Umar und der Prophet

Wie kommt es, dass der Prophet Mohammed und der spätere Kalif Umar (634-644) über die Absonderung der Frau und viele andere juristische und ethische Probleme oft so unterschiedliche Meinungen hatten? Meine Antwort ist: diese Meinungen hatten sie erst 150-200 Jahre nach ihrem Tod.

Als die Araber im 7. Jahrhundert große Teile Westasiens und Nordafrikas erobert hatten, brauchten sie eine Rechtsprechung. Die Bewohner der eroberten Gebiete behielten erst ihre gewohnte Rechtsprechung; da mischten sich die Araber nicht ein. Es wurden aber einige wenige Richter angestellt, die unter den Arabern Recht sprachen und zugleich auch Streitsachen zwischen Arabern und ihren neuen Untertanen behandelten. Diese Richter waren oft schlecht bezahlt und jobbten zusätzlich noch im Handel oder waren als Erzähler (qāss) tätig. Sie waren die ersten Intellektuellen der neuen religiösen Bewegung, die gut mit Korantexten bekannt waren, wie auch mit der Biografie des Propheten und den Überlieferungen der Juden und Christen, mit denen sie ihre Erzählungen durchsetzten. Als Erzähler und Koranausleger bekamen sie am Freitag nach dem Gebet das Wort in der Moschee. Recht sprachen sie auf der Grundlage des Korans und ihres gesunden Menschenverstandes. Ältere Koranauslegung oder Jurisprudenz gab es ja noch nicht.

Hundert Jahre später hatte sich schon etwas geändert. Araber sein war im Reich weniger wichtig geworden; jetzt ging es darum Muslim zu sein. In Bagdad war eine neue Hauptstadt gegründet worden und die Abbasidenkalifen versuchten ihr enormes Staatsgebiet zu einer Einheit zu schmieden. Im Reich gab es anfangs kein einheitliches Recht: Die unterschiedlichen städtischen Zentren hatten alle jeweils ihre eigenen Auffassungen und ihre eigene Jurisprudenz. In den Städten wurden die Aussagen und Rechtsmeinungen von früheren Rechtsgelehrten noch überliefert. Überdies berief man sich auf religiöse Autoritäten aus der Vergangenheit. In Medina z.B. war das oft ʿUmar; in der irakischem Stadt Kūfa war es Alī. War es nun der wirkliche Umar, der wahre Alī, deren Lehren dort befolgt wurden? Natürlich nicht; es handelte sich um rückprojizierte Bilder dieser großen Prophetengefährten. Wer eine Meinung hatte, schrieb diese gerne dem Umar oder dem Alī zu: diese hatten ja mehr Autorität als die zeitgenössischen Rechtsgelehrten X,Y und Z.

Inzwischen hatte sich im 8. Jahrhundert auch eine Gruppe gebildet, die mit dem Islam, wie er unter den Umayyadenkalifen Gestalt angenommen hatte, nicht zufrieden war. Für sie war die sunna (Brauch, überlieferte Norm) des Propheten Mohammed viel wichtiger als die eines Herrschers oder die Meinung eines Rechtsgelehrten im Staatsdienst. Anfangs war es nicht so klar, was die sunna sei, aber in der sog. Hadithliteratur wurden immer mehr Aussagen des Propheten in Worten niedergelegt. Und für die prophetische sunna wurde immer deutlicher eine Monopolstellung beansprucht; man hielt sie zunehmend für wertvoller als die eigenmächtigen sunnas der Kalifen, aber auch als die der namhaften Prophetengefährten. Um 800 kam eine homogenisierende Tendenz auf. Das Großreich der Abbasiden verlangte Einheitlichkeit in der Rechtsprechung, konnte allerlei Lokaltraditionen in den unterschiedlichen Städten nicht dulden. Der Rechtsgelehrte ash-Shāfiʿī (Schafi‘i; gest. 820) soll den genialen Schritt getan haben. In seinem Rechtssystem galt fortan als einzige Rechtsquelle neben dem Koran nur noch der Hadith, also Berichte zur sunna des Propheten und Aussagen von diesem. Damit war rückwirkend die Autorität des Propheten etabliert und zur gleichen Zeit waren die Grundlagen für die Vereinheitlichung des Rechts in allen Teilen des Reiches gelegt worden. Die Folge war, dass die Zahl der Aussagen des Propheten stark zunahm. Hatte der berühmte Hadithgelehrte az-Zuhrī (gest. 742) noch insgesamt 2200 Hadithe gesammelt, „davon die Hälfte mit isnad“,1 so gab es anderthalb Jahrhunderte später zehntausende. Die Autorität des Propheten ist rückwirkend aufgebaut und auf ihn rückprojiziert worden, wie es zuvor mit früheren Kapazitäten wie Umar und Alī gemacht worden war. In religiösen Systemen ist das nicht ungewöhnlich: Denken Sie bloß an Moses, der (eine unbekannte Anzahl) Jahrhunderte nach seinem Auftreten zum Gesetzgeber des Judentums wurde.

