Mohammeds Hidschra im Koran

Die Hidschra war die Migration des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina. Das Datum der Hidschra, der 20. September 622 (oder auch ein anderes), wurde nicht mal zwanzig Jahre später zum Anfangspunkt der islamischen Jahreszählung gemacht. Das Ereignis wurde also als äußerst wichtig betrachtet.

Im Koran kommt das Verbalsubstantiv hidjra nicht vor. Des öfteren ist jedoch die Rede von Menschen, die ausgewandert sind (alladhīna hādjarū), oder kurz von Emigranten (muhādjirūn). Diese sind „zu Gott und seinem Gesandten“ ausgewandert, oder „auf dem Weg Gottes“. Letzteres bedeutet meist Krieg führen: Emigration geht dann mit dem Kampf für die gute Sache einher. Nur einmal deutet der Koran an, dass auch der Prophet ein muhādjir war, und das nur indirekt: In Vers 33:50 ist von weiblichen Verwandten die Rede, „die mit dir ausgewandert sind“.

Von den Emigranten wird im Koran einige Male gesagt, dass sie „aus ihren Wohnstätten vertrieben wurden“ (ukhridjū min diyārihim). An einigen Stellen wird das auch vom Propheten gesagt, z.B. in Koran 9:40; 47:13.  In 17:76 heißt es: „Und sie hätten dich beinahe aus dem Land verscheucht, um dich daraus zu vertreiben“ und in 9:13 dass sie vorhatten ihn zu vertreiben.

Von welcher Art war Mohammeds Emigration, was war ihr Grund? Der niederländische Orientalist Chr. Snouck Hurgronje bekämpfte 1886 die damals gängige Meinung, die Hidschra sei eine Flucht gewesen.1 Das Wort bedeutet ja nicht Flucht, sondern: „die Beziehungen abbrechen, sich lossagen, seine Stadt oder seinen Stamm verlassen um sich woanders niederzulassen, auswandern“. Snouck zufolge war sie Teil eines Plans, einer Strategie: „Die Hidschra wurde also von Mohammed, wegen seiner im Lauf der Zeit veränderten Auffassung von seiner Sendung, lange im Voraus sorgfältig geplant.“ So ist auch die gängige islamische Darstellung, die bereits bei ‘Urwa ibn al-Zubair zu lesen ist, obwohl bei ihm der Plan, die Strategie natürlich ein Heilsplan Gottes ist. Im großen Ganzen wird es bei den Orientalisten so beschrieben wie bei Snouck.1

Die allgemein bekannte Erzählung von der Hidschra steht nicht im Koran, sondern in den biografischen Texten über Mohammed (sīra) und in Hadithen, selbstverständlich in unterschiedlichen Fassungen; z.B. in zwei kurzen von ‘Urwa3 und in einer ausgearbeiteten Version von Ibn Ishāq.4 In groben Zügen läuft es so: Mohammed und seine Anhänger werden in Mekka gemobbt. Manche Gläubigen emigrieren deswegen nach Äthiopien, die meisten kommen nach einiger Zeit wieder. Versuche unter den Beduinen und in Tā’if Unterstützer zu finden verlaufen im Sande. Eine Gruppe Einwohner von Yathrib (Medina), die zum Jahrmarkt nach Mekka kommt, will sich aber doch auf Mohammed einlassen. Nach zwei Jahren der Verhandlungen und Vorbereitungen reisen erst die Gläubigen ab nach Medina und darauf Mohammed selbst.

Das im Koran verwendete Verb akhradja, „hinauswerfen, vertreiben, ausweisen“, bezeichnet tatsächlich nicht eine Flucht, aber auch keine souveräne Entscheidung abzureisen. In der biografischen Erzählung kommt das „Hinauswerfen“ gar nicht vor—oder nur einmal, aber verneint. Ibn Ishāq hat an seine Version eine Vergrößerung von Koran 8:30 hinzugefügt. In der Erzählung berät der Gemeinderat von Mekka über das, was mit Mohammed zu tun sei: soll man ihn töten, ihn rauswerfen oder ihn einsperren? In der Erzählung wird der Beschluss gefasst ihn eben nicht rauszuwerfen: dann würde er ja außerhalb Verbündete suchen. Nein, sie werden ihn in der Nacht in seinem eigenen Bett töten. Gott warnt Mohammed aber und dieser weiß … zu fliehen. Nach einer spannenden Verfolgungsjagd findet er mit Gottes Hilfe Zuflucht in einer Höhle und erreicht von dort aus Medina. Also doch eine Flucht—aber nur in einer Ergänzung der Hidschra-Erzählung.

Offensichtlich vermieden es die Biografen aus Feingefühl, das koranische Motiv des „Hinauswerfens“ mit Mohammeds Hidschra in Verbindung zu bringen, da diese ihnen zufolge nicht von einer erniedrigenden Initiative der Heiden ausgelöst wurde, sondern auf einem Heilsplan Gottes beruhte und aus selbständigem Handeln seines Propheten heraus erfolgte. Das hört sich erheblich positiver an. Inzwischen habe ich den Eindruck, dass auch in modernen Betrachtungen ignoriert wird, dass die Hidschra de facto ein Rauswurf war – oder zumindest ganz wie einer aussah.

ANMERKUNGEN
1. In seinem Twee populaire dwalingen verbeterd, Nachdruck in Chr. Snouck Hurgronje, Verspreide geschriften, 6 Bde., Bonn/Leiden 1923–27, i, 295–305. (online hier oder hier).
2. Ein bequemer Überblick steht bei W. Montgomery Watt, Muhammad at Mecca, Oxford 1953, 141–51.
3. In ‘Urwas Brief an Kalif ‘Abd al-Malik (al-Tabarī, Ta’rīkh  i, 1180–1, 1224–5, 1234ff) und in seiner Erzählung bei ‘Abd ar-Razzāq as-San‘ā’ī, Musannaf STELLE@. S. weiter A. Görke und G. Schoeler, Die ältesten Berichte über das Leben Muḥammads. Das Korpus ‘Urwa ibn az-Zubair, Princeton 2008, 39ff.
4. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, Hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 217–223.

Diakritische Zeichen: hiǧra, allaḏīna hāǧarū, muhāǧirūn, uḫriǧū, ʿUrwa, Ibn Isḥāq, Ṭāʾif, aḫraǧa, al-Ṭabarī, Taʾrīḥ, ʿAbd ar-Razzāq aṣ-Ṣanʿāʾī, Muṣannaf

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Umars Bekehrung (übersetzter Text)

‘Abdallāh ibn Mas‘ūd hat erzählt: Bevor ‘Umar Muslim wurde, konnten wir das Gebet nicht bei der Ka‘ba verrichten. Als er zum Islam übergetreten war, bekämpfte er die Quraisch so lange, bis er dort beten konnte, und wir mit ihm. ‘Umar wurde Muslim, nachdem die Gefährten des Propheten nach Äthiopien gezogen waren.
Wie ich erfahren habe, verlief die Bekehrung ‘Umars so: Seine Schwester Fātima und ihr Mann Sa‘īd ibn Zaid waren schon Muslime geworden, aber sie verschwiegen es ‘Umar. Sein Stammesgenosse Nu‘aim ibn ‘Abdallāh war auch Muslim geworden und auch er verheimlichte es aus Angst vor seiner Verwandtschaft. Khabbāb ibn Aratt besuchte Fātima oft um ihr den Koran zu rezitieren.
Eines Tages umgürtete ‘Umar sich mit seinem Schwert und begab sich zum Propheten. Man hatte ihm nämlich gesagt, dass dieser mit einer Anzahl seiner Gefährten in einem Haus bei Safā versammelt war. Sie waren ungefähr vierzig Personen, Männer wie Frauen, unter denen Mohammeds Onkel Hamza, Abū Bakr und ‘Alī und noch andere Muslime waren, die bei dem Propheten in Mekka geblieben und nicht nach Äthiopien gezogen waren. Unterwegs traf ‘Umar Nu‘aym ibn ‘Abdallāh, der ihn fragte, wohin er gehe.
„Zu Mohammed,” sagte er, „diesem Sabier, der unter den Quraisch Zwietracht sät, ihre besten Tugenden Torheiten nennt, ihre Religion schmäht und ihre Götter verflucht. Ich werde ihn töten!”
„Du betrügst dich selbst, ‘Umar,” sagte Nu‘aym, „meinst du, dass die ‘Abd Manāf dich hier frei herumlaufen lassen werden, nachdem du Mohammed getötet hast? Solltest du nicht besser erst deine Angelegenheiten in der eigenen Familie in Ordnung bringen?”
„Was ist mit meiner Familie?”
„Dein Schwager und Vetter Sa‘īd und deine Schwester Fāṭima sind auch Muslime geworden und bekennen sich zu Mohammeds Glauben. Kümmere dich erst mal darum!”
‘Umar kehrte um und ging zu seiner Schwester und seinem Schwager. In dem Augenblick war Khabbāb ibn Aratt gerade bei ihnen; er hatte ein Blatt bei sich, auf dem die Sure Tāhā geschrieben war, die er ihnen rezitierte. Als sie ‘Umar kommen hörten, versteckte Khabbāb sich in einem Zimmerchen oder irgendwo im Haus, während Fatima das Blatt nahm und sich daraufsetzte. ‘Umar hatte aber, als er sich dem Haus näherte, Khabbāb schon rezitieren gehört und fragte sobald er hereintrat:
„Was war das für ein Kauderwelsch?”
„O, das war nichts.”
„Doch, doch, und mir ist auch gesagt worden, dass ihr der Religion des Mohammeds anhängt!”
Mit diesen Worten ging er seinem Schwager zu Leibe und als Fātima dazwischen kommen wollte, verpasste er auch ihr einen Schlag auf den Kopf.
„Ja,” sagten sie dann, „wir sind Muslime geworden und wir glauben an Gott und seinen Gesandten. Mache mit uns, was du willst!”
Als ‘Umar sah, wie seine Schwester blutete, tat sie ihm Leid, er tat einen Schritt rückwärts und sagte zu ihr: „Gib mir das Blatt mal, von dem ich gerade rezitieren hörte, damit ich sehe, was Mohammed verkündet.” ‘Umar konnte nämlich lesen und schreiben. Aber sie wollten es ihm nicht anvertrauen. „Keine Angst,” sagte er und er schwor ihr bei seinen Göttern, er werde es ihr zurückgeben, wenn er es gelesen habe. Da hoffte Fātima, dass er Muslim werden würde, und sagte: „‘Umar, du bist unrein, weil du ein Heide bist, und nur wer rein ist darf ihn berühren. 1 ‘Umar wusch sich; darauf gab sie ihm das Blatt mit der Sure Ṭāhā. Nachdem er ein Stück daraus gelesen hatte, rief er aus:
„Was für wunderbare, edle Worte!”
Als Khabbāb das hörte, kam er aus seinem Versteck und sagte: „‘Umar, ich hoffe, dass Gott dich auserwählt hat durch das Gebet Seines Propheten, denn diesen habe ich gestern beten hören: “O Gott, stärke den Islam durch die Bekehrung des Abū Ḥakam oder des ‘Umar!” Komm zu Gott, ‘Umar, komm zu Gott!”
Dann sagte ‘Umar: „Sag mir, wo ich Mohammed finden kann, Khabbāb; dann werde ich Muslim.”
Khabbāb antwortete, er sei mit einer Anzahl Gefährten in einem Haus bei Safā. ‘Umar legte sein Schwert um und machte sich auf den Weg. Er klopfte an die Tür des Hauses, in dem sie sich aufhielten. Als sie ihn hörten, ging einer der Gefährten zur Tür um durch einen Spalt zu schauen, wer da sei. Voller Angst kam er zurück zum Propheten und rief: „Prophet, es ist ‘Umar, und er trägt sein Schwert.” Hamza ibn ‘Abd al-Muttalib aber sagte: „Lasst ihn herein; wenn er gute Absichten hat, behandeln wir ihn gut; wenn er Böses will, töten wir ihn mit seinem eigenen Schwert.” Der Prophet willigte ein und der Mann öffnete ‘Umar die Tür. Der Prophet ging auf ihn zu, packte ihn fest an seinem Gürtel und zog ihn an sich.
„Was willst du hier, Ibn al-Khattāb?” sagte er, „denn du machst glaube ich weiter, bis Gott Unheil über dich herabsendet.”
„Prophet, ich bin gekommen um an Gott und seinen Gesandten und seine göttliche Botschaft zu glauben.”
„Gott ist groß!” schrie der Prophet, so dass alle Gefährten im Haus wussten, dass ‘Umar Muslim geworden war.
Darauf gingen die Gefährten frohen Mutes auseinander, nun da sowohl Hamza wie auch ‘Umar Muslime geworden waren. Sie wussten ja, dass diese beiden Männer den Propheten schützen würden und dass sie mit ihrer Hilfe von ihrem Feind ihr Recht erlangen könnten.
Dies ist die Erzählung der Überlieferer aus Medina über den Islam ‘Umars.

