Dreihundert und

Im Film 300 versuchen dreihundert Spartaner und noch einige andere Griechen in der Schlacht bei den Thermopylen (480 v. Chr.) einer großen persischen Übermacht Paroli zu bieten. Die Zahl 300 wird schon beim griechischen Autor Herodot (± 480–425 v. Chr.) erwähnt.1

Dieselbe Zahl kommt auch in der Bibel vor: in der Gideonerzählung, im Buch der Richter.2 Auch dort wird von einer kleinen Schar von erlesenen Kriegern erzählt, die sich gegen eine Übermacht von Midianitern, gewaltig „wie eine Menge Heuschrecken,“ aufgestellt habe. In der Nacht vor der Schlacht hat jemand im feindlichen Lager einen Albtraum, nämlich dass Gideon siegen und das ganze Lager ihm in die Hände fallen wird. Der Sieg des kleinen Trupps wird mit ausdrücklicher Hilfe Gottes errungen.
Richter datiert, so viel ich weiß, auf ± 1000 v. Chr. und ist also erheblich älter als die griechische Erzählung. Dass Herodot das Buch der Richter gekannt hätte, das auf Hebräisch geschrieben ist und zu seiner Zeit nur von Juden in Mesopotamien und Palästina gelesen wurde, ist unwahrscheinlich. Er muss von sich aus auf die Zahl 300 gekommen sein, oder die Erzählung ist in irgendeiner abgeleiteten Form in der alten Welt zirkuliert.

Mit Sicherheit abhängig von der Bibel oder einer jüdischen Bearbeitung der Gideonlegende waren jedoch die arabischen Erzähler, die über Mohammeds Schlacht bei Badr berichteten.3 Dreihundert und noch einige Anhänger des Propheten, als Muslime grundsätzlich Elitekämpfer, überfallen dort eine erheblich stärkere Karawane der noch heidnischen Quraisch. Im feindlichen Lager hat jemand in der Nacht vor der Schlacht einen Traum, in dem die Niederlage vorhergesagt wird; genau so wie in der Gideonerzählung. Auch hier gelingt es der kleinen Schar, mit Gottes Hilfe die größere Gruppe zu besiegen.
Die ± 300 Mann, die Übermacht des Feindes, der Traum und die Hilfe Gottes: So viele Übereinstimmungen können kein Zufall sein; darauf hat Von Mžik bereits vor einem Jahrhundert hingewiesen.4 Es ist abermals ein Beispiel des jüdisch-christlichen Einflusses auf die Biographie des Propheten Mohammeds.

Wie zahlreich sollten, erzähltechnisch betrachtet, die Gegner bei Badr sein? Es sollten nicht so unwahrscheinlich viele wie bei Gideon sein; die Erzählkunst hatte im Lauf der Jahrhunderte schon Fortschritte gemacht. Dass ein Muslim einem Heiden überlegen ist, ist selbstredend. Dass er auch zwei schafft, liegt nahe: durch die Kraft seines Glaubens nämlich.5 Aber zehn, zum Beispiel, wäre wirklich zu viel; dann würde die Erzählung in eine andere Gattung abdriften. Figuren wie Superman, Asterix und Obelix, Bud Spencer und Terence Hill werden mit unbeschränkten Zahlen von Gegnern fertig, aber sie sind deutlich in fantastischen Erzählungen zu Hause. Und die sind ziemlich fade, weil darin die Kämpfe nicht spannend oder real vorstellbar werden. Die Gegner bei Badr belaufen sich auf insgesamt 950; das bedeutet: ein Muslim auf etwas mehr als drei Heiden. Das ist grenzwertig und neigt schon einigermaßen zum Fantastischen, aber wird es doch nicht. Die Erzählung will uns ja klar machen, dass die Schlacht mit Gottes Hilfe gewonnen worden sei, und in den Augen sowohl des Erzählers als der ersten Hörer ist daran nichts Fiktives oder Fantastisches. Die Wahrscheinlichkeit ist so für sie gerade noch nicht beeinträchtigt.

