Mohammed als Hirt

Wenn wir in Sira-Texten lesen, dass Mohammed als junger Mann Hirt gewesen sei, ist es schwierig, nicht an Moses zu denken, von dem dasselbe erzählt wird.1 In der Tat liegt ein biblisches Motiv zu Grunde. Genau besehen sind sogar viele Propheten Hirten gewesen. In diesem Fall war es ein Hadith, der uns auf die Sprünge half:

  • … von Djābir ibn ‘Abdallāh: Wir waren mit dem Propheten in Marr az-Zahrān beim arāk-Früchte-Pflücken. „Die schwarze sollt ihr nehmen,“ 2 sagte der Prophet. Wir sagten: „Gesandter Gottes, es ist, als ob du Schafe gehütet hast!” „Ja sicher,“ sagte der Prophet, „und hat es je einen Propheten gegeben, der das nicht getan hat?“ oder Ähnliches.3

In der Bibel wird von Abraham, Isaak, Jakob, Moses und David erzählt, dass sie Hirten gewesen seien, und bestimmt vergesse ich noch einige. Im Neuen Testament ist Jesus „der gute Hirte“ — wenn auch nur im übertragenen Sinn.4

Mohammed, frühreif wie er war, soll schon Lämmer gehütet haben, als er noch von seiner Amme betreut wurde:

  • Der Prophet hat gesagt: „Ich hatte eine Amme beim Stamm Sa‘d ibn Bakr, und als ich einmal mit einem Brüderchen hinter unseren Zelten die Lämmer hütete … .“ 5

Und später als junger Mann soll er auch Hirt gewesen sein:

  • Von Muhammad ibn ‘Abdallāh ibn Qais stammt der Bericht von Hasan ibn Muhammad ibn ‘Alī, über seinen Vater, von seinem Großvater ‘Alī ibn abī Tālib, der den Propheten hat sagen hören: „Die Dinge, die die Menschen in der Heidenzeit taten, interessierten mich nie, außer an zwei Abenden, und beide Male schützte mich Gott. Eines Abends sagte ich nämlich zu einem der jungen Männer aus Mekka, mit dem ich die Herden der Stadt hütete: „Willst du mal auf meine Tiere aufpassen? Dann kann ich nach Mekka gehen um dort die Nacht zu verbringen, wie junge Männer das tun.“ Er war einverstanden und ich ging los. Beim ersten Haus in Mekka angekommen, hörte ich, wie auf Tamburinen und Flöten gespielt wurde, und als ich fragte, was dies sei, wurde mir gesagt, dass eine Hochzeit gefeiert werde. Ich setzte mich hin und schaute zu, bis Gott meine Ohren zudeckte; ich schlief ein und wachte erst auf, als ich die Sonne auf meiner Haut spürte. Als ich zu meinem Freund zurückkam, fragte dieser mich, was ich getan habe. „Ich habe nichts getan,“ sagte ich und ich erzählte ihm, was geschehen war. Genau dasselbe passierte mir an noch einem anderen Abend. Danach dachte ich in jener Periode, bevor Gott mich mit dem Prophetentum ehrte, nie wieder an so etwas.“ 6

Als Staatsoberhaupt wird ihm nach seinem Tod noch eine Rolle als Hirt zugedacht:

  • Als der Prophet verstorben war, wurden die Araber abtrünnig, lebten Christentum und Judentum wieder auf und trat die Halbherzigkeit (nifāq) ans Tageslicht. Die Muslime waren wie Schafe im Regen in einer Winternacht, nun da sie den Propheten verloren hatten, bis Gott sie unter Abū Bakr wieder vereinte.7

ANMERKUNGEN

1. Koran 28:22-8; Bibel,
2 Mose 3:1. 2. Schafe und Ziegen knabbern gerne am Arakstrauch. Die Beeren gelten als Heilkraut: sie stärken den Magen, fördern die Verdauung und lindern Schmerzen.
3. Es gibt etliche Hadithe in denen dies thematisiert wird, z.B. Muslim, Saḥīḥ, Ashriba 163.

حدثني أبو الطاهر أخبرنا عبد الله بن وهب عن يونس عن ابن شهاب عن أبي سلمة بن عبد الرحمن عن جابر بن عبد الله قال: كنا مع النبي ص بمر الظهران ونحن نجني الكباث فقال النبي ص عليكم بالأسود منه قال فقلنا يا رسول الله كأنك رعيت الغنم قال نعم وهل من نبي إلا وقد رعاها أو نحو هذا من القول.

