Ta’abbata Sharran, Räuber und Poet dazu

Ta’abbata Sharran war ein arabischer Dichter, der ca. 550, also lange vor der Enstehung des Islams, gelebt haben soll. Er gehörte zum Stamm Fahm, aber offensichtlich hielt er es im Stammesverband nicht aus. Es gab solche Menschen, die entweder selbst ihren Stamm verließen oder vergrault wurden und dann allein weiterlebten. Manchmal fanden sie bei Geistesverwandten Anschluss und bildeten eine kleine Bande von Räubern (su‘lūk, sa‘ālīk), die von der Jagd und von Überfällen und Raubzügen lebten. Helden und Kraftmenschen waren sie auch, denn ohne Stammesverband in einem wüsten Land zu überleben fordert Mut und Kraft. Anders als unsere modernen Räuber waren sie oft gute Dichter. Das war auch Ta’abbata Sharran .1
Sein Name bedeutet: „Er hat etwas Böses unter dem Arm getragen“ und ist also kein Name, sondern ein Beiname. In der „bürgerlichen“ Stammesgesellschaft hieß er Thābit ibn Djābir al-Fahmī. Es gibt mindestens drei Anekdoten, die erzählen, wie er zu seinem Beinamen gekommen ist:

  • 1. Die Poesieüberlieferer erzählen, dass er eines Tages in der Wüste einen Widder sah. Er hob ihn auf und trug ihn unter seinem Arm, aber das Tier pinkelte ihn den ganzen Weg an. Als er nahe an [das Lager] seines Stammes gekommen war, wurde es ihm zu schwer.2 Er konnte es nicht länger tragen und warf es von sich, und siehe da, es war ein Wüstendämon (ġūl, ghoul). Seine Leute fragten ihn:
    „Was hast du unter deinem Arm getragen?“
    „Einen Wüstendämon,“ antwortete er.
    „Dann hast du schon etwas Böses unter dem Arm getragen!“
    Und danach wurde er benannt.3

Eine andere, ziemlich gekünstelte Anekdote, zeigt den Mutter-Sohn-Konflikt des unerträglichen Rauhbauzes.

  • 2. Es wird auch erzählt: Nein, seine Mutter sagte zu ihm: „Alle deine Brüder bringen mir abends etwas mit, aber du nicht!“ Darauf sagte er: „Heute Abend werde ich dir etwas mitbringen.“ Er ging weg und fing eine große Anzahl Nattern, die größten, die er erwischen konnte. Als er am Abend nach Hause ging, tat er diese in einen Sack, den er unter seinem Arm trug. Den warf er vor seine Mutter hin. Sie öffnete ihn und siehe da, da schossen die Nattern los in ihrem Zelt. Sie sprang auf und rannte nach draußen.
    „Was hat Thābit dir mitgebracht?“ fragten die Frauen des Stammes.
    „Nattern in einem Sack!“
    „Aber wie hat er den denn getragen?“
    „Unter seinem Arm.“
    „Dann hat er schon etwas Böses unter seinem Arm getragen!“
    So blieb der Name Ta’abbata Sharran an ihm hängen.4

Von einer dritten Anekdote zitiere ich nur den in diesem Zusammenhang relevanten Teil:

  • 3. […] und er wurde Ta’abbata Sharran genannt, weil er, wie man erzählt, in einer dunklen Nacht, an einer Stelle namens Rahā Bitān, im Stammesgebiet der Hudhail, einer ghūl begegnete. Sie versperrte ihm den Weg, aber er bekämpfte sie so lange, bis er sie getötet hatte. Die ganze Nacht blieb er auf ihr liegen und am nächsten Morgen trug er sie unter seinem Arm zu seinen Gefährten. Diese sagten zu ihm: „Du hast schon etwas Böses unter dem Arm getragen!“5

Ein oder eine ghūl ist ein Dämon, der sich in der Wüste aufhält und einsame Reisende belästigt. Eine seiner Eigenschaften ist, dass er seine Form ändern kann. Oft nimmt er die Gestalt eines weiblichen Wesens an.6
Ta’abbata Sharran hat Verse über eine Begegnung mit einem Wüstendämon gedichtet. 

  • 4. Da leistete mir die ghūl nachbarliche Gesellschaft.
    Oh Nachbarin, wie unheimlich bist du doch!
    Ich forderte sie zum Koitus auf, aber sie machte mir Schwierigkeiten,
    und ich versuchte es (nur) zu tun.
    Wenn mich jemand nach meiner Nachbarin fragt,
    so hat sie ihre (letzte) Wohnung an der Krümmung des Sandhügels.7

„Nachbarin“ war eine Benennung, die Beduinen auf ihre Ehefrauen anwendeten. Der Dichter ist von dem gefährlichen Wesen überhaupt nicht beeindruckt. Im Gegenteil: Er verspottet den ängstlichen Glauben des braven Stammesvolks. Für ihn selbst existieren gar keine Wüstendämonen; fuck the ghoul! Und sollte jemand anders das auch tun wollen, sie wohnt um die Ecke beim Sandhügel, ihr wisst schon. Die Adresse ist im sandigen Arabien eindeutig.

