Hadiththeorie und –kritik, islamisch

(Dies ist eine Skizze.1 Etwas mit mehr Gehalt ist in Planung.)

Erst einmal die islamische Sichtweise auf die Entstehung der Hadithe. Nach dem Tod des Propheten Mohammed gab es ein fortwährendes Interesse an seinen Aussagen und Handlungen. Man redete über ihn; dieses Reden heißt hadīth. Dasselbe Wort wird verwendet für eine bestimmte Textart: Eine mit Überliefererkette versehene Aussage des Propheten oder ein Bericht über dessen Handeln; siehe weiter hier.
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Nach einer Generation kamen manchmal Zweifel auf, ob solch ein Hadith tatsächlich vom Propheten stamme. Aber wenn jemand ihn aus dem Mund eines zuverlässigen Prophetengefährten gehört hatte, konnte man sicher sein, dass die Überlieferung in Ordnung war. Eine Generation später musste man sagen: „Ich habe von XY gehört, der es von Aischa gehört hatte, dass der Prophet …” und so ging es weiter. So wurde die Überliefererkette, der isnād, geboren. Als die Hadithe im 9. Jahrhundert einmal in maßgebenden Werken niedergelegt waren, verzichtete man darauf, den Ketten noch neue Glieder hinzuzufügen. Diese wären sonst ja zu lang geworden.
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Im Fortschreiten der Zeit vermehrten sich die Möglichkeiten mit den Isnaden und den Inhalten der Hadithe zu mogeln. Das wird nicht immer böse gemeint gewesen sein. Wir sagen doch alle manchmal: „Ich habe von XY gehört …,“ während wir ehrlich gesagt nur mit dessen Mitarbeiter oder Sekretärin gesprochen haben. 
Wie auch immer, im achten Jahrhundert entwickelte sich eine Isnadkritik. Man erforschte, wer die späteren Überlieferer waren und welche Qualifikationen sie hatten. Sie bekamen Prädikate: zuverlässig, glaubwürdig, schwach u.v.a.m. Auch prüfte man , ob Überlieferer X und Überlieferer Y einander überhaupt gekannt haben konnten: War Y nicht schon längst gestorben oder hatte er nicht in einer ganz anderen Stadt gewohnt? War er ein anständiger Mensch gewesen? Eine kritische biografische Literatur wuchs heran, deren Regale noch heute eine ganze Wand füllen. Das ist die sogenannte Männerkunde (‘ilm al-ridjāl). Denn Frauen, die überlieferten, gab es nicht, außer in den frühesten Generationen die Frauen des Propheten, die natürlich alle Einzelheiten seines häuslichen Lebens kannten.
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Auch die einzelnen Hadithe wurden nach der Qualität ihres Isnads klassifiziert. Sie bekamen Prädikate, wie zum Beispiel:

sahīh : ganz korrekt.
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mursal: der älteste Überlieferer, der Prophetengefährte fehlt in der Kette.
da‘īf: schwach; usw.

Sachverständige Hadithkritiker waren selbstverständlich die Verfasser der Sammlungen im neunten Jahrhundert. Al-Bukhārī (810–870) und Muslim ibn al-Hadjdjādj (± 821–875) nannten ihr ganzes Werk Sahīh, weil sie nur Hadithe mit einem korrekten Isnad aufnehmen wollten. Muslim hat eine Einführung zu seiner Sammlung geschrieben, in der er seine Prinzipien darlegt. At-Tirmidhī (825–892) erwähnt oft unter einem Hadith, ob der korrekt, schwach oder noch etwas anderes ist. Siehe zu diesen Sammlern Hadithsammlungen.

Die Männerkunde hat noch Jahrhunderte lang geblüht und erreichte in der Mamlukenperiode sogar neue Höhepunkte in den Werken von Experten wie al-Mizzī (1256–1341) und Ibn Hadjar al-‘Asqalānī (1372–1449).
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Nach meinem Eindruck flaute in den Jahrhunderten danach das Interesse an Isnads ab. Aber mein Eindruck ist nicht viel wert; wie fast alle Arabisten weiß ich wenig von der Periode von 1500–1800.
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Im späten zwanzigsten Jahrhundert kam mit der neuen Frömmigkeit auch das Interesse an korrekten Isnads wieder auf und man knüpfte bei den alten Werken an. Im Nahen Osten wurden und werden viele unbekannte Hadithsammlungen (wieder)entdeckt und herausgegeben. Des Weiteren wird abermals von jedem einzelnen Hadith kontrolliert, wie „korrekt“ er ist und ob er in den Sechs Büchern oder in anderen gut angesehenen Sammelwerken auch vorkommt. Dank solchen Fußnoten sehen diese Bücher wissenschaftlich aus; das sind sie aber nicht. Ihr Zweck ist religiös, nämlich den Wert der jeweiligen Texte für Scharia und Glauben festzustellen. Überdies ist auch die jahrhundertealte islamische Hadithwissenschaft ein bisschen heilig geworden, so dass man sich nicht traut damit noch mal ganz aufs Neue anzufangen.

ANMERKUNG
1. Diese „Skizzen“ sind das Gerüst, auf dem sich vielleicht auf Dauer ein Artikel zum Hadithstudium entwickeln wird.

Diakritische Zeichen: ḥadīṯ, Ǧābir, ṣaḥīḥ, ḍaʿīf, riǧāl, al-Buḫārī, al-Ḥaǧǧāǧ, at-Tirmiḏī, Ibn Ḥaǧar

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Wovon handeln Hadithe?

Muslime, die über das richtige islamische Handeln Rat suchen, fangen mit einer Frage an: Wie habe ich zu beten, zu fasten, zu pilgern? Oder: Ist dies oder das erlaubt? Oder: Was soll ich in einem bestimmten Fall tun? Der Schariagelehrte oder Mufti schaut in die Jurisprudenz oder findet darüber hinaus noch Korantexte oder Hadithtexte nach seiner Wahl, mit Hilfe derer er die Frage meist befriedigend beantworten kann. Systematische Hadithforschung wird zu diesem Zweck nicht betrieben.
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Wer Hadithwissenschaft betreiben will, fängt am anderen Ende an: Es liegen Hadithtexte vor und der Forscher fragt sich, wovon diese handeln, was sie wollen und was sie über den historischen Zusammenhang, in dem
 sie entstanden sind, mitteilen. Es gibt ganz klare Hadithe, aber auch solche, deren Anliegen erst deutlich wird, wenn man alle Paralleltexte und Varianten hinzuzieht. Dann bekommt man einen Eindruck davon, was die alten Hadithgelehrten beschäftigt hat und wie ein Thema sich entwickelt hat. Hier werde ich zeigen, dass sich nicht immer leicht feststellen lässt, wovon ein Hadith handelt.
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Weil es hier nur um die Inhalte (mutūn) geht, habe ich die Überliefererketten (Isnade) weggelassen.1 Muslime können trotzdem sicher sein, dass hier keine obskuren Texte zitiert werden: Die Beispieltexte entstammen alle gediegenen Hadithsammlungen.

Wo findet man etwas zu den Inhalten?
Die gängigsten Hadithsammlungen sind nach den Bedürfnissen der Schariagelehrten eingerichtet. Die Inhalte sind im weitesten Sinne „juristischer“ Natur: Sie handeln vom richtigen Handeln, von dem, was nach dem Schariarecht erlaubt und verboten (halāl und harām) oder sittlich empfehlenswert ist.
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Die Inhaltsangaben solcher Sammlungen sehen in großen Zügen ungefähr so aus wie bei
al-Bukhārī: Glauben; die ‘ibādāt (kultische Pflichten): Reinheit, Gebet, Armensteuer, Pilgern, Fasten; die mu‘āmalāt (alles Zwischenmenschliche): Handel, Erbrecht, Prozessrecht, Sklavenrecht, Fremdenrecht, Dschihad, Prophetengenossen, der Prophet, Koranauslegung, Eheschließung, Verstoßung, Getränke, Medizin, Kleidung, gute Manieren, Gelübde, Strafrecht, Blutgeld, Traumauslegung, die Endzeit und noch etliches mehr.
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Die Themen der Hadithe sind in allerlei arabischsprachigen Werken, aber auch in zwei englischsprachigen Büchern aufgelistet:
→ Juynboll, Encyclopaedia of Hadith konzentriert sich auf die Überlieferer, aber mittels der Inhaltsangabe findet man auch alle Themen der Hadithe und sogar deren Texte in Übersetzung.
→ Wensinck, Handbook. Ausführliche Probeseiten stehen online.
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Das Handbook enthält auf den ersten Seiten vollständige Inhaltsangaben der gängigsten Sammlungen in transkribiertem Arabisch. Des Weiteren sind alle oder nahezu alle Hadithe mit ihren Fundstellen unter Überschriften eingeordnet, wie z.B. „Prayer in case of danger” oder „Muhammad sees Paradise and Hell during an eclipse“. Diese Überschriften sind oft oberflächlich, manchmal falsch. Sie sind aber dienlich, um die Mehrzahl der Fundstellen zu einem bestimmten Thema erst mal zusammenzusuchen.