4. Bibel, Johannes 10:11. Ist in Offenbarung 2:27 und 19:15 der „eiserne Stab“, mit dem Jesus regieren wird (ἐν ῥάβδῳ σιδηρᾷ), auch ein Hirtenstab?
5. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, S. 106.
6. At-Tabarī, Ta’rīkh, hg. M.J. de Goeje et al., Leiden 1890 ff., i. S. 1126–7.
7. At-Tabarī, ibid., S. 1834.

Diakritische Zeichen: Ǧābir, Muḥammad, Marr aẓ-Ẓahrān, Ḥasan, ʿAlī ibn abī Ṭālib, Ṣaḥīḥ, Ašriba, Ibn Isḥāq, at-Ṭabarī, Taʾrīḫ

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Sira in Alt-England?

In der bekannten Erzählung aus der Prophetenbiografie (sīra) des Ibn Ishāq1 über die erste Koranoffenbarung kommt der Engel Gabriel zum schlafenden Mohammed mit einer Decke aus Goldbrokat, auf der Schriftzeichen stehen.
– Rezitiere! befiehlt Gabriel ihm.
– Ich kann nicht rezitieren, erwidert Mohammed, worauf der Engel dessen Hals kräftig zudrückt.
– Rezitiere! sagt Gabriel abermals.
– Ich kann nicht rezitieren, erwidert Mohammed, worauf dasselbe noch mal passiert.
– Rezitiere! sagt Gabriel zum dritten Mal.
– Was soll ich denn rezitieren, antwortet Mohammed jetzt, und darauf wird ihm die Sure 96 des Korans offenbart.

Dies hat eine Parallele in einer Erzählung des Briten Beda Venerabilis (673–735) über den Laienbruder Cædmon, der von Gott den Auftrag und die Gabe bekommt, geistliche Lieder zu dichten und zu singen. Das geht so:
Der Laienbruder Cædmon kann weder singen noch Harfe spielen. Nachts in seinem Schlaf bekommt er einen Besucher, der sagt:
– Cædmon, singe mir etwas!
– Ich kann nicht singen, erwidert er.
– Du musst aber singen!
– Was soll ich dann singen?
– Singe über den Anfang der Schöpfung!
Nach dieser Antwort fing er gleich an Loblieder auf Gott, den Schöpfer, zu singen, die er noch nie gehört hatte … .2

Die Erzählung steht in Bedas Kirchengeschichte, die ca. 731 vollendet worden ist. Die Übereinstimmung ist vom Skandinavisten Von See entdeckt worden und die Orientalisten Sellheim und Schoeler haben einstimmend darauf hingewiesen.3 Die beiden Letzten folgern, dass die Prophetenbiographie also schon ca. 730 in England bekannt gewesen sein muss. Unmöglich ist dies nicht; Spanien war damals schon von den Arabern erobert worden, und von dort war England nicht mehr weit. Damit wäre dann auch bewiesen, dass die arabische Erzählung schon lange bevor Ibn Ishāq sie ± 760 in sein Buch aufnahm existierte.
Aber das Motiv bei Beda kann doch auch in England ohne arabische Quelle, einfach unter Einfluss der Bibel entstanden sein? Auch die spricht von Propheten, die protestieren, wenn sie beauftragt werden zu sprechen, und das erst können, nachdem Gott es ihnen ermöglicht hat, nämlich Moses (2. Mose 4:1, 10, 13) und Jeremia (Jeremia 1:6). Das Schema: zwei Mal sich weigern, das dritte Mal einwilligen, scheint mir weltweit vorzukommen und ein typischer Zug oraler Literatur zu sein. Die Cædmongeschichte beweist gar nicht, dass die sīra so früh in England bekannt war.

