Die vermeintliche Krankheit Mohammeds– 3: Akromegalie

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Die vermeintliche Krankheit Mohammeds – 2: Hysterie

Herman Somers (1921-2004)
Die biografischen Informationen, die ich zu diesem Autor gefunden habe, sind nicht sehr solide, weshalb ich sie mit Vorbehalt präsentiere. Somers war kein Arzt, sondern ein promovierter Psychologe, der im belgischen Löwen arbeitete, allerdings nicht an der Universität. Er war zunächst Jesuit, wurde aber später Skeptiker und veröffentlichte viel über psychopathologische Elemente in den Äußerungen verschiedener Propheten und Religionsstifter. Aus seinen niederländisch abgefassten Schriften geht hervor, dass sein Hauptziel darin bestand, Religionen zu entlarven.
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Obwohl nicht mal Arzt hat Somers sich in seinem Buch Een andere Mohammed (Ein anderer Muhammed) erdreistet, einen Patienten zu diagnostizieren, den er nicht gesehen hatte und der schon lange tot war: Mohammed. Auch er konnte sein Bild vom Propheten nur auf der Grundlage von Texten aufbauen, von denen er viel weniger zur Verfügung hatte als Sprenger, da er kein Arabisch konnte und auf Übersetzungen angewiesen war. Es muss jedoch gesagt werden, dass er sich sehr bemüht hat, Übersetzungen zu finden.
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Nicht sein ganzes Buch handelt von Mohammeds Krankheit. Der Autor trifft seine eigene Wahl aus den Übersetzungen der Quellen und macht sich daran, dessen Biographie zusammenzufassen— mit viel Aufmerksamkeit für die Psychologie. Mohammeds Vater starb vor seiner Geburt, seine Mutter, als er noch ein Säugling war; welche psychischen Folgen hatte das? Der Autor denkt nach über die Bindung an die Amme und an den Großvater, der die Rolle des Vaters erfüllte, aber auch über Abraham, der später den abwesenden Vater ersetzte. Mohammeds viel ältere Frau Khadidja erfüllte die Rolle einer Mutter. Ich lege wenig Wert auf diese Art von psychologischer Spekulation, zumal sie auf der Annahme beruht, dass die biografischen Texte Wort für Wort wiedergeben, wie alles wirklich gewesen ist.
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Und das alles gegen besseres Wissen. Somers folgt ja dem Grundsatz, der sich wie folgt zusammenfassen lässt: „Wir wissen fast nichts, aber wir wissen trotzdem sehr viel“. Dies ist eine Strategie moderner gebildeter Menschen mit horror vacui: Zuerst sagen, dass die Quellen unzuverlässig sind und dass wir fast nichts wissen, und dann eine detaillierte Biographie schreiben. Rodinson (Mohammed, 1961) war sich der Natur der Quellen bereits bewusst und schrieb trotzdem eine dicke Biographie, als ob das noch möglich wäre! Bei F. E. Peters (Muhammad and the origins of Islam, 1994) ist es nicht anders, ganz zu schweigen von Tilman Nagel (Mohammed, Leben und Legende, 2008). Somers macht etwas Ähnliches: „Wenn wir sehr streng sein wollen, können wir sagen, dass wir alles, was wir […] wissen, auf eine kleine Postkarte schreiben können.“ (S. 12) Doch wenn er Hadithe liest, hat er „den starken Eindruck, dass sie weitgehend authentisch sind,“ nämlich weil sie so detailliert sind—eine alte Falle. Die Texte, in denen er meint, Mohammeds Krankheitsbild zu erkennen, müssen wohl echt sein, denn sie bestätigen, was die (seriöse, medizinische) Wissenschaft lehrt (S. 18-19).
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Und was ist jetzt mit der Krankheit? Nun, „der andere Mohammed“ ist nicht anders, das fällt sofort ins Auge. Seit Jahrhunderten wird Mohammed als geistig gestörter Betrüger und Lustmolch dargestellt. Für eine Weile schien es, als wäre das vorbei, aber bei Somers sind die Hauptlinien wieder wie gehabt: Muhammad war geisteskrank. Infolgedessen war er impotent und (daher) von Sex besessen. Seine Verlogenheit, Grausamkeit und Rachsucht lassen sich ebenfalls durch seine Krankheit erklären.
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Aber an Epilepsie oder Hysterie als Ursache dieser Geisteskrankheit konnte Somers nicht glauben. Ihm zufolge litt Mohammed an Akromegalie, einer Krankheit, die von einem Hypophysentumor herrührt. „Wenn der einen Überdruck im Gehirn verursacht, sehen und hören die Menschen Dinge, die nicht da sind.“ Ich fasse einige weitere Symptome und Phänomene zusammen, nach Somers S. 70-79: große Ohren, Nase, Kinn, Hände und Füße; zarte Handflächen und dicke Finger; eine tiefe Stimme; durch fusionierte Wirbel verursachte Rückenschmerzen; starke Transpiration; dichtes Haar; eine gelbliche Hautfarbe; Unersättlichkeit; eine Hühnerbrust; Impotenz; Neigung zu Halluzinationen und Halluzinosen; starke Kopfschmerzen und Bewusstseinsstörungen nach einem Schlaganfall. Die Erkrankung tritt hauptsächlich nach dem 40. Lebensjahr auf; die meisten Patienten sterben im Alter von etwa 60 Jahren.
Dies und mehr behauptet Somers in den Quellen über den Propheten bestätigt gefunden zu haben.
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Um in Muhammad die Krankheit seiner Wahl zu entdecken musste Somers an den Quellentexten herumpfuschen. Akromegalie-Patienten haben ein großes Kinn und eine grobe Haut. Somers hat diese Symptome nirgendwo gefunden: Die Texte schweigen über das Kinn und bezeichnen Mohammeds Haut als schön. Aber keine Sorge: Die Symptome waren natürlich unter starken Bartwuchs verborgen (S. 75–6)! Die Haut von Akromegalen soll gelblich sein. Einer Überlieferung zufolge war Mohammed aber „weder hell noch dunkel im Teint, sondern eher etwas rötlich“. Aber gelblich oder rötlich, für Somers ist es einerlei. So druckte er die Texte in Modell. Zudem war er nicht in der Lage oder willens, alle verfügbaren Texte zu lesen, denn es gibt auch andere Beschreibungen von Mohammeds Hautfarbe und von seinen anderen körperlichen Merkmalen. Um nur eine zu nennen: Der Prophet soll breite Schultern gehabt haben; wie passt das zu einer Hühnerbrust?
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Somers Motivation ist eindeutig nicht das Streben nach Wissenschaft, sondern ein tief empfundener Hass auf die Religion und insbesondere auf den Islam, von dem „wir“—wen meint er damit?—eine natürliche Abneigung haben. Er braucht Mohammeds vermeintliche Krankheit, weil der Koran seiner Meinung nach von Mohammed zusammengestellt wurde, weil der gesamte Islam seinem kranken Gehirn entstammte und weil vom Islam nichts Gutes zu erwarten ist. Kein Wunder also, dass der niederländische populistische Politiker Geert Wilders von diesem Pamphlet begeistert war.
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Auf Somers‘ Fehleinschätzungen, Trugschlüsse und seinen Umgang mit den Quellentexten werde ich zurückkommen, nachdem ich auch Armin Geus besprochen habe, der Mohammed für schizophren hielt.

Wird fortgesetzt

BIBLIOGRAPHIE
– Herman Somers, Een andere Mohammed, Antwerpen/Baarn 1993. Online hier.

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Die Franzosen und die Pest in Ägypten (1798)

1798 besetzten die Franzosen Ägypten, wo sie drei Jahre lang blieben. Ein lokaler Historiker, ‘Abd al-Raḥmān al-Djabartī (1753-1825), führte während der ersten Monate der Besatzung ein Tagebuch. Darin ist unter anderem über die Pest zu lesen. Die Franzosen hatten eine panische Angst vor der Pest, die sich ihrer Meinung nach durch Miasmen ausbreitete: verfaulte, feuchte Luft und die Ausdünstungen von Kranken und Leichen. Sie ergriffen drastische Maßnahmen, von denen eine die Quarantäne war. Die verfaulte Luft versuchten sie durch das Verbrennen von Kräutern und Weihrauch zu verbessern. Pestärzte trugen eine lange spitze Nase, an deren Ende Duftstoffe angebracht waren und liefen manchmal mit einer Art Räuchergefäß herum.
Die Mitteilung von Al-Djabartī darüber, wie die Franzosen mit ihren Toten umgingen, ist fake news. Die Franzosen waren Besatzer und wurden von den Ägyptern gehasst.
Drei nicht zusammenhängende Fragmente aus dem Tagebuch:

„Später wurde klar, dass dieser Bishli mehr als vierzig Tage zuvor mit der Korrespondenz des Wesirs an ‘Ali Bey […] angekommen war, aber die Franzosen hatten ihn mit den Passagieren auf dem Schiff in Alexandria isoliert, aus Angst, die Pest hätte sie infiziert. Nach vierzig Tagen ließen sie sie von Bord gehen und gaben ihnen die Erlaubnis zu reisen, nachdem sie stark unter der Haft und der Enge gelitten hatten, wie auch unter dem Rauch, mit denen sie im Laderaum, d.h. in dem Bauch des Schiffes, desinfiziert wurden. Dazu kamen noch die Verteuerung und so weiter.“
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„An diesem Tag sagten sie den Menschen, dass sie ihre Toten nicht mehr auf Friedhöfen in der Nähe von Wohnhäusern begraben sollten, wie zum Beispiel auf den Friedhöfen von al-Azbakīya und al-Ruway’ī, sondern nur auf weit entfernten Friedhöfen. Diejenigen, die kein Grab auf dem Friedhof hatten, sollten ihre Toten in den Gräbern der Mamluken bestatten. Und wenn sie jemanden beerdigten, sollten sie die Tiefe der Gräber vergrößern. Außerdem befahlen sie den Menschen, ihre Kleidung, Möbel und Bettwäsche mehrere Tage auf den Dächern aufzuhängen und ihre Häuser auszuräuchern, um den Fäulnisgeruch zu beseitigen. All dies, wie sie behaupteten, aus Angst vor dem Geruch und der Ansteckung durch die Pest. [Die Franzosen] glauben, die Fäulnis sei in den Tiefen der Erde gefangen.. Wenn der Winter einsetzt und die Tiefen der Erde durch die Nilflut, den Regen und die Feuchtigkeit kalt werden, kommt das, was in der Erde eingeschlossen ist, mit seinen Verwesungsdämpfen heraus und lässt die Luft verrotten, wodurch eine Epidemie und die Pest entstehen.
Was [die Franzosen] selbst betrifft, so ist es bei ihnen Brauch, ihre Toten nicht zu begraben, sondern sie wie Hunde- und Tierkadaver auf Müllhaufen oder ins Meer zu werfen. Überdies sagten sie, dass sie informiert werden sollten, wenn jemand krank wurde. Dann würden sie eine bevollmächtigte Person schicken, um ihn zu untersuchen und herauszufinden, ob er die Pest hat oder nicht.”
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„An diesem Tag wurde in den Marktstraßen bekannt gegeben, dass Kleidung und Hausrat zwei Wochen lang in der Sonne aufgehängt werden sollten, und man wies die Scheichs der verschiedenen Viertel, Wohnstraßen und …(qlqāt?) an, diese Aktivität zu kontrollieren und zu inspizieren. Die Behörden ernannten für jede Straße eine Frau und zwei Männer, die die Häuser betreten und inspizieren sollten. Die Frau ging nach oben und informierte die beiden Männern beim Hinuntergehen, dass man die Kleider in der Sonne ausgebreitet hatte. [Die Familie] gab ihnen dann einige Münzen. Sie gingen erst, nachdem sie die Bewohner ernsthaft gewarnt und ihnen mitgeteilt hatten, dass in einigen Tagen auch eine Gruppe von Franzosen kommen würde, um die Häuser zu inspizieren. All dies wurde getan, um den Geruch der Pest aus ihren Kleidern zu vertreiben. Zu diesem Zweck schrieben sie Proklamationen aus, die sie wie üblich an die Wände anklebten.“

ثم تبين ان هذا البشلي حضر من مدة نيف واربعين يوما وبيده مكاتبات من الوزير خطابا لعلي بيك قابجي باشا الذي كان معينا بطلب المال والخزينة وحجزوه الفرنج في المركب في سكندرية مع الركاب خوفا من تعلق الطاعون بهم. فلما مضي عليهم اربعون يوما اخرجوهم واذنوهم في السفر بعد ان قاسوا الشدة من الحبس والضيق وثم الدخان الذي يبخروهم به من داخل العنبر وهو بطن المركب وزيادة على ذلك الغلا وغيره.