Einige Kostproben und Leseversuche
In den Sammlungen findet man einerseits nüchterne, sachliche Hadithe, die eindeutig sagen, woran man sich zu halten hat. Einige Beispiele:

  • TEXT 1: Wenn der Prophet die große Waschung verrichtete, verwendete er dazu zwischen einem ṣā‘ und fünf mudd Wasser. Für die kleine Waschung genügte ihm ein mudd Wasser.2 
  • TEXT 2: Eine Magd von Ka‘b ibn Malik weidete Schafe, die ihm gehörten, am (Berg) Sal‘. Da verunglückte eins der Schafe. Sie lief zu ihm hin und schächtete es mit einem Stein. Der Prophet wurde danach gefragt. Er sagte: „Ihr dürft es essen.” 3
  • TEXT 3: Khansā’ bint Khidhām al-Ansārīya erzählte: Mein Vater verheiratete mich als ältere Frau gegen meinen Willen. Da ging ich zum Propheten und er erklärte die Ehe für ungültig.4
  • TEXT 4: Der Prophet verrichtete nach der Beerdigung das Gebet am Grabe und er sprach dabei vier Mal das Allāhu akbar („Gott ist groß“).5 

Andererseits findet man viele Hadithe, die eigentlich Erzählungen sind und von Erzählern oder aus der Sira stammen und die manchmal nachträglich mit einem Isnad versehen wurden, um ihnen mehr religiöses Prestige zu verleihen. Ein Beispiel für solch eine Erzählung, der wohl kaum eine Richtlinie für das richtige Verhalten zu entnehmen wäre, die man aber einfach nicht entbehren wollte, ist:

  • TEXT 5: Aischa erzählte: An jenem Tag, da der Prophet in die Moschee gegangen war, kam er zu mir zurück und legte seinen Kopf in meinen Schoß. Da trat ein Mann aus der Familie Abū Bakrs ein, mit einem grünen Zahnholz in der Hand. Der Prophet schaute darauf, auf eine Weise, dass ich verstand, dass er es gerne haben wollte. Ich fragte ihn: „Prophet, soll ich dir dieses Zahnholz geben?“ „Ja,“ sagte er. Ich nahm es, kaute es vor, bis es weich war, und gab es ihm. Er rieb sich damit so energisch die Zähne, wie ich es noch nie bei ihm gesehen hatte; dann legte er es beiseite. Ich bemerkte, wie er auf meinem Schoße auf einmal schwer wurde, und als ich ihm ins Gesicht sah, waren seine Augen starr. Er sprach noch: „Nein, lieber die höchste Freundesschar im Paradies.“ Ich sagte: „Bei Dem, Der dich mit der Wahrheit gesandt hat! Du wurdest vor die Wahl gestellt und hast gewählt!“ Dann verschied er.6

Viele andere Texte sind zwar erzählend, aber man kann darin schon ein prophetisches Vorbild entdecken:

  • TEXT 6: … von Anas ibn Mālik: Der Prophet sagte: „Mir ist heute Nacht ein Sohn geboren worden; ich benenne ihn nach meinem Vater Ibrāhīm.“ Er übergab ihn [der Amme] Umm Saif, der Frau eines Schmiedes namens Abū Saif. Eines Tages besuchte er ihn ; ich kam mit und wir kamen zu Abū Saif, der mit dem Blasebalg ins Schmiedefeuer blies; das ganze Haus war voller Rauch. Ich eilte voraus und sagte: Hör auf, Abū Saif, der Prophet ist da! Er hörte auf und der Prophet rief nach Ibrāhīm, drückte ihn an sich und sprach allerlei zu ihm.
    Anas sagte noch: Ich habe ihn auch gesehen, als [das Kind] vor seinen Augen im Sterben lag. Er weinte und sagte: „Das Auge weint und das Herz ist traurig, aber wir sagen nur, was Gott zufrieden stellt. Bei Gott, Ibrāhīm, wir trauern schon um dich.“ 7

Dieser Text mag auf den ersten Blick rein biographisch erscheinen, aber er enthält durchaus eine Richtlinie: Trauer ist gut, aber man soll sie nicht übertreiben. Mehr dazu hier.

Ansatz zu einer Fallstudie: die Ansteckung
Als Beispiel mögen einige Hadithtexte dienen, die in → Wensincks Rubrik „Sickness“, Handbook S. 215, untergebracht sind:

  • – [There is] no contagious sickness: 56 Fundstellen
    – Sick camels are not to be brought into contact with sound ones: 10 Stellen
    – Shun him who suffers from elephantiasis: 9 Stellen
    – The country where there is an epidemic disease must neither be sought nor fled from: 57 Stellen
    – ‘Umar and the epidemics in Syria: 10 Stellen

Die Anzahl der Fundstellen sagt nicht viel aus: einerseits sind wohl nicht alle Stellen erfasst worden, andererseits gibt es ohne Zweifel in den unterschiedlichen Sammlungen etliche Dubletten. Die gemeinsame Thematik ist offensichtlich Ansteckung. Gibt es Ansteckung oder nicht, wie hat man sich zu ansteckenden Krankheiten und daran leidenden Kranken zu verhalten? Schon bei Wensinck wird ersichtlich, dass manche Hadithe behaupten, es gebe keine Ansteckung, andere aber davon ausgehen, dass es sie gibt („Shun him who suffers…“). Wer wissen möchte, was die Hadithe zu diesem Thema sagen, muss schon die ca. 140 Stellen nachschlagen; nach Aussortierung der Dubletten bleiben vielleicht 50 aussagekräftige Stellen übrig. Ein Mufti kann sich vielleicht auf ein, zwei Hadithe beschränken, aber ein Wissenschaftler kommt nicht darum herum, alle Hadithe zu seinem Thema zusammenzusuchen und zu vergleichen.8

Hier möchte ich Sie kurz schnuppern lassen:

  • TEXT 7: Der Prophet nahm bei einem Essen die Hand eines Aussätzigen und tauchte die mit der seinigen in die Schüssel. Er sagte: „Sag: Im Namen Gottes und in Vertrauen auf ihn!“ 9

Diesen Hadith führt Wensinck unter „No contagious sickness“ auf. Wenn man nur diesen Hadith lesen würde, könnte man vielleicht meinen, dass der Prophet zu Rücksicht oder Solidarität Aussätzigen gegenüber anspornen wollte. Aber nein, wenn man die anderen Hadithe zum Thema liest, wird klar, dass Wensinck mit seiner Überschrift schon richtig liegt. Dieser Text will sagen: Es gibt keine Ansteckung, man kann ruhig die Hand eines Aussätzigen anfassen und mit ihm essen — eine Verhaltensweise, die man damals gemeinhin schaudernd vermied. Es gibt keine Ansteckung, denn es ist Gott, der entscheidet, ob man krank wird oder nicht. Der Hadith führt uns aus der Rubrik Sickness heraus in die Theologie: Der göttliche Ratschluss (qadā’), die Vorherbestimmung, ist das eigentliche Thema. Bei Wensinck hätte der Text zumindest auch unter einer zweiten Überschrift stehen sollen.
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Nun gab es aber auch Realisten, die z. B. im Alltag bei der Viehzucht Ansteckung kennen gelernt hatten. Nicht ohne Grund legte jemand dem Propheten in den Mund:

  • TEXT 8: Der Prophet hat gesagt: „Ein krankes Tier soll man nicht zusammen mit einem gesunden Tier trinken lassen.” 10

In einem anderen Hadith scheint es, als könne die Ansteckung sogar durch das Böse Auge erfolgen:

  • TEXT 9: Der Prophet hat gesagt: „Schaut nicht lange auf Aussätzige!“ 11

Und auch für Panik wird manchmal Raum gelassen:

  • TEXT 10: Ich habe den Propheten sagen hören: „Fliehe vor einem Aussätzigen, wie du vor einem Löwen fliehst!“ 12 

Es gab offensichtlich heftige Diskussionen zwischen Realisten, die wussten, dass es Ansteckung gibt, und Theologen, die das aus doktrinären Gründen verneinen wollten. Wie immer versuchte jeder seine Auffassung dem Propheten in den Mund zu legen, denn der war die höchste Autorität.
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Es gab auch noch einen Zwischenstandpunkt, dessen Vertreter sich der Ansteckung bewusst zeigen, aber statt Panik doch lieber Gottvertrauen empfahlen bzw. einer weiteren Verbreitung der Seuche vorbeugen wollten (Wensinck: „The country where there is …“, „‘Umar and the epidemics…“):

  • TEXT 11: Als ‘Umar nach Syrien reisen wollte, hörte er in Sargh, dass in Syrien die Pest ausgebrochen sei. ‘Abd ar-Rahmān ibn ‘Auf erzählte ihm, dass der Prophet gesagt hat: „Wenn ihr hört, dass in einem Gebiet die Pest herrscht, geht dann nicht dorthin. Aber wenn sie in einem Gebiet ausbricht, in dem ihr schon seid, flieht dann nicht davor.” Darauf kehrte ‘Umar zurück aus Sargh.13

 

Streithadithe
Was soll man von diesem Hadith denken:

  • TEXT 12: Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine Ansteckung, es gibt kein Vogelorakel, es gibt keinen Wüstendämon (ghūl).“ 14

Was will dieser Text aussagen? „No contagious sickness“ plus noch zwei andere Themen. Auf den ersten Blick ist es ein Sammelhadith, in dem man mehrere Aussagen des Propheten in einem Text kombiniert hat um sie besser memorieren zu können. Solche Texte kommen oft vor. Aber der Schein trügt: Dieser Hadith ist ein Trick der Theologen. Zwei vorislamische, später „abgeschaffte“ Themen des Aberglaubens werden genannt: Vogelorakel und Wüstendämon. Indem „Ansteckung“ ebenfalls erwähnt wird, soll der Eindruck entstehen, dass der Glaube an Ansteckung ebenfalls ein vorislamischer Aberglaube war: alter Kram, der somit obsolet und verächtlich wäre. Mitnichten: Die Diskussion über die Ansteckung ist nachweisbar islamisch. Sie ist ein Subthema der Diskussion über den freien Willen vs. die göttliche Vorherbestimmung am Anfang des 8. Jahrhunderts. Ganz raffiniert, dieser Versuch den Gegenstandpunkt zu entkräften!

Aber die Gegner kamen mit der Retourkutsche und wussten mittels einer ergänzenden Aussage des Propheten—in der wieder andere vorislamischen Themen vorkommen— den Tenor des Hadith umzukehren:

  • TEXT 13: Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine Ansteckung, es gibt kein Vogelorakel, es gibt keinen Seelenvogel und keinen Wurm im Bauch. Aber fliehe vor einem Aussätzigen wie vor einem Löwen!“ 15 

Also doch Ansteckung, aber etwas weniger Gottvertrauen.

