Mohammed und Aischa: Hat der Prophet ein Kind geheiratet?

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Der „Schaukel-Hadith
Neben dem anfangs zitierten kurzen, ausschließlich an Chronologie interessierten Hadith gibt es auch einen etwas längeren, erzählenden Hadith über Aischas Hochzeitstag. Hier folgen zwei Fassungen:

  • […] ʿAlī ibn Mushir überlieferte uns von Hishām ibn ‘Urwa, und der von seinem Vater: Aischa erzählte: Der Prophet heiratete mich, als ich sechs Jahre alt war. Als wir in Medina eingetroffen waren, wohnten wir bei den Banū al-Hārith ibn Khazradj. Ich war krank gewesen und hatte mein Haar verloren, aber es hing schon wieder bis an meine Schultern. Meine Mutter, Umm Rūmān, kam zu mir, als ich mit meinen Freundinnen auf der Schaukel beim Spielen war. Sie rief mir zu und ich ging zu ihr, ohne dass ich wusste, was sie von mir wollte. Sie nahm mich an der Hand und ließ mich kurz an der Tür stehen, bis mein Atem wieder normal war, denn ich war arg außer Atem geraten. Darauf nahm sie etwas Wasser und wusch damit mein Gesicht. Dann nahm sie mich mit hinein und dort im Zimmer traf ich einige Frauen von den Helfern, die mir gratulierten und alles Gute wünschten. Bei ihnen wurde ich zurückgelassen und sie machten mich schön. Der Prophet hat mich am Morgen nie ungepflegt gesehen. Dann übergab sie mich ihm. An dem Tag war ich neun Jahre alt.8
  • [… …] Er verheiratete Aischa mit ihm, während sie sechs Jahre alt war. […] Als wir in Medina eingetroffen waren, zogen wir bei den Banū al-Hārith ibn Khazradj in as-Sunh ein. Der Prophet kam zu uns ins Haus, in dem sich Männer und Frauen von den Helfern versammelt hatten. Ich saß auf der Schaukel zwischen zwei Palmbäumen, als meine Mutter zu mir kam und mich herunterholte. Meine Haare hingen bis auf meine Schultern; die kämmte sie, wusch mein Gesicht mit etwas Wasser und nahm mich mit. Sie ließ mich kurz an der Tür stehen, bis mein Atem wieder normal war, denn ich war völlig außer Atem. Dann wurde ich in die Wohnung gelassen und da saß der Prophet, in unserem Haus auf einem Bett, mit allerlei Männern und Frauen von den Helfern um sich. [Meine Mutter] setzte mich auf seinen Schoß und sagte: „Dies ist [ab jetzt] deine Familie. Möge Gott dich mit ihnen segnen, und sie mit dir.“ Darauf standen die anderen Männer und Frauen schnell auf und gingen davon.
    Der Prophet hatte Geschlechtsverkehr mit mir in unserem Haus. Kein Kamel oder Schaf ist [für meine Hochzeit] geschlachtet worden, aber Sa‘d ibn ‘Ubāda schickte uns eine Schüssel, wie er es immer tat, wenn der Prophet bei seinen Frauen Besuche abstattete. Ich war damals neun Jahre alt.9

In den Isnaden dominiert auch hier Hishām ibn ‘Urwa. Zu den Fassungen und Isnaden dieses Hadiths, siehe die pdf.Datei HadithAischaAlter. Aber wenn Hishām den Haditih in Umlauf gebracht hat, welchen hat er dann in Umlauf gebracht? Den kurzen oder den langen? Und mit welchem Ort des Ehevollzugs? Nach meinem Eindruck ist der kurze Hadith ursprünglich; der liegt allen Fassungen zu Grunde. „Der Prophet heiratete mich als ich sechs Jahre alt war und vollzog mit mir die Ehe als ich neun Jahre alt war,“ das ist der Kern, den alle Texte gemeinsam haben — wenn auch in unterschiedlichem Wortlaut. Zwischen den beiden Aussagen ist in einigen Hadithen die Schaukel-Erzählung eingefügt. In einem Fall (Muslim, Nikāh 69) wird erst der kurze Hadith als Ganzes präsentiert und dann wird die Erzählung hintendrangehängt. Es muss jemanden gegeben haben, sei es Hishām oder jemand anders, der die chronologischen Daten zu langweilig fand und sie mit etwas human interest bereicherte. Das Motiv war so schön, dass man es nicht liegen lassen konnte.

