Ahad, ein noch unbekannter Gott

🇳🇱 Der Gott des Korans heißt Allāh, das weiß jeder. Viele wissen auch, dass das ursprünglich kein Eigenname ist, sondern ein Substantiv mit Artikel: „der Gott“. Aber aufgrund dessen göttlichen Wesens, seines Handeln und seiner Eigenschaften ist es volkommen richtig das Wort Allāh als Eigenname aufzufassen.
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Dieser Gott wird im Koran oft al-raḥmān genannt. Das bedeutet „barmherzig“ und hat den Status eines Adjektivs, oder anderen zufolge den eines Substantivs bekommen. An vielen Stellen im Koran tritt das Wort aber als Eigenname auf, wenn es auch auf denselben Gott Bezug nimmt als Allāh. Innerhalb des Korans gibt es Hinweise, dass ein al-Raḥman früher als separater Gott aufgefasst wurde, z.B. Koran 17: 110 قل دعوا الله أو دعوا الرحمن  „betet zu Allāh oder betet zu al-Raḥmān“. Außerhalb des Korans ist es noch deutlicher. Bereits hundert Jahre vor Mohammed wurde im Jemen auf einer Inschrift der Gott Raḥmānān erwähnt, mit der sabäischen Endung -ān, die den Artikel darstellt. Er war der mittel- und südarabische high god des Himmels und der Sterne. Er ist aufgegangen in „dem Gott“, der im Islam der Einzige geworden ist.
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In den letzten Jaren wurden in Arabien Tausende Felsinschriften aus vorislamischer Zeit gefunden
. Einer davon lautet, in der Übersetzung von Ahmad al-Jallad, wie folgt:1 

  • He kept watch for his family while camping near water so O Aḥad and Allāt, may he who reads (this) have security and spoil.2

Hier werden also Schutz und Hilfe zweier Götter angerufen. Allāt ist eine Göttin, die auch bekannt ist aus dem Koran—wo sie natürlich als Göttin hat abgetan. Aḥad war noch unbekannt. Aḥad ist ein gängiges arabisches Wort, das „einer“ oder „jemand“ bedeutet. Aber offensichtlich war es auch der Name eines Gottes. Wenn man so will, kann man ihn auch in der Bibel entdecken: שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהוָה אֱלֹהֵינוּ יְהוָה אֶחָֽד „Höre Israël, der HERR ist unser Gott, der HERR ist Æḥad“ (5. Mose 6:4).
Für Muslime gilt aḥad als einer der „herrlichen Namen“ Gottes. Er kommt auch im Koran vor, in Sure 112: قل هو الله أحد „Sag: Er ist Allāh, ein Einziger,“ oder wenn wir das huwa weglassen (siehe dazu hier): „Allāh ist ein Einziger“. Ich kann mir die Frage nicht verkneifen: Haben wir auch hier mit einer Gottheit zu tun, die met „dem Gott“ gleichgesetzt wird: „Allāh ist Aḥad“? Sowie er mit al-Raḥmān identisch ist, ist er so auch identisch mit Aḥad? Ein Koranvers und eine ziemlich alte Inschrift reichen nicht für eine Schlussfolgerung, aber ich behalte den Gedanke im Kopf. Sollte es so sein, so enthielte der letzte Vers der Sura ein Wortspiel: ولم يكن له كفوا أحد : „und nicht einer (aḥad) ist ihm ebenbürtig.“
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Der Eigenname ‘Abd al-Aḥad, „Knecht des Einen,“ ist islamisch. Muslime verwenden oft einen der „herrlichen Namen“ in dieser Manier. Kam er auch schon in vorislamischer Zeit vor? Nach einigem Blättern in Namenlisten scheint das mir nicht der Fall zu sein, aber auch dies sollte als Möglichkeit offen gehalten werden.

