Gottesbeweis: Der Schöpfer beugt Inflation vor

🇳🇱 Heute wieder ein Fragment aus dem arabischen, überwiegend christlichen Text Kitāb al-i‘tibār fī al-malakūt von Djibrīl ibn Nūh,1 eine Sammlung von ungefähr hundert teleologischen Gottesbeweisen (arguments from design), wahrscheinlich aus dem neunten Jahrhundert. Siehe zu dem Büchlein hier. Daraus finden Sie in diesem Bluch Fragmente zum Rüssel des Elefanten, zur Dummheit von Babys, zum Penis des Mannes, zur menschlichen Stimme und zum schreienden Hirsch.

Die Fürsorge des Schöpfers für seine Geschöpfe ist auch ersichtlich aus der Knappheit von Edelmetallen. Er hat es den Menschen unmöglich gemacht, diese Metalle selbst herzustellen. Wenn sie das könnten und demzufolge unbegrenzte Mengen Gold und Silber zur Verfügung hätten, würde das Geld wertlos und der Handel damit unmöglich werden. Davor hat er die Menschheit behütet. In Djibrīls Worten: 

  • Erwäge, wie kostbar Gold und Silber sind und wie die Vernunft der Menschen versagt, wenn sie versuchen [diese Metallen] selbst herzustellen, obwohl sie das sehr gerne möchten und sie sich dazu sehr anstrengen. Wenn sie die Kenntnisse, nach denen sie streben, erlangen würden, würden diese unvermeidlich so allgemein bekannt werden in der Welt, dass es viel zu viel Gold und Silber geben würde. Deren Preis würde stürzen und sie würden wertlos werden, so dass sie bei Kauf und Verkauf, bei Transaktionen, bei Steuern, die für den Sultan erhoben werden, und als Spartopf für den Nachwuchs keinen Nutzen mehr hätten. Es ist dem Menschen aber gegeben, Messing herzustellen aus Kupfer, Sand aus Glas und mehr solche Sachen, die nicht schaden können. Man sieht also, dass Menschen mit Sachen, die ihnen unschädlich sind, frei walten dürfen, aber ihnen das verwehrt bleibt bei Stoffen, die ihnen schädlich wären, wenn sie die erhielten.1

Nicht nur die Herstellung von Edelmetallen ist dem Menschen verwehrt worden, auch die Gewinnung derer in Gruben u.dgl. bleibt beschränkt, obwohl die Vorkommen riesig sind:

  • Grubenarbeiter haben uns erzählt, dass sie einmal sehr tief in eine bestimmte Grube durchdrangen und an eine Stelle kamen, wo sie etwas sahen wie Berge aus Silber. Aber vor der Stelle strömte ein gewaltiger, bodenlos tiefer Fluss mit einer starken Strömung, den sie unmöglich überqueren konnten. Später gingen sie zurück um diese Stelle zu suchen, aber sie konnten sie nicht wiederfinden und gingen enttäuscht zurück.
    Erwäge jetzt den Entwurf des Schöpfers. Er wollte seinen Knechten seine Allmacht und den Umfang seiner Schätze zeigen, um sie wissen zu lassen, dass er, wenn er ihnen Berge Silber schenken wollte, dazu fähig war. Aber das wäre nicht gut für sie, denn wie gesagt: Das Metall würde unter den Menschen an Wert einbüßen und von wenig Nutzen sein. Nehmen wir zum Beispiel an, dass unter den Gefäßen oder anderen Gegenständen, die Menschen herstellen können, etwas Außerordentliches erscheint. So lange es ungewöhnlich und selten bleibt, wird es teuer sein und seinen Preis behalten, aber wenn es in Überfluss zur Verfügung kommt, wird der Wert sinken und der Preis wird stürzen. Hierin liegt die Bestätigung von dem, was jemand mal sagte: „Die Kostbarkeit von Sachen hängt von ihrer Knappheit ab.“ 2

Dem Autor, der im Irak zu Hause war, war offensichtlich die Mär verborgen geblieben, dass im westafrikanischen Ghāna3 das Gold überhaupt nicht knapp sei. Das Land war nämlich bekannt für seinen wahrhaft legendären Goldvorkommen; es war gleichsam das Eldorado Afrikas. Das Gold wuchs dort an Pflanzen: „Gold wächst im Sande dieses Landes wie Karotten; bei Sonnenaufgang wird es gepflückt.“ 4 Nun, in Ghāna war es nicht der Schöpfer, sondern ein weiser König, der Inflation vorbeugte: „Die Goldklumpen, die in allen Gruben des Landes gefunden werden, sind für den König reserviert. Er lässt nicht zu, dass sie aus seinem Land in ein anderes gehen. Die Klumpen können von einer Unze bis zu einem Pfund wiegen. Nur Staubgold lassen sie aus dem Land heraus. Wenn sie alles, was in den Gruben gefunden wird, herausließen, würde zu viel Gold in die Hände der Menschen geraten und würde es seinen Wert verlieren.“ 5

Dieser König war nicht der Einzige: Viele Fürsten haben ihre Schatzkammern voll geladen und später machte die Kirche dasselbe, zum Beispiel in Spanien, wo viel neues Gold aus Amerika nicht auf den Markt kam, sondern in Gestalt teurer kirchlicher Kunst „unschädlich“ gemacht wurde. Alles eingedenk der Grundregel der Ökonomie: „Die Kostbarkeit von Sachen hängt von ihrer Knappheit ab.“

ANMERKUNGEN:
1. Auch als Dalāʾil al-i‘tibār bekannt. Das Büchlein wird oft al-Djāḥiẓ (ca. 776–869) zugeschrieben. Die erste (unkritische) Ausgabe erschien 1928 in Aleppo. Ich habe verschiedene Handschriften benutzt; Einzelheiten behalte ich noch für mich.

