Wikipedia — Bamberger Islam-Enzyklopädie

Die Wikipedia ist im Allgemeinen nicht als wissenschaftliches Nachschlagewerk zu betrachten. Bei islamischen Themen gibt es große Qualitätsunterschiede. Manche Artikel sind hervorragend, andere sind unwissenschaftlich, sektiererisch oder missionierend.

Nun hat Prof. Patrick Franke in Bamberg eine Initiative namens Bamberger Islam-Enzyklopädie gestartet. Es geht ihm darum „ein neues umfassendes islambezogenes Nachschlagewerk in deutscher Sprache aufzubauen, das einerseits die Qualitätskriterien einer Fachenzyklopädie erfüllt, andererseits aber in die populäre Online-Enzyklopädie Wikipedia integriert ist und die einzigartigen technischen Möglichkeiten dieses Mediums nutzt.“

Zum Auftakt hat er seine eigenen Wikipedia-Artikel darin untergebracht, zweihundert an der Zahl. Er hofft, dass viele Fachkollegen ihm in dieser Initiative folgen werden.

Diese Islam-Enzyklopädie empfehle ich Ihnen sehr gerne. Sie finden dort also Wikipedia-Artikel, deren wissenschaftlicher Standard garantiert ist.

Dem neuen Projekt wünsche ich ein gutes Gelingen.

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Was suchen Sie im Islam?

Diese als Blog vorprogrammierte Webseite bietet mir die Möglichkeit die Suchbegriffe zu sehen, durch welche die Leser hier landen. Dabei fällt auf, dass viele Menschen etwas „im Islam“ suchen. Im Islam, wo immer das auch sein mag, ist alles offensichtlich ganz anders als anderswo. Vor allen Haustiere sind das, denn die werden bei mir weitaus am meisten gesucht. An erster Stelle kamen die „Katzen im Islam“ und halb so oft die Hunde. Manchmal speziell „schwarze Hunde“—dazu gibt es tatsächlich einen Hadith.

Es ist bekannt, dass es Hunden und vor allem Katzen Wurst ist, ob sie „im Islam“ sind oder außerhalb—aber den Herrchen und Frauchen offensichtlich nicht. Einige Male wurde die Frage zugespitzt: sind sie erlaubt oder verboten? Einige Male wurde auch nach der Bedeutung der Katze bzw. des Hundes im Islam gesucht. Was damit gemeint ist, verstehe ich nicht.
Viel weniger häufig war die Suche nach „Schlangen im Islam“.

Sehr populär waren auch „Martyrer im Islam“ und „das Grab im Islam“, bzw. die „Bestrafung” oder „Befragung im Grab”.

Weniger oft wurde „Paradies” und/oder „Hölle im Islam” gesucht, noch seltener „platonische Liebe im Islam” und „Lachen im Islam”. Und weiter gar nichts. Niemand hat „die Frau im Islam“ gesucht. Vor dreißig Jahren wollte jede dritte Studentin dazu eine Hausarbeit schreiben, aber das Interesse an dem Thema hat sich offenbar erschöpft.

Viel seltener als „im Islam“ wurde etwas „im Koran“ gesucht. Die Suchbegriffe geordnet nach Häufigkeit: „Märtyrer“; die *„Jungfrauen für die Märtyrer“; „Ungläubige“; „Beschreibung Paradies und Hölle“; „das Gebet“, *„Katzen“; „das Grab und die *Bestrafung darin“; *„Haut abziehen“. Aber alles nur wenige Male. Die Themen mit Sternchen hat man übrigens vergebens gesucht; die stehen nicht im Koran.

Als lustigsten Suchbegriff überhaupt empfand ich „burka + hund“. Ich kann mir durchaus einen Mops mit Burka vorstellen, aber „im Islam“ ist der nicht vorgesehen.

