Dhu as-Suwaiqatain: eine Ergänzung

Am Ende der Zeiten wird ein komisches Kerlchen aus Äthiopien die Ka‘ba vernichten. Es wird Dhū as-Suwaiqatain genannt und hat rote Beinchen, einen dicken Bauch und bedrohlich schillernde Augen. Vor sieben Jahren schrieb ich hier über diesen Menschen und verwunderte mich über sein Aussehen. Wo haben die Erzähler diese merkwürdige Erscheinung her?
Einige Klarheit gab mir jetzt die Lektüre von Manfred Ullmann, Der Neger in der Bildersprache der arabischen Dichter, Wiesbaden 1998. Ullmann hat Hunderte altarabische Verse gesammelt, in denen ein Ding, Tier oder Mensch mit einem Äthiopier oder einem anderem schwarzem Menschen verglichen wird. In 23 Gedichtfragmenten wird ein Vogelstrauß mit einem Äthiopier oder einem Inder verglichen (S. 30–44). Die gemeinsame Eigenschaft, auf der das Vergleichen beruht, ist meistens das Schwarz der Flügel und Deckfedern, aber es können auch die Beine sein.
Ullmann zitiert S. 30 ein Fragment des vorislamischen Dichters Ṣalā’a ibn ‘Amr, auch genannt al-Afwah al-Audī (gest. 570?). In seiner Übersetzung lautet es:

  • „Ein [Straußenhahn] mit rotgefärbten Beinen1 … Er gleicht einem schwarzen Abessinier mit dünnen Schenkeln, dem schwarze, unverständlich plappernde [Kinder] folgen, die Ringe in den Ohren haben.“2

Nach der Lektüre dieses Verses wird der Hadith von Hudhaifa ibn al-Yamān

  • „Es ist, als ob ich einen Äthiopier vor mir sähe, mit roten Beinen und bedrohlich schillernden Augen, mit einer platten Nase und einem dicken Bauch. Er hat seine Füße parallel auf die Ka‘ba gesetzt; er und einige Kumpane von ihm reißen sie Stein nach Stein ab und reichen einander die Steine weiter, die sie letztendlich ins Meer werfen.“3

um die Hälfte verständlicher: der Erzähler wollte wohl einen Äthiopier beschreiben, aber dann kam ihm der aus der Poesie bekannte Vergleich mit dem Vogelstrauß in den Sinn, schwarz und mit roten Beinen, der mit ihm durchging. Bei ihm wird nicht der Vogelstrauß mit einem Äthiopier verglichen, sondern umgekehrt.

Früher meinte ich das Dhū as-Suwaiqatain „der mit den kurzen Beinen“ bedeutete, aber es muss sich doch auf dünne Beine beziehen: sowohl Strauße als Äthiopier sind ja bekannt für ihre dünnen Beine. Der „dicke Bauch” ähnelt wohl dem dicken, dunklen Körper des Straußes, der mit seinen dünnen Beinen und Hals kontrastiert. Die schillernden Augen sind von einer anderen Endzeitfigur geliehen, dem daǧǧāl (± Antichrist), der sie auch hat.

So werde ich meinen Text zu Dhū as-Suwaiqatain neu schreiben müssen; das dürfte noch etwas dauern.

ANMERKUNGEN
1. Manche Straußarten bekommen während der Balz rote Beine.
2. خَاضِبٌ … كَالأسْوَدِ الحَبَشِيِّ الحَمْشِ يَتْبَعَهُ سُودٌ طَمَاطِمُ فِي آذَانِهَا
3.

كما ورد في حديث حذيفة مرفوعًا، كأني أنظر الى حبشي أحمر الساقين أزرق العينين أفطس الأنف كبير البطن وقد صف قدميه على الكعبة هو وأصحاب له ينقضونه حجرًا حجرًا يتداولونها حتى يطرحرها في البحر.