Im folgenden Beispiel findet die Diskussion innerhalb des Hadith statt:

  • TEXT 14: Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine Ansteckung, es gibt kein Vogelorakel, es gibt keinen Wurm im Bauch und keinen Seelenvogel.“ Da stand ein Beduine auf und sagte: „Prophet, warum stehen denn die Kamele im Sand so prächtig da wie Gazellen und werden sie, wenn ein räudiges Tier dazu kommt, alle räudig?“ Der Prophet antwortete: „Aber wer hat denn das erste angesteckt?“ 16

Auch hier bleibt die Ansteckung real, aber sie wird zum Teil von theologischer Seite wieder verneint. Ansteckung ja, wenn es denn sein muss; aber auf jeden Fall ist sie gottgesteuert.
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Ein Spektakelstück ist der folgende Text, in dem die Diskussion auf der Isnad-ebene stattfindet:

  • TEXT 15: Abū at-Tāhir und Harmala haben mir überliefert (mit ungefähr demselben Wortlaut): Uns hat Ibn Wahb berichtet: Yūnus hat mir berichtet auf Gewähr von Ibn Shihāb [az-Zuhrī], dass Abū Salama ibn ‘Abd ar-Rahmān ibn ‘Auf ihm berichtet hat: ‘Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine Ansteckung,“‘ aber er überliefert auch: ‘Der Prophet hat gesagt: „Gesunde und kranke Tiere soll man nicht zusammen trinken lassen.“‘
    Abū Salama sagte: Abū Huraira hat uns beide Hadithe des Propheten überliefert. Später
    hat er uns aber verschwiegen, dass der Prophet gesagt hat: „Es gibt keine Ansteckung,“ und er blieb bei: „Gesunde und kranke Tiere soll man nicht zusammen trinken lassen.“
    Al-Hārith ibn abī Dhubāb—das ist der Vetter Abū Hurairas—sagte: Ich habe dich schon noch einen anderen Hadith überliefern hören, Abū Huraira, aber den verschweigst du jetzt! Du hast auch erzählt, dass der Prophet gesagt hat: „Es gibt keine Ansteckung!“ Aber Abū Huraira weigerte sich das zuzugeben und sagte: „… nicht zusammen trinken lassen!“
    Al-Hārith drängte so lange, bis Abū Huraira sich erboste, Äthiopisch zu brabbeln anfing und sagte: Weißt du, was ich sage! Ich sage: Auf gar keinen Fall!
    Abū Salama sagte: Bei meinem Leben, Abū Huraira hatte uns sehr wohl überliefert: ‘Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine Ansteckung,“‘! Ich weiß nicht, ob Abū Huraira dies vergessen hatte oder ob der eine Hadith den anderen *abgeschafft hat.17

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Das waren erst neun der vielleicht fünfzig Hadithe über Ansteckung und meine Interpretation kann noch nicht die endgültige sein. Aber schon wird klar, 1. dass Hadithe glitschige, veränderliche Texte sein können, deren Themen und Anliegen nicht so leicht festzustellen sind; 2. dass man sie alle lesen muss um einen Einblick in die damalige Gedankenwelt zu erlangen.

Andere Beispiele von Hadithen und Gegenhadithen:
Das Lachen des Propheten
Dürfen Frauen in die Moschee gehen?
Und vielleicht sind auch die Texte 1–4 bei näherer Betrachtung weniger eindeutig als gedacht? Man sollte die Paralleltexte mal dazu suchen.

ANMERKUNGEN
1. Wer diesen Satz nicht versteht, sei auf die Kurzdefinitionen verwiesen.
2. Buḫārī, Wuḍū’ 47: ان النبي ص يغسل أو كان يغتسل بالصاع إلى خمسة أمداد ويتوضأ بالمد Ṣā‘ und mudd sind Inhaltsmaße. Heute kümmern sich vielleicht wenige darum, weil das Wasser ohnehin aus dem Hahn kommt.
3. Buḫārī, Ḏabāʾiḥ 19: أن جارية لكعب بن مالك كانت ترعى غنما بسلع فأصيبت شاة منها فأدركتها فذبحتها بحجر فسئل النبي ص فقال: كلوها
4. Buḫārī, Nikāḥ 42: عن خنساء بنت خذام الأنصارية أن أباها زوجها وهي ثيب فكرهت ذلك فأتت رسول الله ص فرد نكاحه
5. Muslim, Ǧanā’iz 68: أن رسول الله ص صلى على قبر بعد ما دفن فكبر عليه أربعا
6. Ibn Isḥāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, Hg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 1011. Identisch mit Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad vi, 274.
7. Muslim, Faḍā’il 62 (hier zitiert); auch Buḫārī, Ǧanā’iz 44, Ibn Māǧa, Ǧanā’iz 53 u.v.a.

حدثنا هداب بن خالد وشيبان بن فروخ كلاهما عن سليمان واللفظ لشيبان حدثنا سليمان بن المغيرة حدثنا ثابت البناني عن أنس بن مالك قال: قال رسول الله ص ولد لي الليلة غلام فسميته باسم أبي إبراهيم. ثم دفعه إلى أم سيف امرأة قين يقال له أبو سيف. فانطلق يأتيه واتبعته فانتهينا إلى أبي سيف وهو ينفخ بكيره قد امتلأ البيت دخانا. فأسرعت المشي بين يدي رسول الله ص فقلت يا أبا سيف أمسك جاء رسول الله ص. فأمسك فدعا النبي ص بالصبي فضمه إليه وقال ما شاء الله أن يقول. فقال أنس لقد رأيته وهو يَكيد بنفسه بين يدي رسول الله ص فدمعت عينا رسول الله ص فقال تدمع العين ويحزن القلب ولا نقول إلا ما يرضى ربنا والله يا إبراهيم إنا بك لمحزونون.

8. Ich habe das einmal getan über „das Zahnholz des Propheten“; s. hier. Über dieses kleine Thema kamen schon achtzig Hadithe zusammen.
9. Abū Dāwūd, Ṭibb, 24/3925 = Tirmiḏī, Aṭ‘ima 19a e.a.: أن رسول الله ص أخذ بيد مجذوم فوضعها معه في القصعة وقال: كل ثقة بالله وتوكلا عليه
10. Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad ii, 406, 434: قال رسول الله ص: لا يورد الممرض على المصح
11. Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad i, 233: قال رسول الله ص: لا تديموا الى المجذومين النظر 
12. Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad ii, 433: سمعت رسول الله ص يقول: فر من المجذون فرارك من الأسد
13. Muslim, Salām 100: …  أن عمر خرج إلى الشام فلما جاء سرغ بلغه أن الوباء قد وقع بالشام فأخبره عبد الرحمن بن عوف أن رسول الله ص قال: إذا سمعتم به بأرض فلا تقدموا عليه وإذا وقع بأرض وأنتم بها فلا تخرجوا فرارا منه فرجع عمر بن الخطاب من سرغ
14. Muslim, Salām 108: قال رسول الله ص: لا عدوى ولا غول ولا صفر
15. Buḫārī, Ṭibb 19: قال رسول الله ص: لا عدوى ولا طيرة ولا هامة ولا صفر وفر من المجذوم كما تفر من الأسد.
16. Muslim, Salām 101: قال رسول الله ص: لا عدوى ولا صفر ولا هامة فقال أعرابي: يا رسول الله فما بال الإبل تكون في الرمل كأنها الظباء فيجيء البعير الأجرب فيدخل فيها فيجربها كلها؟ قال: فمن أعدى الأول
17. Muslim, Salām 104:

‎وحدثني أبو الطاهر وحرملة وتقاربا في اللفظ قالا أخبرنا ابن وهب أخبرني يونس عن ابن شهاب أن أبا سلمة بن عبد الرحمن بن عوف حدثه أن رسول الله ص قال لا عدوى ويحدث أن رسول الله ص قال لا يورد ممرض على مصح قال أبو سلمة كان أبو هريرة يحدثهما كلتيهما عن رسول الله ص ثم صمت أبو هريرة بعد ذلك عن قوله لا عدوى وأقام على أن لا يورد ممرض على مصح. قال فقال الحارث بن أبي ذباب وهو ابن عم أبي هريرة قد كنت أسمعك يا أبا هريرة تحدثنا مع هذا الحديث حديثا آخر قد سكت عنه كنت تقول قال رسول الله ص لا عدوى فأبى أبو هريرة أن يعرف ذلك وقال لا يورد ممرض على مصح فما رآه الحارث في ذلك حتى غضب أبو هريرة فرطن بالحبشية فقال للحارث أتدري ماذا قلت قال لا قال أبو هريرة قلت أبيت قال أبو سلمة ولعمري لقد كان أبو هريرة يحدثنا أن رسول الله ص قال لا عدوى فلا أدري أنسي أبو هريرة أو نسخ أحد القولين الآخر.

BIBLIOGRAFIE
– A.J. Wensinck, Handbook of Early Muhammadan Tradition, Leiden 1927 [der Stoff ist thematisch nach englischen Stichwörtern geordnet].
– G.H.A. Juynboll, Encyclopedia of Canonical Ḥadīth, Leiden/Boston 2007, ist vor allem ein Nachschlagewerk zu den Überlieferern (*Common Links). Aber über den Index findet man auch alle Hadithe in englischer Übersetzung.

Diakritische Zeichen: ḥalāl, ḥarām, al-Buḫārī, Ḫansāʾ bint Ḫiḏām al-Anṣārīya, qaḍāʾ, ʿAbd ar-Raḥmān, Sarġ, ġūl, Abū aṭ-Ṭāhir Ḥarmala, Ibn Šihāb

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Hadithsammlungen

(für Studierende der Arabistik/Islamwissenschaft)

Die Hadithe, d.h. die Aussagen des Propheten und Berichte über sein Handeln, sind ab ca. 800 in Sammelwerken zusammengetragen worden. In den sog. musannaf-Werken wurden die Texte nach den Bedürfnissen der Scharia-Gelehrten thematisch geordnet. Musnad heißen die Sammlungen, in denen alle Hadithe nach Überlieferern geordnet zusammengebracht wurden.

Die islamische Gemeinschaft hat damals die meist kritischen Sammler bevorzugt, unter denen al­-Bukhārī (810–870) aus Bukhārā und Muslim ibn al-Hadjdjādj aus Nīshābūr (± 821–875) als die besten gelten. Ihre musannaf-Werke heißen beide as-Sahīh; sie enthalten grundsätzlich nur Hadithe, deren Isnade nach den Normen der damaligen Isnadkritik „korrekt“ (sahīh) sind.

Muslim schrieb zu seinem Sahīh eine interessante Einleitung, in der er die Prinzipien der Hadithwissenschaft erklärt. (→Juynboll, Muslim’s Introduction)

Neben diesen beiden sehr gut angesehenen musannaf-Sammlungen haben noch vier andere großes religiöses Prestige, alle mit dem Titel Sunan. Diese Werke sind von Abū Dāwūd (817–888), Ibn Mādja (824–886), at-Tirmidhī (825–892) und an-Nasā’ī (830–915). Zusammen mit den beiden Sahīhs bilden sie die „sechs Bücher“, die den Sunniten als besonders wertvoll gelten. In der europäischen wissenschaftlichen Literatur heißen sie manchmal „kanonisch“, nach einem Terminus, der aus dem Christentum stammt. [Alle diese Sammler stammen aus dem Osten Irans oder aus Zentralasien; ist das ein Zufall?]

Des Weiteren gibt es noch andere Sammlungen, die große religiöse Autorität haben; darunter der umfangreiche Musnad des Ahmad ibn Hanbal (780–855), die Sunan des ad-Dārimī (797–868) und, besonders wertvoll für die Malikiten, die frühe Muwatta’ von Malik ibn Anas (± 705–795), die allerdings nicht nur Hadithe enthält.

