al-Tha‘labis Prophetenerzählungen

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Abū Ishāq Ahmad ibn Muhammad ibn Ibrāhīm ath-Tha‘labī (± 965–1035) wirkte in Nishāpūr und wohl auch in Baghdād als schafiitischer Rechtsgelehrter, Korangelehrter und Literat. Er verfasste einen umfangreichen Korankommentar, der wegen Unzuverlässigkeit seiner Quellen, bzw. schiitischer Neigungen bei den Sunniten wenig geschätzt wurde. Seine Anekdotensammlung Qatlā al-Qur’ān (Die vom Koran getöteten; i. e. beim Hören oder Rezitieren des Korans) zeugt von Affinität mit asketischer Gottesfurcht und Mystik.
Sein Ruhm beruht auf den Qisas al-anbiyā’, eine Sammlung Erzählungen über die Propheten, auf die ich mich hier weiter konzentriere. Das Werk ist (von ihm selbst?) in 32 ungleich große Abteilungen eingeteilt worden, die der deutsche Übersetzer durch eine sinnvolle Einteilung in zwölf Kapitel ersetzt hat. Die Ordnung des Stoffes ist chronologisch.
Das erste Kapitel behandelt die Schöpfung der Erde, der sieben Himmel und des Menschen. Es folgen die Geschichte von Adam und Eva, ihre Nachkommen und der Prophet Idrīs (Henoch); dann die Sintflut und die Strafgerichte von Hūd und Ṣāliḥ. Das vierte Kapitel behandelt Abraham und seine Einrichtung des Ka‘ba-Kultus in Mekka; des weiteren Lūt (Lot) und den Untergang von Sodom. Das fünfte Kapitel enthält den Zyklus von Yūsuf (Joseph) und seinen Brüdern. Die nächsten drei Kapitel, die mehr als ein Drittel des Werks ausmachen, entsprechen der Geschichte Israels von Moses über die Könige Saul, David und Salomo bis zum Niedergang unter dessen Nachfolgern. Dann folgen drei weniger deutliche Gestalten. Luqmān ist der arabische Weise aus dem Koran, von dem ath-Tha‘labī eine Anzahl Weisheitssprüche zitiert. Bulūqiyā ist der Sohn eines biblischen Königs, der eine Beschreibung des Propheten Muhammads findet und auf der Suche nach ihm eine wundersame Reise durch Zeit und Raum macht. Die Erzählung steht auch in Tausendundeine Nacht. Der koranische Dhū al-Qarnain, „der mit den Hörnern,“ wird in der Legende mit Alexander dem Großen gleichgesetzt. Bei ath-Tha‘labī findet man demnach eine Fassung des arabischen Alexanderromans. Kapitel elf ist der Geschichte Jesu im weitesten Sinne gewidmet. Das letzte Kapitel behandelt verschiedenes aus der Periode zwischen Jesus und Muhammad: Yūnus (Jona), die Siebenschläfer, aber auch den Martyrer Sankt Georg, Samson und anderes.
In den Qiṣaṣ liegt einem Erzählelement oft ein erklärungsbedürftiger Koranvers zu Grunde, oder die Phantasie nimmt sich einen Vers als Ausgangspunkt. Wenn z. B. die Königin von Saba auf dem Glasboden von Sulaimāns (Salomos) Palast ihre Beine entblößt, weil sie ihn für Wasser hält (Koran 27:44), „wissen“ die Erzähler darüber hinaus, dass sie behaarte Beine hatte, und wie sie mit Hilfe des allerersten Enthaarungsmittels davon befreit wurde. Als weiteres Beispiel schöpferischer Erfindung in Anlehnung an die eine Legende möge ein Fragment aus der Josefsgeschichte dienen: Die Brüder behaupten Jakob gegenüber, ein Wolf habe Josef gefressen. Jakob zitiert das Tier herbei und stellt es zur Rede. Der Wolf erklärt, dass er nie Propheten isst, und überdies aus Ägypten stammt und nur wegen Familienbesuch im Land Kanaan ist.
Aber ath-Tha‘labī selbst war nicht der Phantast, sondern der gelehrter Herausgeber anderer Phantasien, wie aus seinen Quellennachweisen und philologischen Kommentaren ersichtlich wird. Vorher hatte er bereits seinen Korankommentar abgefasst. Dazu hat er die Qisas wohl als Ergänzung gedacht, als Erbauungs- und Unterhaltungsbuch für eine breitere, wenn auch gebildete Leserschaft.

LITERATUR
Primär
– Ath-Tha‘labī, Qur’anic commentary in the eastern Islamic tradition of the first four centuries of the Hijra, an annot. ed. of the pref. to al-Thaʿlabī’s Kitāb al-Kashf wa’l-Bayān ʿan Tafsīr al-Qurʾān, ed. and trsl. Isaiah Goldfeld, Akka 1984.
– Ath-Tha‘labī: Al-Kashf wal-bayān, al-ma‘rūf bi Tafsīr ath-Tha‘labī hrsg. Abū-Muḥammad ibn ‘Āshūr und Nazīr as-Sā‘idī, 10 Bde., Beirut 2002.
– Ath-Tha‘labī: Die vom Koran Getöteten: ath-Tha‘labīs Qatlā al-Qur’ān nach der Istanbuler und den Leidener Handschriften, Hrsg. und Kommt. Beate Wiesmüller, Würzburg 2002.
– Ath-Tha‘labī, Qisas al-anbiyā’, Būlāq 1869 u.v.a. Ausgaben. Eine traurige alte Lithografie kann kostenlos heruntergeladen werden.
– Ath-Tha‘labī: Heribert Busse (übers. u. kommt.), Islamische Erzählungen von Propheten und Gottesmännern. Qisas al-anbiyā’ oder ‘Arā’is al-magālis, Wiesbaden 2006.

Sekundär
– A. Rippin, „al-Thaʿlabī,“ in EI2.
Walid A. Saleh, The formation of the classical tafsīr tradition: the Qur’ān commentary of al-Tha‘labī (d. 427/1035), Leiden 2004.
– R. Tottoli, Biblical Prophets in the Qur’an and Muslim Literature, Richmond (Surrey) 2002.

Diakritische Zeichen: Abū Isḥāq Aḥmad ibn Muḥammad ibn Ibrāhīm aṯ-Ṯaʿlabī, Qiṣaṣ al-anbiyāʾ, Ṣāliḥ, Lūṭ, Ḏū al-Qarnain

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