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Der Antichrist auf der Insel (übersetzter Hadith)

[…] von Fātima bint Qais, Schwester von ad-Dahhāk ibn Qais, eine Frau, die zu den ersten Emigranten (muhādjirūn) gehörte: […] Ich hörte den Rufer des Propheten ausrufen, dass es Zeit sei für das gemeinsame Gebet. Also ging ich zur Moschee und verrichtete das Gebet mit dem Propheten, in der ersten Frauenreihe hinter den Männern. Als der Prophet sein Gebet beendet hatte, setzte er sich lachend auf die Kanzel und sagte: Jeder soll noch an seinem Platz sitzen bleiben! Darauf sagte er:
– Wisst ihr, weshalb ich euch hier zusammen behalten wollte?
– Das wissen Gott und sein Gesandter am besten, sagten sie.
– Ich habe euch nicht hier behalten, sagte er, um euch zu ermahnen oder zu erschrecken, sondern weil Tamīm ad-Dārī, ein Christ, der Muslim geworden ist, mir etwas erzählt hat, das mit dem, was ich euch über den masīh ad-dadjdjāl1 erzählt habe, übereinstimmt.

Er erzählte, dass er sich mit dreißig Männern aus den Banū Lakhm und den Banū Djudhām eingeschifft hatte und sie einen Monat lang auf See ein Spielball der Wellen waren. Dann waren sie bei einer Insel in derjenigen Richtung, in der die Sonne untergeht, vor Anker gegangen, und sie waren mittels eines Beiboots an Land der Insel gekommen. Dort trafen sie ein haariges Tier, so dicht behaart, dass sie die Vorderseite nicht von der Hinterseite unterscheiden konnten.
– Wehe Dir, was bist du für eins? fragten wir.
– Ich bin die Dschassasa (djassāsa), antwortete das Tier, worauf wir fragten, was dies sei.
– Menschen, sagte das Tier, ihr sollt zu dem Mann im Kloster gehen, denn der sehnt sich danach, bestimmte Berichte von euch zu hören.
Als es einen von uns beim Namen nannte, bekamen wir Angst, dass es eine Teufelin sei. Wir eilten zu dem Kloster und fanden darin den gewaltigsten Mann, den wir je gesehen hatten, die Hände in seinem Nacken gefesselt und mit eisernen Fesseln zwischen seinen Unterschenkeln bis zu seinen Fußgelenken.
– Wehe dir, wer bist du?
– Von mir hättet ihr früh genug gehört, aber erzählt mal, wer seid ihr?
– Wir sind Araber, wir waren an Bord eines Schiffes gegangen, aber wir gerieten in ein stark tosendes Meer und blieben einen Monat lang Spielball der Wellen. Darauf gingen wir bei deiner Insel vor Anker; wir gingen in das Beiboot und gingen an Land der Insel, auf der wir ein haariges Tier trafen, so dicht behaart, dass die Vorderseite nicht von der Hinterseite zu unterscheiden war.
– Wehe Dir, was bist du für eins? fragten wir.
– Ich bin die Dschassasa, antwortete das Tier, worauf wir fragten, was dies sei.
– Ihr sollt zu dem Mann im Kloster gehen, sagte es, denn der sehnt sich sehr danach, bestimmte Berichte von euch zu hören. Wir eilten also zu dir, denn wir hatten Angst vor dem Tier und waren nicht sicher, dass es keine Teufelin sei.
[Der gefesselte Mann] sagte:
– Erzählt mir von den Dattelpalmen in Baisān.
– Was willst du genau wissen?
– Ich frage auch, ob die Bäume Frucht tragen oder nicht.
– Ja, sagten wir. Darauf fragte er:
– Ich denke, sie werden demnächst keine Früchte mehr tragen. Darauf sagt er:
– Erzählt mir von dem See von Tiberias.
– Was willst du genau wissen?
– Ist Wasser darin?
– Es steht ganz viel Wasser darin. Darauf sagte er:
– Bald wird er trockenfallen. Darauf sagte er:
– Erzählt mir von der Quelle Zughar.
– Was willst du genau wissen?
– Ist Wasser darin, mit dem die Bewohner ihr Land bewässern?
– Ja, sagten wir, es steht viel Wasser darin, und die Bewohner bewässern damit ihr Land. Darauf sagte er:
– Erzählt mir von dem Propheten der Heiden;2 was hat er getan?
– Er hat Mekka verlassen und sich in Yathrib [= Medina] niedergelassen.
– Haben die Araber ihn bekämpft?
– Ja.
– Was hat er mit ihnen gemacht?
Darauf erzählten wir ihm, dass er die angrenzenden Araber besiegt hatte und sie ihm gehorchten.
– Ist das wirklich [schon] geschehen?
– Ja.
– Es ist besser für sie, ihm zu gehorchen. Jetzt werde ich etwas über mich selbst erzählen. Ich bin der Messias (masīh);1 mir wird alsbald erlaubt, auszubrechen und durch das Land zu reisen. Es wird keine Stadt geben, in der ich nicht vierzig Tage verweile, außer Mekka und Taiba, denn diese beiden sind mir verboten. Jedes Mal wenn ich in eine der beiden hineingehen will, kommt ein Engel mir mit gezogenem Schwert entgegen und versperrt mir den Weg; auch jeder andere Durchgang wird von Engeln überwacht.

