Beim Frisör im „Islamischen Staat“

Ein Frisör im „Islamischen Staat“ teilt seinen Kunden Folgendes mit:1

  • Sehr geehrte Kunden
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    Im Gehorsam gegenüber Gott und Seinen Gesandten schneiden wir keine Frisuren, die denen der Ungläubigen ähneln, der Aussage des Propheten Folge leistend: „Wer Menschen ähnlich sieht, gehört zu ihnen.“
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    Im Gehorsam gegenüber Gott und Seinen Gesandten rasieren wir keine Bärte, der Aussage des Propheten Folge leistend: „Lass den Bart frei wachsen aber schneide den Schnurrbart zurecht.“ Und: „Macht es anders als die Heiden: lasst eure Bärte wachsen, aber kürzt eure Schnurrbärte.“
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    Im Gehorsam gegenüber Gott und Seinen Gesandten rasieren wir die Augenbrauen nicht und zupfen sie nicht, was namṣ genannt wird, der Aussage des ‘Abdallāh ibn Mas‘ūd Folge leistend: „Der Prophet verfluchte Frauen, die ihre Augenbrauen rasierten oder zupften.“ Dies gilt für Frauen; umsomehr also für Männer.
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    Im Gehorsam gegenüber Gott und Seinen Gesandten rasieren wir nicht einen Teil des Haars weg und lassen einige Locken stehen, was qaza‘ genannt wird, der Aussage des Ibn ‘Umar Folge leistend: „Der Prophet hat qaza‘ verboten.“

Qaza‘ wurde in vorislamischer Zeit vor allem bei kleinen Jungen angewandt, die mit Glatzen und Stirnlocken (dhu’āba, Pl. dhawā’ib) herumliefen. Für diese vorislamische Mode dürfte es aber im letzten Jahrtausend kaum Kundschaft gegeben haben—außer vielleicht in Punkkreisen. Heutzutage wird der Begriff aber auch für bestimmte Irokesenschnitte benutzt. Auf jeden Fall ging und geht es bei diesem Verbot ebenfalls darum, sich nicht wie die Heiden frisieren zu lassen.

Frisöre scheinen also im „Islamischen Staat“ nicht viel zu tun zu haben, denn sogar der Kochtopfschnitt, der Bürstenschnitt und die Glatze haben alle ihre Vorbilder im gottlosen Westen. Aber vielleicht kommen sie über die Runden, indem sie Bärte gelb färben, in Anbetracht des Hadiths:

  • „[..] und er [der Prophet] färbte seinen Bart gelb mit wars und Safran.“2

Islamistenbärte sollten also gelb oder orange sein; das wäre ein echtes Alleinstellungsmerkmal. ‘Abdallāh ibn ‘Umar und andere Prophetengefährten sollen tatsächlich ihre Bärte gelb gefärbt haben. Dem nachzufolgen geht aber den neumodischen Frömmlern wohl zu weit.

Meinen Sie aber bloß nicht, dass der Prophet seinen Bart färbte, weil er alt und grau wurde:

  • „[…] und er [der Prophet] hatte auf seinem Kopf und in seinem Bart noch nicht mal zwanzig graue Haare.“ 3

Kämpfer des „Islamischen Staats“, die gerne etwas mehr Haar auf dem Kopf hätten um richtig mannhaft auszusehen, müssen für eine Haartransplantation ins Ausland fahren oder fliegen, z. B in die Türkei.

LESETIPP:
G.H.A. Juynboll, „Dyeing the Hair and Beard in Early Islam | A Ḥadīth-analytical Study,“ Arabica 33 (1986), 49–75.

ANMERKUNGEN
1. CN0YVC7WIAACTMg-1
2. An-Nasā’ī, Zīna 66 u.a: ويصفّر لحيته بالورس والزعفران  Wars (Memecylon tinctorium) ist eine Pflanze, aus der der Farbstoff Indischgelb gewonnen wurde.
3. Mālik, Ṣifat an-Nabī 1 u.a.: وليس في رأسه ولحيته عشورن شعرة يبضاء

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Die islamistische Steinigung: ein modernes Phänomen

Wo es Steine gibt, wird mit ihnen geworfen — auch auf Menschen. In einem Armenviertel in Tetuan in Marokko bin ich mal von Jungs mit Steinen beworfen worden. Die Jungs waren klein und ihre Steine zum Glück auch. Überdies rief ein älterer Mann sie zur Ordnung, sie hörten auf und ich kam unbeschädigt davon. In Straßenkämpfen zwischen Gruppen von Jungen im Jemen, so Michael Roes, wurde allen Ernstes mit Steinen geworfen; dabei gab es manchmal auch Schwerverwundete.1 Sie hatten dort noch keine mordlustigen Computerspielchen. Aus dem Norden kenne ich nur Schneeballschlachten, die entarten konnten, sobald knallharte „Eisbomben“ mit einem Stein drin angefertigt und geworfen wurden.
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Erwachsene steinigen manchmal Menschen absichtlich in einem „Volksgericht“. Für die Täter ist das deutlich von Vorteil: Weil sie eine Gruppe bilden, ist es nicht möglich festzustellen, wer letztendlich den tödlichen Stein geworfen hat. In Umgebungen, in denen Steinigung bereits als Mord gilt und der Täter sich vor einem Gericht verantworten muss, kann er nicht belangt werden, weil er unbekannt ist. Und in Gegenden, in denen Blutrache herrscht, wird so den Umstand vorgebeugt, dass eine Blutrache in Gang kommt, die dann wieder eine Reaktion hervorruft und so weiter. Das ist umso mehr der Fall, wenn Verwandte des oder der Gesteinigten die tödlichen Steine werfen: Sie sind identisch mit den Racheberechtigten; Rache muss also nicht genommen werden.
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Zu unterscheiden sind wohl spontane Steinigungen, die eine Form von Lynchjustiz sind, und Steinigungen aufgrund eines Urteils nach einem Rechtsgang. Im Folgenden werde ich nur von Letzteren reden.
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Mir sind zwei Rechtssysteme bekannt, die Hinrichtung mittels Steinigung ermöglichen: das des Alten Testaments und somit des Judentums, und das des Islams.
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Allerdings: Juden steinigen nicht. Wie sie es fertiggebracht haben, die sehr harten Rechtsregeln aus der Thora für ungültig zu erklären, ist mir unbekannt. Ein Alttestamentler, den ich danach fragte, hat mir erklärt, dass die Gesetze des Alten Testaments erst nach dem Untergang des alten Israels und Judas zu Stande kamen und somit nie angewandt wurden. Er fand keinen Hinweis darauf, dass in den beiden Kleinstaaten je durch Steinigung hingerichtet worden wäre. Nach 586 v.Chr. lebten die Juden als Minderheiten in anderen Staaten und waren nicht befugt selbst Todesurteile zu vollstrecken. Das ist bekannt aus dem alten Persien, wo viele Juden lebten, und vom Fall Jesus, bei dem Juden das Urteil verkündeten, aber die Römer es in höherer Instanz bekräftigen und ausführen mussten. Bekanntlich entschieden die sich für einen Strafvollzug in römischem, nicht in alttestamentarischem Stil.
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Muslime steinigten früher auch nicht, obwohl das in einigen Rechtsquellen der Scharia unzweideutig empfohlen wird; in anderen Rechtsquellen fanden sie aber die juristischen Mittel um es zu umgehen; siehe dazu unten. Aber seit einigen Jahrzehnten steinigen sie manchmal doch. In allen Fällen ist es die Strafe für einvernehmlichen Geschlechtsverkehr von zwei Personen, die mit anderen verheiratet sind oder schon mal waren.

– In Iran zum Beispiel wurden zwischen 1980-1989 laut Amnesty International 76 Personen aufgrund eines rechtsgültigen Urteils gesteinigt und 74 weitere in der Periode 1990 bis 2009, so das International Committee Against Execution. In den letzten Jahren hat es Versuche gegeben, die Steinigung aus den iranischen Gesetzen zu streichen; das ist nur teilweise gelungen. Aber in der Praxis wird seit 2009 die Steinigung in Iran in andere Arten der Hinrichtung umgewandelt.
– In Saudi-Arabien, das seit 1932 existiert, wird meistens geköpft und erschossen, aber auch schon mal gesteinigt. Daten dazu sind mir nicht bekannt.
– Aus den Vereinigten Arabischen Emiraten sind zwischen 2006 und 2014 ungefähr zehn Fälle von Steinigung bekannt.
– In Afghanistan wurde während des Taliban-Regimes gesteinigt und danach noch gelegentlich von den Taliban. Obwohl in diesen Fällen keine spontanen Volksgerichte urteilten, kann man die Vorgänge auch nicht Rechtspflege nennen, denn seit 2004 ist in Afghanistan die Steinigung verboten und die Taliban gelten als Rebellen.
– Im Gebiet der Gruppe „Islamischen Staat“ wird gesteinigt; Näheres ist mir unbekannt.
– In Sudan wurden 2012 zwei Personen zur Steinigung verurteilt, aber die Urteile sind nicht vollstreckt worden.
– In Nord-Nigeria (das Gebiet von Boko Haram ausgenommen) sind seit 2000 mehr als zwölf Personen zum Tod durch Steinigung verurteilt, die Urteile aber nicht vollstreckt worden.
– Mauretanien? Ich denke schon.
– In Pakistan lässt der Staat nicht steinigen, sondern verurteilt vielmehr Steiniger als Mörder. Allerdings wird aufgrund von Urteilen von Stammesgerichten gesteinigt–welche Zuständigkeit diese haben und wie groß der Unterschied zur Lynchjustiz ist, weiß ich nicht.
– In Somalia wurde von 2009 bis 2014 gesteinigt nach Urteilverkündung durch sog. Schariagerichte von Terroristengruppierungen ohne Legitimation.
– Im indonesischen Teilstaat Aceh und in Brunei (2013) hatte man vor, die Steinigung ins Gesetzbuch aufzunehmen, aber meines Wissens ist es nicht dazu gekommen.