ANMERKUNGEN
1. Herodot, Historiae vii, 205.
2. Richter 7:2–22.
3. Ibn Isḥāq, in: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, […] hrsg. F. Wüstenfeld, 3 Bde., Göttingen 1858–60, S. 428–9, 506, 516 (Arabische Texte). In englischer Übersetzung: A. Guillaume, The Life of Muhammad, A Translation of Isḥāq’s (so!) Sīrat Rasūl Allāh, Oxford 1955, S. 290, 336, 340.
4. Hans von Mžik, ‘Die Gideon-Saul-Legende und die Überlieferung der Schlacht bei Badr. Ein Beitrag zur ältesten Geschichte des Islām,’ Wiener Zeitschift für die Kunde des Morgenlandes 29 (1915), S. 371–383.
5. Das bestätigt ein Hadith: Muslim, @@@, @@@

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Sunna (Kurzdefinition)

Sunna ist „Verhalten, Brauch, gewohnte Handlungsweise, überlieferte Norm“. Heutzutage denkt man bei sunna meist sofort an die sunna des Propheten: dasjenige, was der Prophet Mohammed gesagt, getan, geduldet oder bewusst unterlassen hat. Sie ist in verbürgten Traditionen (Hadith) und zum Teil auch in der Prophetenbiographie (sīra) niedergelegt worden.
Die sunna ist also ein Abstraktum; nicht etwas Greifbares, wie ein Text oder ein Buch oder Bücher. Die relevanten Texte sind die Hadithe, und es ist gut die beiden Begriffe auseinander zu halten.

  • Noch mal:
    Sunna ist das normbildende Verhalten des Propheten.
    Hadithe sind T e x t e, in denen die sunna niedergelegt worden ist.

Dazu kommt noch, dass es kein fest umschriebenes Corpus von Texten gibt, die Träger der sunna wären. Die Texte selbst sind manchmal unter einander in Widerspruch oder zweideutig und auf jeden Fall einer Interpretation unterworfen.
Phrasen wie: „In der sunna steht …“ oder „Die sunna sagt …’, oder die Frage: „Wer hat die sunna geschrieben?“ sind deshalb nicht sinnvoll. Die Wortkombination „Reformierung der sunna“ (Wikipedia) ist ebenfalls unsinnig. An Verhalten und Aussagen des Propheten gibt es nichts mehr zu reformieren, und die alten Hadithe, die darüber berichten, lassen sich ebensowenig neu schreiben. Was man mit Reformierung meint, ist vielleicht die Ablehnung der sunna als Quelle der Scharia, oder eine Änderung in der Wertschätzung der Hadithe, oder eine Einschränkung der Texte, die man als Erkenntnisquelle der sunna akzeptieren will. Dann sollte man dies aber präziser ausdrücken.

Kurzdefinitionen: Anlässe der Offenbarung, DhimmiFatwa, Hadith, Isnad, Isra’iliyatKalif, Koranauslegung, Muslim, Naskh, ProphetenerzählungenSabab an-nuzulSchariaSiraTafsirTaqiya

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Hat es Mohammed wirklich gegeben?

Die Frage wird neuerdings gelegentlich gestellt; auch hat es schon einige Gelehrte gegeben, die sie negativ beantwortet haben. Sowohl die Frage wie auch die Antworten stammen offensichtlich vor allem aus Kreisen von Islamhassern.
Aber sogar wenn ich mich ganz streng und minimalistisch aufstelle, sage ich: Ja, den Mohammed muss es gegeben haben. Für seine Existenz gibt es zu viele Hinweise, auch aus der frühesten Zeit und aus ganz unterschiedlichen Umgebungen, als dass sie verneint werden könnte. Ihn völlig aus dem Nichts zu erfinden hätte die Zusammenarbeit so vieler Menschen jeden Schlages erfordert, wie es redlicherweise nicht möglich ist.
Die Hypothese von Chr. Luxenberg u.a. aus der sog. *Inârah-Gruppe, nach der Mohammed kein Eigenname ist, sondern nur ein Adjektiv, „gepriesen“ oder „lobenswert“, das sich auf Jesus beziehe, kommt mir absurd vor. Bei Gelegenheit komme ich vielleicht darauf zurück; vielleicht auch nicht, denn viel Aufmerksamkeit scheint mir die Idee nicht wert zu sein.

