Orient

Gibt es ihn noch, den Orient? Offensichtlich schon, denn in Zeitungen findet man Überschriften wie „Orient in Aufruhr,“ o.ä.. Aber was er ist und wo er genau liegt, ist nicht so klar.
Im Französischen ist l’orient das Wort für „der Osten“. Auch die Engländer sprechen von the East; sie kennen aber auch the Orient. „Der Osten“ kann im Deutschen eher nicht benutzt werden, weil dies auch die ehemalige DDR und/oder Osteuropa bezeichnet.

Wo liegt der Orient, wo fängt er an?
Der Orient scheint der Teil der Welt zu sein oder gewesen zu sein, der sich von der Grenze des türkischen Reiches bis einschließlich Japan erstreckt. Südgrenzen wären die Sahara und der Indische Ozean. Im Norden gehörten die islamisch geprägten Gebiete Zentralasiens dazu; die russischen Gebiete in Sibirien nicht. Tibet wird dazu gerechnet; die Mongolei ist vielleicht ein Zweifelsfall.
Aber stimmt das so? Die türkische Grenze scheint wesentlich zu sein. Jedoch, um 1800 gehörten auch Griechenland, Bosnien, Serbien, Montenegro, Albanien, Mazedonien und Bulgarien noch zum Osmanischen Reich und lagen somit im Orient. Die türkische Grenze verläuft jetzt bekanntlich weiter östlich. Und die moderne Türkei, gehört die dann zum Orient? Wenn man in die Türkei fährt, scheint dies überhaupt nicht der Fall zu sein. Und was ist mit Marokko, Algerien, Tunesien? Israel? Zypern? Nordzypern ja, Südzypern nein? Und der Kaukasus? Dagestan und Tschetschenien schon; Armenien und Georgien nicht?
Orient hat auch etwas mit Islam zu tun: Israel ist doch nicht Orient? Und ebenfalls mit alt und antiquiert: Singapur, Hongkong oder Tokio kann man schwerlich Orient nennen. Und mit exotisch: Kamele, Turbane, Wasserpfeifen, Pluderhosen, exotische Gerüche, Musik und Bekleidung, labyrinthähnliche Innenstädte, in denen ein Europäer alleine den Weg nicht findet. Grausame Despoten herrschen dort nach ihrer Laune des Augenblicks. Der Orient ist geheimnisvoll. Im 19. Jahrhundert hat man sich im damals sehr prüden Europa den Orient auch gerne sinnlich und lüstern vorgestellt. Die Existenz von Harems hat das Vorstellungsvermögen sehr angestachelt. Im 20. Jh. ist die Stimmung gekippt; heutzutage betrachtet Europa die islamische Welt als prüde und sich selbst als frei und freizügig.
Kurz gesagt, der Orient steht für all solche Sachen, die man im Nahen und Mittleren Osten zwar vergeblich sucht, aber die man sich in Europa gerne derart vorstellt oder früher vorstellte. Populäre Bücher und Filme bestätigen dieses Bild noch immer.
Als geographischer Begriff ist „der Orient“ unbrauchbar; er liegt nirgendwo, es gibt ihn nicht wirklich. Vielmehr ist er ein Gedankending, oder besser noch: ein Gefühlsding. Der Orient ist Projektionsfläche von Erwartungen, Träumen und Ängsten. Der Orient ist anders.

Einige willkürlich gewählte Zitate:

  • Oh, East is East, and West is West, and never the twain shall meet. (Rudyard Kipling)
  • Im Orient ist Freundschaft selten, und Uneigennützigkeit am allerseltensten. (Karl Baedeker, Ägypten, 1928)
  • Im Orient ist der Magen der Sitz der Seele. Daher sind seit Jahrtausenden in Arabien Gewürze beliebte Zutaten in der feinen Küche und bei Getränken. Der Teeaufguß sorgt genußvoll für das leibliche Wohl durch seine anregende orientalische Gewürz- und Kräuterkomposition. (Werbetext, Ende des 20. Jh.)

Der Orient scheint somit ein großes, aber vages Gebiet zu sein, über das man allen denkbaren Schwachsinn behaupten kann. In akademischen Kreisen wird der Name kaum noch verwendet und man spricht vom Nahen Osten.

Im Alltag lebt das Wort noch weiter und deutet eine vage Herkunft irgendwo im Osten an. Viele China-, und Thairestaurants haben etwas wie Orient in ihren Namen, wie auch Dönerbuden und Teppichläden, in denen bekanntlich Orientteppiche verkauft werden. Der Orient Express fuhr nach Konstantinopel, das moderne İstanbul. In unzähligen Kochbüchern wird eine oder sogar die orientalische Cuisine beschrieben. Im kulinarischen Bereich redet man aber auch von der asiatischen Küche, die sich von ungefähr Pakistan bis einschließlich Japan erstreckt.
Kampfsportarten heißen meist orientalisch und stammen aus dem Fernen Osten: Japan, China, Korea, Thailand und Indonesien. Wer sich dabei verletzt, kann „die“ asiatische Medizinkunst anwenden. Bauchtanz heißt orientalisch und ist im Nahen Osten oder Indien zu Hause. Es gibt auch orientalische Holzschnitzerei. Gemeint ist meist eine Weihnachtskrippe, deren Figuren arabische Kleidung tragen. Orientalische Möbel und Deko kan man auch bestellen. Die orientalische Philosophie bzw. Weisheit scheint von Japan bis einschließlich Indien beheimatet zu sein, mit Abstecher nach Dschalal ad-Din Rumi (1207–1273, Chorasan, Konya) und nach Gibran Kahlil Gibran (1883–1931, Libanon, USA), der in Dem Propheten und anderen Schriften im Alleingang eine unglaubliche Menge „orientalische“ Weisheit verbreitet hat.

Siehe auf Dauer auch *Orientalismus, *Orientalist             Zurück zum Inhalt