Ist es Ihnen auch aufgefallen? In der Kurzfassung des Hadiths in Lieferung 1. wurde Aischa in das Haus des Propheten gebracht (udkhilat ‘alaihi). In der letzten Fassung der langen Erzählung hier oben wird sie nicht in die Wohnung ihres Bräutigams überführt, sondern der Ehevollzug findet im Elternhaus der Braut statt. Bei der Eheschließung von Mohammeds Vater ‘Abdallāh mit Āmina war es laut Erzählung genauso gewesen.10
Im alten Arabien hat es die Einrichtung des „besuchenden Gatten“ (visiting husband, époux visiteur) gegeben, die auch unter modernen Beduinen, bei palästinensischen Bauern und in vielen anderen Kulturen bezeugt ist.11 Sozialwissenschaftler reden von uxorilokalen Ehen, die im Haus der Frau geführt werden, während der Ehemann dort nicht wohnt. Solche Ehen konnten dienlich sein, wenn z.B. ein Mann verstorben war und ein anderer, etwa der Bruder des Verstorbenen, der vielleicht woanders eine eigene Familie hatte, die Witwe heiratete und regelmäßig vorbei kam um sich um sie und die Kinder zu kümmern. Sie konnten aber auch in Prostitution ausarten, denn natürlich konnten auch mehrere und weniger fürsorgliche Männer eine Frau in ihrer Wohnung besuchen, wobei sie jeweils etwas zu den Haushaltskosten beitrugen und der walī so ungefähr als Zuhälter auftrat. Im sunnitischen Recht ist diese Art der Ehe nicht übernommen worden. Es gibt eine Überlieferung, die ausgerechnet von Aischa überliefert sein soll, in der mit einigen Arten der vorislamischen Ehe abgerechnet wird und sogar von „Huren“ (baghāyā) die Rede ist.12 Aber die Einrichtung der Besuchsehe war offensichtlich noch bekannt genug, um sie erzählerisch verwenden zu können. Der Prophet hatte wohl noch kein eigenes Haus, könnte der Erzähler gedacht haben; er war ja laut Überlieferung erst vor wenigen Monaten in Medina eingetroffen. Aber ein eigenes Zimmerchen oder notfalls Zelt dürfte er auch nach dieser Lesart bei seinen Gastgebern schon gehabt haben. Die Wohnung Abū Bakrs bei den Banū al-Hārith ibn Khazradj wird ja auch nicht die endgültige gewesen sein.
Wer möchte, kann aber in diesem Erzählelement des „besuchenden Gatten“ noch eine extra Bestätigung lesen: Aus der unbezweifelbaren Jungfräulichkeit mit neun ist Aischa auf der Stelle in die Obhut des Propheten gelangt. Anders als die bösen Schiiten behaupteten, ist ihre Keuschheit wirklich keine Sekunde gefährdet gewesen.
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Die „Puppen-Hadithe
Es gibt noch einige Hadithe über Aischa als junge Braut, die ich hier erst mal kurz zitiere, vielleicht später genauer betrachten werde. Nach dem Hochzeitstag bleibt das Mädchen seinen Puppen treu, was den Propheten amüsiert:

  • Eines Tages trat der Prophet bei mir ein, als ich mit den Puppen spielte. Er fragte: „Was ist das, Aischa?“ Ich sagte: „Die Pferde Sulaimāns.“ Da lachte er.13

Ihre Freundinnen dürfen sie zum Spielen besuchen:

  • Ich spielte in Anwesenheit des Propheten mit den Puppen, zusammen mit meinen Freundinnen. Wenn der Prophet eintrat, liefen sie davon, aber er ging ihnen hinterher und schickte sie alle wieder zurück, und dann spielten wir weiter.14

Der letzte Text will vielleicht andeuten, dass der Prophet Aischa auf keinen Fall Sex aufdrängte, bevor sie so weit war. In dem Fall würde es ein früher Versuch sein den Stachel aus dem Motiv zu holen.