Darauf sagte der Prophet, während er mit seinem Stab auf die Kanzel schlug: Es ist Taiba, es ist Taiba, es ist Taiba—das heißt Medina—hatte ich es euch nicht erzählt?
– Ja, sagten die Menschen.
– Mir gefällt Tamīms Erzählung, fuhr der Prophet fort, weil sie mit dem übereinstimmt, was ich euch über [den dadjdjāl] und über Mekka und Medina erzählt habe. Schau, er ist im Syrischen Meer (oder: im Jemenitischen Meer.3) Aber nein, doch nicht: er ist im Osten, im Osten, im Osten! und er machte eine Gebärde in Richtung des Ostens.

[Fātima bint Qais] sagte: Diese [Erzählung] des Propheten habe ich mir eingeprägt.4

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So weit die Übersetzung dieser merkwürdigen Geschichte. Ich habe ein großes Stück des Anfangs weggelassen, in dem die Überlieferin Fāṭima bint Qais von ihren persönlichen Angelegenheiten spricht. In diesem Augenblick kann ich nicht überschauen, inwieweit dies Einfluss auf die Interpretation hätte. Es gibt auch Textvarianten, die gleich zur Sache kommen.
Die Stämme Lakhm und Djudhām sind christlich; auch der Erzähler Tamīm war Laḫmit und bis vor kurzem noch Christ; überdies ist von einem Kloster die Rede. Aber eine Verwandtschaft mit welcher christlichen Erzählung auch immer ist noch nicht entdeckt worden. Die Frage, was die Dschassasa sei, bleibt in der Erzählung betont unbeantwortet. Eine Antwort habe auch ich nicht gefunden; auch ein Blick ins syrische Wörterbuch hat nichts gebracht. Natürlich kann man an das apokalyptische Tier denken, das nach christlicher Überlieferung aus dem Meer,5 nach islamischer Überlieferung aus der Erde steigt.6 Das gilt aber nicht als sonderlich behaart.
Die Seefahrer wollen den dadjdjāl, kurz nachdem der Prophet sich in Medina etabliert hatte, getroffen haben. Demnächst wird er entfesselt und auf die Welt losgelassen werden. Die Erscheinung des dadjdjāls steht also bevor; christliche Theologen sprechen in solch einem Fall von „Näheerwartung“. Das Ende der Zeiten wird nicht irgendwann in unabsehbarer Zukunft erwartet, sondern jetzt, bald.
David Cook weist darauf hin, dass die Orte, nach denen der dadjdjāl sich erkundigt (Baisān, Tiberias und Zughar), alle in Nordpalästina bzw. Südsyrien liegen, und dass die Fragen auf die vorhandenen Wassermengen Bezug nehmen. Cook vermutet deshalb, dass die Erzählung in jenem Gebiet entstanden sein kann nach einer Periode katastrophaler Trockenheit, wie es z.B. im Jahr 747 eine gab. Dass bei der Entstehung der Erzählung die vorhergesagte—oder irgendeine andere—Trockenperiode bereits vorbei war, hat man nicht als störend empfunden. Apokalyptische Weissagungen sind ja immer wiederverwertbar. Sie werden dies bald beobachten können, bei den Menschen, die auf Grund des Mayakalenders glauben, dass am 21. Dezember die Welt untergehen wird. Wenn die Welt dann doch nicht untergeht, wird man eine Woche später für denselben Weltuntergang ein neues Datum „finden“. Richtige Apokalyptiker lassen sich nicht aufhalten.