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Marmelade und Käse für Muslime

Ein erfreulicher Bericht im Fernsehen: Ein älterer Arzt, ein Witwer vielleicht, hatte einen jungen, schon früher aus Syrien geflohenen Zahnarzt bei sich aufgenommen und half ihm beim Alltag, mit der Sprache und beim Studium, das er brauchte um sein Zeugnis anerkannt zu bekommen. So soll es gehen. Der ältere Mann erzählte, dass das Zusammenleben problemlos ablief. Allerdings hatte sich der Inhalt des gemeinsamen Kühlschranks geändert: kein Schweinefleisch mehr, dafür Lamm und Geflügel, aber das fand er in Ordnung. Das würde ich auch finden: vielleicht mal öfter ein Perlhuhn essen. Leicht amüsiert erzählte der Arzt noch, dass sein neuer Mitbewohner keine Erdbeermarmelade essen wollte, weil diese Gelatine enthalte, die womöglich aus Schweineknochen hergestellt worden sei.
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Anders als dieser Gastgeber fand ich Letzteres nicht amüsant, sondern vielmehr lächerlich. So ein Meckerarsch. Ja, solche Haarspalter gibt es, in allen Religionen und Weltanschauungen, also auch unter Muslimen. Es gibt sogar einen Markt für halāl Katzenfutter.1
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Als ich über das Zahnholz des Propheten arbeitete, lernte ich solche Typen auch kennen. Am Anfang des neunten Jahrhunderts war eine aktuelle Frage, ob der Gebrauch eines Zahnholzes (siwāk) im Fastenmonat erlaubt sei. Beim Kauen darauf—denken Sie an so etwas wie Süßholz—kommt ja Wasser in den Mund, und wenn man das herunterschluckt, kommt das nicht Trinken gleich, was tagsüber nicht erlaubt ist? Und der feste Stoff im Hölzchen, ist das nicht Nahrung? Man bedachte aber, dass der Gebrauch eines trockenen Zahnholzes doch nicht schaden könne, und damit konnte man ziemlich fanatisch sein:

  • Abū Huraira sagte: Ich habe heute, während ich fastete, meinen Mund zweimal mit einem Zahnholz bluten lassen.2

Anders gesagt: er benutzte ein trockenes Hölzchen. Ein frisches, von Natur aus feuchtes oder ein eingeweichtes Hölzchen hätte ja sein Zahnfleisch nicht bluten lassen. Nach frommer Auffassung war es aber nicht richtig, im Ramadan ein Zahnholz in Wasser einzuweichen. Das würde ja Wasser von außerhalb in den Mund bringen, wie etliche Hadithe warnen. Aber es gab auch Leute, die offensichtlich von dem ganzen Palaver genug hatten:

  • Ibn ‘Umar sagte: Einem Fastenden kann weder ein feuchtes noch ein trockenes Zahnholz schaden.3

Des Weiteren ging man noch der Frage nach, wie oft der Gebrauch eines Zahnholzes während des Fastens erlaubt sei. Zweimal am Tag, heißt es meist in den Hadithen, und es schadet nicht, das kurz vor dem Fastenbrechen zu tun. Und sollte man es vor dem Gebet anwenden oder vielmehr danach? Auch diese Frage erzeugte wiederum eine Anzahl Hadithe.

Aber es gab auch eine Gegenrichtung, die einfach keine Lust hatte auf die ganze Problematik:

  • ‘Abdallāh ibn ‘Āmir überliefert von seinem Vater: Ich habe unzählige Male gesehen, wie der Prophet das Zahnholz anwendete, während er fastete.4

Und einer Frau des Propheten wird eine ganz entspannte Haltung zugeschrieben:

  • Maimūna bint al-Ḥārith, die Frau des Propheten, ließ ihr Zahnholz zum Einweichen im Wasser stehen. Wenn Arbeit oder das Gebet sie ablenkte, [vergaß sie es]; ansonsten nahm sie es und benutzte es.5

Haarspalter gab es also schon früh,6 aber andere Muslime boten Paroli—ebenfalls mittels Hadithen.

Dann erinnerte ich mich an Michael Cooks Artikel über persischen Käse. Darin stand ein lustiger Hadith, der aus der Zeit von Mohammeds Eroberung von Mekka stammen soll. Eine arbeitsreiche Periode, ohne Zweifel; trotzdem fand der Prophet noch Gelegenheit einen Käse zu begutachten:

  • Von Abū Dāwūd at-Tayālisī […] von Ibn ‘Abbās: Als der Prophet Mekka eroberte, sah er einen Käse. Er fragte, was das sei; man antwortete ihm, es sei ein Nahrungsmittel, das im Land der Perser (arḍ al-‘adjam) hergestellt werde. Darauf sagte der Prophet: „Steckt das Messer rein, nennt den Namen Gottes und esst ihn!“7

Gab es im alten Mekka einen Feinkostladen, der persischen Käse verkaufte? Natürlich nicht; der ganze Hadith ist eine Erdichtung wie die meisten, und in diesem Fall eine sehr ungeschickte, weil der Wahrscheinlichkeit nicht Genüge getan worden ist. Muslime lernten selbstverständlich nicht in Mekka, sondern erst im Irak und in Iran persischen Käse kennen, als sie diese Länder erobert hatten. Aber der Text hat einen sympathischen Tenor: nicht meckern über ausländische Nahrungsmittel, einfach essen!