وفيه نبّهوا على الناس بالمنع من دفن الموتى بالترب القريبه من المساكن كتربة الازبكية والرويعي ولا يدفنون الا بالقرافات البعيدة والذي ليس له تربه بالقرافه يدفن ميته في ترب المماليك وإذا دفنوا [يبالغوا] في تسفيل الحفر، وامروا ايضا بنشر الثياب والامتعة والفرش بالاسطحه عدة ايام وتبخير البيوت بالبخورات المذهبة للعفونه كل ذلك خوفا من رائحة الطاعون بزعمهم وعدوه ويقولون ان العفونة تستجن باغوار الارض فاذا دخل الشتا وبردت الاغوار بسريان النيل والامطار والرطوبات خرج ما كان مستجنا بالارض بالابخره الفاسده فيتعفن الهوا ويفسد ويحدث الوبا والطاعون، واما طريقتهم فانهم لا يدفنون موتاهم بل يرمونهم علي الكيمان مثل رمم الكلاب والبهايم او يلقونهم في البحر ومما قالوا ايضا: انه اذا مرض مريض يخبروهم عنه فيرسلون من جهتهم امينا للكشف عليه ان كان بالطاعون او لا ثم يرون رايهم فيه بعد ذلك.

وفي ذلك اليوم نودي في الاسواق بنشر الثياب والامتعة خمسة عشر يوما وقيدوا على مشايخ الاخطاط والحارات والقلقات بالفحص والتفتيش فعينوا لكل حارة امرأة ورجلين يدخلون البيوت للكشف عن ذلك فتطلع المرأة الى فوق وتنزل فتخبرهم بانهم ناشرين ثيابهم ويعطوهم بعض الدراهم ويذهبوا بعد ان يقرطوا على اصحاب الدار ويخبروهم ان بعد ايام ياتون جماعة الفرنج ويكشفوا ايضا، وكل ذلك حتى تذهب من الثياب رائحة الطاعون، وكتبوا يذلك مناشير ولصقوها بحيطان الاسواق على عادتهم في ذلك.

Quelle: Al-Jabartī’s Chronicle of the First Seven Months of the French Occupation of Egypt. Muḥarram – Rajab 1213|15 June – December 1798, (تاريخ مدة الفرنسيس بمصر), Hrsg. und Übers. S. Moreh, Leiden 1975, 75–6, 82, 91  ٤٩، ٥٥-٥٦ ٦٤-٦٥.

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Die Giraffe als Gottesbeweis

Ein weiteres Fragment aus dem arabischen, überwiegend christlichen Werk Kitāb al-iʿtibār fī al-malakūt von Djibrīl ibn Nūḥ, eine Sammlung von ungefähr hundert teleologischen Gottesbeweisen (arguments from design), wahrscheinlich aus dem neunten Jahrhundert. Hier hatte ich schon mal etwas zu diesem Text erzählt und ein Fragment zum Rüssel des Elefanten präsentiert. Aus demselben Text hatte ich bereits Fragmente zur Dummheit von Babys, den Penis des Mannes, die menschliche Stimme und den schreienden Hirsch veröffentlicht. Jetzt ist die Giraffe an der Reihe.

„„Denke mal darüber nach, wie die Giraffe (zarāfa) erschaffen ist und wie sich ihre Körperteile unter einander unterscheiden aber denen anderer Arten ihnen ähneln. Sein Kopf ist der Kopf eines Pferdes, sein Hals ist der eines Kamels, seine Hufe sind die einer Kuh und seine Haut die eines Leoparden. Man hat sogar behauptet, dass sie von mehreren Männchen verschiedener Arten stammen. Das liegt daran, dass, wie man sagt, bestimmte Arten von Wildtieren, wenn sie an eine Tränke gehen, mit frei weidenden Rindern kopulieren, was zu einem solchen Einzeltier führt, das sozusagen eine Mischung aus verschiedenen Arten ist. Aber das ist eine falsche Schlussfolgerung, denn nicht jede Art kann jede [andere] Art befruchten. Ein Pferd kann ein Kamel nicht schwängern, und ein Kamel kann eine Kuh nicht schwängern. Bei einigen Tierarten, die sich ähneln und auf die gleiche Weise gestaltet sind, kommt es allerdings schon vor. Ein Pferd macht es mit einem Esel, und das Ergebnis ist ein Maultier; ein Wolf macht es mit einer Hyäne, und das Ergebnis ist ein Lykaon (sim‘), aber das Ergebnis solcher Verbindungen ist nicht, dass es, wie bei der Giraffe, einen Körperteil eines Pferdes und einen Körperteil eines Kamels gäbe. Nein, [so eine Kreuzung] ist eine Mischung aus beidem, wie man an einem Maultier sehen kann, denn dort sieht man, dass sein Kopf, seine Ohren, seine Kruppe, sein Schwanz und seine Hufe Zwischendingen zwischen den Körperteilen eines Pferdes und eines Esels sind. Selbst die Stimme eines Maultiers ist wie eine Mischung aus dem Wiehern eines Pferdes und dem Iahen eines Esels. Dies beweist, dass die Giraffe nicht das Ergebnis von Befruchtung durch verschiedene Arten ist, wie einige behaupten. Nein, es ist eines der wunderbaren Geschöpfe Gottes, um auf seine Allmacht hinzuweisen, für die nichts unmöglich ist, und Kund zu tun, dass er der Schöpfer aller Tiere ist und kombiniert und trennt, was er will und in welcher Art er es will.
Was die Länge des Halses einer Giraffe und seine Nutzen betrifft: das ist, dass sie nach Meinung von Experten in Wäldchen mit hochragenden Bäumen aufwächst und dort grast, so dass sie einen langen Hals braucht, um die Wipfel dieser Bäume zu erreichen und deren Früchte zu fressen.““1
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Unser Autor wendet sich gegen die Idee, dass ein weibliches Tier von Männchen verschiedener Arten geschwängert werden könnte, so dass diese alle ein bestimmtes körperliches Merkmal in dem neuen Tier zurücklassen würden. Eine Kreuzung ist die Giraffe ebenfalls nicht; nein, der Schöpfer hat sie in einem Stück geschaffen, schön und mit einem sehr praktischen langen Hals.
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Der berühmte arabische Prosaschriftsteller al-Djāḥiẓ (776–868), der u.a. ein großes Tierbuch verfasst hat, fand die Idee einer Mehrfachbesamung ebenfalls unsinnig: „Manche Leute sagen, die Giraffe sei ein Wesen, das aus einem wilden Kamel, einer wilden Kuh und einem dhīkh, also dem Männchen einer Hyäne, besteht. Sie sagen dies, weil das Wort für Giraffe im Persischen اشتر گاو پلنگ ushtur gāw palang, ,Kamel+Kuh+Leopard’ ist. […] Sie haben eine Menge Unsinn erzählt um den Namen Giraffe zu erklären […] und es gibt sogar Menschen, die es für völlig unmöglich halten, dass eine Giraffenkuh jemals von einem Männchen gedeckt wird! […] Wenn sie mit Beweisen für diesen Unsinn aufwarten würden und etwas mehr Aufmerksamkeit aufbringen könnten, wären die Bücher von einer Menge Fehlern befreit.“2
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Der Name des Tieres ist auch in griechischer Sprache ein Kompositum. Dort heißt es καμηλοπάρδαλις, camelopardalis, „Kamel+Leopard“. Wenn die Bibliotheken wieder geöffnet werden, will ich noch herausfinden, wie die alten Griechen diesen Namen erklärten. Aristoteles kannte die Giraffe noch nicht; anscheinend wurde das Tier erst spät aus Afrika in die griechisch-römische Welt importiert.

ANMERKUNGEN
1. Eigene Textausgabe aufgrund dreier Handschriften. Über die Ausgabe werde ich später wo anders berichten.

فكر في خلق الزرافة واختلاف أعضائها وشبهها بأعضاء أصناف من الحيوان. فرأسها رأس فرس وعنقها عنق جمل وأظلافها أظلاف بقر وجلدها جلد نمر، حتّى أنّ ناسًا زعموا أنّ نتاجها من فحول شتّى. وسبب ذلك فيما ذكروا أنّ أصنافًا من حيوان البرّ اذا وردت الماء تنزو على بعض السائمة فتنتج مثل هذا الشخص الذي هو كالملتقط من أصناف شتّى. وهذا مما لا يصحّ في القياس لأنه ليس كل صنف من الحيوان يلقح كل صنف. فلا الفرس يلقح الجمل ولا الجمل يلقح البقرة وانّما يكون هذا من بعض الحيوان فيما يشاكله ويقرب من خلقه كما يلقح الفرس الحمار فيخرج من بينهما البغل، ويلقح الذئب الضبع فيخرج من بينهما السِمْع، على أنّه ليس يكون الذي يخرج من بينهما عضوا من كل واحد منهما كما يكون في الزرافة عضو من الفرس وعضو من الجمل. بل يكون كالمتوسط بينهما الممتزج منهما كالذي تراه في البغل، فانّك ترى رأسه وأذنيه وكفله وذنبه وحوافره وسطًا بين هذه الأعضاء من الفرس والحمار حتّى أن شحيجه أيضًا كالممتزج من صهيل الفرس ونهيق الحمار. فهذا دليل على أنّه ليست الزرافة من لقاح أصناف شتّى من الحيوان كما زعم زاعمون، بل هي خلق عجيب من خلق الله للدلالة على قدرته التي لا يعجزها شيء، وليعلم أنه خالق أصناف الحيوان كلّها فيجمع ما شاء منها في أيّها شاء ويفرق بين ما شاء منها في أيّها شاء. فأمّا طول عنقها والمنفعة لها في ذلك فلأنّ منشأها ومرعاها كما يذكر أهل الخبرة بها في غياطل ذوات اشجار سامقة ذاهبة طولاً فهي تحتاج الى طول العنق لتتناول أطراف تلك الأشجار فتقمّ من ثمارها.

2. Al-Djāḥiẓ, Kitāb al-Ḥayawān, Hrsg. und Kommt. ‘Abd as-Salām Muḥammad Hārūn, 7 Bde., Kairo 1938–47; i, 142–44.

زعم في الزرافة زعموا أنَّ الزرافة خلقٌ مركب من بين الناقة الوحشية وبين البقرة الوحشية وبين الذِّيخ وهو ذكر الضباع وذلك أنّهم لَّما رأََوا أنَّ اسمها بالفارسية أشتر كاو بلنك […]
فمنهم من حجر البتََّة أن تكون الزرافة الأنثى تلقَح من الزرافة الذكر […]
ولو أُعطُوا مع هذا الاستهتار نصيبًا من التثبُّتِ وحظًّا من التوقي لسَلِمت الكتبُ من كثير من الفساد.

