Al-Koni, Blutender Stein (Besprechung)

Ibrahim al-Koni, Blutender Stein. Roman aus Libyen. Aus dem Arabischen von Hartmuth Fähndrich, Basel (Lenos Verlag) 1990.

Blutender Stein ist ein Roman aus der Sahara, der stark von anderen aus dem Arabischen übersetzten Werken abweicht. Das hat mit dem unüblichen Hintergrund des Verfassers zu tun. Der Libyer al-Koni (1948) schreibt zwar Arabisch, ist aber ein Tuareg, als Nomade im tiefen Süden der Sahara aufgewachsen. Deshalb spielt die Wüste in seinem Werk eine Hauptrolle, was sonst bei arabischen Autoren selten der Fall ist. Als er in Moskau studierte, lernte er an russischen Vorbildern, was Literatur ist. Danach war er als Pressesprecher und Kulturattaché an den Botschaften in Warschau, Moskau und der Schweiz tätig. Von einem wertlosen Büchlein Ghaddafis abgesehen ist al-Konis Buch das erste libysche Buch, das übersetzt worden ist, und es ist fast ein Meisterwerk.

Man könnte Blutender Stein einen ökologischen Roman nennen. In der Wüste kann der Mensch nur überleben, wenn er mit seiner Umgebung, einschließlich der Tiere, im Einklang steht, – umso mehr, wenn der Mensch alleine ist. Assûf, die Hauptfigur, lebt mit seinen Eltern außerhalb des Stammesverbandes. Als Assûfs Eltern nun sterben, ist er ganz alleine mit den Ziegen, die er hütet. Unter diesen Umständen ist es gar nicht abwegig, dass er sich mit den Tieren verbunden fühlt. Schon die vor- und frühislamischen Dichter aus Arabien waren mit Geistern, Dämonen und Tieren, zum Beispiel mit Wölfen, im Gespräch, die oft genau so einsam waren wie sie selbst. Assûf ist um das zarte Gleichgewicht in der Wüste besorgt und tötet nur selten und mit großer Zurückhaltung. Später kommt er, durch seine Erlebnisse und Kämpfe mit einem Mufflon, sogar zu dem Entschluss, dass er gar kein Fleisch mehr essen will. Einmal, als er auf der Flucht war, verwandelte er sich in einen Mufflon; ein anderes Mal ist ihm das Leben durch den Mufflon, den er jagte, gerettet worden. Die Grenze zwischen den Arten ist für ihn fließend.

Gegenpole sind die blutrünstigen Fleischesser aus dem Norden, die Araber von der Küste, deren Verhältnis zu den Tieren gänzlich gestört ist, und die aus Geländewagen und Hubschraubern mit automatischen Waffen Jagd auf Gazellen machen. Ihnen wird dabei von einem ziemlich albernen Mann aus dem amerikanischen Lager geholfen. Dieser ist aufrichtig am „Orient“ interessiert und meint es gut, ist aber auch derjenige, der die mordenden Jagdwerkzeuge liefert. Als die Gazellen ausgerottet sind, wollen die Jäger mit den Mufflons weiter machen, und Assûf soll ihnen dabei helfen. Weil er das nicht will, wird er von dem fleischsüchtigen Kain Adam auf einem heiligen Stein, der mit einer vorgeschichtlichen Felsenmalerei versehen ist, gekreuzigt und getötet, weil auch der, wahnsinnig geworden, in ihm einen Mufflon sieht.

In al-Konis Wüste herrscht eine Art Naturreligion, die nahtlos an die Abbildungen auf den uralten Felsenmalereien anschließt. Der Islam sieht hier ganz anders aus, als die Gelehrten es sich wünschen würden, und dem Autor macht das sichtlich Spaß. Schon auf der ersten Seite wird Assûfs Gebet durch herumtollende und kopulierfreudige Ziegenböcke gestört. Die Schriftgelehrten schenkten Störfaktoren beim Gebet wie Frauen und Esel immer große Aufmerksamkeit, aber diesen Fall sahen sogar sie nicht vor. Assûf vollendet sein Gebet nicht mit seinem Gesicht in Richtung Mekka, sondern in Richtung eines geweihten Felsens, auf dem ein Priester aus einer grauen Vorzeit abgebildet ist. Größere Blasphemie ist kaum vorstellbar. Es sind auch kleine blasphemische Nadelstiche im Buch versteckt. In der Übersetzung konnten diese aber unmöglich beibehalten werden; überdies hätte es den meisten Lesern an der benötigten Hintergrundkenntnis gefehlt. Für die „in der Erde bewahrte Platte,“ über die das Blut des gekreuzigten Assûf strömt, werden die Wörter al-lauh al-mahfuz verwendet, die normalerweise die „wohlverwahrte Tafel“ bezeichnen, auf der Gott im Himmel den Urkoran aufbewahrt. Der uneigentliche Gebrauch einer so hochheiligen Wortkombination dürfte die Gottgelehrten zu Raserei bringen — aber keine Sorge, sie lesen nicht. Zum Glück vollendete der Verfasser dieses Buch in Moskau und er ließ es in England veröffentlichen, so dass es niemandem auffiel.

