Hadithsammlungen

(für Studierende der Arabistik/Islamwissenschaft)

Die Hadithe, d.h. die Aussagen des Propheten und Berichte über sein Handeln, sind ab ca. 800 in Sammelwerken zusammengetragen worden. In den sog. musannaf-Werken wurden die Texte nach den Bedürfnissen der Scharia-Gelehrten thematisch geordnet. Musnad heißen die Sammlungen, in denen alle Hadithe nach Überlieferern geordnet zusammengebracht wurden.

Die islamische Gemeinschaft hat damals die meist kritischen Sammler bevorzugt, unter denen al­-Bukhārī (810–870) aus Bukhārā und Muslim ibn al-Hadjdjādj aus Nīshābūr (± 821–875) als die besten gelten. Ihre musannaf-Werke heißen beide as-Sahīh; sie enthalten grundsätzlich nur Hadithe, deren Isnade nach den Normen der damaligen Isnadkritik „korrekt“ (sahīh) sind.

Muslim schrieb zu seinem Sahīh eine interessante Einleitung, in der er die Prinzipien der Hadithwissenschaft erklärt. (→Juynboll, Muslim’s Introduction)

Neben diesen beiden sehr gut angesehenen musannaf-Sammlungen haben noch vier andere großes religiöses Prestige, alle mit dem Titel Sunan. Diese Werke sind von Abū Dāwūd (817–888), Ibn Mādja (824–886), at-Tirmidhī (825–892) und an-Nasā’ī (830–915). Zusammen mit den beiden Sahīhs bilden sie die „sechs Bücher“, die den Sunniten als besonders wertvoll gelten. In der europäischen wissenschaftlichen Literatur heißen sie manchmal „kanonisch“, nach einem Terminus, der aus dem Christentum stammt. [Alle diese Sammler stammen aus dem Osten Irans oder aus Zentralasien; ist das ein Zufall?]

Des Weiteren gibt es noch andere Sammlungen, die große religiöse Autorität haben; darunter der umfangreiche Musnad des Ahmad ibn Hanbal (780–855), die Sunan des ad-Dārimī (797–868) und, besonders wertvoll für die Malikiten, die frühe Muwatta’ von Malik ibn Anas (± 705–795), die allerdings nicht nur Hadithe enthält.

Das sind zusammen neun Bücher, deren arabische Texte alle in A.J. →Wensinck, Concordance erfasst worden sind. Natürlich kann man arabische Hadithtexte auch im Internet suchen, am besten hier; allerdings bekommt man dann Probleme beim Zitieren. Über diese Problematik siehe hier.

Es gibt aber noch viel mehr Hadithsammlungen. Manche sind erheblich älter als die „kanonischen“ Bücher, haben aber durch die Jahrhunderte weniger Aufmerksamkeit bekommen, weil sie weniger religiöses Prestige hatten oder erst in der Neuzeit entdeckt wurden. Ein Beispiel ist der Musannaf von ‘Abd ar-Razzāq as-San‘ānī (744–827), der interessant ist, weil er so groß ist (21033 Hadithe!). Auch Ibn Abī Shaiba (775–849) hat einen großen Musannaf abgefasst.
Des Weiteren gibt es etliche Musnads, die sich auf nur einen Überlieferer konzentrieren, wie auch kleinere Sammlungen, die nur ein Thema hervorheben, z.B. den Dschihad oder das Jenseits.

Die vielen späteren Sammlungen erwähne ich hier nicht; mir geht es immer darum, die ältesten Texte zu finden; sind die in späten Werken wirklich zu finden? Allerdings hat man in der Mamlukenzeit schon wichtige Hadithstudien betrieben; ich nenne als Autoren z.B. al-Mizzī und Ibn Hadjar al-‘Asqalānī. Aber fürs erste geht man am besten so weit möglich in die Vergangenheit zurück.
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Hier folgt noch das Kleingedruckte: die besten oder nicht ganz so schlechten Ausgaben. Darin kommen dann auch die diakritischen Zeichen vor, die ich hier oben eliminiert hatte. Für weitere praktische Angelegenheiten verweise ich auf den Beitrag Hadithe suchen und zitieren. Ohne Zweifel gibt es auch Übersetzungen ins Türkische; damit bin ich aber nicht vertraut.