Einige Bemerkungen von mir zu dieser Erzählung finden Sie hier.

ANMERKUNG
1. Gemeint ist der Koran. Der zitierte Vers ist 56:79.

QUELLE: Ibn Isḥāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 224–7 (verkürzt).

Diakritische Zeichen: ʿUmar ibn al-Ḫaṭṭāb, Fāṭima, Ṣafā , Ḥamza ibn ʿAbd al-Muṭṭalib, Ṭāhā, Abū Ḥakam

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Einundvierzig Höllenqualen

Momentan arbeite ich konzentriert an der Ausgabe eines alten arabischen Textes, das Kitāb al-‘Azama.

Eine Textausgabe hat etwas Handwerkliches, etwas Gemütliches für die Winterabende: Rätsel lösen, mit (Fotos von) ungefähr zehn alten Handschriften auf dem Tisch. Nachdem ich zur Einstimmung ein Fragment über die heiße und die kalte Hölle hier eingegeben hatte, sind jetzt die Höllenqualen an der Reihe, um die vierzig an der Zahl, eine noch grausamer als die andere — das macht richtig Spaß. Um Ihnen einen Eindruck zu geben: Es sieht so aus:

  • – Darauf wurden andere aus dieser Gemeinschaft gebracht, deren Haut abgezogen und danach wieder aufgebracht wurde. Über sie rief ein Herold: Dies sind diejenigen, die sich um einen guten Ruf und Ruhm bei den Fürsten und Sultanen dieser Welt bemüht haben.
    – Darauf wurden andere aus dieser Gemeinschaft gebracht, deren Bauch aufgeschlitzt wurde, in den dann Pfähle aus Feuer getrieben wurden und denen ihre Ohren zu essen gegeben wurden. Über sie rief ein Herold: Dies sind die Imame und Muezzins der Muslime, die zum Gebet riefen, aber für Lohn beteten, die Güter der Menschen begehrten und sich die Belohnung bei Gott versagten.
    – Darauf wurden andere aus dieser Gemeinschaft gebracht, die mit dem Kopf nach unten gekreuzigt wurden und in deren Ohren Blei aus dem Höllenfeuer gegossen wurde. Über sie rief ein Herold: Dies sind diejenigen, die an der Botschaft Mohammeds zweifelten.

Solche Texte gab es schon im alten Persien, aber sie sind auch in apokryphen christlichen Texten zu finden — und in der Biographie des Propheten Mohammed, der ja während seiner Reise durch Himmel und Hölle seine Augen offen gehalten haben soll. Ein kurzer Hinweis auf die verwandten Texte bereits hier.

Man kann schon verstehen, warum der Koran so gerne gelesen wird. Der spielt ja immer nur kurz auf die Hölle an, so dass sich jeder selbst Angst einjagen kann. Bei ausgearbeiteten Beschreibungen der Höllenqualen wie den obigen tritt nach einiger Zeit Langeweile ein und der Schrecken bleibt aus. Man sieht auch in den Handschriften, dass der eine oder andere Kopist mit Leichtigkeit noch einige Foltern hinzuerfinden konnte. Sein Nachbar, ein Neffe oder der Steuerbeamte sollte auch noch zur Hölle fahren und bekam mit Gusto eine Folterung zugedacht.

Das Prophetenwort, nach dem „die meisten Einwohner der Hölle Frauen sind“,1 ist in diesem Text übrigens nicht berücksichtigt worden. In ʿAẓamas Hölle gibt es nur ganz wenige Frauen. Ganz hart bestraft — allerdings nur in zwei Handschriften — werden Frauen, die behaupten, sie hätten Kopfschmerzen, während sie keine haben.

Nachschrift: Inzwischen kann man hier das ganze Kapitel in englischer Übersetzung lesen.

ANMERKUNG
1. Bukhārī, Bad’ al-khalq 8: . اطّلعت في الجنة فرأيت أكثر أهلها الفقراء واطّلعت في النار فرأيت أكثر أهلها النساء

Diakritische Zeichen: Kitāb alʿ-Aẓama, Buḫārī, bad’ al-ḫalq

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Die Zerstörung Mekkas

makkah-and-the-makkah-clock-tower-950x615Damit meine ich nicht den Abbruch der Ka‘ba, der am Ende der Zeiten zu erwarten ist, sondern die Tätigkeiten des heutigen saudischen, wahhabitisch geprägten Regimes bei der Modernisierung Mekkas und bei der Ausweitung der Einrichtungen für Pilger. 2012 kamen drei Millionen Pilger in die Stadt; 2013 bekamen nur zwei Millionen die Erlaubnis, was bald mit den Baumaßnahmen, bald mit der Gefahr der Ansteckung durch den MERS-Virus begründet wurde. 2025 werden aber 17 Millionen Pilger erwartet (wieso eigentlich?) und etwas muss unternommen werden um diese in der engen, von Bergen eingeschlossenen Stadt aufnehmen zu können. Ein Artikel in The Guardian zeigt die sehr megalomanen Baupläne. Die Kaʿba ist darin kaum noch wiederzufinden.

Foto Saudi Bin Laden Group

Foto Saudi Bin Laden Group

Schön wird das alles nicht, aber wo gibt es heute noch schöne Architektur? Eine gewaltige Tiefgarage unter der Kaʿba gibt es bereits. Auch verschiedene Shopping Malls sind in der Nähe vorhanden, mit u.a. einer Boutique von Paris Hilton; oder hat die wieder zugemacht? Hauptstück ist ein 601 meter hoher Uhrturm, im Vergleich zu welchem der Campanile in Venedig und der Big Ben nur Winzlinge sind. Die Riesenuhr ist 43 meter in Durchschnitt und ist made in Germany. Indem sie durch aufleuchtende Zeiger die genauen Gebetszeiten vorgibt, zementiert sie eine Neuerung, die mit der Erfindung der Stehuhr schon eingesetzt hatte. Im frühen Islam konnten die Gläubigen selbst anhand des Sonnenstandes feststellen, wann es Zeit zum Beten war; in der Praxis half ihnen ein menschlicher Muezzin. Es gab ziemlich breite Zeitfenster, in denen das Gebet gültig war. Jetzt werden die genauen Zeitpunkte mit deutscher Präzision durch eine unpersönliche Behörde festgestellt — wenn es nach den Saudis ginge, gleich für die ganze Welt. Wer auf diese Uhr schaut wird das Gebet nicht zu unterlassen wagen; in Riesenbuchstaben steht ja der Name Gottes darüber.

Für Hotels, Kongresszentren, Malls, Apartmentblocks und Parkplätze müssen selbstverständlich historische Bauten und archäologische Fundstatten aus allen Jahrhunderten weichen; das ist nichts Neues und kommt überall vor. Aber nicht jeder weiß und erwartet vielleicht, dass in Mekka eine Sorte Denkmäler mit besonderem Eifer zerstört wird: die frühislamischen. Das hat nicht nur mit den Bauplänen zu tun, sondern auch mit der religiös fundierten Abneigung der Regierung gegen Gräber und (mögliche) Pilgerorte einerseits, gegen die Biografie des Propheten andererseits. Bereits 1925 hat die frisch angetretene wahhabitische Regierung den Friedhof Medinas, Baqiʿ al-Gharqad, zerstört. Dort lagen nicht irgendwelche Menschen begraben, sondern die Frauen und Zeitgenossen des Propheten! Die islamische Welt war entsetzt; trotzdem wurde noch im selben Jahr auch der historische Friedhof Mekkas planiert. So gingen auch die Gräber von Mohammeds Vorfahren verloren und das seiner ersten Frau, Khadidja. Bei den heutigen Bauaktivitäten verschwindet unter anderem jede Reminiszenz an das Geburtshaus des Propheten. Das Wohnhaus Khadidjas ist schon abgetragen worden; laut Guardian musste es Platz machen für einen Block von nicht weniger als 1400 Toiletten. In Mekka sch….t man auf die Vergangenheit.

Doch spricht vieles für den saudischen Zerstörungsdrang, oder? Alle diese historischen Stätten sind ja nicht wirklich historisch. In Goethes Geburtshaus in Frankfurt ist der Dichter wenigstens wirklich geboren, das ist nachgewiesen … wenn auch das Haus nur eine Kopie des kriegszerstörten Originals ist, haha. Aber hat Mohammed je einen Fuß in sein angebliches Geburtshaus gesetzt? Hat es ihn überhaupt gegeben? Hat Khadidja gelebt; und wenn ja, war das ihr Haus, war sie dort wirklich begraben? Liegt Abraham wirklich in dem heftig umkämpften Grab in Hebron (al-Khalil), wo doch sogar seine reale Existenz angezweifelt wird? Dass die Herberge des Barmherzigen Samariters, die angeblich in der Wüste Judäas steht oder stand, nepp ist, versteht jeder Leser von Lukas 10:34 auf Anhieb. Alle drei westlichen Religionen haben ganze Haufen Ballast dieser Art. Erfrischend also, dass die Saudis mit solchem Kram mal aufräumen?

Mekka 1953

Mekka 1953

Natürlich nicht. Ich bedaure es, dass diese Baudenkmäler zerstört werden. Auch wenn sie nichts mit Mohammed zu tun haben, Bauten oder Gräber aus den letzten vierzehn Jahrhunderten und vielleicht aus der Zeit davor sind historisch wertvoll; ich hätte gerne mehr darüber gewusst. Die wahhabitische Abneigung gegen Archäologie und Denkmalschutz folgt nicht nur aus der Sauberkeit ihrer Lehre, sondern auch aus der Angst vor der möglicherweise auffindbaren Vergangenheit. Vielleicht könnte nachgewiesen werden, dass die Heilsgeschichte doch anders verlaufen ist, dass die vorislamitische Zeit (Dschahiliyya) weniger barbarisch war als geglaubt oder christlicher als erwünscht.

