Reiterschar” oder „Reiter“ im Plural, wurde hin und wieder auch als rokev „Reiter” im Singular gelesen; die hebräische Konsonantenschrift lässt das zu. Dann würden tatsächlich ein Eselreiter und ein Kamelreiter vorhergesagt.

Es gibt eine wilde Wucherung von noch viel mehr Texten, die Bashear alle ausarbeitet; diese wenigen mögen zur Orientierung in der Thematik dienen.
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Umar als Eselreiter
War der Esel als prophetisches Tier mit Ya‘fūr gestorben, als messianisches Tier hat er noch ein Nachleben gehabt. ʿUmar, der zweite Kalif (reg. 634–44), soll auf einem Esel von al-Djābiya auf den Golanhöhen nach Jerusalem geritten sein. Einmal abgesehen davon, dass er wahrscheinlich nie in Jerusalem war, ist diese Strecke so lang, dass ein Staatsoberhaupt unter Zeitdruck wohl kaum einen Esel benutzt hätte. Es gibt in der Tat Varianten, denen zufolge er erst am Jordan auf einen Esel umgestiegen sein soll. Ein Pferd zu nehmen um die Römer zu beeindrucken, wie manche ihm vorschlugen, soll er aus Bescheidenheit ausdrücklich abgelehnt haben. Die Verfasser solcher „Berichte“ werden mit Sicherheit den messianischen Charakter sowohl des Esels als auch des Einzugs in Jerusalem im Kopf gehabt haben. ‘Umar hatte ja den Beinamen Fārūq, auf Aramäisch parūqā, was „Erlöser“ bedeutet. ‘Umars Reittier wird in mehreren Texten ausführlich thematisiert und diskutiert.17 Bei at-Tabarī schließlich finden wir einen Kompromisstext, laut welchem er bei drei Besuchen in Syrien auf drei unterschiedlichen Reittieren geritten sei: Pferd, Kamel und Esel.18

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Burāq
Und dann gab es noch das Reittier Burāq, auf dem Mohammed eine Himmelfahrt (mi‘rādj) und eine nächtliche Reise nach Jerusalem (isrā’) vollzogen haben soll. Von diesem Tier gibt es Beschreibungen:

  • Dem Propheten wurde Burāq gebracht. Dies ist das Reittier, auf dem auch die Propheten vor ihm geritten waren und das seinen Huf bei jedem Schritt so weit setzt, wie sein Blick reicht. Er wurde auf das Reittier gehoben, und Gabriel begleitete ihn […].19

Der Prophet selbst soll gesagt haben:

  • […] und siehe da, da stand ein weißes Reittier, halb Maultier, halb Esel. An den Schenkeln hatte es zwei Flügel, mit denen es seine Hinterbeine vorantrieb, während es seine Vorderbeine dort aufsetzte, wohin sein Blick reichte […] Als ich mich dem Tier näherte um aufzusteigen, scheute es, doch Gabriel legte ihm die Hand auf die Mähne und sprach: „Schämst du dich nicht, Burāq, über das, was du tust? Bei Gott, kein edlerer hat dich vor ihm geritten.“ Da schämte es sich so sehr, dass es in Schweiß ausbrach, und hielt still, dass ich aufsteigen konnte.20

Al-Buraq4816-357Burāq gehört zur Gattung der fliegenden mythologischen Vierfüßler. Meist sind das fliegende Pferde (Pegasus; das mongolische Windpferd), aber in Indien gibt es auch die fliegende Kuh Kamadhenu. Und jetzt also dieses Zwischending zwischen Esel und Maultier. Von Burāq existieren viele Bilder, aber die sind spät entstanden. Oft hat er ein Menschengesicht bekommen; in Indien hat es wohl eine Beeinflussung durch die besagte Kuh gegeben.

Haben diese Reisen auf Burāq überhaupt wirklich stattgefunden oder nur im Traum oder in einer Vision? Die Diskussion darüber ist sehr alt; man findet sie schon in der Prophetenbiographie des Ibn Ishāq (gest. 767).21 Der immer vernünftige Korankommentator at-Tabarī (gest. 923) meint, dass die Reisen durchaus körperlich stattgefunden haben müssten: Um bloß eine Seele zu tragen wäre ja kein Reittier vonnöten gewesen.22

Auch veröffentlicht in zenith, 04/2014, S. 110–1 und online.

ANMERKUNGEN:
1. Eisenstein, Maulesel und Esel, 104–106.
2. Bashear, Riding Beasts on Divine Missions.
3. Pirqe de Rabbi Eliezer 31:

השכים אברהם בבקר ולקח את ישמעל ואת אליעזר ואת יצחק בנו וחבש את החמור. הוא החמור בן האתון שנבראת בין השמשות שנא׳ וישכם אברהם בבקר ויחבש את חמורו והוא החמור שרכב עליו משה בבואו למצרים שנאמר ויקח משה את אשתו ואת בניו וגו׳ הוא החמור שעתיד בן דוד לרכוב עליו שנאמר גילי מאד בת ציון הריעי בת ירושלים הנה מלכך יבא לך צדיק ונושע הוא עני ורוכב על חמור ועל עיר בן אתונות.

4. Im Koran 2:259 ist die Rede von einem Menschen (Propheten?), den Gott hundert Jahre lang tot sein ließ und danach wieder auferweckte — und seinen Esel ebenso. Ein sehr rätselhafter Vers, in dem ich mich jetzt nicht verlieren möchte.
5. Die Mutter dieses Esels, die in der Abenddämmerung des sechsten Schöpfungstags erschaffen worden ist, war auch die Eselin, auf der Bileam ritt (4. Mose 22:21–23).
6. 1. Mose 22:3.
7. 2. Mose 4:20.
8. Sacharia 9:9.
9. Johannes 12:13–15; auch Matthäus 21:1–6; Markus 11:1–10; Lukas 19:28–35; bei Matthäus und Johannes unter Bezugnahme auf den Sacharia-Vers.
10. Bashear, o.c., 47–51. Bashear verfügte in Jerusalem über eine unglaubliche Bibliothek, mit denen europäische Bibliotheken bei Weitem nicht mithalten können.
11. Al-Madjlisī, Bihār al-Anwār, laut Bashear Bd. xv, 206, aber er sagt nicht welche Ausgabe. In diesem Riesenwerk kann ich ohnehin nie etwas finden; ich bekenne: Ich habe es einfach aus dem Internet genommen. Es ist eine Schiitische Quelle; zu denjenigen, denen das nicht gefällt, kann ich sagen, dass es genauso gut sunnitische Quellen gibt.