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Die vermeintliche Krankheit Mohammeds – 2: Hysterie

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Jahrhundertelang meinte man in Europa, Mohammed habe an Epilepsie gelitten. In der Moderne wurde diese Diagnose nicht mehr gehört, aber in den Augen einiger Europäer war der Prophet durchaus krank gewesen. Ich möchte hier drei Personen behandeln, denen es gelungen ist, in dem Propheten posthum eine Krankheit zu entdecken, die alle seine unangenehmen Eigenschaften erklären könnte: Sprenger, Somers und Geus.
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Aloys Sprenger (1813–1893)
Mohammed litt an einer Krankheit, die manchmal bei Frauen, aber selten bei Männern vorkommt: Hysteria muscularis. 1861 stellte Aloys Sprenger die Diagnose mit dem Aplomb eines Arztes in einem weißen Kittel. Er hat ihr in seiner Prophetenbiographie ein halbes Kapitel gewidmet (Sprenger 207–37).
Der Tiroler Sprenger hatte zwar Medizin studiert und sein Studium mit einer Promotion abgeschlossen, jedoch nie als Arzt praktiziert. Er war vor allem ein Allround-Orientalist und hatte Medizin noch dazu studiert, weil er befürchtete, in der Orientalistik keine Arbeit zu finden. In Österreich hatte er bereits zwei schmerzhafte Enttäuschungen erlebt1 und er bekam nicht einmal einen österreichischen Pass. Aber in England hatte er mehr Glück: Dort traf er einen Lord, der ihn schätzte und ihn förderte. Im expandierenden Empire könnte man einen Orientalisten gut gebrauchen. Er erwarb die britische Staatsangehörigkeit und die mit der Regierung eng verbundene Asiatic Society gab ihm eine hohe Position, die ihn nach Britisch-Indien führte. Dort befasste er sich mit der Hochschulbildung für Inder sowie mit Bibliotheken, Katalogen, Verlagen und Zeitschriften in verschiedenen indischen Sprachen, Arabisch und Persisch. Er hatte Zugang zu sehr vielen alten arabischen Manuskripten, von denen er etliche kaufte und studierte; darin war er seinen europäischen Kollegen weit voraus. Nach vierzehn Jahren in Indien bereiste er den Nahen Osten, wurde Professor in Bern und ließ sich schließlich in Deutschland nieder. Seinen kostbaren Bücherschatz verkaufte er an die königliche Bibliothek in Berlin.
Der Umgang mit Muslimen war für Sprenger selbstverständlich: Er hatte Freunde unter ihnen und wurde von ihnen akzeptiert und respektiert. Das änderte nichts an der Tatsache, dass er Mohammed für einen geistesgestörten Betrüger hielt—aber in seinen Augen waren andere Propheten das genauso gut: „In allen Fällen, die wir kennen, waren die Propheten entweder geistig und körperlich kranke Leute, wie Mohammed, oder halbmythische Personen.“ (Sprenger 25)
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Wie sah nach Sprenger die Hysterie des Propheten aus? „Sie trat, wie gewöhnlich, in Paroxysmen auf. Bei leichten Anfällen war der Wille mächtig genug, diese convulsiven Bewegungen zu bemeistern, wie wir beim Frösteln dem Zittern der Glieder mit festem Willen Einhalt thun können; aber bei etwas heftigern Anfällen waren sie automatisch und vom Einfluß des Willens losgetrennt. Zugleich litt er auch an Kopfschmerzen (Hysteria cephalica), und wenn die Paroxysmen sehr heftig waren, erfolgte Katalepsie: er fiel wie betrunken zu Boden, sein Gesicht wurde roth, der Athem schwer und er schnarchte‚ wie ein Kameel‘“ (Sprenger 207–8). Er scheint jedoch nicht das Bewusstsein verloren zu haben, so dass diese Anfälle sich von Epilepsie unterscheiden.
Ein bekanntes Merkmal der Hysterie ist, dass sie die Form anderer Krankheiten annimmt. „Es gibt kaum ein Leiden, dem hysterische Personen nicht momentan unterworfen sind“: Lungenentzündung, Carditis, ein erstickendes Asthma, es kann alles sein. „Die Umstehenden sind voll Entsetzen; wenn man aber genauer zusieht, so ist die Basis dieser fürchterlichen Symptome nichts weiter als eine unbedeutende Hysterie …“. „In tropischen Gegenden, besonders aber in Madyna, ist Wechselfieber die herrschende Krankheit, und alle Störungen der Gesundheit sind vom Fieber begleitet. Die Paroxysmen des Moḥammad nahmen daher gewöhnlich die Form eines Fiebers an. Sein Gesicht wurde blaß, er bebte und fröstelte und endlich verkündeten große Schweißtropen auf seinem Gesichte, daß die Krisis eingetreten sei.“ (Sprenger 208–9)
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Sprenger beschreibt das alles sehr ausführlich und anschaulich, so dass es scheint, als hätte er den Patienten Mohammed aus der Nähe und über einen längeren Zeitraum beobachtet. Dies ist jedoch nicht der Fall, denn der Prophet war schon seit zwölf Jahrhunderten tot. Überdies gibt es nach heutigem Kenntnisstand gar keine Hysterie. Die beschriebenen Phänomene und Symptome werden heutzutage anders erklärt und gegebenenfalls anderen Krankheiten zugeordnet.
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Aber ich habe den Herrn Doktor unterbrochen, er war noch nicht fertig. „Junge Frauen,“ so meint er, „sind gewöhnlich romantisch und religiös schwärmerisch, wenn sie sich aber der kritischen Lebensperiode nähern, beherrscht sie nicht selten Nymphomanie. Ähnliche Erscheinungen haben die Krankheit des Moḥammad begleitet. In seiner Jugend soll er ein moralisches Leben geführt haben — freilich ist er vom Verdacht nicht frei, sich dem nach Genesis 38:9 benannten Laster hingegeben zu haben.“ (Sprenger 209) Der Prophet als Onanist–ach Herrje! Lange Zeit hatte er nur eine Frau, die fünfzehn Jahre älter war als er. Nach ihrem Tod hatte er einen „unersättlichen Hang zur Wollust“: einen starken Sexualtrieb, wie man heutzutage sagen würde, und auch der war ein Symptom seiner Krankheit. Nach Khadidjas Tod hatte er mehr als ein Dutzend Frauen, und wenn er ein paar Tage von zu Hause wegging, mussten eine oder zwei mitkommen. Er litt auch an impotentem Satyriasmus. Satyriasmus oder Satyriasis ist das männliche Gegenstück zur Nymphomanie und wird heutzutage als Hypersexualität bezeichnet. Wie die Impotenz dazu passt, war mir anfangs nicht klar. Aber doch: Der Prophet muss in einem späteren Alter wohl unfruchtbar gewesen sein, weil er mit so vielen Frauen so wenige Kinder hatte.
„Für unsern Zweck,“ fährt Sprenger fort, „sind die psychischen Symptome der Hysterie besonders wichtig.“ Was war dann sein Zweck? Offenbar wollte er zeigen, dass der Prophet ein geistesgestörter Betrüger war und dass seine Mitteilungen über Offenbarungen erfunden waren. Denn: „Hysterische haben alle mehr oder weniger Anlage zur Lüge und zum Betrug, und dieser Hang wird mit der Dauer dieses Übels endlich zur wahren Krankheit.“ (Sprenger 210) Halluzinationen, Visionen, Träume und Träume im Wachen gehören auch dazu und laut Sprenger muss Mohammed die gehabt haben, weil er ständig glaubte, Offenbarungen zu erhalten.
„Schwere Nervenkrankheiten und Fieber sind fast immer mit Delirien, d. h. Hallucinationen begleitet. Die Ursachen [sic! WR] der für unsern Zweck interessante Visionen aber sind Einsamkeit, Hunger und Durst und religiöse Schwärmerei.“ (Sprenger 215-6). In der Leere der Wüste scheint es oft, als ob man Stimmen hört oder dass noch jemand anderes da ist. Letzteres kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen; aber warum dann noch die Hysterie? Offenbar meinte Sprenger, dass Mohammed durch seine hysterische Disposition seine Wüstenerfahrungen zu einem Paket von Lügen über ständige Besuche eines Engels mit einer Offenbarung verdichtet hat..
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Ehrlich gesagt verstehe ich die Darlegung nicht ganz, aber ich habe nun mal keine Medizin studiert. Es ist jedoch klar, dass unter der Diagnose „Hysterie“ alle traditionellen Einwände gegen den Propheten schön zusammenkommen: die Paroxysmen, die Halluzinationen, die Lügen, seine Sexbesessenheit einhergehend mit Unfruchtbarkeit. Es war keine Epilepsie, das sah Sprenger schon, aber für’s Übrige blieb er in derselben alten Rille hängen. Und das, obwohl er Zugang zu mehr alten arabischen Quellen hatte als sonst ein Orientalist zu seiner Zeit. Er hat zum Beispiel nicht weniger als zehn Seiten an Berichten gesammelt über die physischen Phänomene, die dem Propheten beim Empfangen einer Offenbarung widerfuhren. (Sprenger 265–75) Schade nur, dass er sie als Augenzeugenberichte aufgefasst hat — aber da sollte man nicht zu hart über ihn richten. Die Literaturwissenschaft steckte ja noch in den Kinderschuhen, und im neunzehnten Jahrhundert glaubte man einfach, dass solche Berichte erzählen „wie es wirklich gewesen“ —mit Ausnahme der Passagen über Wunder und übernatürliche Sachen, die nicht wahr sein konnten, wie etwa ein besuchender Engel, der göttliche Offenbarungen bracht.
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Sprenger entkräftet sich posthum durch die überwältigende Datiertheit, die seine Darstellung atmet und die spontanes Lachen hervorruft: die Wichtigtuerei, die Pseudo-Diagnose der ‘Hysterie’, die Scheu vor Sexualität (über die er gerne mal auf Latein schreibt), die totale Blindheit für spirituelle Erfahrungen, die auch gesunde, ganz normale Menschen haben können und nicht zuletzt: das Unverständnis, mit dem er alte Texte liest. Er teilt einige dieser Eigenschaften mit seinen Kollegen aus dem späten 20. Jahrhundert. Ich möchte diese jetzt erst vorstellen, bevor ich analysiere, wo diese Art der Diagnose im Allgemeinen schief geht.

Fortsetzung: Die vermeintliche Krankheit Mohammeds– 3: Akromegalie

ANMERKUNG
1. „Sein Versuch, Aufnahme in die Orientalische Akademie zu erlangen, scheiterte an dem Umstande, daß er nicht von Adel war, da nach den Statuten nur Adelige in dieselbe aufgenommen werden konnten.“ (Von Wurzbach, 259)

BIBLIOGRAPHIE
– Aloys Sprenger, Das Leben und die Lehre des Moḥammad, nach bisher grösstentheils unbenutzten Quellen, 4 Teile., Berlin 1861, Nachdruck Hildesheim 2003.
– Constantin von Wurzbach: „Sprenger, Alois,“ In: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Österreich, Bd.. 36, Wien 1878, S. 258–263 (online hier).
– S. Procházka: Sprenger Aloys. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950, Bd. 13, Wien 2007–2010.