(Soll das jetzt Wissenschaft sein? Nö. Ich habe etwas gelesen und nachgedacht, und dazu meine Eindrücke gegeben, ein educated guess formuliert, einen Aufsatz geschrieben. Das müssen Sie nicht unbedingt verachten; vielmehr sollten Sie es auch mal versuchen, statt immer wieder zu wiederholen was andere schon gesagt haben. Sie können meinen Gedankengängen folgen, sie ignorieren, ausarbeiten oder abschießen, wie Sie wollen. Dieser Artikel ist eine Art Experiment: darunter liegt nämlich die Datei: HadithAischaAlter, die ich für Fachleute geschrieben habe. Auch die ist keine Wissenschaft, sondern eine Vorbereitung dazu. Sollten Sie das Thema mal richtig wissenschaftlich bearbeiten wollen, finden Sie dort schon die Vorarbeiten. Sie müssen sich bei mir nicht bedanken oder befürchten, dass Sie Plagiat begehen; greifen Sie einfach zu! Ich finde es wichtig, dass der Stoff von noch drei Menschen gekannt und bearbeitet wird.)
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Seite vier handelt von den islamischen Argumenten gegen das frühe Heiratsalter der Aischa.

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ANMERKUNGEN
8. Al-Bukhārī, Manāqib al-Ansār 44a; s. auch Muslim, Nikāh 69:

قَالَتْ تَزَوَّجَنِي النَّبِيُّ ص وَأَنَا بِنْتُ سِتِّ سِنِينَ فَقَدِمْنَا الْمَدِينَةَ فَنَزَلْنَا فِي بَنِي الْحَارِثِ بْنِ خَزْرَجٍ فَوُعِكْتُ فَتَمَرَّقَ شَعَرِي فَوَفَى جُمَيْمَةً فَأَتَتْنِي أُمِّي أُمُّ رُومَانَ وَإِنِّي لَفِي أُرْجُوحَةٍ وَمَعِي صَوَاحِبُ لِي فَصَرَخَتْ بِي فَأَتَيْتُهَا لَا أَدْرِي مَا تُرِيدُ بِي فَأَخَذَتْ بِيَدِي حَتَّى أَوْقَفَتْنِي عَلَى بَابِ الدَّارِ وَإِنِّي لَأُنْهِجُ حَتَّى سَكَنَ بَعْضُ نَفَسِي ثُمَّ أَخَذَتْ شَيْئًا مِنْ مَاءٍ فَمَسَحَتْ بِهِ وَجْهِي وَرَأْسِي ثُمَّ أَدْخَلَتْنِي الدَّارَ فَإِذَا نِسْوَةٌ مِنْ الْأَنْصَارِ فِي الْبَيْتِ فَقُلْنَ عَلَى الْخَيْرِ وَالْبَرَكَةِ وَعَلَى خَيْرِ طَائِرٍ فَأَسْلَمَتْنِي إِلَيْهِنَّ فَأَصْلَحْنَ مِنْ شَأْنِي فَلَمْ يَرُعْنِي إلاَّ رَسُولُ اللَّهِ ص ضُحًى فَأَسْلَمَتْنِي إِلَيْهِ وَأَنَا يَوْمَئِذٍ بِنْتُ تِسْعِ سِنِينَ.