Diese Daten sind unvollständig und nicht wasserfest; ich habe sie dem Wikipedia-Artikel über „Stoning“ entnommen. Das ist natürlich unbefriedigend, aber ich werde die Fakten aus der Moderne nicht weiter erforschen. Der Artikel unterscheidet nicht zwischen Lynchjustiz und Steinigung aufgrund eines Gerichtsverfahrens. Eine große Linie ist allerdings sichtbar. Auffällig ist, dass nahezu alle Steinigungen aus der jüngsten Zeit datieren.
Im späten 20. Jahrhundert zeigt sich in mehreren islamischen Länder die Tendenz die Steinigung in die Gesetzgebung aufzunehmen und anzuwenden. Und in diesem Jahrhundert sehen wir das Bestreben, Steinigungen zu stornieren, obwohl sie „eigentlich“ ausgeführt werden sollten. Für Behörden bringt das Steinigen ohne Zweifel eine Menge Ärger: Es muss eine Gruppe gebildet werden, die die Steine werfen soll; diese muss nicht selten zur unangenehmen Arbeit gezwungen werden und jeder behält dabei einen üblen Geschmack im Mund. Überdies wirkt es ungemein unmodern. Für Behörden ist es einfacher, andere Formen der Hinrichtung anzuwenden: etwa durch einen Henker im Staatsdienst. Dann weiß man, was man hat, und ist zugleich von dem Rummel in den Medien befreit, die sich über Steinigungen gewaltig aufregen, über modernere Hinrichtungsmethoden aber viel weniger.
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Aber wie war es denn vor 1980 oder vor 1932? Vor dem 20. Jahrhundert wurde NICHT aufgrund eines Rechtsurteils gesteinigt. Steinigung ist in der islamischen Welt ein modernes Phänomen, das zu Unrecht „mittelalterlich“ genannt wird.
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Der Münsteraner Islamwissenschaftler Thomas Bauer hat viele Geschichtswerke aus der klassischen Periode im Nahen Osten durchgearbeitet und stieß dabei auf zahlreiche schwungvoll erzählte Berichte von Folterungen und Hinrichtungen. Aber er fand nur einen Fall einer Steinigung, und der verursachte seinerzeit großes Aufsehen:

  • Es gab Rebellen und Räuber, die gekreuzigt wurden – die Dichter stürzten sich darauf und dichteten spektakuläre Gedichte – Sensationslust ist ja kein modernes Phänomen. Es gab Machthaber, die folterten und hinrichten ließen – die Chronisten berichten es in aller Ausführlichkeit – aber nirgendwo wird von einer Steinigung berichtet. Mit einiger einzigen Ausnahme. Meines Wissens gab es in der Zeit zwischen 800 und dem 20. Jahrhundert nur einen einzigen sicher bezeugten Fall einer Steinigung wegen Ehebruchs aus dem Kernbereich des Islams. Er trug sich um das Jahr 1670 im osmanischen Reich zu, war – wie die modernen Fälle ja auch – politisch motiviert – und sorgte für einen handfesten Skandal. Der verantwortliche Richter wurde abgesetzt. Der Chronist, der von dem Fall berichtet, zeigt sich ebenfalls empört. Er hält Steinigungen keineswegs für islamisch. So etwas sei seit der Frühzeit des Islams nie mehr vorgekommen, stellt er entrüstet fest. Auch für ihn waren Steinigungen etwas Atavistisches und Unmenschliches.2

Warum steinigen moderne Muslime dann, wenn das gar keine Tradition hatte? Lesen Sie weiter auf Seite 2

ANMERKUNGEN:
1. Roes, Leeres Viertel, z.B. 446, 602.
2. Bauer, Musterschüler, 10. Auch in Bauer, Ambiguität, 280–282 und Rohe, Recht, 135–6.

Bedingung im Ehevertrag, „Islamic State“

CEjY0RyWoAAgtfV„Die Ehegattin hat folgende Bedingung gestellt:
Wenn der Fürst der Gläubigen [= der Kalif] genehmigt, dass sie eine den Märtyrertod erstrebende Tätigkeit verrichtet, darf ihr Ehemann sie daran nicht hindern.“

Dies liest sich wie ein skurriler Schritt in Richtung auf eine weitere Emanzipation der Frau. Eine Frau ist beim Begehen eines Selbstmordattentats also nicht von ihrem Mann abhängig.

Dieser sittenwidrige Quatsch geht natürlich nur im „Islamic State“.

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Grüße aus Islamistan

DjizyaIm „Islamischen Staat“ wird djizya erhoben, die Kopfsteuer für tolerierte Nicht-Muslime (dhimmis), die bereits im Koran erwähnt wird und die vor langer Zeit tatsächlich in islamischen Ländern gängig war. Der Armenier in der Quittung hat ungefähr 125 Euro bezahlen müssen, das ist in etwa ein Monatsgehalt. Reicht das als Beitrag für ein Jahr?
Man sieht, dass in [halbwegs] realem Geld bezahlt worden ist; nicht in der im Vorjahr angekündigten Währung des Kalifats.

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[ÜBERSETZUNG]
Der Islamische Staat
Justizministerium
Das islamische Gericht zu: Raqqa
Aktennummer:

Montag, der 16.2.1436, das ist der 8.12.2014

QUITTUNG Nr. 1391
Empfänger: Faruq
Empfangen von: Sarkis Nuri Aralkian
Summe: 27.200 Syrische Pfund
Wegen: Djizyazahlung

Unterschrift Empfänger: [Unterschrift]
Unterschrift Zahlender: [Unterschrift]

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Marxistisches Kalifat

Robert Hoyland zur Inspirationsquelle des „Kalifats“:

  • The founding fathers of this revolutionary thinking, Karl Marx (Communist Manifesto, 1848) and Friedrich Engels (On Authority, 1874), had been very clear: the aims of revolutionaries could only be achieved “by the forcible overthrow of all existing social conditions”, and the rule brought about by revolution could only be preserved “by means of the terror which its arms inspire.” Such radical thinking has no parallel in the message of Muhammad and the first caliphs, who simply preached a return to the original monotheism that all mankind had once followed. (Lesen Sie den ganzen Artikel!).

Ich habe früher beim Marxismusunterricht nie gut aufgepasst, aber die erstaunlichen Zitate stimmen tatsächlich. Von dem renommierten Oxfordhistoriker wäre auch nichts anderes zu erwarten. Die Militärführer des „Islamischen Staats“ haben während ihrer Ausbildung und Karriere unter Saddam Hussein mit Sicherheit mehr von Marx, Lenin, Stalin und Hitler als vom Propheten Mohammed und den ersten Kalifen gelernt. Erst nach dem 2. Golfkrieg wurden sie so etwas wie Muslime, dazu von Saddam gezwungen, der mal eine neue Strategie ausprobierte.
Die Bibel des „Islamischen Staats“ ist Abū Bakr Nādjī, Idārat al-tawahhush, ins Englische übersetzt als The Management of Savagery. Es ist ein ziemlich mühsames, halbintellektuelles Buch. Was für ein Schund ist das! Ich möchte hier keine Werbung machen; wenn Sie es unbedingt sehen wollen, suchen Sie bitte selbst im Internet.
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Wenn das Buch auch voller verzerrter Geschichtsschreibung über das erste islamische Jahrhundert ist, die Idee, dass nur Terror zu einer neuen Ordnung führt, wird auch hier verbreitet. Und das hat der Autor wirklich nicht aus dem Koran oder von den ersten Muslimen übernommen. Bei den frühesten arabischen Eroberungen (632-661) wurde schon mal eine Stadt in Brand geschossen oder ein Blutbad angerichtet, je nach der politischen Lage und der Stimmung in der Truppe. Aber meist herrschte Pragmatismus und lief es wie immer in der Antike: Es wurden weiße Fahnen geschwenkt und verhandelt, es wurden Abstandssummen bezahlt und so weiter. Es war ja für die Eroberer interessanter, intakte, funktionierende Städte und Landgüter zu bekommen als kaputte, während die Leidtragenden gerne noch ihr Leben und wo möglich ihre Besitztümer behielten. Sie wurden auch gebraucht, denn die Araber konnten nicht auf Anhieb ein Reich regieren.
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Von einem „neuen Menschen“ war damals auch nicht die Rede: Die Besiegten konnten anfangs weder Araber noch Muslime werden. Den Islam gab es noch nicht sofort und als er Gestalt annahm, wollten die Araber von den Besiegten lieber Kopfsteuer erheben als allerlei fremde Leute in ihre Reihen aufnehmen.
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Ich denke schon, dass Hoyland recht hat mit seiner Parallele zum Marxismus. Als religiöse Soße zur IS-Doktrin dient eine Auswahl aus Koranversen und alten islamischen Texten. Und auch noch etwas von den Wahhabiten; die kommen in Hoylands Artikel nicht vor. Einfache Gemüter werden sicher auch durch blutige Computerspiele, apokalyptische Filme und Gewaltfilme u.a. beeinflusst worden sein.