ان خروجه يكون مخرجه بمكة وهذه دار هجرته وهو الضحوك القتال ، يجتزي بالكسيرات والتمرات ويركب الحمار العاري ، في عينيه حمرة وبين كتفيه خاتم النبوة ، يضع سيفه على عاتقه.

12. Al-Wāqidī, Kitāb al-magāzī, hg. Marsden Jones, 3 Bde., London 1966, i, 367:

أتاكم صاحبها الضحوك القتال في عينيه حمرة يأتي من قِبل اليمن يركب البعير ويلبس الشملة ويجترئ بالكسرة سيفه على عاتقه الخ

13. In der Wortkombination al-masih ad-dadjdjāl hat das Wort sogar einen sehr ungünstigen Klang: es entspricht dem Namen Antichrist bei den Christen.
14. Bashear, o.c., 39–47.
15. R.G. Khoury, Les légendes prophétiques dans l’Islam […] d’après le manuscrit d’Abū Rifāʿa ʿUmāra b. Wātīma b. Mūsā b. al-Furāt al-Fārisi al-Fasawī, Kitāb bad’ al-Halq wa-qisas al-anbiyā’ […], Wiesbaden 1978, S. 300. Ich habe zwei kleine Textänderungen vorgenommen.

وكان يقال ان أشعياء هو الذي عهد الي بني اسرائيل في أمر عيسى س ومحمد ص فقال لإيلياء وهي قرية قريبة من بيت المقدس واسمها أرشلم: ابشرى أرشلم سيأتيك راكب الحمار يعني عيسى س، ثم يأتيك من بعده صاحب الجمل، يعني محمد ص

16. Jesaja 21:7: וראה רכב צמד פרשים רכב חמור רכב גמל והקשיב קשב רב־קשב
17. Bashear, o.c., 68–71.
18. Muḥammad ibn Djarīr at-Tabarī, Ta’rīḫ ar-rusul wa-’l-mulūk (Annales), hg. M.J. de Goeje et al., Leiden 1879–1901, i, 2401: „Insgesamt ist Umar vier mal in Syrien eingeritten: das erste Mal auf einem Pferd, das zweite Mal auf einem Kamel, das dritte Mal hat er abgebrochen, weil die Pest wütete, und das vierte Mal auf einem Esel.“

فجميع ما خرج عمر الى الشأم أربع مرات، فأما الأولى فعلى فرس، وأما الثانية فعلى بعير، وأما الثالثة فقصّر عنها أن الطاعون مستعر، وأما الرابعة فدخلها على حمار.

19. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 263; Das Leben des Propheten, Übers. Gernot Rotter, Kandern 1999, 80.
20. Ibn Ishāq, o.c. 264; o.c., 81–2. TEXT@
21. Ibn Ishāq, o.c. 264–6. TEXT@
22. At-Tabarī, Tafsīr zu Koran 17:1:

ولا دلالة تدلّ على أن مراد الله من قوله : { أَسْرَى بِعَبْدِهِ } أسرى بروح عبده، بل الأدلة الواضحة والأخبار المتتابعة عن رسول الله  ص أن الله أسرى به على دابّة يقال لها البراق؛ ولو كان الْإسراء بروحه لم تكن الروح محمولة على البراق، إذ كانت الدواب لا تحمل إلا الْأجسام .

BIBLIOGRAPHIE:
– Bashear, Suliman, „Riding Beasts on Divine Missions: An Examination of the Ass and Camel Traditions,“ JSS 37.1 (1991), 37–75.
– Eisenstein, Herbert, „Die Maulesel und Esel des Propheten,“ Der Islam 62 (1985), 98–107.
– Kister, Meir J., „Haddithū ʿan Banī Isrāʾīla wa-lā haraja. A Study of an early Tradition,“ in IOS 2 (1972), 215–39; online hier.
– Rubin, Uri, The eye of the beholder. The life of Muḥammad as viewed by the early Muslims. A textual analysis, Princeton 1995, insbes. S. 35–43.

Diakritische Zeichen: Yaʿfūr, ʿUfair, ʿAmr, Ḫaibar, Šihāb, Ḥaddiṯū ʿan Banī Isrāʾīl, Banū Naḍīr, masīḥ, daǧǧāl, ʿUmar, al-Ǧābiya, aṭ-Ṭabarī, miʿrāǧ, isrāʾ, Ibn Isḥāq, al-Maǧlisī, Biḥār al-Anwār, Kitāb al-maġāzī, Abū Rifāʿa ʿUmāra b. Wāṯīma b. Mūsā b. al-Furāṭ, Kitāb badʾ al-Ḫalq wa-qiṣas al-anbiyāʾ, Muḥammad ibn Ǧarīr aṭ-Ṭabarī, Taʾrīḫ

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Der Heilige Krieg (Dschihad)

Ein Heiliger Krieg ist ein Krieg, der aus einer Religion, aus einem vermeintlich göttlichen Auftrag heraus oder zur Verteidigung „heiliger“ Gebiete geführt wird.
Heilige Kriege sind in allen drei westlichen Religionen vorgesehen. Die alten Israeliten stürzten sich auf das Bekämpfen konkurrierender Kleinvölker – nach Ansicht einiger Propheten taten sie das noch zu wenig. Im Alten Testament (4. Mose 21:14) wird auf ein Buch von den Kriegen des HERRN hingewiesen, das leider nicht erhalten ist. Jesus ist nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert (Matthäus 10:34), und er wird erneut kommen mit eisernem Stabe (Offenbarung 19:15). Seine Anhänger führten mehrere heilige Kriege, u.a. die Kreuzzüge im Nahen Osten (Deus lo vult – „Gott will es!“). Auch Muslime kennen den heiligen Krieg; sie nennen ihn meist Dschihad (djihād). Diesen Ausdruck jedoch habe ich nicht als Titel gewählt, weil 1) das Wort auch noch eine andere Bedeutung hat: „sich anstrengen“ 2) für offensichtlich Heilige Kriege auch das Wort qitāl, „kämpfen“ häufig benutzt wird.