Was wissen wir über Mohammed?
Diese Frage ist interessanter, und hier trennen sich gleich wieder die Geister.

– Muslime wissen alles, was sie über ihren Propheten wissen wollen durch die Kraft ihres Glaubens; ganz einfach.

– „Klassisch“ orientierte Arabisten wie ich, denen so ein Glaube nicht beschert worden ist, haben es schwieriger. Im 19. Jahrhundert meinten die Gelehrten noch vieles über Mohammed zu wissen; viel mehr als über Jesus, und man hielt es noch lange für möglich eine wissenschaftliche Biografie des Propheten zu schreiben. In unserer Zeit dagegen ist die „sichere Kenntnis“ zu fast gar nichts reduziert. Allerdings scheint in den letzten Jahren die „Kenntnis“ wieder Konjunktur zu haben. Sie täuschen sich nicht: Was man über den Propheten zu wissen meint, geht auf und ab, ist zeitgeistempfindlich. Darüber hier mehr.
Persönlich bin ich den Texten gegenüber sehr kritisch; ich „glaube“ nicht viel. Man könnte auch sagen: Ich bin etwas altmodisch, denn die Welle des neuen „Wissens“ hat mich noch nicht erreicht. Für mich steht fest, dass es Mohammed gegeben hat, aber auch, dass es nicht viel über ihn zu wissen gibt. Angesichts meiner Überzeugung, dass auch gründliche Forschung nicht zu einer handfesten Prophetenbiographie führen wird, hat ein Fachkollege mich „pessimistisch“ genannt. Er hat mich nicht verstanden. Pessimistisch ist man, wenn man düsteren Prognosen hat, in diesem Fall: das Eintreten ergiebiger Forschungsergebnisse zu seinem Bedauern nicht zu erwarten vermag. Aber es ist nicht so, dass ich gerne eine reichhaltige und zuverlässige Mohammedbiographie gehabt hätte und jetzt deprimiert bin, weil es diese nicht gibt. Ob nun viel oder wenig über den Propheten bekannt ist, mich persönlich berühren die Forschungsergebnisse nicht. Nur wenn mit ihnen gemogelt wird, dann werde ich ein wenig traurig.

– Nicht-Spezialisten, Arabisten oder nicht, die sich ab und zu mit Mohammed beschäftigen und allerlei über ihn „glauben“: Sie haben einen nicht-religiösen Glauben an die Prophetenbiographie, der oft auf einem horror vacui basiert und schwierig auszurotten ist. Oft haben sie ihre Kenntnis Enzyklopädien, Einführungen und Zusammenfassungen entnommen. Dagegen ist nichts einzuwenden, aber man sollte sich schon bewusst sein, dass diese oft auf älterer Forschung und auch auf Pseudokenntnis basieren. In solchen populären Veröffentlichungen traut man sich nämlich nicht zuzugeben, dass man etwas nicht weiß. Ein Enzyklopädieartikel oder eine Einführung mit vielen weißen Flecken oder Fragezeichen wird nicht akzeptiert, also werden die Lücken beliebig aufgefüllt.

– Letztendlich gibt es Menschen, die sich durch die Medien auf Grund von ganz wenigen und oft unrichtigen Informationen eine Meinung über Mohammed andrehen lassen, die sie, sollten sie je einen biographischen Quellentext lesen, darin meistens bestätigt sehen wollen. Aber warum sollte man über jemanden, der schon so lange tot ist und über den man so wenig weiß, überhaupt eine Meinung haben? Vergleiche: Über Hitler haben die meisten Menschen noch eine Meinung, aber über Napoleon? über Karl den Fünften? Die sind wirklich zu weit weg; ein Laie kennt sie einfach nicht.