Das sind zusammen neun Bücher, deren arabische Texte alle in A.J. →Wensinck, Concordance erfasst worden sind. Natürlich kann man arabische Hadithtexte auch im Internet suchen, am besten hier; allerdings bekommt man dann Probleme beim Zitieren. Über diese Problematik siehe hier.

Es gibt aber noch viel mehr Hadithsammlungen. Manche sind erheblich älter als die „kanonischen“ Bücher, haben aber durch die Jahrhunderte weniger Aufmerksamkeit bekommen, weil sie weniger religiöses Prestige hatten oder erst in der Neuzeit entdeckt wurden. Ein Beispiel ist der Musannaf von ‘Abd ar-Razzāq as-San‘ānī (744–827), der interessant ist, weil er so groß ist (21033 Hadithe!). Auch Ibn Abī Shaiba (775–849) hat einen großen Musannaf abgefasst.
Des Weiteren gibt es etliche Musnads, die sich auf nur einen Überlieferer konzentrieren, wie auch kleinere Sammlungen, die nur ein Thema hervorheben, z.B. den Dschihad oder das Jenseits.

Die vielen späteren Sammlungen erwähne ich hier nicht; mir geht es immer darum, die ältesten Texte zu finden; sind die in späten Werken wirklich zu finden? Allerdings hat man in der Mamlukenzeit schon wichtige Hadithstudien betrieben; ich nenne als Autoren z.B. al-Mizzī und Ibn Hadjar al-‘Asqalānī. Aber fürs erste geht man am besten so weit möglich in die Vergangenheit zurück.
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Hier folgt noch das Kleingedruckte: die besten oder nicht ganz so schlechten Ausgaben. Darin kommen dann auch die diakritischen Zeichen vor, die ich hier oben eliminiert hatte. Für weitere praktische Angelegenheiten verweise ich auf den Beitrag Hadithe suchen und zitieren. Ohne Zweifel gibt es auch Übersetzungen ins Türkische; damit bin ich aber nicht vertraut.

In drei erschließenden Veröffentlichungen sind die ‘Sechs Bücher’ und noch drei andere berühmte Hadithsammlungen berücksichtigt worden:
– A.J. Wensinck, Handbook of Early Muhammadan Tradition, Leiden 1927 [der Stoff thematisch geordnet, nach englischen Stichwörtern].
– A.J. Wensinck et. al., Concordance et indices de la Tradition musulmane, 8 Bde., Leiden 1936–1988. [Arabische Wortkonkordanz; auch Ortsnamen und Koranverse].
– G.H.A. Juynboll, Encyclopedia of Canonical Ḥadīth, Leiden/Boston, ist vor allem ein Nachschlagewerk zu den Überlieferern. Aber über den Index findet man auch alle Hadithe in englischer Übersetzung.
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Hadīthe in Auswahl, übersetzt (s. auch unter al-Buḫārī)
– So sprach der Prophet. Worte aus der islamischen Überlieferung, ausgew. u. übers. von Adel Theodor Khoury, Gütersloh 1988.
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Al-Buḫārī
– Ṣaḥīh al-Buḫārī, Hrsg. Krehl/Juynboll, Leiden 1862–1908. [Der 4. Band ist gut brauchbar, die anderen mäßig. Etliche andere Ausgaben; alles Schrott.]
– The translation of the meanings of Ṣaḥīh al-Bukhārī, Arabic-English. Translated by Muḥammad Muḥsin Khān, 9 Bde., New Delhi (Kitab Bhavan) 1987. – [jämmerliche englische Übersetzung; auch im Internet. Ich rate vom Gebrauch ab!].
– El Bokhari, Les traditions islamiques, trad. de l’arabe […] O. Houdas und W. Marçais, 4 Bde., Paris 1903–1914 – [Geht so].
– Ṣaḥīh al-Buḫārī. Nachrichten von Taten und Aussprüchen des Propheten Muhammad. Ausgewählt, aus dem Arabischen übersetzt und herausgegeben von Dieter Ferchl, Stuttgart 1991 – [Auswahl etwas langweilig].
Robson, J., Art. ‘al-Bukhārī’ in EI2.
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Muslim
– Muslim ibn al-Ḥaǧǧāǧ, Ṣaḥīh Muslim, Hrsg. Muḥammad Fuʾād ʿAbd al-Bāqī, 5 Bde., Kairo 1955. – [gute Ausgabe, gut nummeriert].
– Ṣaḥīh Muslim, being Traditions of the Sayings and Doings of the Prophet Muḥammad etc. … rendered into English by ʿAbdul Ḥamīd Ṣiddīqī, 4 Bde., New Delhi (Kitab Bhavan) 1978. – [Mittelprächtige vollständige englische Übersetzung, aber ohne die Einleitung. Die Nummerierung stimmt wieder mal nicht. Online hier.
– G.H.A. Juynboll, Art. ‘Muslim b. al-Ḥadjdjādj’ in EI2.
– G.H.A. Juynboll,, ‘Muslim’s Introduction to his Ṣaḥīh. Translated and annotated with an excursus on the chronology of fitna and bidʿa,’ JSAI 5 (1984), 263–311.
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Die vier Sunan-Bücher
– Ibn Māǧa, Sunan, Hrsg. Muḥammad Fuʾād ʿAbd al-Bāqī, 2 Bde., Kairo 1372–3/1952–3 [gute Ausgabe, gut nummeriert].
– Abū Dāwūd as-Siǧistānī, Sunan, Hrsg. Muḥammad Muḥyī ad-Dīn ʿAbd al-Ḥamīd, Beirut o.J., 4 Bde. [mäßige Ausgabe, schlecht nummeriert].
– Abū Dāwūd as-Siǧistānī, Sunan, Teilübersetzung von Ahmad Hasan online: http://www.usc.edu/org/cmje/religious-texts/hadith/abudawud/   ].
– an-Nasāʾī, Sunan [unterschiedliche schlechte Ausgaben, schlecht nummeriert. Es scheint aber in Indien eine gute neue Ausgabe zu geben; die kenne ich noch nicht.]
– at-Tirmiḏī, Sunan [unterschiedliche schlechte Ausgaben, schlecht nummeriert].
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Die wichtigsten „nichtkanonischen Sammlungen“
– Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad, 6 Bde, Kairo 1313 [Erstausgabe; die Seitenzahlen sind maßgeblich geworden].
– Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad, hrsg. Aḥmad Muḥammad Šākir, 19 Bde., Kairo 1365–75/1946–56 [Unvollendet geblieben, weil der Herausgeber verstorben ist. Enthält nur ein Viertel des Textes. Die maßgeblichen Seitenzahlen der Erstausgabe stehen am Rande].
– Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad, Beirut o.J. [neue Ausgabe mit urspr. Seitenzahlen oft, aber nicht immer am Rand gedruckt].
– ad-Dārimī, Sunan, Beirut 1978 [Arabischer Text; schlechte Ausgabe, schlecht nummeriert].
– Mālik ibn Anas, al-Muwaṭṭaʾ, hrsg. Muḥammad Fuʾād ʿAbd al-Bāqī, 2 Bde., Kairo 1370/1951 [gute Ausgabe, gut nummeriert!].
– Malik ibn Anas, Al-Muwatta‘ of Imam Malik ibn Anas. The first formulation of islamic law, translated by Aisha Abdurrahmaan Bewley, London (Kegan Paul) 1989. [verbesserte Ausgabe auch online; die Übersetzung ist gut.]
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Zwei ältere, „nichtkanonische“ aber sehr wichtige Sammlungen
– ʿAbd ar-Razzāq aṣ­-Ṣanʿānī, Muṣannaf, 11 Bde + Indexband, Beirut 1973.
– Ibn Abī Šaiba, Muṣannaf, 15 Bde., Ḥaidarābād 1966 sqq.

Diakritische Zeichen: muṣannaf, aṣ-­Ṣaḥīḥ, aṣ­-Ṣan‘ānī, Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī

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Der Negus von Abyssinien in Sira und Hadith

Zum Negus hatte ich mal einen Artikel auf Englisch geschrieben. Wer etwas über einen wirklichen Negus wissen möchte, wird von dieser Arbeit enttäuscht sein. Während der Arbeit stellte sich nämlich heraus, dass die dort zitierten Texte nicht von einem historischen König handeln. Der Fürst von Abessinien (Äthiopien) wird darin nur instrumentalisiert um Mohammeds Umgang mit „christlichen“ Gegenständen zu besprechen, von denen der Negus ein plausibler Lieferant war. Download hier: RavenNegus

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Das Sperma der Frau

Nicht nur der Mann hat Sperma, auch die Frau. Zumindest diesem Hadith des Propheten zufolge:

  • Anas ibn Malik erzählte, dass Umm Sulaim Gottes Propheten nach einer Frau fragte, ob eine Frau einen nassen Traum haben kann wie ein Mann. Der Prophet sagte: „Wenn eine Frau so einen Traum hat, soll sie die große Waschung verrichten.“
    Umm Sulaim sagte: „Ich schämte mich dafür und fragte: Gibt es das denn wirklich?“
    „Oh doch,“ antwortete der Prophet, „denn wie würde sonst ein Kind der Mutter ähnlich sehen können? Die Flüssigkeit des Mannes ist dick und weiß, die Flüssigkeit der Frau ist dünn und gelb. Welche der beiden dominiert oder die erste ist, ist entscheidend für die Ähnlichkeit.“ 1

Aber hat der Prophet dies wirklich gesagt? Das hängt von Ihrem Glauben ab. Die einfache islamische Antwort ist: „Ja, denn der Hadith ist mit einer zuverlässigen Überlieferkette (isnad) überliefert worden und in eine hoch gelobte Hadithsammlung aufgenommen.“ Gründlicher gebildete Leute werden aber wissen, dass diese Ideen auf das Corpus Hippocraticum zurückgehen, eine Schriftensammlung, die dem griechischen „Vater der Medizin“ Hippocrates (± 460–375 v. Chr.) zugeschrieben wird, und deren Bearbeitungen durch Galen (129–199). Die wird der Prophet nicht gekannt haben; deshalb muss der Text einen anderen Autor haben.
In Περὶ γονῆς (Über den Samen des „Hippokrates“ lesen wir zum Beispiel:

  • 4. Auch die Frau ejakuliert aus dem Körper […]
    7. Diese Erwägung will besagen, dass sowohl der Mann wie die Frau weibliche wie männliche Nachkommenschaft besitzen. […].
    8. Der Samen selbst, des Mannes und der der Frau, kommt aus dem ganzen Körper, schwächer aus den schwächeren (Körpern und stärker aus den starken. In entsprechender Weise muss er dem Kind sich mitteilen. Im Körperteil, in dem mehr aus dem Samen des Mannes ist, sieht das Kind mehr dem Vater ähnlich. Am Körperteil dagegen, von dem mehr aus dem Körper der Frau (in den Samen übergeht), ähnelt es mehr der Mutter.[…]2

Die Übereinstimmung in den Auffassungen zu diesem Thema zeigt abermals, dass der Aufstieg der Araber nicht bedeutete, dass die Antike jetzt vorbei war. Im Nahen Osten ging die einfach weiter. Den Einbruch des Mittelalters, der in Westeuropa ziemlich plötzlich war, gab es im Nahen Osten nicht; von Galen ging es ununterbrochen weiter bis zur Hochblüte der Medizin, mit Kapazitäten wie Rhazes und Avicenna.
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Heutzutage sind die obigen altgriechischen Einsichten veraltet. Moderne Kenner des menschlichen Körpers wissen, dass das Vaginalsekret kein Sperma ist. (Ich sage es sicherheitshalber noch mal; man weiß ja nie, wer hier liest.)

