Orientalismus im Orient

đŸ‡łđŸ‡±Â Orientalismus war eine Richtung in der Kunst, die vor allem im 19. Jahrhundert geblĂŒht hat und als Inspirationsquelle den „Orient“ hatte: ein Gebiet, das an der tĂŒrkischen Grenze anfing und irgendwo in Ostasien aufhörte: das geheimnisvolle Morgenland voller Schönheit, Farbenpracht, Reichtum, mit aller Grausamkeit und Sinnlichkeit, die man dort zu erkennen meinte oder sich wenigstens vorstellte.
Orientalistik ist das wissenschaftliche Studium von dem, was frĂŒher der „Orient“ hieß.
Verwirrung entstand, als 1978 das berĂŒhmt-berĂŒchtigte Buch Orientalism von Edward Said erschien. Dieser Autor brachte die beiden Begriffe durcheinander. Das tat er absichtlich, denn er wollte das betonen, was beide TĂ€tigkeiten seiner Meinung nach gemeinsam hatten, nĂ€mlich ein verzerrtes Bild des „Orients“ zu kreieren, mit der Absicht diesen zu unterwerfen und zu beherrschen. Dabei wollte er vor allem die Orientalistik diskreditieren.
Das Bild, das der Westen sich vom Orient bildete wurde in der Kolonialzeit drĂŒben oft ĂŒbernommen. Der Westen bestimmte ja, wie der Orient auszusehen und sich zu verhalten hatte. Dies schafft böses Blut seit der Erscheinung von Saids Buch, in dem das PhĂ€nomen zum ersten Mal angeprangert wurde. In Saudi-Arabien und dem Irak wurden LehrstĂŒhle „Orientalistik“ gegrĂŒndet, die durch Hass oder Abneigung gegen die Orientalistik angetrieben wurden. Aber von ca. 1800 bis 1980 wurden die westlichen Orientbilder von den Untertanen im Orient noch untertĂ€nigst geschluckt und ĂŒbernommen; es blieb ihnen wohl nichts anderes ĂŒbrig. Sogar in religiösen Sachen ließ man sich einen BĂ€ren aufbinden: Die Gestaltung des heutigen Islams hat dem Westen einiges zu „verdanken“ (siehe z.B. hier und hier.)

Hier folgen einige Beispiele von Orient made in Europe:
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Am Ende des 19. Jahrhunderts diktierten europĂ€ische Handelsunternehmen (Ziegler, Hotz) wie Perserteppiche auszusehen hatten. Nicht zu wild und dezent koloriert nach europĂ€ischem Geschmack; mit Merinowolle aus Manchester und mit kĂŒnstlichen Farbstoffen. NatĂŒrlich gehorchten die Teppichweber; das Weben war ja ihr Broterwerb.
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Zwang gab es auch in NiederlĂ€ndisch-Indien. Die malaiische Sprache, zum Beispiel, kannten die HollĂ€nder natĂŒrlich besser als die Indonesier. Diese konnten sie aber noch lernen, etwa mit Hilfe der BĂŒcher des Kantoor voor Volkslectuur (BĂŒro fĂŒr VolkslektĂŒre; spĂ€ter Balai Poestaka/Pustaka; 1908–1942), das ab 1920 Indonesische Literatur herausbrachte, die fĂŒr Eingeborenen als angemessen beurteilt wurde.1
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Die Sheikh Zayed Moschee in Abu Dhabi ist riesig: eine 75 Meter hohe Kuppel, Minaretten von 107 Meter, Platz fĂŒr 40.000 GlĂ€ubige und von allem viel zu viel. Das GebĂ€ude verbreitet einerseits die Langeweile computergenerierter, steriler Massenware, andererseits erinnert es an eine orientalische Fantasie aus Tausendundeine Nacht.  Diese Moschee ist unverhĂŒllt orientalistisch: ein orientalischer Traum. Die Perlenfischer am Golf hatten selbst keine Tradition großer Bauten. Sie heuerten also Architekten aus dem Ausland an,2 die fĂŒr sie diesen MĂ€rchenpalast entwarfen, aus dem jeden Augenblick ein fliegender Teppich aufsteigen kann. Stilelemente von verschiedenen existierenden Bauten von Marokko bis Indien sind zu einem orientalischen Ganzen hoch zwei zusammengefĂŒgt worden. Offensichtlich hat der Bauherr es zufrieden abgenommen, obwohl neuerdings in den arabischen LĂ€ndern heftig auf Orientalismus geschimpft wird.

