Moderne nichtislamische Mohammedbiografien: auf und ab

Das sira-Material — also die Texte zur Mohammedbiografie — ist so umfangreich und vielfältig, dass sich daraus kein zusammenhängendes Bild des Propheten gewinnen lässt. Ist es überhaupt verwertbar für eine zuverlässige Biografie oder als Quelle für die Geschichte des frühen Islams? Die Frage ist typisch eine, wie *Orientalisten sie stellen.

Im 19. Jahrhundert waren Gelehrte wie Ernest Renan (1823–93; „Der Islam entstand im vollen Licht der Geschichte“), Julius Wellhausen (1844–1918), Ignaz Goldziher (1850–1921) u. A. noch voller Vertrauen. Sie verwarfen viele Texte als unzuverlässig, glaubten aber an die Möglichkeit, mit dem Rest die historische Vergangenheit rekonstruieren zu können „wie sie wirklich gewesen“ sei.
Dieser Glaube wurde während der ersten Skeptizismuswelle untergraben, deren Hauptvertreter Leone →Caetani (1869–1935) und Henri →Lammens (1862-1937) waren. Caetani tat in seinen Annali nicht viel mehr als die damals zur Verfügung stehenden Quellen in italienischer Übersetzung nebeneinanderzustellen, so dass die Diskrepanzen deutlich ans Licht traten. Nach Lammens‘ Meinung basiert die ganze Biografie auf dem Koran und ist deshalb als Geschichtsquelle unbrauchbar.
Nach dem Ersten Weltkrieg war der kritische Geist verschwunden und die Suche nach der „historischen Wahrheit“ wurde wieder aufgenommen. Eine Anzahl wissenschaftlicher Biografien wurde verfasst, deren Höhepunkt das umfassende Werk von W. Montgomery →Watt war (1953–56).
Eine zweite Skeptizismuswelle rollte in den Siebzigern heran. John →Wansbrough ließ sich durch die Bibelwissenschaft inspirieren, wandte eine Art „Urkundenhypothese“ auf die sīra-Texte an und analysierte die verschiedenen literarischen Gattungen mit ihren Funktionen und Zielsetzungen. Patricia →Crone und Michael Cook führten in ihrem Hagarism die literaturwissenschaftliche Herangehensweise fort; überdies machten sie auf bisher vernachlässigte nichtarabische Quellen aufmerksam, wobei sie ein aufmerksames Auge für Informationen über die materiellen, wirtschaftlichen und geografischen Realien im alten Arabien hatten.
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Momentan gehen die Meinungen unter nichtislamischen Gelehrten stark auseinander. Einerseits gibt es eine Neigung zur Tradition zurückzukehren. Eine gewisse Sehnsucht nach der guten alten Biografie ist erkennbar bei → Schoeler, Charakter und →Motzki, Murder. F.E. Peters war sich der Natur der Quellen sehr wohl bewusst,  schrieb aber trotzdem eine Biografie. Die früher so skeptische Patricia →Crone ist jetzt der Meinung, dass wir viel über Mohammed wissen und durch weitere Forschung noch mehr Wissen erhalten können. Tilman → Nagel schrieb eine dicke Biografie, als ob es nie Skeptizismus gegeben hätte.
Andere Gelehrte versuchen die frühislamische Geschichte komplett neu zu schreiben. Manche bezweifeln sogar, dass es Mohammed je gegeben hat, oder sie behaupten, Mohammed sei kein Eigenname, sondern ein Adjektiv, das sich auf Jesus bezieht (Nevo & Koren; die sog. *Inârah-Gruppe; Ohlig und Puin; Luxenberg in →Ohlig & Puin; auch bei →Jansen erwähnt). Eine gewisse postmoderne Gleichgültigkeit gegenüber der Historizität der Biografie ist erkennbar bei →Rubin und →Schöller.