ANMERKUNGEN
1. Das Wort daǧǧāl stammt aus der syrischen Übersetzung der Bibel, Matthäus 24:24: mesīḥē daggālē, „falsche Messiasse“. Auch im Arabischen kommt die Wortkombination al-masīḥ ad-dadjdjāl häufig vor.
Zu unterscheiden sind: der „klassische“ daǧǧāl; der auf einer Insel im Westen festgebundene daǧǧāl; und Ibn Ṣayyād.
Zu allen drei daǧǧāl-Varianten s. David Cook, Studies in Muslim Apocalyptic, Princeton (NJ) 2002. Zum daǧǧāl auf der Insel s. dort S. 117–120. Zu Ibn Ṣayyād s. auch Wim Raven, „Ibn Ṣayyād as an Islamic ‘Antichrist’. A reappraisal of the texts,“ in Wolfram Brandes und Felicitas Schmieder (hrsg.), Endzeiten. Eschatologie in den monotheistischen Weltreligionen, Berlin 2008, S. 261–291; hier herunterzuladen.
2. Araber und Traditionelle Muslime werden nabī al-ummīyīn vielleicht als „der Prophet der Analphabeten“ übersetzen wollen, aber das bedeutet nicht viel. Hier ist ummī vielleicht noch ἐθνικός, gentilis, nicht-jüdisch; also: „der Prophet der Heiden,“ so wie Paulus der Apostel der Heiden war.
3. Das Mittelmeer bzw. das Rote Meer.
4. Muslim, Ṣaḥīḥ, Fitan 119 (2942):

حدثنا عبد الوارث بن عبد الصمد بن عبد الوارث وحجاج بن الشاعر كلاهما عن عبد الصمد (واللفظ لعبد الوارث بن عبد الصمد) حدثنا أبي عن جدي عن الحسين بن ذكوان حدثنا ابن بريدة حدثني عامر بن شراحيل الشعبي شعب همدان أنه سأل فاطمة بنت قيس أخت الضحاك بن قيس وكانت من المهاجرات الأول […] سمعت نداء المنادي منادي رسول الله ص ينادي الصلاة جامعة. فخرجت إلى المسجد فصليت مع رسول الله ص فكنت في صف النساء التي تلي ظهور القوم. فلما قضى رسول الله ص صلاته جلس على المنبر وهو يضحك فقال ليلزم كل إنسان مصلاه. ثم قال أتدرون لم جمعتكم قالوا الله ورسوله أعلم قال إني والله ما جمعتكم لرغبة ولا لرهبة ولكن جمعتكم لأن تميما الداري كان رجلا نصرانيا فجاء فبايع وأسلم وحدثني حديثا وافق الذي كنت أحدثكم عن مسيح الدجال حدثني أنه ركب في سفينة بحرية مع ثلاثين رجلا من لخم وجذام فلعب بهم الموج شهرا في البحر. ثم أرفئوا إلى جزيرة في البحر حتى مغرب الشمس فجلسوا في أقرب السفينة فدخلوا الجزيرة فلقيتهم دابة أهلب كثير الشعر لا يدرون ما قبله من دبره من كثرة الشعر. فقالوا ويلك ما أنت فقالت أنا الجساسة قالوا وما الجساسة قالت: ”أيها القوم انطلقوا إلى هذا الرجل في الدير فإنه إلى خبركم بالأشواق. قال لما سمت لنا رجلا فرقنا منها أن تكون شيطانة. قال فانطلقنا سراعا حتى دخلنا الدير فإذا فيه أعظم إنسان رأيناه قط خلقا وأشده وثاقا مجموعة يداه إلى عنقه ما بين ركبتيه إلى كعبيه بالحديد. قلنا ويلك ما أنت قال قد قدرتم على خبري فأخبروني ما أنتم قالوا نحن أناس من العرب ركبنا في سفينة بحرية فصادفنا البحر حين اغتلم فلعب بنا الموج شهرا ثم أرفأنا إلى جزيرتك هذه فجلسنا في أقربها فدخلنا الجزيرة فلقيتنا دابة أهلب كثير الشعر لا يدرى ما قبله من دبره من كثرة الشعر فقلنا ويلك ما أنت. فقالت أنا الجساسة قلنا وما الجساسة قالت اعمدوا إلى هذا الرجل في الدير فإنه إلى خبركم بالأشواق فأقبلنا إليك سراعا وفزعنا منها ولم نأمن أن تكون شيطانة. فقال أخبِروني عن نخل بيسان. قلنا عن أي شأنها تستخبر قال أسألكم عن نخلها هل يثمر؟ قلنا له: نعم قال أما إنه يوشك أن لا تثمر. قال: أخبِروني عن بحيرة الطبرية. قلنا عن أي شأنها تستخبر قال هل فيها ماء؟ قالوا هي كثيرة الماء قال أما إن ماءها يوشك أن يذهب. قال أخبروني عن عين زُغَرَ. قالوا عن أي شأنها تستخبر؟ قال هل في العين ماء وهل يزرع أهلها بماء العين؟ قلنا له: نعم هي كثيرة الماء وأهلها يزرعون من مائها قال أخبروني عن نبي الأميين ما فعل قالوا قد خرج من مكة ونزل يثرب قال: أَقاتله العرب؟ قلنا: نعم. قال كيف صنع بهم فأخبرناه أنه قد ظهر على من يليه من العرب وأطاعوه قال لهم قد كان ذلك قلنا نعم قال أما إن ذاك خير لهم أن يطيعوه وإني مخبركم عني إني أنا المسيح وإني أوشك أن يؤذن لي في الخروج فأخرج فأسير في الأرض فلا أدع قرية إلا هبطتها في أربعين ليلة غير مكة وطيبة فهما محرمتان علي كلتاهما كلما أردت أن أدخل واحدة أو واحدا منهما استقبلني ملك بيده السيف صلتا يصدني عنها وإن على كل نقب منها ملائكة يحرسونها قالت قال رسول الله ص وطعن بمخصرته في المنبر هذه طيبة هذه طيبة هذه طيبة يعني المدينة ألا هل كنت حدثتكم ذلك. فقال الناس: نعم. فإنه أعجبني حديث تميم أنه وافق الذي كنت أُحدّثكم عنه وعن المدينة ومكة أَلاَ إنه في بحر الشأم أو بحر اليمن، لا بل من قِبل المشرق، ما هو من قبل المشرق ما هو من قبل المشرق ما هو وأومأ بيده إلى المشرق.
قالت: فحفِظت هذا من رسول الله ص.