Was hätte an dem Käse denn falsch sein können? Nun, um die Milch gerinnen zu lassen wurde das Lab (minfaḥa) eines Kalbs benötigt. Dies konnte nur einem toten Tier entnommen werden—und man wusste ja nie, ob das Tier richtig geschächtet worden war! Über dieses Thema hatten jüdische Rabbiner kurz vor at-Tayālisī ausführlich diskutiert, ebenfalls im Irak. Berichte dazu sind im babylonischen Talmud niedergelegt worden. Für sie war ungläubiger Käse tatsächlich nicht hinnehmbar. Auch aus islamischer Sicht konnten zoroastrische Perser nicht rituell schlachten; ihr Käse hätte theoretisch für Muslime ebenfalls verboten sein sollen. Aber diese Auffassung versucht dieser Hadith gerade zu entkräften: Der Prophet fand nichts dabei! Das passt in die ganze Gedankenwelt des Islams: Die islamischen Speisegesetze sind generell lockerer als die jüdischen; bereits im Koran ist das so. Die Aussage zum Käse soll der Prophet spät in seinem Leben gemacht haben, so dass er sie kaum noch widerrufen konnte—tatsächlich, auch solche Aspekte wurden von Hadithverfassern berücksichtigt.
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Der oben erwähnte Zahnarzt hätte auch über das Käseproblem grübeln können. Vielleicht würde er sogar in einer Zeitschrift wie Islamic Medicine „wissenschaftlich“ untermauert schreiben, dass Marmelade und Käse aus nichtislamischer Herstellung schlecht für das Gebiss sind. Derartige Artikel gibt es wirklich. Aber zum Glück gibt es immer die viel breitere Gegenströmung: Nicht meckern, der Prophet sah kein Problem und Gott ist kein Korinthenkacker.

In den Worten eines anderen, breit überlieferten Hadiths:

  • Der Prophet hat gesagt: Macht es leicht und nicht schwierig; erfreut [die Menschen] und schreckt sie nicht ab!8

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BIBLIOGRAFIE
– Michael Cook, Magian Cheese: An Archaic Problem in Islamic Law, BSOAS 47/3 (1984), 449–467.
– Wim Raven, The Chewstick of the Prophet in Sīra and hadīth, in: Islamic Thought in the Middle Ages. Studies in Text, Transmission and Translation, in Honour of Hans Daiber, Hrsg. Anna Akasoy und Wim Raven, Leiden/Boston 2008, 593–611. Hier online.

ANMERKUNGEN
1. Der Prophet hat nie gesagt, dass Katzenfutter halāl sein soll; zu seiner Zeit fraßen Katzen noch selbst gejagte kleine Tiere und Küchenabfälle. Katzen haben ohnehin keine Ahnung von halāl und harām. Das Problem ist wohl, dass die Herrchen und Fräuchen beim Öffnen einer gängigen Dose Katzenfutter mit nicht korrekt geschächtetem Fleisch oder gar Schw…. in Berührung kommen könnten. The horror! The horror!


2. ‘Abd al-Razzāq as-San‘ānī, Musannaf iv, 7486:

عبد الرزاق – معمر – قتادة – أبو هريرة: قال لقد أدميْتُ فمي اليوم [وأنا] صائم بالسواك مرّتين.

3. Ibn Abī Shaiba, Musannaf xxx, 37/3:

علي بن الحسن بن شقيق – أبو حمزة – ابراهيم الصائغ – نافع – ابن عمر: قال لا بأس ان يستاك الصائم بالسواك الرطب واليابس.

4. ‘Abd al-Razzāq al-Ṣan‘ānī, Musannaf iv, 7484; Ibn Abī Shayba, Musannaf xxx, 35/1:

عبد الرزاق – الثوري – عاصم بن عبد الله بن عبيد الله بن عاصم – عبد الله بن عامر بن ربيعة – أبيه: رأيت رسول الله ص يستاك وهو صائم ما لا أُحصي.