Eine kleine Menge biografischer Texte (sīra) kann man mit gutem Willen bis ins Jahr 690, vielleicht 680 zurückzuführen. Mohammed ist nach der meist gängigen Überlieferung 632 gestorben; da gähnt also eine Lücke von einem halben Jahrhundert. Eine ähnliche Wissenslücke existiert zwischen dem Sterbejahr Jesu und den frühesten Evangelien. Zufall? Vielleicht ist das bei der Entstehung einer neuen Religion eher die Regel. Der Gründer wird nach seinem Tode von eventuellen unangenehmen Zügen gereinigt. Nach einem halben Jahrhundert ist ausreichend vergessen, wie er wirklich war, so dass man einen bereinigten Gründer, Heiligen, Propheten, Messias oder was auch immer auf den „Markt“ bringen kann. (Dieses Phänomen sollte lieber von Religionswissenschaftlern studiert werden, oder wird es wahrscheinlich schon längst.)

LESEN?
Einführende Bücher und Büchlein zum Propheten gibt es jede Menge. Oft wiederholen sie die Standarderzählung und einander und bleibt die Frage, ob es über das Leben Mohammeds überhaupt etwas zu wissen gibt, unbehandelt. Wenn man nämlich all zu viel anzweifelt, wird das Buch zu dünn und der Verleger sauer und werden vielleicht Muslime entrüstet, was doch bestimmt niemand möchte. Ein gut geschriebenes, kleines Buch, das sich ziemlich klug hindurchwindet ist:
– Marco Schöller, Mohammed, Suhrkamp Basis Bibiographie 34, 2008.
Zur Prophetenbiographie werden Sie hier auf Dauer noch mehr zu lesen finden. Achten Sie auf das Stichtwort Sira.

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Das Lachen des Propheten

Jesus weinte (Joh. 11:35). Der Buddha lächelt, indische Gurus lächeln auch, manche etwas zwielichtig. Andere Gründerfiguren wie Lenin, Hitler oder Khomeini schauen meistens grimmig oder griesgrämig drein. Laut zu lachen, das gehört sich nicht für einen geistigen Führer. Fromme Menschen lassen schon Raum für „angemessene Freude,“ aber lautes Gelächter wird schon bald mit dem schallenden Gelächter der Hölle in Verbindung gebracht. 1
Der Prophet Mohammed dagegen hat laut gelacht. So ist es zumindest in einigen Hadithen zu lesen: „Der Prophet lachte so, dass man seine Eckzähne sah.“ 2 Ein Geräusch machte er auch dazu: „Wenn der Prophet lachte, sagte er: qah qah 3 — was wohl dem deutschen Ha ha entspricht.
Andererseits gibt es auch einen Hadith , aus islamischer Sicht genau so gut verbürgt, in der es heißt: „Wenn der Prophet lachte, lächelte er nur,“ 4 und in vielen Texten, in denen der Prophet lachend geschildert wird, steht nicht einmal mehr das Wort „lachen“ (dahika), sondern man hat schon gleich „lächeln“ (tabassama) geschrieben.5
Wer alle korrekt überlieferte Hadithe
on und über den Propheten als Augenzeugenberichte auffasst, bekommt hier vielleicht ein Problem. Denn wie ist das „nur Lächeln“ des Propheten mit seinem ausgelassenen, schallenden Lachen in Einklang zu bringen? Es sind nicht nur tiefgläubige Muslime, die hierüber grübeln können. Der deutsche Orientalist Sellheim hat manchem Fachkollegen einen Lachkrampf beschert mit seiner These, dass der Prophet so etwas wie eine Hasenscharte hatte. Nur so könne er zur gleichen Zeit lächeln und auch seine Eckzähne entblößen! Der Artikel des Gelehrten ist sogar illustriert: man sieht ein Lippenpaar, das die Vorderzähne bedeckt, aber die Eckzähne sichtbar lässt.
In diesem Fall hat ein humorloser Orientalist getan, was normalerweise nur Theologen und fromme Menschen tun: er hat sein Heil in dem Harmonisieren von Texten gesucht. Genau wie ein traditioneller Schriftgelehrter hat Sellheim alle Hadithe für Augenzeugenberichte gehalten und nicht ertragen können, dass sie zueinander in Widerspruch stehen. Beim Harmonisieren wird an den Texten gerüttelt und gedreht, Wörtern wird eine andere Bedeutung als die normale gegeben; strittige Behauptungen schließen einander aus, aber „eigentlich“ sollen sie dasselbe bedeuten. Die Ergebnisse von Harmonisierung sind intellektuell unbefriedigend und oft einfach albern.
Zurück zu den Texten. Es gibt also zwei Arten Hadithe über das Lachen des Propheten: die, in denen er schallend lacht, und die, in denen er nur lächelt. Beide sind sprachlich völlig klar: an den Wortbedeutungen gibt es nichts herumzubasteln. Am Wortlaut der Texte ist erkennbar, dass es keine neutralen Mitteilungen sind, sondern dass die Sprecher mit gewisser Betonung einen Standpunkt hervorbringen wollen. Denn warum würde sich jemand die Mühe machen, zu verkünden, dass der Prophet immer nur lächelte, wenn nicht zuvor jemand das Gegenteil gedacht oder gesagt hatte? Anderseits hat, nach den Texten mit schallendem Gelächter, der Prophet seinen Mund sperrangelweit aufgesperrt und dabei auch Geräusche von sich gegeben. Es sieht aus, als hätten sich deren Erzähler aufgeregt über das nur fade Lächeln, das man ihrem Propheten andichten wollte. Die Lächelfaktion schlug zurück, indem sie mittels einer Aussage Aischas dem Propheten übertriebenes Lachen absprach und zugleich das Lächeln propagierte: „[…] Ich habe nie gesehen, dass der Prophet lachte bis ich sein Zäpfchen sah; er lächelte immer nur.“ 6
Es betrifft keine Berichte aus der Zeit des Propheten, aber man hat in den Hadithen die Frage diskutiert, ob und wie der Prophet gelacht hat. Die Frage war wichtig, denn das Vorbild des Propheten war und ist bestimmend für das Verhalten der Muslime.
Die Idee der Antike, ein Prophet, Gründer, Führer, usw. habe ein ernsthafter Mann zu sein, für den schallendes Gelächter unpassend ist, hatte also im frühen Islam schon Anhänger. Aber es gab auch genügend Muslime, die dies energisch bestritten und auch die Texte mit schallendem Gelächter in den islamischen ‘Kanon’ aufgenommen zu bekommen wussten, nämlich in die Hadithsammlungen von al-Bukhārī und Muslim. Der Widerspruch ist nie aufgelöst worden; wie immer kann jeder sich die Hadithe wählen, bei denen er oder sie sich am wohlsten fühlt. Das Lachen hat also im Islam durchaus Chancen.