Ein etwas abweichender Text ist Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad vi, 373@, und es gibt noch andere Parallelstellen.
5. Bibel, Offenbarung 13:1.
6. Koran 27:82 دابة من الأرض .

Diakritische Zeichen: Fāṭima bint Qays, aḍ-Ḍaḥḥāk ibn Qays, muhāǧirūn, masīḥ ad-daǧǧāl, Banū Laḫm, Banū Ǧuḏām, ǧassāsa, Zuġar, Yathrib, Ṭaiba Tamim ad Dari  Dajjal Dadschschal Dadjdjal   Deccal  Daggal   Masih ad Daggal

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Komisches Kerlchen demoliert Ka‘ba

In der Endzeit, also kurz vor dem Jüngsten Tag, werden nach sowohl christlichen wie auch islamischen Überlieferungen unangenehme Geschöpfe erscheinen, die der Menschheit das Leben schier unerträglich machen werden. Bei den Christen ist die Hauptfigur der Antichrist, bei den Muslimen der dadjdjāl, auch eine Art Antichrist.1 Aber Muslime kennen noch andere Endzeitgestalten: den *Qahtānī, den *Sufyānī und Dhū as-Suwaiqatain. Überdies brechen zwei gewalttätige Völker los: Gog und Magog (Arabisch: Yādjūdj und Mādjūdj), ein Tier aus der Erde, und es ereignen sich Naturkatastrophen. Nach beiden Religionen wird dieser Schreckensperiode von dem wiederkehrenden, triumphierenden Jesus ein Ende gesetzt, und im Islam dazu noch von dem Mahdi. Es sind alte Prophezeiungen, die in Perioden der Ruhe und Wohlfahrt niemanden interessieren, aber in harten Zeiten immer wieder Menschen beängstigen.
Die wohl am wenigsten bekannte arabische Endzeitgestalt ist Dhū as-Suwaiqatain, „der Mann mit den kurzen Beinchen,“ der die Ka‘ba zerstören wird. Hier folgen einige—nicht alle—Hadithe zum Thema, manche mit alten Kommentaren:

  • … dass der Prophet gesagt hat: „Es ist, als ob ich ihn vor mir sähe, die Fersen weit aus einander; er reißt sie Stein nach Stein ab.“ 2
  • Der Prophet hat gesagt: „Die Kaʿba wird zerstört von Dhū as-Suwaiqatain aus Äthiopien.“ 3
  • … von ‘Abdallāh ibn ‘Umar: Ich habe den Propheten sagen hören: „Die Ka‘ba wird zerstört von Dhū as-Suwaiqatain aus Äthiopien, der sie ihres Zierrats (hilya)4 beraubt und ihr die Hülle (kiswa) abzieht. Es ist, als ob ich ihn vor mir sehe: ein kahlköpfiges, krummbeiniges Männchen; er schlägt mit seiner Schaufel und seiner Spitzhacke darauf.“ 5
  • … im Hadith des Hudhaifa [ibn al-Yamān]: „Es ist, als ob ich einen Äthiopier vor mir sähe, mit roten Unterbeinen und blauen Augen, mit einer plattgedrückten Nase und einem dicken Bauch. Er hat seine Füße parallel auf die Ka‘ba gesetzt; er und einige Kumpane von ihm reißen sie Stein nach Stein ab und reichen einander die Steine weiter, die sie letztendlich ins Meer werfen.“ 6

Zum Glück ist er Afrikaner; sonst würden einige Leute sicherlich einen fettleibigen Amerikaner oder Europäer in ihm erkennen. Aber ein komisches Kerlchen ist es: rote Beine und blaue Augen sind in Äthiopien rar, und dicke Bäuche ebenfalls. Eine plattgedrückte Nase hätte noch einen Sinn, wenn wir nicht an Äthiopier, sondern an bestimmte Völker aus dem tieferen Afrika dächten. Jedenfalls steht Äthiopisch im Hadith meist für „christlich“.7 Die Gefahr für die Ka‘ba kommt also aus christlicher Ecke. In der Vorgeschichte haben laut Überlieferung Äthiopier versucht Mekka zu erobern. Das sei durch göttliches Eingreifen misslungen, aber am Ende der Zeiten lasse Gott dann zu, dass sie tun, was sie offensichtlich immer schon tun wollten: die Ka‘ba abreißen.

Was folgt, zielt vor allem auf Arabisten und auf die wenigen Studenten, die noch klassisches Arabisch studieren möchten. Ich präsentiere diese Texte nicht zur Einstimmung auf das rasch nahende Ende, sondern möchte zeigen, dass man nicht zu schnell meinen sollte einen alten Text verstanden zu haben. Ohne Textkritik und Lexika geht es nicht. Überdies bieten die Texte mir Gelegenheit Sie auf eine schöne wissenschaftliche Veröffentlichung hinzuweisen.

Was ist das mit den Beinchen? Suwaiqatān/-­ain bedeutet „kleine Unterschenkel“. Eine Anzahl Araber, denen ich das Wort vorgelegt habe, deutete es spontan wie ich selbst auch: „kurze Beinchen“. Der Kommentator an-Nawawī ist aber der Auffassung, dass dünne Beine gemeint sind. Er fügt hinzu: „Von den Schwarzen ist bekannt, dass sie dünne Beine haben.“ Das kann man bestätigen, insoweit es die ursprünglichen Bewohner Nordostafrikas betrifft, die tatsächlich oft von schlanker und ranker Gestalt sind. Trotzdem glaube ich, dass an-Nawawī gerade deswegen auf dem Holzweg ist. Er hat nicht das Wort für sich selbst sprechen lassen, sondern sich einen durchschnittlichen Äthiopier vergegenwärtigt und beschrieben sehen wollen. Die Texte wollen das Männchen aber in seinen auffälligen, nicht in seinen normalen Eigenschaften beschreiben.

Des Weiteren wimmeln die obigen Hadithe von Adjektiven des Musters aFʿaLu oder, wenn Sie so wollen, aK1K2aK3u (wobei K für Wurzelkonsonant steht), das für Adjektive reserviert ist, die Farben oder Formen, oft unveränderliche körperliche Eigenschaften andeuten. Im alten Arabien wurde das nicht als getrennt empfunden, z.B. aṣfaru, „gelb,“ aṭrashu, „taub,“ akhzaru „mit kleinen, zusammengekniffenen Augen (wie ein Schwein)“ und viele mehr.
Zu diesem Wortmuster oder Morphemtyp hat Wolfdietrich Fischer bereits 1965 eine wissenschaftliche Studie8 in der besten deutschen Tradition verfasst, mit einer Menge Belegstellen aus der alten arabischen Poesie, in der die Welt ganz anders betrachtet wird als wir es gewohnt sind. Bei deren Lektüre stellt sich schon bald heraus, dass unser Spektrum im Vergleich zu dem der alten Araber ziemlich simpel ist. Hadithe hat Fischer in seinem Buch nicht verarbeitet; deshalb sind einige aFʿaLu-Wörter aus unseren Texten bei ihm nicht auffindbar. In diesem Fall müssen wir uns mit den Wörterbüchern behelfen, die erheblich armseliger sind als Fischers Buch.
In den obigen Hadithen und Kommentaren plus noch einigen Textvarianten, kommen die folgenden aFʿaLu-Wörter vor:

aswadu „schwarz,“ bezeichnet sicherlich auch die Hautfarbe von Afrikanern. Aber in Bezug auf Menschen bedeutet es nach Fischer (S. 273) auch: „von gemeinem, niedrigem, feigem Charakter, von niedriger Gesinnung oder Herkunft,“ und das klingt hier wohl mit. Unserer Zerstörer ist Äthiopier, aber auch eine finstere Gestalt.

afḥadju, nicht in Fischer. Lane: „having the fore parts of the feet together and the heels wide apart.“ De Biberstein Kazimirski: „qui marche les talons écartés et le devant des pieds rapproché,“ also jemand mit einer Verzerrung in den Beinen und demzufolge mit einer merkwürdigen Gangart.

uṣayliʿ. Aber das ist doch kein aFʿaLu-Wort? Nein, aber es ist das Diminutiv des aFʿaLu-Wortes aṣlaʿu, das „kahlköpfig“ bedeutet, aber auch „Penis“. Das Diminutiv bedeutet also „Kahlköpfchen, Glatzi,“ aber wird auch verwendet für „Eichel, glans penis“.

ufaydiʿ, ein Diminutiv zu afdaʿu, und das ist nach Lane jemand der unter fadaʿ leidet, „i.e. deflection and distortion of the wrist or of the ankle-joint, so that the hand or the foot becomes turned towards the inner side, or a colliding of the [inner] ankle bones, and a wide separation of the feet, to the right and the left.“ Eine Verzerrung im Hand- oder Fußgelenk: bedeutet das Diminutivum also etwas wie „Krummbeinchen“? Die Verkleinerungswörter festigen auf jeden Fall den Eindruck, dass wir es hier nicht mit einem großen, dünnbeinigen Mann, sondern mit einem kleinen Kerlchen zu tun haben.

aḥmaru ist „rot,“ das weiß jeder, also müssen wir das nicht nachschlagen? Es ist die Farbe des Blutes, zum Beispiel, und kann auch etwas dunkler sein, wie beim Rotwein. Aber wenn wir es doch bei Fischer nachschlagen, finden wir mehr. Es bedeutet u.a. das Rotbraune von Pferdebeinen, aber auch „weiß“ von Haut. In der Tat ist die Haut weißer Menschen nicht wirklich weiß. Abgesehen davon war das altarabische Wort abyaḍu „weiß“ nicht als Farbbezeichnung für Menschen zu verwenden, weil das Wort schon besetzt war: abyaḍu ist auch „auffällig“ und von Menschen: „vornehm, edel“: das Gegenteil von aswadu.
Ist Dhū as-Suwaiqatain dann zur Hälfte ein Weißer? Ein Äthiopier mit den Beinchen eines Weißen? Die äthiopischen Christen sind ohnehin halbe Griechen, ist es das? Nein, dieser Gedankengang führt nicht weiter.
Aber vielleicht sind die Beine gar nicht mal aḥmaru, vielleicht ist der Text einfach korrupt. Jemand mag, als er das Word azraqu sah, gedacht haben, dazu würde aḥmaru passen. Das Wort kommt nur in einer Version vor; an der Stelle dieses Wortes gibt es die meisten Textvarianten: das oben bereits erwähnte afḥadju und auch aṣlaʿu, aber auch noch andere Wörter: aṣʿalu, „schmalköpfig“ und aṣmaʿu, „whose ear is like that of the gazelle, whose ear is little, and cleaving to the head“ (Lane), und sogar afajju „having his legs wide apart“ (Lane).
Kurzum, die Überlieferer waren an dieser Stelle in Verlegenheit und wurstelten nur orientierungslos herum.

azraqu ist „blau“, das kennen wir auch. Falsch! Zu diesem Wort ist Fischer (S. 47–55) am ergiebigsten. Die Augen sind ganz und gar nicht blau, das wird bald ersichtlich. Im alten Arabisch bedeutete azraqu etwas wie „schillernd, glitzernd, changeant“. Denken Sie an die schillernden oder flackernden Augen eines Raubtiers.
Das trifft dann auch in Koran 20:102 zu:   وَنَحْشُر الْمُجْرمينَ يَوْمئذٍ زُرْقًا . Nicht wie Paret übersetzt: „An jenem Tag versammeln wir die Sünder blau(äugig).“

afṭasu „plattgedrückt“, das ist unproblematisch.