Der Wüstendämon kommt in noch in weiteren Verszeilen vor, von denen ich hier einige zitiere:

  • 5. Auf, wer berichtet den Recken des Stammes Fahm,
    was mir bei Rahā Bitān begegnete?
    Ich traf die ghūl, als sie durch eine Wüste,
    so eben wie eine Seite (zum Beschreiben), hastete.
    Ich sprach zu ihr: Wir sind beide vor Müdigkeit erschöpft.
    (Du bist mein) Reisegenosse. Drum lass mir meinen (Ruhe)platz!
    Aber sie griff mich an. Da streckte meine Hand
    ihr ein gutgefegtes jemenitisches (Schwert) entgegen.
    Ich schlug sie ….; sie fiel auf ihre Vorderpfoten und ihren Hals
    […]
    und ich ließ nicht von ihr ab, mich auf sie lehnend,
    um am nächsten Morgen zu sehen, was zu mir gekommen war.

Auch hier brüstet sich die Dichterpersona, wie sie die ghoul bezwungen hat; auch hier liegt er, der Dichter, auf ihr, wenn auch von Sex keine Rede ist.

Der Versuch ein Gespräch anzuknüpfen erinnert an das „Gespräch mit dem Wolf,“ ein Motiv aus der etwas späteren Poesie. Wenn ein einsamer Reisender in der Wüste einem ebenfalls einsamen Wolf begegnet, haben die beiden viel gemeinsam: ihren Hunger, ihre Einsamkeit, ihre heikle Lage. Aber solche Begegnungen sind auch sehr gefährlich; deshalb sprechen die Dichter dem Wolf oft beschwörend zu.9 Das geschieht hier auch, aber naturgemäß geht die ghoul nicht darauf ein.

Anekdote Nr. 3. will den merkwürdigen Beinamen des Dichters erklären, wie die anderen auch. Aber sie ist von dem Gedichtfragment Nr. 5 inspiriert und will dazu ein wenig „Geschichtsschreibung“ bieten. Die Erzählung verhält sich zum Gedicht wie eine sabab an-nuzūl-Geschichte zu einem Koranvers. 

.
ANMERKUNNGEN
1. Albert Arazi, „Ta’abbaṭa Sharran“ in EI2. Ewald Wagner, Kap. „Räuberdichtung“ in seinem Grundzüge der klassischen arabischen Dichtung, Band 1. Die altarabische Dichtung, Darmstadt 1987, 135–44.
2. Wie viele Meter können Sie zurücklegen mit einem Widder unter dem Arm?
3. Abū al-Faraǧ al-Iṣfahānī, Kitāb al-Aġānī, hrsg. Kairo 1927, xxi, 127.

ذكر الروة أنّه كان رأى كبشًا في الصحراء فاحتمله تحت إبطه فجعل يبول عليه طول طريقه. فلما قرب من الحيّ ثقل عليه الكبش فلم يُقِلّه فرمى به فإذا هو الغول. فقال له قومه: ما تأبّطَّ يا ثابت؟ قال: الغول. قالوا: لقد تأبّطَّ شرا! فسُمّي بذلك.

4. Aġānī xxi,127:

وقيل بل قالت أمّه له كل إحوتك يأتيني بشيء إذا راح غيرَك. فقال لها: سآتيك الليلة بشيء. ومضى فصاد أفاعيَ كثيرة من أكبر ما قدر عليه. فلمّا راح أتى يهنّ في جِراب متأبّطًا به فألقاهه بين يديها ففتحته فتساعين في بيتها. فوثب وخرجت. فقال لها نساء الحيّ: ما ذا أتاك به ثابت؟ فقالت: أتاني بإفاعٍ في جراب. وقلن: وكيف حملها؟ قالت: تأبّها. قلن: تأبّط شرّاً، فلزمه تأبّطا شرّاً.

5. Aġānī xxi,128–29:

[…] وإنّما سمّي تأبّط شرّاً لأنهه فيما حُكي لنا٬ لقي الغول في ليلة ظلماء في موضع رَحَى بِطَانٍ في بلاد هذيل فأخذت عليه الطريقَ فلم يزل بها حتى قتلها وبات عليها فلمّا أصبح حملها تحت إبطه وجاء بها الى أصحابه فقالوا له: لقد تأبّطّ شرّاً.

6. Ghouls gibt es noch immer; vgl. was hier gesagt wird zu Soraya Qadir, alias Dust.
7. Aġānī xxi, 128, Übersetzung von Ewald Wagner, o.c., i, 140

فَأَصْبَحَتِ‎ الغُولُ‏ لِي‏ جَارَةً  *  فَيَا جَارَتَا لَكِ‎ مَا أَهْوَلاَ
فَطَالَبْتُهَا بُضْعَهَا فَالْتَوَتْ  *  عَلََيَّ‏ وَحَاوَلْتُ‏ أَنْ‏ أَفْعَلاَ
فَمَنْ‎ كَانَ‎ يَسْأَلُ‏ عَنْ‏ جَارَتِي  *  فَإنَّ‏ لَهَا باللِّوَى مَنْزِلاَ