Diakritische Zeichen: Abū Bakr Nāǧī, Idārat al-tawaḥḥuš

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„Der Islam ist nur der Koran“

„Der Islam ist nur der Koran.“ Unter diesem Titel hat Taufīq →Sidqī 1906 einen Artikel abgefasst, in dem er die Meinung vertrat, dass die Hadithliteratur als alter Ballast abgeschafft werden sollte und dass es für einen Muslim ausreichend sei, sich auf den Koran zu verlassen. Obwohl er sehr gegen die Christen war, wollte er genau das, was der christliche Reformator Martin Luther damals gesagt hatte: sola scriptura, „nur die Schrift“.
Tawfīq Sidqī (1881–1920) war Gefängnisarzt in Tura bei Kairo; ein wissenschaftlich ausgebildeter Mensch mit Kenntnis moderner Sprachen, aber weder in der traditionellen islamischen Gelehrsamkeit noch in der Literaturwissenschaft versiert. Bis heute lässt sich beobachten, dass namentlich gebildete Muslime der nicht-geisteswissenschaftlichen Richtungen—also Ärzte, Ingenieure u. dgl.— Sidqis Meinungen zum Hadith gerne übernehmen. Diese Vertreter des Standpunkts, der Koran sei ausreichend, werden Koranisten genannt.’ 1

  • „Alle Muslime sind sich darüber einig,“ schreibt Sidqī in seinem Essay, „dass der Text des Korans definitiv ist, weil er wörtlich so vom Propheten überliefert worden ist, ohne dass etwas hinzugefügt oder weggenommen wäre, und in seiner Zeit und auf sein Geheiß niedergeschrieben worden ist; im Gegensatz zu den prophetischen Hadithen, von denen überhaupt erst nach seinem Tod etwas schriftlich niedergelegt worden ist, lange genug danach um Betrug und Textkorruption darin zu ermöglichen. Daraus erkennen wir, dass der Prophet nicht wollte, dass etwas von ihm die Menschheit in schriftlicher Form erreichen würde, außer dem Koran, dessen Erhaltung Gott gewährleistet, wie es heißt in Koran 15:9: ‘Wir haben die Mahnung hinabgesandt und wir geben auf sie Acht.’ Wäre in der Religion etwas anderes als der Koran nötig gewesen, so hätte der Prophet befohlen es schriftlich festzulegen, und  Gott hätte dessen Erhaltung gewährleistet.“
    • Wenn nun jemand sagt, dass der Prophet nicht befohlen hat seine Worte niederzuschreiben um der Verwechslung mit dem Wort Gottes vorzubeugen, wie kann das denn sein, wo doch der Koran ein Gotteswunder der Komposition ist und keine Menschenseele in der Lage ist etwas Ähnliches hervorzubringen?“
  • [—]
  • Und weshalb sollte ein Teil des Glaubens im Koran niedergelegt worden sein und ein anderer Teil in der sunna? „Der Koran sagt ja in 6:38: „Wir haben in der Schrift nichts übergangen,“ und in 16:89: „Wir haben die Schrift auf dich hinabgesandt um alles klarzulegen ….“ 2

Daraufhin legt Sidqī ausführlich dar, dass allerlei Regeln durchaus aus dem Koran abgeleitet werden können. Und wenn nicht, so sind sie nicht wichtig und müssen nicht befolgt werden.

Der Artikel wurde heftig kritisiert und der Herausgeber von Al-Manār Rashīd Ridā (1865–1935), der Sidqi im Übrigen sehr schätzte, korrigierte ein wenig, woraufhin der Autor etwas einlenkte.3

Angesichts der Kritik muss man festhalten: Der berühmte ägyptische Islamreformer Muḥammad ‘Abduh (1845–1905) war Sidqī in seinem Ansinnen vorausgegangen. Auch ‘Abduh wollte bereits modernisieren und vieles über Bord werfen. So schrieb er 1897, das Glaubensgut wolle er reduzieren auf „das, was mehrfach überliefert worden ist und von dem bekannt ist, dass es zur Religion gehört, das heißt auf das, was in der Schrift steht, und ein wenig aus der sunna ‘amalīya.“ 4 Mit letzterer meinte er mehrfach überlieferte Hadithe, in denen praktische Angelegenheiten behandelt werden, etwa die Ausführung des Gebets oder die Pilgerfahrt.

‘Abduhs Schüler und Mitarbeiter Rashīd Ridā entfernte sich nach dem Tod seines Lehrmeisters immer weiter von dessen Standpunkten. Auf Dauer sollte er den Weg zurück einschlagen, zu einer fiktiven, idealisierten Vergangenheit.

Als Nicht-Muslim versuche ich aus dem Abseits ein wenig mitzudenken — und muss feststellen, dass ohne den Hadith nur wenig vom Islam übrigbleiben würde. Ein Islam nur mit  dem Koran, das geht einfach nicht. Es gibt so vieles, das nicht im Koran steht! Große Teile der Scharia würden wegfallen—und nicht nur die Teile, die man gerne loswerden würde.

Der Koran ist ohne Exegese (tafsīr) kaum zu verstehen. An die Stelle des Hadiths würden also mehr denn je die Korankommentare treten—und die enthalten doch auch Hadithe: nicht immer viele, aber durchaus wichtige. Abgesehen davon sind die Kommentare voller Aussagen, die deutlich weniger Gewicht haben als Hadithe. Warum sollte man sich der Hadithe entledigen und auf den Kommentaren sitzen bleiben? Der Hadith ist eine Literatur, die nicht nur erbaulich und unterhaltsam ist, sondern auch identitätsstiftend. 

Was dann? Noch immer aus dem Abseits: Hadithe wegwerfen ist schade, wenn sie auch noch so viel altes Zeug enthalten. „Nur der Koran“ würde meines Erachtens die Probleme moderner Muslime auch deshalb nicht lösen, weil der Koran ebenfalls veraltete Auffassungen enthält. Alte Bücher soll man nie wegwerfen

Darin liegt vielleicht auch der Schlüssel zur Lösung. Sowohl Koran wie auch Hadith könnten vielleicht allmählich verblassen, in ihrer gesetzgebenden Rolle unschädlich werden. Die Juden und Christen haben das schon geschafft. In der Bibel enthalten 3. Mose 13 und 14 zum Beispiel ausführliche Regeln über was bei Aussatz zu tun ist. Der Patient gilt als kultisch unrein und gewissermaßen schuldig; es gibt ein Ritual, einen Priester, Tieropfer sollen gebracht werden; nach der Heilung folgt ein Sühneritual. Moderne Juden und Christen tun das alles nicht; sie gehen mit einer Hautkrankheit zum Dermatologen und finden oft Genesung auf eine Weise, die die Bibel nicht vorhersehen konnte. Kurzum, die erwähnten Vorschriften sind veraltet, und viele ähnliche ebenso. Wie genau es Juden und Christen gelungen ist, solche Teile ihrer doch ungemein Heiligen Schrift für ungültig zu erklären, weiß ich nicht; fragen Sie einen Rabbiner oder Pastor. Aber gelungen ist es: Die meisten solcher Passagen stören kaum noch. Hat man, islamisch formuliert, eine Art „Abschaffung der Rechtsregel, aber nicht des Textes“ (naskh al-hukm dūn al-tilāwa) ausgeübt? Ich kann nur hoffen, dass es auch Muslimen demnächst gelingen wird, sich veralteter Inhalte von Schrift und Hadith zu entledigen. Stillschweigend tun sie das längst. Niemand — vielleicht ausgenommen die Verrückten von „Islamischer Staat“ — lässt zum Beispiel Koran 4:3 noch komplett gelten: Demzufolge darf ein Mann zwei, drei oder vier Frauen heiraten — und wenn man fürchtet diese nicht gerecht behandeln zu können, „dann eine; oder Sklavinnen“. Von den Sklavinnen hört man heutzutage nicht mehr; der Teil des Verses wird einfach nicht mehr angewandt. Eine umfassende Theorie zu veralteten Texten steht aber noch aus. Die Lehre der Abschaffung (naskh) bietet bestimmt Möglichkeiten, wie auch das Denken über die „Zwecke der Scharia“ (maqāsid al-sharī‘a): die Suche nach dem „Geist des Gesetzes“. Diese Themen beschäftigen Muslime schon lange; sie werden in der ganzen islamischen Welt intensiv diskutiert. Das Geschrei der Salafisten wirkt dabei aber verzögernd, wie auch das Fauchen der Islamhasser in Europa und Amerika.

ANMERKUNGEN
1. Auch unter Islamhassern herrscht oft die Auffassung, dass der Islam nur aus dem Koran bestehe; bei ihnen basiert sie aber auf Unwissenheit.
2. Ṣidqī, Al-Islām 515–6.
3. Juynboll, Authenticity 23–9; Ryad, Islamic reformism 43–6.
4. ‘Abduh, Risāla 189: .بما تواتر وعلم أته من الدين بالضرورة، وهو ما في الكتاب وقليل من السنة في العمل […] Über eine ausführlichere Betrachtung ‘Abduhs zum Hadith siehe Juynboll, Authenticity 15–21.

BIBLIOGRAFIE
Primär:
– Ṣidqī, „Al-islām huwa al-qur’ān waḥdahu,“ Al-Manār 9 (1906), 515–24. Weil nicht jeder die Jahrgänge komplett hat, setze ich den Artikel hier online.
– Muḥammad ‘Abduh, Risālat al-tawḥīd, Cairo o.J. (Dār al-Ma’ārif, ca. 1970; Erstauflage war 1897).

Sekundär:
– G. H. A. Juynboll, The Authenticity of the Tradition Literature. Discussions in Modern Egypt, Leiden 1969, 23–9, und siehe den General Index.
– Umar Ryad, Islamic reformism and Christianity : a critical reading of the works of Muhammad Rashid Rida and his associates (1898-1935), Diss. Leiden 2008, ch. 1, 43–46, hier online.  Ryads Kap. 6 behandelt Ṣidqīs Widerlegung des Christentums.