ANMERKUNGEN
1. Muslim, Ṣaḥīḥ, Ḥaiḍ 30: ‎

حدثنا عباس بن الوليد حدثنا يزيد بن زريع حدثنا سعيد عن قتادة أن أنس بن مالك حدثهم أن أم سليم حدثت أنها سألت نبي الله ص عن المرأة ترى في منامها ما يرى الرجل فقال رسول الله ص إذا رأت ذلك المرأة فلتغتسل فقالت أم سليم واستحييت من ذلك قالت وهل يكون هذا فقال نبي الله ص نعم فمن أين يكون الشبه إن ماء الرجل غليظ أبيض وماء المرأة رقيق أصفر فمن أيهما علا أو سبق يكون منه الشبه.

2. Hippocrate, Tome xi, De la génération etc. Texte établi et traduit par Robert Loly, Paris 1970, 4: Μεθίει δὲ καὶ ἡ γυνὴ ἀπὸ τοῦ σώματος […].
Hippocrates, ibid. 7: Συμβάλλεσθαι δὲ παρέχει ὅτι καὶ ἐν τῇ γυναικὶ καὶ ἐν τῷ ἀνδρὶ ἔστι γόνος καὶ θήλυς καὶ ἄρσην τοῖσιν ἐμφανέσι γινομένοισι […].
Hippocrates, ibid. 8: Καὶ ἐν αὐτῇφι τῇ γονῇ ἐξέρχεται καὶ τῆς γυναικὸς καὶ τοῦ ἀνδρὸς ἀπὸ παντὸς τοῦ σώματος, καὶ ἀπὸ τῶν ἀσθενέων ἀσθενὴς καὶ ἀπὸ τῶν ἰσχυρῶν ἰσχυρή· καὶ τῷ τέκνῳ οὕτως ἐστὶν ἀνάγκη ἀποδίδοσθαι. Καὶ ὁκόθεν ἂν τοῦ σώματος τοῦ ἀνδρὸς πλέον ἔλθῃ ἐς τὴν γονὴν ἢ τῆς γυναικὸς, κεῖνο κάλλιον ἔοικε τῷ πατρί· ὁκόθεν ἂν δὲ πλέον ἔλθῃ ἀπὸ τῆς γυναικὸς τοῦ σώματος, κεῖνο κάλλιον ἔοικε τῇ μητρί. Leicht überarbeitete Übersetzung aus: Die Welt des Hippokrates. Die hippokratische Schriftensammlunmg in deutscher Übersetzung, hg. Richard Kapferer u.a., Stuttgart/Leipzig 1936. Teil 16: Der Samen – Das Werden des Kindes, 24–25.

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Mohammed: Eselreiter oder Kamelreiter?

Wie seine Zeitgenossen auch wird der Prophet Muhammad alle Reittiere benutzt haben, die zur Verfügung standen und für eine bestimmte Strecke geeignet waren: Esel, Maultier, Kamel oder Pferd.
Nachdem es in einem früheren Beitrag um das Maultier ging, kommen jetzt die Esel an die Reihe. Derselbe Herbert Eisenstein, der die Maultiere des Propheten beschrieben hat, hat auch diese behandelt.1
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Ya‘fūr
In derselben Geschenksendung aus Ägypten, in der zwei Sklavinnen und das Maultier Duldul waren, befand sich auch ein Esel namens Ufair. Zudem gab es den Esel Ya‘fūr, der Mohammed von Farwa ibn Amr geschenkt wurde, zusammen mit einem weiteren Maultier. Wie bei den Maultieren schwankt hier die Überlieferung und die Tiere werden oft verwechselt. Nach einer anderen Quelle etwa war Ya‘fūr unter der Kriegsbeute bei der Eroberung der Oase Khaibar im Jahr 628. Als der Prophet ihn bei der Gelegenheit nach seinem Namen fragte, antwortete der Esel:

  • Ich bin Yazīd ibn Shihāb. Gott brachte aus der Nachkommenschaft meines Ahnen sechzig Esel hervor, auf denen nur Propheten ritten. Ich habe gehofft, dass du mich reitest, da von der Nachkommenschaft meines Ahnen keiner außer mir übrig ist und von den Propheten keiner außer dir.
Mohammed und Gabriel

Mohammed und Gabriel

Er beklagte sich noch, dass sein Vorbesitzer, ein Jude, ihn oft schlug, weil er absichtlich stolperte, wenn er von ihm geritten wurde. Der Prophet gab dem Esel den neuen Namen Ya‘fūr und ritt ihn oft. Er konnte ihn auch einsetzen, wenn er einen seiner Gefährten herbeirufen wollte. Der Esel klopfte dann mit seinem Kopf an dessen Haustür, worauf der Bewohner nach draußen kam und verstand, dass der Prophet ihn bei sich sehen wollte. Das Tier soll 632 nach der Abschiedswallfahrt des Propheten gestorben sein. Nach einer schöneren Erzählung aber starb es am Todestag des Propheten, als es vor Kummer in einen Brunnen fiel — oder war es Selbstmord? Auf jeden Fall wurde sein Sterben so mit Bedeutung aufgeladen: So wie Mohammed der Letzte der Propheten war, war Ya‘fūr der letzte prophetische Esel.
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Der Esel als prophetisches und messianisches Reittier
Der Esel ist also mehr als bloß ein Reittier und wenn Mohammed in vielen Überlieferungen auf einem Esel reitet, hat das seinen Grund. Der Islamhistoriker Suliman Bashear hat zu diesem Thema einen detaillierten Artikel verfasst, aus dem ich hier das Wichtigste zusammenfassen werde.2
Schon seit Ewigkeiten galt der Esel als prophetisches Reittier. Auch für die im islamischen Sinne älteren „Propheten“ Abraham, Moses und Jesus war er ein normales Beförderungsmittel. Aber bei der Exegese heiliger Schriften können immer bedeutungsvolle Verbindungen entdeckt werden. Der Autor der jüdischen Schrift Pirqe de Rabbi Eliezer3 zum Beispiel glaubt, dass es durch die Jahrhunderte nur ein- und denselben Esel gegeben habe — das Tier muss nahezu unsterblich gewesen sein.4

  • Abraham stand früh am Morgen auf und nahm Ismael und Eliëser und Isaak, seinen Sohn, und gürtete den Esel. Dieser Esel war der Sohn der Eselin, die in der Abenddämmerung erschaffen wurde,5 wie es heißt: Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel […].6 Das war auch der Esel, den Moses ritt als er nach Ägypten kam […].7 Und derselbe Esel wird in Zukunft von dem Sohn Davids geritten werden, wie es heißt: Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, demütig und reitend auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin. 8

Dieser Text aus Palästina datiert von nach 700; wie bekannt er in islamischen Kreisen war, ist unbekannt.
Der Esel ist also auch ein messianisches Tier: der Sohn Davids ist ja der erwartete Messias. Die Christen sind noch einen Schritt weitergegangen. Für sie war Jesus der Messias, der demzufolge bei seinem Einzug in Jerusalem auf einem Esel geritten sein musste: Jesus fand einen Esel und setzte sich darauf — wie geschrieben steht: Juble laut, Tochter Zion! … [usw. wie im Zitat oben ]“.9
Die frühen Muslime lasen fleißig die Bibel; viele dort vorgefundenen Verweise auf den kommenden Messias bzw. den Heiligen Geist bezogen sie auf Mohammed. Ihnen zufolge sollen Christen und Juden also aus ihren Schriften gewusst haben, dass es Mohammed geben würde, obwohl sie das nach ihrer Art meist leugneten. War die Bibel dann von Interesse für diese Muslime? Aber sicher! Sie oder ihre Väter waren ja Christ oder Jude gewesen und sie bildeten eine kleine Minderheit in einem Meer von Christen und Juden. Ein Hadith des Propheten empfiehlt ausdrücklich Texte von den Juden zu überliefern: Haddithū ‘an Banī Isrāʾīl. Überdies nahmen die Muslime in ihren Streitgesprächen mit Christen und Juden Bibeltexte zu Hilfe. Wenn die verwendeten Texte nicht  mit den wohlbekannten übereinstimmten, änderten sie sie — wobei sie ihrerseits natürlich meinten, dass die Juden oder Christen sie gefälscht oder unterschlagen hatten.