ثم فكر‏ في‏ عزة الذهب والفضّة‏ وقصور حيلة‏ الانس عمّا حاولوا من‏ صنعتهما على حرصهم واجتهادهم في‏ ذلك‏. ‏ فإنهم لو ظفزوا بما حاولوا من هذا العلم‏ كان لا محالة‏ سيظهر ويستفيض في‏ العالم حتّى‏ يكثر‏ الذهب والفضة‏ ويسقط عند الناس فلا تكون لهما قيمة ويبطل الانتفاع بهما في‏ الشراء والبيع والمعاملات والاتاوة‏ التي‏ تُجبَى الى السلطان والذخر‏ الذي‏ يذخر للأعقاب‏. وقد أعطي‏ الناس مع هذا صنعة‏ الشبه من النحاس والزجاج من الرمل وما أشبه ذلك مما لا مضرّة فيه‏. فانظر كيف أعطوا ارادتهم فيما لا‏ ضرر عليهم فيه ومنعوا ذلك فيما كان ضارّاً‏ ‏ لهم لو نالوه‏.

2.

أخبرنا أناس ممن يزاول المعادن أنّهم‏ أوغلوا في‏ بعضها فانتهوا الى موضع رأوا فيه أمثال الجبال من الفضّة،‏ ومن دون ذلك وادٍ‏ عظيم‏ يجري‏ منصلتًا بماء‏ غزير لا يدرك‏ غوره‏ ولا حيلة في‏ عبوره‏. ثم عادوا‏ يطلبونه فلم‏ يقفوا عليه فانصرفوا آسفين‏.
‏ ففكِّر الآن في هذا من تدبير الخالق‏. فانّه‏ جل ثناؤه أراد أن‏ يري‏ العباد قدرته وسعة خزائنه ليعلموا أنّه لو شاء أن‏ يمنحهم كالجبال من الفضّة لفعل،‏ ولكنه لا صلاح لهم في‏ ذلك،‏ لأنّه كان‏ يكون كما ذكرنا‏ بسقوط هذا الجوهر عند الناس وقلّة انتفاعهم به‏. واعتبر ذلك بأنّه قد‏ يظهر الشيء الطريف مما يُحدثه الناس من الأواني‏ والأمتعة‏. فما دام عزيزًا قليلاً‏ فهو نفيس جليل‏ آخذ للثمن،‏ فاذا فشا وكثر في‏ أيدي‏ الناس سقط عندهم وخست‏ ‏ قيمته‏. وفي‏ هذا مصداق قول القائل‏ انّ‏ نفاسة الأشياء من عزتها‏.

3. Dieses historische Ghāna lag weit nordwestlich des modernen Ghana, ungefähr im heutigen Mali. Es muss ein mächtiges Reich gewesen sein.
4. Yāqūt ibn ‘Abdallāh al-Ḥamawī, Mu‘djam al-buldān, Hrsg. Ferdinand Wüstenfeld, 6 Bde., Leipzig 1866–73, i, 822:  قال اين الفقيه: والذهب ينبت في رمل هذه البلاد كما ينبت الجزر وإنه يقطف عند بروغ الشمس . Dass diese Goldpflanzen heutzutage nicht mehr vorkommen, liegt merkwürdigerweise an der Islamisierung des Gebiets, „… for in Ghana and beyond it to the south are the places where gold grows and it has been found by experience that whenever the gold-plant land is taken and Islam and the call to prayer become widespread there the gold plant disappears from it.“ (al-‘Umarī, Al-ta‘rīf, Kairo 1894, 27,6; wohl besser in al-Droubi, A critical edition; beide Ausgaben des arabischen Texts nicht zur Verfügung; fürs Augenblick zitiert aus Corpus of early Arabic sources, 276.)
5. K. al-istibṣār 221:

أخبرنا أناس ممن يزاول المعادن أنّهم‏ أوغلوا في‏ بعضها فانتهوا الى موضع رأوا فيه أمثال الجبال من الفضّة،وإذا وجد في جميع معادن بلاد هذا الملك الندرة من الذهب اصطفاها الملك لنفسه ولم يتركها تخرج من بللده لغيره. و الندرة تكون من أوقية إلى رطل وإنما يتركون أن يخرج من بلادهم من الذهب ما كان رقيقًا، ولو تركوا كل ما يوجد في المعادن يخرج من بلادهم لكثر الذهب بأيدي الناس ولهان.

BIBLIOGRAFIE:
Corpus of early Arabic sources for West African History, Übers. und Hrsg. J.F.P Hopkins & N. Levtzion, Cambridge [1981].
– Djibrīl ibn Nūḥ [=Ps.-Djahiz], Dalā’il al-i‘tibār ʿalā l-khalq wa al-tadbīr, Hrsg. Rāghib al-Ṭabbākh al-Ḥalabī,Aleppo 1928.
– N.N., Kitāb al-istibṣār fī ‘adjāʾib al-amṣār: waṣf Makka wa-‚l-Madina wa-Miṣr wa-bilād al-Maghrib, li-kātib Marrākushī min kuttāb al-qarn as-sādis al-hidjrī (12 m.), Übers. und Kommt. Sa‘d Zaghlūl ‘Abd al-Ḥamīd, A̓lexandrien 1958.
– Al-‘Umarī: Shihāb al-Dīn Ibn Faḍl Allāh al-‘Umarī, Al-ta‘rīf bil-muṣṭalaḥ al-sharīf, Kairo 1894.
– Al-‘Umarī: Al-Droubi, Samīr, A critical edition of and study on Ibn Faḍl Allāh’s manual of secretaryship „al-Ta‘rīf bil-muṣṭalaḥ al-sharīf“, al-Karak 1992.

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