Varianten im Korantext

Wie fest steht eigentlich der Korantext? Echte Forschung gibt es noch kaum; die kommt erst jetzt allmählich in Gang. Es sind unzählige Varianten oder Lesarten  (qirā’āt ) überliefert worden, die übrigens von den alten islamischen Gelehrten anerkannt wurden. Manchmal spricht man auch von Textänderungen, aber das ist nach den Regeln der Textkritik weniger richtig, denn das wären dann Abweichungen von einer vorausgesetzten, richtigen Urfassung, und die gibt es nicht.

Als Beispiel mögen die Varianten bei Koran 112:1–2 dienen: قل هو الله أحد الله الصمد qul huwa allāhu ahadun allāhu as-samadu.
Das sind sprachlich betrachtet lästige Verse. „Sag: er ist Gott, ein Einziger; Gott ist die Stütze.“ (Oder: „Sag: Er, Gott, ist einer; Gott, die Stütze“, oder ähnliches. Die Bedeutung des Wortes samad ist unsicher.1
Die alten und unter Muslimen von alters her anerkannten Lesarten sind:
qul fehlt (bei vier Autoritäten)
al-wāhidu „der Eine“ oder: „der Einzige“ anstatt ahadun „ein“ (bei drei Autoritäten)
– das zweite allāhu fehlt (bei einer Autorität).

Es existiert eine irakische Münze von ca. 690, so alt wie die ältesten bekannten Koranhandschriften. Darauf steht die komplette Sure 112. Vom Text des ersten Verses fehlen dort sogar die ersten beiden Wörter aus der uns bekannten Fassung. Der Anfang der Sure lautet dann: allāhu ahadun allāhu as-samadu „Gott ist eins; Gott ist die Stütze,“ oder eventuell: „Gott ist eins; Gott, die Stütze.“ Das ist schon viel verständlicher.

Das war natürlich nur eine kleine Kostprobe der Textvielfalt im Koran.

Ist das schlimm, dass der Korantext nicht ganz feststeht? Es hat verschiedene Wellen frommer Strenge gegeben, z.B. um 900, die viele Lesarten eliminiert, anders gesagt: weggeworfen haben. Aber im Allgemeinen war das Bestreben in der islamischen Welt von alters her nicht die Verkündung einfacher Wahrheiten, sondern das Zulassen größtmöglicher Verschiedenheit. Daher auch jener Hadith, nach dem der Prophet gesagt haben soll: „Der Koran ist in sieben Varianten offenbart worden.“ 2 Erst im letzten Jahrhundert fing man an den Westen in seinem Bemühen um einfache und vor allem unzweideutige Wahrheiten nachzuahmen. Heutzutage würde man wohl auch die Lesarten im Korantext am liebsten ignorieren. Schade; die Flexibilität war immer so ein schöner Zug in der islamischen Kultur.

ANMERKUNG
1. Es bedeutet jedoch mit Sicherheit nicht „ewig“ oder „absolut“. Vgl. F. Rosenthal, „Some minor problems in the Quran,“ in: Joshua Starr memorial volume, New York 1953, 67–84.
2. harf, Pl. ahruf. Z.B. Muslim, Sahīh, Musāfirīn 270 u.v.a. إن هذا القرآن أنزل على سبعة أحرف

Diakritische Zeichen: aḥadun, aṣ-ṣamadu, al-wāḥidu, ḥarf, aḥruf, Ṣaḥīḥ

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