ANMERKUNG
1. Al-Jallad hat hierzu interessante Tweets. Die Sache ist offensichtlich noch nicht reif für einen wissenschaftlichen Artikel. OCIANA, auf das er hinweist, ist das Online Corpus of the Inscriptions of Ancient North Arabia. Seihe dort auch unter Safaitic.
2. Safaitische Inschrift Nr. KRS 1131: kharaṣa ahl-oh ḥāṣ́era fa-hā-aḥad wal-lāt salām le-dhī da’aya. Safaitisch war ein Alfabet; man hat Tausende Inschriften in dieser Schrift gefunden zwischen Südsyrien und Nordsaudien. Man kann sie datieren zwischen dem 1. Jahrhundert v. Chr. und dem 4. n.Chr.

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Ta’abbata Sharran, Räuber und Poet dazu

Ta’abbata Sharran war ein arabischer Dichter, der ca. 550, also lange vor der Enstehung des Islams, gelebt haben soll. Er gehörte zum Stamm Fahm, aber offensichtlich hielt er es im Stammesverband nicht aus. Es gab solche Menschen, die entweder selbst ihren Stamm verließen oder vergrault wurden und dann allein weiterlebten. Manchmal fanden sie bei Geistesverwandten Anschluss und bildeten eine kleine Bande von Räubern (su‘lūk, sa‘ālīk), die von der Jagd und von Überfällen und Raubzügen lebten. Helden und Kraftmenschen waren sie auch, denn ohne Stammesverband in einem wüsten Land zu überleben fordert Mut und Kraft. Anders als unsere modernen Räuber waren sie oft gute Dichter. Das war auch Ta’abbata Sharran .1
Sein Name bedeutet: „Er hat etwas Böses unter dem Arm getragen“ und ist also kein Name, sondern ein Beiname. In der „bürgerlichen“ Stammesgesellschaft hieß er Thābit ibn Djābir al-Fahmī. Es gibt mindestens drei Anekdoten, die erzählen, wie er zu seinem Beinamen gekommen ist:

  • 1. Die Poesieüberlieferer erzählen, dass er eines Tages in der Wüste einen Widder sah. Er hob ihn auf und trug ihn unter seinem Arm, aber das Tier pinkelte ihn den ganzen Weg an. Als er nahe an [das Lager] seines Stammes gekommen war, wurde es ihm zu schwer.2 Er konnte es nicht länger tragen und warf es von sich, und siehe da, es war ein Wüstendämon (ġūl, ghoul). Seine Leute fragten ihn:
    „Was hast du unter deinem Arm getragen?“
    „Einen Wüstendämon,“ antwortete er.
    „Dann hast du schon etwas Böses unter dem Arm getragen!“
    Und danach wurde er benannt.3

Eine andere, ziemlich gekünstelte Anekdote, zeigt den Mutter-Sohn-Konflikt des unerträglichen Rauhbauzes.

  • 2. Es wird auch erzählt: Nein, seine Mutter sagte zu ihm: „Alle deine Brüder bringen mir abends etwas mit, aber du nicht!“ Darauf sagte er: „Heute Abend werde ich dir etwas mitbringen.“ Er ging weg und fing eine große Anzahl Nattern, die größten, die er erwischen konnte. Als er am Abend nach Hause ging, tat er diese in einen Sack, den er unter seinem Arm trug. Den warf er vor seine Mutter hin. Sie öffnete ihn und siehe da, da schossen die Nattern los in ihrem Zelt. Sie sprang auf und rannte nach draußen.
    „Was hat Thābit dir mitgebracht?“ fragten die Frauen des Stammes.
    „Nattern in einem Sack!“
    „Aber wie hat er den denn getragen?“
    „Unter seinem Arm.“
    „Dann hat er schon etwas Böses unter seinem Arm getragen!“
    So blieb der Name Ta’abbata Sharran an ihm hängen.4

Von einer dritten Anekdote zitiere ich nur den in diesem Zusammenhang relevanten Teil:

  • 3. […] und er wurde Ta’abbata Sharran genannt, weil er, wie man erzählt, in einer dunklen Nacht, an einer Stelle namens Rahā Bitān, im Stammesgebiet der Hudhail, einer ghūl begegnete. Sie versperrte ihm den Weg, aber er bekämpfte sie so lange, bis er sie getötet hatte. Die ganze Nacht blieb er auf ihr liegen und am nächsten Morgen trug er sie unter seinem Arm zu seinen Gefährten. Diese sagten zu ihm: „Du hast schon etwas Böses unter dem Arm getragen!“5

Ein oder eine ghūl ist ein Dämon, der sich in der Wüste aufhält und einsame Reisende belästigt. Eine seiner Eigenschaften ist, dass er seine Form ändern kann. Oft nimmt er die Gestalt eines weiblichen Wesens an.6
Ta’abbata Sharran hat Verse über eine Begegnung mit einem Wüstendämon gedichtet. 