Hier folgt ein Witz in Form eines Hadiths auf Kosten des islamischen Rechts, in dem man den Propheten selbst mitlachen lässt:

  • … von Abū Huraira: Wir saßen beim Propheten, als ein Mann vorbeikam, der sagte: „Prophet, es ist um mich geschehen!“
    Der Prophet fragte: „Wieso, um dich geschehen?“
    „Ich habe während des Fastens im Ramadan mit meiner Frau geschlafen.“
    „Hast du einen Sklaven, den du als Sühne freilassen kannst?“
    „Nein.“
    „Kannst du zwei Monate hinter einander fasten?“
    „Nein.“
    ‘Hast du die Möglichkeit, sechzig Arme zu speisen?“
    „Nein.“
    Darauf setzte sich der Mann zu uns. Inzwischen wurde dem Propheten ein großer Korb Datteln gebracht. Er fragte: ‘Wo ist der Mann von gerade eben?“
    „Hier bin ich,“ rief der Mann.
    „Nimm diese Datteln und verschenke sie als Almosen!“
    „An Menschen, die noch bedürftiger sind als ich, Prophet? Bei Gott, es gibt in Medina keine Familie, die sie mehr braucht als die meine!“
    Darauf lachte der Prophet so laut, dass man seine Backenzähne sehen konnte, und er sagte: „Gut, bring sie dann zu deiner Familie!“ 7

 