  • djāhada, Infinitiv djihād‚ „sich anstrengen“
  • al-djihād fī sabīl Allāh‚ „sich anstrengen auf dem Weg Gottes, für Gottes Sache“
  • mudjāhid, jemand, der eben dies unternimmt; spez.  „Glaubenskämpfer“.
  • Es gibt einen inneren Dschihad: der Kampf gegen das eigene Ich und die Seele, die zum Bösen neigt; und einen äußeren: das „Sich-Anstrengen für Gottes Sache“. Letzteres muss nicht militärisch sein. Aber im heutigen Sprachgebrauch wird Dschihad selten in Zusammenhang mit der Anstrengung im Rahmen eines Studiums oder etwa der Eröffnung einer Kinderklinik benutzt.

Die ersten arabischen Eroberungen
Die ersten arabischen Eroberungen (632-750) waren sehr militant, aber noch kaum islamisch oder Dschihad, weil sich weder der Islam- noch der Dschihadbegriff bereits herauskristallisiert hatte. Rückwirkend hat man die Eroberungen jedoch durchaus Dschihad genannt.
Texte, heilige oder nicht heilige, geschriebene oder ungeschriebene, spielen bei Kriegsführung immer eine wichtige Rolle. Eine Einzelperson hat vielleicht auch so mal Lust am Kämpfen, aber wenn man Gruppen von Männern über längere Zeit kämpfen lassen will, braucht man Worte: zur Motivierung, zur Rechtfertigung, zur Ermutigung. Die Worte können von Gemeinschaften bzw. Führern bewusst eingesetzt werden. Ohne Zweifel gehörten zu den Antriebsmotoren der arabischen Eroberungen die neue geistliche Bewegung und die darin kursierenden Texte, die auch im Koran ihren Niederschlag gefunden haben; wie genau ist den Geschichtsschreibern nicht klar.

Der Heilige Krieg im Koran
Wer recherchieren möchte, was der Koran über das Thema zu sagen hat, findet mehr als hundert Verse, hauptsächlich mit djihād und qitāl und verwandten Wörtern. Aber eine einheitliche Auffassung des Koran über den Krieg gibt es nicht: „The qur’ānic rulings and attitudes regarding warfare are often ambiguous and contradictory so that there is no one coherent doctrine of warfare in the Qur’ān, especially when the text is read without reference to its exegetical tradition“ (Landau­-Tasseron, S. 38b; meine Hervorhebung). Weil es über das Thema so viele unterschiedliche Verse gibt, macht es keinen Sinn, wie es oft getan wird, einen oder zwei herauszuholen und diese dann als „die koranische Auffassung“ anzubieten. Ob man im Koran einen dringenden Ansporn zum Kriegführen oder vielmehr zu Friedfertigkeit liest, hängt stark von der Wahl der Verse und deren Auslegung ab.
Eine traditionelle (sowohl islamische als auch orientalistische) Weise die Texte zum Dschihad im Koran anzugehen, berücksichtigt die chronologische Abfolge der Koranoffenbarungen. Frühe Koranverse können durch spätere „abrogiert“ werden (nasḫ).
Dann sagt man z.B.: „In der frühen Periode, als der Prophet noch in Mekka war, waren die Texte defensiv; als er in Medina einen eigen Staat gegründet hatte, der sich zum Teil durch Raubzügen ernährte, wurden die Texte angriffslustiger.“ Sura 9, die letzte des Korans, abrogiert laut diesem Denkmodell also die früheren. Diese Sura ist aggressiv; thematisiert aber zur gleichen Zeit das Problem der Kriegsdienstverweigerung. Offensichtlich wollten nicht alle so gerne kämpfen.

Wer nicht so viel vom chronologischen Modell hält, begnügt sich am besten mit den thematischen Auflistungen bei →Landau­-Tasseron und →Crone. Themen:
­– Die Gegner: die Ungläubigen
­– Sich verteidigen bei Angriff
­– Selbst angreifen
­– Ansporn zur Teilnahme
­– Belohnung für den Einsatz: Beute in dieser Welt; das Paradies im späteren Leben.
­– Bestrafung für Feigheit und Dienstverweigerung, vor allem für die Heuchler (munāfiqūn), die sagen, sie seien dabei, aber sich nicht vom Fleck rühren wollen. Sie kommen in die tiefste Hölle.
­– Neben persönlicher Teilnahme ist auch materielle Unterstützung der Kriegsführung möglich. Man konnte ein Reittier oder eine Rüstung schenken usw.
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Hier einige Korantexte aus vielen (übers. R. Paret):

  • Sura 22:39–40: Denjenigen, die bekämpft werden (oder: kämpfen), ist die Erlaubnis (zum Kämpfen) erteilt worden, weil ihnen Unrecht geschehen ist.
  • Sura 2:190–93: Und kämpft um Gottes willen gegen diejenigen, die gegen euch kämpfen! Aber begeht keine Übertretung! Gott liebt die nicht, die Übertretungen begehen. Und tötet sie, wo immer ihr sie zu fassen bekommt, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben! … usw.
  • Sura 2: 216: Euch ist vorgeschrieben zu kämpfen, obwohl es euch zuwider ist….
  • Sura 9:5: Und wenn nun die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden wo immer ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf! Wenn sie sich aber bekehren, das Gebet verrichten und die Almosensteuer geben, dann lasst sie ihres Weges ziehen! …
  • Sura 9:39: Wenn ihr nicht ausrückt, lässt er euch eine schmerzhafte Strafe zukommen und andere Leute eure Stelle einnehmen …