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Die vermeintliche Krankheit Mohammeds – 1: Epilepsie

Die Gesundheit des Propheten Mohammed muss robust gewesen sein. Er hat ja eine Gemeinde gegründet, eine Botschaft verbreitet, Widerstand ertragen, Kriegszüge geführt, einen Staat eingerichtet und noch einiges mehr. Ein krankhafter Mann bringt das nicht fertig. Keiner der zahlreichen alten arabischen Quellentexten zu Mohammed teilt etwas mit über eine ernsthafte Krankheit des Propheten, oder über seinen Gesundheitszustand überhaupt — mit Ausnahme der Erzählungen zu seinem Sterbebett.1 Sterblich war er allemal.

In Europa dagegen „wusste“ man immer, dass der Prophet sein ganzes Leben lang schwer und chronisch krank war. Dem Kirchenvater Theophanes Confessor (Konstantinopel 760–Samothrake 818) zufolge litt er nämlich an Epilepsie, und diese Mär wurde in Europa in der lateinischen Übersetzung von Anastasius Bibliothecarius (± 810–878) jahrhundertelang verbreitet: ein ruhmloses Kapitel in den Beziehungen zwischen Europa und dem Nahen Osten. Im 18., vor allem im 19. Jahrhundert wurden immer mehr alte arabische Texte in Europa bekannt. Es standen Orientalisten auf, die sie fleißig studierten und einsahen, dass das mit der Epilepsie nicht stimmen konnte, oder gar nicht mehr daran dachten. Aloys Sprenger, ein Orientalist, der auch Medizin studiert hatte, meinte 1861 noch, dass Mohammed zwar nicht an Epilepsie, sondern an Hysterie gelitten habe, eine typische Krankheit seines eigenen Jahrhunderts. Danach hörte man kaum noch von einer Krankheit, aber neuerdings kommt der Gedanke, dass Mohammed krank war, wieder auf. Diesmal nicht in kirchlichen oder orientalistischen Kreisen, sondern bei Islamhassern, die eine Auswahl an Koranversen und übersetzten Quellentexte verwenden—ohne allerdings in der Lage oder bereit zu sein, diese zu verstehen. Allerdings scheint der Glaube an Mohammeds Epilepsie endgültig aus der Mode geraten zu sein: ein Verfasser hält es vielmehr für bewiesen, dass er an Akromegalie litt und ein anderer diagnostiziert Schizophrenie. Welche Krankheit dem Propheten auch immer angedichtet wird, sie soll immer auch seine vermeintliche Geistesgestörtheit und Sexbesessenheit erklären, denn darauf möchten die europäischen Islamhasser ungerne verzichten.
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Fangen wir an bei Theophanes. Dieser kannte offensichtlich eine Fassung der Erzählung über das erste Offenbarungserlebnis auf dem Berg Hirā, in der der Prophet nach dem ersten Schrecken Schutz und Trost suchte bei seiner Frau Khadīdja.2 Er schreibt:

  • Weil er arm und verwaist war, gefiel es dem besagten Mouamed, als Angestellter in den Dienst einer reichen Frau zu treten, die Chadiga hieß und eine Verwandte von ihm war, um mit Kamelkarawanen in Ägypten und Palästina Handel zu treiben. Nach und nach erdreistete er sich, sich an die Frau heranzumachen, die Witwe war; er nahm sie als Gattin und erwarb ihre Kamele und das Vermögen. Wann immer er nach Palästina kam, verkehrte er mit Juden und Christen und verfolgte bei ihnen bestimmte Sachen, die Schriften betreffend. Er litt an Epilepsie. Als seine Frau davon erfuhr, war sie sehr traurig, da sie als Frau von vornehmer Herkunft einen Mann wie ihn geheiratet hatte, der nicht nur arm, sondern auch Epileptiker war. Er versuchte sie trügerisch zu beschwichtigen, indem er sagte: „Ich sehe die Erscheinung eines Engels namens Gabriel, und da ich seinen Anblick nicht aushalten kann, werde ich ohnmächtig (?) und falle hin.“3

So war der Prophet Theophanes zufolge nicht nur krank, sondern auch ein Betrüger: die ganze Offenbarung war somit Betrug. Aber passt es nicht hervorragend in Erzählungen zu einem Berufungs- oder Offenbarungserlebnis, dass ein Prophet sich vor Schrecken und Ehrfurcht zu Boden wirft? Im Alten Testament passiert das, wenn ein Prophet mit dem Göttlichen konfrontiert wird, z.B. Hesekiel 1:28, 3:23. Der hebräische Ausdruck ist wa-eppol al panay, ואפל על פני , von Luther wörtlich übersetzt mit: „ich fiel (nieder) auf mein Angesicht.“ Man sollte dabei wohl eher an ein aktives „sich Niederwerfen“ denken. Theophanes, der die Bibel auf Griechisch las, muss dieses biblische πίπτω ἐπὶ πρόσωπόν μου gelesen haben, ohne es jedoch in Verbindung zu bringen mit dem Mohammed angedichteten „Fallen“, das in der von ihm gehörten Erzählungen bestimmt genau so gemeint ist. Sonst hätte er sich mal fragen sollen, ob der biblische Prophet Hesekiel etwa auch Epileptiker gewesen war. Aber nein, das konnte zu seiner Zeit natürlich noch bei keinem Christ aufkommen: Die biblischen Erzählungen sind ja hundertprozentig wahr und berichten von wirklichen Ereignissen, während sie nichts gemeinsam haben mit ähnlichen Erzählungen über Mohammed, die völlig gelogen sind. 

Das ganze Mittelalter hindurch und noch später hörte man immer wieder von Epilepsie. Über die zerrüttete Beziehung zwischen dem westlichen Christentum und der Welt des Islams kann man bei Daniel lesen, für die spätere Zeit auch bei →Tolan. Ich zitiere als Beispiel nur noch Luther, der die Schrift Confutatio Alcorani seu legis Saracenorum von Ricoldo da Monte di Croce O.P. (gest. 1320) übersetzte:

[…] Da brach herfur Mahmet ein Araber / der nu reich worden war / durch eine Widwen / die er gefreiet hatte / Darnach ward er ein Heubtman unter den strassen reubern und kam in solche hoffart / das er König in Arabien zu werden gedacht. Aber weil er eins geringen herkomens und ansehens war / namen sie jn nicht an. Da gab er sich fur einen Propheten aus / Und nach dem er das Falubel / oder die fallende seuche hatte / und stets darnider fiel / auff das niemand gleubete / das er solche Plage hatte / sprach er / Ein Engel hette mit jm geredt. Und sagt darnach etliche Sprüche / welche er hette gehort (wie er sagt) wie eine Glocke / die umb seine ohren geklungen hette.4

Hier klingt nicht nur ein Echo der Erzählung zum ersten Offenbarungserlebnis, sondern auch das eines Hadiths:

Al-Hārith ibn Hishām fragte den Propheten: „Wie kommt die Offenbarung zu Dir?“ Er antwortete: „Manchmal kommt sie zu mir wie das Läuten einer Glocke; das ist das Härteste für mich, und wenn es abklingt, behalte ich sie. Und manchmal kommt ein Engel in Gestalt eines Mannes zu mir und ich behalte das, was er sagt.“5

Es gibt tatsächlich mehrere Hadithe, in denen ein Offenbarungserlebnis des Propheten beschrieben wird. Vielleicht glauben Muslime, dass diese einen wirklichen Tatbestand wiedergeben, aber Nichtmuslime müssen das keineswegs. Ich halte sie für fromme Dichtung.
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Wie die Krankheit Mohammeds sich in der Neuzeit entwickelte, folgt im 2. Teil.

ANMERKUNGEN
1. Den ältesten Quellen zufolge (z.B. Ibn Isḥāq, Sīra 999–1011) fing sein Sterbebett mit heftigen Kopfschmerzen an. Hatte er eine Hirnblutung, einen Hirntumor, eine Hirnhautentzündung oder waren die Kopfschmerzen sekundär, verursacht durch eine andere Grunderkrankung? Wir wissen es nicht und spekulieren ist völlig sinnlos: Die Quellen reden nur von Kopfschmerzen. Ein Text sagt aus, dass der Prophet sich weigerte, ein (Zauber?)-Medikament aus Äthiopien einzunehmen. An anderer Stelle erfahren wir, dass der Prophet einen Verband um den Kopf trug und zu schwach geworden war, das Gebet zu leiten. Bei jemandem, der dem Tod nahe ist, ist das nicht verwunderlich. Zum Tod des Propheten siehe hier.
2. Ibn Isḥāq, Sīra 151–4.
3. Theophanes, Chronographia i, 333-4: ἀπόρου δὲ καὶ ὀρφανοῦ ὄντος τοῦ προειρημένου Μουάμεδ, ἐδοξεν αὐτῷ εἰσιέναι πρός τινα γυναῖκα πλουσίαν, συγγενῆ αὐτοῦ οὖσαν, ὀνόματι Χαδίγαν, μίσθιον ἐπὶ τῷ καμηλεύειν καὶ πραγματεύεσθαι ἐν Αἰγύπτῳ καὶ Παλαιστίνη. κατ’ ὀλιγον δὲ παρρησιασάμενος ὑπεισῆλθε τῇ γυναικὶ χήρα οὖσῃ, καὶ ἔλαβεν αὐτὴν γυναῖκα καὶ ἔσχε τὰς καμήλους αὐτῆς καὶ τὴν ὓπαρξιν. ἐρχόμενος δὲ ἐν Παλαιστίνῃ συνανεστρέφετο Ἰουδαίοις τε καὶ Χριστιανοῖς. ἐθηρᾶτο δὲ παρ’ αὐτῶν τινὰ γραφικά, καὶ ἔσχε τὸ πάθος τῆς ἐπιληψίας. καὶ νοήσασαι ἡ τούτου γυνὴ σφόδρα ἐλυπεῖτο, ὡς εὐγενὴς οὖσα καὶ τῷ τοιούτῳ συναφθεῖσα οὐ μόνον ἀπόρῳ ὄντι, ἀλλὰ καὶ ἐπιληπτικῷ. τροποῦται δὲ αὐτὸς θεραπεῦσαι αὐτὴν οὓτω λέγων, ὃτι ὀπτασίαν τινὰ αγγέλου λεγομένου Γαβριὴλ θεωρῶ, καὶ μὴ ὑποφέρων τὴν τούτου θέαν ὀλιγωρῶ καὶ πίπτω. (@Was ὀλιγωρῶ hier bedeutet, ist mir nicht klar; ich muss es in der UB in einem Spezialwörterbuch nachschlagen.)
4. Luther, Verlegung, Kap. 13.
5. Muslim, Sahīh, Fadā’il 87: أن الحارث بن هشام سأل النبي ص: كيف يأتيك الوحي؟ فقال: أحيانًا يأتيني في مثل صلصلة الجرس وهو أشدُّه عليه ثم يفصِم عنّي وقد وعيته، وأحيانًا ملَك في مثل صورة الرجل فأعي ما يقول.
Auch Hesekiel (1:28) will laute Klänge gehört haben: „Und wenn [die Engel] gingen, hörte ich ihre Flügel rauschen wie große Wasser, wie die Stimme des Allmächtigen, ein Getöse wie in einem Heerlager.“

BIBLIOGRAPHIE
– Norman Daniel, Islam and the West, Oxford 1960, 1993.
– Ibn Isḥāq, Sīra: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, ed. F. Wüstenfeld, Göttingen, 2 Tle., 1858–60.
– Martin Luther: Verlegung | des Alcoran | Bruder Richardi | Pre-|diger Ordens | An-|no. 1300 | Verdeudscht durch | D. Mar. Lu., Wittemberg 1542, Kap. 13. Die Abhandlung ist mehrfach online vorhanden; einfach googeln.
– Theophanes: Theophanis Chronographia, Hrsg. Carl de Boor. 1. Textum Graecum continens, Leipzig 1883, Nachdruck Hildesheim 1980.
– Theophanes: The chronicle of Theophanes Confessor. Byzantine and Near Eastern history A.D. 284–813, transl. with introd. and commt. by Cyril Mango and Roger Scott, with the assistance of Geoffrey Greatrex, Oxford 1997, Reprint 2006.
– John V. Tolan, Faces of Muhammad. Western Perceptions of the Prophet of Islam from the Middle Ages to Today, Princeton & Oxford 2019.