Ein Überblick aller Versionen auf Arabisch mit den Isnaden steht hier, S. 8–12.
9. Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad vi, 210–11 (und at-Tabarī, Taʾrīkh i, 1769–70):

فَزَوَّجَهَا إِيَّاهُ وَعَائِشَةُ يَوْمَئِذٍ بِنْتُ سِتِّ سِنِينَ […] قَالَتْ عَائِشَةُ فَقَدِمْنَا الْمَدِينَةَ فَنَزَلْنَا فِي بَنِي الْحَارِثِ بْنِ الْخَزْرَجِ فِي السُّنْحِ قَالَتْ فَجَاءَ رَسُولُ اللَّهِ ص فَدَخَلَ بَيْتَنَا وَاجْتَمَعَ إِلَيْهِ رِجَالٌ مِنْ الْأَنْصَارِ وَنِسَاءٌ فَجَاءَتْنِي أُمِّي وَإِنِّي لَفِي أُرْجُوحَةٍ بَيْنَ عَذْقَيْنِ تَرْجَحُ بِي فَأَنْزَلَتْنِي مِنْ الْأُرْجُوحَةِ وَلِي جُمَيْمَةٌ فَفَرَقَتْهَا وَمَسَحَتْ وَجْهِي بِشَيْءٍ مِنْ مَاءٍ ثُمَّ أَقْبَلَتْ تَقُودُنِي حَتَّى وَقَفَتْ بِي عِنْدَ الْبَابِ وَإِنِّي لَأَنْهَجُ حَتَّى سَكَنَ مِنْ نَفْسِي ثُمَّ دَخَلَتْ بِي فَإِذَا رَسُولُ اللَّهِ ص جَالِسٌ عَلَى سَرِيرٍ فِي بَيْتِنَا وَعِنْدَهُ رِجَالٌ وَنِسَاءٌ مِنْ الْأَنْصَارِ فَأَجْلَسَتْنِي فِي حِجْرِهِ ثُمَّ قَالَتْ هَؤُلَاءِ أَهْلُكِ فَبَارَكَ اللَّهُ لَكِ فِيهِمْ وَبَارَكَ لَهُمْ فِيكِ فَوَثَبَ الرِّجَالُ وَالنِّسَاءُ فَخَرَجُوا وَبَنَى بِي رَسُولُ اللَّهِ ص فِي بَيْتِنَا مَا نُحِرَتْ عَلَيَّ جَزُورٌ وَلَا ذُبِحَتْ عَلَيَّ شَاةٌ حَتَّى أَرْسَلَ إِلَيْنَا سَعْدُ بْنُ عُبَادَةَ بِجَفْنَةٍ كَانَ يُرْسِلُ بِهَا إِلَى رَسُولِ اللَّهِ ص إِذَا دَارَ إِلَى نِسَائِهِ وَأَنَا يَوْمَئِذٍ بِنْتُ تِسْعِ سِنِينَ.

10. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, Hg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 101; Übers. Rotter, 29, Übers. Guillaume 69.
11. In West-Europa natürlich genauso, aber hier darf so etwas nie „Ehe“ heißen.
– Patrick Franke, Gatten zu Besuch: Uxorilokale Eheformen in der Geschichte des Islams, Antrittsvorlesung Universität Bamberg, 16. Dezember 2010 (hier online).
– Frank Stewart, „The jôz musarrib, an unusual form of marriage,“ in J. Ginat and A. Khazanov (Hg.), Changing Nomads in a changing world, Brighton 1998, 78–93 (hier online).
12. Patrick Franke, o.c., 9. Der Text steht in Bukhārī, Nikāh 36. Isnad: Aischa von ‘Urwa von az-Zuhrī.
13. Ibn Sa‘d, Tabaqāt, Hrsg. Ihsān ‘Abbās, viii, 62:

محمد بن عمر – خارجة بن عبد الله – يزيد بن رومان – عروة – عائشة قالت: دخل عليّ رسول الله ص يومًا وأنا ألعب بالبنات. فقال: ما هذا يا عائشة؟ فقلت: خيل سليمان. فضحمك.

14. Buḫārī, Adab 81b.

حدثنا محمد أخبرنا أبو معاوية حدثنا هشام عن أبيه عن عائشة ر قالت: كنت ألعب بالبنات عند النبي ص وكان لي صواحب يلعبن معي فكان رسول الله ص إذا دخل يتقمعن منه فيسّربهن إليّ فيلعبن معي.