8. Aġānī xxi, 129, Übersetzung zum Großteil von Ewald Wagner, o.c., i, 140–1.

أَلاَ‎ مَنْ‏ مُبْلِغٌ‏ فِتْيَانَ‏ فَهْمٍ  *  بِمَا لَقِيتُ‏ عِنْدَ‏ رَحَى بِطَانِ
وَأَنِّي‏ قَدْ‎ لَقِيتُ‏ الغُولَ‏ تَهْوَى  *  بِسَهْبٍ‏ كَالصَّحِيفَةِ‏ صَحْصَحَانِ
فَقُلْتُ‏ لَهَا‏: كِلاَنَا نِضْوَأَيْنِ  *  أَخُو سَفَرٍ‏ فَخَلِّي‏ لِي‏ مَكَانِي
فَشَدَّتْ‏ شَدَّةً‏ نَحْوِي‏ فَأَهْوَى  *  لَهَا كَفِّي‏ بِمَصْقُولٍ‏ يَمَانِي
فَأَضْرِبُهَا بِلاَ‎ دَهَشٍ‏ فَخَرَّتْ  *  صَرِيعًا لِلْيَدَيْنِ‏ وَلِلْجِرَانِ
[‏…]
فَلَمْ‏ أَنْفَكَّ‏ مُتَّكِئًا عَلَيْهَا  *  لأَنْظُرَ‏ مُصْبِحًا مَاذَا أَتَانِي

9. Manfred Ullman, Das Gespräch mit dem Wolf, München 1981.

Diakritische Zeichen: Taʾabbaṭa Šarran, ṣuʿlūk, ṣaʿālīk, Ṯābit ibn Ǧābir al-Fahmī, ġūl, Raḥā Biṭān, Huḏail

Zurück zum Inhalt

„Anlässe der Offenbarung“ (sabab an-nuzul)

Gemeint ist hiermit die typische Art meist kurzer Texte, die erzählen, zu welchem Anlass ein Koranvers offenbart wurde. Sie heißen im Arabischen sabab an-nuzūl, Pl. asbāb an-nuzūl, und im Englischen occasion(s) of the revelation.
Der Form nach sind sie Berichte über Ereignisse. Etwas sei geschehen, so wird erzählt, und anlässlich dieses Vorfalls habe Gott einen Koranvers offenbart.

Eine vollständige sabab an-nuzūl-Erzählung hat die folgenden Teile (nicht notwendigerweise in dieser Abfolge)

  • Einen Hinweis auf ein Ereignis oder eine Sachlage,
  • [oft kombiniert mit der] Erwähnung von Personen­- und/oder Ortsnamen und eine Zeitangabe;
  • einige koranische oder stark an den Koran erinnernde Wörter, die den zu offenbarenden Vers vorwegnehmen;
  • eine Formel wie: „Darauf offenbarte Gott…“ oder: „Dieser Vers wurde offenbart zu/über …“;1
  • und schließlich den offenbarten Vers selbst.

Ein Beispiel:

  • Man fragt dich nach dem Wein und dem Losspiel. Sag: „In ihnen liegt eine schwere Sünde. Und dabei sind sie für die Menschen (auch manchmal) von Nutzen. Die Sünde, die in ihnen liegt, ist aber größer als ihr Nutzen.“ (K. 2:219)
    Dieser Vers wurde offenbart über ʿUmar ibn al-Khattāb und Mu‘ādh ibn Djabal und eine Gruppe aus den Helfern, die zu dem Propheten kamen und fragten: „Gib uns eine Regel über Wein und das Losspiel, denn beide sind Zerstörer des Verstandes und Plünderer des Besitzes“. Darauf offenbarte Gott den Vers.2

Während traditionell orientierte Muslime solche Erzählungen gerne als Berichte — also als Geschichtsschreibung — akzeptieren, betrachten moderne Wissenschaftler sie eher als Koranexegese, als tafsīr. In der Erzählung geht das Ereignis der Offenbarung des Koranverses voran. In Wirklichkeit wird es erst den Koranvers gegeben haben und dann wird, unter Verwendung einiger koranischer Wörter, die Erzählung hierzu kreiert worden sein. Im obigen Vers rufen ja bereits die Worte „Man fragt dich …“ den Wunsch nach einer Erzählung hervor: Wer waren die, die fragten, und wieso fragten sie? Die Erzähler „wussten“, wer es waren, und auch dass die genannten Personen dem Weingenuss und dem Spiel kritisch gegenüberstanden. Die Erzähler hatten immer eine Antwort parat — und manchmal auch zwei oder mehr; es gibt ja Verse mit mehreren „Anlässen“.

Die Sachlage wird noch klarer, wenn die verwendeten Koranwörter nicht alltäglich sind, wie in:

  • Eines Tages, als [der Prophet] mit seinen Vorbereitungen [für den Feldzug nach Tabūk] beschäftigt war, fragte er Djadd ibn Qais aus dem Stamm Salima: „Hast du Lust dieses Jahr gegen die Gelbhäuter zu kämpfen, Djadd?“ Dieser antwortete aber: „Ach, Prophet, gib mir Dispens und setz mich nicht der Versuchung aus, denn es ist bekannt, dass niemand so den Frauen verfallen ist wie ich, und ich fürchte, dass ich mich nicht beherrschen kann, wenn ich die Frauen der Gelbhäuter sehe.“ Der Prophet gab ihm die Erlaubnis und wandte sich von ihm ab. Der Koranvers wurde über Djadd ibn Qais offenbart: Und unter ihnen gibt es welche, die sagen: „Gib mir Dispens und setz mich nicht der Versuchung aus!“ Sind sie (denn) nicht (bereits) in Versuchung gefallen? Die Hölle wird (dereinst) die Ungläubigen (allesamt) umfassen,3 —das heißt: Es war nicht so sehr die Versuchung der Frauen der Gelbhäuter, die er zu befürchten hatte. Die Verführung, der er verfiel war viel größer, nämlich dass er zurückblieb und nicht mit dem Propheten mitging, und dass er, statt zu tun, was dieser wollte, lieber tat worauf er selbst Lust hatte.4

Würde die Offenbarung wirklich die Wortwahl von Djadd ibn Qais übernommen haben? Der Koranvers war zuerst da und erst danach entstand die Erzählung. Der Erzähler sah beim Wort „Versuchung“ noch Gelegenheit eine Pikanterie unterzubringen.