ANMERKUNGEN
1. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, uitg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 152–
2. Beda Venerabilis, Historia Ecclesiastica gentis Anglorum iv, 24, Latein mit englischer Übersetzung: … adstitit ei quidam per somnium, eumque salutans, ac suo appellans nomine: ‘Cædmon,’ inquit, ‘canta mihi aliquid.’ At ille respondens: ‘Nescio,’ inquit, ‘cantare; nam et ideo de conuiuio egressus huc secessi, quia cantare non poteram.’ Rursum ille, qui cum eo loquebatur, ‘Attamen,’ ait, ‘mihi cantare habes.’ ‘Quid,’ inquit, ‘debeo cantare?’ Et ille, ‘Canta,’ inquit, ‘principium creaturarum.’ Quo accepto responso, statim ipse coepit cantare in laudem Dei conditoris uersus, quos numquam audierat, …;  Thereupon one stood by him in his sleep, and saluting him, and calling him by his name, said, “Cædmon, sing me something.” But he answered, “I cannot sing, and for this cause I left the banquet and retired hither, because I could not sing.” Then he who talked to him replied, “Nevertheless thou must needs sing to me.” “What must I sing?” he asked. “Sing the beginning of creation,” said the other. Having received this answer he straightway began to sing verses to the praise of God the Creator, which he had never heard, … (Bede’s Ecclesiastical History of England, transl. A. M. Sellar, London 1907).
3. K. von See, ‘Caedmon und Muhammad,’ in Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 112 (1983), 225–233; R. Sellheim, ‘Mohammeds erstes Offenbarungserlebnis […],’ in JSAI 10 (1987), 13ff.; G. Schoeler, Character und Authentie der muslimischen Überlieferung über das Leben Mohammeds, Berlin/New York 1996, 61.

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Wie stark war Mohammed?

Jemand fragte mich, wie stark Mohammed gewesen sei. Tja, woher soll ich das wissen? Über das Aussehen des Propheten gibt es die unterschiedlichsten Texte. Manche idealisieren ihn und schildern ihn als stark oder athletisch, ein Superman, während andere, in Übereinstimmung mit dem Koran, ihn als einen normalen Mensch beschreiben. Es gibt sogar Texte, nach denen er etwas beleibt war und eine merkwürdige Gangart hatte.
Große Körperkraft fand ich in der Erzählung über einen Ringkampf, den der Prophet überraschend gewann:

  • Mein Vater hat mir erzählt: Rukāna ibn ‘Abd Yazīd, vom Stamm ‘Abd Manāf, war der stärkste Mann von Quraisch. Eines Tages begegnete der Prophet ihm in einer der Schluchten bei Mekka, alleine.
    „Rukāna,“ sagte er, „warum fürchtest du Gott nicht und befolgst du meinen Aufruf nicht?“
    „Wenn ich wüsste, dass es wahr ist, was du sagt, würde ich dir folgen.“
    „Was denkst du, wenn ich dich zu Boden werfe, weißt du dann, dass es wahr ist?“
    „Na dann, komm schon,“ sagte er, und sie fingen an zu ringen. Der Prophet bekam ihn in einen Griff und streckte ihn nieder, ohne dass jener etwas ausrichten konnte.
    „Mach das noch mal, Mohammed,“ sagte er, und dieser warf ihn noch mal zu Boden.
    „Das ist merkwürdig,“ sagte er, „kriegst du mich wirklich zu Boden?“
    „Ich kann dir etwas noch Merkwürdigeres zeigen, wenn du willst; wenn du dann Gott fürchten und mir folgen wirst.“
    „Was denn?“
    „Wenn ich diesen Baum hier rufe, kommt er zu mir.“
    „Ach ja? Mach das denn mal!“
    Der Prophet rief den Baum, und der kam nach vorne, bis er genau vor ihm stand. Darauf sagte er: „Gehe zurück an deinen Platz!“ und der Baum tat es.
    Rukāna ging zu seinen Leuten und sagte: „Mit dem Kerl kannst du die ganze Welt bezaubern; ich habe noch nie jemanden mit stärkerer Zauberkraft als die seinige gesehen,“ und dann erzählte er, was ihm widerfahren war.

Aber diese Erzählung ist natürlich eine Wundergeschichte. Ein fester Bestandteil der prophetischen Wundergeschichten, bereits im Koran, ist immer die Herausforderung, und die ist hier sehr konkret. Unter normalen Umständen hätte der Prophet nicht gegen Rukāna gewinnen können; das gelang nur, weil Gott ihm half. Und der ganze Ringkampf diente einem höheren Ziel: Rukānas Bekehrung.
Über die eigene Körperkraft des Propheten erfahren wir hier also nicht viel. Die einzig mögliche Schlussfolgerung ist: Diesem Erzähler nach war Mohammed deutlich weniger stark als der stärkste Mann seines Stammes. Hätte er ihn aus eigener Kraft besiegen können, wäre es kein Wunder gewesen, und es hätte diese Erzählung nicht gegeben.