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Der Prophet als Eselreiter
Tatsächlich gibt es etwas wie einen Bibelvers, in dem Mohammed als Eselreiter angekündigt wird. Nur müssen Sie ihn nicht in der Bibel nachschlagen wollen: Er ist reine Erfindung, knüpft aber in seiner Gestaltung einigermaßen bei dem oben zitierten Vers zum Sohn Davids an. Bashear10 fand vier Varianten des vermeintlichen Verses, von denen ich nur die am leichtesten auffindbare auswähle:

  • […] Er wird erscheinen in Mekka und dies[e Stadt = Medina] wird die Wohnstätte seiner Hidschra sein. Er ist der Lachende, der Tödliche, der sich mit Brotstückchen und einigen Datteln zufrieden gibt, einen ungesattelten Esel reitet; in seinen Augen ist Röte, zwischen seinen Schultern ist das Siegel des Prophetentums und er trägt sein Schwert auf seiner Schulter […].11

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Der Prophet als Kamelreiter
Häufiger sind Texte, in denen die Erscheinung Mohammeds als Kamelreiter vorhergesagt wird. Ich zitiere wieder nur einen, damit es nicht zu lang wird. Ein jüdischer Gegner Mohammeds aus den Banū Nadīr erinnerte die Juden daran, dass sie einen Mann mit folgenden Eigenschaften zu erwarten hätten:

  • […] der Lachende, der Tödliche, in dessen Augen Röte ist, der aus dem Süden herankommt, der ein Kamel reitet und einen Mantel trägt, sich mit einem Brotstückchen zufrieden gibt und sein Schwert auf seiner Schulter hat […]12

Warum lässt man Mohammed erst auf einem Esel, dann auf einem Kamel reiten? Als Prophet stand er natürlich in einer Linie mit Jesus, aber vielleicht passte gerade der messianische Charakter Jesu manchen Muslimen nicht. Obwohl Jesus im Koran auch Messias (masīh) genannt wird, ist nach islamischem Glauben der masīh vor allem derjenige, der am Ende der Zeiten kommen wird um zusammen mit dem Mahdī den dadjdjāl, eine Art Antichrist, zu schlagen. Das wird nicht auf Mohammed bezogen: Er war ein normaler Mensch, wird nicht für den masīh gehalten — und sollte also keine entsprechenden Züge aufweisen.13
Oder aber die Verfasser dieser Texte haben nicht verstanden oder geschätzt, dass der Esel ein Symbol für Bescheidenheit war und ein nobles Kamel als eines Propheten würdiger erachtet.
Des Weiteren gab es bereits eine gottgelenkte Kamelstute (an-nāqa al-ma’mūra) in Mohammeds Leben: das Tier, auf dem er die Hidschra von Mekka nach Medina machte und das sich in Medina nicht auf die Stelle hinsetzen wollte, die man ihm anwies, sondern nur dort, wo es selbst sich dazu entschied — auf göttliches Geheiß, versteht sich.
Die vielen komplizierten Texte zum Thema sind schlecht zu datieren, aber sollten die Kamel-Überlieferungen tatsächlich späteren Datums sein, so könnte der Wechsel des Reittiers auch mit der „Entbibelung“ und Arabisierung des frühen Islams zu tun haben, von der hier und hier schon mal die Rede war: Ein biblisches wird durch ein echt arabisches Tier ersetzt.14

Mohammed und Jesus?

Mohammed und Jesus?

In manchen Texten ist sowohl von einem Eselreiter als auch von einem Kamelreiter die Rede. Nach al-Fārisī (gest. 902), dem Autor einer frühen Sammlung von Prophetenerzählungen, war es der biblische Prophet Jesaja, der für Vorhersagen wie die oben zitierten zuständig war:

  • Es wurde gesagt, dass es Jesaja war, der mit der Sache [der Verkündigung] Jesu und Mohammeds betraut wurde. Er sagte zu Aelia, das ist eine Stadt unweit von Bait al-Maqdis, genannt Jerusalem: „Freue dich, Jerusalem, der Eselreiter wird zu dir kommen (d.h. Jesus); danach wird der Kamelmann zu dir kommen (d.h. Mohammed).“ 15

Hier werden im selben angeblichen Jesajavers erst Jesus und dann Mohammed angekündigt, jeder auf einem passenden Reittier. In der Tat gibt es bei Jesaja einen echten Vers, in dem mit etwas Fantasie von einem Eselreiter und einem Kamelreiter die Rede ist: Und sieht er Reiter, Pferdegespanne, einen Zug Esel, einen Zug Kamele, so soll er aufmerksam Acht geben, mit großer Aufmerksamkeit!16 Jedoch das dort vorkommende Wort rèkèv, „Reiterschar” oder „Reiter“ im Plural, wurde hin und wieder auch als rokév „Reiter” im Singular gelesen; die hebräische Konsonantenschrift lässt das zu. Dann würden tatsächlich ein Eselreiter und ein Kamelreiter vorhergesagt.

Es gibt eine wilde Wucherung von noch viel mehr Texten, die Bashear alle ausarbeitet; diese wenigen mögen zur Orientierung in der Thematik dienen.
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Umar als Eselreiter
War der Esel als prophetisches Tier mit Ya‘fūr gestorben, als messianisches Tier hat er noch ein Nachleben gehabt. ʿUmar, der zweite Kalif (reg. 634–44), soll auf einem Esel von al-Djābiya auf den Golanhöhen nach Jerusalem geritten sein. Einmal abgesehen davon, dass er wahrscheinlich nie in Jerusalem war, ist diese Strecke so lang, dass ein Staatsoberhaupt unter Zeitdruck wohl kaum einen Esel benutzt hätte. Es gibt in der Tat Varianten, denen zufolge er erst am Jordan auf einen Esel umgestiegen sein soll. Ein Pferd zu nehmen um die Römer zu beeindrucken, wie manche ihm vorschlugen, soll er aus Bescheidenheit ausdrücklich abgelehnt haben. Die Verfasser solcher „Berichte“ werden mit Sicherheit den messianischen Charakter sowohl des Esels als auch des Einzugs in Jerusalem im Kopf gehabt haben. ‘Umar hatte ja den Beinamen Fārūq, auf Aramäisch parūqā, was „Erlöser“ bedeutet. ‘Umars Reittier wird in mehreren Texten ausführlich thematisiert und diskutiert.17 Bei at-Tabarī schließlich finden wir einen Kompromisstext, laut welchem er bei drei Besuchen in Syrien auf drei unterschiedlichen Reittieren geritten sei: Pferd, Kamel und Esel.18

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Burāq
Und dann gab es noch das Reittier Burāq, auf dem Mohammed eine Himmelfahrt (mi‘rādj) und eine nächtliche Reise nach Jerusalem (isrā’) vollzogen haben soll. Von diesem Tier gibt es Beschreibungen:

  • Dem Propheten wurde Burāq gebracht. Dies ist das Reittier, auf dem auch die Propheten vor ihm geritten waren und das seinen Huf bei jedem Schritt so weit setzt, wie sein Blick reicht. Er wurde auf das Reittier gehoben, und Gabriel begleitete ihn […].19

Der Prophet selbst soll gesagt haben:

  • […] und siehe da, da stand ein weißes Reittier, halb Maultier, halb Esel. An den Schenkeln hatte es zwei Flügel, mit denen es seine Hinterbeine vorantrieb, während es seine Vorderbeine dort aufsetzte, wohin sein Blick reichte […] Als ich mich dem Tier näherte um aufzusteigen, scheute es, doch Gabriel legte ihm die Hand auf die Mähne und sprach: „Schämst du dich nicht, Burāq, über das, was du tust? Bei Gott, kein edlerer hat dich vor ihm geritten.“ Da schämte es sich so sehr, dass es in Schweiß ausbrach, und hielt still, dass ich aufsteigen konnte.20

Al-Buraq4816-357Burāq gehört zur Gattung der fliegenden mythologischen Vierfüßler. Meist sind das fliegende Pferde (Pegasus; das mongolische Windpferd), aber in Indien gibt es auch die fliegende Kuh Kamadhenu. Und jetzt also dieses Zwischending zwischen Esel und Maultier. Von Burāq existieren viele Bilder, aber die sind spät entstanden. Oft hat er ein Menschengesicht bekommen; in Indien hat es wohl eine Beeinflussung durch die besagte Kuh gegeben.

Haben diese Reisen auf Burāq überhaupt wirklich stattgefunden oder nur im Traum oder in einer Vision? Die Diskussion darüber ist sehr alt; man findet sie schon in der Prophetenbiographie des Ibn Ishāq (gest. 767).21 Der immer vernünftige Korankommentator at-Tabarī (gest. 923) meint, dass die Reisen durchaus körperlich stattgefunden haben müssten: Um bloß eine Seele zu tragen wäre ja kein Reittier vonnöten gewesen.22

Auch veröffentlicht in zenith, 04/2014, S. 110–1 und online.

ANMERKUNGEN:
1. Eisenstein, Maulesel und Esel, 104–106.
2. Bashear, Riding Beasts on Divine Missions.
3. Pirqe de Rabbi Eliezer 31:

השכים אברהם בבקר ולקח את ישמעל ואת אליעזר ואת יצחק בנו וחבש את החמור. הוא החמור בן האתון שנבראת בין השמשות שנא׳ וישכם אברהם בבקר ויחבש את חמורו והוא החמור שרכב עליו משה בבואו למצרים שנאמר ויקח משה את אשתו ואת בניו וגו׳ הוא החמור שעתיד בן דוד לרכוב עליו שנאמר גילי מאד בת ציון הריעי בת ירושלים הנה מלכך יבא לך צדיק ונושע הוא עני ורוכב על חמור ועל עיר בן אתונות.

4. Im Koran 2:259 ist die Rede von einem Menschen (Propheten?), den Gott hundert Jahre lang tot sein ließ und danach wieder auferweckte — und seinen Esel ebenso. Ein sehr rätselhafter Vers, in dem ich mich jetzt nicht verlieren möchte.
5. Die Mutter dieses Esels, die in der Abenddämmerung des sechsten Schöpfungstags erschaffen worden ist, war auch die Eselin, auf der Bileam ritt (4. Mose 22:21–23).
6. 1. Mose 22:3.
7. 2. Mose 4:20.
8. Sacharia 9:9.
9. Johannes 12:13–15; auch Matthäus 21:1–6; Markus 11:1–10; Lukas 19:28–35; bei Matthäus und Johannes unter Bezugnahme auf den Sacharia-Vers.
10. Bashear, o.c., 47–51. Bashear verfügte in Jerusalem über eine unglaubliche Bibliothek, mit denen europäische Bibliotheken bei Weitem nicht mithalten können.
11. Al-Madjlisī, Bihār al-Anwār, laut Bashear Bd. xv, 206, aber er sagt nicht welche Ausgabe. In diesem Riesenwerk kann ich ohnehin nie etwas finden; ich bekenne: Ich habe es einfach aus dem Internet genommen. Es ist eine Schiitische Quelle; zu denjenigen, denen das nicht gefällt, kann ich sagen, dass es genauso gut sunnitische Quellen gibt.

ان خروجه يكون مخرجه بمكة وهذه دار هجرته وهو الضحوك القتال ، يجتزي بالكسيرات والتمرات ويركب الحمار العاري ، في عينيه حمرة وبين كتفيه خاتم النبوة ، يضع سيفه على عاتقه.