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Ribāt: die Praxis
Ribāt ist ein lästiger Begriff (Chabbi, Ribāt, insbes. S. 493–4). Manchmal erscheint er nahezu synonym zu djihād, dann wieder versteht man darunter eine Festung, dann wieder eine Gruppe religiös inspirierter Kämpfer.
Als nach 750 die große Eroberungswelle zum Stillstand gekommen war, wurde der Dschihad „ritualisiert“. An der Schmerzgrenze zwischen dem Römerreich und dem Islamischen Reich, die ungefähr der heutigen Grenze zwischen Syrien und der Türkei entspricht, sammelten sich Gruppen oft inbrünstig religiös inspirierter Kämpfer, die sich einmal im Jahr eine Schlacht gaben. Mal wurde eine Festung oder ein Städtchen erobert; mal wurde es wieder verloren. Die Grenze blieb durch die Jahrhunderte ziemlich stabil. Während sich in Medina oder Kufa die Gelehrten über die Theorie des Dschihad beugten, gab es hier die Praxis.
Bekannt ist die Hadith-Sammlung des ‘Abdallāh b. Mubārak aus dieser Atmosphäre, Kitāb al­-djihād, die heutzutage unter den Militanten wieder populär ist. Ibn Mubārak (gest. 797) stammte aus Zentralasien und war extra für den Dschihad angereist. Er war ein Krieger­-Asketiker – er hat auch ein Kitāb al­-Zuhd, „Buch der Weltentsagung“ geschrieben. Das Kitab al-djihād dokumentiert die geistliche Dimension des Kriegführens in diesen Gruppen, die hier viel detaillierter dargelegt wird als im Koran. Es sind 262 Hadithe; davon hier einer:

    • […] dass er vom ‘Utba ibn ‘Abd as-Sulami, einem Gefährten des Propheten, gehört habe, dass der Prophet gesagt habe:
      Die im Dschihad Getöteten sind drei Typen Männer:
      Ein Gläubiger, der mit seinem Leib und seinem Hab und Gut derart für die Sache Gottes kämpft, dass er, wenn er den Feind trifft, weiter kämpft, bis er getötet wird. Ein solcher Märtyrer (shahīd, Pl. shuhadā’) wird auf die Probe gestellt, [und ist] bei Gott unter dessen Thron; die Propheten haben nicht mehr Verdienst als sie, außer, dass sie die Ebene des Prophetentums besitzen.
      [Zweitens] ein Gläubiger, der Verbrechen und Sünden begeht, der mit seinem Leib und seinem Hab und Gut derart für die Sache Gottes kämpft, dass er, wenn er den Feind trifft, weiter kämpft, bis er getötet wird. Diese Reinigung wischt seine Vergehen und Sünden weg—ja, das Schwert wischt Sünden weg!—und er wird ins Paradies eingelassen; durch welches Tor er auch immer wünscht. …
      [Drittens] ein Heuchler, der mit seinem Leib und seinem Hab und Gut derart für die Sache Gottes kämpft, dass er, wenn er den Feind trifft, weiter kämpft, bis er getötet wird. Dieser ist in der Hölle, weil das Schwert die Heuchelei nicht wegwischt.

Hier wird der Dschihad als geistliche Kriegsführung dargestellt, im selben Geist wie im Koran, wo Kampfeinsatz mit dem Paradies belohnt wird:

    • Gott hat den Gläubigen ihre Person und ihr Vermögen dafür abgekauft, dass sie das Paradies haben sollen. Nun müssen sie um Gottes willen kämpfen und dabei töten oder (selber) den Tod erleiden […] Freut euch über euren Handel, den ihr mit ihm abgeschlossen habt! Das ist dann das große Glück. (Koran 9:111)

Überdies sühnt der Kriegseinsatz die begangenen Sünden (außer Heuchelei, in Übereinstimmung mit Koran 63:3; 4:145).
Kämpfern wurde empfohlen weiße Kleider zu tragen, so dass das Blut ihres Opfers deutlich sichtbar sei.
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Märtyrer
In den Kreisen der ribāt-Kämpfer, aber auch später immer mal wieder, auch wenn es gar keinen Krieg gab, wurde die Idee des Märtyrertums kultiviert. Auch in unserer Zeit hört man wieder darüber.
Die Märtyrer sind nicht tot, sondern nahe bei Gott (Koran 3:169–70). Ob sie sich dort an 72 Jungfrauen ergötzen, sei dahin gestellt; siehe den separaten Beitrag zum Thema Märtyrer.
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Dschihad im Hadith
Das Buch von ‘Abdallāh ibn al­-Mubārak besteht aus Hadithen; wenige hiervon jedoch gehören zu jenen, die ungefähr ein halbes Jahrhundert später in die „kanonischen“ Sammlungen aufgenommen worden sind. In solchen Sammlungen sind, abgesehen vom generellen Lob des Dschihad, auch das Kleingedruckte und Juristische zu finden: Wie steht es um die Beuteverteilung, wie mit den Einzelheiten der Kriegsführung, den Kriegsgefangenen usw.. Auch Ethik: keine Frauen und Kinder töten, keine Bäume umhauen (pace Koran 59:5) u.ä..
Bequem zugänglich sind die betreffenden Kap. aus Mālik ibn Anas (gest. 797), Muwatta’ und Muslim (gest. 875), Sahīh. Weil gerade kein Krieg ist, haben die Texte momentan wenig praktische Relevanz. Muslim hat mehr Text; Mālik ist besser ins Englische übersetzt worden.
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Die Kreuzzüge und die Reaktionen darauf
1096 rief Papst Urban II. die europäischen Christen zu einem Kreuzzug auf: Palästina, ihr Heiliges Land, sollte zurückerobert werden. Ein heiliger Krieg: deus lo vult!, „Gott will es“. 1099 wurde dann nach einem großen Blutbad Jerusalem erobert; es entstanden einige christliche Fürstentümer, die es zum Teil bis zu 200 Jahre aushielten.
Die islamische Welt schien erst gelähmt. Hier wäre doch Dschihad nötig gewesen! Aber z. B. ein Prediger namens as-Sulamī, der in einer Damaszener Moschee in diesem Sinne predigte, bekam kaum Zuspruch (Hillenbrand, Crusades 105–8). In dem nächsten halben Jahrhundert sah man die Kriegsherren (Atabeks) der Seldschuken sich zwar mit dem Titel mudjāhid, „Glaubenskämpfer,“ schmücken, aber das war nur so dahin gesagt. Sie kämpften gerne, sie hätten es auch ohne Glauben getan. Der Kreuzfahrer Roger von Antiochien wurde 1119 getötet von Ilghāzī, der seinen Sieg mit einer Sauforgie feierte, die eine Woche andauerte. Als Dschihad konnte das schwerlich durchgehen.
Aber seitdem wurde der Kampf gegen die Kreuzfahrer doch zunehmend als Dschihad bezeichnet. Und als Saladin (Salāh ad-Dīn al-Ayyūbī) 1187 Jerusalem zurückeroberte, war das sicher ein Ergebnis von Dschihad.
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Ibn Taimīya
Dieser merkwürdige Sturkopf ist über Muḥammad ibn ‘Abd al-Wahhāb, Rashīd Ridā und Saiyid Qutb wieder ganz ins Rampenlicht geholt und zum Ziehvater des militanten Islams gemacht worden.
Ibn Taimīya (1263-1328) stammte aus einem syrischen Geschlecht ḥanbalitischer Rechtsgelehrter und wurde selbst auch einer. Er war ein Universalgelehrter und ein selbstsicherer Mensch, der sagte, was er meinte – weshalb er öfters ins Gefängnis kam. Schiiten, Sufis und Theologen (mutakallimūn) verabscheute er.
Ibn Taimīya ist durch seine energischen Aufforderungen zum Dschihad bekannt geworden—auch wenn der Herrscher diesen nicht so richtig führen wollte. Das kann man auf Grund seines Lebenslaufs schon verstehen. Als fünfjähriges Kind hatte er mit seiner Familie vor den Mongolen aus Harrān in Nord-Syrien (Carrhæ; heute in der Provinz Şanlıurfa, TR) nach Damaskus fliehen müssen. Zu seiner Zeit besetzten die Mongolen also den Irak und Nordsyrien; sie fielen aber auch wiederholt über Mittel-­ und Südsyrien her. Der Mamlukensultan, der im fernen Kairo residierte, hatte nicht immer Lust militärisch gegen sie anzutreten; Ibn Taimīya bestand aber lautstark darauf.
Eine Komplikation war, dass die Mongolen, die sich überall der Kultur der Eroberten anpassten, zum Islam konvertiert waren, aber zur gleichen Zeit noch etliche mongolische Gewohnheiten und sogar mongolische Gesetze beibehielten. In einer fatwā erklärte Ibn Taimīya deshalb, dass die Mongolen keine Muslime seien und deshalb bekämpft werden müssten. „Jede Gruppe Muslime, die das islamische Gesetz übertritt …, muss bekämpft werden, auch wenn sie weiterhin das Glaubensbekenntnis ausspricht.“ Diese Auffassung wurde im 20. Jh. von Saiyid Qutb übernommen und hat moderne Dschihadisten stark inspiriert.