Quelle: Ibn Isḥāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, uitg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 258.

‫{‬أمر ركانة المطلبي ومصارعته للنبي ص‫}
‬


قال ابن إسحاق : وحدثني أبي إسحاق بن يسار ، قال: كان ركانة بن عبد يزيد بن هاشم بن عبد المطلب بن عبد مناف أشد قريش، فخلا يوما برسول الله ص في بعض شعاب مكة، فقال له رسول الله ص: يا ركانة، ألا تتقي الله وتقبل ما أدعوك إليه ؟ قال: إني لو أعلم أن الذي تقول حق لاتبعتك، فقال (له) رسول الله ص: أفرأيت إن صرعتك، أتعلم أن ما أقول حق ؟ قال : نعم ؛ قال : فقم حتي أصارعك. قال: فقام إليه ركانة يصارعه، فلما بطش به رسول الله ص أضجعه، وهو لا يملك من نفسه شيئا، ثم قال: عد يا محمد ، فعاد فصرعه، فقال: يا محمد. والله إن هذا للعجب، أتصرعني؟ فقال رسول الله ص: وأعجب من ذلك إن شئت أن أريكه، إن اتقيت الله واتبعت أمري ، قال: ما هو ؟ قال: أدعو لك هذه الشجرة التي ترى فتأتيني، قال: ادعها، فدعاها، فأقبلت حتى وقفت بين يدي رسول الله ص. قال: فقال لها: ارجعي إلى مكانك. قال: فرجعت إلى مكانها قال: فذهب ركانة إلى قومه فقال: يا بني عبد مناف، ساحروا بصاحبكم أهل الأرض، فوالله ما رأيت أسحر منه قط، ثم أخبرهم بالذي رأى والذي صنع.

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Mohammeds Selbstmordvorhaben

In at-Tabarīs großem Geschichtswerk steht auch Ibn Ishāqs Erzählung über Mohammeds erstes Offenbarungserlebnis auf dem Berg Hirā’. Sie ist dem Propheten selbst in den Mund gelegt; wer sonst wäre als Quelle plausibel? Die ganze Erzählung wird in diesem Lesewerk auch mal abgedruckt werden; für den Augenblick beschränke ich mich auf den Selbstmordgedanken des Propheten. Er hat gerade erzählt, wie ihm Djibrīl (Gabriel) im Traum die ersten Koranverse übermittelt habe; dann fährt er fort:

  • … Dies rezitierte ich; dann ließ er mich los und ging weg, und als ich aufwachte war es, als wäre es in mein Herz geschrieben.
    Nun gab es kein Geschöpf, das mir verhasster war als Dichter und Besessene; ich konnte sie einfach nicht riechen. Und ich dachte: „O wehe, dieser Nichtswürdige“—er meinte sich selbst—„ist ein Dichter oder Besessener. Aber das werden die Quraisch nie von mir sagen! Ich werde hoch auf den Berg steigen und mich herunterstürzen und töten; dann habe ich Ruhe.“ In der Absicht machte ich mich also auf den Weg, aber als ich mitten auf dem Berg war, hörte ich eine Stimme vom Himmel: „Mohammed! Du bist der Gesandte Gottes, und ich bin Djibrīl.“ …1

Diese Fassung der Erzählung ist wenig bekannt; meistens liest man Ibn Ishāqs Erzählung in der Rezension des Ibn Hishām, die für viele „die“ Biografie des Propheten ist:

  • … Dies rezitierte ich; dann ließ er mich los und ging weg, und als ich aufwachte war es, als wäre es in mein Herz  geschrieben. Ich machte mich also auf den Weg, und als ich mitten auf dem Berg war, hörte ich eine Stimme vom Himmel: „Mohammed! Du bist der Gesandte Gottes, und ich bin  Djibrīl.“ …1