5. Ibn Abī Shaiba, Musannaf i, 170/20:

ابن أبي شيبة – كثير بن هشام – جعفر بن برقان – يزيد بن الأصم: كان سواك ميمونة ابنة الحارث زوج النبي صلعم منقعًا في ماء فإن شغلها عنه عملٌ أو صلاةٌ والاّ فأخذته واستاكت.

6. Die zitierten Hadithe stammen aus Quellen, die im Schnitt um ein halbes Jahrhundert älter sind als die unter Muslimen hochgeschätzten „kanonischen“ Hadithsammlungen.
7. Al-Baihaqī, Sunan 10:6.6; at-Tayālisī, Musnad Nr. 2684.

… النبي ص لما كان فتح مكة رأى جبنة فقال: ما هذا؟ قالوا: طعام يصنع بارض العجم. قال فقال رسول الله ص: ضعوا فيه السكبن واذكروا اسم الله وكلوا !

Anderen Quellen zufolge soll der Prophet den Käse in Tā’if oder Tabūk gesehen haben; es blieb aber ein persischer Käse (min ard Fāris, min ahl Fāris). ‘Abd al-Razzāq, Musannaf, iv, 8795 erwähnt die Befürchtung des Fragestellers, dass der Käse maita, etwas von einem nicht geschächteten Tier, enthalten könnte.
8. Bukhārī, ‘Ilm 11 u.v.a.: النبي ص قال يسروا ولا تعسروا وبشروا ولا تنفروا.

Diakritische Zeichen: ḥalāl ḥarām, al-Šaʿbī, al-Ḥārith, aṭ-Ṭayālisī, arḍ al-ʿaǧam, minfaḥa, aṣ-Ṣanʿānī, Muṣannaf, Ibn Abī Šaiba, Ṭā’if, Fāris, al-Buḫārī

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Beim Frisör im „Islamischen Staat“

Ein Frisör im „Islamischen Staat“ teilt seinen Kunden Folgendes mit:1

  • Sehr geehrte Kunden
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    Im Gehorsam gegenüber Gott und Seinen Gesandten schneiden wir keine Frisuren, die denen der Ungläubigen ähneln, der Aussage des Propheten Folge leistend: „Wer Menschen ähnlich sieht, gehört zu ihnen.“
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    Im Gehorsam gegenüber Gott und Seinen Gesandten rasieren wir keine Bärte, der Aussage des Propheten Folge leistend: „Lass den Bart frei wachsen aber schneide den Schnurrbart zurecht.“ Und: „Macht es anders als die Heiden: lasst eure Bärte wachsen, aber kürzt eure Schnurrbärte.“
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    Im Gehorsam gegenüber Gott und Seinen Gesandten rasieren wir die Augenbrauen nicht und zupfen sie nicht, was namṣ genannt wird, der Aussage des ‘Abdallāh ibn Mas‘ūd Folge leistend: „Der Prophet verfluchte Frauen, die ihre Augenbrauen rasierten oder zupften.“ Dies gilt für Frauen; umsomehr also für Männer.
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    Im Gehorsam gegenüber Gott und Seinen Gesandten rasieren wir nicht einen Teil des Haars weg und lassen einige Locken stehen, was qaza‘ genannt wird, der Aussage des Ibn ‘Umar Folge leistend: „Der Prophet hat qaza‘ verboten.“

Qaza‘ wurde in vorislamischer Zeit vor allem bei kleinen Jungen angewandt, die mit Glatzen und Stirnlocken (dhu’āba, Pl. dhawā’ib) herumliefen. Für diese vorislamische Mode dürfte es aber im letzten Jahrtausend kaum Kundschaft gegeben haben—außer vielleicht in Punkkreisen. Heutzutage wird der Begriff aber auch für bestimmte Irokesenschnitte benutzt. Auf jeden Fall ging und geht es bei diesem Verbot ebenfalls darum, sich nicht wie die Heiden frisieren zu lassen.

Frisöre scheinen also im „Islamischen Staat“ nicht viel zu tun zu haben, denn sogar der Kochtopfschnitt, der Bürstenschnitt und die Glatze haben alle ihre Vorbilder im gottlosen Westen. Aber vielleicht kommen sie über die Runden, indem sie Bärte gelb färben, in Anbetracht des Hadiths:

  • „[..] und er [der Prophet] färbte seinen Bart gelb mit wars und Safran.“2

Islamistenbärte sollten also gelb oder orange sein; das wäre ein echtes Alleinstellungsmerkmal. ‘Abdallāh ibn ‘Umar und andere Prophetengefährten sollen tatsächlich ihre Bärte gelb gefärbt haben. Dem nachzufolgen geht aber den neumodischen Frömmlern wohl zu weit.