  • 4. Da leistete mir die ghūl nachbarliche Gesellschaft.
    Oh Nachbarin, wie unheimlich bist du doch!
    Ich forderte sie zum Koitus auf, aber sie machte mir Schwierigkeiten,
    und ich versuchte es (nur) zu tun.
    Wenn mich jemand nach meiner Nachbarin fragt,
    so hat sie ihre (letzte) Wohnung an der Krümmung des Sandhügels.7

„Nachbarin“ war eine Benennung, die Beduinen auf ihre Ehefrauen anwendeten. Der Dichter ist von dem gefährlichen Wesen überhaupt nicht beeindruckt. Im Gegenteil: Er verspottet den ängstlichen Glauben des braven Stammesvolks. Für ihn selbst existieren gar keine Wüstendämonen; fuck the ghoul! Und sollte jemand anders das auch tun wollen, sie wohnt um die Ecke beim Sandhügel, ihr wisst schon. Die Adresse ist im sandigen Arabien eindeutig.

Der Wüstendämon kommt in noch in weiteren Verszeilen vor, von denen ich hier einige zitiere:

  • 5. Auf, wer berichtet den Recken des Stammes Fahm,
    was mir bei Rahā Bitān begegnete?
    Ich traf die ghūl, als sie durch eine Wüste,
    so eben wie eine Seite (zum Beschreiben), hastete.
    Ich sprach zu ihr: Wir sind beide vor Müdigkeit erschöpft.
    (Du bist mein) Reisegenosse. Drum lass mir meinen (Ruhe)platz!
    Aber sie griff mich an. Da streckte meine Hand
    ihr ein gutgefegtes jemenitisches (Schwert) entgegen.
    Ich schlug sie ….; sie fiel auf ihre Vorderpfoten und ihren Hals
    […]
    und ich ließ nicht von ihr ab, mich auf sie lehnend,
    um am nächsten Morgen zu sehen, was zu mir gekommen war.

Auch hier brüstet sich die Dichterpersona, wie sie die ghoul bezwungen hat; auch hier liegt er, der Dichter, auf ihr, wenn auch von Sex keine Rede ist.

Der Versuch ein Gespräch anzuknüpfen erinnert an das „Gespräch mit dem Wolf,“ ein Motiv aus der etwas späteren Poesie. Wenn ein einsamer Reisender in der Wüste einem ebenfalls einsamen Wolf begegnet, haben die beiden viel gemeinsam: ihren Hunger, ihre Einsamkeit, ihre heikle Lage. Aber solche Begegnungen sind auch sehr gefährlich; deshalb sprechen die Dichter dem Wolf oft beschwörend zu.9 Das geschieht hier auch, aber naturgemäß geht die ghoul nicht darauf ein.

Anekdote Nr. 3. will den merkwürdigen Beinamen des Dichters erklären, wie die anderen auch. Aber sie ist von dem Gedichtfragment Nr. 5 inspiriert und will dazu ein wenig „Geschichtsschreibung“ bieten. Die Erzählung verhält sich zum Gedicht wie eine sabab an-nuzūl-Geschichte zu einem Koranvers. 

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ANMERKUNNGEN
1. Albert Arazi, „Ta’abbaṭa Sharran“ in EI2. Ewald Wagner, Kap. „Räuberdichtung“ in seinem Grundzüge der klassischen arabischen Dichtung, Band 1. Die altarabische Dichtung, Darmstadt 1987, 135–44.
2. Wie viele Meter können Sie zurücklegen mit einem Widder unter dem Arm?
3. Abū al-Faraǧ al-Iṣfahānī, Kitāb al-Aġānī, hrsg. Kairo 1927, xxi, 127.