Ibn Hishām hat das mit dem Selbstmordgedanken herausgeschnitten und die beiden verbleibenden Texthälften etwas krude wieder zusammengenäht. Die Naht ist deutlich erkennbar. Warum hat er das getan? Er wollte offensichtlich keinen Text herausgeben, in dem etwas Negatives über Mohammed vorkommt. Aber darin zeigte er wenig Gespür für Erzählen und für islamische Theologie. Denn ist es nicht plausibel, dass Mohammed, der dem Koran zufolge ein normaler Mensch war, in dem Augenblick äußerst bedrückt gewesen sei? Nicht nur Propheten wissen, dass einer mystischen Erfahrung oft depressive Gefühle folgen. Überdies wirkt so in der Erzählung die Aufhebung aus dem Tief umso schöner. Gott greift sofort ein: So bald Mohammed den Berg hochsteigt, bekommt er abermals eine mystische Vision und es erscheint ihm der Engel über die ganze Breite des Himmels.2 Wenn das keine erbauliche Geschichte ist! Eigentlich ist sie erst schlüssig durch den Selbstmordgedanken. Gott bietet Perspektive bei Trübsinn, Gott schützt seinen Propheten vor dem Bösen, genau wie hier. Aber nein, der brave Ibn Hishām verstand so etwas nicht, und wohl mit dadurch ist sein Buch ein Bestseller geworden.

Die Möglichkeit den Propheten überhaupt an Selbstmord denken lassen zu können wird durch Koran 18:6 dargereicht: فلعلك بـٰخع نفسك على أثـٰرهم إن لم يؤمنوا بهذا الحديث أسفا . „Vielleicht willst du, wenn sie an diese Verkündigung nicht glauben, dich selber umbringen […],“ und durch K. 26:3:  لعلك بـٰخع نفسك ألاّ يكونوا مؤمنين . „Vielleicht willst du dich selber umbringen, weil sie nicht gläubig sind.“ Zwar hat Ullmann3 nachgewiesen, dass das dort verwendete Wort bākhi‘ nicht „umbringen“ bedeutet, aber viele Koranausleger haben es doch so aufgefasst, und der Erzähler des obigen Textes könnte das ebenfalls getan haben..

ANMERKUNGEN
1. At-Tabarī, [Ta’rīkh al-rusul wal-mulūkAnnales, hrsg. M.J. de Goeje et al., 14 Bde., Leiden 1879–1901, i, 1150.

قال: فقرأتها ثم انتهى فانصرف عني وهببت من نومي ، فكأنما كتبت في قلبي كتابا. (قال: ولم يكن من خلق الله أحد أبغض إلي من شاعر أو مجنون، كنت لا أطيق أن أنظر إليهما، قال: قلت إن الأبعد – يعني نفسه – لشاعر أو مجنون، لا تحدث بها عني قريش أبدا! لأعمدن إلى حالق من الجبل فلأطرحن نفسي منه فلأقتلنها فلأستريحن.) قال: فخرجت (أريد ذلك) حتى إذا كنت في وسط من الجبل سمعت صوتا من السماء يقول : يا محمد، أنت رسول الله وأنا جبريل.

Ibn Hishām hat denselben Text, aber er hat die eingeklammerten Teile gestrichen: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, ed. F. Wüstenfeld, Göttingen, 2 Tle., 1858–60, i, 153.
2. Oder ist es Gott selbst? Vgl. Koran 53:8–10: . ثم دنا فتدلّى فكان قاب قوسين أو أدنى فأوحى إلى عبده ما أوحى  „Hierauf näherte er sich und kam (immer weiter) nach unten und war (schließlich nur noch) zwei Bogenlängen (entfernt) oder (noch) näher (da).“ (Übers. Paret)
3. Manfred Ullmann, „Wollte Mohammed Selbstmord begehen? Die Bedeutung des arabischen Verbums baha‘a,“ in Die Welt des Orients 34 (2004), 64–71.

Diakritische Zeichen: aṭ-Ṭabarī, Ibn Ishāq, Ḥirāʾ, Ǧibrīl, Ibn Hišām, Taʾrīḫ, bāḫiʿ, baḫaʿa

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Dreihundert und

Im Film 300 versuchen dreihundert Spartaner und noch einige andere Griechen in der Schlacht bei den Thermopylen (480 v. Chr.) einer großen persischen Übermacht Paroli zu bieten. Die Zahl 300 wird schon beim griechischen Autor Herodot (± 480–425 v. Chr.) erwähnt.1