Auch wenn das beschriebene Ereignis unwahrscheinlich ist, wie in:

  • Der Prophet hat gesagt: Als eure Brüder in Uhud gefallen waren, tat Gott ihre Seelen in das Innere grüner Vögel, die aus den Flüssen des Paradieses trinken, von seinen Früchten essen und nisten in goldenen Lampen im Schatten von Gottes Thron. Als sie den Wohlgeruch ihres Essens und ihrer Getränke rochen und der schönen Stätte ihrer Mittagsruhe gewahr wurden, sagten sie: „Ach, wenn doch unsere Brüder wüssten, was Gott uns getan hat, so dass sie den Dschihad nicht aufgäben und nicht vor dem Kampf zurückschreckten!“ Dann sagte Gott: „Ich werde ihnen von euch berichten.“ Darauf offenbarte Er: Meine nicht, dass diejenigen, die für Gottes Sache gestorben sind, tot sind. Nein, sie sind lebendig, und ihnen wird bei ihrem Herrn (himmlische Speise) beschert […] usw..5

ist offensichtlich, dass der Koranvers der Erzählung vorausging.

„Anlass“-Erzählungen kommen in Korankommentaren (tafsīr), aber auch in der sira und in auf diese Gattung spezialisierten Werken, wie das von al-Wāḥidī (gest. 1076) vor. Siehe für weitere Beispiele hier: Teufelsverse, Absonderung der Frau.

Wozu dienen solche Erzählungen?

  • Einen Vers zu erklären.
  • Aus einer allgemein ­menschlichen Neigung zur Historisierung. Ereignisse aus dem Leben des Propheten Mohammed werden mit bestimmten Koranversen verknüpft.
  • Einen Koranvers zu datieren. Das war wichtig für die Rechtswissenschaft, denn ein jüngerer Koranvers „abrogiert“ ggf. einen älteren (d.h. schafft ihn ab, *naskh). Deshalb wollte man wissen, welche Verse früher und welche später datieren.

ANMERKUNGEN:    (Der fehlende arabische Text folgt noch)
1. Es wäre wohl zu anmaßend Gottes Beweggründe kennen zu wollen. Der Koranexeget Muqātil ibn Sulaimān (Tafsīr i, 458, zu K. 5:11) sagt zwar noch blauäugig: „Dieser Vers wurde offenbart, weil  … (li-anna), aber meist steht nur: „… wurde offenbart über/zu/in Bezug auf ().“ Auch dann entsteht aber der Eindruck, dass man weiß warum.
2. Al­-Wāḥidī, Asbāb al-nuzūl, zitiert bei Rippin, Occasions 570.
3. Koran 9:49, Übersetzung Paret. ‎وَمِنْهُمْ مَنْ يَقُولُ ائْذَنْ لِي وَلَا تَفْتِنِّي أَلَا فِي الْفِتْنَةِ سَقَطُوا وَإِنَّ جَهَنَّمَ لَمُحِيطَةٌ بِالْكَافِرِينَ
4. Ibn Isḥāq, Sīra: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 894.

فقال رسول الله ص ذات يوم وهو في جهازه ذلك للجد بن قيس أحد بني سلمة : يا جد ، هل لك العام في جلاد بني الأصفر ؟ فقال : يا رسول الله ، أو تأذن لي ولا تفتني ؟ فوالله لقد عرف قومي أنه ما من رجل بأشد عجبا بالنساء مني ، وإني أخشى إن رأيت نساء بني الأصفر أن لا أصبر ، فأعرض عنه رسول الله ص وقال : قد أذنت لك
ففي الجد بن قيس نزلت هذه الآية : ومنهم من يقول ائذن لي ولا تفتني ألا في الفتنة سقطوا وإن جهنم لمحيطة بالكافرين أي إن كان إنما خشى الفتنة من نساء بني الأصفر ، وليس ذلك به ، فما سقط فيه من الفتنة أكبر ، بتخلفه عن رسول الله صلى الله عليه وسلم ، والرغبة بنفسه عن نفسه ، يقول تعالى : وإن جهنم لمن ورائه

5. K. 3:169–170; Abū Dāwūd, Ǧihād 25, aber auch schon bei Ibn Isḥāq, o.c., 604–5 und bei Muqātil ibn Sulaimān (gest. 767), Tafsīr, hg.. A.M. Shaḥāta, Cairo 1979, i, 314, und in aṭ-Ṭabarī, Tafsīr zum Koranvers.

