Mohammed und Aischa: Hat der Prophet ein Kind geheiratet?

Was ist passiert?
Sex mit Kindern findet immer und überall statt. Aber ob der Prophet Mohammed ihn auch hatte, und dann noch im Rahmen einer Ehe? Das weiß doch kein Mensch?
Nichtislamische Arabisten und Historiker gehen zunehmend davon aus, dass die „biografischen“ Texte über Mohammed (sira) als historische Quellen nicht verwertbar seien, und Hadithe noch weniger (s. hier). Über den Propheten wissen sie deshalb sehr wenig und über irgendwelche Einzelheiten aus seinem Privatleben schon gar nichts. Sie fragen sich aber schon, wo die Texte herkommen, die über Aischas Ehe im Kindesalter berichten, und warum sie das tun. Ich werde auch einen Versuch wagen und muss dazu etwas weiter ausholen; also, wenn Sie etwas Zeit hätten …?
Dazu rufe ich noch mal den obigen Hadith in Erinnerung:

  • Muhammad ibn Yūsuf überlieferte von Sufyān, und der letztere von Hishām ibn ‘Urwa, der es von seinem Vater [‘Urwa ibn az-Zubair] gehört hatte: Es erzählte Aischa, dass der Prophet sie heiratete, als sie sechs Jahre alt war; sie wurde in sein Haus gebracht, als sie neun Jahre alt war, und dann blieb sie neun Jahre bei ihm. 

Auffällig ist, dass dieser Text nicht erzählt, sondern sich nur für Chronologie interessiert.5 Hadithe sind normalerweise auf die Bedürfnisse der Juristen zugeschnitten und enthalten entweder eine Aussage des Propheten oder einen Bericht über ihn, aus dem eine Rechtsregel abgeleitet werden kann. Der erzählende Anteil an solchen Hadithen ist bescheiden und untergeordnet, aber schon vorhanden, z.B. in Gestalt einer kurzen Rahmenerzählung. Es gibt auch andere Hadithe, die ursprünglich als Erzählung (qiṣṣa) verfasst worden waren, aber in Hadithsammlungen hinübergerettet worden sind. In ihnen wird z.B. eine Handlungsweise des Propheten beschrieben, vielleicht nur ganz nebenbei, in der Juristen ein gutes Vorbild erkannten. Oder die Erzählung war so beliebt, dass man sie einfach nicht entbehren mochte. Aber rein chronologische Mitteilungen wie die hier oben sind in der Hadithliteratur eine Rarität. Diese Texte haben nur einen Isnad bekommen, damit sie religiöse Autorität haben.