Dieselbe Zahl kommt auch in der Bibel vor: in der Gideonerzählung, im Buch der Richter.2 Auch dort wird von einer kleinen Schar von erlesenen Kriegern erzählt, die sich gegen eine Übermacht von Midianitern, gewaltig „wie eine Menge Heuschrecken,“ aufgestellt habe. In der Nacht vor der Schlacht hat jemand im feindlichen Lager einen Albtraum, nämlich dass Gideon siegen und das ganze Lager ihm in die Hände fallen wird. Der Sieg des kleinen Trupps wird mit ausdrücklicher Hilfe Gottes errungen.
Richter datiert, so viel ich weiß, auf ± 1000 v. Chr. und ist also erheblich älter als die griechische Erzählung. Dass Herodot das Buch der Richter gekannt hätte, das auf Hebräisch geschrieben ist und zu seiner Zeit nur von Juden in Mesopotamien und Palästina gelesen wurde, ist unwahrscheinlich. Er muss von sich aus auf die Zahl 300 gekommen sein, oder die Erzählung ist in irgendeiner abgeleiteten Form in der alten Welt zirkuliert.

Mit Sicherheit abhängig von der Bibel oder einer jüdischen Bearbeitung der Gideonlegende waren jedoch die arabischen Erzähler, die über Mohammeds Schlacht bei Badr berichteten.3 Dreihundert und noch einige Anhänger des Propheten, als Muslime grundsätzlich Elitekämpfer, überfallen dort eine erheblich stärkere Karawane der noch heidnischen Quraisch. Im feindlichen Lager hat jemand in der Nacht vor der Schlacht einen Traum, in dem die Niederlage vorhergesagt wird; genau so wie in der Gideonerzählung. Auch hier gelingt es der kleinen Schar, mit Gottes Hilfe die größere Gruppe zu besiegen.
Die ± 300 Mann, die Übermacht des Feindes, der Traum und die Hilfe Gottes: So viele Übereinstimmungen können kein Zufall sein; darauf hat Von Mžik bereits vor einem Jahrhundert hingewiesen.4 Es ist abermals ein Beispiel des jüdisch-christlichen Einflusses auf die Biographie des Propheten Mohammeds.

Wie zahlreich sollten, erzähltechnisch betrachtet, die Gegner bei Badr sein? Es sollten nicht so unwahrscheinlich viele wie bei Gideon sein; die Erzählkunst hatte im Lauf der Jahrhunderte schon Fortschritte gemacht. Dass ein Muslim einem Heiden überlegen ist, ist selbstredend. Dass er auch zwei schafft, liegt nahe: durch die Kraft seines Glaubens nämlich.5 Aber zehn, zum Beispiel, wäre wirklich zu viel; dann würde die Erzählung in eine andere Gattung abdriften. Figuren wie Superman, Asterix und Obelix, Bud Spencer und Terence Hill werden mit unbeschränkten Zahlen von Gegnern fertig, aber sie sind deutlich in fantastischen Erzählungen zu Hause. Und die sind ziemlich fade, weil darin die Kämpfe nicht spannend oder real vorstellbar werden. Die Gegner bei Badr belaufen sich auf insgesamt 950; das bedeutet: ein Muslim auf etwas mehr als drei Heiden. Das ist grenzwertig und neigt schon einigermaßen zum Fantastischen, aber wird es doch nicht. Die Erzählung will uns ja klar machen, dass die Schlacht mit Gottes Hilfe gewonnen worden sei, und in den Augen sowohl des Erzählers als der ersten Hörer ist daran nichts Fiktives oder Fantastisches. Die Wahrscheinlichkeit ist so für sie gerade noch nicht beeinträchtigt.

ANMERKUNGEN
1. Herodot, Historiae vii, 205.
2. Richter 7:2–22.
3. Ibn Isḥāq, in: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, […] hrsg. F. Wüstenfeld, 3 Bde., Göttingen 1858–60, S. 428–9, 506, 516 (Arabische Texte). In englischer Übersetzung: A. Guillaume, The Life of Muhammad, A Translation of Isḥāq’s (so!) Sīrat Rasūl Allāh, Oxford 1955, S. 290, 336, 340.
4. Hans von Mžik, ‘Die Gideon-Saul-Legende und die Überlieferung der Schlacht bei Badr. Ein Beitrag zur ältesten Geschichte des Islām,’ Wiener Zeitschift für die Kunde des Morgenlandes 29 (1915), S. 371–383.
5. Das bestätigt ein Hadith: Muslim, @@@, @@@

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Sunna (Kurzdefinition)

Sunna ist „Verhalten, Brauch, gewohnte Handlungsweise, überlieferte Norm“. Heutzutage denkt man bei sunna meist sofort an die sunna des Propheten: dasjenige, was der Prophet Mohammed gesagt, getan, geduldet oder bewusst unterlassen hat. Sie ist in verbürgten Traditionen (Hadith) und zum Teil auch in der Prophetenbiographie (sīra) niedergelegt worden.
Die sunna ist also ein Abstraktum; nicht etwas Greifbares, wie ein Text oder ein Buch oder Bücher. Die relevanten Texte sind die Hadithe, und es ist gut die beiden Begriffe auseinander zu halten.