      • Tickte Ibn Taimīya eigentlich richtig? Der Reisende Ibn Battūta, der um 1300 Damaskus besuchte aber Ibn Taymīya nicht persönlich traf, behauptete, „Ibn Taimīya habe einen Vogel“ (shay’ fī ‘aqlihi; →Little, Screw loose). Allzu geistesgestört kann er aber nicht gewesen sein. Immerhin hat er ein imposantes Werk hinterlassen, Gefängnisse überlebt und erfolgreich öffentliche Ämter wahrgenommen. Monoman war er schon, und tatsächlich, Gefängnisaufenthalte machen einen Menschen auch nicht geistig gesunder. Ibn Battūtas Aussage drückt vielleicht aus, wie sehr Ibn Taimīya damals als Außenseiter und Exzentriker wahrgenommen wurde. Nach seinem Tod hatte er im Mamlukenreich ein bescheidenes aber stetiges Publikum.

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Dschihad später
Um 1500 eroberte das türkische Osmanenreich die arabische Welt; Teile Südosteuropas waren schon zuvor erobert worden. Nach Jahrhunderten der Ruhe fanden jetzt wieder mal „islamische” Eroberungen statt. Diejenigen in der arabischen Welt können die Osmanen nicht als Dschihad verkauft haben; das betraf ja Mitmuslime. Jene in Europa liefen nur zum Teil unter dem Titel Dschihad. Das wichtigere Wort bei den Türken war gaza, arabisch ghazwa, „Kriegszug, raid, excursion into foreign territory“, vgl. gazi, „Kämpfer”. Die Kriegszüge bildeten eine Fortsetzung der Aktivitäten, die seit Jahrhunderten an der syrisch-römischen Grenze stattgefunden hatten (Kafadar 79–80). Dschihad wurde zu der Zeit vielmehr als Verteidigungskrieg aufgefasst. Ab 1700 wurde das Osmanenreich allmählich schwächer und bildete keine Bedrohung mehr für Mittel- und Westeuropa.
Im 19. Jahrhundert wurden die Widerstandskämpfe gegen die Kolonialmächte deutlich als Dschihad geführt (Westsumatra 1821–37, Java 1825–30, Algerien 1839–47, Indien 1857, Sudan 1884, Aceh 1873-1903 u.a.)
Laut alliierter Propaganda habe Deutschland 1914 seine türkischen Verbündeten dazu angespornt den Ersten Weltkrieg zum Dschihad zu erklären, damit die türkischen Soldaten besser kämpfen („Holy War Made in Germany“). Dies wurde von deutscher Seite empört geleugnet. Wie es wirklich war, ist, glaube ich, immer noch nicht ganz geklärt. Jedenfalls war der Erste Weltkrieg der letzte Dschihad. Danach hat es kein sunnitisches islamisches Staatsoberhaupt mehr gegeben, das einen hätte ausrufen können.
Generell kann man sagen, dass der Dschihad jahrhundertelang in der islamischen Welt kaum ein Thema war. Er erstand im 19. Jahrhundert auf und geriet auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Mode, allerdings hauptsachlich als Gesprächsthema. Nur terroristische Gruppierungen nennen ihre Angriffe Dschihad; allerdings mit zweifelhafter Legitimität, denn Dschihad setzt die Existenz eines islamischen Staats und eines Kalifen voraus. Die Schiiten in Iran haben den Dschihad erst kurz vor der islamischen Revolution für möglich erklärt; Khomeini hat ihn im 1. Golfkrieg auch ausgeführt.
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Ist der Islam kriegerisch?
Die Frage ist hirnrissig, denn „den“ Islam gibt es nicht, und Abstrakta führen keine Kriege. Aber weil sie in den heutigen Debatten oft in dieser Form gestellt wird, hier mal ein kurzer Überblick der vom arabischen bzw. islamischen Gebiet ausgegangenen Aggression, sei es Dschihad oder nicht. Innerislamische Kriege und Konflikte werden hier nicht aufgezählt.