Diakritische Zeichen: Ṣidqī, Ṭura, Muḥammad ʿAbduh, Rašīd Riḍā, al-ḥukm, nasḫ, maqāṣid aš-šarīʿa

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Das Kalifat, historischer Überblick

Arab khalīfa, Pl. khulafā’ = „Stellvertreter” oder „Nachfolger“. „Stellvertreter Gottes auf Erden“ nämlich: khalīfat allāh. Manchmal auch genannt: „Stellvertreter/Nachfolger des Propheten“: khalīfat rasūl allāh.
Der Kalif ist idealerweise das Staatsoberhaupt des islamischen Einheitsstaates.
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Trotz des Einheitsideals haben oft islamische Staaten nebeneinander existiert, wie auch unterschiedliche Kalifen. In der Neuzeit sind islamische Staaten rar geworden. Einige Kalifate waren:

  • Die ersten vier gewählten Kalifen      632–661         Medina (Kūfa)
    Umayyaden                                            661–750         Damaskus
    Abbasiden                                              750–1258       Bagdad
    Umayyadenkalifat in Spanien            756–1031       Córdoba
    Fāṭimiden (schiitisch)                           909–1171        Mahdīya, Kairo

Die Nachfolge Mohammeds war von Anfang an ein heißes Eisen. Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten geht zurück auf einen Meinungsunterschied über die Nachfolge.
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Söhne des Propheten
Hätte Mohammed einen Sohn gehabt, so hätte dieser seine Nachfolge angetreten. Die Überlieferung erwähnt drei Söhne des Propheten: Qāsim, ‘Abdallāh und Ibrāhīm, die alle sehr jung gestorben sein sollen. Über Ibrāhīm heißt es in einem Hadith: „[Ibrāhīm] starb als kleines Kind. Hätte Gott bestimmt, dass es einen Propheten nach Mohammed geben sollte, so wäre sein Sohn am Leben geblieben. Aber es gibt keinen Propheten nach ihm.“ 1 Interessanter für den Ursprungsmythos war Zaid [ibn Hāritha], den Mohammed bereits bevor er Prophet wurde adoptiert hatte. Später wurde mittels eines Koranverses die Adoption rückgängig gemacht, aber immerhin war Zaid fünfzehn, wenn nicht zwanzig Jahre Sohn und Erbe des Propheten gewesen. Zum Glück soll er vor dem Propheten verstorben sein, denn, so der Korankommentar des Muqātil: „Wäre Zaid Mohammeds Sohn [geblieben], so wäre er ein Prophet gewesen.“ 2
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Wessen Stellvertreter/Nachfolger?
Die Kalifen ließen sich durch die Jahrhunderte khalīfat Allāh, „Stellvertreter Gottes“ nennen, oder nā’ib allāh fī al-ard, „Stellvertreter Gottes auf Erden“ oder zill allāh fī al-ard, „Schatten Gottes auf Erden“ usw. Die Idee, dass sie nur weltliche Macht hatten, während die geistliche Macht anfangs in den Händen der Prophetengefährten und später der ‘ulamā’ , den Schriftgelehrten, lag, ist eine fromme, aber nicht uneigennützige Fantasie der Letzteren. Die ‘ulamā’ sind auch diejenigen, die sich ausgedacht haben, dass die ersten Kalifen sich als khalīfat rasūl allāh, „Stellvertreter des Propheten“ und ihre Nachfolger als khalīfat khalīfat rasūl allāh, „Stellvertreter des Stellvertreters des Propheten“ betitelt hätten, usw. Sehr unwahrscheinlich.
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Hat Mohammed einen Nachfolger bestimmt?
Der Prophet hat nach Auffassung der Sunniten niemanden als Nachfolger bestimmt. Nach Auffassung der Schiiten setzte er nach seiner Abschiedspilgerfahrt bei Ghadīr Khumm seinen Vetter und Schwiegersohn ‘Alī ibn abī Tālib ein, mit den Worten: „Derjenige, dessen maulā ich bin, dessen maulā ist ‘Alī.“ Lästig ist, dass nicht ganz klar ist, was maulā hier bedeuten soll. Etwas wie „Patron“?
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Nachfolger als was?
Meist sagt man: Mohammed konnte als Prophet keinen Nachfolger bekommen, nur als Staatsoberhaupt.
– Warum nicht auch als Prophet? Die Prophetie war doch immer in der Familie gewesen? In Koran 29:27 wird von Ibrāhīm gesagt:

  • „Wir schenkten ihm den Ishāq und Ya‘qūb und machten in seiner Nachkommenschaft die Prophetie und die Schrift [heimisch].“

In K 57:26 wird Noah mit einbezogen:

  • „Wir haben doch Nūh und Ibrāhīm gesandt und in ihrer Nachkommenschaft die Prophetie und die Schrift [heimisch] gemacht.“

– Die real existierenden Kalifen hätten bis ca. 850 nicht im entferntesten daran gedacht, sich ausschließlich als weltliche Herrscher aufzufassen. Ein Kalif war Stellvertreter Gottes auf Erden, höchster Richter, höchster Koraninterpret, seine sunna musste befolgt werden. Über ihn sangen die Dichter, dass er die Ernte gelingen ließ, für Regen sorgte, Recht und Gerechtigkeit etablierte — alles in der besten altorientalischen Tradition des Gottkönigs.
– Die späteren ‘ulamā’ machten einen Unterschied zwischen geistlicher und weltlicher Macht. Die Erben der geistlichen Autorität des Propheten waren seine Gefährten (ashāb), ihre Nachfolger und deren Nachfolger; und später — Sie erraten es schon — die ‘ulamā’. Die weltliche Macht überließen sie den Kalifen. Dass es im Islam keine Trennung zwischen geistlicher und weltlicher Macht gäbe, ist nicht richtig. Die Losung Der Islam ist Religion und Staat“ (al-islām dīn wa-daula) gerade mal hundert Jahre alt.
– Die Schiiten betrachteten das Kalifat oder das Imamat, wie sie es lieber nennen, immer als Gemisch aus weltlicher und geistlicher Macht.
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Die „rechtgeleiteten Kalifen“
Nach Mohammeds Tod haben erst vier gewählte Kalifen regiert, die von den Sunniten die „rechtgeleiteten Kalifen“ (al-khulafā’ al-rāshidūn) genannt werden. Ihre Hauptstadt soll Medina gewesen sein.

  • Abū Bakr as-siddīq 632–634
    ‘Umar ibn al­-Khattāb 634–644
    ‘Uthmān ibn ʿAffān 644–656
    ‘Alī ibn abī Tālib 656–661

