Frühreife Propheten

Eine kurze Suche in der online Fassung von Ginzberg, Legends of The Jews, macht klar, dass viele alte „Propheten“ auf wundersame Weise frühreif waren. Das gehörte einfach dazu. Einige Beispiele (meine Übersetzung):

  • „So wurde Abraham ohne Amme in der Höhle zurückgelassen, und er begann zu weinen. Gott sandte Gabriel herunter um ihm Milch zu trinken zu geben, und der Engel ließ den Milch aus dem linken kleinen Finger des Säuglings strömen, und er sog daran bis er zehn Tage alt war. Dann stand er auf, er konnte gehen und verließ die Höhle …“ — und begann sofort mit der Bekämpfung des Polytheismus.
  • „Bis zu seinem siebzehnten Lebensjahr besuchte Joseph häufig das Bet ha-Midrash, und er wurde so gelehrt, dass er seinen Brüdern die Halakhot, die er von seinem Vater gehört hatte überliefern konnte.  So kann er als ihr Lehrer betrachtet werden.“
  • „[Moses‘] Verwandten und ganz Israel wussten, dass das Kind für Großes vorbestimmt war, denn er war kaum vier Monate alt, als er zu prophezeien begann, sagend: ,In kommenden Tagen werde ich die Thora von der brennenden Fackel empfangen.‘“ 

Und so weiter und so fort. Frühreife ist auch ein Merkmal Jesu. Nach Lukas 2:41-52 wurde Jesus als Zwölfjähriger in Jerusalem im Tempel angetroffen, „mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten.“
Das apokryphe Kindheitsevangelium des „Thomas des Israeliten“ (Ende 2. Jahrhundert) schildert den jungen Jesus als ein frühreifes Kind, das gleich schon in der Lage war, Wunder zu tun. Bereits als Fünfjähriger hatte er mit anderen Kindern zwölf Sperlinge aus Lehm gemacht. Als ein Jude sich bei Joseph beschwert hatte, weil dies am Sabbat geschehen war, und Joseph ihn darauf ansprach, klatschte er in die Hände und schrie den Sperlingen zu: „Fort mit euch!“ Die Vögel öffneten ihre Flügel und flogen mit Geschrei davon. In Koran 3:4–9 steht eine Erzählung, die stark daran erinnert. Aber dort verrichtet Jesus das Wunder nicht als Kind.
Im Kindheitsevangelium ist Jesus als junges Kind ausgesprochen flegelhaft und aggressiv. Er wusste noch nicht, wie er seine Gabe menschenfreundlich anwenden könnte. Einen kleinen Jungen, der ihm bei einem Kinderspiel im Wege saß, ließ er verdorren wie einen Baum. Zu einem anderen Knaben, der ihn an seine Schulter stieß, sagte er: „Du sollst auf deinem Weg nicht weitergehen!“ worauf der Knabe hinfiel und starb. Mit acht Jahren war er schon menschlicher geworden. Als er einmal bei der Ernte mithalf, brachte er eine unglaubliche Menge Weizen ein, rief alle Armen des Dorfes und schenkte ihnen den Weizen. Dies sind nur einige Beispiele.1

Über den Propheten Mohammed ist erzählt worden, dass er bei seiner Amme

  • „… aufwuchs wie kein anderer Bursche und feste Nahrung essen konnte bevor er zwei Jahre alt war.“ 2

Oder noch deutlicher:

  • „Er wuchs an einem Tag so viel wie andere Kinder in einem Monat, und als er sechs Monate alt war, vertrug er schon feste Ernährung.“3

Als er noch von seiner Amme betreut wurde, soll er schon Lämmer gehütet haben:

  • „Der Prophet hat gesagt: ‘Ich hatte eine Amme beim Stamm Sa‘d ibn Bakr, und als ich einmal mit einem Brüderchen hinter unseren Zelten die Lämmer hütete …“ 4

Auch dort wurde er von zwei Engeln im Bauch untersucht bzw. gereinigt: das ist die Erzählung der *Bauchspaltung.5 Als Junge saß er gerne bei der Ka‘ba: eine Parallele zu Jesus, der sich als Junge im Tempel Jerusalems zu Hause fühlte. In beiden Fällen wollten Andere die Jungen dort wegholen.6

Mehr Frühislamisches gibt es in den Hadithen zu Ibn Sayyād, eine antichrist-ähnliche Gestalt (dadjdjāl), den Mohammed noch kennen gelernt haben soll. Er war kein Prophet, aber wird als jemand dargestellt, der gerne tat, als ob er einer wäre. In seiner Rolle als Pseudoprophet musste auch Ibn Sayyād frühreif sein. Als neugeborener Säugling schrie er wie ein Junge von einem Monat, oder sogar zwei Monaten. Er trat schon als Schamane (kāhin) auf, als er noch ein Kind war und bei seiner Mutter wohnte. In einer anderen Erzählung „spielte er mit den Knaben und war selbst auch einer,“ als Mohammed ihn besuchte, um dessen beunruhigenden Eigenschaften in Augenschein zu nehmen.7

Dies alles zeigt, dass das jüdische Motiv „frühreifer Prophet“ im frühen Islam bekannt und geläufig war. Kein Wunder auch: Das Araberreich der Umayyaden war noch ganz mit christlichen und jüdischen Literaturen durchtränkt.

Was steckt hinter diesem Erzählmotiv? Mohammed soll vierzig Jahre alt gewesen sein, als er berufen wurde; Jesus ungefähr dreißig. Die Frage ist dann immer: Was taten sie vor ihrer Berufung? Etwa ein banales Leben führen? Sündigen vielleicht? Die Erzähler versuchen, die Propheten so früh wie möglich ihrer hohen Berufung würdig zu machen.

ANMERKUNGEN
1. Wilhelm Schneemelcher, Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung, I. Band, Evangelien, 5. Aufl., Tübingen 1987, 353–57. Englische Übersetzungen hier.
2. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 105. Normalerweise blieb ein Säugling zwei bis zwei und halb Jahre an der Mutterbrust.
3. Ibn al-Athīr, an-Nihāya fī gharīb al-hadīth wal-athar, 5 Bde., Beirut (Dār al-Fikr) o.J., i, 277.
4. Ibn Isḥāq, o.c. 106.
5. Ibn Isḥāq, o.c. 106.
6. Ibn Isḥāq, o.c. 107–108.
7. Wim Raven, „Ibn Ṣayyād as an Islamic ‘Antichrist’. A reappraisal of the texts,“ in: Endzeiten. Eschatologie in den monotheistischen Weltreligionen, hrsg. Wolfram Brandes und Felicitas Schmieder, Berlin/New York 2008, 266–67. Den Artikel können Sie hier downloaden.

Diakritische Zeichen: Ibn Ṣayyād, daǧǧāl, Ibn Isḥāq, Ibn al-Aṯīr, an-Nihāya fī ġarīb al-ḥadīṯ wal-aṯar

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