Die wahhabitische Abneigung gegen die Prophetenbiografie hat zwei Aspekte. Die Verehrung von Menschen ist streng verpönt und für den Propheten wird keine Ausnahme gemacht. Der andere ist der religionsübergreifende fundamentalistische Hass gegen Dichtung im Allgemeinen. Die Biografie (Sīra) ist erzählend und deshalb Dichtung, das haben die Wahhabiten schon richtig verstanden. Ihr geistiger Urahn Ibn Taimīya (1263–1328) vertrat bereits den Standpunkt, dass das biografische Material wertlos und nicht bei juristischen Argumentationen einsetzbar ist; es sei denn, das Thema ist von großer Wichtigkeit und der Text wird mehrfach überliefert. Durch diese Einschränkung entfällt ein erheblicher Teil der Sīra. Die Geburt, die frühe Jugend, das erste Offenbarungserlebnis, all das interessiert nicht. Indessen bleibt Mohammed für die Saudis natürlich eine äußerst wichtige Person, daran ist kein Zweifel. Er darf nur kein Leben gehabt haben, nichts Menschliches-Allzumenschliches. Was von der Sīra übrig bleibt, ist eine relativ beschränkte Zahl Hadithe, die die Rechtsregeln oder deren Basis bilden — man findet sie in juristisch verwendbaren Fiqh as-sīra-Sammlungen. Sīra light also. Wenn ich Muslim wäre, würde es mir schwer fallen, so einen nahezu abstrakten Propheten zu haben.

(Auch veröffentlicht in zenith Januar/Februar 2014 und in zenithonline.)

Mehr Fotos von Mekka 1953 finden Sie hier.

NACHSCHRIFT 21.07.2016: Siehe jetzt auch hier.

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Urwa, der älteste Biograf Mohammeds

BAUSTELLE!

Der bekannteste arabische Autor zur Mohammedbiografie (sira) ist Ibn Ishāq (704–767), der oft gelesen wird in einer Bearbeitung von Ibn Hisham (gest. ca. 830). Zwei Generationen älter und mindestens so wichtig war aber ‘Urwa ibn az-Zubair (± 643–712). Weil er kein Buch hinterlassen hat,1 hört man aber über ihn weniger. Dies kann sich ändern, wo jetzt ein wichtiger Teil seiner separat überlieferte Texte in einer deutschen Übersetzung zusammengebracht und kommentiert worden ist (→Görke/Schoeler, Die ältesten Berichte). Das Buch ist wichtig; leider ist es in den USA erschienen und liegt hier nicht in den Schaufenstern.

‘Urwa war ein Sohn des az-Zubair ibn al-‘Awwām, der zu den ersten Anhängern Mohammeds und zu der frühesten Elite dessen Bewegung gehörte. Als ‘Ali 656 Kalif wurde, wandte diese Elite sich gegen ihn. Az-Zubair und noch anderen lieferten im Süden Iraks eine Schlacht mit ‘Alī: die Kamelschlacht, benannt nach dem Reittier, auf dem Aischa die Kriegshandlungen beobachtete. ‘Alī gewann, az-Zubair fiel und Aischa wurde gefänglich nach Medina abgeführt.

Ein Vierteljahrhundert später rebellierten zwei Söhne az-Zubairs, diesmal gegen den Umayyadenkalif Yazīd, den sie als illegitim betrachteten. Kurz zusammengefasst: ʿAbdallāh etablierte ein *Gegenkalifat in Mekka (680–692) und sein Bruder Mus‘ab eroberte und verwaltete in seinem Namen den Irak und einen Großteil Irans. Andere Provinzen zögerten noch; für die Umayyadenkalifen blieb erst mal nicht viel mehr als Syrien übrig.
‘Urwa war viel junger als die beiden Rebellen; er war der Intellektuelle der Familie und nicht politisch oder militärisch aktiv – wenn er auch in der Kalifatsfrage die Seite seiner Brüder gewählt hatte. Er wohnte meist in Medina und studierte und unterrichtete dort das Leben des Propheten, wie auch Hadith und Recht.
Zwölf Jahre lang gelang es den Umayyaden nicht das Gegenkalifat aufzurollen, vor allem weil gerade einige schwache Kalifen an der Regierung waren. Als der starke Kalif ‘Abd al-Malik angetreten war, ging alles ziemlich schnell. ‘Abdallāh wurde getötet; Mus‘ab war schon etwas früher im Irak gefallen und das war das Ende des Gegenkalifats.

Diese kleine Geschichtsfragment war nötig um ‘Urwa’s Schriften besser einordnen zu können. Nach der Katastrophe in Mekka eilte ‘Urwa nämlich zu ‘Abd al-Malik in dessen Hauptstadt Damaskus. Der Kalif ließ ihn nicht umbringen, aber gab ihm eine Aufgabe: er sollte die Geschichte des Propheten und der Anfänge des Islams aufschreiben – natürlich aus seinem Medinagefärbten Gesichtspunkt. Als er in Medina zurückgekehrt war, tat er das, indem er eine Anzahl „Briefe“ (rasā’il) schrieb.
Das milde Verhalten ‘Abd al-Maliks ist gut verständlich. Er stand ja vor der Aufgabe das verteilte Reich zu einigen und versuchte das u.a. mittels einer Geschichtsschreibung, die für alle Teile des Reichs akzeptabel sein würde. Der früheste Islam, mit seinem Orientierungspunkt (qibla) nach Jerusalem, war vielleicht doch eine überwiegend syrisch-palästinensische Angelegenheit gewesen. Der *Felsendom in Jerusalem, eine rotunda, die 691 fertig gebaut wurde, war Endpunkt und Höhepunkt des „syrischen“ Islams. Eigentlich ist das Gebäude eine Ansage an die Christen, zu denen der junge Islam auf Distanz ging. Oft hat man gedacht, dass der Felsendom gebaut wurde, weil Mekka während des Gegenkalifats vorübergehend nicht zugänglich war. Aber es kann genau so gut umgekehrt sein: 692 fand eine Umkehr statt, durch welche Arabien in der Staatsideologie einen viel größeren Platz zugeteilt bekam und der Felsendom, so jung wie er war, gleich schon zweitrangig wurde. Mit anderen Worten: Mekka, die Ka‘ba und Medina wurden erst jetzt wichtig gemacht; die arabische Halbinsel zählte fortan voll und ganz mit und somit wurde potentiellen Rebellen wenigstens aus Arabien der Wind aus den Segeln genommen.

Bei dieser Arabisiering des Islams haben ‘Urwas Schriften meiner Meinung nach2 eine wichtige Rolle gespielt. Die Briefe schrieb er für den Hof, aber er hatte auch noch etliche andere Texte, die er seinen Schülern überlieferte. Von seinem Werk ist ein erheblicher Teil bewahrt und somit können wir feststellen, dass ʿUrwa der Lieferant der wichtigsten sira-Kapitel gewesen ist. Sie sind hauptsächlich von zwei Personen überliefert worden: sein Sohn Hishām und der Gelehrte az-*Zuhrī. Ibn Ishāqs Werk enthält viel ‘Urwa-Material, wie auch das des *Ma‘mar ibn Rāshid, der noch einen separaten Beitrag verdient.
Die Briefe sind meist kurz gefasst. ‘Abd al-Malik mochte keine lange Texte und verabscheute die Fantasie der sog. Erzähler (qussās). Ein Beispiel von ‘Urwas persönlichem Wirken in der frühesten islamischen Geschichtsschreibung sieht man an der Rolle, die Abū Bakr und dessen Familie in einigen zentralen Texten spielen. ‘Urwa’s Mutter war Asmā’, eine Tochter Abū Bakrs. Ihre Schwester Aischa, die Frau des Propheten, war also seine Tante. In ‘Urwas Berichte und Erzählungen zur Emigration (*hidschra), zum Sterbebett des Propheten und zur Keuschheit Aischas werden Abū Bakr und seine Familie stark auf den Vordergrund gestellt. Liegt es nicht nahe, dass ʿUrwa auch in anderen Erzählungen seine eigene Akzente gesetzt hat und dabei die Wichtigkeit von Mekka und Medina gehörig aufgeblasen hat?

ANMERKUNG
1. Außer dem Koran gab es zu der Zeit noch keine Bücher. Das Werk: ‘Urwa ibn al-Zubair, Maghāzī rasūl Allāh, bi-riwāyat Abī al-Aswad ‘anhu, Hrsg. M.M. al-A‘zamī, ar-Riyād 1981, ist nicht von ʿUrwas Hand.
2. Sie werden es bemerkt haben: in diesem Beitrag gibt es viel Mutmaßungen von mir und wenig gefestigte Kenntnis. Meine Mutmaßungen sind aber auch nicht dummer als die von Anderen, die sich in der letzten Zeit zur frühislamische Geschichte geäußert haben. Mehr dazu hier.

BIBLIOGRAPHIE
– A.A. Duri, The rise of historical writing among the Arabs, Hg. u. Übers. L.I. Conrad, Einl. F.M. Donner, Princeton 1983, insbes. S. 76–95.
– A. Görke, The historical tradition about al-Hudaybiya. A study of ‘Urwa ibn al-Zubayr’s account, in H. Motzki (Hrsg.), The biography of Muḥammad. The issue of the sources, Leiden 2000, 240-75.
– A. Görke und G. Schoeler, Die ältesten Berichte über das Leben Muḥammads. Das Korpus ‘Urwa ibn az-Zubair, Princeton 2008.
– G. Schoeler, Art. „‘Urwa ibn al-Zubayr,“ in EI2.
– G. Schoeler, Charakter und Authentie der muslimischen Überlieferung über das Leben Mohammeds, Berlin und New York 1996, 28–32, 145–54.

Diakritische Zeichen: ʿUrwa, Ibn Isḥāq, Hišām, Muṣʿab, Maʿmar ibn Rāšid, quṣṣāṣ, Maġāzī, al-Aʿẓamī, ar-Riyāḍ, Ḥudaybiya

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Mohammed und Aischa: Hat der Prophet ein Kind geheiratet?

Eine Kurzfassung dieses Texts ist in Arbeit.

Der Hadith, nach dem der Prophet Mohammed seine Lieblingsfrau Aischa geheiratet habe, als sie sechs Jahre alt gewesen, und die Ehe vollzogen habe, als sie neun gewesen sei, wird zunehmend ein Stein des Anstoßes. Islamkritiker und -hasser nehmen ihn zum Anlass den Propheten noch mal so richtig zu beleidigen. Viele Muslime fühlen sich persönlich unbehaglich beim Inhalt dieser und ähnlicher Texte, und wissen oft nicht gut, wie sie auf die Kritik von außen reagieren sollen.