Traditionelle sunnitische Auffassung: Abū Bakr, ‘Umar, ‘Uthmān und ‘Alī waren die ersten vier Nachfolger des Propheten. Sie hatten als Hauptstadt Medina, wenn ‘Alī auch in Kūfa residierte. Diese Periode sei die Blütezeit des Islams gewesen, so meint man; besser sei nur die Periode des Propheten selbst gewesen. Die Kalifen führten den idealen Islamstaat fromm und volksnah. Die Muslime konnten ihre sunna befolgen im Fall, dass der Prophet über ein gewisses Thema keine hinterlassen hatte. Sie konnten sich auch für nähere Verhaltensregeln an die Kalifen wenden, wenn der Prophet nicht alle Einzelheiten geklärt hatte.
– Für die Schiiten gab es nur einen rechtgeleiteten Kalifen: ‘Alī. Die anderen drei seien Usurpatoren gewesen, von ihnen wurde — und wird —abwertend gesprochen.
– Die traditionelle Orientalistik behielt das sunnitische Grundgerüst bei, vermochte aber das Paradiesische dieser Zeit nicht so recht einzusehen, weil drei von den vier „rechtgeleiteten Kalifen“ ermordet wurden und sich in dieser Periode auch der erste Bürgerkrieg des Islams abgespielt hat.
– Moderne Wissenschaftler sind immer öfter der Meinung, über die ganze frühe Periode lasse sich bei dem jetzigen Stand der Quellen nicht richtig Geschichte schreiben. Oft werden sogar die Jahreszahlen angezweifelt.
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Frühe Auffassungen über die Nachfolge
Nach dem Tod des Propheten gab es Gruppierungen, die je eigene Ideen zur Nachfolge und zur Macht hatten:
– Die frühislamische Elite: Die ersten Konvertiten, die frühesten Anhänger der neuen Bewegung mit großen Verdiensten für diese. Sie wünschten immer in eigenem Kreis zu bestimmen, wer nachfolgen sollte (shūrā). Aus dieser Gruppe waren wie von selbst die ersten vier Kalifen hervorgegangen, aber auch danach gab sie noch nicht gleich auf; das geschah erst nach ihrem Gegenkalifat (680–92) von Mekka.
– Die vorislamische Elite: die Sippe Umayya des Stammes ‘Abd Shams. Anfangs waren sie Gegner Mohammeds gewesen; sie schlossen sich ihm erst kurz vor seinem Tod an. Als sie als Umayyadendynastie die Macht übernommen hatten, praktizierten sie die Erbfolge innerhalb ihrer eigenen Sippe.
– ‘Alī und seine Partei, die Schiiten (shī‘a). Nach ihrer Meinung war ‘Alī vom Propheten als Nachfolger eingesetzt worden. Sie befürworteten die Erbfolge innerhalb der Familie des Propheten.
– Die Kharidjiten waren gegen Erbfolge und Klüngelei in Elitegrüppchen, sie wollten immer wieder feststellen, wer aus moralischer Sicht der beste Kandidat war. Der Kalif konnte abgesetzt werden, falls er enttäuschte.
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Die Umayyaden (661–750)
umayyadenkalief‘Alī hatte in stetem Konflikt mit Mu‘āwiya gelegen, der seit 642 de facto Herrscher in Syrien war. Nach ‘Alīs Tod übernahm sein Gegner im Jahr 661 das Kalifat. Mu‘āwiya gehörte zur Sippe Umayya, also zu der vorislamischen Elite, der auch Kalif ‘Uthmān (644–56) wie auch dessen Statthalter in den Provinzen schon angehört hatten. Die Sippe war es gewohnt, Macht auszuüben. Die Kalifen hatten absolute Macht, ihre sunna musste befolgt werden und die Nachfolge wurde durch Vererbung innerhalb der Sippe geregelt. Ihr Styling war das der persischen Herrscher, obwohl—oder vielleicht gerade weil— ihre Machtbasis Syrien eine oströmische Provinz gewesen war.
Unter dieser Dynastie wurde viel zustande gebracht:
– Eroberungen: Nordafrika, Spanien, Zentralasien.
– Konsolidierung der Macht in bereits besetzten Gebieten.
– Integration der Ostprovinzen des Römerreiches und des Persischen Reichs. Durch den Frieden und die verschwundene Grenze wurde jetzt viel Energie für den Wiederaufbau frei.
– Aufbau und Arabisierung der Verwaltung; ab 700 Siegeszug der arabischen Sprache.
– Herausgabe und Verbreitung des Koran; Entwicklung eines Rechtssystems (nein, noch nicht die Scharia).
– Aufbau einer (einer!) islamischen Identität. Als Symbol galt anfangs der achteckige Felsendom in Jerusalem, errichtet vom Kalifen ‘Abd al-Malik (691), gemeint als Zeichen der Abgrenzung von den Christen.
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Die Umayyaden fanden sich konfrontiert mit den drei bereits genannten Gruppen:
– die frühislamische Elite, die nach der Vernichtung des Gegenkalifats 692 ausstarb.
– die Shia, die man klein zu halten wusste.
– die Kharidjiten, die zu einem bedrohlichen Feind wurden.
Ab ca. 700 kamen noch zwei Faktionen dazu:
– Die „Leute der Sunna und der Gemeinde“ (ahl as-sunna wa ’l-djamā‘a), die an die Stelle der Sunna der Umayyadenkalifen die des Propheten Mohammeds stellen wollten, der die Kalifen sich zu unterwerfen hätten. Aus dieser immer mächtiger werdenden Oppositionsgruppe sollten später die Schriftgelehrten (‘ulamā’) hervorgehen.
– Die Abbasiden, die mittels eines perfiden Propagandakriegs und in Verbund mit den Schiiten und den ‘ulamā’ allmählich an der Machtübernahme arbeiteten: die Abbasidische Revolution.
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In der traditionell-islamischen Auffassung haben die Umayyaden einen ganz schlechten Ruf, und zwar aus religiösen Gründen. Nach der Blütezeit unter den Rechtgeleiteten Kalifen, so heißt es da, wurde der junge Islam von diesen Bösewichten gleichsam gekapert. Sie regierten selbstherrlich, wie Könige statt Kalifen. Sie machten die Herrschaft erblich, aber die Abstammung vom Propheten bedeutete ihnen nichts. Mu‘āwiya setzte seinen eigenen Sohn Yazīd als Nachfolger ein, und so ging es weiter. Sie griffen Mekka und Medina an und schossen die Ka‘ba in Brand; sie verwehrten Bekehrungswilligen zum Islam überzutreten; sie lebten gottlos, tranken Wein, feierten Orgien, hatten Bilder, sie waren tyrannisch und beuteten ihre Untertanen aus.
Kurzum, sie hielten sich nicht an die Sunna des Propheten, so meinte die Opposition — wenn auch um 710 noch niemand hätte sagen können, was das genau wäre. In schiitischen Augen waren sie noch schlimmer: Mu‘āwiya hatte ja ‘Alī bekämpft und dessen Sohn Husain ermordet!
Die Hälfte dieser vielen Vorwürfe mag zu Recht erhoben worden sein, aber Regierungen ohne Tyrannei gab es in der Antike nie, weder vor noch nach den Umayyaden. Die schlechte Presse haben die Umayyaden bekommen, weil die Texte über sie von einer Klasse verwaltet wurden, die ihnen feindselig gesonnen war: die oppositionellen ‘ulamā’. Mit etwas Mühe sind noch Texte auffindbar, die ein anderes Bild zeigen. Das der umayyadische Islamentwurf von dem späteren der ‘ulamā’ abwich, kann man ihnen schlecht übel nehmen.
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Die Abbasiden (750–1258(–1517))
– Die Abbasiden ließen ihre Verbündeten, die Schiiten und die ‘ulamā’, sofort nach der Machtergreifung fallen.
– Auch sie regierten anfangs als absolute Herrscher in ihrer neuen, durchaus kaiserlich anmutenden Hauptstadt Bagdad.
– Ab ca. 850 wurden sie durch die ‘ulamā’ in ihrer Macht beschränkt. Unter den Abbasiden wuchs deren Einfluss so sehr, dass die Kalifen fortan nicht mehr autokratisch regieren konnten. Sie mussten sich der Scharia, die ab 800 Gestalt anzunehmen begann, unterwerfen.
– Die Glanzperiode der Abbasidenkalifen war 945 vorbei, als schiitische Militärführer der Būyiden die eigentliche Macht in die Hände nahmen und der Kalif mitsamt seinem Hof nur noch eine zeremonielle Rolle spielen durfte. Nach hundert Jahren wurden die Schiiten wieder entmachtet, aber zu ihrer früheren Größe fanden die Kalifen nie mehr zurück. Fortan lag die wirkliche Macht bei Großwesiren (Staatsministern), Sultanen oder Generälen.
– Als 1258 die Mongolen Bagdad stürmten, wichen die Abbasidenkalifen nach Kairo aus, wo sie unter den Mamlukenherrschern, die eine Legitimation brauchten, noch fast drei Jahrhunderte eine rein zeremonielle Funktion ausübten—aber offiziell noch immer als Stellvertreter Gottes auf Erden (nāʾib Allāh fī ardihi).
– Mit der türkischen Besetzung Ägyptens im Jahr 1517 endete das Abbasidenkalifat endgültig.
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Die Osmanen. Europäischer Einfluss. Das Ende (1517–1924)
Als die Türken 1517 Ägypten eroberten, schafften sie das Abbasidenkalifat ab und überführten al-Mutawakkil III, den letzten Kalifen, nach İstanbul, wo er aber keine Aufgabe bekam. Er lebte noch sechsundzwanzig Jahre, wohl im Genuss einer Rente.
Der Kalifentitel war schon davor von türkischen Sultanen angenommen worden, wie genau ist nicht bekannt, aber er war nicht mehr als einer von vielen Titeln. Das änderte sich im 18. Jahrhundert. Die Europäer meinten oft, dass der Sultan-Kalif eine Art Papst sei, mit geistlicher Autorität über alle Muslime der Welt. Dem war nicht so, aber die Sultane ließen es sich gerne gefallen und ließen sich ab 1774 öffentlich Kalif nennen. Das hatte einen Anlass: Beim Frieden von Küçük Kaynarca verlor das Osmanenreich u.a. die Krim an Russland; als Kalif konnte der Sultan doch noch Einfluss auf die dort ansässigen Krimtartaren ausüben. Die apokryphe Erzählung, dass der letzte Kalif al-Mutawakkil seinen Titel dem türkischen Sultan Selīm I. übertragen hätte, wurde kurze Zeit später in Umlauf gebracht.5 So wurde der Sultan-Kalif als geistiges Oberhaupt aufgebaut. Im 19. Jahrhundert wohnten viele Muslime in von Kolonialmächten besetzten Gebieten und eine geistliche Stütze in İstanbul tat ihnen gut, während der Sultan so seinen diplomatischen Einfluss vergrößern konnte. In der Osmanischen Verfassung von 1876 heißt es: „Der Sultan, in seiner Eigenschaft als Kalif, ist der Beschützer der islamischen Religion.“ Er war nicht der Einzige, der Gläubige im Ausland schützte: Der russische Zar sah sich als Beschützer der orthodoxen Christen im Nahen Osten; Frankreich kümmerte sich um die dortigen Katholiken usw. Das Osmanenreich hatte kaum eine Kriegsmarine, deshalb wurde aus dem Beschützen nicht viel.
Atatürk schaffte im Rahmen seiner Modernisierung der Türkei 1922 erst das Sultanat ab, zwei Jahre später auch das völlig ausgehöhlte Kalifat.
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Versuche zur Neubelebung des Kalifats (1924–2014)
Die Abschaffung des Kalifats verursachte in vielen islamischen Ländern einen Sturm der Entrüstung, z.B. in Indien, aber auch in Ägypten, obwohl das Land sich politisch längst von der Türkei losgesagt hatte. Versuche das Kalifat wiederzubeleben, waren eher schäbig. Husain ibn ‘Alī, Scherif von Mekka und König des Hidschas, der sich 1924 sofort zum Kalifen ausrief, wurde von den Saudis besiegt und zum Abdanken gezwungen. Später wäre der ägyptische Köning Fārūq (reg. 1936–1952) gerne Kalif geworden, aber auch er wurde abgesetzt. 1984 ernannte sich an-Numairī im Sudan zum „Kalif Gottes auf Erden“; der Tālibān-Molla in Afghanistan Muhammad ‘Umar (reg. 1996–2001) ließ sich mit einem alten Kalifentitel „Fürst der Gläubigen“ nennen, und sogar Deutschland hatte seinen Kalifen: „Kaplan, der Kalif von Köln“. 2004 wurde er wegen Anstiftung zum Mord an einem „Gegenkalif“  in die Türkei abgeschoben, wo er zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Der neueste Kalif heißt Abū Bakr al-Baghdādī und hat sich 2014 im Irak und in Syrien als Oberhaupt des sog. „Islamischen Staates“ breit gemacht. Weil ein Kalif nach traditionell-sunnitischer Vorstellung immer ein Araber aus dem Stamm Quraisch, dem Stamm des Propheten, sein muss, hat er seinen Stammbaum schon revidiert: Er nennt sich jetzt u.a. al-Husainī al-Qurashī.
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Die Befürchtung der Islamhasserin Bat Ye’or und ihrer Gefolgschaft, dass demnächst in Europa ein Kalifat entstünde, ist unsinnig und verdient keine Aufmerksamkeit.