Um den Hintergrund dieser nur-chronologischen Hadithe zu verstehen sollte man „die ganze Aischa“ mit einbeziehen: ihre Herkunft aus dem frühislamischen „Verdienstadel“, ihren Konflikt mit ʿAlī und die Verleumdungskampagne gegen sie seitens der entstehenden Schia. Und auch den Erzähler sollte man im Auge behalten: ‘Urwa ibn az-Zubair, den Historiker der besagten Elite, der er auch selbst entstammte.
.
Herkunft
Aischas Vater, Abū Bakr, der erste Kalif, war einer der ersten Anhänger Mohammeds und gehörte deutlich zu dem „Verdienstadel“, in dem nicht — wie in vorislamischer Zeit — Abstammung und Reichtum zählten, sondern große und frühe Verdienste für die neue Bewegung. Neben Abū Bakr gehörten alle anderen drei „rechtgeleiteten“ Kalifen dazu, des Weiteren Personen wie Talha und az-Zubair — der Letztere war in der Tat der Vater des Überlieferers ‘Urwa. Im Laufe des siebten Jahrhunderts spalteten sich aber zwei Gruppen ab, die sich aus der Sicht dieser Elite irgendwie daneben benahmen: ‘Alī und seine Nachkommen mit der *Schia, und die *Umayyaden, zu denen eigentlich schon der dritte Kalif ‘Uthmān gehörte. Was von der ursprünglichen Gruppe übrig blieb, war zum baldigen Aussterben verurteilt.
.
Verleumdung
Aischa war trotz — oder wegen — ihrer hohen Stellung als Lieblingsfrau des Propheten nicht überall beliebt. Eine bekannte Skandalgeschichte6 erzählt, wie sie, bereits mit dem Propheten verheiratet, auf einer Reise versehentlich kurz alleine in der Wüste zurückgelassen worden sei; später habe ein Mann sie gefunden und zurückgebracht. Hatte dieser sich an ihr vergangen? Es gab eine Faktion, die eifrig dieses Gerücht verbreitete. Auch Mohammeds Vetter und Schwiegersohn ‘Alī soll bei den Verleumdern mitgemacht und dem Propheten sogar vorgeschlagen haben Aischa gegen eine andere Frau einzutauschen. Wegen dieses Gerüchts mied der Prophet Aischa einige Zeit, bis ein Koranvers sie von aller Schuld freisprach.
.
Konflikt
Woher kam diese Gehässigkeit Aischa gegenüber? Lange nach dem Tod des Propheten war sie politisch aktiv geworden und hatte sich zusammen mit Talha und az-Zubair gegen den 656 Kalif gewordenen ‘Alī gestellt. Sie hatte sogar an einer Schlacht bei Basra teilgenommen, der sog. „Kamelschlacht“, benannt nach dem Kamel, auf dem sie die Kriegshandlungen beobachtete.
Worum ging der Konflikt? ‘Alī, der natürlich auch zur frühislamischen Elite gehörte, war wohl aus der Reihe getanzt. Er regierte im irakischen Kūfa statt in Medina; er kümmerte sich wenig um die Bestrafung der Mörder seines Vorgängers ‘Uthmān; seine Popularität bei den Soldaten, die von ihm immer wieder Land, Kriegsbeute und sonstige Zuwendungen empfingen, konnte den „Adel“ nicht beeindrucken, im Gegenteil. Kurzum, er benahm sich nicht, wie von einem Mitglied der frühislamischen Elite erwartet wurde.
Die Kamelschlacht gewann ‘Alī. Talha und az-Zubair kamen dabei um; Aischa wurde als Gefangene nach Medina geschickt. Es ist verständlich, dass Aischa danach bei ‘Alī und dessen schiitischen Anhängern besonders unbeliebt war. Nach ‘Alīs Kalifat und Tod (661) verschärfte der Konflikt sich noch, indem die Schia das Kalifat für die Söhne ‘Alīs beanspruchte und generell die Erbfolge im „Haus des Propheten“ befürwortete. Mit diesem Standpunkt konnte Aischa sich unmöglich anfreunden, da ihre Ehe mit dem Propheten kinderlos geblieben war.
Oft hört man sagen: Kein Wunder, dass Aischa später so bitter gegen ‘Alī war: Sie hat ihm seine feindselige Haltung bei dem Skandal nie vergeben können. Wer weiß. Aber was wäre dann der Grund dieser frühen Feindseligkeit?
Das Umgekehrte ist wahrscheinlicher: Die Schia hasste Aischa aus politischen Gründen und beschmutzte rückwirkend ihre Ehre, indem sie ihre Keuschheit als noch junge Ehefrau anzweifelte. Das war schmerzhaft für Aischas Anhänger und Bewunderer, denn für diese verkörperte sie die ideale Frau. Die Christen hatten Maria; die Schiiten hatten Fātima, die Tochter des Propheten und die Mutter zweier Imame, und diese „frühen Mainstream-Muslime“ — Sunniten werden sie erst später heißen — hatten Aischa: die Lieblingsfrau des Propheten und die einzige, die er als Jungfrau geheiratet hatte. Und ausgerechnet sie wurde mit Dreck beworfen! Es ist denkbar, dass die Verleumdungskampagne gegen sie erst spät in ihrem Leben oder sogar nach ihrem Tod stattgefunden hat. (Sie soll 678 gestorben sein.)
.
Gegenkalifat
Die verlorene Kamelschlacht und der Tod zweier führender Mitglieder des „Verdienstadels“ bedeutete nicht, dass diese Faktion jetzt aufgab. Die Macht im arabischen Reich war nach ‘Alīs Tod ganz von den Umayyaden übernommen worden, zu denen bereits der dritte Kalif ‘Uthmān gehört hatte, und die unter Mu‘āwiya (reg. 661–680) die Hauptstadt nach Syrien verlegt hatten. Als Mu‘āwiya 680 starb, nachdem er im Voraus die Erbfolge für seinen Sohn Yazīd durchgesetzt hatte, begehrte die Schia auf, die ja nur Nachfahren des Propheten als Kalifen für geeignet hielt. Es kam zu einem Eklat bei Karbalā’, wo Husain ibn ‘Alī zum Märtyrertod verholfen wurde. Aber auch die Söhne az-Zubairs rebellierten, als letzte Vertreter des alten „Verdienstadels“. Sie gründeten in Mekka ein bedrohliches Gegenkalifat, das eine Zeitlang sogar die Hälfte des ganzen Reichs beherrschte. Erst nach zwölf Jahren konnte ihm Kalif ‘Abd al-Malik ein Ende setzen (692). Az-Zubairs Söhne ‘Abdallāh und Mus‘ab starben dabei, ein anderer war schon früher gefallen. Nur der jüngere Bruder ‘Urwa lebte noch, der Intellektuelle der Familie, der in Medina wohnte.
.
Urwa ibn az-Zubair
Als das Gegenkalifat zu Ende war, eilte ‘Urwa nach Damaskus und fiel dem Kalifen zu Füßen. ‘Abd al-Malik ließ ihn nicht hinrichten sondern hatte eine wichtige Aufgabe für ihn. Er sollte Berichte zur frühislamischen Geschichte schreiben, die man in allen Teilen des Reichs akzeptieren könnte. Nach so langem Bürgerkrieg sollte jetzt ja die Einheit gefördert werden. ʿUrwas Berichte haben den Islam rückwirkend weitgehend „arabisiert“: Mekka und Medina wurden fortan die ideologisch wichtigsten Städte, nicht länger Jerusalem — und das erst kurz nach Fertigstellung des Felsendoms in Jerusalem, der ja als Ansage an die Christen gemeint war.
‘Urwas Mutter war Asmā’, eine Tochter des ersten Kalifen Abū Bakr. Dessen berühmteste Tochter Aischa war also seine Tante. In seinen Texten, die später für die standard-sunnitische Geschichte des frühen Islams bestimmend werden sollten, versuchte er immer die Familie Abū Bakrs hervorzuheben, zum Beispiel in den Erzählungen zur Hidschra und zum Sterbebett des Propheten. ‘Urwa ist auch derjenige, der Aischas Ehre in dem Verleumdungsskandal nachträglich kräftig verteidigt hat.7 Die Verteidigung seiner Tante mag zu seiner Zeit überzeugend gewirkt haben — wenn man sie mit modernen Augen liest, scheint sie so übertrieben, dass man fast noch an Aischas Schuld glauben könnte. Sogar Gott selbst wird mittels der Koranverse 24:11–25 als Verteidiger ihrer Unschuld aufgeführt.