Der Hadith hat einige Varianten, die alle glasklar und eindeutig sind. Ein Beispiel:

  • Muhammad ibn Yūsuf überlieferte von Sufyān, und der letztere von Hishām ibn Urwa, der es von seinem Vater [Urwa ibn az-Zubair] gehört hatte: Es erzählte Aischa, dass der Prophet sie heiratete, als sie sechs Jahre alt war; sie wurde in sein Haus gebracht, als sie neun Jahre alt war, und dann blieb sie neun Jahre bei ihm.1

Im Grunde ist es nur ein Hadith, der in verschiedenen Varianten vorkommt, von denen die auffälligste die ist, in der auch ein Heiratsalter von sieben Jahren erwähnt wird. Alle Varianten mit allen Isnaden finden Sie hier: HadithAischaAlter. Sie zu lesen ist nicht jedermanns Sache; ich möchte den Leser, den kein fachspezifisches Interesse antreibt damit nicht belästigen.

Aber muss man wirklich glauben, dass diese Texte von Tatsachen berichten und dass sie als Quellen für Geschichtschreibung verwendet werden können?

Natürlich hegen konservative Muslime, die nicht mit moderner Literatur und Literaturwissenschaft vertraut sind, nicht den geringsten Zweifel an der Geschichtlichkeit dieser Hadithe. Manch einer dürfte sogar meinen, dass auf Grund des prophetischen Vorbilds es allen Muslimen erlaubt sei, solch junge Mädchen zu heiraten. Dazu werden sie vielleicht durch die Kapitelüberschriften in den Hadithsammlungen inspiriert. Auffällig ist dort nämlich eine gewisse Verallgemeinerung: „Über das Verheiraten kleiner Töchter,“ „Wer die Ehe vollzieht mit einer Frau, die neun Jahre alt ist,“ usw. Stets befindet sich aber unter dieser Überschrift nur der Hadith über Aischas Alter.2 In der Praxis war es wohl doch kein Thema; den Schariagelehrten zufolge war und ist das Heiratsalter das Eintreten der Pubertät.

Islamhasser in Europa und den Vereinigten Staaten3 haben ebenfalls keinen Zweifel: Aischa war neun, als sie entjungfert wurde. Nur ist deren Schlussfolgerung eine andere: Mohammed sei demzufolge ein Pädophiler und ein perverser Kinderschänder gewesen. Je schwärzer der Islam, desto schöner ist ja das Kämpfen gegen ihn.

WikiIslam, eine islamkritische Webseite, gibt sich wissenschaftlich, aber entlarvt sich bald und endet letztendlich auch bei den Islamhassern.4 Sie besteht ebenfalls auf der Realität des Ehevollzugs mit neun Jahren und weigert sich Vorschläge für Alternativen in Erwägung zu ziehen. Sie hält voll und ganz an der Glaubwürdigkeit der Hadithe als historische Berichte fest. Die Annahme eines höheren Alters der Ehevollziehung würde ja bedeuten, dass es einen Punkt weniger am Islam zu mäkeln gäbe — was die Hersteller der Webseite offensichtlich bedauern würden. Sie kritisieren lieber „den Islam“ als dass sie Texte kritisch lesen, und sind somit doch eher Gläubige als Gelehrte.

Nicht nur die konservative Minderheit, sondern die Mehrzahl der Muslime glaubt an die Zuverlässigkeit von korrekt überlieferten Hadithen als Geschichtsquelle. Dazu gehört im Prinzip auch dieser Bericht, der die genannte Peinlichkeit enthält: Ihr Prophet hat ein neunjähriges Mädchen entjungfert. Im traditionellen Islam fängt das Heiratsalter, wie in vielen anderen alten Kulturen auch, mit der Pubertät an. Neun Jahre ist entschieden zu früh. Zwar soll der Prophet bestimmte Privilegien gehabt haben, aber es wäre in diesem Fall ungeschickt, damit zu argumentieren, weil der Prophet eben ein sittliches Vorbild war. Moderne Muslime, die wie die meisten anderen Menschen der Meinung sind, dass ein so junges Mädchen in einem Ehebett nichts verloren hat, müssen also andere Methoden finden um diese Peinlichkeit los zu werden und die lästigen Texte zu entschärfen.

Eine Methode ist: ignorieren und verdrängen. Es gibt in der Tat Muslime, die nicht mit dem Thema belästigt werden wollen. Ohne Zweifel hatte der Prophet das Beste mit der kleinen Aischa vor; zu etwas Anderem war er ja nicht fähig, und für das Mädchen war es eine Gnade, bereits als Kind die Nähe und den Segen des Propheten zu erfahren; Amen! Diese Haltung findet man zum Beispiel auf der einschlägigen Webseite der Islam-pedia. Dort wird ausführlich geschildert, wie ungemein liebevoll und segenreich die Ehe Mohammeds mit Aischa war. Das Heiratsalter von neun Jahren wird kurz erwähnt, aber mit keinem Wort thematisiert. Solche Gläubige fantasieren sich ein ganzes Eheleben zusammen, doch die Frage: „Aber wie war es denn genau mit dem Vollzug der Ehe?“ stellen sie sich grundsätzlich nicht. Sie weigern sich sich vorzustellen, wie der etwas beleibte Fünfziger mit einem so kleinen Mädchen Geschlechtsverkehr hatte. Und den müssten sie gehabt haben, denn eine Ehe besteht erst durch ihren Vollzug. Das Ignorieren des Problems wird durch die eindringlichen Fragen der Außenwelt immer schwieriger.

Sehr viele Menschen wollen aber das Problem nicht vertuschen, sondern versuchen diese Hadithe mit Argumenten zu retten – nicht nur Muslime, sondern auch Andersgläubige, die gerne Verständnis für diese haben. Ihre Argumente sind meist lässig und vage, wie zum Beispiel: „Zu der Zeit fing die Pubertät ja viel früher an,“ oder: „Aischa war bestimmt frühreif; das kommt in warmen Ländern öfters vor,“ oder: „Damals wusste niemand, wie alt er genau war.“ Das letzte Argument ist sicherlich zutreffend, aber eine Ehe mit einem viel zu jungen Mädchen fällt auch ohne Einwohnermeldeamt auf. Die ersten beiden Aussagen sind völlig spekulativ und frei von Sachverstand. Ärzte versichern mir sogar, dass die Pubertät in der Antike durch die schlechtere Ernährung erheblich später eintrat als heutzutage. Überdies, wenn diese Ehe normal wäre, warum hat die Literatur ihr dann so viel Aufmerksamkeit geschenkt?

Später in diesem Beitrag werde ich die viel interessanteren Argumente von Muslimen besprechen, die diese Hadithe nicht retten, sondern loswerden möchten, unter Beibehaltung der anderen und ohne gleich das ganze Glaubensgebäude niederzureißen. Solche Muslime gibt es nämlich zunehmend, und so ergibt sich die interessante Sachlage, dass viele Gläubige den verehrten Hadithen diesmal keinen Glauben schenken möchten — wozu sie eigentlich verpflichtet sind —, während ungläubige Islamhasser sie einfach hinnehmen und daran glauben — wozu sie normalerweise nicht bereit sind.

Aber hat es diese Ehe mit einem Kind wirklich gegeben? Hier geht’s weiter !

ANMERKUNGEN
1. D.h. bis zu seinem Tod. Bukhārī, Nikāh 38, vgl. 39; ähnlich Muslim, Nikāh 70, 72: عن عائشة أن النبي ص تروّجها وهي بنت ستّ سنين وأُدخلت عليه وهي بنت تسع ومكثت عنده تسعًا
2. Bukhārī, Manāqib al-Ansār 44a باب تزويج النبي ص عائشةَ وقدومها المدينة وبنائه بها ; Nikāh 38 باب إنكاح الرجل ولده الصغار لقول اللَّه تعالى واللّائي لم يحضن فجعل عدتها ثلاثة أشهر قبل البلوغ ; Nikāh 59 باب من بنى بامرأة وهي بنت تسع سنين ; Muslim Nikāh 69 باب تزويج الأب البكر الصغيرة ; Ibn Mādja, Nikāh 13 باب نكاح الصغار يزوّجهن الآباء ; Dārimī, Nikāh 56 باب في تزويج الصغار إذا زوّجهنّ آباؤهنّ ; Nasā’ī, Nikāh, 29a إنكاح الرجل ابنته الصغيرة .
3. Wie z. B. Bat Ye’or, Elisabeth Sabaditsch-Wolff, der niederländische Filmemacher Theo van Gogh, Ayaan Hirsi Ali u.v.a.. Wenn Sie einfach Mohammed + Pädophile, oder + Kinderschänder in eine Suchmaschine eingeben, qualmt Ihnen der Hass bereits entgegen.
4. http://www.wikiislam.net/wiki/Main_Page, http://www.wikiislam.net/wiki/Aisha_Age_of_Consummation, http://wikiislam.net/wiki/David_Liepert       Abgerufen am 13. März, 2013.

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„Verdienste der Gefährten“: Abu Bakr vs. Umar und Ali

In dem Artikel „Verdienste der Prophetengefährten“ hatte ich schon darauf hingewiesen, wie Ruf und Status der Gefährten in Sira-Erzählungen gemacht oder gebrochen werden können. Die meistbehandelten Personen aus der Umgebung des Propheten waren die ersten Kalifen. Deshalb bin ich mal der Sache nachgegangen, wie zum Beispiel Abū Bakr, der erste Kalif (reg. 632–34) in den Quellentexten davonkommt. Seine Verdienste stehen in Kontrast zu denen von ‘Umar und ‘Alī.
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Das Sterbebett des Propheten: Abū Bakr und ‘Umar
Die letzten Tage des Propheten bilden ein spannendes Kapitel in der Biografie.1 Die heikle Frage war: Hat der Prophet einen Nachfolger ernannt oder nicht? Abū Bakr war der Nachfolger des Propheten als Staatsoberhaupt und es könnte interessant sein, der Frage nachzugehen, ob davon in den Quellen etwas zu bemerken ist. Wir werden sehen: Sein „Kurs“ geht auf und ab.

Der Prophet vertraute Abū Bakr während seiner letzten Krankheit die Leitung des öffentlichen Gebets an.2 Aus diesem Auftrag als Imam zu wirken könnte man eventuell folgern, dass auch eine Nachfolge als Imam im Sinne von Staatsoberhaupt, Kalif, gemeint war.

In zwei Berichten ist es ‘Umar (der spätere zweite Kalif, reg. 634–44), der die Leitung des Gebets übernahm, weil Abū Bakr kurz abwesend war. Bald erwies sich aber, dass dies nicht dem Wunsch des Propheten entsprach und so übernahm Abū Bakr doch noch die Leitung.3

Laut einem anderen Bericht war Abū Bakr sogar im Augenblick, da der Prophet verstarb, nicht anwesend. War er weit weg, hatte er eine wichtige Aufgabe zu erfüllen, wie zum Beispiel Usāma ibn Zaid, der gerade außerhalb der Oase einen Feldzug gen Norden vorbereitete aber, als der Prophet wirklich im Sterben lag, doch schnellstens nach Medina kam? Nein, Abū Bakr wollte nur in seinem Haus am Rande von Medina ein wenig quality time mit seiner Frau verbringen.4 Er hatte dazu um Erlaubnis gebeten und sie erhalten; trotzdem macht seine Abwesenheit keinen guten Eindruck. Das Detail war offensichtlich unleugbar oder nicht aus der Überlieferung wegzuschaffen. Kann jemand, der in kritischen Augenblicken nicht da ist, die Gemeinschaft führen? 