Die nicht-prophetischen Texte, die z.B. auf Umar zurückgeführt werden, hat man nicht alle weggeworfen; viele von ihnen sind bewahrt worden. Wenn wir diese neben die prophetischen Texte legen, finden wir unterschiedliche Meinungen und Standpunkte. Das war den alten Muslimen natürlich auch aufgefallen. Um Einheitlichkeit und Harmonie zu kreieren brachten sie den Konfliktstoff in neuen Texte unter, in denen der Meinungsunterschied selbst thematisiert und in Szene gesetzt wurde. Das meinte ich, als ich sagte, dass Umar und der Prophet ihre Meinungsverschiedenheiten erst lange nach ihrem Tod gehabt hätten. Es war immer ein Streit zwischen zwei neueren Texten, die jeweils eine ehrwürdige Vergangenheit rekonstruiert hatten. Selbstverständlich gewann der Prophet fortan immer die papierene Debatte, und ʿUmars Meinung ist als ehrenvolle, aber doch weniger wichtige Alternative bewahrt geblieben. Stereotyp ist zum Beispiel die folgende Szene, in Situationen, in denen ein Rechtsbeschluss verlangt wird. ʿUmar fragt den Propheten: „Werde ich ihm den Kopf abschlagen?“ „Nein,“ sagt der Prophet dann, und schlägt eine mildere, pragmatischere Lösung vor.2 Die Auffassungen des Propheten sind im Laufe der Jahrhunderte natürlich maßgeblich geworden und geblieben. Einige weniger milde, ʿUmar zugeschriebene Auffassungen aus Medina haben sich aber durchgesetzt; darunter auch die über die Absonderung der Frau. In diesem Punkt hat der Prophet quasi „nachgegeben“, mit Rückenstärkung von Gott selbst, z.B. in:

  • Umar erzählte: Ich sagte: „Prophet, jedermann geht bei deinen Frauen ein und aus; wenn du ihnen mal auftragen würdest sich abzusondern?“ Und darauf wurde der „Vers der Absonderung“ offenbart.3

In einer anderen Erzählung, die von Aischa erzählt wird, spielt ‘Umar ebenfalls die Hauptrolle:

  • Die Frauen des Propheten waren es gewohnt, abends hinauszugehen, um sich an ruhigen Orten mit viel Frischluft zu entleeren. ‘Umar hatte dem Propheten schon gesagt, er möge doch seine Frauen absondern, aber dieser hatte das nicht getan. Also ging Sauda, die Frau des Propheten, eines Abends hinaus—sie war eine hochgewachsene Frau—und ‘Umar rief ihr, so laut er konnte, zu: „Wir haben dich schon erkannt, Sauda!“—begierig wie er war, dass Gott den [„Vers der] Absonderung“ offenbaren würde. Darauf offenbarte Gott den [„Vers der] Absonderung“.4

‘Umar soll richtig stolz auf seine Initiative gewesen sein:

  • Gott und ich waren uns in drei Punkten einig: …5

und dann werden drei Koranverse erwähnt, die auf ‘Umars Initiative offenbart sein sollen; darunter also  der „Vers der Absonderung“.