Offensiv:
– Arabische Eroberungen, ± 632 – 750.
– Türkische Eroberungen in Klein-Asien, 1068 – 1453.
– Türkische Eroberungen in Europa, ± 1385 – 1700.
– Korsaren. Höhepunkt 17. Jh.: Nordafrikanische Piraten plünderten oder erpressten europäische Handelsschiffe im Auftrag ihrer Regierungen.
– Der 1. Weltkrieg, ein erklärter Dschihad. Das Osmanische Reich kämpfte an deutsch-österreichischer Seite.
– Islamistischer Terrorismus, ± 1990 — .

Defensiv:
– Widerstand gegen die Kreuzfahrer, ± 1140–1300.
– Widerstand gegen koloniale Eroberer, ± 1830–1962.
– Widerstand gegen die UdSSR in Afghanistan, ± 1979–1992.
– Widerstand der Palästinenser gegen Israel, intifāda, ± 1970— .

Von Indien und Pakistan weiß ich zu wenig. Bemerkenswert ist, dass der Islam im großen Indonesien von Händlern, nicht von Soldaten verbreitet worden ist.
Bestimmt habe ich noch etwas vergessen, aber offensichtlich war die Kriegslüsternheit in den islamischen Teilen der Welt nicht größer als anderswo. Auch unter einander haben Muslime sich genau so bekämpft wie andere Menschen. Kein Wunder auch; es sind ja Menschen! Behauptungen, „der“ Islam sei besonders kriegslüstern, oder im Gegenteil der Inbegriff der Friedfertigkeit, sind unsinnige Propagandasprüche, die keine Debatte wert sind.

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Saiyid Qutb
Saiyid Qutb (1906–1966) war der Star des ägyptischen Salafismus und das große Vorbild für viele militante Muslime unserer Zeit. Er studierte am Dār al-‘ulūm, der pädagogischen Hochschule in Kairo, an der Volksschullehrer ausgebildet wurden. Er wurde Beamter im Erziehungsministerium, war literarisch aktiv als Kritiker, aber schrieb auch den (sehr verklemmten) Liebesroman Ashwāk. Anfangs war er keineswegs anti-westlich, sondern versuchte Elemente aus Christentum und Marxismus mit dem Islam zu versöhnen. Ein ihm aufgezwungener Amerika-Aufenthalt ängstigte ihn sehr und bewirkte bei ihm den Durchbruch „antiwestlicher“ Gefühle. Er wurde Muslimbruder und befürwortete einen islamischen Staat, in dem die Scharia das einzige Recht sein sollte und die Souveränität nicht etwa bei dem Volk, sondern bei Gott liegen sollte. Wer dessen Vertreter auf Erden sein würde, bleibt unklar. Mit Ibn Taimīya hatte Qutb gemeinsam, dass auch er im Gefängnis einen 30-bändigen Korankommentar schrieb (Fī zilāl al-qur’ān; Im Schatten des Korans); mit Hasan al­-Bannā, dem Gründer der Muslim Brüder, dass er als Grundschullehrer ausgebildet war und, dank der ägyptischen Geheimpolizei, als Märtyrer starb. Er übernahm Ibn Taimīyas Auffassung vom Dschihad.

BIBLIOGRAPHIE

Generell
– Albrecht Noth, Heiliger Krieg und Heiliger Kampf in Islam und Christentum, Bonn (Röhrscheid), 1966.
– Émile Tyan, ‘Djihād,’ in EI2.
– [mehrere Autoren], ‘Ḥarb,’ in EI2.
– Ruven Firestone, Jihād. The Origin of Holy War in Islam, New York 1999.
– David Cook, Understanding Jihad, Berkeley/Los Angeles/London 2005.

Kampf und Krieg im Koran
– Patricia Crone, „War,“ in EQ.
– Ella Landau­-Tasseron, „Jihad,“ in EQ.
– Chase F. Robinson, „Conquest,“ in EQ.
– Rizwi Faizer, „Expeditions and battles,“ in EQ.

Ribāṭ­-Kämpfer und Märtyrer
– ʿAbdallāh ibn al­-Mubārak, Kitāb al­-ǧihād, Tunis 1972 u.a. [nicht übersetzt. Arabisch auch im Internet zu finden.]
– J. Chabbi, „Ribāṭ,“ in EI2.
– E. Kohlberg, „Shahīd,“ in EI2.
– W. Raven, „Martyrs,“ in EQ.
– M. Jarrar, „The martyrdom of passionate lovers. Holy war as a sacred wedding,“ in A. Neuwirth et al. (hrsg.), Myths, historical archetypes and symbolic figures in Arabic literature. Towards a new hermeneutic approach, Beirut 1999, S. 87–107.
– D. Talmon-Heller, „Muslim martyrdom and quest for martyrdom in the crusading period,“ in Al-Masaq. Islam and the Medieval Mediterranean, 14 (2002), S. 131–139.

Kreuzzüge
– Peter Thorau, Die Kreuzzüge, München 20042.
– Nikolas Jaspert, Die Kreuzzüge, Darmstadt 20042.
– Caroline Hillenbrand, The Crusades. Islamic Perspectives, Edinburgh 1999. [Das beste Buch zu den Kreuzzügen aus islamischer Sicht.]
– [Usāma ibn Munqiḏ, Kitāb al­-iʿtibār:] Die Erlebnisse des syrischen Ritters Usāma ibn Munqiḏ. Unterhaltsames und Belehrendes aus der Zeit der Kreuzzüge, übers. Holger Preißler, Leipzig/Weimar 1981, oder Usâma ibn Munqidh, Ein Leben im Kampf gegen Kreuzritterheere, übers. G. Rotter, Tübingen/Basel 1978 [Ich weiß nicht, welche Übersetzung besser ist.] .