Aber noch war nicht alles verloren. Wenn Abū Bakr auch nicht selbst beim Dahinscheiden des Propheten zugegen war, seine Familie war das in hohem Maße.5 Abū Bakrs Tochter Aischa, die Lieblingsfrau des Propheten, ist sogar die Heldin der Sterbeszene. Sie witzelt mit dem kranken Propheten und sie ist es, die ihn in seinen letzten Tagen in ihre Wohnung aufnimmt und pflegt. In seinen letzten Augenblicken sah der Prophet dort einen Mann mit einem Zweig in der Hand, eben von der Sorte, die als Zahnholz (siwāk) verwendet wird. Der war natürlich ein Verwandter, denn fremde Männer sind in Aischas Haus nicht zu erwarten. Eine Überlieferung nennt ihn beim Namen: es war Aischas Bruder ‘Abd ar-Rahmān. Der Prophet winkte, dass er das Zahnholz haben wolle; Aischa kaute es vor und überreichte es ihm. Darauf verschied er an ihrer Brust. Größere Intimität ist nicht möglich! So wird in dieser Erzählung Abū Bakrs Abwesenheit von seinen Verwandten, vor allem von seiner Tochter, einigermaßen wettgemacht.

Als der Prophet verstorben war, machte Abū Bakr laut Überlieferung eine gute Figur. Während ʿUmar in Verwirrung geriet und behauptete, der Prophet sei nicht wirklich verstorben, bewahrte Abū Bakr seine Ruhe und führte die Gemeinschaft mit Hilfe eines Koranverses zurück in die Realität.6 Hier wird er also als überzeugende Führungspersönlichkeit dargestellt.
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Die Hidschra-Erzählungen: Abū Bakr vs ‘Alī
Das bekannteste sunnitische Erzählmaterial zur Hidschra des Propheten von Mekka nach Medina und den Vorbereitungen dazu findet man bei Ibn Ishāq.7 Der Abschnitt über Abū Bakrs Anteil daran stammt von Urwa ibn al-Zubayr (ca. 635–712), dessen Mutter Asmā’ eine Tochter Abū Bakrs war. Aischa, dessen berühmteste Tochter, war also seine Tante. Es wird daher nicht verwundern, dass Abū Bakr in ʿUrwas Erzählung eine Glanzrolle spielt. Die Verwandten ‘Urwas gehörten mütterlicherseits zu der ältesten islamischen Elite, aber väterlicherseits ebenfalls. Seine Brüder hatten, kurz bevor ‘Urwa die Erzählung niederschrieb, noch vergeblich versucht in Mekka ein Kalifat zu etablieren.
Nahezu alle Muslime sind schon nach Medina abgereist, aber der Prophet wartet noch in Mekka, bis er Gottes Erlaubnis zur Abreise erhält. Nur Abū Bakr und ‘Alī8 sind mit ihm zurückgeblieben.
Abū Bakr hofft und betet, dass er den Propheten auf dessen gefährlicher Reise begleiten darf. Er kauft schon die Kamele, auf denen der Prophet und er die Reise machen können. Der Prophet erscheint  unerwartet in Abū Bakrs Haus und teilt ihm mit, dass die Zeit gekommen ist und er zusammen mit ihm abreisen darf. Abū Bakrs Töchter sind dabei ausdrücklich präsent. Darauf versuchen die Gegner des Propheten diesen zu töten. Als das misslingt und der Prophet und Abū Bakr die Stadt fluchtartig verlassen, verstecken sie sich einige Tage in einer Höhle. Hiermit wird gelegentlich der Koranvers 9:40 in Verbindung gebracht: فقد نصره الله إذ أخرجه الذين كفروا ثاني اثنين إذ هما في الغار  „[…] Gott hat ihm ja schon geholfen, als die Ungläubigen ihn zusammen mit einem Zweiten herauswarfen, als die beiden in der Höhle waren […].“
Abū Bakr macht sich abermals unentbehrlich, indem er die Höhle von Ungeziefer und Skorpionen säubert. Seine Tochter Asmā’ bringt Proviant zur Höhle, sein Sohn ‘Abdallāh belauscht, was die Menschen in Mekka sagen und meldet das abends dem Propheten in der Höhle. Kurzum, die ganze Familie Abū Bakrs legt sich ins Zeug und geht dabei beträchtliche Risiken ein. Nur Aischa betätigt sich nicht, weil sie noch zu jung ist; aber sie hat später die ganze Erzählung überliefert.
Auch ‘Alī ist in Mekka zurückgeblieben, aber seine Rolle ist relativ unbedeutend: Er soll sich ins Bett des Propheten legen, um die Männer irrezuführen, die diesen im Bett ermorden wollen. Nach der Abreise des Propheten mit Abū Bakr bleibt ‘Alī noch einige Tage in Mekka zurück um den Leuten die Güter zurückzugeben, die sie beim Propheten in Aufbewahrung gegeben hatten: eine ehrenvolle, aber untergeordnete Aufgabe. Anders als Abū Bakr hat ‘Alī so die Hidschra des Propheten und dessen triumphalen Einzug in Medina nicht persönlich miterleben können.
Ohne Abū Bakr und Familie hätte die ganze Hidschra nicht stattfinden können—das scheint uns die obige Erzählung vermitteln zu wollen. Ohne den Erzähler ‘Urwa und seine (vermeintliche?) Quelle, Tante Aischa, hätte die ganze Geschichte bestimmt anders ausgesehen.

Es gibt aber tatsächlich Geschichten, die ganz anders aussehen: Fassungen der Hidschra-Erzählung, in denen Abū Bakr einen etwas unschönen Auftritt hat, zu spät kommt oder sogar den Propheten aufhält, während ʿAlī eine Glanzrolle spielt. Eine kurze, anonyme, offensichtlich schiitisch inspirierte Fassung, die u.a. bei at-Tabarī9 bewahrt geblieben ist, bietet den Stoff wie folgt an:

Abū Bakr wusste offenbar nicht, dass der Prophet schon weg war, und fragte ‘Alī, wo jener sei. Der sagte ihm, er habe die Stadt verlassen und er sei in einer bestimmten Höhle, in der er sich ihm anschließen solle. Abū Bakr machte sich eilends auf den Weg. Der Prophet hörte jemanden hinter sich herkommen und fürchtete, dass es ein Feind sei. Er beschleunigte seinen Schritt, hatte aber mit einer kaputten Sandale zu kämpfen und verletzte seinen Fuß. Abū Bakr wollte ihn nicht weiter belästigen und machte sich bemerkbar. Erst ab diesem Augenblick gingen sie zusammen weiter, während der Fuß des Propheten heftig blutete.

‘Alī dagegen zeigte Heldenmut in der Konfrontation mit den verhinderten Prophetenmördern. Sie verpassten ihm auf der Stelle eine Tracht Prügel und sperrten ihn eine Zeitlang ein, was er tapfer durchstand.

Kurzum: eine schiitische Erzählung. Man findet sie ebenfalls in einem Papyrus aus dem 9. Jahrhundert, dessen Inhalt auf den Erzähler → *Wahb ibn Munabbih (± 654–730) zurückgeht.10 Diese viel ausführlichere Erzählung enthält die folgenden „Verdienste“-Elemente:
Mohammed begibt sich eines Mittags zu Abū Bakr und berichtet über die Verschwörung der Quraisch gegen ihn. Dass die Töchter dabei auch zugegen wären, liest man hier nicht. Abū Bakr macht sich dann verdient, indem er draußen belauscht, was die Leute vorhaben. Er folgt zwei Feinden; einer von ihnen ist sogar der Leibhaftige. Dann bittet er um die Erlaubnis mit dem Propheten mitzureisen. Die bekommt er; die Abreise soll am Abend sein. Er bereitet sich vor.
Der Prophet lässt inzwischen ‘Alī holen und sagt diesem, dass er sich in sein Bett legen solle um die Verschwörer irrezuführen. Quasi nebenbei wird ihm auch gesagt, dass er Abū Bakr beauftragen solle, sich in einer gewissen Höhle dem Propheten anzuschließen. In dieser Fassung verlässt Abū Bakr also doch nicht zusammen mit dem Propheten die Stadt; das ist eine Inkonsequenz in der stark redigierten Erzählung. Oder der Prophet hat nicht die Mühe genommen, Abū Bakr die Änderung in seinem Plan mitzuteilen. Wie auch immer, der Prophet entkommt; Abū Bakr geht ihm nach, aber erschreckt ihn, so dass der Prophet stolpert und seinen Fuß verletzt. Um Schlimmerem vorzubeugen macht Abū Bakr sich jetzt bemerkbar. Zusammen betreten sie die Höhle, in der sie sich verstecken können. Beim Reinigen der Höhle wird Abū Bakr von einem Skorpion gestochen und der Prophet muss seine Zauberkunst (ruqya) anwenden um ihn zu heilen. Kurzum, Abū Bakr legt sich schon ins Zeug, aber der Prophet hat seine liebe Not mit ihm.
‘Alī hat inzwischen im Bett des Propheten geschlafen. Er zeigt den Verschwörern gegenüber Heldenmut.
Sowohl Abū Bakrs Tochter Asmā’ wie auch ‘Alī bringen tagtäglich Proviant zur Höhle; die beiden wetteifern sogar. ‘Abdallāh, der Sohn Abū Bakrs, wird in dieser Fassung nicht erwähnt.
‘Alī bekommt den Auftrag drei Kamele und einen Führer für die Weiterreise zu mieten. In der anderen Erzählung kauft Abū Bakr die Kamele aus freien Stücken und bezahlt sie aus eigener Tasche.
Beim Einzug in Medina wird Abū Bakr nicht mal erwähnt; dafür aber ‘Alī, obwohl dieser erst einige Tage später eintrifft.

Europäische Orientalisten fühlen sich oft in rätselhafter Weise mit dem sunnitischen Islam verbunden. Demzufolge meinen sie häufig, dass ‘Urwas Erzählung die ursprüngliche sei und die andere eine schiitische Überarbeitung. Vielleicht haben sie Recht, aber das Umgekehrte ist genauso gut möglich.
Die Schia, die Partei ‘Alīs, existierte schon zu dessen Lebzeiten. Sein Anrecht auf das Kalifat war von Anfang an und vor allem nach seinem Tod im Jahr 661 stets ein zentraler Streitpunkt, während das Gedankengut ‘Urwas erst nach 690 seinen Durchbruch erlebte. Wahb verstarb ca. 728, aber seine Fassung hatte schon eine ganze Geschichte hinter sich. Sie weist deutlich sekundäre ‘Alī-Reklame auf, wie z.B. dessen auffällige Rolle bei der Ernährung in der Höhle und dem Besorgen der Kamele, aber es ist nicht alles nur ‘Alī, wo man hinhört; es gibt durchaus auch Verdienste von Abū Bakr, die zum Kern der Erzählung gehören. Dagegen könnte man an ‘Urwas Version wiederum bemängeln, dass sie überall Abū Bakr und Familie auftreten lässt. Wahbs Erzählung ist eine Mischversion. Die undatierte Fassung des at-Tabarī ist viel einseitiger schiitisch. Die schiitische Erzählung könnte älter als die andere gewesen sein; man sollte diese Möglichkeit nicht voreilig ausschließen. Nur ein sorgfältiger Vergleich aller Fassungen dürfte uns hier weiter bringen. Eine Doktorarbeit wäre denkbar. 