Meinen Sie aber bloß nicht, dass der Prophet seinen Bart färbte, weil er alt und grau wurde:

  • „[…] und er [der Prophet] hatte auf seinem Kopf und in seinem Bart noch nicht mal zwanzig graue Haare.“ 3

Kämpfer des „Islamischen Staats“, die gerne etwas mehr Haar auf dem Kopf hätten um richtig mannhaft auszusehen, müssen für eine Haartransplantation ins Ausland fahren oder fliegen, z. B in die Türkei.

LESETIPP:
G.H.A. Juynboll, „Dyeing the Hair and Beard in Early Islam | A Ḥadīth-analytical Study,“ Arabica 33 (1986), 49–75.

ANMERKUNGEN
1. CN0YVC7WIAACTMg-1
2. An-Nasā’ī, Zīna 66 u.a: ويصفّر لحيته بالورس والزعفران  Wars (Memecylon tinctorium) ist eine Pflanze, aus der der Farbstoff Indischgelb gewonnen wurde.
3. Mālik, Ṣifat an-Nabī 1 u.a.: وليس في رأسه ولحيته عشورن شعرة يبضاء

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Die islamistische Steinigung: ein modernes Phänomen

Wo es Steine gibt, wird mit ihnen geworfen — auch auf Menschen. In einem Armenviertel in Tetuan in Marokko bin ich mal von Jungs mit Steinen beworfen worden. Die Jungs waren klein und ihre Steine zum Glück auch. Überdies rief ein älterer Mann sie zur Ordnung, sie hörten auf und ich kam unbeschädigt davon. In Straßenkämpfen zwischen Gruppen von Jungen im Jemen, so Michael Roes, wurde allen Ernstes mit Steinen geworfen; dabei gab es manchmal auch Schwerverwundete.1 Sie hatten dort noch keine mordlustigen Computerspielchen. Aus dem Norden kenne ich nur Schneeballschlachten, die entarten konnten, sobald knallharte „Eisbomben“ mit einem Stein drin angefertigt und geworfen wurden.
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Erwachsene steinigen manchmal Menschen absichtlich in einem „Volksgericht“. Für die Täter ist das deutlich von Vorteil: Weil sie eine Gruppe bilden, ist es nicht möglich festzustellen, wer letztendlich den tödlichen Stein geworfen hat. In Umgebungen, in denen Steinigung bereits als Mord gilt und der Täter sich vor einem Gericht verantworten muss, kann er nicht belangt werden, weil er unbekannt ist. Und in Gegenden, in denen Blutrache herrscht, wird so den Umstand vorgebeugt, dass eine Blutrache in Gang kommt, die dann wieder eine Reaktion hervorruft und so weiter. Das ist umso mehr der Fall, wenn Verwandte des oder der Gesteinigten die tödlichen Steine werfen: Sie sind identisch mit den Racheberechtigten; Rache muss also nicht genommen werden.
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Zu unterscheiden sind wohl spontane Steinigungen, die eine Form von Lynchjustiz sind, und Steinigungen aufgrund eines Urteils nach einem Rechtsgang. Im Folgenden werde ich nur von Letzteren reden.
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Mir sind zwei Rechtssysteme bekannt, die Hinrichtung mittels Steinigung ermöglichen: das des Alten Testaments und somit des Judentums, und das des Islams.
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Allerdings: Juden steinigen nicht. Wie sie es fertiggebracht haben, die sehr harten Rechtsregeln aus der Thora für ungültig zu erklären, ist mir unbekannt. Ein Alttestamentler, den ich danach fragte, hat mir erklärt, dass die Gesetze des Alten Testaments erst nach dem Untergang des alten Israels und Judas zu Stande kamen und somit nie angewandt wurden. Er fand keinen Hinweis darauf, dass in den beiden Kleinstaaten je durch Steinigung hingerichtet worden wäre. Nach 586 v.Chr. lebten die Juden als Minderheiten in anderen Staaten und waren nicht befugt selbst Todesurteile zu vollstrecken. Das ist bekannt aus dem alten Persien, wo viele Juden lebten, und vom Fall Jesus, bei dem Juden das Urteil verkündeten, aber die Römer es in höherer Instanz bekräftigen und ausführen mussten. Bekanntlich entschieden die sich für einen Strafvollzug in römischem, nicht in alttestamentarischem Stil.
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Muslime steinigten früher auch nicht, obwohl das in einigen Rechtsquellen der Scharia unzweideutig empfohlen wird; in anderen Rechtsquellen fanden sie aber die juristischen Mittel um es zu umgehen; siehe dazu unten. Aber seit einigen Jahrzehnten steinigen sie manchmal doch. In allen Fällen ist es die Strafe für einvernehmlichen Geschlechtsverkehr von zwei Personen, die mit anderen verheiratet sind oder schon mal waren.