LITERATUR:
– Andrew Rippin, „Occasions of revelation,“ in EQ.
– Andrew Rippin, „The function of asbāb al-nuzūl in qurʾānic exegesis,“ in BSOAS 51 (1988), 1–20.
– Hans-Thomas Tillschneider, Typen historisch-exegetischer Überlieferung. Formen, Funktionen und Genese des asbāb an-nuzūl-Materials, Würzburg (Ergon), 2011.  (580 S.) Wenn ich dieses Buch durchgelesen habe, muss ich den Text hier oben neu schreiben, so viel ist mir klar.
– Marco Schöller, Exegetisches Denken und Prophetenbiographie. Eine quellenkritische Analyse der Sīra-Überlieferung zu Muḥammads Konflikt mit den Juden, Wiesbaden 1998, 128–33.
– John Burton, „Abrogation,“ in EQ.

Kurzdefinitionen: DhimmiFatwa, Hadith, Isnad, Isra’iliyatKalif, Koranauslegung, Muslim, Naskh, ProphetenerzählungenSabab an-nuzulSchariaSiraSunnaTafsirTaqiya,

Diakritische Zeichen: ʿUmar ibn al-Ḫaṭṭāb, Muʿāḏ ibn Ǧabal, Ǧadd ibn Qais, Uḥud, nasḫ
asbāb asbab an-nuzul asbab al-nuzul sabab an-nuzul sabab al-nuzul

Zurück zum Inhalt         @BRAUCHT SANIERUNG@

Die Absonderung der Frau (Hidschab)

Die Gewohnheit Frauen einen abgesonderten Raum in Zelt oder Haus zu geben, in die fremde Männer keinen Zutritt haben, gab es in Arabien schon vor dem Islam. Wenn eine Dame ihren eigenen Raum verließ, tat sie dies idealerweise in einer mit Vorhängen versehenen Sänfte oder mit einem bedeckenden Gewand um sich drapiert. Diese beiden Erfindungen sind als bewegliche Frauenzimmer zu betrachten. Für Frauen niederen Standes und für Sklavinnen kam es nicht so genau darauf an.
.
Noch mal nachzugehen wäre, ob es schon in der Antike Abbildungen von verschleierten arabischen Frauen gegeben hat; ich vermute dass es einiges gibt. Zur Hand habe ich hier nur ein Fragment vom Kirchenvater Tertullian (± 150–220), lange vor dem Islam, der auch christliche Frauen gerne verschleiert gesehen hätte und ihnen die arabischen Frauen als Beispiel hinstellte,

  • „die nicht nur ihren Kopf, sondern auch ihr Gesicht so gänzlich bedecken, dass sie, mit nur einem Auge frei, sich lieber mit halb so viel Licht begnügen als ihr ganzes Gesicht feil zu bieten; eine Frau will ja lieber sehen als gesehen werden“.1

Nach der ebenfalls vorislamischen jüdischen Mischna sollten die in Arabien wohnhaften Jüdinnen, wenn sie am Sabbat ausgingen, in Anlehnung an die Gewohnheit vor Ort, einen Schleier tragen, der das Gesicht bedeckte, die Augen aber frei ließ.2
.
Im Islam ist die Absonderung der Frau eine Institution geworden. Die koranische Grundlage besteht aus einigen wenigen Koranversen, die unterschiedlich interpretiert werden können. Einer davon ist der „Vers der Absonderung“ (hidjāb), der einige Verhaltensregeln für Besucher in den Wohnungen des Propheten enthält. Die relevanten Worte sind:

  • Und wenn ihr die Gattinnen des Propheten um etwas bittet, das ihr benötigt, dann tut das hinter einem Vorhang (hidjāb)! Auf diese Weise bleibt euer und ihr Herz eher rein.3

Kein direkter Kontakt mit den Frauen des Propheten also; von anderen Frauen wird nicht geredet. Wie der Vorhang aussah, wird nicht erläutert; für die ersten Hörer des Verses wird es klar gewesen sein.
.
Die jahrhundertealte islamische Koranauslegung erzählt oft, mit welchem Anlass, bei welcher Gelegenheit ein bestimmter Koranvers offenbart worden sei (sabab an-nuzūl, Anlass zur Offenbarung). Bei manchen Versen bestehen sogar mehrere Erzählungen zum jeweiligen „Anlass“.
Die bekannteste Erzählung zu Koran 33:53 erzählt, wie Gäste bei einer der Hochzeiten des Propheten etwas störend in dessen Privatsphäre anwesend gewesen seien und, als er nach dem Festmahl seine Hochzeitsnacht habe antreten wollen, nicht weggegangen seien. Das bezieht sich vor allem auf den hier oben nicht zitierten Teil des Koranverses.
.
Aber es kursieren zu diesem Vers noch drei andere „Anlässe“, alle aus dem 9. Jahrhundert. Eine dieser Erzählungen lautet:

  • Als der Prophet mit einigen seiner Gefährten beim Essen war, berührte die Hand eines von ihnen diejenige [seiner Frau] Aischas. Das fand der Prophet nicht angenehm und darauf wurde der „Vers der Absonderung“ (āyat al-hidjāb) offenbart.4

In einer anderen Erzählung ergreift der spätere Kalif ‘Umar die Initiative:

  • ‘Umar erzählte: Ich sagte: „Prophet, jedermann läuft bei deinen Frauen ein und aus; wenn du ihnen mal auftragen würdest sich abzusondern?“ Und darauf wurde der „Vers der Absonderung“ offenbart.5