Welchen Standpunkt man auch immer einnimmt, die in den vergangenen Jahrzehnten gewonnene Einsicht, dass die biografischen Texte Literatur sind, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Viele dieser Texte gehören zu literarischen Gattungen mit eigenen Konventionen, einer gehörigen Menge Fiktionalität und ganz viel Intertextualität. Je mehr Intertextualität in einer Erzählung entdeckt werden kann, desto unbrauchbarer ist sie für die Geschichtsschreibung. Texte, die auf der Bibel oder anderer jüdischer oder christlicher Literatur basieren, können für die Geistesgeschichte ihrer Entstehungszeit schon verwendet werden, aber nicht für die Historiographie der Ereignisse, die darin beschrieben werden. Weil wir heutzutage mehr Quellen zur Verfügung haben als Caetani damals, sehen wir noch klarer die Diskrepanzen zwischen den Quellentexten. Dazu kommt noch, dass kaum ein biografischer Text im 1. Jahrhundert des Islams datiert werden kann. Je jünger die Quellen sind, desto mehr behaupten sie über den Propheten zu wissen.
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Rückblick
Wenn das, was man über den Propheten Mohammed zu wissen meint, über einen Zeitraum von anderthalb Jahrhunderten so sehr schwankt, ist nur eine Schlussfolgerung möglich: dass wir offensichtlich nicht viel gefestigte Kenntnis haben. Woran liegt es, dass die Meinungen von Wissenschaftlern so variabel sind? Ich kann die Frage nicht beantworten, sondern lediglich einige Erwägungen vorbringen.
– Die Persönlichkeit der Forscher spielt immer eine Rolle: Sind sie konservativ, glauben sie gerne oder sind sie vielmehr gierig etwas Neues zu entdecken?
– Auch der Zeitrahmen spielt eine Rolle. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte wohl niemand mehr Lust oder Energie, die vielversprechende Forschung von der Zeit davor fortzusetzen. Der Zweite Weltkrieg und die nachfolgende bleierne Zeit machten es nicht besser. Erst in den Siebzigern trauten sich junge Forscher die graue Verstaubtheit ihrer Lehrmeister abzuschütteln. Es gab Geld, die Aufbruchsstimmung war allgemein. Ab ca. 2000 bricht wieder politischer Pessimismus durch. Der Westen verliert immer mehr an Glanz, die Universitäten geraten fast überall in eine finanzielle und existentielle Krise; die allgemeine Stimmung wird eher konservativ. Das sind Faktoren, die die Forschung oder den Mangel daran beeinflussen.
– Ab den Sechzigern siedelten sich viele Muslime in Westeuropa und Nordamerika an. Das führte bei manchen Gelehrten zu politisch-korrekten Gewissensbissen („Damit kann ich meine muslimischen Freunde doch nicht belästigen?“); andere wollten gerne forschen, aber bekamen keine Mittel dafür, weil die Behörden vor allem Ruhe im Lande haben wollten und nichts unterstützten, was Muslime verdrießen könnte. Nach dem 9.11.2001 kippte die Stimmung und wieder andere Gelehrte nahmen die Chance wahr ihre islamfeindlichen und/oder rassistischen Gefühle wissenschaftlich verpackt unters Volk zu bringen.
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Mit keiner dieser politisch und finanziell bedingten Haltungen ist der Wissenschaft gedient, aber sie spielen mit Sicherheit eine Rolle. Nein, ich werde hier keine Namen nennen.

Siehe auch Moderne islamische Mohammedbiografien.

BIBLIOGRAPHIE
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– Leone Caetani, Annali dell‘ Islam, i–ii, Milano 1905–7.
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– Henri Lammens, „L’Âge de Mahomet et la chronologie de la Sîra,“ in Journal Asiatique [2nd ser.] 17 (1911), 209-50 (übers. „The age of Muhammad and the chronology of the sira,“ in Ibn Warraq, Quest, 188–217).
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