 

ANMERKUNGEN
1. Ibn Mādja, Djanā’iz 27
2. Muqātil ibn Sulaimān, Tafsīr, hrsg. A.M. Shihāta, 5 Bde., Kairo 1979,  iii, 498–9, zu Koran 33:40.
3.
4.
5. Lange Zeit galt d’Ohssons Tableau den Europäern als wichtige Auskunftsquelle über das Osmanische Reich. Offensichtlich hat dieser Autor Missverständnisse zum Kalifat in Europa verbreitet. Khalīfa und imām übersetzte er konsequent mit pontife, also ‘Hohepriester, Papst’; der Kalifenthron heißt bei ihm siège pontifical. Aber darin dürfte er nicht der Erste gewesen sein. Die Erzählung von der Übertragung des Kalifats (o.c. i, 269–70) stammt aber sicher von ihm.

BIBLIOGRAFIE    NOCH NICHT FERTIG@
– Arnold@@
– P. Crone und M. Hinds, God’s Caliph. Religious Authority in the First Centuries of Islam, Cambridge 1986.
– Ibn ‘Abd Rabbihī, al-‘Iqd al-farīd @@@
– [Ibn Ishaq, Sīra] in: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, […] Hg. F. Wüstenfeld, 3 dln., Göttingen 1858–60. In englischer Übersetzung: A. Guilaume, The Life of Muhammad, A Translation of Isḥāq’s (so!) Sīrat Rasūl Allāh, Oxford 1955.
– G. Lecomte, „Sakīfa“ in EI2.
– M. Lecker, “Siffīn” in EI2.
– Muqātil ibn Sulaymān, Tafsīr, 5 Bde., Hg. A.M. Shiḥāṭa, Kairo 1979.
– Ignatius Mouradgea d’Ohsson, Tableau Général de l’Empire Othoman, 7 Bde., Paris 1788-1824.

Diakritische Zeichen: ḫalīfa, ḫulafāʾ, Ḥāritha, ẓill allāh fī al-arḍ, Ġadīr Ḫumm, ʿĀlī ibn abī Ṭālib, šūrā, šīʿa, aṣḥāb, Isḥāq, Yaʿqūb, Nūḥ, aṣ-siddīq, ʿUmar ibn al­-Ḫaṭṭāb, ʿUṯmān, Ḥusayn, Ibn Māǧa, Ǧanā’iz, Djanā’iz, Ibn Isḥaq    Saḳīfa, Ṣiffīn, Shihāta

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Was nicht im Koran steht

Viele ungebildete1 Muslime behaupten irgendetwas und sagen dann zu Unrecht, dass es so im Koran steht. Ich bekomme auch Fragen, die anfangen mit den Wörtern: „Was sagt der Koran zu ….?“ Oft muss ich antworten, dass der Koran zu dem Thema gar nichts enthält; dann ernte ich ungläubige Blicke. Aber der Koran ist nun mal ein dünnes Buch.

Viele Missverständnisse über den Koran könnte man vermeiden, indem man ihn liest. Das ist aber nicht jedem vergönnt: Er ist ein schwieriger, altarabischer Text. Die entschiedensten Behauptungen über den Inhalt des Korans stammen von Menschen, die ihn nicht oder kaum gelesen haben oder sich nur auf ein paar ausgewählte Verse beschränken.
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Nichts
Zu den folgenden Themen „sagt“ der Koran gar nichts:

Die Scharia. Der Koran enthält eine Anzahl Rechtsregeln, die eine Grundlage der späteren Scharia bilden. Das Wort Scharia (sharī‘a) selbst steht einmal im Koran (K. 45:18), aber nicht in der modernen Bedeutung „Rechtssystem“; im Hadith übrigens genausowenig. Wie sollte es auch? Das Rechtssystem erreichte erst seit ± 800 seine volle Reife; bis es Scharia genannt wurde,  dauerte es noch länger.

– Das Kalifat. Das arabische Wort khalīfa, Pl. khulafā’, mit der Bedeutung „Stellvertreter, Nachfolger” taucht im Koran einige Male auf — aber nie in der Bedeutung von „Nachfolger Mohammeds” oder „Oberhaupt eines islamischen Staates”. Von zwei Propheten wird gesagt, dass Gott sie zum Kalifen machte: von Adam und David. In K. 2:30 heißt es:

  • Und damals, als dein Herr zu den Engeln sagte: „Ich werde auf der Erde einen Kalifen einsetzen,“ sagten sie: „Willst du dort einen einsetzen, der Unheil stiftet und Blut vergießt, wo wir dir lobsingen und deine Heiligkeit preisen?“

Aus dem Kontext wird klar, dass mit dem „einen“ Adam gemeint ist. Und in Vers 38:26 heißt es:

  • Dāwūd, Wir haben dich zu einem Kalifen auf Erden eingesetzt.

Was immer das Wort in diesen Versen bedeuten mag: Von Mohammed wird nie gesagt, Gott habe ihn zum Kalifen gemacht hat, geschweige denn von einem Menschen nach ihm. Jahrhundertelang haben Kalifen von sich behauptet oder behaupten lassen, sie seien Stellvertreter Gottes auf Erden. Im Koran findet das keine Unterstützung.

– Die Bestrafung im Grab, die Befragung durch die Engel Munkar en Nakir, eine Schlange im Grab, all das wird im Koran mit keinem Wort erwähnt. Allerdings im Hadith; siehe hier.

Märtyrer: Dass diese  sofort nach ihrem Tod ins Paradies kommen, wo zweiundsiebzig Jungfrauen als Belohnung warten — im Koran steht das nicht. Die einzig relevanten Verse hierzu sind 3:169–70:

  • Meine nicht, dass die, die im Kampf für Gottes Sache gefallen sind, tot sind! Nein, sie leben und ihnen wird bei ihrem Herrn Unterhalt beschert. Sie freuen sich über das, was Gott ihnen gibt von seiner Huld … usw.

Was in anderen Versen über die Wonnen im Jenseits erwähnt wird, fällt auch normalen Gläubigen zu. Märtyrer sind ein typisches Thema für Hadithe. Das mit den Jungfrauen könnte übrigens in einer großen Enttäuschung enden; siehe weiter hier.

Katzen und Hunde, darf man die als Muslim halten? Kein Wort steht darüber im Koran; siehe hier.

Das war natürlich nur eine Auswahl. Auch das Verbot, den Propheten abzubilden und das Beten fünf Mal am Tag stehen nicht im Koran.

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Unklar
Es gibt auch Themen, zu denen der Koran möglicherweise etwas aussagt, das aber nicht sehr klar tut. So zum Beispiel:

– Die Verschleierung der Frau wird, wie man behauptet, im Vers 24:31 thematisiert:

  • Und sage den gläubigen Frauen, sie sollen den Blick niederschlagen, ihre Scham (furūdj) keusch bedecken und ihre Zierde (zīna) nicht zeigen, außer dem, was davon sichtbar ist, und sie sollen ihre Tücher über ihren Kleiderausschnitt ziehen und ihre Zierde niemandem zeigen  außer ihren Ehemännern, ihren Vätern, Schwiegervätern, ihren Söhnen, Stiefsöhnen, ihren Brüdern, den Söhnen ihrer Brüder und ihrer Schwestern, ihren Frauen, ihren Sklavinnen, den männlichen Bediensteten, die keinen Geschlechtstrieb haben, und den Kindern, die noch nicht auf weibliche Geschlechtsteile (‘aurāṭ) achten. Sie sollen nicht mit den Füßen schlagen um auf ihre verdeckte Zierde aufmerksam zu machen.2

In groben Zügen sieht die hier empfohlene Frau aus wie meine Mutter und meine Schwester: Die schauen auch nicht frech aus der Wäsche und halten immer ihre Scham und ihre Brüste bedeckt — was ziemlich naheliegend ist. Ihren bescheidenen Schmuck zeigen sie freilich schon.
Aber auch Männer müssen ihren Blick niederschlagen und ihre furūdj bedecken (K. 24:30). Daraus ergibt sich, dass furūdj tatsächlich die Genitalien sind. Das Wort ‘aurāt ist weniger klar, aber offenbar ist es hier gleichbedeutend mit furūdj. Noch schwieriger ist zīna, „Zierde“. Und wieso wird die verdeckte Zierde bekannt, wenn eine Frau mit ihren Beinen schlägt —gegen einander, auf den Boden? Handelt es sich um klirrende Fußreifen? Hier herrscht für den unbefangenen Leser Unklarheit, aber natürlich nicht für die Exegeten, die immer alles wissen; dazu kommen wir gleich.

– Die Absonderung der Frau: Der einzige explizite Vers (33:53) handelt von den Frauen des Propheten, nicht von Frauen im Allgemeinen; siehe hier.

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Interpretationen
Es ist manchmal unerwartet schwierig, muslimischen Studenten den Unterschied klar zu machen zwischen dem, was im Koran steht, und dem, was Korankommentare dazu sagen. Oft ist es nur ein Kommentar, den sie zu Hause im Schrank stehen haben oder den der Imam zitiert hat; nicht selten ist es das Werk des dummen Ibn Kathīr (± 1300–73) — als hätten vierzehn Jahrhunderte Islam nichts Besseres gebracht!
Dabei ist es doch eigentlich nicht schwer. Eine Aussage steht entweder in Buch A (das grüne Buch mit „Koran“ auf dem Umschlag), oder zum Beispiel in Buch B (mehrbändig, mit braunem Einband, auf dem „Kommentar“ oder „Tafsīr“ steht). Die beiden Textsorten sind sogar physisch leicht auseinander zu halten.