In einer dritten Erzählung, die von Aischa erzählt wird, spielt ‘Umar ebenfalls die Hauptrolle:

  • Die Frauen des Propheten waren es gewohnt, abends hinauszugehen, um sich an ruhigen Orten mit viel Frischluft zu entleeren. ‘Umar hatte dem Propheten schon gesagt, er möge doch seine Frauen absondern, aber dieser hatte das nicht getan. Also ging Sauda, die Frau des Propheten, eines Abends hinaus—sie war eine hochgewachsene Frau—und ‘Umar rief ihr, so laut er konnte, zu: „Wir haben dich schon erkannt, Sauda!“—begierig wie er war, dass Gott den [„Vers der] Absonderung“ offenbaren würde. Darauf offenbarte Gott den [„Vers der] Absonderung“.6

‘Umar war richtig stolz auf seine Initiative:

  • Gott und ich waren uns in drei Punkten einig: …7

und dann werden drei Koranverse erwähnt, die auf ‘Umars Initiative offenbart sein sollen; darunter also  der „Vers der Absonderung“.
Sekundär ist eine andere Erzählung, die das Motiv von Saudas Toilettengang auch noch mal verwendet:

  • […] von Aischa: Sauda ging eines Abends hinaus, um sich zu entleeren, als die Absonderung schon Pflicht geworden war. Sauda war eine hochgewachsene Frau, die deutlich über die anderen Frauen hinausragte. ‘Umar bemerkte sie und rief: „Hey Sauda, wir haben dich schon gesehen! Schau doch mal, wie du herumläufst!“
    Sie lief schnell davon und ging zurück zum Propheten, der gerade beim Abendessen war. Sie erzählte ihm, was passiert war, und was ‘Umar zu ihr gesagt hatte. Dann schwitzten ihm die Hände und er empfing eine Eingebung, mit dem Schweiß in den Händen, nämlich: „Es ist euch erlaubt hinaus zu gehen, um euch zu entleeren.“ 8

Offensichtlich gab es Muslime, die meinten, Frauen sollten ihre Wohnung überhaupt nicht verlassen; weder um sich zu entleeren noch um die Moschee zu besuchen (darüber gibt es viele andere Texte). Der zuletzt zitierte Text, mit dem ungeschickt erzählten Schluss, versucht mit prophetischer, ja nahezu göttlicher Autorität durchzusetzen, dass Frauen doch hinausgehen dürfen um sich zu entleeren. Der Prophet gerät ins Schwitzen, wie so oft, wenn er eine Offenbarung empfängt. Es kommt auch etwas; nur ist es keine Offenbarung, kein Koranvers, sondern eine „Eingebung“ (wahy), die hier frecherweise als genau so verbindlich wie ein Koranvers dargestellt wird.

Zu den Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Propheten und ‘Umar, s. den Artikel hier.

ANMERKUNGEN
1. Tertullian, De virginibus velandis, cap xvii: Iudicabunt vos Arabiæ feminæ ethnicæ, quæ non caput sed faciem quoque ita totam tegunt ut, uno oculo liberato, contentæ sint dimidiam frui lucem, quam totam faciem prostituere: mavult femina videre quam videri.
2. Schabbat vi, 6: ‎ערביות יוצאות רעולות.
3. Koran 33:53, Übersetzung Paret. وَإِذَا سَأَلْتُمُوهُنَّ مَتَاعًا فَاسْأَلُوهُنَّ مِنْ وَرَاءِ حِجَابٍ ذَلِكُمْ أَطْهَرُ لِقُلُوبِكُمْ وَقُلُوبِهِنَّ
4. At-Tabarī, Tafsīr zum Vers:

حدثني يعقوب، قال ثنا هشيم، عن ليث، عن مجاهد: أنّ رسول الله صلي الله عليه وسلم كان يطعم ومعه بعض أصحابه، فأصابت يد رجل منهم يد عائشة، فكره ذلك رسول الله ص، فنزلت آية الحجاب.

5. At-Tabarī, Tafsīr zum Vers:

حدثنا ابن بشار، قال ثنا ابن أبي عدي، عن حميد، عن أنس بن مالك، قال: فال عمر بن الخطّاب: “ قلت لرسول الله ص: لو حجبت عن أمهات المؤمنين، فإنه يدخل عليك البرّ والفاجر، فنرلت آية الحجاب.“

6. Muslim, Salām 18:

‎حدثنا عبد الملك بن شعيب بن الليث حدثني أبي عن جدي حدثني عقيل بن خالد عن ابن شهاب عنعروة بن الزبير عن عائشة أن أزواج رسول الله ص كن يخرجن بالليل إذا تبرزن إلى المناصع وهو صعيد أفيح وكان عمر بن الخطاب يقول لرسول الله ص احجب نساءك فلم يكن رسول الله ص يفعل فخرجت سودة بنت زمعة زوج النبي ص ليلة من الليالي عشاء وكانت امرأة طويلة فناداها عمر ألا قد عرفناك يا سودة حرصا على أن ينزل الحجاب قالت عائشة فأنزل الله عز وجل الحجاب.