ذكر الروة أنّه كان رأى كبشًا في الصحراء فاحتمله تحت إبطه فجعل يبول عليه طول طريقه. فلما قرب من الحيّ ثقل عليه الكبش فلم يُقِلّه فرمى به فإذا هو الغول. فقال له قومه: ما تأبّطَّ يا ثابت؟ قال: الغول. قالوا: لقد تأبّطَّ شرا! فسُمّي بذلك.

4. Aġānī xxi,127:

وقيل بل قالت أمّه له كل إحوتك يأتيني بشيء إذا راح غيرَك. فقال لها: سآتيك الليلة بشيء. ومضى فصاد أفاعيَ كثيرة من أكبر ما قدر عليه. فلمّا راح أتى يهنّ في جِراب متأبّطًا به فألقاهه بين يديها ففتحته فتساعين في بيتها. فوثب وخرجت. فقال لها نساء الحيّ: ما ذا أتاك به ثابت؟ فقالت: أتاني بإفاعٍ في جراب. وقلن: وكيف حملها؟ قالت: تأبّها. قلن: تأبّط شرّاً، فلزمه تأبّطا شرّاً.

5. Aġānī xxi,128–29:

[…] وإنّما سمّي تأبّط شرّاً لأنهه فيما حُكي لنا٬ لقي الغول في ليلة ظلماء في موضع رَحَى بِطَانٍ في بلاد هذيل فأخذت عليه الطريقَ فلم يزل بها حتى قتلها وبات عليها فلمّا أصبح حملها تحت إبطه وجاء بها الى أصحابه فقالوا له: لقد تأبّطّ شرّاً.

6. Ghouls gibt es noch immer; vgl. was hier gesagt wird zu Soraya Qadir, alias Dust.
7. Aġānī xxi, 128, Übersetzung von Ewald Wagner, o.c., i, 140

فَأَصْبَحَتِ‎ الغُولُ‏ لِي‏ جَارَةً  *  فَيَا جَارَتَا لَكِ‎ مَا أَهْوَلاَ
فَطَالَبْتُهَا بُضْعَهَا فَالْتَوَتْ  *  عَلََيَّ‏ وَحَاوَلْتُ‏ أَنْ‏ أَفْعَلاَ
فَمَنْ‎ كَانَ‎ يَسْأَلُ‏ عَنْ‏ جَارَتِي  *  فَإنَّ‏ لَهَا باللِّوَى مَنْزِلاَ

8. Aġānī xxi, 129, Übersetzung zum Großteil von Ewald Wagner, o.c., i, 140–1.

أَلاَ‎ مَنْ‏ مُبْلِغٌ‏ فِتْيَانَ‏ فَهْمٍ  *  بِمَا لَقِيتُ‏ عِنْدَ‏ رَحَى بِطَانِ
وَأَنِّي‏ قَدْ‎ لَقِيتُ‏ الغُولَ‏ تَهْوَى  *  بِسَهْبٍ‏ كَالصَّحِيفَةِ‏ صَحْصَحَانِ
فَقُلْتُ‏ لَهَا‏: كِلاَنَا نِضْوَأَيْنِ  *  أَخُو سَفَرٍ‏ فَخَلِّي‏ لِي‏ مَكَانِي
فَشَدَّتْ‏ شَدَّةً‏ نَحْوِي‏ فَأَهْوَى  *  لَهَا كَفِّي‏ بِمَصْقُولٍ‏ يَمَانِي
فَأَضْرِبُهَا بِلاَ‎ دَهَشٍ‏ فَخَرَّتْ  *  صَرِيعًا لِلْيَدَيْنِ‏ وَلِلْجِرَانِ
[‏…]
فَلَمْ‏ أَنْفَكَّ‏ مُتَّكِئًا عَلَيْهَا  *  لأَنْظُرَ‏ مُصْبِحًا مَاذَا أَتَانِي

9. Manfred Ullman, Das Gespräch mit dem Wolf, München 1981.

Diakritische Zeichen: Taʾabbaṭa Šarran, ṣuʿlūk, ṣaʿālīk, Ṯābit ibn Ǧābir al-Fahmī, ġūl, Raḥā Biṭān, Huḏail

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Dschahiliyya, Gahiliya, Jahiliya