Auf jeden Fall ist offensichtlich geworden, dass die Wertschätzung der „Verdienste“ eines bestimmten Prophetengefährten auf und ab geht, je nach Verwandtschaftsgrad und politischer Überzeugung des Erzählers. 

ANMERKUNGEN
1. Ibn Ishāq (Wüstenfeld), 323–333; Übers. Rotter 103–8;  Übers. Guillaume, 221–227.
2. ‘Alī ibn Abī Tālib, der spätere vierte Kalif (reg. 656–661, die Galionsfigur der Schiiten, die die ersten drei Kalifen für illegitim halten. Deshalb ist er in vielen Erzählungen rückwirkend ein Gegenspieler von Abū Bakr en ‘Umar. Wie die Männer sich während ihres Lebens tatsächlich zueinander verhielten, ist unbekannt.
3. At-Tabarī, Ta’rīkh i, 1233-4.
4. Khoury, Wahb i, 136–151.
5. Arabischer Text: Ibn Ishāq (Wüstenfeld), 999–1013; deutsche Übersetzung Rotter 251–259; englische Übersetzung Guillaume 678–683.
6. Ibn Ishāq (Wüstenfeld), 1008; Übers. Rotter 253–4; Übers. Guillaume 680.
7. Ibn Ishāq (Wüstenfeld), 1009 und 1010; Übers. Rotter 254–5; Übers. Guillaume 681.
8. Ibn Ishāq (Wüstenfeld), 1010; Übers. Guillaume 682.
9. Ibn Ishāq (Wüstenfeld), 1011; Übers. Rotter 255–6; Übers. Guillaume 682; Raven, Chew stick, 593–598.)
10. Ibn Ishāq (Wüstenfeld), 1012–13; Übers. Rotter 256–7; Übers. Guillaume 682–3. S. auch Der Tod des Propheten

LITERATUR
Ibn Ishāq: 
Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen, 2 Bde., 1858–60 (Arabischer Text, editio princeps).
– Deutsche Übersetzung (Auswahl): Ibn Ishāq, Das Leben des Propheten, übers. Gernot Rotter, Kandern 1999.
– Englische Übersetzung: A. Guillaume, The Life of Muhammad. A translation of Isḥāq’s (sic!) Sīrat Rasūl Allāh, Oxford 1955.

– R. G. Khoury, Wahb b. Munabbih. Teil 1. Der Heidelberger Papyrus PSR Heid Arab 23. Leben und Werk des Dichters. Teil 2. Faksimiletafeln, Wiesbaden 1972.
– M. J. Kister, „On the Papyrus of Wahb B. Munabbih,“ BSOAS 37 (1974), 547–71.
– M. J. Kister, „On the Papyrus of Wahb B. Munabbih: An Addendum,“ BSOAS 40 (1977), 125–27.
– W. Raven, „The chew stick of the prophet in Sira and Hadith,“ in Anna Akasoy und Wim Raven (Hrsg.), Islamic Thought in the Middle Ages. Studies in Text, Transmission and Translation in Honour of Hans Daiber, Leiden 2008, 593–611, insbes. S. 593–5.

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Die „Verdienste der Prophetengefährten“

Unter den „Prophetengefährten“ (ashāb an-nabī) versteht man gemeinhin die Zeitgenossen des Propheten, die Muslim geworden waren und den Propheten persönlich sahen oder sogar kannten.1 Ein eigenes Genre in der islamischen Literatur beschäftigt sich mit ihnen: die „Verdienste der Prophetengefährten“ (fadā’il oder manāqib al-ashāb), in der eben deren Vorzüge und Leistungen beschrieben werden. Sie sind eine Untergattung der SīraLiteratur, also der biographischen Schilderungen des Lebens Mohammeds. 

Die Sira-Literatur ist nämlich nicht nur am Propheten interessiert, sondern auch an seinen Gefährten, die zusammen die erste islamische Gemeinschaft bildeten. Sie ist ein Archiv von Genealogien und Namenslisten der Gefährten und enthält unzählige Erzählungen über deren Handlungen. Mittels solcher Erzählungen versuchten die Menschen die Vergangenheit lebendig zu halten, wie sie das immer getan hatten. Spätere Generationen versuchten ihre Vorfahren so positiv wie nur möglich darzustellen, von ihren Taten zu erzählen, die vom Propheten gutgeheißen oder gar gepriesen worden waren und ihre Verdienste für den entstehenden Islam zu betonen — gegebenenfalls indem man sie den Makeln (mathālib) anderer Gefährten gegenüberstellte.

Dafür gab es auch einen praktischen Grund: Die Stellung eines Gefährten unter den Empfängern von Zuwendungen aus der Staatskasse (‘aṭā’) basierte auf den Berichten, die es über ihn gab. Überdies, bevor das vorbildliche Handeln, die Sunna des Propheten seinen zentralen Platz im islamischen Recht einnahm, waren die Gelehrten an der „Handlungsweise“ (sira oder sunna) der ersten Kalifen  genau so stark interessiert gewesen, denn die waren ja ebenfalls Gefährten gewesen. So konnte auch deren Tun und Lassen als Mittel zur Bestimmung des richtigen Verhaltens herangezogen werden. Darum wundert es nicht, dass verschiedene Sira-Werke auch die Periode nach dem Tod des Propheten abdeckten.

Eine Untergattung der „Verdienste“ bilden die Awā’il, die mitteilen, wer etwas zum ersten Mal getan hatte:2 „Der erste Mann, der an den Propheten glaubte war ‘Alī.“ 3 „‘Abdallāh ibn Mas‘ūd war der erste nach dem Propheten, der den Koran öffentlich in Mekka rezitierte.“ 4 „Der erste, der das Freitagsgebet in Medina verrichtete, war Mus‘ab ibn ‘Umair.“ 5 Es wird selbstverständlich gewesen sein, dass man vor frühen Konvertiten mehr Respekt hatte als vor späteren. Die ersten Emigranten aus Mekka und die ersten Helfer in Medina genossen auch als Gruppen großes Ansehen.

Die Wirkung der Gattung „Verdienste der Prophetengefährten“ kann vielleicht am besten anhand einer Einzelperson gezeigt werden. Sa‘d ibn Abī Waqqās (gest. nach 660)6 war einer der ersten Muslime. Er war der Heerführer in mehreren Feldzügen, nahm an allen wichtigen Schlachten teil und wurde ein erfolgreicher General. Aber als er die Armee führte, die etwa 636 bei Qādisīya die Perser besiegte, war er nicht persönlich bei der Schlacht zugegen — angeblich aus gesundheitlichen Gründen.

Manche Autoren kritisieren ihn ob dieser Abwesenheit. Eine sira-Erzählung unterstreicht diese Kritik noch extra, indem sie Saʿds Verhalten in die Zeit des Propheten zurückprojiziert. Sie beinhaltet, dass Saʿd aus irgendeinem trivialen Grund verhindert war an einem bestimmten Kriegszug teilzunehmen, wie der Prophet ihm aufgetragen hatte.7

Im Gegensatz dazu betonen andere Texte, dass Saʿd der erste war, der für den Islam Blut vergoss,8 und der erste, der für die Sache des Islams einen Pfeil abschoss.9 Sind das normale Lobsprüche oder Versuche den Schandfleck aus Sa‘ds Lebenslauf zu tilgen? Wie auch immer, das Beispiel zeigt, wie ein Gefährte in Sira-Texten eine gute oder eine schlechte „Presse“ bekommen konnte. Insbesondere die Haltungen gegenüber den ersten Kalifen, den wichtigsten Gefährten Mohammeds, variieren stark. Sowohl ihre Anhänger wie auch ihre Gegner versuchten in Erzählungen zu punkten, zum Beispiel in den unterschiedlichen Geschichten zum Sterbebett des Propheten, die das Problem seiner Nachfolge thematisieren.

Ein Sonderfall ist ‘Abbās ibn ‘Abd al-Muttalib.10 Er war Mohammeds Onkel, aber kein „Gefährte“, weil er nie Muslim wurde. Für die ‘Abbāsiden, die 750 der Umayydendynastie die Macht abrangen, war er ein prestigeträchtiger Vorfahr, den sie für ihre Legitimation benötigten — schließlich machte er sie ja ein wenig mit dem Propheten verwandt. Auch der Name ihrer Dynastie wird auf ‘Abbās zurückgeführt. Von daher finden wir bei Ibn Ishāq, der für den ‘Abbāsidenhof arbeitete, positive Berichte über ‘Abbās,11 wohingegen *Wahb ibn Munabbih ihm nicht gewogen ist12 und *Mūsā ibn ‘Uqba uns glauben machen will, dass ‘Abbās mit den Helfern aus Medina verwandt war.13

Verdienste haben ihr Gegenstück in Makeln (mathālib). Diese werden nicht immer so subtil wie im Fall von Sa‘d ibn Abī Waqqās dargeboten. In der Erzählung über die frühe muslimische Auswanderung nach Äthiopien und den Besuch heidnischer Mekkaner beim Negus (nadjāshī) jenes Landes14 sind die guten Charaktere frühe Muslime mit tadellosem Ruf, während die Bösewichte als späte, eventuell opportunistische Konvertiten bekannt sind.

Im Koran findet sich zu den „Verdiensten“ wenig — es sei denn, man denkt an die Erwähnung bestimmter privilegierter Gruppen in K. 9:100; 56:10–11 und 59:9–10. Dazu gibt es etliche Verse zu den Heuchlern (munāfiqūn), die in der Sira ebenfalls ausführlich behandelt werden.

Einen biblischen Hintergrund für die „Verdienste“-Literatur gibt es nicht, allenfalls vage thematische Parallelen wie die Bekehrungsgeschichte des ‘Umar, eines gefürchteten Feindes des Islams, der sich dann in einen glühenden Verteidiger verwandelte, so wie es einst Paulus im entstehenden Christentum ergangen war.15

Die Taten der Gefährten landeten nicht nur in Sira-Texten, sondern auch in Hadithsammlungen, in Kapiteln mit Titeln wie fadā’il bzw. manāqib al-ashāb und seit *Ibn Sa‘ds Tabaqāt darüber hinaus in Werken, die nur ihnen gewidmet waren.16

Das Interesse an den Prophetengefährten in der Sira kann auch kollektiv sein: Sie bietet Episoden aus der Stammesgeschichte, zum Beispiel Berichte zu den Delegationen beim Propheten und zu ihren Verträgen mit ihm oder zu Stammeskonflikten. Die Rivalität zwischen den Emigranten und den Helfern kommt ebenfalls in der Sira zum Ausdruck.

Siehe auch den Artikel zu Abū Bakr.

Auch veröffentlicht in zenith Juli/August 2013, 94–95.