Dem Autor gelingt es, den Leser immer wieder aus der Welt der normalen Naturgesetze in eine andere Sphäre mitzunehmen, in der Phantasie und Wirklichkeit, Mythos und Geschichte nicht voneinander zu unterscheiden sind. Ein einziges Mal geht das gründlich daneben: Wenn eine Gazelle ihrem Jungen die Mythologie erklärt, bin ich nicht bereit dem Sprung des Verfassers in die andere Sphäre zu folgen. Aber im Übrigen lasse ich mich gerne mitschleppen, weil in überzeugender Manier die Wüste evoziert wird, in der ja die Leere jedes Realitätsbewusstsein herausfordert und flimmernde Hitze die Vorstellungen verzerrt. Die Stille des großen Nichts ist in diesem Buch hörbar, und wie bei einer Fata Morgana weiß man wortwörtlich nicht, was man sieht.

Verfasst 1997             Zurück zum Inhalt

Roes, Leeres Viertel (Besprechung)

Michael Roes, Leeres Viertel. Rubʿ al-Khali. Invention über das Spiel, Frankfurt (Eichborn), 1996.

Wie reisen? Gebildete Touristen können das nachlesen in Reiseführern, zum Beispiel aus der Reihe Richtig Reisen. Aber den Autor Michael Roes kann Edeltourismus nicht zufrieden stellen. Mit Leeres Viertel, das im Nahen Osten und vor allem im Jemen spielt, hat er einen alternativen Band Richtig Reisen geschrieben — und zwar in Form eines stattlichen Romans. Wenn auch das Buch auf der Titelseite nicht Roman, sondern nur eine „Invention“ genannt wird, in Analogie zu den so bezeichneten unkonventionellen, oft zweistimmigen Musikstücken.
Leeres Viertel stellt erst kurz den Ich-Erzähler vor, einen modernen Kulturanthropologen, der als Forscher in den Jemen reist. Sofort darauf folgen hundert Seiten eines Textes, den er im Gepäck mitführt: der Reisebericht des fiktiven Entdeckungsreisenden Alois Schnittke, der um 1803 in den Jemen gereist sein soll. Nach hundert Seiten wechseln die Notizen Schnittkes und die des Erzählers einander immer öfter ab, wobei ihre Erlebnisse und Beobachtungen allmählich parallel oder durcheinander laufen. Die erzählenden Teile sind mit Aufsätzen, aber auch mit arabischen Vokabellisten von z.B. Pferde- oder Kameltermini, und mit anthropologischen Aufzeichnungen durchsetzt. Die modernen Texte sind in normaler Sprache, die von Schnittke in einem archaisierenden Deutsch geschrieben.
Reisen nach Roes dauert lang und ist abenteuerlich. Selbstverständlich erleben seine Reisenden Rückschläge, Gefahr und Ungemach, und alle beide werden sie von Beduinen gefangen genommen. Aber Reisen soll auch einen Zweck haben: Kenntniserwerb. Der Ich-Erzähler erforscht die Kinderspiele im Jemen; sein Alter Ego Schnittke beteiligt sich an einer ziemlich drolligen vierköpfigen Expedition, die fleißig altsüdarabische Inschriften abschreibt und letztendlich nach nichts weniger als der verlorenen Bundeslade sucht, in der sich die Steintafeln des Gesetzes befinden.
Laut hartnäckigen, nicht übereinstimmenden Gerüchten hat der Autor diesen Roman als Doktorarbeit oder sogar als Habilitationsschrift eingereicht. Er kennt die deutschen Universitäten und kann nicht wirklich erwartet haben, dass man sein Werk akzeptieren würde. Aber er muss herzlich gegrinst haben, als sich eine Kommission wenigstens darüber beugte und manche Mitglieder es nicht abweisen wollten. Leeres Viertel enthält in der Tat einige Texte, die der Wissenschaft ähnlich sehen. Zum Glück sind sie es nicht. Das Arabische in den altmodisch und willkürlich wirkenden Vokabellisten taugt nicht viel. Und obwohl die kulturanthropologischen Betrachtungen interessant sind, entbehren sie jeder Systematik. Aber so wie eine Zeitung, die auf einem Gemälde oder in einem Comicheft abgebildet ist, nicht wirklich gelesen werden muss, so muss die hier geschilderte Wissenschaft nicht wirklich taugen.