12. Al-Wāqidī, Kitāb al-magāzī, hg. Marsden Jones, 3 Bde., London 1966, i, 367:

أتاكم صاحبها الضحوك القتال في عينيه حمرة يأتي من قِبل اليمن يركب البعير ويلبس الشملة ويجترئ بالكسرة سيفه على عاتقه الخ

13. In der Wortkombination al-masih ad-dadjdjāl hat das Wort sogar einen sehr ungünstigen Klang: es entspricht dem Namen Antichrist bei den Christen.
14. Bashear, o.c., 39–47.
15. R.G. Khoury, Les légendes prophétiques dans l’Islam […] d’après le manuscrit d’Abū Rifāʿa ʿUmāra b. Wātīma b. Mūsā b. al-Furāt al-Fārisi al-Fasawī, Kitāb bad’ al-Halq wa-qisas al-anbiyā’ […], Wiesbaden 1978, S. 300. Ich habe zwei kleine Textänderungen vorgenommen.

وكان يقال ان أشعياء هو الذي عهد الي بني اسرائيل في أمر عيسى س ومحمد ص فقال لإيلياء وهي قرية قريبة من بيت المقدس واسمها أرشلم: ابشرى أرشلم سيأتيك راكب الحمار يعني عيسى س، ثم يأتيك من بعده صاحب الجمل، يعني محمد ص

16. Jesaja 21:7: וראה רכב צמד פרשים רכב חמור רכב גמל והקשיב קשב רב־קשב
17. Bashear, o.c., 68–71.
18. Muḥammad ibn Djarīr at-Tabarī, Ta’rīḫ ar-rusul wa-’l-mulūk (Annales), hg. M.J. de Goeje et al., Leiden 1879–1901, i, 2401: „Insgesamt ist Umar vier mal in Syrien eingeritten: das erste Mal auf einem Pferd, das zweite Mal auf einem Kamel, das dritte Mal hat er abgebrochen, weil die Pest wütete, und das vierte Mal auf einem Esel.“

فجميع ما خرج عمر الى الشأم أربع مرات، فأما الأولى فعلى فرس، وأما الثانية فعلى بعير، وأما الثالثة فقصّر عنها أن الطاعون مستعر، وأما الرابعة فدخلها على حمار.

19. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 263; Das Leben des Propheten, Übers. Gernot Rotter, Kandern 1999, 80.
20. Ibn Ishāq, o.c. 264; o.c., 81–2. TEXT@
21. Ibn Ishāq, o.c. 264–6. TEXT@
22. At-Tabarī, Tafsīr zu Koran 17:1:

ولا دلالة تدلّ على أن مراد الله من قوله : { أَسْرَى بِعَبْدِهِ } أسرى بروح عبده، بل الأدلة الواضحة والأخبار المتتابعة عن رسول الله  ص أن الله أسرى به على دابّة يقال لها البراق؛ ولو كان الْإسراء بروحه لم تكن الروح محمولة على البراق، إذ كانت الدواب لا تحمل إلا الْأجسام .

BIBLIOGRAPHIE:
– Bashear, Suliman, „Riding Beasts on Divine Missions: An Examination of the Ass and Camel Traditions,“ JSS 37.1 (1991), 37–75.
– Eisenstein, Herbert, „Die Maulesel und Esel des Propheten,“ Der Islam 62 (1985), 98–107.
– Kister, Meir J., „Haddithū ʿan Banī Isrāʾīla wa-lā haraja. A Study of an early Tradition,“ in IOS 2 (1972), 215–39; online hier.
– Rubin, Uri, The eye of the beholder. The life of Muḥammad as viewed by the early Muslims. A textual analysis, Princeton 1995, insbes. S. 35–43.

Diakritische Zeichen: Yaʿfūr, ʿUfair, ʿAmr, Ḫaibar, Šihāb, Ḥaddiṯū ʿan Banī Isrāʾīl, Banū Naḍīr, masīḥ, daǧǧāl, ʿUmar, al-Ǧābiya, aṭ-Ṭabarī, miʿrāǧ, isrāʾ, Ibn Isḥāq, al-Maǧlisī, Biḥār al-Anwār, Kitāb al-maġāzī, Abū Rifāʿa ʿUmāra b. Wāṯīma b. Mūsā b. al-Furāṭ, Kitāb badʾ al-Ḫalq wa-qiṣas al-anbiyāʾ, Muḥammad ibn Ǧarīr aṭ-Ṭabarī, Taʾrīḫ

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Katzen, Hunde und der Prophet

Mann mit Saluki🇳🇱 Hatte Mohammed eine Katze? Bestimmt. Er muss wohl eine oder mehrere Katzen besessen haben, denn zu seiner Zeit hatte jeder welche. Katzen waren damals unentbehrlich, als Jäger von Ungeziefer und Beschützer der Vorräte. Sie hielten auch Schlangen fern, indem sie ihnen die Beutetiere wegfraßen. Hunde waren in der alten arabischen Welt ebenfalls allgegenwärtig, aber den Menschen nicht immer so nahe. Sie dienten als Jagdhund, als Schäferhund und als Wachhund für Haus, Garten und Acker.

Es gibt  einige Texte, Hadithe und Anekdoten, über Mohammeds Meinungen und Haltungen zu Katzen und Hunden, aber mit real existierenden Tieren in seiner Umgebung haben sie nichts zu tun. Als die islamischen Rechtsgelehrten anfingen sich mit nahezu allen Aspekten des täglichen Lebens zu befassen, sparten sie die Hunde und Katzen nicht aus. Weil der Prophet in Rechtsfragen als die höchste Autorität galt, musste er sich auch zu diesen Tieren geäußert haben.
Die Rechtsfragen, die in Bezug auf Tiere  aufkommen, sind immer die gleichen: Sind sie kultisch rein? Darf man sie essen? Sind sie verkäuflich? Wie geht man mit ihnen um?

Zur ersten Frage: Weder Katzen- noch Hundefleisch darf ein Muslim essen:

  • […] von Abū Tha‘laba al-Khushanī: „Der Prophet verbot uns den Verzehr von allen Raubtieren mit Reißzähnen“.1

Geld nehmen für diese Tiere darf man ebenfalls nicht:

  • […] von Abū Zubair, der sagte: „Ich befragte Djābir über den Preis von Hunden und Katzen. Er sagte „Der Prophet unterband es [Geld für sie zu nehmen]“.2

In puncto Reinheit werden Katzen und Hunde unterschiedlich beurteilt — ebenso wie der Umgang mit ihnen. So ist der Speichel von Katzen nicht unrein. Wenn ein Gläubiger damit in Berührung kommt, muss er sich deswegen nicht rituell waschen, wie etwa aus diesem Hadith ersichtlich ist:

  • Dāwūd ibn Sālih ibn Dīnār at-Tammār erzählte, dass seine Mutter[, eine Sklavin,] von ihrer Herrin mit einer Pastete zu Aischa geschickt wurde, als diese gerade beim Beten war. Aischa gab der Frau ein Zeichen, dass sie die Pastete hinstellen sollte. Da kam eine Katze und fraß etwas davon, aber als Aischa fertig war, aß sie von derselben Stelle, von der die Katze gefressen hatte. Sie sagte: „Der Prophet hat gesagt: [Katzen] sind nicht unrein; sie gehen bei euch ein und aus.“ Und sie fügte hinzu: Ich habe auch gesehen, wie der Prophet die rituelle Waschung mit Wasser verrichtete, das eine Katze übrig gelassen hatte.3

Dagegen ist der Speichel des Hundes unrein; deshalb hat man sich von Hunden fern zu halten. Als Beleg gilt ein Hadith, der von Abū Huraira überliefert sein soll (sein Name bedeutet übrigens „der mit dem Kätzchen“, angeblich weil er als Kind immer mit einer Katze gespielt haben soll):

  • Der Prophet sagte: „Wenn ein Hund aus dem Gefäß von einem unter euch trinkt [Variante: leckt], sollt ihr es sieben Mal waschen, [Var.: das erste Mal mit Sand].4

Das hört sich fast talmudisch an. Ob rein oder unrein, auf jeden Fall soll man die Tiere in ihrer Art respektieren und anständig behandeln. Das wird ersichtlich aus Hadithen, denen zufolge der Prophet erzählt haben soll:

  • „Mir wurde die Hölle gezeigt und dort sah ich eine Frau von den Israeliten, die wegen einer Katze gefoltert wurde, die sie festgebunden und nicht gefüttert hatte und auch nicht ihre eigene Nahrung unter den Feldtieren hatte suchen lassen.“ 5
  • „Ein Mann war unterwegs und es überfiel ihn ein großer Durst. Er fand einen Brunnen, stieg hinab und trank. Als er herausstieg, fand er einen Hund mit ausgestreckter Zunge, der aus Durst die feuchte Erde leckte. Der Mann dachte: Dieser Hund erleidet aus Durst das Gleiche, was ich selber erlitten habe. Er stieg in den Brunnen wieder hinab, füllte seinen Schuh mit Wasser und hielt ihn mit dem Mund fest, bis er wieder nach oben kam. Dann tränkte er den Hund. Gott dankte es ihm und schenkte ihm Vergebung.“
    Sie sagten: „Prophet, haben wir auch in Bezug auf die Behandlung der Tiere einen Lohn zu erwarten?“ Er antwortete: „Für die Tränkung eines jedes Lebewesens gibt es einen Lohn.“ 6

Aber über dieses ethische Minimum hinaus wurden Katzen auch richtig geliebt. Ob Mohammed ein Katzenfreund war, können wir wiederum nicht wissen. Mit Sicherheit fütterte er sie nicht mit halāl Katzenfutter, wie es manche moderne Muslime tun. Bekannt ist eine obskure, aber rührende Geschichte, die gerne erzählt wird um Mohammeds Liebe für seine Katze Mu‘izza und für Katzen im Allgemeinen zu illustrieren.

  • Eines Tages wollte der Prophet aufstehen zum Gebet, aber die Katze lag schlafend auf dem Ärmel seines Gewandes. Um das Tier nicht zu wecken schnitt er den Ärmel ab und erschien mit beschädigtem Gewand beim Gebet. Als er zurückkam aus der Moschee dankte Mu‘izza ihm, indem sie sich verneigte.7

Diese Anekdote gibt es aber auch in ganz anderer Besetzung. Nach dem chinesischen Historiker Bān Gù (32–92) versuchte der Han-Kaiser Āi dì (reg. 7–1 v.Chr.) einmal aufzustehen, als sein Geliebter auf dem Ärmel seines Gewandes eingeschlafen war. Um ihn nicht zu wecken schnitt er seinen Ärmel ab und erschien mit beschädigtem Gewand in der Öffentlichkeit. Seine Hofdiener übernahmen darauf diese Tracht um die Liebesbeziehung zu feiern.
Die chinesische Erzählung ist bei weitem die älteste. Von der Flöte oder dem Rad kann man sich noch vorstellen, dass sie mehrmals an verschiedenen Orten in der Welt erfunden wurden. Aber eine solch spezifische Erzählung wird nur einmal erfunden und macht danach eine Reise durch die Kulturen. Wie ist sie in der islamischen Welt gelandet: über Indien, Persien vielleicht? Ich weiß es nicht; wenn Sie, lieber Leser, es wissen, höre ich es gerne von Ihnen.