– In Iran zum Beispiel wurden zwischen 1980-1989 laut Amnesty International 76 Personen aufgrund eines rechtsgültigen Urteils gesteinigt und 74 weitere in der Periode 1990 bis 2009, so das International Committee Against Execution. In den letzten Jahren hat es Versuche gegeben, die Steinigung aus den iranischen Gesetzen zu streichen; das ist nur teilweise gelungen. Aber in der Praxis wird seit 2009 die Steinigung in Iran in andere Arten der Hinrichtung umgewandelt.
– In Saudi-Arabien, das seit 1932 existiert, wird meistens geköpft und erschossen, aber auch schon mal gesteinigt. Daten dazu sind mir nicht bekannt.
– Aus den Vereinigten Arabischen Emiraten sind zwischen 2006 und 2014 ungefähr zehn Fälle von Steinigung bekannt.
– In Afghanistan wurde während des Taliban-Regimes gesteinigt und danach noch gelegentlich von den Taliban. Obwohl in diesen Fällen keine spontanen Volksgerichte urteilten, kann man die Vorgänge auch nicht Rechtspflege nennen, denn seit 2004 ist in Afghanistan die Steinigung verboten und die Taliban gelten als Rebellen.
– Im Gebiet der Gruppe „Islamischen Staat“ wird gesteinigt; Näheres ist mir unbekannt.
– In Sudan wurden 2012 zwei Personen zur Steinigung verurteilt, aber die Urteile sind nicht vollstreckt worden.
– In Nord-Nigeria (das Gebiet von Boko Haram ausgenommen) sind seit 2000 mehr als zwölf Personen zum Tod durch Steinigung verurteilt, die Urteile aber nicht vollstreckt worden.
– Mauretanien? Ich denke schon.
– In Pakistan lässt der Staat nicht steinigen, sondern verurteilt vielmehr Steiniger als Mörder. Allerdings wird aufgrund von Urteilen von Stammesgerichten gesteinigt–welche Zuständigkeit diese haben und wie groß der Unterschied zur Lynchjustiz ist, weiß ich nicht.
– In Somalia wurde von 2009 bis 2014 gesteinigt nach Urteilverkündung durch sog. Schariagerichte von Terroristengruppierungen ohne Legitimation.
– Im indonesischen Teilstaat Aceh und in Brunei (2013) hatte man vor, die Steinigung ins Gesetzbuch aufzunehmen, aber meines Wissens ist es nicht dazu gekommen.

Diese Daten sind unvollständig und nicht wasserfest; ich habe sie dem Wikipedia-Artikel über „Stoning“ entnommen. Das ist natürlich unbefriedigend, aber ich werde die Fakten aus der Moderne nicht weiter erforschen. Der Artikel unterscheidet nicht zwischen Lynchjustiz und Steinigung aufgrund eines Gerichtsverfahrens. Eine große Linie ist allerdings sichtbar. Auffällig ist, dass nahezu alle Steinigungen aus der jüngsten Zeit datieren.
Im späten 20. Jahrhundert zeigt sich in mehreren islamischen Länder die Tendenz die Steinigung in die Gesetzgebung aufzunehmen und anzuwenden. Und in diesem Jahrhundert sehen wir das Bestreben, Steinigungen zu stornieren, obwohl sie „eigentlich“ ausgeführt werden sollten. Für Behörden bringt das Steinigen ohne Zweifel eine Menge Ärger: Es muss eine Gruppe gebildet werden, die die Steine werfen soll; diese muss nicht selten zur unangenehmen Arbeit gezwungen werden und jeder behält dabei einen üblen Geschmack im Mund. Überdies wirkt es ungemein unmodern. Für Behörden ist es einfacher, andere Formen der Hinrichtung anzuwenden: etwa durch einen Henker im Staatsdienst. Dann weiß man, was man hat, und ist zugleich von dem Rummel in den Medien befreit, die sich über Steinigungen gewaltig aufregen, über modernere Hinrichtungsmethoden aber viel weniger.
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Aber wie war es denn vor 1980 oder vor 1932? Vor dem 20. Jahrhundert wurde NICHT aufgrund eines Rechtsurteils gesteinigt. Steinigung ist in der islamischen Welt ein modernes Phänomen, das zu Unrecht „mittelalterlich“ genannt wird.
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Der Münsteraner Islamwissenschaftler Thomas Bauer hat viele Geschichtswerke aus der klassischen Periode im Nahen Osten durchgearbeitet und stieß dabei auf zahlreiche schwungvoll erzählte Berichte von Folterungen und Hinrichtungen. Aber er fand nur einen Fall einer Steinigung, und der verursachte seinerzeit großes Aufsehen:

  • Es gab Rebellen und Räuber, die gekreuzigt wurden – die Dichter stürzten sich darauf und dichteten spektakuläre Gedichte – Sensationslust ist ja kein modernes Phänomen. Es gab Machthaber, die folterten und hinrichten ließen – die Chronisten berichten es in aller Ausführlichkeit – aber nirgendwo wird von einer Steinigung berichtet. Mit einiger einzigen Ausnahme. Meines Wissens gab es in der Zeit zwischen 800 und dem 20. Jahrhundert nur einen einzigen sicher bezeugten Fall einer Steinigung wegen Ehebruchs aus dem Kernbereich des Islams. Er trug sich um das Jahr 1670 im osmanischen Reich zu, war – wie die modernen Fälle ja auch – politisch motiviert – und sorgte für einen handfesten Skandal. Der verantwortliche Richter wurde abgesetzt. Der Chronist, der von dem Fall berichtet, zeigt sich ebenfalls empört. Er hält Steinigungen keineswegs für islamisch. So etwas sei seit der Frühzeit des Islams nie mehr vorgekommen, stellt er entrüstet fest. Auch für ihn waren Steinigungen etwas Atavistisches und Unmenschliches.2

Warum steinigen moderne Muslime dann, wenn das gar keine Tradition hatte? Lesen Sie weiter auf Seite 2

ANMERKUNGEN:
1. Roes, Leeres Viertel, z.B. 446, 602.
2. Bauer, Musterschüler, 10. Auch in Bauer, Ambiguität, 280–282 und Rohe, Recht, 135–6.

Bedingung im Ehevertrag, „Islamic State“

CEjY0RyWoAAgtfV„Die Ehegattin hat folgende Bedingung gestellt:
Wenn der Fürst der Gläubigen [= der Kalif] genehmigt, dass sie eine den Märtyrertod erstrebende Tätigkeit verrichtet, darf ihr Ehemann sie daran nicht hindern.“

Dies liest sich wie ein skurriler Schritt in Richtung auf eine weitere Emanzipation der Frau. Eine Frau ist beim Begehen eines Selbstmordattentats also nicht von ihrem Mann abhängig.

Dieser sittenwidrige Quatsch geht natürlich nur im „Islamic State“.

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Grüße aus Islamistan

DjizyaIm „Islamischen Staat“ wird djizya erhoben, die Kopfsteuer für tolerierte Nicht-Muslime (dhimmis), die bereits im Koran erwähnt wird und die vor langer Zeit tatsächlich in islamischen Ländern gängig war. Der Armenier in der Quittung hat ungefähr 125 Euro bezahlen müssen, das ist in etwa ein Monatsgehalt. Reicht das als Beitrag für ein Jahr?
Man sieht, dass in [halbwegs] realem Geld bezahlt worden ist; nicht in der im Vorjahr angekündigten Währung des Kalifats.

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[ÜBERSETZUNG]
Der Islamische Staat
Justizministerium
Das islamische Gericht zu: Raqqa
Aktennummer:

Montag, der 16.2.1436, das ist der 8.12.2014

QUITTUNG Nr. 1391
Empfänger: Faruq
Empfangen von: Sarkis Nuri Aralkian
Summe: 27.200 Syrische Pfund
Wegen: Djizyazahlung

Unterschrift Empfänger: [Unterschrift]
Unterschrift Zahlender: [Unterschrift]

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