Ibn Taymīya
– H. Laoust, „Ibn Taymīya,“ in EI2.
– D. P. Little, „Did Ibn Taimyya have a screw loose?“ Studia Islamica 41 (1975), S. 93-111.

Anfang Neuzeit
– Cemal Kafadar, Between two worlds. The construction of the Ottoman State, Berkeley/Los Angeles 1996.
– R. Peters, Islam and Colonialism. The doctrine of Jihad in Modern History, Amsterdam 1979.

1. Weltkrieg
– Stefan Buchen, Kaiser Wilhelms heiliger Krieg. Deutsche erfanden den weltweiten Jihad. TV Sendung 12.Mai 2005.
– Peter Heine, „C. Snouck Hurgronje versus C. H. Becker. Ein Beitrag zur Geschichte der angewandten Orientalistik,“ Die Welt des Islams 23 (1984), S. 378–387.
– Wolfgang Schwanitz, „Djihad ‘Made in Germany“: Der Streit um den Heiligen Krieg 1914–1915,“ in Sozial. Geschichte. Zeitschrift für historische Analyse des 20. und 21. Jahrhunderts , 18 (2003), S. 7–34. [Der Autor scheint etwas einseitig.]
– Wolfgang Schwanitz, Die Berliner Djihadisierung des Islam. Wie Max von Oppenheim die islamische Revolution schürte, KAS Auslandinformationen 10/2004.
– C. Snouck Hurgronje, The Holy War, Made in Germany, London/New York 1915.

Sayyid Quṭb und später
– J. J. G. Jansen, „Sayyid Ḳuṭb,“ in EI2.
– Sabine Damir-Geilsdorf, Herrschaft und Gesellschaft. Der islamistische Wegbereiter Saiyyd Quṭb und seine Rezeption, Würzburg 2003.
– Gilles Kepel, Der Prophet und der Pharao, München 1995.
– Gilles Kepel, Das Schwarzbuch des Dschihad. Aufstieg und Niedergang des Islamismus, München 2002.

Diakritische Zeichen: ǧihād, ǧāhada, muǧāhid, ribāṭ, šahīd, šuhadāʾ, Muwaṭṭaʾ, Ṣaḥīḥ, Īlġāzī, Ṣalāḥ ad-Dīn al-Ayyūbī, Rašīd Riḍā, Quṭb, Ḥarrān, Ibn Baṭṭūṭa, šay’ fī ‘aqlihi, ġazwa, Ašwāk, Fī ẓilāl al-qurʾān, Ḥasan al­-Bannā, intifāḍa.

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Die Arabisierung der Bibel

JezusverjaagthandelaarsIn Kinderbibeln und Bibelfilmen aus Hollywood tragen die Palästinenser aus Jesu Zeit oft Kleidung, die arabisch anmutet. Die Arabisierung der Bibel war ein Prozess, der Jahrhunderte gedauert hat. Als man in der Zeit der Kreuzzüge begann hochwertige Stoffe aus dem Nahen Osten zu importieren, zog man auf Gemälden den biblischen Gestalten orientalische Kleider an anstatt der europäischen, die sie auf älteren Gemälden noch getragen hatten. Auch Rembrandt muss eine Truhe türkischer Kleider zur Hand gehabt haben. Natürlich war man sich bewusst, dass die biblischen Erzählungen sich in Palästina, also im sogenannten Orient abgespielt hatten, wenn auch das biblische Ambiente nie so „orientalisch“ wird wie die wirkliche Arabische Welt. Der Orient war einfach zu frivol für christliche Zwecke.

Im 19. Jahrhundert, als die bis heute bildbestimmenden Illustrationen zur Bibel entstanden, hat man auf die Kleidung geschaut, die palästinensische Bauer und Fischer damals trugen, und diese nach freier Fantasie umgemodelt. Überwiegend nüchterne, bescheidene Kleidung ist es geworden. Typisch arabische Kopfbedeckungen werden angewandt; bei Jesus selbst eher nicht, weil die sein charismatisch wallendes Haar verhüllen würden. In der neutestamentlichen Umgebung sehen wir einen matten Orient: billige Gewänder und brave Gesichter; keine noblen Wilden oder stolzen Kämpfer; vielmehr rauhbeinige, aber aufmerksam zuhörende Bauerntypen.

Nur bei den Drei Königen darf der malerische Orient kurz durchbrechen, und natürlich bei der Geschichte über Herodes und Salome. Dort ist Raum für einen orientalischen Despoten und eine Tänzerin in kostbarem, nahezu durchsichtigem Stoff.
Vielleicht haben die langen, arabisierenden Gewänder den Bibelzeichnern auch gut gepasst, weil so viel Stoff darein ging. In der griechisch-römischen Kleidung war viel nackte Haut sichtbar, und die Tuniken ließen sich leicht ausziehen. So konnte man Jesus und seine Jünger schwerlich aussehen lassen. Jesus oben ohne, das geht nur, wenn er am Kreuz hängt; das hat eine eigene Erotik. Aber die Bergpredigt mit entblößter Brust? Lieber nicht.

Kleidung
• Damen: Kopftuch, Schleier, Burka & Co, Tschadorhot pants
• Herren: Lendentuch, langes Gewand, Burka

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Frühreife Propheten

Eine kurze Suche in der online Fassung von Ginzberg, Legends of The Jews, macht klar, dass viele alte „Propheten“ auf wundersame Weise frühreif waren. Das gehörte einfach dazu. Einige Beispiele (meine Übersetzung):