CharitéDesTurcsEs gibt noch einige Hadithe, die die rituelle Reinheit der Katze betonen, aber die Erzählungen zu Mohammeds Katzenliebe, die Annemarie →Schimmel zitiert, sind alle sehr spät entstanden. Sie zeigen allerdings, dass Katzenliebe in islamischen Ländern sehr verbreitet war – über alle Jahrhunderte. Auch in Reiseberichten wird sie immer wieder bezeugt. 

Dagegen sind die Meinungen über Hunde in den Hadithen eher negativ. Wegen ihrer Unreinheit soll man sie nicht zu nahe bei sich haben:

  • Der Prophet sagte: „Wer sich einen Hund anschafft, außer für die Jagd oder das Vieh, verliert jeden Tag zwei qīrāt seines [jenseitigen] Lohns.“8

In einer Textvariante wird auch der Wachhund für die Ernte als Ausnahme erlaubt. Der Prophet soll laut einem Hadith auch Hunde haben töten lassen; wahrscheinlich ist gemeint: wenn die vielen herumstreunenden Tiere zu einer Plage wurden:

  • Der Prophet befahl die Hunde zu töten. Er schickte Menschen aus, in die Gebiete rund um Medina, um sie zu töten.9

In der Wohnung hat ein Hund nichts verloren, denn Engel betreten kein Haus, in dem sich ein Hund befindet. Mohammed soll einmal vergeblich auf den Engel Gabriel gewartet haben, weil sich ein junger Hund in seine Wohnung verirrt hatte.

  • Der Prophet hatte sich an einem bestimmten Augenblick mit Djibrīl verabredet, aber der kam nicht. Er hatte einen Stock in der Hand; den warf er weg und sagte: „Noch nie hat Gott oder einer seiner Botschafter ein Versprechen gebrochen!“ Dann schaute er um sich und bemerkte einen jungen Hund unter seinem Bett. Er sagte: „Aischa, wann ist dieser Hund hier hereingekommen?“ Sie antwortete: „Bei Gott, ich weiß es nicht.“ Er ließ das Tier entfernen. Darauf erschien Djibrīl und der Prophet sagte zu ihm: „Wir hatten einen Termin und ich habe gewartet, aber du kamst nicht!“ Djibrīl antwortete: „Der Hund in deinem Haus hat mich davon abgehalten, denn wir [Engel] betreten kein Haus, in dem ein Hund oder eine Abbildung [eines Lebewesens]  ist.“ 10

Auch in der Moschee ist ein Hund unerwünscht, denn er lenkt ab vom Gebet, wie Frauen und Esel auch.

  • […] ‘Abdallāh ibn as-Sāmit, von Abū Dharr: Der Prophet sagte: Wenn einer von euch das Gebet verrichtet, dann ist er geschützt, wenn er so etwas wie den hinteren Teil eines Sattels vor sich hat. Wenn das nicht der Fall ist, wird sein Gebet ungültig, [wenn] eine Frau, ein Esel oder ein schwarzer Hund [vor ihm herumläuft].
    Ich fragte [Abū Dharr]: Wieso ein schwarzer Hund und kein roter oder gelber? Er antwortete: Genau so habe ich es den Propheten gefragt und er sagte: „Ein schwarzer Hund ist ein Satan.“ 11
Träger füttert Hunde, İstanbul ±1900

Träger füttert Hunde, İstanbul ±1900

Haben die alten Muslime denn wegen solcher Texte ihre Hunde nicht geliebt? Ich denke doch. Wenn man sich einen Hund zu Nutze machen will, ist ein dominierendes, aber zugleich freundschaftliches Verhältnis zum Tier unumgänglich und von vielen Menschen auch einfach gewünscht. Das Buch von →Ibn al-Marzubān (gest. 921), Die Überlegenheit der Hunde über viele, die Kleider tragen, zeigt viele Beispiele der festen Freundschaft zwischen Herr und Hund. Hier konnte aber der Prophet unmöglich in einer Anekdote als Vorbild herhalten, weil Hunde eben unrein sind. Den Hundebesitzern wird es egal gewesen sein.

Auch veröffentlich in zenith, Mai/Juni 2014 und online.

ANMERKUNGEN
(Ich zitiere jeweils nur einen Hadith; von den meisten gibt es etliche Varianten und Paralleltexte.)
1. Muslim, Ṣayd 13:

وحدثني حرملة بن يحيى أخبرنا ابن وهب أخبرني يونس عن ابن شهاب عن أبي إدريس الخولاني أنه سمع أبا ثعلبة الخشني يقول: نهى رسول الله ص عن أكل كل ذي ناب من السباع.

2. Muslim, Musāqāt 42:

حدثني سلمة بن شبيب حدثنا الحسن بن أعين حدثنا معقل عن أبي الزبير قال: سألت جابرا عن ثمن الكلب والسنور. قال: زجر النبي ص عن ذلك.

3. Abū Dāwūd, Ṭahāra 38:

حدثنا عبد الله بن مسلمة حدثنا عبد العزيز عن داود بن صالح بن دينار التمار عن أمه أن مولاتها أرسلتها بهريسة إلى عائشة ر فوجدتها تصلي فأشارت إلي أن ضعيها. فجاءت هرة فأكلت منها فلما انصرفت أكلت من حيث أكلت الهرة. فقالت إن رسول الله ص قال إنها ليست بنجس إنما هي من الطوّافين عليكم. وقد رأيت رسول الله ص يتوضأ بفضلها.

4. Muslim, Ṭahāra 90:

 حدثنا يحيى بن يحيى قال قرأت على مالك عن أبي الزناد عن الأعرج عن أبي هريرة أن رسول الله ص قال: إذا شرب الكلب في إناء أحدكم فليغسله سبع مرات.

5. Muslim, Kusūf 9:

وحدثني يعقوب بن إبراهيم الدورقي حدثنا إسمعيل ابن علية عن هشام الدستوائي قال حدثنا أبو الزبير عن جابر بن عبد الله […] وعرضت عليّ النار فرأيت فيها امرأة من بني إسرائيل تعذب في هرة لها ربطتها فلم تطعمها ولم تدعها تأكل من خشاش الأرض.

6. Buḫārī, Sharb 9, Übersetzung nach A. Th. Khoury, So sprach der Prophet, Gütersloh 1988, S. 350.

حدثنا عبد الله بن يوسف أخبرنا مالك عن سمي عن أبي صالح عن أبي هريرة ر أن رسول الله ص قال: بينا رجل يمشي فاشتد عليه العطش فنزل بئرا فشرب منها ثم خرج فإذا هو بكلب يلهث يأكل الثرى من العطش. فقال: لقد بلغ هذا مثل الذي بلغ بي. فملأ خفه ثم أمسكه بفيه ثم رقي فسقى الكلب فشكر الله له فغفر له. قالوا يا رسول الله وإن لنا في البهائم أجرا؟ قال في كل كبد رطبة أجر.

7. Weder Frau Schimmel, S. 11, noch die Wikipedia bietet einen brauchbaren Quellennachweis.
8. Muslim, Musāqāt 51:

وحدثنا أبو بكر بن أبي شيبة وزهير بن حرب وابن نمير قالوا حدثنا سفيان عن الزهري عن سالم عن أبيه عن النبي ص قال من اقتنى كلبا إلا كلب صيد أو ماشية نقص من أجره كل يوم قيراطان.

9. Muslim, Musāqāt 44:

 حدثنا أبو بكر بن أبي شيبة حدثنا أبو أسامة حدثنا عبيد الله عن نافع عن ابن عمر قال: أمر رسول الله ص بقتل الكلاب فأرسل في أقطار المدينة أن تُقتل.

10. Muslim, Libās 81:

حدثني سويد بن سعيد حدثنا عبد العزيز بن أبي حازم عن أبيه عن أبي سلمة بن عبد الرحمن عن عائشة أنها قالت واعد رسول الله ص جبريل عس في ساعة يأتيه فيها فجاءت تلك الساعة ولم يأته. وفي يده عصا فألقاها من يده وقال: ما يخلف الله وعده ولا رسله. ثم التفت فإذا جرو كلب تحت سريره. فقال: يا عائشة متى دخل هذا الكلب هاهنا? فقالت: والله ما دريت فأمر به فأخرج. فجاء جبريل فقال رسول الله ص واعدتني فجلست لك فلم تأت فقال: منعني الكلب الذي كان في بيتك، إنا لا ندخل بيتا فيه كلب ولا صورة.

11. an-Nasāʾī, Qibla 7:

أخبرنا عمرو بن علي قال أنبأنا يزيد قال حدثنا يونس عن حميد بن هلال عن عبد الله بن الصامت عن أبي ذر قال قال رسول الله ص إذا كان أحدكم قائما يصلي فإنه يستره إذا كان بين يديه مثل آخرة الرحل فإن لم يكن بين يديه مثل آخرة الرحل فإنه يقطع صلاته المرأة والحمار والكلب الأسود. قلت ما بال الأسود من الأصفر من الأحمر فقال: سألت رسول الله ص كما سألتني فقال: الكلب الأسود شيطان.

WEITERE LEKTÜRE
– Annemarie Schimmel, Die orientalische Katze. Geschichten, Gedichte, Sprüche, Lieder und Weisheiten, München [1989].
– Muhammad ibn Khalaf ibn al-Marzubān, Fadl al-kilāb ‘alā kathīr mimman labisa ath-thiyāb, Köln (Al-Kamel Verlag) 2003, und mit engl. Übers.: Ibn al-Marzubān, The Superiority of Dogs over Many of Those Who Wear Clothes, hrsg. und übers. G.R. Smith und M.A.S. Abdel Haleem, Warminster 1978.

Diakritische Zeichen: Abū Ṯaʿlaba al-Ḫušanī, Ǧābir, Dāwūd ibn Ṣāliḥ, ḥalāl, qīrāṭ , Ǧibrīl,ʿAbdallāh ibn aṣ-Ṣāmit, Abū Ḏarr, Muḥammad ibn Ḫalaf ibn al-Marzubān, Faḍl al-kilāb ʿalā kaṯīr mimman labisa aṯ-ṯiyāb

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