Der Koranausleger at-Tabarī (gest. 923) beispielsweise hat sieben Seiten zum oben zitierten Vers 24:31 verfasst; er fand ihn bestimmt wichtig. Man findet dort tatsächlich Textkommentare, etwa zu dem Wort ihre Zierde: „Das sind Fußreifen, Armreifen, Ohrringe und Halsketten“. Das ist nüchterne Wissenschaft. Eine Frau könnte also demnach einfach den ganzen Schmuck auf der Straße gar nicht anziehen, sondern ihn in ihre Handtasche tun und sich dafür aber locker bekleiden. Aber so war es wohl nicht gemeint.
Daneben gibt es jedoch auch Dinge, die nichts mit den Versen zu tun haben. At-Tabarī fährt fort: „Der allgemeine Konsens ist, dass jeder, der das Gebet verrichtet, seine Scham bedecken soll und dass die Frau ihr Gesicht und ihre Arme beim Gebet bedecken soll und überdies ihren Körper verschleiern soll, außer dem, was der Prophet erlaubt hat, nämlich ihre Unterarme bis zur Hälfte.“ 3 Soll das wirklich Koranauslegung sein? Ein Bezug auf den kommentierten Vers ist kaum vorhanden.
Wenn der Koran für jemanden ein heiliger Text ist, muss dann der Kommentar eines späteren Muslims, der seit mehr als tausend Jahren tot ist, das auch sein? Schwieriger ist es mit dem Spruch des Propheten, den der Kommentar erwähnt; der ist ja für Muslime verbindlich. Aber er stammt aus einem Hadith und kommentiert hier nicht den zitierten Vers.
Wenn etwas nicht im Koran steht, ist es deshalb nicht unislamisch. Aber es wäre schön, wenn man zumindest die Textgattungen auseinander halten könnte: Koran, Auslegung (tafsīr) und Hadith.

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An den Haaren herbeigezogen
Schließlich gibt es Themen, über welche Muslime gerne etwas im Koran lesen würden, die dort aber mit keinem Wort erwähnt werden. In solchen Fällen wird oft ein Vers genommen und so interpretiert, dass es scheint, als stünde doch etwas darin.
Die oben erwähnte Bestrafung im Grab zum Beispiel wird gerne in Vers 40:11 erkannt: „Sie sagen: Unser Herr, Du hast uns zweimal sterben lassen und zweimal lebendig gemacht.“ At-Tabarī hat unter den ihm bekannten Auslegungen auch diese bewahrt: „Sie starben in dieser Welt und wurden im Grab auferweckt; dann wurden sie befragt oder zur Rede gestellt; dann starben sie in ihrem Grab und wurden im Jenseits nochmals auferweckt.“ Ob aber der Vers dies wirklich aussagen soll, lässt sich nicht nachweisen.

Und noch weitere Tricks werden angewandt: der bekannteste ist der mit dem Vers zur Steinigung. Über die Steinigung steht kein Wort im Koran. Man behauptet aber, es habe dazu einmal einen Vers gegeben:

  • Wollt nicht etwas anderes als eure Väter, denn das ist Unglauben in euch. Wenn [sogar] ein bejahrter Mann und eine bejahrte Frau Unzucht treiben, steinigt sie auf jeden Fall, als Strafe Gottes. Gott ist mächtig und weise.4

Dieser Vers soll „abgeschafft“ (mansūkh) worden sein. In diesem Fall ist sein Wortlaut abgeschafft: Er steht nicht im Koran, aber die darin enthaltene Rechtsregel ist noch gültig, denn in den Hadithen ist von Steinigung durchaus die Rede. Die Abschaffung ist eine lästige Sache, die einen Sonderbeitrag braucht.

 

ANMERKUNGEN
1. Ich meine natürlich ungebildet im Umgang mit alten Texten. Jemand kann Installateur sein, Bäcker, Pflegekraft, Ingenieur oder Arzt, aber zugleich sehr naiv, ja nahezu Analphabet sein, wenn es auf Textverständnis ankommt. Solche Menschen sind oft willige Opfer der häufig ebenfalls schlecht ausgebildeten islamischen geistigen Führer.
2. Ich habe die lange Auflistung der Verwandten hier klein gedruckt um nicht von der Kleidung abzulenken.
3. Man würde meinen, dass auch die Handgelenke bedeckt sein müssen, damit die Armreifen unsichtbar bleiben. Aber nein, da ist der Konsens ganz pragmatisch: Um Arbeiten im Haushalt zu ermöglichen, wie z.B. Teig kneten, dürfen die Unterarme bis zur Hälfte sichtbar sein.
4. لا ترغبوا عن آبائكم فانه كفر بكم. والشيخ والشيخة إذا زينا فارجموهما البتة نكالا من الله والله عزيز حكيم . Ibn Isḥāq, Sīra 1015, aṭ-Ṭabarī, Ta’rīkh i, 1821, Mālik ibn Anas, Muwaṭṭaʾ, Ḥudūd 10, Ibn Sa‘d, Ṭabaqāt, Hrsg. Sachau iii, i blz. 242 e.a.; Th. Nöldeke in Geschichte des Qorans, Bd. 1, Leipzig 1909, 248–9.

Diakritische Zeichen: ḫalīfa, ḫulafāʾ,  furūǧ, ʿaurāt, Ibn Kaṯīr , aṭ-Ṭabarī, mansūḫ, Ibn Isḥāq, aṭ-Ṭabarī, Tarīḫ, Muwaṭṭaʾ, ḥudūd, Ṭabaqāt

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Das Schwert des Islams

Kennen Sie die Vorstellung, dass Mohammed und nach ihm die Muslime den Islam „mit dem Schwert in der einen Hand und dem Koran in der anderen” verbreitet hätten? Sie geht zurück auf den britischen Historiker Edward Gibbon, der 1781 schrieb:1

  • […], mit dem Schwert in der einen Hand und dem Koran in der anderen errichtete Mohammed seinen Thron auf den Ruinen des Christentums und Roms.

Hier muss man das Schwert und das Buch nicht wörtlich nehmen, genau so wenig wie die Ruinen: Es handelt sich um eine bildliche Darstellung. Aber etwas weiter im selben Kapitel ließ Gibbon sich bei seiner Beschreibung des Martyriums von Alīs Sohn Husain bei Kerbela wohl von seiner eigenen Bildersprache mitreissen:

  • Am Morgen des Schicksalstags stieg er auf sein Pferd, mit dem Schwert in der einen Hand und dem Koran in der anderen […]

Dieser Satz liest sich, als habe Husain sich an seinem Todestag wirklich mit diesen Attributen in den Sattel geschwungen. Anzunehmen ist aber, dass er nur sein Schwert bei sich trug. Den Koran als Taschenbuch gab es noch nicht.
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dOhssonOffensichtlich besaß auch D’Ohsson ein Exemplar von Gibbons Werk. Der Armenier war Dolmetscher des schwedischen Botschafters im Osmanenreich gewesen und wohnte lange in Paris. Sein Buch über das Reich2 hat in Europa viel Kenntnis und Unkenntnis über die Türkei und den Islam verbreitet. Und siehe da: Auf der Titelseite seines Werks hat er Gibbons Vorstellung wörtlich genommen. Man erkennt dann gleich, wie unsinnig die ist: Der Koran existierte noch gar nicht als Buch —und überdies: Welcher Muslim würde ihn in die linke Hand nehmen? Abgesehen davon, dass es wohl eher lästig wäre, so zu kämpfen. Hinter dem Propheten stehen denn auch Herren mit Turbanen, die die Tätigkeiten unter sich aufgeteilt haben: Die eine Hälfte beschäftigt sich mit der Schrift, die andere fuchtelt wenig überzeugend mit Schwertern herum. Links ist die Ka‘ba zu sehen, auf dem Dach die Götzenbilder, die es zu zerstören galt. Laut Überlieferung befanden sich diese Statuen in der Ka‘ba, aber das macht sich auf einer Abbildung nicht so gut.
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MahomethSchon erheblich früher hatte der niederländische Graphiker Romeyn de Hooghe (1645–1708) Mohammed auf einem Kupferstich dargestellt — mit einem Schwert in der rechten Hand und einem Schreibstift in der linken.3 Der Künstler drückte ihm diese Attribute in die Hand, genau so, wie man es von Abbildungen christlicher Evangelisten, von Aposteln und Heiligen gewohnt war — wenngleich diesen die Dynamik der Mohammed-Darstellungen fehlt. Konkret bezog de Hooghe sich wohl auf den Stift, der im Koranvers 96:4 erwähnt wird. Vielleicht schwang auch die Vorstellung mit, dass Mohammed den Koran selbst geschrieben habe, wie man früher in Europa glaubte. Im Laufe des 18. Jahrhunderts hat sich der Stift dann zu einem Buch weiterentwickelt. 
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Bei einer bloß oberflächlichen Suche habe ich noch etwa zehn westliche Abbildungen des Propheten gefunden, zwei davon nur mit Schwert und eine mit Schwert und Buch. Allzu unentbehrlich scheint das Attribut doch nicht gewesen zu sein.
Jemand hat mich darauf hingewiesen, dass sowohl Gibbon als auch d’Ohsson Freimaurer waren. Könnte es sein, dass es eine freimaurerische Tradition war, Mohammed mit besagten Attributen abzubilden? Das ist auf die Schnelle schwer zu sagen.4