Diakritische Zeichen: Ḥirāʾ, Ḫadīǧa, Ṣaḥīḥ, Faḍā’il, Al-Ḥārit ibn Hišām

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Die Arabisierung der christlichen Bibel

In Kinderbibeln und Bibelfilmen aus Hollywood tragen die Palästinenser aus Jesu Zeit oft Kleidung, die arabisch anmutet. Die Arabisierung der Bibel war ein Prozess, der Jahrhunderte gedauert hat. Auf älteren Gemälden tragen die biblischen Gestalten noch europäische Kleidung. Rembrandt hatte bereits eine Truhe türkischer Kleider zur Hand, um z.B. seinen Abraham orientalisch zu kleiden (1). Isaaks Diener von Benjamin West (2) ist überzeugend wie ein Türke gekleidet. Selbstverständlich ritt er ein Kamel (2, 3).
Natürlich war man sich bewusst, dass die biblischen Erzählungen sich in Palästina, Ägypten, Babylonien und Persien, also im sogenannten Orient abgespielt hatten, wenn auch nicht alle Typen orientalischer Fantasie brauchbar waren. Das biblische Ambiente wird nie so „orientalisch“ wie die wirkliche arabische Welt. Der Orient war wohl zu frivol für christliche Zwecke: Die Pracht und die Sinnlichkeit des vorgestellten Orients wurden ausgelassen. Im 19. Jahrhundert, als die bis heute bildbestimmenden Illustrationen zu der Bibel entstanden, hat man auf die Kleidung geschaut, die palästinensische Bauer und Fischer damals trugen, und diese nach freier Fantasie umgemodelt (4). Überwiegend nüchterne, bescheidene Kleidung ist es geworden. Typisch arabische Kopfbedeckungen werden angewandt; bei Jesus selbst eher nicht, weil die sein charismatisch wallendes Haar verhüllen würden (5, 6). In der neutestamentarischen Umgebung sehen wir einen matten Orient: billige Gewänder und brave Gesichter; keine noblen Wilden oder stolzen Kämpfer; vielmehr rau
beinige, aber aufmerksam zuhörende Bauerntypen. Nur bei den Drei Königen (7) darf der malerische Orient kurz durchbrechen, und natürlich bei der Geschichte über Herodes und Salome. Moreaus Gemälde (8) zeigt einen orientalischen Despoten und eine Tänzerin in kostbarem, nahezu durchsichtigem Stoff.
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Die meisten Künstler und Illustratoren hatten keine Ahnung, was die Menschen im Nahen Osten vor so vielen Jahrhunderten getragen hatten, und griffen auf ihre Phantasie zurück. Manche Illustratoren aus dem späten 19. Jahrhundert hatten aber einige Kenntnis von altägyptischer oder babylonischer Bekleidung. Es ist interessant zu sehen, dass in ihren geschichtsbewussten Bildern die Israeliten oder Juden wie Araber gekleidet sind, anstatt einen alttestamentarischen simlah zu tragen, einen Überwurf aus Wolle oder Leinen, der vom Hals bis die Knie reichte und kurze Ärmel oder gar keine hatte. Im Bild von David und Saul (9) trägt der König eine europäischen Krone, während David eine arabische keffiyeh trägt. Auf manchen Bildern (10, 11, 12) hat Joseph die (vermeintliche) altägyptische Mode adoptiert, während seine Brüder wie Araber gekleidet sind.
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Vielleicht haben die langen, arabisierenden Gewänder den Bibelzeichnern auch deshalb so gut gepasst, weil so viel Stoff darein ging. Die simlah ließ viel Bein sichtbar und die griechisch-römischen Tuniken des Neuen Testaments sogar noch mehr.
Fanden die Viktorianer es unpassend, Jesus in solchen spärliche Bekleidung abzubilden? Oder wollten sie den orientalischen Charakter der Juden betonen?

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Die ältesten Quellen zur Mohammedbiografie (sira)

Es ist wenig sinnvoll immer nur die berühmte Mohammedbiografie von Ibn Isḥāq (gest. 767) in der Rezension des Ibn Hišām (gest. ± 828) zu lesen. Die Schriften des ‘Urwa ibn az-Zubair zum Beispiel sind erheblich älter und mindestens so wichtig. Hier folgt ein Überblick der frühesten Quellen, von denen immer mehr in Übersetzungen gelesen werden können. Meiner Meinung nach sind die späteren sira-Bücher weniger interessant, obwohl man immer wieder darauf hinweist, dass späte Werke frühe Texte enthalten können. Mag sein; es gibt aber erst noch sehr viel zu lesen, das nachgewiesen alt ist.

– Die Erzähler, Qiṣṣa: hier kurz behandelt. Wichtig ist Wahb ibn Munabbih.


Sīra-Sammlungen

Diese Werke sind in Übersetzungen vorhanden:

‘Urwa ibn az-Zubair (gest. 711). Sehr alte Berichte über den Propheten: A. Görke en G. Schoeler, Die ältesten Berichte über das Leben Muḥammads. Das Korpus ‘Urwa ibn az-Zubair, Princeton 2008. 

Ibn Isḥāq (gest. 767), englische Übersetzung: Alfred Guillaume, The Life of Muhammad. A translation of Ibn Ishāq’s Sīrat Rasūl Allāh, Oxford 1955, Nachdruck Karachi 1978; deutsche Übersetzung einer Auswahl aus den Texten: Ibn Isḥāq, Das Leben des Propheten, übers. Gernot Rotter, Kandern 1999.   

– Ma‘mar ibn Rāshid (gest. 770). So alt wie Ibn Ishāq, aber mal eine andere Auswahl. Englische Übersetzung: Sean W. Anthony, The Expeditions. An Early Biography of Muhammad, New York University Press 2015.

– Al-Wāqidī (gest. 822), Übers. Rizwi Faizer en Abdulkader Tayob, The Life of Muhammad, al-Wāqidī’s Kitāb al-Maghāzī, New York 2011. Übers. Julius Wellhausen, Muhammed in Medina. Das ist Vakidi’s Kitab alMaghazi in verkürzter deutscher Wiedergabe, Berlin 1882 (Es existieren Nachdrucke).

– Ibn Sa‘d (gest. 845), Kitāb al-Tabaqāt al-Kabīr Band 1 und 2, Übers. S. Moinul Haq, Pakistan Historical Society 1967 en 1972 (Es existieren Nachdrucke).

Für die späteren sīra-Werke →Kister, Sīrah, 366–7 und →Schöller, Exegetisches Denken, 64–70.

Wer es wirklich nicht lassen kann, kann den bei Salafisten beliebten Ibn Kathīr (± 1300–1373) in englischer Übersetzung lesen: The Life of the Prophet Muhammad, 4 vols., trans. Trevor Le Gassick, Reading 1998–2000.


– Hadithsammlungen
Verschiedene Hadithsammlungen haben eine maġāzī-Abteilung, d.h. ein Kapitel über die Kriegszüge des Propheten, aber auch über die Biografie generell. So z.B. die Sammlungen von →Ibn Abī Shaiba (Muṣannaf, xiv, 283-601) und →al-Bukhārī (Ṣaḥīḥ, Maghāzī). Der oben erwähnte Ma‘mar ibn Rāshid bietet auch Hadithe, aber seine Sammlung bildet ein separates Textblock mit Ansätze zu einer Komposition, was in den sonstigen Hadithsammlungen nicht der Fall ist; deshalb habe ich ihn unter den sīra-Werken aufgenommen. Auch sonst kommen sīra-Fragmente überall zerstreut in den Sammlungen vor. Viele Erzählungen, die in den frühesten Quellen keine oder nur eine mangelhafte Überliefererkette (isnad) hatten, wurden salonfähig gemacht, indem man sie mit einer Kette versah und in die sog. „kanonischen“ Hadithsammlungen hinüberrettete. Hadith will aber nicht immer gerne erzählen, sondern konzentriert sich vor allem auf das, was erlaubt, unerlaubt oder ethisch empfehlenswert ist. Sira-Elemente können im Hadith deshalb de- oder rekontextualisiert werden. Es ist zum Beispiel interessant zu sehen, wie die Benutzung eines Zahnholzes durch den Propheten auf seinem Todesbett (→Ibn Isḥāq, 1011) sich im Hadith von einem kleinen Erzählelement in ein Beispiel für das Alltagsleben verwandelte (→Bukhārī, Ṣaḥīḥ, Maghāzī 83 und Djum‘a 9, und →Raven, Chew stick). Es gibt aber auch Hadithe, die aussehen, als enthielten sie Biographisches, aber die in Wirklichkeit von Anfang an als Grundlage einer Rechtsregel gemeint waren. Ich rechne dazu z. B. das Material zu Māriya, einer koptischen Sklavin, die dem Propheten von einem christlichen Herrscher, dem  Muqauqis von Alexandrien, geschenkt sein soll und laut Überlieferung Ibrāhīm, das jung verstorbene Söhnchen des Propheten, gebar. Zu Ibrāhīm steht mein Artikel hier, über Māriya hier.

BIBLIOGRAFIE
Die Quellentexte auf Arabisch
– Ibn Isḥāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd al-Malik Ibn Hischâm, Hrsg. F. Wüstenfeldt. 2 Bde., Göttingen 1858-60.
– Ibn Sa‘d (gest. 845), Kitāb al-Tabaqāt al-Kabīr, Hrsg. E. Sachau e.a., Leiden 1904–1921. Die Biografie steht in Bd. 1 und 2.
– Ibn abī Shaiba, Musannaf, 15 Bde., Haydarābād 1966 ff.
– Ma‘mar ibn Rāshid: in ‘Abd al-Razzāq al-San‘ānī, Muṣannaf, 11 Bde. + Indexband, Beirut 1973. Ma‘mars Maghāzī stehen in Bd. 5; pdf hier.
– Al-Wāqidī, The Kitāb al-Maghāzī, Hrsg. Marsden Jones, 3 vols. London 1966.

Sekundär
– M. J. Kister, ‘The sīrah literature,’ in: A.F.L. Beeston (Hrsg.), The Cambridge History of Arabic Literature. Arabic literature to the end of the Umayyad period, Cambridge 1983, 352–67. Auch online.
– Wim Raven, ‘The Chewstick of the Prophet in Sīra and ḥadīth,’ in: Islamic Thought in the Middle Ages. Studies in Text, Transmission and Translation, in Honour of Hans Daiber, Edited by Anna Akasoy and Wim Raven, Leiden/Boston 2008, 593–611. Hier online.
– M. Schöller, Exegetisches Denken und Prophetenbiographie. Eine quellenkritische Analyse der Sīra-Überlieferung zu Muḥammads Konflikt mit den Juden, Wiesbaden 1998.