ANMERKUNGEN
1. Vgl. Jesus Sirach 27:13:„Die Rede der Narren ist unerträglich, und sie lachen, wenn sie in Sünden  schwelgen.“
2. Bukhārī, Adab 68: فضحك النبي ص حتى بدت نواجذه  u.v.a!
3. Oder ’ih ’ih Quelle@!!.
4. U.a. at-Tirmidhī, Manāqib 1: مَا كَانَ ضَحِكُ رَسُولِ اللَّهِ  ص إِلَّا تَبَسُّمًا. Bukhārī, Libās 6 KONTROLLE@  Vgl. Jesus Sirach 21:29: „Ein Narr lacht überlaut; ein Weiser lächelt nur ein wenig.“
5. Al-Bukhārī, Ādhān 46, 94: ثم تبسم يضحك
6. Bukhārī, Tafsīr S. 46, 2, Muslim, Istisqā’ 16 u.a.:  ما رأيت رسول الله ص ضاحكا حتى أرى منه لهواته إنما كان يتبسم.
7. Al-Bukhārī, Saum 30; Muslim, Siyām 81.

BIBLIOGRAPHIE
– Rudolph Sellheim, „Das Lächeln des Propheten,“ in: Festschrift für A. E. Jensen, München 1964, 621–630.
– Ludwig Amman, Vorbild und Vernunft. Die Regelung von Lachen und Scherzen im mittelalterlichen Islam, Hildesheim 1993.

Diakritische Zeichen: ḍaḥika, al-Buḫārī, at-Tirmiḏī, āḏānṣaum, ṣiyām

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Frühreife Propheten

Eine kurze Suche in der online Fassung von Ginzberg, Legends of The Jews, macht klar, dass viele alte „Propheten“ auf wundersame Weise frühreif waren. Das gehörte einfach dazu. Einige Beispiele (meine Übersetzung):

  • „So wurde Abraham ohne Amme in der Höhle zurückgelassen, und er begann zu weinen. Gott sandte Gabriel herunter um ihm Milch zu trinken zu geben, und der Engel ließ den Milch aus dem linken kleinen Finger des Säuglings strömen, und er sog daran bis er zehn Tage alt war. Dann stand er auf, er konnte gehen und verließ die Höhle …“ — und begann sofort mit der Bekämpfung des Polytheismus.
  • „Bis zu seinem siebzehnten Lebensjahr besuchte Joseph häufig das Bet ha-Midrash, und er wurde so gelehrt, dass er seinen Brüdern die Halakhot, die er von seinem Vater gehört hatte überliefern konnte.  So kann er als ihr Lehrer betrachtet werden.“
  • „[Moses‘] Verwandten und ganz Israel wussten, dass das Kind für Großes vorbestimmt war, denn er war kaum vier Monate alt, als er zu prophezeien begann, sagend: ,In kommenden Tagen werde ich die Thora von der brennenden Fackel empfangen.‘“ 

Und so weiter und so fort. Frühreife ist auch ein Merkmal Jesu. Nach Lukas 2:41-52 wurde Jesus als Zwölfjähriger in Jerusalem im Tempel angetroffen, „mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten.“
Das apokryphe Kindheitsevangelium des „Thomas des Israeliten“ (Ende 2. Jahrhundert) schildert den jungen Jesus als ein frühreifes Kind, das gleich schon in der Lage war, Wunder zu tun. Bereits als Fünfjähriger hatte er mit anderen Kindern zwölf Sperlinge aus Lehm gemacht. Als ein Jude sich bei Joseph beschwert hatte, weil dies am Sabbat geschehen war, und Joseph ihn darauf ansprach, klatschte er in die Hände und schrie den Sperlingen zu: „Fort mit euch!“ Die Vögel öffneten ihre Flügel und flogen mit Geschrei davon. In Koran 3:4–9 steht eine Erzählung, die stark daran erinnert. Aber dort verrichtet Jesus das Wunder nicht als Kind.
Im Kindheitsevangelium ist Jesus als junges Kind ausgesprochen flegelhaft und aggressiv. Er wusste noch nicht, wie er seine Gabe menschenfreundlich anwenden könnte. Einen kleinen Jungen, der ihm bei einem Kinderspiel im Wege saß, ließ er verdorren wie einen Baum. Zu einem anderen Knaben, der ihn an seine Schulter stieß, sagte er: „Du sollst auf deinem Weg nicht weitergehen!“ worauf der Knabe hinfiel und starb. Mit acht Jahren war er schon menschlicher geworden. Als er einmal bei der Ernte mithalf, brachte er eine unglaubliche Menge Weizen ein, rief alle Armen des Dorfes und schenkte ihnen den Weizen. Dies sind nur einige Beispiele.1