  • Noch mal:
    Sunna ist das normbildende Verhalten des Propheten.
    Hadithe sind T e x t e, in denen die sunna niedergelegt worden ist.

Dazu kommt noch, dass es kein fest umschriebenes Corpus von Texten gibt, die Träger der sunna wären. Die Texte selbst sind manchmal unter einander in Widerspruch oder zweideutig und auf jeden Fall einer Interpretation unterworfen.
Phrasen wie: „In der sunna steht …“ oder „Die sunna sagt …’, oder die Frage: „Wer hat die sunna geschrieben?“ sind deshalb nicht sinnvoll. Die Wortkombination „Reformierung der sunna“ (Wikipedia) ist ebenfalls unsinnig. An Verhalten und Aussagen des Propheten gibt es nichts mehr zu reformieren, und die alten Hadithe, die darüber berichten, lassen sich ebensowenig neu schreiben. Was man mit Reformierung meint, ist vielleicht die Ablehnung der sunna als Quelle der Scharia, oder eine Änderung in der Wertschätzung der Hadithe, oder eine Einschränkung der Texte, die man als Erkenntnisquelle der sunna akzeptieren will. Dann sollte man dies aber präziser ausdrücken.

Kurzdefinitionen: Anlässe der Offenbarung, DhimmiFatwa, Hadith, Isnad, Isra’iliyatKalif, Koranauslegung, Muslim, Naskh, ProphetenerzählungenSabab an-nuzulSchariaSiraTafsirTaqiya

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Hat es Mohammed wirklich gegeben?

Die Frage wird neuerdings gelegentlich gestellt; auch hat es schon einige Gelehrte gegeben, die sie negativ beantwortet haben. Sowohl die Frage wie auch die Antworten stammen offensichtlich vor allem aus Kreisen von Islamhassern.
Aber sogar wenn ich mich ganz streng und minimalistisch aufstelle, sage ich: Ja, den Mohammed muss es gegeben haben. Für seine Existenz gibt es zu viele Hinweise, auch aus der frühesten Zeit und aus ganz unterschiedlichen Umgebungen, als dass sie verneint werden könnte. Ihn völlig aus dem Nichts zu erfinden hätte die Zusammenarbeit so vieler Menschen jeden Schlages erfordert, wie es redlicherweise nicht möglich ist.
Die Hypothese von Chr. Luxenberg u.a. aus der sog. *Inârah-Gruppe, nach der Mohammed kein Eigenname ist, sondern nur ein Adjektiv, „gepriesen“ oder „lobenswert“, das sich auf Jesus beziehe, kommt mir absurd vor. Bei Gelegenheit komme ich vielleicht darauf zurück; vielleicht auch nicht, denn viel Aufmerksamkeit scheint mir die Idee nicht wert zu sein.

Was wissen wir über Mohammed?
Diese Frage ist interessanter, und hier trennen sich gleich wieder die Geister.

– Muslime wissen alles, was sie über ihren Propheten wissen wollen durch die Kraft ihres Glaubens; ganz einfach.