Diakritische Zeichen: Ibn Isḥāq, qiṣṣa, al-Ṣanʿānī, Šaiba, Muṣannaf, Buḫārī, Ṣaḥīḥ, Maġāzī, Ǧumʿa, Ḥaydarābād

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Rassismus im frühesten Islam? Der Fall Bilal

🇳🇱 Wenn es unter den alten Arabern und/oder den ersten Muslimen Rassismus gab, hat sich das vielleicht bemerkbar gemacht in den Texten über Bilāl ibn Rabāḥ al-Ḥabashī, den ersten muslimischen Muezzin, der eine schwarze Mutter hatte. Es bleibt allerdings fraglich, ob man über ihn und seine Zeit etwas erfahren kann, denn viele Texte über ihn wurden erst ein Jahrhundert nach ihm oder später verfasst und enthalten daher keine Informationen über möglichen Rassismus im frühesten Islam. Trotzdem möchte ich hier einige Texte über ihn anschauen.
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Bilāl wurde in Mekka als Sklave eines Mannes aus dem Stamm Djumaḥ geboren. Seine Mutter Ḥamāma war eine äthiopische Sklavin. Er wird also ein dunkle Haut und vielleicht krauses Haar gehabt haben.
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Der Wikipedia zufolge wurde er am 5. März 581 geboren und starb am 2. März 640; nun, wer es glaubt wird selig. Normalerweise weiß die Wiki viel weniger als es zu wissen gibt, aber manchmal auch mehr.
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Es wird erzählt, dass er ein Sklave von Umayya ibn Khalaf al-Djumaḥī war, einem Mitglied der vorislamischen Elite von Mekka, oder von jemand anderem aus demselben Stamm. Sobald der Name Umayya fällt, muss der Historiker besonders vorsichtig sein. Dieser Umayya ist der Vorfahr der Umayyaden-Dynastie (661–750) und die hatte eine schlechte Presse bei den späteren islamischen Historikern, so dass die Texte über sie stark manipuliert wurden.
Bilāl soll ein guter Sklave gewesen sein, weil uns mitgeteilt wird, dass er mit der Verwaltung der Schlüssel zu den Götzen betraut wurde
.1 Was genau das bedeutet, ist nicht klar, aber es klingt nach einer verantwortungsvollen und ehrenvollen Aufgabe. Also hier keine Spur von Rassismus: Ein schwarzer Sklave war offenbar in der Lage, diese wichtige Funktion zu übernehmen. Nach islamischen Regeln kann ein Sklave keine religiöse Funktion ausüben. Dieser Text will vielleicht an erster Stelle betonen, dass es in der vorislamischen Barbarei anders war.
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Aus heidnischer Sicht liefen die Dinge jedoch schief, weil Bilāl sich Mohammeds Bewegung anschloss. Traditionell ausgedrückt: Er wurde Muslim, einer der ersten. Der Islam wird oft als attraktiv für sozial Schwache und damit auch für Sklaven dargestellt. Als Umayya von seinem Übergang erfuhr, war er wütend und ließ ihn foltern:

  • Bilāl war als Sklave geboren worden und gehörte jemandem von der Sippe Djumaḥ. Sein Vater hieß Rabāḥ, seine Mutter Ḥamāma. Er war aufrichtig imn Glauben un drein im Herzen. Umayya, einer der führenden Männer der Djumaḥ, brachte Bilāl oft in der größten Mittagshitze hinaus in das breite Tal von Mekka, warf ihn auf den Rücken, ließ ihm einen mächtigen Stein auf die Brust legen und sprach:
    „Du bleibst so liegen bis du stirbst, wenn du nicht Mohammed abschwörst und nicht zu den Göttinnen Lāt und ‘Uzzā betet.”
    „Einer! Einer!“ rief Bilāl und bekannte sich trotz seiner Bedrängnis zum einzigen Gott.
    Von seinem Vater erzählte mir Hishām ibn ‘Urwa folgendes: Als Bilāl so gequält wurde und „Einer! Einer!“ rief, kam einmal Waraqa ibn Naufal vorüber, bestärkte Bilāl in seinem Glauben und trat dann auf Umayya und die anderen vom Stamme Djumaḥ zu, die sich an der Folterung Bilāls beteiligten.
    „Ich schwöre bei Gott,“ sprach er zu ihnen, „wenn ih ihn auf diese Weise umbringt, werde ich sein Grab zu einer Wallfahrtsstätte machen.“
    Auch Abū Bakr kam eines Tages dazu, als die Djumaḥ, in deren Viertel sein Haus stand, Bilāl peinigten. Er fragte Umayya:
    „Fürchtest du nicht Gott, dass er dich bestrafen wird für das, was du mit diesem Armen tust? Wie lange soll das noch gehen?“
    „Du warst es doch, der ihn verdorben hat,“ erwiderte Umayya, „nun befreie du ihn auch aus der Lage, in der du ihn jetzt siehst!“
    „Ja, ich werde es tun,“ entgegnete Abū Bakr, „ich habe einen schwarzen Sklaven, der kräftiger und stärker ist als er und deinem Glauben angehört. Den gebe ich dor für Bilāl.“
    Umayya war damit einverstanden. Abū Bakr aber nahm Bilāl und entließ ihn aus dem Sklavenstand.2

Eine vollständig islamisierte Märtyrergeschichte also. Aber wurde Bilāl gefoltert, weil er schwarz war? Keine Spur davon in der Überlieferung: Der einzige Grund war, dass er sich Mohammed angeschlossen hatte. Diesem Text zufolge wurde jedoch ein schwarzer Sklave gegen einen anderen schwarzen Sklaven ausgetauscht; für diesen Autor war es in der Tat eine separate Kategorie. Nach einer anderen Version wurde Bilāl gegen einen nicht näher bezeichneten Sklaven ausgetauscht, oder gegen eine Sklavenfamilie von drei Personen.
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Von nun an keine Sklavenarbeit mehr für Bilāl, aber was sollte er jetzt tun? Er hatte keinen Stamm, auf den er zurückgreifen konnte. Für eine Weile arbeitete er als Hirte für seinen Wohltäter Abū Bakr. Aber er hatte eine schöne, kraftvolle Stimme, und Mohammed ernannte ihn kurz nach der Hijra zu seinem Muezzin, dem Ausrufer der täglichen Gebete. Ein Hadith über Letzteres lautet wie folgt:

  • …von ‘Abdallāh ibn ‘Umar: Als die Muslime nach Medina kamen, kamen sie immer zusammen, um die Gebetszeiten zu bestimmen; zu dieser Zeit gab es noch keinen Aufruf. Eines Tages, als sie darüber sprachen, sagten einige: „Lasst uns Klapper benutzen, wie die Christen.“ Andere sagten: „Nein, ein Horn, genau wie die Juden.“ ‘Umar sagte:“ Warum schicken wir nicht einen Mann um zum Gebet auf zu rufen? „Dann sagte der Prophet: „Bilal, steh auf und rufe zum Gebet!“3
Bilal

Bilals Aufruf zum Gebet auf der Ka‘ba

Bei dieser Ernennung wurden keine rassistischen Kommentare gehört—wenigstens sind sie nicht überliefert worden. Es heißt jedoch, dass der Prophet bei der Eroberung von Mekka Bilāl anwies, vom Dach der Ka‘ba aus zum Gebet aufzurufen, und bei dieser Gelegenheit gab es durchaus rassistische Gehässigkeiten:

  • [Koranvers 49:13] wurde über Bilāl, den Muezzin—aber es wird auch gesagt: über Salmān de Pers—und über vier Quraischitische Männer offenbart, nämlich ‚Attāb ibn Asīd ibn abī al-‚Īṣ, al-Ḥārith ibn Hishām, Suhail ibn ‚Amr und Abū Sufyān ibn Ḥarb, alle aus der Quraisch. Nach der Eroberung von Mekka befahl der Prophet Bilāl, auf die Ka’ba zu steigen und dort zum Gebet aufzurufen. So wollte er die Heiden demütigen. Als Bilāl darauf geklettert war und den Anruf getätigt hatte, sagte ‘Attāb: „Lob sei Gott, dass er [meinen Vater] Asīd vor diesem Tag zu sich genommen hat.“ Und Ḥārith sagte: „Ich bin verwundert über diesen äthiopischen Sklaven. Konnte der Prophet nichts anderes als diesen schwarzen Raben[, diesen Unglücksvogel] finden?“ Suhail sagte: „Wenn Gott etwas hasst, ändert er es.“ Und Abū Sufyān sagte: „Ich werde gar nichts sagen, denn wenn ich etwas sage, wird der Himmel gegen mich aussagen und die Erde wird über mich berichten.“
    Dann stieg Gabriel zum Propheten hinab und erzählte ihm, was sie gesagt hatten. Der Prophet schickte nach ihnen und sagte: „Was hast du gesagt, ‘Attab? Du hast recht. Und du, Ḥārith? Du hast recht. Und du, Suhail? Du hast recht. Und du, Abū Sufyān? Du hast recht.“
    Darauf offenbarte Gott: „Ihr Menschen! Wir haben euch …“ usw., über Bilāl und diese vier Männer […]4

In Varianten dieser Geschichte tauchen auch folgende Ausdrücke auf: „Schau mal, diesen Äthiopier!“, „Dieser Schwarze“, „Dieser Sklave“ und „Der Sohn einer schwarzen Frau“. Hier ist Rassismus zu erkennen, wenn auch nur bei einigen Einwohnern des noch heidnischen Mekkas, die das neue Zeitalter noch nicht verstanden hatten. Dieser Vorfall soll der Anlass für die Offenbarung von Koran 49:13 gewesen sein—obwohl auch andere „Anlässe“ für diesen Vers gegeben werden:

  • „Ihr Menschen! Wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr euch kennenlernt. Der Angesehenste von euch bei Gott ist der Gottesfürchtigste.“5

Es ist gut möglich, dass die Geschichte über Bilāl auf der Ka’ba aufgrund dieses Korantexts erfunden wurde. In dem Fall ist sie wertlos für die Geschichtsschreibung, aber sie zeigt, dass die späteren Autoren sich rassistische Gedanken gut vorstellen konnten. Auf muslimischer Seite war jedoch kein Rassismus im Zusammenhang mit Bilāl zu erkennen. Wie könnte es auch? Der Mann genoss hohes Ansehen: Er war nicht nur Muezzin, sondern auch Adjudant und Schatzmeister des Propheten und nahm an allen seinen Feldzügen teil, und später in Syrien am Dschihad. Vielmehr war er der Anlass für die frühen Muslime, jeglichen Rassismus oder Stammes-Chauvinismus mittels der Kupplung mit einem Koranvers zu bekämpfen. Das war durchaus praktisch, weil es viele Schwarze und Ausländer gab, die, sobald sie Muslime geworden waren, Anspruch auf Gleichbehandlung hatten.
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In einer Version der Abschiedsrede des Propheten bei seiner letzten Pilgerreise wird es noch deutlicher zum Ausdruck gebracht:

  • „Menschen! Euer Herr ist ein Einziger und euer Vater ist ein Einziger. Ein Araber ist nicht besser als ein Nicht-Araber und ein Nicht-Araber ist nicht besser als  ein Araber. Ein Roter (aḥmar) steht nicht über einem Schwarzen, und ein Schwarzer steht nicht über einem Roten, es sei denn, in Gottesfurcht.“6

 
Nächste Themen:
Rassismus in der Antike
Der schwarze Dichter ‘Anṭara
Rassismus in der alten arabischen Poesie?
Rassismus in der späteren Poesie
Rassistische Theorien, u.a. von al-Djāḥiẓ

BIBLIOGRAFIE
– Ibn Isḥāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, Hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen, 2 Bde., 1858–60 [editio princeps des arabischen Texts].
– Ibn Sa‘d, aṭ-Ṭabaqāt al-kubrā, Hrsg. Iḥsān ‘Abbās, 9 Bde., Beirut (Dār Ṣādir), o.J., vor allem iii 232–239.
– Muqātil ibn Sulaymān, Tafsīr, Hrsg. ‘Abdallāh Maḥmūd Shiḥāta, 5 Bde., Kairo 1979-89.
– Muslim ibn Ḥadjdjādj, Ṣaḥīḥ, Hrsg. Fu’ād ‘Abd al-Bāqī, 5 dln., Kairo 1955. Auch online.