Wenn wir jetzt zu unserem Hadith zurückkehren, sehen wir, dass dieser ebenfalls von ‘Urwa überliefert sein soll. Aber der Hadith kommt auch mit ganz anderen Überlieferern im Isnad vor. Die Glaubwürdigkeit von Überlieferketten wird zwar oft angefochten, aber auch wenn die Texte nicht wirklich von ‘Urwa (über seinen Sohn Hishām) stammen sollten, so hat jemand gemeint sie am erfolgreichsten unter dessen Namen verbreiten zu können.

Warum nun das frühe Heiratsalter? Die obigen Hadithe sind wohl in Zusammenhang mit der Verleumdungsaffäre zu lesen. Wo ‘Urwas Bericht Aischas Ehrbarkeit schon (allzu) energisch verteidigte, wollen die Hadithe diese sogar noch steigern — und auch sie tun das in übertriebener Manier. So wird Aischa keuscher denn je. Dass sie als Neunjährige ins Ehebett stieg, soll beweisen, dass sie in dem Augenblick auf jeden Fall noch Jungfrau war. Für ihre Keuschheit in den Jahren danach verbürgt sich kein Geringerer als der Prophet. Und bei dem Zwischenfall unterwegs ist nach Auffassung von Aischas Verteidigern überhaupt nichts passiert, was sogar von Gott selbst bestätigt wird. Die übertriebene Betonung von Aischas Ehrbarkeit ist eine Reaktion auf die außerordentliche Gemeinheit der verleumderischen Attacke.

Hier geht’s weiter.

ANMERKUNGEN
5. Es gibt auch andere; die behandle ich später.
6. Die Erzählung über die Verleumdung Aischas (ifk) steht in Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, uitg.. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 731–40; Ibn Isḥāq, Das Leben des Propheten, übers. G. Rotter, Kandern 1999, 188–94 (Auswahl); Übers. A. Guillaume, The Life of Muhammad, Oxford 1955, 493–99. Eine wichtige Studie für Fachleute ist: Gregor Schoeler, Character und Authenthie der muslimischen Überlieferung über das Leben Mohammeds, Berlin/New York 1995, 119-84.
7. Kommt noch.@@@@

Diakritische Zeichen: Muḥammad ibn Yūsuf, Hišām ibn ʿUrwa, Ṭalḥa, ʿAlī, ʿUṯmān, Ḥusain ibn ʿAlī, Muṣʿab, Ibn Isḥāq