Die Islamisierung des Islams

Islamisches Weinglas, Kairo ± 1310

Islamisches Weinglas, Kairo ± 1310

Islamisch und islamisch
Das Lästige mit den Wörtern Islam und islamisch ist, dass sie zwei Bedeutungen haben. Erstens beziehen sie sich auf die Religion, die Islam heißt. Zweitens nehmen sie Bezug auf die islamische Welt (ein mehr oder weniger geographischer Begriff), die islamische Kultur, die islamische Geschichte und viele andere Sachen, die nichts oder wenig mit der Religion zu tun haben.
Diese Mehrdeutigkeit macht sich auch in unserer sog. „Islamwissenschaft“ bemerkbar. Die kann die Religion zum Gegenstand haben oder die Kultur und Geschichte des Nahen und Mittleren Ostens oder auch die Wissenschaftsgeschichte dieses Gebiets oder von allem etwas.

Googeln Sie mit? Islamische Kunst, islamische Architektur, islamische Keramik, islamische Zivilisation, islamische Enthaarungspaste, islamische Musik, islamische Kalligraphie, islamische Wissenschaft, islamische Übersetzungen, islamische Medizin, islamische Münzen, islamische Astronomie, islamische Geschichte, islamische Textilien, islamische Maße und Gewichte, islamische Mathematik, islamische Philosophie, islamische Geometrie, islamische Wissenschaft, islamische Geographie, islamische Schifffahrt, islamische Astrolabia, islamische Entdeckungen, muslimische Flotte, islamische Erfindungen, islamisches Glas, islamische Gärten, islamischer Handel, islamische Diplomatie, islamisches Recht, islamische Mystik, islamische Glaubenslehre.

Sehen Sie, wie unangenehm es ist, wenn überall das Wort islamisch dazu kommt? Fehl am Platze ist es auch, denn von all diesen Sachen, die in der „islamischen Welt“ existierten oder noch existieren, haben nur die drei letzten etwas mit Religion zu tun; die anderen nichts oder nur ganz wenig. Die islamische Wissenschaft war sogar ausgesprochen unislamisch. Andere Lebensbereiche waren nicht oder nur leicht durch Religion oder Vorschriften berührt.
Auch „arabische“ Dinge wie Grammatik und Literatur waren nicht religiös. In der kleinen Nische, in der die arabische Literatur religiös war, war sie fast immer gleich unlesbar, wie die christliche Literatur auch. Die Medizin war areligiös; wo sie wirklich religiös war (z.B. die „Heilkunde des Propheten,“ oder die Magie mit Hilfe von Talismanen usw.) half sie nicht oder erheblich weniger als die Schulmedizin. Ein normaler Patient ging und geht zu einem richtigen Arzt.
Das Wort „islamisch“ auch in der nicht-religiösen Bedeutung zu benutzen war eine europäische Idee. Es kommt derart im Arabischen nur unter Einfluss der europäischen Sprachen vor.

  • Man kann schon einigermaßen verstehen, wie es dazu gekommen ist.
    Beispiel: die „islamische Schifffahrt“. Die Schifffahrt, die ab ± 800 aus Basra und Sīrāf nach Indien, Indonesien und China unternommen wurde, kann man nicht arabisch nennen, denn die Perser waren stark daran beteiligt. Sīrāf war ja ein Hafen in Iran und viele Schiffstermini sind Persisch. Man kann gut von der portugiesischen, spanischen, englischen und niederländischen Schifffahrt reden, aber arabische Schifffahrt wäre wirklich falsch. Was denn? Etwa die „arabisch-persische“, oder die „abbasidische Schifffahrt“? Häufig trifft man in so einem Fall dann die Verlegenheitswahl: „islamische Schifffahrt“.
    Jedoch: Bereits 655 schickte Mu‘āwiya von Syrien aus eine Flotte gegen das Oströmische Reich. Auch diese Flotte kann man schwerlich arabisch nennen, weil die Araber damals noch keine Seefahrer waren. Anzunehmen ist, dass libanesische und griechische Untertanen des Araberreichs sie organisierten und bemannten. Also heißt sie manchmal „umayyadische Flotte“, aber leider auch oft „muslimische Flotte“ oder „islamische Flotte“. Und das, obwohl es 655 noch kaum einen Islam gab und die Seeleute wohl alle christlich waren.
    Jemand kann also das Wort „islamisch“ verwenden, weil ihm ein anderer passender Terminus nicht eingefallen ist. Aber oftmals steckt auch ein geheimer Wunsch dahinter, nämlich die Islamisierung des Islam (s. unten).

Weil ständig die Wörter Islam oder islamisch fallen, entsteht der Eindruck, dass der ganze Nahe Osten von Religion durchzogen war oder ist. Das ist natürlich nicht so. Normale, nicht auf Frömmigkeit spezialisierte Menschen widmen nur einen gewissen Teil ihrer Zeit der Religion.
Dem „Westen“ passt es aber so, dass alles islamisch heißt. Das (absichtliche?) Missverständnis, das darin Ausdruck findet, ist, dass Muslime ganz andere Menschen sind als Europäer und nicht in die gegenwärtige Welt passen.
Des Weiteren stellt man im Westen auch gerne einen Konflikt zwischen islamischen Geboten oder Verboten einerseits und nicht-islamischen wissenschaftlichen, philosophischen oder literarischen Aktivitäten andererseits fest. In Wirklichkeit haben die unterschiedlichen Lebensstile und -bereiche wohl aneinander vorbei gelebt, oder sie haben einander vertragen, wie anderswo auch.

.