ANMERKUNGEN
1. Eine vage Geschichte; muss noch eine solide Quelle finden.@
2. Ibn Isḥāq, 205: وكان بلال، مولى أبي بكر ر لبعض بني جمح، مولَّدا من مولديهم، وهو بلال بن رباح وكان اسم أمه حمامة وكان صادق الاسلام طاهر القلب. وكان أمية بن خلف بن وهب بن حذافة بن جمح يخرجه إذا حميت الظَهيرة فيطرحه على ظهره في بطحاء مكة، ثم يأمر بالصخرة عظيمة فتتوضع على ظهره ثم يقول: لا والله لا تزال هكذا حتى تموت، أو تكفر بمحمد وتعبد اللات والعزى، فيقول في ذلك البلاء: أَحَد أحد. قال ابن إسحاق: وحدثني هشام بن عروة عن أبيه، قال: كان ورقة بن نوفل يمر به وهو يعذَّب بذلك وهو يقول: أَحَد أحد. فيقول٬ أحد أحد والله يا بلال. ثم يقبل على أمية بن خلف ومن يصنع ذلك به من بني جمح فيقول: أحلف بالله لئن قتلتموه على هذا لأتخذنّه حنانا، حتى مر به أبو بكر الصديق ر يوما وهم يصنعون ذلك به، وكانت دار أبي بكر في بني جمح، فقال لأميّة بن خلف: ألا تتقى الله في هذا المسكين؟ حتى متى؟ قال: أنت الذي أفسدته فأنقِذْه مما ترى. فقال أبو بكر: أفعلُ، عندي غلام أسود أجلد منه وأقوى، على دينك، أُعطيكه به. قال: قد قبلت فقال: هو لك. فأعطاه أبو بكر الصديق ر غلامه ذلك وأخذه فأعتقه. Übersetzung Gernot Rotter, Ibn Isḥāq, das Leben des Propheten, Kandern, 4. Aufl. 2008, 64-5.
3. Muslim, Ṣaḥīḥ, Ṣalāt 1: حَدَّثَنَا إِسْحَاقُ بْنُ إِبْرَاهِيمَ الْحَنْظَلِيُّ، حَدَّثَنَا مُحَمَّدُ بْنُ بَكْرٍ، ح وَحَدَّثَنَا مُحَمَّدُ بْنُ رَافِعٍ، حَدَّثَنَا عَبْدُ الرَّزَّاقِ، قَالاَ أَخْبَرَنَا ابْنُ جُرَيْجٍ، ح وَحَدَّثَنِي هَارُونُ بْنُ عَبْدِ اللَّهِ، – وَاللَّفْظُ لَهُ – قَالَ حَدَّثَنَا حَجَّاجُ بْنُ مُحَمَّدٍ، قَالَ قَالَ ابْنُ جُرَيْجٍ أَخْبَرَنِي نَافِعٌ، مَوْلَى ابْنِ عُمَرَ عَنْ عَبْدِ اللَّهِ بْنِ عُمَرَ، أَنَّهُ قَالَ كَانَ الْمُسْلِمُونَ حِينَ قَدِمُوا الْمَدِينَةَ يَجْتَمِعُونَ فَيَتَحَيَّنُونَ الصَّلَوَاتِ وَلَيْسَ يُنَادِي بِهَا أَحَدٌ فَتَكَلَّمُوا يَوْمًا فِي ذَلِكَ فَقَالَ بَعْضُهُمُ اتَّخِذُوا نَاقُوسًا مِثْلَ نَاقُوسِ النَّصَارَى وَقَالَ بَعْضُهُمْ قَرْنًا مِثْلَ قَرْنِ الْيَهُودِ فَقَالَ عُمَرُ أَوَلاَ تَبْعَثُونَ رَجُلاً يُنَادِي بِالصَّلاَةِ قَالَ رَسُولُ اللَّهِ ص يَا بِلاَلُ قُمْ فَنَادِ بِالصَّلاَةِ ‏
4. Muqātil ibn Sulaymān, Tafsīr iv, 96–7: نزلت في بلال المؤذن وقالوا في سلمان الفارسي وفي أربعة نفر من قريش، في عتاب بن أسيد بن أبي العيص، والحارث بن هشام، وسهيل بن عمرو، وأبي سفيان بن حرب، كلهم من قريش. وذلك أن النبي ص لما فتح مكة أمر بلالا فصعد ظهر الكعبة وأذّن، وأراد أن يذل المشركين بذلك. فلما صعد بلال وأذّن قال عتاب بن أسيد: الحمد لله الذي قبض أسيد قبل هذا اليوم. وقال الحارث بن هشام: عجبت لهذا العبد الحبشي أما وجد رسول الله ص الا هذا الغراب الأسود؟ وقال سهيل بن عمرو: إن يكرهْ الله شيئا يغيّره، وقال أبو سفيان: أما أنا فلا أقول، فإني لو قلت شيئا لتشهدنّ عليّ السماء وتخبر عني الأرض. فنرل جبريل على النبي ص فأحبره بقولهم فدعاهم النبي ص فقال: كيف قلت يا عتاب؟ قال قلت: الحمد لله الذي قبض أسيد قبل هذا اليوم. قال: صدقت. ثم قال للحارث بن هشام: كيف قلت؟ قال قلت: عجبت لهذا العبد الحبشي أما وجد رسول الله ص الا هذا الغراب الأسود؟ قال: صدقت. ثم قال لسهيل بن عمرو: كيف قلت؟ قال قلت: إن يكرهْ الله شيئا يغيّره. قال: صدقت. ثم قال لأبي سفيان: كيف قلت؟ قال قلت: أما أنا فلا أقول، فإني لو قلت شيئا لتشهدنّ عليّ السماء وتخبر عني الأرض. قال: صدقت. فأنرل الله ت فيهم {يا أيها الناس} يعني بلالا وهؤلاء الأربعة … الخ Ähnliche Texte in Ibn Sa‘d, Ṭabaqāt iii, 234-5:  أن رسول الله ص أمر بلالًا أن يؤذّن يوم الفتح على ظهر الكعبة، فأذّن على ظهرها والحارث بن هشام وصفوان بن أميّة قاعدان فقال أحدهما للآخر: أنظر الى هذا الحبشي، فقال الآخر: إنْ يكرهه الله يغيّره ; ‘Abd al-Razzāq al-Ṣan‘ānī, Muṣannaf 19464; Ibn abī Shayba, Muṣannaf xiv:487 (nicht gesehen); al-Ya‘qūbī, Historiae ii, 62.
5. Koran 49:13. In der heutigen arabischen Welt grassiert der Rassismus. Man hat den Koranvers offensichtlich vergessen.
6. Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad v, 411; nr. 22391 حدثنا إسماعيل، حدثنا سعيد الجريري، عن أبي نضرة، حدثني من، سمع خطبة، رسول الله ص في وسط أيام التشريق فقال يا أيها الناس ألا إن ربكم واحد وإن أباكم واحد ألا لا فضل لعربي على أعجمي ولا لعجمي على عربي ولا لأحمر على أسود ولا أسود على أحمر إلا بالتقوى. Die „Schwarzen“ in diesem Text sind die Araber, die „Roten“ die Perser, die eine etwas hellere Haut hatten.

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Rassismus in der alten arabischen Poesie?

🇳🇱 [Arbeitsblatt, noch nicht fertig]
Wenn die Griechen und Römer den Rassismus nicht erfunden haben, waren es dann vielleicht die alten Araber?
Die vorislamischen Araber lebten in Stammverbänden und führten häufig Krieg gegen benachbarte Stämme, die sie dann hassten oder verachteten. In ihren Gedichten wurde traditionell viel Platz für das Selbstwertgefühl und das Ausschimpfen anderer, als minderwertig betrachteten Stämme eingeräumt. Der Hass konnte jedoch nicht zu allzu tief sitzen. Manchmal entstand ja ein Bündnis mit einem feindlichen Stamm, oder ein kleiner Stamm wurde von einem größeren aufgeschluckt; dann waren negative Gefühle nicht mehr angemessen. Darüber hinaus waren die (ehemaligen) Feinde nicht wirklich verschieden; sie wurden nicht zu einer anderen Rasse gerechnet.

Sklaven wurden ebenfalls verachtet. Es wird Sklaven gegeben haben, die von weit her kamen, aber es gab auch Sklaven aus der unmittelbaren Umgebung, die daher genau so aussahen wie ihre Besitzer: Männer, die nach einer verlorenen Schlacht Kriegsgefangene wurden oder wegen ihrer (Spiel-) Schulden versklavt wurden. Solche Sklaven waren nicht „anders“. Eine zu tief verwurzelte Abneigung war auch hier nicht naheliegend, da fast jeder durch Gefangenschaft oder Verschuldung zum Sklaven werden konnte. Frauen wurden oft als Sexobjekte angesehen, aber es kam natürlich vor, dass ein Besitzer seine Sklavin lieb gewann und nicht verachtete. Auch einer Amme kann man Respekt und Liebe entgegengebracht haben.
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Wirklich anders waren die fremde Völker weiter weg. Die Perser wurden ‘adjam genannt: Menschen, die das Arabische nicht richtig aussprechen konnten. Es waren komische Typen mit seltsamen Manieren und merkwürdigen Kleidern, aber wurden sie wirklich als
eine andere Rasse wahrgenommen, im Sinne einer Gruppe mit abweichenden körperlichen Eigenschaften? Das ist sehr die Frage.
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Die Römer wurden manchmal durchaus nach einer körperlichen Eigenschaft benannt: Banū al-Aṣfar, „Gelbhäute, Bleichgesichter“.1
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In einem Hadith des Propheten, der auf das zweite Jahrhundert des Islams zurückgehen muss, werden körperliche Merkmale von Türken aus Zentralasien erwähnt: „Der jüngste Tag wird nicht kommen, bevor ihr nicht gegen Menschen mit kleinen Augen und kleinen Nasen gekämpft habt.“ 2
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Diejenigen, die die auffälligsten abweichenden körperlichen Eigenschaften aufweisen, die auch am häufigsten beschrieben wurden, sind die Schwarzen, aus Afrika und manchmal aus Indien. Ich werde mich hier auf die Afrikaner beschränken.
Schauen wir uns zuerst die alte Poesie an. Manfred Ullman hat alle Verse gesammelt, die sich auf Schwarze beziehen. Von einem großen Philologen und Lexikologen wie ihm kann angenommen werden, dass seine Sammlung von etwa sechshundert Fragmente
n3 fast vollständig ist. Einige alte Verszeilen sind vielleicht noch in der Concordance zu finden, das werde ich noch überprüfen.
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Folgende Körpermerkmale der Schwarzen werden erwähnt:

  • Schwarze Haut
  • Krauses Haar
  • Dicke Lippen
  • Eine flache Nase
  • Strahlend weiße Zähne,

wobei Letzteres keine Körpereigenschaft ist, sondern eine optische Täuschung. Zähne erscheinen weißer, wenn sie von schwarzer Haut umgeben sind.
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Ullmann hat nicht untersuchen wollen, welches Bild die alten Araber von Schwarzen hatten, sondern die Vergleiche in der Poesie studieren, in der nicht-schwarze Menschen, Tiere oder Dinge mit Schwarzen verglichen werden.
In etwas älterem Deutsch wurde das auch getan. Jemand, der schmutzige Arbeit geleistet hatte oder sonnverbrannt war, sah „schwarz wie ein Neger“ oder „wie ein Türke“ oder „braungebrannt wie ein Mohr“. Nicht nur Menschen konnten mit Schwarzen verglichen werden: „Seine Zukunft ist wie ein Neger: Sie sieht schwarz aus,“ und: „Mein Humor ist so schwarz wie ein Türke im Backofen”.
Aber die Araber haben diese Vergleiche auch in ihren Gedichten angestellt, und zwar in einem viel größeren Umfang als unsere Vorfahren. Auch bei ihnen werden schmutzige, verschmierte, geschwärzte oder sonnverbrannte Menschen mit echten Schwarzen verglichen, darüber hinaus aber Tiere, Körperteile, Pflanzen, Früchte, Mineralien, Werkzeuge, Kleidung, Weinschläuche, Schiffe, Schreibgeräte und Tinte, Mist und Kot, Flöten und Schachfiguren, die Nacht, das Meer, die Wolken und vieles mehr. Der Vergleichspunkt ist fast immer die dunkle Farbe; manchmal wird auch mit anderen körperlichen Merkmalen von Schwarzen verglichen. Einige Beispiele

  • „Die Dunkelheit der Nacht scheint ein schwarzer Neger mit gesenktem Haupt zu sein, der sich in ein Trauergewand gehüllt hat“. 4
  • „Und siehe da, mitten auf dem Wege kroch eilends eine Schwarze … Möge der Barmherzige ihn nicht segnen, diesen kriechenden Skorpion…”.5
  • „Weinstöcke, auf deren rebenbesetzten Zweigen man am Tage der Lese Köpfe von Abessiniern zu sehen glaubt.“ (tiefdunkle Trauben.)6
  • „Oben auf unserem Feuer sitzt eine gut gefüllte Abessinierin, [dick] wie der Bauch eines Elephanten, die lange [dort] verharrt.“ (Ein dicker, rauchschwarzer Kochtopf wird mit einer äthiopischen Frau verglichen.)7
  • „Den Rücken [des Mistkäfers] könnte man für die Hüfte eines Nubiers halten… .’ (Die schwarzen Rückenschilde eines Mistkäfers //die Schulterblätter eines schwarzen Mannes.8
  • „… bin ich an Bord von ihr, einer Negerin, gegangen …“ (gemeint ist ein schwarz geteertes Schiff auf dem Tigris).9

Es gibt auch doppelte und komplizierte Vergleiche, zum Beispiel, wo ein Dichter über seine beginnende Grauhaarigkeit spricht:

  • „Weiße und schwarze Haare auf dem Haupt: Zwei Völkerschaften, Byzantiner und Neger, haben sich auf meinem Haupt niedergelassen.
    Fortgeflogen von meinem Kopf ist der jugendliche Rabe, und statt dessen hat sich der „Königsvogel“ auf ihm eingenistet.
    Auf dem Hofplatz meines Kopfes haben sich somit zwei Farben ausgebreitet, so wie sich Schachfiguren auf einem Spielbrett verteilen.“10

Hier und in vielen anderen Stellen kontrastieren Schwarze mit weißen Römern, manchmal mit Türken, Chasaren oder Skythen.
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Und es gab umgekehrte Vergleiche. In einer relativ geringen Anzahl von Versen wird kein Gegenstand oder Tier mit einer schwarzen Person verglichen, sondern umgekehrt, zum Beispiel:

  • „Schwarz ist die Negerin wie ein junge Rappenstute von vollkommener Schönheit, die den sich erhebenden Staubwolken vorauseilt.“11

In den zitierten Versen und in den meisten anderen ist kein einziges Werturteil über Schwarze zu erkennen. Die Dichter wollten einen kunstvollen, gerne auch weit hergeholten Vergleich zwischen etwas Dunklem und der Hautfarbe eines Schwarzen anstellen; das ist alles. Moderne Menschen mögen dies seltsam finden, aber so war es in der alten Poesie, die auch in anderen Bereichen von Vergleichen wimmelt, die wir als weit hergeholt betrachten.
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In einer Reihe von Versen werden jedoch durchaus rassistische Aussagen über Schwarze gemacht, von denen einige recht grob und gemein sind. Zuerst habe ich untersucht, ob solche Aussagen in alten Versen oder in späteren vorkommen. Ich wollte ja wissen, ob der Rassismus von den alten Arabern herrührt, sagen wir von vor dem Jahr 700. Mit wissenschaftlicher Präzision bin nicht vorgegangen, aber ich konnte feststellen, dass die übergroße Mehrheit der rassistischen Aussagen nicht in der frühen, sondern in der spätere Poesie vorkommt. Das sagt nicht alles, denn in der späteren Zeit gab es ohne Zweifel auch mehr Schwarze und Dichter. Wie auch immer, hier folgen die wenigen Beispiele von negativen Beschreibungen von Schwarzen aus der ältesten Poesie:

Ḥassān ibn Thābit hatte als Dichter eine vorislamische Periode, aber nach seinem Übergang zum Islam befand er sich in unmittelbarer Nähe von Mohammed; man hat ihn sogar dessen Hofdichter genannt. Zwei unangenehm klingende Fragmente werden ihm zugeschrieben:

  • „Deine Mutter ist eine Schwarze mit kurzem Hals, deren Fingerspitzen Mistkäfern gleichen. Wenn dein, Vater ihr nachts beiwohnt, ist es, wie wenn ein Fuchs auf eine Katze losgeht.“12
  • „[Die Banū al-Ḥimās] sind Ham’s Kinder. Für sie findet man kein treffenderes Ebenbild als Ziegenböcke, deren Haar über die Schultern herabhängt.“13

Und Ibn Mufarrigh al-Ḥimyarī (gest. 688) dichtete:

  • „Geboren hat ihn eine Abessinierin mit abgeschnittenen Ohren, die man für eine Straußenhenne halten könnte, eine von den Frauen mit schwarzen Gesichtern, an denen man nur Hässlichkeit wahrnimmt.“14

Der etwas spätere Dichter Farazdaq (ca. 641–730) nennt einen Mann, den er ausschimpfen will, „der Sohn des Penis des Mistkäfers,“15 womit er meinte: Sohn eines Schwarzen, weil der Vergleich von Mistkäfern mit Schwarzen gängig war. Und das, obwohl der Adressat nicht einmal schwarz war; der Dichter wollte nur etwas Unangenehmes sagen. Ob der öfters vorkommende Vergleich von den dicken Lippen eines Schwarzen mit den Lefzen eines Kamels (mashāfir) ein negatives Werturteil ist, bleibt mir unklar.16
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Als Nächstes habe ich nachgeschaut, ob es bestimmte Gegenstände oder Tiere sind, bei denen negative Kommentare auftreten. In großen Zügen ist das in der Tat der Fall. Vergleiche mit Pflanzen und Blumen sowie mit schwarzen Kleidungsstücken und Steinen sind positiv, die mit Mist, Kot und Pech negativ. Auch bei Vergleichen mit Mistkäfern und Asseln gibt es viel rassistische Beschimpfungen, aber nicht nur. Es scheint naheliegend, dass man zum Beispiel bei einem Mistkäfer nur an Dreck denkt, aber notwendig ist das nicht. Im arabischen Wort khunfus klingt das negativ geladene „Mist“ nicht mit. Oben (bei Anmerkung 8) zitierte ich einen völlig neutralen Vergleich ohne negativen Klang, und das ist keineswegs der einzige.
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Was aber in der späteren Dichtung ebenfalls häufig vorkommt, ist die Wertschätzung und Bewunderung von der Farbe Schwarz und von Schwarzen, sicherlich auch als Liebespartner beiderlei Geschlechts. Schwarze Steine ​​sind schön, und schwarzes Haar ist immer schöner als weißes, das schließlich ein Zeichen des Alters ist. In mehreren Gedichten werden Dichter gegen Kritiker verteidigt, die sie anscheinend vorwarfen, mit Schwarzen zu verkehren
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Da der Großteil der Gehässigkeiten wie auch die positiven Aussagen in den etwas späteren Gedichten vorkommen, werde ich mich später damit befassen. Im Augenblick verbleibe ich bei der Feststellung, dass zwar einige rassistische Sprüche in der älteren arabischen Poesie vorkommen, aber nur ganz wenige.

Nächste Themen:
Rassismus in der Antike
Der schwarze Dichter ‘Anṭara
Rassismus im frühesten Islam? Der Fall Bilāl
Rassismus in der späteren Poesie
Rassistische Theorien, u.a. von al-Djāḥiẓ

ANMERKUNGEN
1. Ibn Isḥāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, Hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 894. Auch Ullman, Neger, No. 309. Aṣfar hört sich unangenehm an, wenn es auf Menschenhaut bezogen wird; es wird auch verwendet für die blasse Hautfarbe von Kranken und Toten.
2. Muslim, Ṣaḥīḥ, Fitan 64:
وحدثنا أبو بكر بن أبي شيبة حدثنا سفيان بن عيينة عن أبي الزناد عن .الأعرج عن أبي هريرة يبلغ به النبي صقال لا تقوم الساعة حتى تقاتلوا قوما نعالهم الشعر ولا تقوم الساعة حتى تقاتلوا قوما صغار الأعين ذلف الآنف.
3. Ullmann hat die Fragmente nummeriert bis 638, aber es gibt Dubletten.
4. Ullman, Neger, no. 390: كأنّ ظلام الليل أسود مُطرق من الزنج في لِبس الحِداد قد التفّا. Ullmann übersetzt ḥabashī mit „Abessinier“, aswad mit „Schwarze“ und zandjī mit „Neger“. Das passt hier, denn auch das arabische Wort zandjī hört sich abwertend an.
5. Ibid., Nr. 97: إذا على ظهر الطريق مُغِذة سوداء قد عرفت أوان دهابي | لا بارك الرحمن فيها عقربا دبّابة دبّب الى دبّاب . Im Arabischen ist der Skorpion feminin.
6. Ibid., Nr. 293: كَرْم تَخَال على قُضبان حُبلته يومَ القِطاف له هامات حُبشان
7. Ibid., Nr. 554: تُفَرِّعُ أعلى نارها حبشية ركود كجوف الفيل طال دُؤوبها
8. Ibid., Nr. 71: كأُرْبية النوبي يُحسب ظَهره
9. Ibid., Nr. 596: ركبتها زنجية
10. Ibid., Nr. 113: شعرات في الرأس بيض ودُعج جل رأسي جيلان روم وزنج | طار عن هامتي غراب شباب وعلاه مكانه شاهَمُرح | حل في صحن هامتي منه لونان كما حل رقعة شطرنج
11. Ibid., Nr. 103: سحماء كالمُهرة المطَهّمة الدهماءِ تنضو أوائلً الصيق
12. Ibid., Nr. 82: وأمك سوداء مودونة كأن أناملها الحُنظُب ، يبيت أبوك بها مُعْرسا كما ساور الهزةَ التغلب
13. Ibid., Nr. 107: أولاد حامٍ فلن تلقى لهم شبها إلا التيوس على أكتافها الشَعر
14. Ibid., Nr. 20: جاءت به حبشية سكّاء تحسبها نعامة، من نسوة سود الوجوه ترى عليهن الدمامة
15. Ibid., Nr. 74: با ابن الخنفساء، ابن زب الخنفساء
16. Ibid., Nr. 99, 208, 519, 579.

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