Das Männchen hat also keine roten Beinchen, sondern vielleicht die eines Weißen, oder sie sind verzerrt. Die vermeintlich blauen Augen sind nicht blau, sondern bedrohlich schillernd, unruhig flackernd.

ANMERKUNGEN
1. Er stammt aus der Bibel, Matthäus 24:24. In der syrischen Übersetzung: mesīhē daggālē, „falsche Messiasse“. Auch im Arabischen kommt die Wortkombination al-masīh ad-dadjdjāl häufig vor. Zu unterscheiden sind: der „normale“ dadjdjāl, der auf einer Insel im Westen festgebundene daddjāl, und Ibn Sayyād. Zum Letzteren s. Wim Raven, „Ibn Sayyād as an Islamic ‘Antichrist’. A reappraisal of the texts,“ in Wolfram Brandes und Felicitas Schmieder (hrsg.), Endzeiten. Eschatologie in den monotheistischen Weltreligionen, Berlin 2008, S. 261–291; hier herunterzuladen. Zu anderen dadjdjāl-Varianten s. David Cook, Studies in Muslim Apocalyptic, Princeton (NJ) 2002.
2. Al-Buḫārī, Ṣaḥīḥ, Ḥaǧǧ 49. Die Parallelstellen kommen nach@:

حدثنا عمرو بن علي حدثنا يحيى بن سعيد حدثنا عبيد الله بن الأخنس حدثني ابن أبي مليكة عن ابن عباس ر عن النبي ص قال كأني به أسود أفحج يقلعها حجرا حجرا.

3. Al-Buḫārī, Ṣaḥīḥ, Ḥaǧǧ 49:

حدثنا يحيى بن بكير حدثنا الليث عن يونس عن ابن شهاب عن سعيد بن المسيب أن أبا هريرة ر قال:  قال رسول الله ص يخرب الكعبة ذو السويقتين من الحبشة.

4. Textvariante: „ihrem Schatz (kanz)“. Was hierunter zu verstehen ist, ist fraglich. In unserer Zeit ist die Ka‘ba leer.
5. Ahmad ibn Hanbal, Musnad ii, 220:

حدثنا عبد الله حدثني‮ ‬أبي‮ ‬ثنا أحمد بن عبد الملك وهو الحراني‮ ‬ثنا محمد بن سلمة عم محمد بن إسحق عن ابن أبي‮ ‬نجيح عن مجاهد عن عبد الله‮ ‬بن عمر،‮ ‬وقال سمعت‮ ‬رسول الله ص يقول‭:‬‮ ‬يخرب الكعبة ذو السويقتين من الحبشة‮ ‬ويسلبها حليتها،‮ ‬ويجرّدها من كسوتها،‮ ‬ولكأني‮ ‬أنظر إليه أصيلع أفيدع‮ ‬يضرب عليها بمسحاته ومعوله‮.‬

6. Der Quellennachweis ist mir kurz verloren gegangen; kommt wohl wieder.

كأني‮ ‬أنظر إلى حبشي‮ ‬أحمر الساقين‮ ‬،‮ ‬أزرق العينين،‮ ‬أفطس الأنف،‮ ‬كبير البطن‮ ‬،‮ ‬وقد صف قدميه على الكعبة هو وأصحاب له‮ ‬ينقضونها حجرا حجرا‮ ‬ويتداولونها حتى‮ ‬يطرحوها في‮ ‬البحر‮.‬

7. S. Wim Raven, „Some early Islamic texts on the negus of Abyssinia,“ JSS 33 (1988), 197–218, insbes. S. 216–18; hier herunterzuladen.
8. Wolfdietrich Fischer, Farb- und Formbezeichnungen in der Sprache der altarabischen Dichtung. Untersuchungen zur Wortbedeutung und zur Wortbildung, Wiesbaden 1965.

Diakritische Zeichen: daǧǧāl, Qaḥtānī, Ḏū as-Suwaiqatain, Yāǧūǧ und Māǧūǧ, ḥilya, Ḥuḏaifa, mesīḥē, masīḥ, Ibn Ṣayyād, Aḥmad ibn Ḥanbal

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