7. Bukhārī, Fadā’il al-qur’ān 2, 9

باب واتخذوا من مقام إبراهيم مصلى …/ مثابة K. 2:125 يثوبون يرجعون

حدثنا مسدد عن يحيى بن سعيد عن حميد عن أنس قال قال عمر: وافقت الله في ثلاث أو وافقني ربي في ثلاث. قلت يا رسول الله لو اتخذت مقام إبراهيم مصلى. وقلت يا رسول الله يدخل عليك البر والفاجر فلو أمرت أمهات المؤمنين بالحجاب فأنزل الله آية الحجاب. قال وبلغني معاتبة النبي صلى الله عليه وسلم بعض نسائه فدخلت عليهن قلت إن انتهيتن أو ليبدلن الله رسوله ص خيرًا منكن حتى أتيت إحدى نسائه قالت يا عمر أما في رسول الله ص ما يعظ نساءه حتى تعظهن أنت فأنزل الله عسى ربه إن طلقكن أن يبدله أزواجًا خيرًا منكن مسلمات K. 66:5 الآية وقال ابن أبي مريم أخبرنا يحيى بن أيوب حدثني حميد سمعت أنسًا عن عمر.

8. At-Tabarī, Tafsīr zum Vers:

… عن آبن وكيع بن نمير، عن هشام بن عروة عن عروة عن عائشة أم المؤمنين: خرجت سودة لحاجتها بعد ما ضرب علينا الحجاب وكانت امرأة تفرع النساء طولاً فأبصرها عمر فناداها: يا سودة إنّك واﷲ ما تخفين علينا فانظري كيف تخرجين أو كيف تصنعين فانكفأت فرجعت الى رسول اﷲ ص وإنّه ليتعشّى فأخبرته بما كانوما قال لها وان في يده لعرقًا فأوحى إليه، ثم رفع عنه وان العرق لفي يده. فقال: لقد أذن لكنّ أن تخرجن لحاجتكنّ.

Diakritische Zeichen: ḥiǧāb, hidschab, waḥy, aṭ-Ṭabarī, Buḫārī, Faḍāʾil al-qurʾān

Zurück zum Inhalt

Die Chronologie des Korans

Nach traditioneller islamischer Überzeugung wurde der Koran Mohammed über 23 Jahre in Teilen offenbart. Demzufolge gibt es im Koran frühe und spätere Teile. Schon seit dem 8. Jahrhundert haben Muslime versucht die Chronologie der Offenbarungen festzulegen. Deren Ergebnisse finden Sie z.B. in den Überschriften über jeder Sura. Dort steht zum Beispiel: „Mekkanisch,“ d.h. offenbart, als der Prophet in Mekka weilte, oder „Medinensisch“: offenbart, als der Prophet schon nach Medina emigriert war. Es geht auch genauer: in größeren Koranausgaben steht in der Überschrift auch: „Offenbart nach der Sura so-und-so“.
Warum war es so wichtig, die chronologische Reihenfolge der Koranoffenbarungen festzulegen? Ein Grund war die Überzeugung, dass spätere Verse ältere abschaffen konnten—der technische Terminus ist „abrogieren“ (nas, naskh). Das hatte Konsequenzen für das islamische Recht.
Ein einfaches Beispiel. Über das Weintrinken stehen vier Verse im Koran:

    • Und (wir geben euch) von den Früchten der Palmen und Weinstöcke (zu trinken), woraus ihr euch einen Rauschtrank macht, und (außerdem) schönen Unterhalt. Darin liegt ein Zeichen für Leute, die Verstand haben. (K. 16:67)
    • Ihr Gläubigen! Kommt nicht betrunken zum Gebet, ohne vorher (wieder zu euch gekommen zu sein und) zu wissen, was ihr sagt! (K. 4:43)
    • Man fragt dich nach dem Wein und dem Losspiel. Sag: In ihnen liegt eine schwere Sünde. Und dabei sind sie für die Menschen (auch manchmal) von Nutzen. Die Sünde, die in ihnen liegt, ist aber größer als ihr Nutzen. (K.2:219)
    • Ihr Gläubigen! Wein, das Losspiel, Opfersteine und Lospfeile sind (ein wahrer) Greuel und Satans Werk. Meidet es! Vielleicht wird es euch (dann) wohl ergehen. Der Satan will (ja) durch Wein und das Losspiel nur Feindschaft und Haß zwischen euch aufkommen lassen und euch vom Gedenken Gottes und vom Gebet abhalten. Wollt ihr denn nicht (damit) aufhören? (K. 5:90–91)(Übersetzungen Rudi Paret)