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Aber die ganze Tausenundeine Nacht ist eine ĂŒberwiegend westliche Konstruktion, die nach einer Erfolgsgeschichte von zwei Jahrhunderten in Europa von dort heraus ihren Weg in de Nahen Osten gefunden hat. Die ErzĂ€hlungen wurden anfangs von gebildeten Arabern selten gelesen und nicht geschĂ€tzt. Nicht etwa, weil darin freimĂŒtig ĂŒber Sex geredet wird, aber weil sie in einfacher („kindischer“) Sprache abgefasst worden seien und auch anderen literarischen MaßstĂ€ben nicht genĂŒgen. Sie gehörten zur DomĂ€ne der mĂŒndlichen ErzĂ€hler, die sie in Heftchen aufbewahrten, sie auswendig lernten und durch das Land zogen um sie in KaffeehĂ€usern und auf PlĂ€tzen vorzutragen. Aber anderer Stoff war bei den ErzĂ€hlern und ihren Zuhörern viel beliebter. Aus dem 19. Jahrhundert sind einige Theaterbearbeitungen von ErzĂ€hlungen aus Tausendundeiner Nacht bekannt, aber Theater galt ebenfalls als etwas fĂŒr die niederen StĂ€nde. Erst ab ca. 1900 begannen arabische BildungsbĂŒrger diese ErzĂ€hlungen zu schĂ€tzen, nachdem sie in Europa fĂŒr gut befunden waren. Ab dann standen Schriftsteller auf, die erklĂ€rten, dass Tausendundeine Nacht fĂŒr sie eine wichtiger Einfluss war: ‘Abd al-Qādir al-MāzinÄ«, MahmĆ«d TaimĆ«r, TaufÄ«q al-HakÄ«m, áčŹÄhā Husain und Nagib Mahfus, um nur einige zu nennen. Sie und noch etliche andere Schriftsteller reagierten auch auf die ErzĂ€hlungen, indem sie eine bearbeiteten oder damit spielten, oder BĂŒcher schrieben wie Die TrĂ€ume Shahrazads oder Die tausendzweite Nacht. Die erste arabische Dissertation ĂŒber die ErzĂ€hlungen erschien 1943: ein Beweis der Akzeptanz.
Dass moderne arabische Autoren auf ihr eigenes Erbe zurĂŒckgreifen scheint jetzt ganz natĂŒrlich, aber es geschah nachdem es jahrhundertelang vernachlĂ€ssigt gewesen war und nachdem Europa es an sich genommen, begutachtet, durch die Mangel gedreht und neu zubereitet hatte.
SpĂ€ter gab es noch mehr europĂ€ischen Einfluss auf die Rezeption der Tausendundeine Nacht, wenn auch indirekt. Eine neue arabische Ausgabe wurde 1985 in Ägypten verboten, weil sie sittenwidrig sei, und das versucht man immer wieder. Die ErzĂ€hlungen wurden sittenwidrig genannt, weil sie
 gegen die Sitten der fundamentalistischen Muslime verstießen, die sich inzwischen breit gemacht hatten und die ihre PrĂŒderie fĂŒr zumindest die HĂ€lfte dem orientalistischen Europa und der Königin Viktoria verdanken; siehe hier.
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Ein Ă€hnlicher Fall ist meiner Meinung nach die Rezeption von Ibn KhaldĆ«n: ein der berĂŒhmtesten alten Araber ĂŒberhaupt, der jedoch von Europa aus in den Nahen Osten gelangt ist. Dazu in Zukunft mehr.

ANMERKUNGEN
1. Dazu dieses (Engl.).
2. Als Architekt wird Yousef Abdelky erwÀhnt, aber auch Mohammad Ali Al-Ameri; des Weiteren Firmen wie Spatium, Halcrow und Speirs und Major Associates.

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