ANMERKUNGEN
1. M. Muranyi, Die Prophetengenossen in der frühislamischen Geschichte, Ph. D. Diss. Bonn 1973; idem, „Ṣaḥāba,“ in EI2; L. L. Kern, „Companions,“ in EQ.
2. F. Rosenthal, „Awāʾil“ in EI2; Ibn abī Šaiba, Al-kitāb al-muṣannaf fī al-aḥādīth wal-āṯār, uitg. ʿAbd al-Ḫāliq al-Afġānī, 15 Bde., Hyderabad/Bombay 1979–83, xiv, 68-147.
3. Ibn Isḥāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hg. F. Wüstenfeld, Göttingen, 2 Bde., 1858–60, 158-61; Übersetzung: A. Guillaume, The Life of Muhammad. A translation of Isḥāq’s (sic!) Sīrat Rasūl Allāh, Oxford 1955, 114-15@.
4. Ibn Isḥāq, o.c., 202; Übers. 141@.
5. Mūsā b. ʿUqba: E. Sachau, „Das Berliner Fragment des Mûsâ Ibn ʿUḳba. Ein Beitrag zur Kenntnis der ältesten arabischen Geschichtsliteratur,“ in Sitzungsberichte der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften (1904), 445–70, Fragm. 2.
6. G. Hawting, „Saʿd ibn Abī Waqqāṣ,“ in EI2.
7. Ibn Isḥāq, o.c., 424; Übers. 287; aṭ-Ṭabarī, [Taʾrīḫ ar-rusul wal-mulūk] Annales, hg. M.J. de Goeje et al., 14 Bde., Leiden 1879–1901, i, 1274, 1277; cf. W. M. Watt, Muḥammad at Medina, Oxford 1956, 6.
8. Ibn Isḥāq, o.c., 166; Übers. 118.
9. Ibn Isḥāq, o.c., 416; Übers. 281; aṭ-Ṭabarī, o.c. i, 1267.
10. W.M. Watt, „ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muṭṭalib,“ in EI2.
11. Ibn Isḥāq, o.c., 296, 1007; Übers. 203, 680.
12. Wahb b. Munabbih: Raif Georges Khoury, ——. Der Heidelberger Papyrus PSR Heid Arab 23. 1. Leben und Werk des Dichters. 2. Faksimiletafeln, Wiesbaden 1972,  i, 126.
13. Mūsā b. ʿUqba, o.c., Fragment Nr. 6.
14. Ibn Isḥāq, o.c., 217-22; Übers. 150-3; W. Raven, „Some early Islamic texts on the negus of Abyssinia,“ in JSS 33 (1988), 200-1; hier herunterzuladen.
15. Ibn Isḥāq, o.c., 224-7; Übers. 155-7; Bibel,  Apostelgeschichte 9:1–29; s. demnächst auch @hier.
16. L. L. Kern, „Companions,“ in EQ, Bibliography, primary.

Diakritische Zeichen: aṣḥāb an-nabī, faḍāʾil, manāqib al-aṣḥāb, maṯālib, awāʾil, Muṣʿab, Saʿd ibn Abī Waqqāṣ, ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muṭṭalib, Ibn Isḥāq, naǧāšī

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Ibrahim, der Sohn des Propheten

Hatte Mohammed einen Sohn? Außer Menschen, die über „Glaubenswissen“ verfügen, kann niemand das genau sagen; es gibt so wenig gefestigte Kenntnis über den Propheten, dass solche Fragen einfach nicht zu beantworten sind. Ihm wird nachgesagt, er habe mehrere Frauen gehabt. Wenn dem so war, wird er möglich auch einen Sohn oder mehrere Söhne gehabt haben. Von dreien berichten Hadithe: Qāsim, ‘Abdallāh und Ibrāhīm. Alle drei sollen noch im Kindesalter gestorben sein.

Ibrāhīm war nach dem gleichnamigen Propheten, also Abraham, benannt. Von Mohammeds Hausdiener Anas ibn Malik, der hochbejahrt im Jahr 712 gestorben sein soll, ist beispielsweise die folgende Erzählung über ihn überliefert:

  • Der Prophet sagte: „Mir ist heute Nacht ein Sohn geboren; ich benenne ihn nach meinem Vater Ibrāhīm.“ Er übergab ihn der [Amme] Umm Saif,1 der Frau eines Schmiedes namens Abū Saif. Eines Tages ging er ihn besuchen; ich kam mit, und wir kamen zu Abū Saif, der mit dem Blasebalg ins Schmiedefeuer blies; das ganze Haus war voller Rauch. Ich eilte voraus und sagte: Hör auf, Abū Saif, der Prophet ist da! Er hörte auf und der Prophet rief um Ibrāhīm, druckte ihn an sich und sprach allerlei zu ihm. Anas sagte noch: Ich habe ihn auch gesehen als [das Kind] vor seinen Augen im Sterben lag. Er weinte und sagte: „Das Auge weint, und das Herz ist traurig, aber wir sagen nur, was Gott zufrieden stellt. Bei Gott, Ibrāhīm, wir trauern schon über dich.“ 2

In einem anderen Hadith wird in diesem Zusammenhang von einem ungewöhnlichen Phänomen berichtet:

  • Zur Zeit des Propheten gab es eine Sonnenfinsternis am Tag, an dem Ibrāhīm verstarb. Der Prophet sagte: „Die Sonne und der Mond sind [nicht mehr als] zwei von den Zeichen Gottes; sie verfinstern sich weder wegen jemands Todes noch wegen seines Lebens. Wenn ihr eine [Sonnen- oder Mondfinsternis] seht, betet dann zu Gott und verrichtet Gebete bis sie vorbei ist.“ 3
  • Als Ibrāhīm, der Sohn des Propheten, verstarb, sagte der Prophet zu den Menschen: „Hüllt ihn nicht in die Leichentücher, bevor ich ihn nicht gesehen habe.“ Dann kam er auf ihn zu, beugte sich über ihn und weinte.4

Historiker wissen noch mitzuteilen, dass er im Jahr 7 (also 629 nach unserer Zeitrechnung) von einer ägyptischen Sklavin, nämlich der Koptin Māriya, geboren wurde und noch im Jahr 8 verstorben ist. Wer Hadithe als Geschichtsquelle ernst nimmt, könnte auf Grund des ersten zitierten Textes eine Rauchvergiftung als Ursache für den frühen Tod Ibrāhīms in Betracht ziehen. Viel ist es nicht, was wir über das Kerlchen erfahren. Das wundert nicht; über einen Säugling ist nun mal wenig zu erzählen. Aber auch die wenigen harten Fakten, die vorzuliegen scheinen, sind keineswegs hart. Schon seine Mutter, die Koptin Māriya al-Qibtīya, ist reichlich fiktiv. Sie soll Teil einer Geschenksendung gewesen sein, die der Muqauqis, ein etwas rätselhafter Herrscher Alexandriens, dem Propheten gesandt haben soll. Die Sendung enthielt zwei erstklassige, zweifelsohne jungfräuliche Sklavinnen: Māriya und ihre Schwester Sīrīn, eine Menge Gold und Textilien, die Mauleselstute Duldul und einen Esel namens ‘Ufair oder Ya‘fūr.5 Aber die beiden Frauennamen sind aus einer ganz anderen Geschichte hinübergeweht. Bereits der römische Kaiser Mauricius (reg. 582–602) soll seinem persischen Amtskollegen Chosrau II. Parwīz (reg. 590–628) seine geliebte Tochter Maryam (also Maria) zur Frau gegeben haben.6 Eine christliche Frau namens Shīrīn (Schirin) hatte Chosrau bereits; sie ist in der Literatur ziemlich bekannt geworden. Der Name Schirin passt ohnehin besser nach Persien als nach Ägypten. (Über die Koptin Māriya steht hier ein Sonderartikel.)

Bei näherer Betrachtung handeln die drei obigen Hadithe gar nicht so sehr von Ibrāhīm, sondern wollen die Zuneigung des Propheten und vor allem sein Verhalten bei dessen Tod zeigen. Trauer, Tränen: selbstverständlich—aber moderat! Auch eine Sonnenfinsternis sollte nicht überbewertet werden; Nüchternheit ist geboten. Keinesfalls wird solch ein Naturphänomen, wie manche Leute meinten, durch das Dahinscheiden einer wichtigen Person verursacht; nicht einmal durch den Tod des kleinen Ibrāhīm.
Es gibt viele Hadithe, die aussehen, als enthielten sie Biografisches, die aber in Wirklichkeit von Anfang an als Grundlage einer Rechtsregel dienen sollten und sich bloß zum Schein in das Gewand einer historischen Begebenheit kleideten. Auch in diesem Fall dominieren deutlich die Motive von Scharia-Gelehrten: Mit den Hadithen vom Tod Ibrahims sollten in erster Linie den übertriebenen Trauerbräuchen der Muslime persischer Herkunft sowie abergläubischer Folklore Schranken gesetzt werden.7 Die Moral lautet: Eine passende, aber nicht übertriebene Trauer ist Muslimen angemessen; um Beerdigungen sollte nicht so viel Aufhebens gemacht werden.
Wie bei so vielen Dingen sollte auch beim Thema Totenklage (an-niyāha ‘alā al-maiyit) das Vorbild der Prophet Mohammed sein. Und dazu konnte der Erzähler jemanden gebrauchen, den der Prophet maximal vermissen würde: ein verstorbenes Söhnchen. Nach meiner Überzeugung ist Ibrāhīm von den Überlieferern vor allem ins Leben gerufen um ihn bald sterben zu lassen, sodass der Prophet ihn vorbildhaft moderat beweinen konnte. Überdies machte seine Geburt die Sklavin, die seine Mutter war, zu einer umm walad — einer Sklavin, die ihrem Herrn ein Kind geboren hat und deshalb nach dessen Tod von Rechts wegen frei wird. Gleich zweimal liefert der Junge also einen Präzedensfall für eine Scharia-Regel.

Ob Mohammed nun im realen Leben einen Sohn hatte oder nicht — in seine Prophetenvita würde keiner passen. Religionsgründer haben normalerweise keinen Sohn: Moses, Jesus und der Buddha hatten keinen; wenigstens keinen, der in den Erzählungen eine Rolle gespielt hätte, oder nach ihrem Tod die Nachfolge hätte antreten wollen oder müssen. Das hätte die Ursprungsmythen nämlich sehr gestört. Die Hadithliteratur scheint sich dessen halbwegs bewusst zu sein, heißt es doch bei Ibn Mādja:

  • [Ibrāhīm] starb als kleines Kind. Hätte Gott bestimmt, dass es einen Propheten nach Mohammed geben sollte, so wäre sein Sohn am Leben geblieben. Aber es gibt keinen Propheten nach ihm.8

Erheblich interessanter ist die Erzählung von Zaid (ibn Hāritha), der als Erwachsener fünfzehn bis zwanzig Jahre lang der Adoptivsohn Mohammeds war. Die Adoption wurde im Koran rückgängig gemacht; überdies starb Zaid schon vor dem Propheten. Um so besser, denn, so sagt es Muqātil in seinem Korankommentar: „Wäre Zaid Mohammeds Sohn gewesen, so wäre er ein Prophet gewesen.“ 9

 

ANMERKUNGEN
1. In aṭ-Ṭabarī, Taʾrīḫ i, 1686 wird eine ganz andere Amme erwähnt: Umm Burda bint al-Munḏir ibn Zaid, Frau von al-Barāʾ ibn Aus […] an-Naǧǧār.
2. Muslim, Faḍāʾil 62 (hier); auch Buḫārī, Ǧanāʾiz 44, Ibn Māǧa, Ǧanāʾiz 53 u.v.a.