Die Islamisierung des Islams
Der Ausdruck ist nach der Lektüre des vorigen Teils verständlich. So kann ich jetzt behaupten: Islamisierung des Islams ist das Durchdringen einer „islamischen“ Kultur mit der islamischen Religion und in der nächsten Phase sogar das Ersetzen einer islamischen Kultur durch Religion. Dies ist ein Prozess, der vor zwei Jahrhunderten zögernd anfing und sich heute verstärkt fortsetzt. Zwei Arten von Menschen haben dazu beigetragen: Salafisten/Islamisten und Orientalisten.

– Salafisten, Islamisten, Fundamentalisten und wie sie sonst noch heißen. Erstens gab es jene noch kaum durch den Westen berührte Reformbewegung, die von Ibn ‘Abd al-Wahhāb (1703–1792) in einem Dorf im tiefsten Arabien initiiert wurde; parallele Entwicklungen gab es u.a. in Indien. Man könnte sie vielleicht mit extremen Formen der christlichen Reformation vergleichen, namentlich mit der „bibeltreuen“ Variante: zurück zu den Schriften; Bildersturm; Reinigung; Abkapselung. Diese Muslime wollten in der Tat das ganze Leben in Familie, Gesellschaft und Staat mit Religion durchziehen, und alles schöne „Unislamische“, das ich oben angedeutet habe, am liebsten verneinen oder vernichten. Keine Musik, Wissenschaft, Literatur, Heiligengräber, Musik oder Tanz mehr; bloß keine Sufis und Schiiten! Nun hatten die Wahhabiten anfangs nur lokale Bedeutung; es war eine kleine, etwas exzentrische Minderheit, die ohne die politisch motivierten Unterstützungen der Engländer im 19. Jh. und der U. S. Amerikaner im 20. Jh. wohl nie einen Auftritt auf dem Weltpodium bekommen hätte. Als sich herausstellte, dass ihr Land auf Erdöl schwimmt, betrieben Wahhabiten vielerorts lautstark Mission und haben andere Gestaltungen des Islams einfach wegfinanzieren können. Deshalb spricht man manchmal auch von der „Arabisierung des Islams“. Rückenwind bekamen sie aus vielleicht unerwarteter Richtung: von den europäischen, später auch U.S. amerikanischen Orientalisten.

– Die älteren Orientalisten (± 1830–1960) sind, wie oben bereits erläutert, an der Islamisierung des Islams tatsächlich schuldig. Im 19. Jahrhundert studierten Orientalisten den Islam hauptsächlich aus alten Texten: Koran, Hadith, Bücher zum islamischen Recht und zur islamischen Glaubenslehre. Hieraus gewannen sie ihr Wissen um das „Wesen“ des Islams: ein System, das ganz von Religion durchzogen ist. Natürlich wussten sie, dass es in der Praxis des Osmanischen Reichs oder in den Kolonien oft ganz anders aussah. Aber dies waren dann Abweichungen von der Norm. Sie maßen die „Entartungen“, die angeblichen Verfallserscheinungen des Islams, an ihrer Vorstellung des „echten Islams“, die sie den Büchern entnommen hatten. Das passiert heutzutage in wissenschaftlichen Kreisen nicht mehr so häufig. Aber in den Medien und in populären Veröffentlichungen, in Literatur und in Film wird noch tausendfach das alte Islambild verbreitet, mit der Unterstellung, dass die Wirklichkeit auch so ausschaue. Und wo die nicht so ausschaut, soll es angeblich daran liegen, dass man entweder das „wahre Wesen des Islams“ noch nicht erkannt hätte, und/oder die Muslime sich ihrerseits verstellten und taqīya übten. Auch unsere zeitgenössischen Islamhasser präsentieren sich oft als halbe Koranexperten und somit als Sachverständige par excellence.

In den islamischen Ländern beeilte man sich in der kolonialen Periode den „Westen“ nachzuahmen und den Islamentwurf der europäischen Gelehrten zu übernehmen. Hörten die Muslime wirklich auf die von ihnen heute so verpönten Orientalisten und Kolonialherrscher? – ja, indirekt schon. Die „islamische Welt“ entdeckte im 19. Jahrhundert, dass sie Europa unterlegen war: militärisch, aber auch kulturell. Deshalb fing man fleißig an die Europäer zu imitieren, in der Hoffnung genau so fortschrittlich und stark zu werden wie diese. Dies ging so weiter bis tief ins 20. Jahrhundert. In diesem Zusammenhang imitierte man auch die protestantische Ethik Englands, später die der Vereinigten Staaten, inklusive deren Sturheit, Geradlinigkeit und Prüderie. Oftmals hat man sich in direkter Konfrontation mit Europäern vor diesen geschämt, wenn diese z.B. die Polygamie oder Paradiesvorstellungen oder gewisse Handlungen Mohammeds kritisierten. So haben Muslime das im Westen entstandene Idealbild eines „offiziellen“, „orthodoxen“ Islams zum Teil übernommen.
Die Aussagen der Salafisten und die der Orientalisten und sonstiger überheblicher Westmenschen verstärken sich gegenseitig. So hören die Araber und andere Völker heutzutage von allen Seiten verkünden, dass sie Muslime seien, dass der „richtige“ Islam das ganze Leben, also auch Politik und Wissenschaft umfasse und dass das Religiöse wichtiger sei als das Nicht-Religiöse. Dieser Umstand hindert sie nicht nur daran, sich weiter zu modernisieren, sondern auch mit ihrer reichen, profanen „islamischen“ Kultur in Kontakt zu bleiben, die jetzt überall vernachlässigt oder ins Abseits gedrängt wird. Das ist ewig schade.

Literaturhinweise:
– Th. Bauer, Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams, Berlin 2011, insbes. Kap 6: „Die Islamisierung des Islams“.
– Aziz al-Azmeh, Die Islamisierung des Islam. Imaginäre Welten einer politischen Theologie, Frankfurt am Main 1996.

Zurück zum Inhalt