Weil nun der zuletzt zitierte Vers als der jüngste gilt, abrogiert dieser die drei anderen. Er ist der „abrogierende Vers“ (nāsiḫ, nāsikh). Darauf basiert das islamische Weinverbot. Die älteren sind für die Scharia nicht mehr relevant.
Aber auch ein alltägliches historisches Interesse wird eine Rolle gespielt haben: Man wollte nun mal gerne wissen, bei welcher Gelegenheit, zu welchem Anlass, ein Koranfragment offenbart worden war. Das führte zur Kupplung zahlreicher Offenbarungen an Ereignisse im Leben des Propheten. Um diese Kupplung zu ermöglichen, brauchte man natürlich schon eine Biographie des Propheten (sira). Die ersten Versuche dazu datieren auf ungefähr 700, aber diese sind noch ziemlich fragmentarisch und ungeordnet. Die erste große Biographie ist im Geschichtswerk des Ibn Isḥāq enthalten, das um 760 zustande gekommen ist. Er war auch der Erste, der der Biographie einen soliden chronologischen Rahmen verliehen hat.
Ibn Isḥāq war kein Prophetengefährte und hatte auch nicht das Prestige der ersten Nachfolgergenerationen. Seine Arbeit wurde in der alten Zeit eher kritisch beurteilt. Sie enthält etliche bedenkliche Erzählungen ohne anständige Überliefererkette (isnād). Trotzdem scheint seine Biographie für das islamische Glaubensgebäude unverzichtbar. Ohne Biographie keine Chronologie der Koranabschnitte, und ohne diese würden die Interpretationen für die Scharia ganz anders ausfallen. Wenn etwa nicht der letzte der vier oben zitierten Verse über Wein Autorität bekommen hätte, unter Ausschluss der anderen, tränken wir jetzt vielleicht Wein aus Schiras.
.
Wie sind *Orientalisten an das Thema herangegangen? Im neunzehnten und zum Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts sind sie ganz nah an der islamischen Tradition geblieben. Sie glaubten zwar nicht, dass der Koran offenbart worden wäre, aber gingen schon davon aus, dass Mohammed ihn während 23 Jahre in die Welt gesetzt habe, und sie hielten die Prophetenbiographie in großen Zügen für glaubwürdig. Sie waren aber so pedantisch die chronologische Folge der Koranfragmente noch mal ganz genau feststellen zu wollen; besser, als es die alten Muslime getan hatten. Das System von → Nöldeke und Schwally, mit deren Einteilung in drei Mekkanische Perioden und eine Medinensische, hat unter nichtmuslimischen Gelehrten die meiste Autorität erhalten. Aber auch andere haben daran gearbeitet, so dass wir jetzt über mehrere Vorschläge für eine Chronologie verfügen. Die Ergebnisse ihrer Arbeiten sind von → Welch zusammengefasst worden.
Inzwischen halten nur noch wenige nichtislamische Gelehrte die Prophetenbiographie für eine brauchbare Geschichtsquelle. Mit ihr entfällt dann auch die Basis der koranischen Chronologie, aber so weit hat noch kaum jemand gedacht. Wer nicht durch Glauben daran gehindert wird, könnte jetzt also die Entstehung des Korans in 23 Jahren anzweifeln. Denkbar ist zum Beispiel, dass die ganz unterschiedlich gestalteten Textteile nicht nacheinander, sondern nebeneinander entstanden sind, in unterschiedlichen Kreisen. Die blitzenden, beschwörenden kurzen Suren und die wortreichen legislativen Texte der längeren Suren unterscheiden sich in Inhalt und Grundton; warum sollten sie nicht auch eine andere Herkunft haben? Moderne Gelehrte sind nicht, wie ihre Kollegen von vor hundert Jahren, an Mohammed als Autor des Korans gebunden. Um beim Beispiel „Weintrinken“ zu bleiben: Es könnte zur selben Zeit Menschen gegeben haben, die Weintrinken ganz entspannt beurteilten, und andere, die vehement dagegen waren, wie einst die Nasiräer im Judentum.
Das würde bedeuten, dass der Koran Texte aus mehreren Quellen enthalte. Eine Urkunden- oder Quellenhypothese also, wie in der Bibelforschung des 19. Jahrhunderts. → J. Wansbrough hat auf diesem Gebiet schon Vieles durchdacht, aber weil er bestimmte Fehler gemacht hat, werden auch seine fruchtbaren Gedankengänge nicht mehr gerne gelesen. Wansbroughs Anstrengungen haben auf jeden Fall dazu geführt, dass über die ganze Problematik noch mal neu nachgedacht wird. Die Gedanken sind frei, und die Beweise und Argumente der alten Orientalisten bröckeln. Das angeblich gesicherte Wissen ist hin.
.
Traditionelle Muslime werden den obigen Vorschlag sofort verwerfen. Der Gedanke, dass der Koran Texte mehrerer Quellen enthalten könnte, ist ihnen ein Gräuel. Für sie hat der Koran nur eine Quelle: Gott.
Kritischer eingestellte Muslime wissen schon, dass Ibn Isḥāq kein Heiliger war und dass auch das alte Wissen um die Chronologie und die „Anlässe der Offenbarung“ nur Menschenwerk war: eine frühe Form von Wissenschaft, die gegebenenfalls für überholt erklärt werden kann. Wie solche Muslime das mit ihrem Glauben in Einklang bringen, ist deren Problem.
Aber dass nichtmuslimische Gelehrte brav an der islamischen Tradition kleben, darauf zur gleichen Zeit eine gehörige Portion Pedanterie loslassen, aber dann doch wieder versäumen die neueren Einsichten zur Prophetenbiographie mit einzubeziehen, das ist nachlässig und beschämend.

Bibliografie:
G. Böwering, ‘Chronology and the Qurʾān,’ in EQ.
Th. Nöldeke, Geschichte des Qorāns, zweite Auflage bearbeitet von F. Schwally, G. Bergsträsser en O. Pretzl, 3 Bde., Leipzig 1909–1938, Nachdruck Hildesheim 1981, i, 58–234.
A. T. Welch, ‘Ḳurʾān,’ in EI2, 414–419.
J. Wansbrough, Quranic Studies. Sources and methods of scriptural interpretation, Oxford 1977.

Zurück zum Inhalt