In drei erschließenden Veröffentlichungen sind die ‘Sechs Bücher’ und noch drei andere berühmte Hadithsammlungen berücksichtigt worden:
– A.J. Wensinck, Handbook of Early Muhammadan Tradition, Leiden 1927 [der Stoff thematisch geordnet, nach englischen Stichwörtern].
– A.J. Wensinck et. al., Concordance et indices de la Tradition musulmane, 8 Bde., Leiden 1936–1988. [Arabische Wortkonkordanz; auch Ortsnamen und Koranverse].
– G.H.A. Juynboll, Encyclopedia of Canonical Ḥadīth, Leiden/Boston, ist vor allem ein Nachschlagewerk zu den Überlieferern. Aber über den Index findet man auch alle Hadithe in englischer Übersetzung.
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Hadīthe in Auswahl, übersetzt (s. auch unter al-Buḫārī)
– So sprach der Prophet. Worte aus der islamischen Überlieferung, ausgew. u. übers. von Adel Theodor Khoury, Gütersloh 1988.
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Al-Buḫārī
– Ṣaḥīh al-Buḫārī, Hrsg. Krehl/Juynboll, Leiden 1862–1908. [Der 4. Band ist gut brauchbar, die anderen mäßig. Etliche andere Ausgaben; alles Schrott.]
– The translation of the meanings of Ṣaḥīh al-Bukhārī, Arabic-English. Translated by Muḥammad Muḥsin Khān, 9 Bde., New Delhi (Kitab Bhavan) 1987. – [jämmerliche englische Übersetzung; auch im Internet. Ich rate vom Gebrauch ab!].
– El Bokhari, Les traditions islamiques, trad. de l’arabe […] O. Houdas und W. Marçais, 4 Bde., Paris 1903–1914 – [Geht so].
– Ṣaḥīh al-Buḫārī. Nachrichten von Taten und Aussprüchen des Propheten Muhammad. Ausgewählt, aus dem Arabischen übersetzt und herausgegeben von Dieter Ferchl, Stuttgart 1991 – [Auswahl etwas langweilig].
Robson, J., Art. ‘al-Bukhārī’ in EI2.
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Muslim
– Muslim ibn al-Ḥaǧǧāǧ, Ṣaḥīh Muslim, Hrsg. Muḥammad Fuʾād ʿAbd al-Bāqī, 5 Bde., Kairo 1955. – [gute Ausgabe, gut nummeriert].
– Ṣaḥīh Muslim, being Traditions of the Sayings and Doings of the Prophet Muḥammad etc. … rendered into English by ʿAbdul Ḥamīd Ṣiddīqī, 4 Bde., New Delhi (Kitab Bhavan) 1978. – [Mittelprächtige vollständige englische Übersetzung, aber ohne die Einleitung. Die Nummerierung stimmt wieder mal nicht. Online hier.
– G.H.A. Juynboll, Art. ‘Muslim b. al-Ḥadjdjādj’ in EI2.
– G.H.A. Juynboll,, ‘Muslim’s Introduction to his Ṣaḥīh. Translated and annotated with an excursus on the chronology of fitna and bidʿa,’ JSAI 5 (1984), 263–311.
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Die vier Sunan-Bücher
– Ibn Māǧa, Sunan, Hrsg. Muḥammad Fuʾād ʿAbd al-Bāqī, 2 Bde., Kairo 1372–3/1952–3 [gute Ausgabe, gut nummeriert].
– Abū Dāwūd as-Siǧistānī, Sunan, Hrsg. Muḥammad Muḥyī ad-Dīn ʿAbd al-Ḥamīd, Beirut o.J., 4 Bde. [mäßige Ausgabe, schlecht nummeriert].
– Abū Dāwūd as-Siǧistānī, Sunan, Teilübersetzung von Ahmad Hasan online: http://www.usc.edu/org/cmje/religious-texts/hadith/abudawud/   ].
– an-Nasāʾī, Sunan [unterschiedliche schlechte Ausgaben, schlecht nummeriert. Es scheint aber in Indien eine gute neue Ausgabe zu geben; die kenne ich noch nicht.]
– at-Tirmiḏī, Sunan [unterschiedliche schlechte Ausgaben, schlecht nummeriert].
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Die wichtigsten „nichtkanonischen Sammlungen“
– Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad, 6 Bde, Kairo 1313 [Erstausgabe; die Seitenzahlen sind maßgeblich geworden].
– Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad, hrsg. Aḥmad Muḥammad Šākir, 19 Bde., Kairo 1365–75/1946–56 [Unvollendet geblieben, weil der Herausgeber verstorben ist. Enthält nur ein Viertel des Textes. Die maßgeblichen Seitenzahlen der Erstausgabe stehen am Rande].
– Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad, Beirut o.J. [neue Ausgabe mit urspr. Seitenzahlen oft, aber nicht immer am Rand gedruckt].
– ad-Dārimī, Sunan, Beirut 1978 [Arabischer Text; schlechte Ausgabe, schlecht nummeriert].
– Mālik ibn Anas, al-Muwaṭṭaʾ, hrsg. Muḥammad Fuʾād ʿAbd al-Bāqī, 2 Bde., Kairo 1370/1951 [gute Ausgabe, gut nummeriert!].
– Malik ibn Anas, Al-Muwatta‘ of Imam Malik ibn Anas. The first formulation of islamic law, translated by Aisha Abdurrahmaan Bewley, London (Kegan Paul) 1989. [verbesserte Ausgabe auch online; die Übersetzung ist gut.]
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Zwei ältere, „nichtkanonische“ aber sehr wichtige Sammlungen
– ʿAbd ar-Razzāq aṣ­-Ṣanʿānī, Muṣannaf, 11 Bde + Indexband, Beirut 1973.
– Ibn Abī Šaiba, Muṣannaf, 15 Bde., Ḥaidarābād 1966 sqq.

Diakritische Zeichen: muṣannaf, aṣ-­Ṣaḥīḥ, aṣ­-Ṣan‘ānī, Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī

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