Über den Propheten Mohammed ist erzählt worden, dass er bei seiner Amme

  • „… aufwuchs wie kein anderer Bursche und feste Nahrung essen konnte bevor er zwei Jahre alt war.“ 2

Oder noch deutlicher:

  • „Er wuchs an einem Tag so viel wie andere Kinder in einem Monat, und als er sechs Monate alt war, vertrug er schon feste Ernährung.“3

Als er noch von seiner Amme betreut wurde, soll er schon Lämmer gehütet haben:

  • „Der Prophet hat gesagt: ‘Ich hatte eine Amme beim Stamm Sa‘d ibn Bakr, und als ich einmal mit einem Brüderchen hinter unseren Zelten die Lämmer hütete …“ 4

Auch dort wurde er von zwei Engeln im Bauch untersucht bzw. gereinigt: das ist die Erzählung der *Bauchspaltung.5 Als Junge saß er gerne bei der Ka‘ba: eine Parallele zu Jesus, der sich als Junge im Tempel Jerusalems zu Hause fühlte. In beiden Fällen wollten Andere die Jungen dort wegholen.6

Mehr Frühislamisches gibt es in den Hadithen zu Ibn Sayyād, eine antichrist-ähnliche Gestalt (dadjdjāl), den Mohammed noch kennen gelernt haben soll. Er war kein Prophet, aber wird als jemand dargestellt, der gerne tat, als ob er einer wäre. In seiner Rolle als Pseudoprophet musste auch Ibn Sayyād frühreif sein. Als neugeborener Säugling schrie er wie ein Junge von einem Monat, oder sogar zwei Monaten. Er trat schon als Schamane (kāhin) auf, als er noch ein Kind war und bei seiner Mutter wohnte. In einer anderen Erzählung „spielte er mit den Knaben und war selbst auch einer,“ als Mohammed ihn besuchte, um dessen beunruhigenden Eigenschaften in Augenschein zu nehmen.7

Dies alles zeigt, dass das jüdische Motiv „frühreifer Prophet“ im frühen Islam bekannt und geläufig war. Kein Wunder auch: Das Araberreich der Umayyaden war noch ganz mit christlichen und jüdischen Literaturen durchtränkt.

Was steckt hinter diesem Erzählmotiv? Mohammed soll vierzig Jahre alt gewesen sein, als er berufen wurde; Jesus ungefähr dreißig. Die Frage ist dann immer: Was taten sie vor ihrer Berufung? Etwa ein banales Leben führen? Sündigen vielleicht? Die Erzähler versuchen, die Propheten so früh wie möglich ihrer hohen Berufung würdig zu machen.

ANMERKUNGEN
1. Wilhelm Schneemelcher, Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung, I. Band, Evangelien, 5. Aufl., Tübingen 1987, 353–57. Englische Übersetzungen hier.
2. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 105. Normalerweise blieb ein Säugling zwei bis zwei und halb Jahre an der Mutterbrust.
3. Ibn al-Athīr, an-Nihāya fī gharīb al-hadīth wal-athar, 5 Bde., Beirut (Dār al-Fikr) o.J., i, 277.
4. Ibn Isḥāq, o.c. 106.
5. Ibn Isḥāq, o.c. 106.
6. Ibn Isḥāq, o.c. 107–108.
7. Wim Raven, „Ibn Ṣayyād as an Islamic ‘Antichrist’. A reappraisal of the texts,“ in: Endzeiten. Eschatologie in den monotheistischen Weltreligionen, hrsg. Wolfram Brandes und Felicitas Schmieder, Berlin/New York 2008, 266–67. Den Artikel können Sie hier downloaden.

Diakritische Zeichen: Ibn Ṣayyād, daǧǧāl, Ibn Isḥāq, Ibn al-Aṯīr, an-Nihāya fī ġarīb al-ḥadīṯ wal-aṯar

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