Roes’ Versuch sein Buch als Wissenschaft anerkannt zu bekommen ist aber mehr als ein guter Spaß. Er wollte nicht nur Reisekritik bieten, sondern auch Wissenschaftskritik. Anthropologische Feldforschung gelingt am besten, wenn der Forscher das fremde Volk nicht mit kühlem Blick von außerhalb betrachtet, sondern sich daruntermischt und es „teilnehmend beobachtet“. Roes’ moderner Held geht viel weiter: Er studiert nicht mehr, sondern geht im Volk auf, indem er mit den Spielern mitspielt. Keiner dreckigen Gasse, keinem erotischen Abenteuer geht er aus dem Weg und er erreicht Vereinigungen, die manchmal nur schmuddelig-sexuell, aber in Glanzmomenten mystischer Art sind. Manch ein Wissenschaftler dürfte ihn um die so erworbene Kenntnis beneiden.
Am spannendsten in Leeres Viertel sind die Reiseerlebnisse selbst, die den Leser bis an den Rand der gleichnamigen Wüste mitnehmen. Dass die Handlung des Buches, wie auch die beiden Reisen selbst, im Sande verläuft, ändert daran nichts. Viel Platz nehmen die Beschreibungen der und Betrachtungen über die Kinderspiele ein. Die Spiele sind grausam wie überall, aber anders als bei uns sind sie noch nicht virtuell geworden. Das Spiel liegt im Jemen noch dicht beim Krieg und ist viel blutiger als ein Spielchen wie Mortal Kombat. Die Kinder werfen dort noch mit echten Steinen.
Noch interessanter als die Spiele ist die Homosexualität, die im ganzen Buch eine wichtige Rolle spielt. Der Erzähler läuft jedem Typ, der ihm winkt, hinterher, aber beschreibt seine Kontakte als freudlose Nummern, als Feldforschung. Seine Beobachtungen und Betrachtungen zu diesem Thema faszinieren mehr als seine Verrichtungen. Die Frage kommt bei ihm auf, ob es Homosexualität in traditionellen arabischen Umgebungen überhaupt gibt, in denen körperliche Handlungen zwischen Männern nur wie von selbst vorkommen, nicht auf Grund einer Absprache zwischen Ebenbürtigen, wie stillschweigend auch immer, und nie Gegenstand von Bewusstsein oder Gespräch sind. Ist die westliche Einteilung der sexuellen Orientierungen dann doch nicht universell gültig? Schnittkes Bericht wimmelt ebenfalls von den Intimitäten zwischen Männern. Roes weiß diese oft sehr gekonnt zu suggerieren ohne sie zu benennen. Das war notwendig, denn für Schnittke waren solche Handlungen noch genauso „unsagbar“ wie für die heutigen Jemeniten.
Der Erzähler hat keinen guten Sex und ist auch sonst ein ziemlicher Griesgram, was dem Lesevergnügen manchmal Abbruch tut. Über ihn lachen will auch nicht richtig gelingen. Er wird immer verzweifelter und kranker, aber ist auch oft stur, blöd und unpraktisch. Ausgerechnet während eines Bürgerkriegs begibt er sich an den Rand des Leeren Viertels und siehe da, prompt wird er entführt. Schnittke dagegen, ehemaliger Direktor eines Marionettentheaters, ist der ideale Reisende. Roes hat ihn zu einem Weimarer Musterbürger anno 1800 gemacht: aufgeklärt, lernwillig, mutig, verspielt und sogar humorvoll. Schnittke lernt gut Arabisch, bekämpft die Vorurteile seiner Mitreisenden, knüpft als einziger Freundschaftsbande mit „Einheimischen“ und verhält sich für seine Zeit unwahrscheinlich politisch korrekt. So sein, so reisen, das scheint Roes’ Ideal. Aber das geht nicht mehr, und war es vor zwei Jahrhunderten wirklich möglich?
Leeres Viertel ist ein reichhaltiges zweistimmiges Experiment, aber ganz gelungen ist das doch nicht. Auf Dauer wird das Weiterlesen eine Aufgabe: Die Spannung erschlafft und die gewaltigen Fragen, die aufgeworfen werden, bleiben unbeantwortet. Am Ende fühlt sich der Leser ungefähr wie Schnittke, als er die Steintafeln endlich findet und feststellt, dass sie leer sind. Das ändert nichts daran, dass dieses Buch wunderbare Erzählungen, viele Berichte über den Jemen, und wertvolle Aufsatzfragmente über Spiel, Krieg, Tanz und Sex enthält.

(Verfasst 2001)         Zurück zum Inhalt