Erzwungene Entkleidung in Iran

🇬🇧 đŸ‡łđŸ‡±Â Die Neigung von Behörden, sich mit Frauenkleidung einzulassen, ist allgemein bekannt. Meist geht es darum, mehr vom weiblichen Körper zu bedecken, aber manchmal soll es auch weniger sein. Lange vor den Burka- und Burkiniregeln in Westeuropa dekretierte der iranische Kaiser Reza Schah 1936, dass Frauen ihren Tschador ablegen und sich westlich kleiden sollten. Und nicht nur das; sie sollten sich auch ungezwungen mit fremden MĂ€nnern unterhalten. Bei Feiern und öffentlichen Veranstaltungen mussten Beamte mit ihren Damen in formeller westlicher Kleidung erscheinen um anderen ein Vorbild zu sein. Das wurde beaufsichtigt und bei VersĂ€umnis konnten Sanktionen aufgelegt werden. Auf Festen durften Frauen nicht auf der einen und MĂ€nner auf der anderen Seite sitzen und Frauen sollten nicht nur mit ihren eigenen EhemĂ€nnern reden. Auf der Straße kontrollierte die Polizei und scheute nicht, Frauen gewaltsam ihres Tschadors zu rauben. Das waren natĂŒrlich mĂ€nnliche Polizeibeamte; weibliche gab es noch nicht. Als Frauen zu langen Kleidern und KopftĂŒchern griffen, wurden auch die verboten.
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Modernistische Kreise freuten sich ĂŒber die Entschleierung und im Norden Irans, der von Russland beeinflusst wurde, wurde sie leicht akzeptiert. FĂŒr die konservativen Bevölkerungsschichten war die Umsetzung dieser Dekrete jedoch eine Katastrophe. Frauen wagten sich nicht mehr auf die Straße, und wenn sie es trotzdem taten, wĂŒrden sie von den Jungen aus der Nachbarschaft beschimpft oder belĂ€stigt. Anscheinend hatte niemand an die Konsequenzen der neuen Regelungen gedacht. Im SĂŒden flohen Frauen in den Irak, andere entschieden sich, ganz zu Hause zu bleiben. Aber damals hatten die HĂ€user kein Bad, die Menschen gingen zum öffentlichen Badehaus und das war jetzt nicht mehr möglich. Immer nur eine KatzenwĂ€sche zu Hause ist nicht angenehm; außerdem ist Baden oft auch eine religiöse Pflicht. Die Polizei kannte die BedĂŒrfnisse der Frauen und patrouillierte deshalb gerne bei den BadehĂ€usern, wo sie vielleicht eine verschleierte Frau erwischen konnten. Der Schriftsteller Reza Baraheni (1935 —) erzĂ€hlte, dass sein Vater seine Frau und seine Mutter in einem Sack zum Badehaus zu tragen pflegte. Eines Tages wurde ein Polizist misstrauisch und fragte, was in diesen SĂ€cken stecke. Pistazien, antwortete er. Der Polizist wollte es ĂŒberprĂŒfen und griff in den Sack. Die Mutter war kitzlig, konnte ihr Lachen nicht halten und beide wurden bestraft. Baraheni ist Schriftsteller, also könnte die Geschichte sehr wohl Fiktion sein — aber es ist ein schönes Motiv.
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Auf den Festen war es auch nicht wirklich lustig. In den zugigen, ungeheizten SĂ€len froren die Frauen in ihren Ă€rmellosen, dekolletierten Kleidern. Deshalb trugen sie darĂŒber zum Beispiel einen schweren Wintermantel. Manchmal wollte ein Mann seiner Frau all dies nicht antun. Dann heiratete er fĂŒr die Dauer der Veranstaltung eine Frau, der es alles egal war; vielleicht eine Prostituierte. Eine Ehe auf Zeit, auch fĂŒr wenige Stunden, ist eine Möglichkeit, die das iranische Recht (noch immer) bietet. Auf diese Weise konnte er mit einer Gattin erscheinen, wĂ€hrend seine eigentliche Frau zu Hause saß.
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Prostituierte waren ĂŒbrigens die einzigen Frauen, die sich vollstĂ€ndig verhĂŒllen durften, ja sogar mussten. So versuchte die Regierung den Menschen einzuprĂ€gen, wie verachtenswert der Schleier war.
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Das Schleierverbot fĂŒhrte auch zu diplomatischen Spannungen mit Großbritannien, das das Recht der Damen aus Britisch Indien verteidigte, Iran verschleiert zu besuchen.
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1941 trat Reza Schah unter britisch-russischem Druck zurĂŒck und alles wurde wieder normal.

BIBLIOGRAFIE
H.E. Chehabi, „The banning of the veil and its consequences,“ in: Stephanie Cronin (Hg.), The making of modern Iran. State and society under Riza Shah, 1921–1941, London/New York 2003, 193–210.

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