Dschahiliyya (djāhilīya) ist eine religiös gefärbte, islamische Bezeichnung der vorislamischen Zeit.
Zu Grunde liegt das arabische Verb djahila, yadjhalu, djahl, „nicht wissen“. Djāhilīya heißt also „Zustand der Unwissenheit; Periode der Unwissenheit“.
Die islamische Perspektive kann man so zusammenfassen: Vor dem Islam herrschten Götzendienst, Barbarei und Dunkelheit; mit der Offenbarung des Korans und dem Auftritt des Propheten erschienen Licht und Wissen. Anschaulich formuliert wird dieses Bild in der Ansprache des Dja‘far ibn abī Tālib – ein Bruder ‘Alīs – vor dem Negus, dem christlichen Herrscher von Äthiopien. Mehr als ein Jahrhundert nach dato wird er von dem Prophetenbiograph Ibn Ishāq mit diesen Worten zitiert:

  • König, wir waren ein Volk der Unwissenheit, beteten Götzen an, aßen unreines Fleisch, betrieben Hurerei, brachen die Blutsbände, missachteten die Gastfreundschaft, und die Starken unter uns beuteten die Schwachen aus.

Djāhiliyya als Zeitangabe ist auch im Koran bereits vorhanden. (Paret übersetzt das Wort mit „Heidentum“.)

  • K. 3:154 … indem sie über Gott entgegen der Wahrheit Mutmaßungen anstellten, wie man das im Heidentum zu tun pflegte …
    K. 5:50 Wünschen sie sich (etwa) die Entscheidungsweise des Heidentums?
    K. 33:33 (gesagt zu den Frauen des Propheten) … putzt euch nicht heraus, wie man das früher im Heidentum zu tun pflegte …
    K. 48:26 (Damals) als die Ungläubigen das Ungestüm (? al-hamīya), dasjenige des Heidentums, in ihrem Herzen Platz greifen ließen ….

Religion versus moderne Geschichtsschreibung
Moderne Historiker können mit dem Begriff djāhilīya nichts anfangen. Sie haben keine religiöse Sicht auf die Vergangenheit, sondern sprechen neutral vom „vorislamischen Arabien“. Dabei ist ein Problem, wann die vorislamische Periode genau endet. Die Frage werde ich im Artikel *Islam erörtern.

Das islamische Gedankenschema hat ein Schwarzmalen der Vergangenheit gefördert; das vorislamische Arabien bekommt einfach keine Chance. Im 8. Jahrhundert, in der Abbasidenzeit, bastelten islamische Historiker sich eine djāhilīya zusammen, die möglichst heidnisch und rückständig aussehen sollte (→Drory). Die so kreierte „Vergangenheit“ stimmt aber nicht überein mit dem, was moderne Historiker und Archäologen entdecken.
Die arabische Halbinsel war gar nicht so isoliert, sondern in die Hochkulturen der Zeit integriert. Ausgrabungen künden davon: Viel Griechisch-Römisches und auch Kirchen wurden gefunden.
Manche Forscher, etwa →Hawting, glauben dass der Götzendienst eigentlich schon seit dem 5. Jh. ausgestorben sei; der Islam habe sein Entstehen hauptsächlich den Meinungsverschiedenheiten unter Monotheisten zu verdanken. Im Koran ist zwar oft von mushrikūn („Heiden, Polytheisten“) die Rede, aber das liege eher daran, dass die einander bekämpfenden Gruppen der Monotheisten einander gerne mit diesem Ausdruck beschimpften.
Auch →Crone interpretiert die relevanten Koranverse so, dass die angeblichen Heiden bereits an Allah („der Gott“) glaubten, nur eben noch an anderen Wesen neben ihm — mal Götter, mal Engel genannt. Diese beteten sie jedoch nicht an, sondern erhofften von ihnen Fürsprache bei Allah. Richtige Götzen, Bilder usw. kommen laut Crone nur in den koranischen Prophetengeschichten vor; also in der erzählten Vergangenheit, nicht zur Zeit des Propheten Mohammad.
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Djāhilīya heute
Einige strenge Muslime haben den Begriff djāhilīya auf ihre eigene Zeit angewandt. Außenseiter wie Ibn Taimīya [gest. 1328] und Ibn ‘Abd al­-Wahhāb [1703–1792] behaupteten, ihre Umgebung sei in Wirklichkeit nicht islamisch, sondern ungläubig und vorislamisch, djāhilī.
In unserer Zeit ist dies auch der Standpunkt militanter, dschihadistischer Muslime. Ihr Hauptideologe →Sayyid Qutb (1906–1966) ging darin sehr weit: Jede Gesellschaft, die nicht Gott dient und sich nicht seiner Führung und Herrschaft unterordnet, ist in einem Zustand der djāhilīya. Das gilt also für nahezu alle islamischen Länder. Die Konsequenz: Gegen die Regierungen vieler Staaten ist Dschihad angesagt.