– „Klassisch“ orientierte Arabisten wie ich, denen so ein Glaube nicht beschert worden ist, haben es schwieriger. Im 19. Jahrhundert meinten die Gelehrten noch vieles über Mohammed zu wissen; viel mehr als über Jesus, und man hielt es noch lange für möglich eine wissenschaftliche Biografie des Propheten zu schreiben. In unserer Zeit dagegen ist die „sichere Kenntnis“ zu fast gar nichts reduziert. Allerdings scheint in den letzten Jahren die „Kenntnis“ wieder Konjunktur zu haben. Sie täuschen sich nicht: Was man über den Propheten zu wissen meint, geht auf und ab, ist zeitgeistempfindlich. Darüber hier mehr.
Persönlich bin ich den Texten gegenüber sehr kritisch; ich „glaube“ nicht viel. Man könnte auch sagen: Ich bin etwas altmodisch, denn die Welle des neuen „Wissens“ hat mich noch nicht erreicht. Für mich steht fest, dass es Mohammed gegeben hat, aber auch, dass es nicht viel über ihn zu wissen gibt. Angesichts meiner Überzeugung, dass auch gründliche Forschung nicht zu einer handfesten Prophetenbiographie führen wird, hat ein Fachkollege mich „pessimistisch“ genannt. Er hat mich nicht verstanden. Pessimistisch ist man, wenn man düsteren Prognosen hat, in diesem Fall: das Eintreten ergiebiger Forschungsergebnisse zu seinem Bedauern nicht zu erwarten vermag. Aber es ist nicht so, dass ich gerne eine reichhaltige und zuverlässige Mohammedbiographie gehabt hätte und jetzt deprimiert bin, weil es diese nicht gibt. Ob nun viel oder wenig über den Propheten bekannt ist, mich persönlich berühren die Forschungsergebnisse nicht. Nur wenn mit ihnen gemogelt wird, dann werde ich ein wenig traurig.

– Nicht-Spezialisten, Arabisten oder nicht, die sich ab und zu mit Mohammed beschäftigen und allerlei über ihn „glauben“: Sie haben einen nicht-religiösen Glauben an die Prophetenbiographie, der oft auf einem horror vacui basiert und schwierig auszurotten ist. Oft haben sie ihre Kenntnis Enzyklopädien, Einführungen und Zusammenfassungen entnommen. Dagegen ist nichts einzuwenden, aber man sollte sich schon bewusst sein, dass diese oft auf älterer Forschung und auch auf Pseudokenntnis basieren. In solchen populären Veröffentlichungen traut man sich nämlich nicht zuzugeben, dass man etwas nicht weiß. Ein Enzyklopädieartikel oder eine Einführung mit vielen weißen Flecken oder Fragezeichen wird nicht akzeptiert, also werden die Lücken beliebig aufgefüllt.

– Letztendlich gibt es Menschen, die sich durch die Medien auf Grund von ganz wenigen und oft unrichtigen Informationen eine Meinung über Mohammed andrehen lassen, die sie, sollten sie je einen biographischen Quellentext lesen, darin meistens bestätigt sehen wollen. Aber warum sollte man über jemanden, der schon so lange tot ist und über den man so wenig weiß, überhaupt eine Meinung haben? Vergleiche: Über Hitler haben die meisten Menschen noch eine Meinung, aber über Napoleon? über Karl den Fünften? Die sind wirklich zu weit weg; ein Laie kennt sie einfach nicht.

Eine kleine Menge biografischer Texte (sīra) kann man mit gutem Willen bis ins Jahr 690, vielleicht 680 zurückzuführen. Mohammed ist nach der meist gängigen Überlieferung 632 gestorben; da gähnt also eine Lücke von einem halben Jahrhundert. Eine ähnliche Wissenslücke existiert zwischen dem Sterbejahr Jesu und den frühesten Evangelien. Zufall? Vielleicht ist das bei der Entstehung einer neuen Religion eher die Regel. Der Gründer wird nach seinem Tode von eventuellen unangenehmen Zügen gereinigt. Nach einem halben Jahrhundert ist ausreichend vergessen, wie er wirklich war, so dass man einen bereinigten Gründer, Heiligen, Propheten, Messias oder was auch immer auf den „Markt“ bringen kann. (Dieses Phänomen sollte lieber von Religionswissenschaftlern studiert werden, oder wird es wahrscheinlich schon längst.)

LESEN?
Einführende Bücher und Büchlein zum Propheten gibt es jede Menge. Oft wiederholen sie die Standarderzählung und einander und bleibt die Frage, ob es über das Leben Mohammeds überhaupt etwas zu wissen gibt, unbehandelt. Wenn man nämlich all zu viel anzweifelt, wird das Buch zu dünn und der Verleger sauer und werden vielleicht Muslime entrüstet, was doch bestimmt niemand möchte. Ein gut geschriebenes, kleines Buch, das sich ziemlich klug hindurchwindet ist:
– Marco Schöller, Mohammed, Suhrkamp Basis Bibiographie 34, 2008.
Zur Prophetenbiographie werden Sie hier auf Dauer noch mehr zu lesen finden. Achten Sie auf das Stichtwort Sira.

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