حدثنا هداب بن خالد وشيبان بن فروخ كلاهما عن سليمان واللفظ لشيبان حدثنا سليمان بن المغيرة حدثنا ثابت البناني عن أنس بن مالك قال: قال رسول الله ص ولد لي الليلة غلام فسميته باسم أبي إبراهيم. ثم دفعه إلى أم سيف امرأة قين يقال له أبو سيف. فانطلق يأتيه واتبعته فانتهينا إلى أبي سيف وهو ينفخ بكيره قد امتلأ البيت دخانا. فأسرعت المشي بين يدي رسول الله ص فقلت يا أبا سيف أمسك جاء رسول الله ص. فأمسك فدعا النبي ص بالصبي فضمه إليه وقال ما شاء الله أن يقول. فقال أنس لقد رأيته وهو يَكيد بنفسه بين يدي رسول الله ص فدمعت عينا رسول الله ص فقال تدمع العين ويحزن القلب ولا نقول إلا ما يرضى ربنا والله يا إبراهيم إنا بك لمحزونون.

3. Muslim, Kusūf, 29 (längere Fassung Muslim, Kusūf 10 u.v.a.):

وحدثنا أبو بكر بن أبي شيبة ومحمد بن عبد الله بن نمير قالا حدثنا مصعب وهو ابن المقدام حدثنا زائدة حدثنا زياد بن علاقة وفي رواية أبي بكر قال قال زياد بن علاقة سمعت المغيرة بن شعبة يقول انكسفت الشمس على عهد رسول الله ص يوم مات إبراهيم فقال رسول الله ص إن الشمس والقمر آيتان من آيات الله لا ينكسفان لموت أحد ولا لحياته فإذا رأيتموهما فادعوا الله وصلوا حتى تنكشف.

4. Ibn Māǧa, Ǧanāʾiz 13:

حدثنا محمد بن إسمعيل بن سمرة حدثنا محمد بن الحسن حدثنا أبو شيبة عن أنس بن مالك قال لما قبض إبراهيم ابن النبي ص قال لهم النبي ص لا تُدرِجوه في أكفانه حتى أنظر إليه فأتاه فانكبّ عليه وبكى.

5. Ibn Saʿd, Aṭ-Ṭabaqāt al-kubrā, hg. Iḥsān ʿAbbās, Beirut o.J., viii, 212. Zu den Tieren siehe Die Maultiere des Propheten und Mohammed: Eselreiter oder Kamelreiter?
6. Aṭ-Ṭabarī, Taʾrīḫ i, 994, 999: وزوّجه ابنة له كانت عزيزة عليه يقال لها مريم. Auch dies ist pure Phantasie. Kaj Öhrnberg, „Māriya al-qibṭiyya unveiled,“ Studia orientalia (Helsinki), xi/14 (1984), 297–303, insbes. S. 298. S. auch C. Cannuyer, „Māriya, la concubine copte de Muḥammad, réalité ou mythe?“ in Acta Orientalia Belgica 21 (2008), 251–64. Uri Rubin hält Māriya und Ibrāhīm für historisch: U. Rubin, „The Seal of the Prophets and the Finality of Prophecy,“ ZDMG 164 (2014), 65–96, insbes. S. 76ff.
7. T. Fahd, „Niyāḥa,“ in EI2; G.H.A. Juynboll, Muslim Tradition, Cambridge 1982, 99–108.
8. Ibn Māǧa, Ǧanāʾiz 27:

حدثنا محمد بن عبد الله بن نمير حدثنا محمد بن بشر حدثنا إسمعيل بن أبي خالد قال قلت لعبد الله بن أبي أوفى رأيت إبراهيم ابن رسول الله ص قال مات وهو صغير ولو قضي أن يكون بعد محمد ص نبي لعاش ابنه ولكن لا نبي بعده.

9. Muqātil ibn Sulaymān, Tafsīr, iii, 498–9 zu Koran 33:40:

يقول لو كان زيد ابن محمد لكان نبيا فلما نرلت ((ما كان محمد أبا أحد من رجالكم)) قال النبي ص لزيد: لست لك بأب. فقال زيد: يا رسول الله، أنا زيد بن حارثة معروف نسبي.

 

Auch veröffentlich in der Zeitschrift zenith, März/April 2013.

Diakritische Zeichen: Māriya al-Qibṭīya, ʿUfair, Yaʿfūr, Šīrīn,an-niyāḥa ʿalā al-maiyit, Ibn Māǧa, Zaid ibn Ḥāriṯa

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Moderne islamische Mohammedbiografien

Die Autoren der ältesten Prophetenbiographien waren selbstverständlich Muslime. Die ersten Biographien, sīra oder maghāzī genannt, erschienen im achten Jahrhundert; später produzierte man in dieser Gattung noch Jahrhunderte lang traditionelle, nicht europäisch kolorierte sira-Texte. Am Ende des 19. Jahrhunderts hat zunehmender europäischer Einfluss in der islamischen Welt zur allmählichen Einführung literarischer Biographien nach europäischer Art geführt. Zu deren Merkmalen gehörte die Unterbringung des beschriebenen Lebens in einer durchgehenden Erzählung, wogegen die alten Werke eher Sammlungen locker aneinandergefügten Erzählfragmente waren. In der modernen Biographie gehört es zum guten Ton, auch eine Beurteilung der beschriebenen Person zu geben, und die Biographen des Propheten übernahmen das. Die europäische historische Kritik, die gegenüber dem islamischen Glaubensgut oft einen arroganten oder gar gehässigen Ton anschlug, war für Muslime Anlass in ihren Werken den Propheten zu verteidigen und mehr Respekt für ihn zu verlangen.
Es erschienen zahlreiche moderne Werke, unter denen die gelehrtesten vielleicht die von Sir Sayyid Ahmad → Khan (1817–98), Muhammad → Hamidullah (1908–2002), Martin → Lings (1909–2005), Abdul Hameed Siddiqui und Hishām Dju‘ait (1935–) sind. Weniger gelehrt, aber unter Muslimen gern gelesen, ist das Werk von → Mubārakpūrī (1942–). Es gibt auch literarische Werke, in denen die Prophetenbiographie neu geschrieben oder verarbeitet wird, von Autoren wie Muhammad Husain → Haikal (1888–1956), Tāhā → Husain (1889–1973), Taufīq → al-Hakīm (1898–1987), ‘Abbās Mahmūd → al-‘Aqqād (1889–1964) and Nadjīb → Mahfūz (1911–2006), noch ganz abgesehen von unzähligen populären und erbaulichen Schriften.
Von den europäischen Orientalisten übernahmen die modernen islamischen Biographen meist das chronologische Gerüst. Zudem folgten sie westlichen literarischen Biographien, indem sie fragmentarische alte Texte zu längeren, zusammenhängenden Erzählungen umgestalteten und fortan auch eine Skizze und eine Charakterbeschreibung und -beurteilung des Propheten boten. Bis auf Mahfūz vielleicht haben sie alles weggelassen, was Zweifel oder negative Gefühle verursachen könnte, und haben somit wenig Raum für die menschlichen, allzu menschlichen Züge des Propheten gelassen. So ängstlich waren die ältesten sīra-Autoren nicht gewesen.

Biographie und fiqh
Aus islamischer Sicht ist die sunna des Propheten nicht nur in der Hadith-Literatur, sondern auch in der sira niedergelegt worden. Doch wird der Hadith als die bessere Quelle betrachtet, weil Hadithgelehrte sich um Kontrolle der Quellen mittels Überliefererketten (isnad) gekümmert haben. Man hat aber auch viel sira-Material gleichsam upgraded und für die Zukunft gerettet, indem man es in Hadithen unterbrachte. Oft ist es dann etwas verkürzt und auf die Bedürfnisse der Juristen zugeschnitten.
Inwieweit die Biographie als Quelle der islamischen Rechtswissenschaft (fiqh) und der Glaubenslehre verwendbar war, wurde u. a. von Ibn Taimīya (1263–1328) thematisiert, der den Standpunkt vertrat, dass viel biographisches Material für die Rechtswissenschaft nicht als Argument einsetzbar ist, außer wenn das Thema sehr wichtig und der Text mit mehreren Überliefererketten überliefert worden ist. In seinem Geist sind in unserer Zeit Bücher mit Titeln wie Fiqh as-sīra erschienen, die nicht viel mehr tun als die alten Quellen, insoweit sie korrekt überliefert waren, noch mal abzudrucken und mit erbaulichen Gedanken zu umspielen (→ Albānī, Ghadbān).

Siehe auch Moderne nichtislamische Mohammedbiografien.

BIBLIOGRAPHIE
– ʿAbbās Maḥmūd al-ʿAqqād, ʿAbqarīyat Muḥammad, Kairo 1941.
– Muḥammad Nāṣir ad-Dīn al-Albānī, Fiqh as-sīra, bearb. von Muḥammad al-Ġazālī, Kairo 19888.
– Munīr Muḥammad al-Ġaḍbān, Fiqh as-sīra an-nabawīya, Kairo 1997.
– Hišām Ǧuʿayṭ, Fī as-sīra an-nabawīya, Beirut, 2 vols, 2001, 2007.
– Tawfīq al-Ḥakīm, Muḥammad, Kairo 1936.
– Muhammad Hamidullah, Muhammad Rasulullah: A concise survey of the life and work of the founder of Islam, Hyderabad 1974.
– idem, Le prophète de l’Islam. 1. Sa vie, 2. Son œuvre, Paris 1959.
– idem, Battlefields of the Prophet Muhammad, Hyderabad 19732.
– idem, The prophet of Islam: Prophet of migration, n.p. 1989.
– idem, The Prophet’s establishing a state and his succession, Islamabad 1988.
– Muḥammad Ḥusayn Haikal, Ḥayāt Muḥammad, Kairo 1933 (Das Leben Muhammads (s.a.s.), übers. unbekannt, Siegen 1987. Herunterladen hier.
– Ṭāhā Ḥusayn,ʿAla hāmish as-sīra, Kairo 1933.
– Sir Sayyid Ahmad Khan, A series of essays on the life of Muhammad and subjects subsidiary thereto, London 1870.
– Martin Lings, Muhammad. Sein Leben nach den frühesten Quellen, übers. Shukriya Uli Full, Kandern 2004.
– Naǧīb Maḥfūz, Awlād ḥāratinā, Beirut 1967.
– Ṣafī ar-Raḥmān al-Mubārakpūrī, The Sealed Nectar (ar-Raheequl makhtum), übers. Issam Diab, Dar us-Salam Publishers, Ort?@.
– Abdul Hameed Siddiqui, The life of Muhammad (PBUH), Lahore 1969, 199310.
– Antonie Wessels, A modern biography of Muḥammad. A critical study of Muḥammad Ḥusayn Haykal’s “Ḥayāt Muḥammad, Leiden 1972.
– idem, „Modern biographies of the life of the Prophet Muhammad in Arabic,“ Islamic Culture 49 (1975), 99-105.

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