  • „So wurde Abraham ohne Amme in der Höhle zurückgelassen, und er begann zu weinen. Gott sandte Gabriel herunter um ihm Milch zu trinken zu geben, und der Engel ließ den Milch aus dem linken kleinen Finger des Säuglings strömen, und er sog daran bis er zehn Tage alt war. Dann stand er auf, er konnte gehen und verließ die Höhle …“ — und begann sofort mit der Bekämpfung des Polytheismus.
  • „Bis zu seinem siebzehnten Lebensjahr besuchte Joseph häufig das Bet ha-Midrash, und er wurde so gelehrt, dass er seinen Brüdern die Halakhot, die er von seinem Vater gehört hatte überliefern konnte.  So kann er als ihr Lehrer betrachtet werden.“
  • „[Moses‘] Verwandten und ganz Israel wussten, dass das Kind für Großes vorbestimmt war, denn er war kaum vier Monate alt, als er zu prophezeien begann, sagend: ,In kommenden Tagen werde ich die Thora von der brennenden Fackel empfangen.‘“ 

Und so weiter und so fort. Frühreife ist auch ein Merkmal Jesu. Nach Lukas 2:41-52 wurde Jesus als Zwölfjähriger in Jerusalem im Tempel angetroffen, „mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten.“
Das apokryphe Kindheitsevangelium des „Thomas des Israeliten“ (Ende 2. Jahrhundert) schildert den jungen Jesus als ein frühreifes Kind, das gleich schon in der Lage war, Wunder zu tun. Bereits als Fünfjähriger hatte er mit anderen Kindern zwölf Sperlinge aus Lehm gemacht. Als ein Jude sich bei Joseph beschwert hatte, weil dies am Sabbat geschehen war, und Joseph ihn darauf ansprach, klatschte er in die Hände und schrie den Sperlingen zu: „Fort mit euch!“ Die Vögel öffneten ihre Flügel und flogen mit Geschrei davon. In Koran 3:4–9 steht eine Erzählung, die stark daran erinnert. Aber dort verrichtet Jesus das Wunder nicht als Kind.
Im Kindheitsevangelium ist Jesus als junges Kind ausgesprochen flegelhaft und aggressiv. Er wusste noch nicht, wie er seine Gabe menschenfreundlich anwenden könnte. Einen kleinen Jungen, der ihm bei einem Kinderspiel im Wege saß, ließ er verdorren wie einen Baum. Zu einem anderen Knaben, der ihn an seine Schulter stieß, sagte er: „Du sollst auf deinem Weg nicht weitergehen!“ worauf der Knabe hinfiel und starb. Mit acht Jahren war er schon menschlicher geworden. Als er einmal bei der Ernte mithalf, brachte er eine unglaubliche Menge Weizen ein, rief alle Armen des Dorfes und schenkte ihnen den Weizen. Dies sind nur einige Beispiele.1

Über den Propheten Mohammed ist erzählt worden, dass er bei seiner Amme

  • „… aufwuchs wie kein anderer Bursche und feste Nahrung essen konnte bevor er zwei Jahre alt war.“ 2

Oder noch deutlicher:

  • „Er wuchs an einem Tag so viel wie andere Kinder in einem Monat, und als er sechs Monate alt war, vertrug er schon feste Ernährung.“3

Als er noch von seiner Amme betreut wurde, soll er schon Lämmer gehütet haben:

  • „Der Prophet hat gesagt: ‘Ich hatte eine Amme beim Stamm Sa‘d ibn Bakr, und als ich einmal mit einem Brüderchen hinter unseren Zelten die Lämmer hütete …“ 4

Auch dort wurde er von zwei Engeln im Bauch untersucht bzw. gereinigt: das ist die Erzählung der *Bauchspaltung.5 Als Junge saß er gerne bei der Ka‘ba: eine Parallele zu Jesus, der sich als Junge im Tempel Jerusalems zu Hause fühlte. In beiden Fällen wollten Andere die Jungen dort wegholen.6

Mehr Frühislamisches gibt es in den Hadithen zu Ibn Sayyād, eine antichrist-ähnliche Gestalt (dadjdjāl), den Mohammed noch kennen gelernt haben soll. Er war kein Prophet, aber wird als jemand dargestellt, der gerne tat, als ob er einer wäre. In seiner Rolle als Pseudoprophet musste auch Ibn Sayyād frühreif sein. Als neugeborener Säugling schrie er wie ein Junge von einem Monat, oder sogar zwei Monaten. Er trat schon als Schamane (kāhin) auf, als er noch ein Kind war und bei seiner Mutter wohnte. In einer anderen Erzählung „spielte er mit den Knaben und war selbst auch einer,“ als Mohammed ihn besuchte, um dessen beunruhigenden Eigenschaften in Augenschein zu nehmen.7

Dies alles zeigt, dass das jüdische Motiv „frühreifer Prophet“ im frühen Islam bekannt und geläufig war. Kein Wunder auch: Das Araberreich der Umayyaden war noch ganz mit christlichen und jüdischen Literaturen durchtränkt.

Was steckt hinter diesem Erzählmotiv? Mohammed soll vierzig Jahre alt gewesen sein, als er berufen wurde; Jesus ungefähr dreißig. Die Frage ist dann immer: Was taten sie vor ihrer Berufung? Etwa ein banales Leben führen? Sündigen vielleicht? Die Erzähler versuchen, die Propheten so früh wie möglich ihrer hohen Berufung würdig zu machen.

ANMERKUNGEN
1. Wilhelm Schneemelcher, Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung, I. Band, Evangelien, 5. Aufl., Tübingen 1987, 353–57. Englische Übersetzungen hier.
2. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 105. Normalerweise blieb ein Säugling zwei bis zwei und halb Jahre an der Mutterbrust.
3. Ibn al-Athīr, an-Nihāya fī gharīb al-hadīth wal-athar, 5 Bde., Beirut (Dār al-Fikr) o.J., i, 277.
4. Ibn Isḥāq, o.c. 106.
5. Ibn Isḥāq, o.c. 106.
6. Ibn Isḥāq, o.c. 107–108.
7. Wim Raven, „Ibn Ṣayyād as an Islamic ‘Antichrist’. A reappraisal of the texts,“ in: Endzeiten. Eschatologie in den monotheistischen Weltreligionen, hrsg. Wolfram Brandes und Felicitas Schmieder, Berlin/New York 2008, 266–67. Den Artikel können Sie hier downloaden.

Diakritische Zeichen: Ibn Ṣayyād, daǧǧāl, Ibn Isḥāq, Ibn al-Aṯīr, an-Nihāya fī ġarīb al-ḥadīṯ wal-aṯar

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