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RegnaultExécutionWie dem auch sei: Ganz unabhängig vom Propheten hat das Schwert des Islams seit Jahrhunderten eine Rolle in europäischen Vorstellungen gespielt. Europa hatte ja insgesamt eine negative Vorstellung von der islamischen Welt, obwohl man dort immer gerne die schönen Textilien und köstlichen Gewürze kaufte. Es gab die Erinnerung an die reale militärische Bedrohung durch die Araber im frühen Mittelalter und durch das starke Osmanenreich bis etwa 1700. Im 18. Jahrhundert war die Bedrohung gewichen und das Orientbild wurde positiver. Die orientalischen Herrscher konnten ja sogar den absolutistischen Fürsten Europas als Beispiel für Toleranz und Aufklärung entgegengehalten werden (Lessing). Im 19. Jahrhundert, als die Kolonialmächte sich die Welt untertan machten, verschlechterte das Bild sich wieder. Edward Said hat 1978 in seinem epochemachenden Buch Orientalism gezeigt, dass die europäischen Vorstellungen sogar mit Absicht verzerrt wurden um das Herrschen zu erleichtern. Der Orient sollte schön exotisch, aber auch rückständig und antiquiert sein und dazu noch unvorstellbar grausam. Orientalische Despoten mussten nur mit den Fingern schnippen und schon wurde jemand standrechtlich geköpft, natürlich malerisch mit einem Schwert, wie auf dem Gemälde Regnaults.5 Der so kreierte Orient bescherte dem Betrachter ständig ein wohliges Schaudern: Angstlust. Bilder von Arabern, die mit Schwertern um sich schlagen, sind in dem europäischen Gedächtnis wie eingebrannt.
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Natürlich verwendeten die alten Araber und die frühen Muslime tatsächlich Schwerter; das waren damals überall gängige Waffen. Aber später stiegen sie auf modernere Hinrichtungsmethoden um, wie alle anderen auch. Im Osmanenreich, das ja auch Syrien und den Irak umfasste, hat man seit Mitte des 19. Jahrhunderts nur noch durch Erhängen hingerichtet.6 Die Todesstrafe mittels Enthäuptung ist in der hanafitischen Rechtsschule auch gar nicht vorgesehen. Die Rechtsbücher der Hanbaliten dagegen, denen sowohl die Saudis wie die irakisch-syrische Terrorgruppe „Islamischer Staat“ folgen, schreiben das Schwert vor. In Saudi-Arabien wird in der Tat mit dem Schwert hingerichtet, aber seit wann? Der Staat existiert ohnehin erst seit 1932. Es gibt im Königreich nur wenige gute Scharfrichter, weshalb man dort das Erschießen bevorzugt.
Wahrscheinlich hat man sowohl in Saudi-Arabien wie auch im „Islamischen Staat“ irgendwelche Prophetenüberlieferungen neu beleben wollen, was einer re-invented tradition gleichkommt. Solchen Hadithen zufolge hat der Kalif Umar (reg. 634–44) dem Propheten mehrmals vorgeschlagen jemandem den Kopf abzuschlagen. Zu der Zeit war das noch nicht exotisch.

reelbadarabsIch vermute aber, dass der IS mit seinen Schwertern — mehr noch als auf Hadithe — auf die orientalistische Bildertradition im „Westen“ Bezug nimmt und sie medial ausnutzt. IS-Kämpfer lassen sich gerne mit Schwertern ablichten. Vielleicht werden die auch bei Hinrichtungen benutzt, obwohl das Bildmaterial oft irgendwie unecht wirkt. Ich habe mir die Filme dieser Hinrichtungen nicht so genau angesehen, und schon gar kein zweites Mal. Vielleicht habe ich hier oder da ein Schwert erkannt, wo nur ein Fleischermesser war. Das bewiese dann, dass auch ich darauf progammiert bin, Muslime mit Schwertern zu sehen. Welcher von den Terroristen hat wirklich jemanden mit einem Schwertschlag geköpft? Köpfen will gelernt sein und man braucht dazu viel Körperkraft. Es verlangt äußerste Konzentration, bis es bei laufender Kamera mit einem Mal gelingt.

So oder so, der IS will die jahrhundertealte Bildkraft des Schwertes nutzen; man weiß dort sehr wohl, dass Muslime mit Schwertern uns seit Jahrhunderten gruseln lassen. Es ist ein weiteres Beispiel dafür, wie Muslime sich selbst nach Vorbildern inszenieren, die von „orientalistischen“ Europäern stammen. Der „Westen“ bekommt damit genau die Muslime, die er sich vorstellt. Natürlich ist das Schwert nur ein Aspekt dieses Stylings. Mit dem finsteren Mittelalter hat das Ganze auf jeden Fall nicht so viel zu tun.

Vielleicht sollte jemand einmal der Frage nachgehen, warum archaische Tötungsweisen wie Köpfen oder Steinigen bei uns Entsetzen und Fassungslosigkeit auslösen, während das Morden mit Maschinengewehren und Drohnen als alltäglich hingenommen wird.

 

ANMERKUNGEN
1. Edward Gibbon, The Decline And Fall Of The Roman Empire, Bd. 3, London 1781, Kap. 50: […] „Mahomet, with the sword in one hand and the Koran in the other, erected his throne on the ruins of Christianity and of Rome,“ und „On the morning of the fatal day, he mounted on horseback, with his sword in one hand and the Koran in the other… .“
2. Ignatius Mouradgea d’Ohsson, Tableau Général de l’Empire Othoman, 7 Bde., Paris 1788-1824.
3. In Gottfried (Godfried) Arnold, Historie der kerken en ketteren van den beginne des Nieuwen Testaments tot aan het jaar onses Heeren 1688, Bd.1, Amsterdam 1701, S. 469. Ich danke dem niederländischen Historiker Martin Hillenga für den Hinweis. Eine hochauflösende Reproduktion steht hier.
4. De Hooghe kann noch kein Freimaurer gewesen sein, da die erste Loge in den Niederlanden erst 1734 eröffnet wurde.
5. So auch wieder in Sacha Baron Cohens Film The Dictator (2012).
6. Adolf Heidborn, Manuel de droit public et administratif de l’Empire Ottoman, 2 Bde., Wien 1909–1912, i, 370.

Diakritische Zeichen: Ḥusain ibn ʿAlī, Karbalāʾ, ʿUmar

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Unbegleitete Begleiterin

Vielleicht haben Sie auch den weltweit verbreiteten Bericht gelesen, den ich hier von einer österreichischen Webseite zitiere:

  • Kritik an unbegleiteter Stewardess: Saudi musste Flugzeug verlassen
    Riad – Ein strenggläubiger Muslim hat in Saudi-Arabien ein Flugzeug verlassen müssen, weil er nicht mit unbegleiteten Frauen in der Maschine sein wollte. Während eine Stewardess Sicherheitsvorkehrungen erläuterte, kritisierte der Saudi, dass sie ohne einen männlichen Verwandten unterwegs war. Wie die saudische Zeitung „Okaz“ am Dienstag berichtete, sagte der Passagier: „Ich bin dagegen, dass dieses Flugzeug abhebt, bevor nicht alle Frauen, die ohne einen männlichen Verwandten reisen, ausgestiegen sind.“
    Nach dem in Saudi-Arabien geltenden islamischen Recht sollen Frauen in Begleitung ihres Ehemannes oder eines nahen männlichen Verwandten reisen. Allerdings hatte ein Religionsgelehrter, der König Abdullah berät, dieses Verbot eingeschränkt und Flugreisen davon ausgenommen, solange ein Verwandter die Frau am Zielort abholt.
    Die Fluggesellschaft folgte nicht der Argumentation des aufgebrachten Passagiers. Er und sein Sohn wurden von Sicherheitsleuten mit Gewalt aus der Maschine gebracht, die dann mit zwei Stunden Verspätung von Dschidda nach Dammam flog. (APA, 12.3.2013)

Es ist nicht meine Gewohnheit hier Berichte aus den Mischnachrichten zu übernehmen, und schon gar nicht, wenn die Veröffentlichung bezweckt beim Leser ein Gemisch aus Häme und Gruseln vor wieder so einem bekloppten Muslim hervorzurufen, was oft die Absicht solcher Artikel ist.
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Mir gefiel der Bericht vielmehr, weil er mal wieder zeigt, wie leicht die saudische Version der Scharia außer Kraft gesetzt wird, wenn das so passt.
Der erboste Fluggast hat aus Sicht der Scharia Saudi style nämlich vollkommen Recht. Frauen dürfen ohne Begleitung eines männlichen Verwandten nicht reisen, und das wird im Königreich meist sehr ernst genommen. Die Existenz unbegleiteter Flugbegleiterinnen ist also theoretisch unmöglich. Trotzdem gibt es sie: sowohl bei Saudi Arabian Airlines wie bei Nas Air, und nicht nur Ausländerinnen. Vielleicht von Seite des Königs ermutigt wird der betreffende Mufti gedacht haben: Flugbegleiterinnen begleiten zu lassen ist irgendwie unpraktisch und sinnwidrig; das machen wir nicht.
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Es gibt mehr Regeln, die nicht eingehalten werden. Beim Autofahren sitzt eine Frau oft alleine mit einem nichtverwandten männlichen Fahrer in einem Wagen, was ebenfalls regelwidrig ist. So lange eine Frau nicht selbst fahren darf, lässt sich das wohl nicht vermeiden. Ein kleines Entgegenkommen an die Sittsamkeit und die Verkehrssicherheit (ja, doch!) ist dann manchmal das Abschrauben des Innenspiegels.
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Vor mehr als einem Jahrhundert kippte das Verbot von Abbildungen von Lebewesen. Sobald die Photographie in der arabischen Welt erschien, fand man sie viel zu verführerisch um sie zu verbieten. Seitdem haben auch die frommsten Prediger sich ablichten lassen.
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Ohne Zweifel lässt sich nachschlagen, welche spitzfindigen Argumente jeweils angewandt wurden um alte, islamisch inspirierte Regeln zu entschärfen, aber das ist nicht mal so wichtig. Hauptsache ist, dass die Abschaffung solcher Regeln auch in Saudi-Arabien gegebenenfalls schnell und schmerzlos über die Bühne geht. Das macht Hoffnung auf eine zunehmende Modernisierung des noch immer sehr steifen Landes.

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