ANMERKUNG:
1. Ibn Ishāq, Sīra, 219: أيها الملك، كنّا قومًا أهل جاهلية، نعبد الأصنام، ونأكل الميتة، ونأتي الفواحش، ونقطع الأرحام، ونسيء الجوار، ويأكل القوي منه الضعيف.

BIBLIOGRAPHIE
– Ibn Isḥāq, Sīra: The Life of Muhammad. A Translation of Isḥāq’s [sic!] Sīrat Rasūl Allāh, with introd. and notes by A. Guillaume, Oxford 1955, S. 3–70.
– Hišām ibn Muḥammad al-Kalbī, Kitāb al-aṣnām, hg. Aḥmad Zakī, Kairo 1912, 19242; Übers., Einl. und Kommt. Rosa Klinke-Rosenberger, Das Götzenbuch. Kitâb al-aṣnâm des Ibn al-Kalbî, Leipzig/Zürich(?) 1941. [Das Kitāb al-aṣnām ist in englischer Übersetzung auch im Internet vorhanden; die Qualität ist mir unbekannt.]
– M. M. Bravmann, The Spiritual Background of Early Islam. Studies in Ancient Arab Concepts, Leiden 1972.
– Patricia Crone, „The Religion of the Qur’ānic Pagans: God and the lesser Deities,“ in Arabica 57 (2010), 151–200.
– Rina Drory, „The Abbasid Construction of the Jahiliyya. Cultural Authority in the Making,“ Studia Islamica 83 (1996), 33–49 [Auch online].
– Toufic Fahd, La divination arabe. Études religieuses, sociologiques et folkloriques sur le milieu natif de l’Islam, Leiden 1966.
– Toufic Fahd, „Siḥr,“ in EI2.
– Gerald R. Hawting, The Idea of Idolatry and the Emergence of Islam. From Polemic to History, Cambridge 1999.
– Robert G. Hoyland, Arabia and the Arabs from the Bronze Age to the Coming of Islam, London 2001.
– M. J. Kister, „Al-taḥannuth. An inquiry into the meaning of a term,“ in: BSOAS, 23 (1970), 223–236 (Nachdruck in: M. J. Kister, Studies in Jāhiliyya and Early Islam, London 1980, nr. v) und online: http://www.kister.huji.ac.il/sites/default/files/Tahannuth.pdf. [Fallstudie]
– W. E. Shepard, „Ignorance,“ und  „Age of Ignorance“ in EQ.
– Julius Wellhausen, Reste arabischen Heidentums, Berlin 18972, 19613 [Ist schon sehr alt. Wer Französisch liest, ist mit Toufic Fahd besser beraten].
– Sayyid Quṭb (1906-1966), Maʿālim fī a-ṭarīq, Beirut 1964(?), viele Ausgaben, viele Übersetzungen. Die relevanten Texte zum ǧāhilīya werden in einer wichtigen Studie über ihn zitiert:
– Sabine Damir-Geilsdorf, Herrschaft und Gesellschaft. Der islamistische Wegbereiter Saiyyd Quṭb und seine Rezeption, Würzburg 2003.

Diakritische Zeichen: ǧāhilīya, ǧahila, yaǧhalu, ǧahl, Ǧaʿfar ibn abī Ṭālib, ʿAlī, Ibn Isḥāq, al-ḥamīya, mušrikūn, Sayyid Quṭb

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