ANMERKUNGEN
1. Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī, Tahḏīb at-tahḏīb ix, 447:  .وقال الآجُري عن أبي داود: جميع حديث الزهري كله ألفا ومائتا حديث النصف منها مسند
2. سأضرب عنقه Noch in Arbeit @@
3. Aṭ-Ṭabarī, Tafsīr zum Vers:

حدثنا ابن بشار، قال ثنا ابن أبي عدي، عن حميد، عن أنس بن مالك، قال: فال عمر بن الخطّاب: “ قلت لرسول الله ص: لو حجبت عن أمهات المؤمنين، فإنه يدخل عليك البرّ والفاجر، فنرلت آية الحجاب.“

4. Muslim, Salām 18:

‎حدثنا عبد الملك بن شعيب بن الليث حدثني أبي عن جدي حدثني عقيل بن خالد عن ابن شهاب عنعروة بن الزبير عن عائشة أن أزواج رسول الله ص كن يخرجن بالليل إذا تبرزن إلى المناصع وهو صعيد أفيح وكان عمر بن الخطاب يقول لرسول الله ص احجب نساءك فلم يكن رسول الله ص يفعل فخرجت سودة بنت زمعة زوج النبي ص ليلة من الليالي عشاء وكانت امرأة طويلة فناداها عمر ألا قد عرفناك يا سودة حرصا على أن ينزل الحجاب قالت عائشة فأنزل الله عز وجل الحجاب.

5. Bukhārī, Fadā’il al-qur’ān 2, 9

باب واتخذوا من مقام إبراهيم مصلى …/ مثابة K. 2:125 يثوبون يرجعون

حدثنا مسدد عن يحيى بن سعيد عن حميد عن أنس قال قال عمر: وافقت الله في ثلاث أو وافقني ربي في ثلاث. قلت يا رسول الله لو اتخذت مقام إبراهيم مصلى. وقلت يا رسول الله يدخل عليك البر والفاجر فلو أمرت أمهات المؤمنين بالحجاب فأنزل الله آية الحجاب. قال وبلغني معاتبة النبي صلى الله عليه وسلم بعض نسائه فدخلت عليهن قلت إن انتهيتن أو ليبدلن الله رسوله ص خيرًا منكن حتى أتيت إحدى نسائه قالت يا عمر أما في رسول الله ص ما يعظ نساءه حتى تعظهن أنت فأنزل الله عسى ربه إن طلقكن أن يبدله أزواجًا خيرًا منكن مسلمات K. 66:5 الآية وقال ابن أبي مريم أخبرنا يحيى بن أيوب حدثني حميد سمعت أنسًا عن عمر.

Diakritische Zeichen: ʿUmar, qāṣṣ, ʿAlī, aš-Šāfiʿī

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Ibrahim, der Sohn des Propheten

Hatte Mohammed einen Sohn? Außer Menschen, die über „Glaubenswissen“ verfügen, kann niemand das genau sagen; es gibt so wenig gefestigte Kenntnis über den Propheten, dass solche Fragen einfach nicht zu beantworten sind. Ihm wird nachgesagt, er habe mehrere Frauen gehabt. Wenn dem so war, wird er möglich auch einen Sohn oder mehrere Söhne gehabt haben. Von dreien berichten Hadithe: Qāsim, ‘Abdallāh und Ibrāhīm. Alle drei sollen noch im Kindesalter gestorben sein.

Ibrāhīm war nach dem gleichnamigen Propheten, also Abraham, benannt. Von Mohammeds Hausdiener Anas ibn Malik, der hochbejahrt im Jahr 712 gestorben sein soll, ist beispielsweise die folgende Erzählung über ihn überliefert:

  • Der Prophet sagte: „Mir ist heute Nacht ein Sohn geboren; ich benenne ihn nach meinem Vater Ibrāhīm.“ Er übergab ihn der [Amme] Umm Saif,1 der Frau eines Schmiedes namens Abū Saif. Eines Tages ging er ihn besuchen; ich kam mit, und wir kamen zu Abū Saif, der mit dem Blasebalg ins Schmiedefeuer blies; das ganze Haus war voller Rauch. Ich eilte voraus und sagte: Hör auf, Abū Saif, der Prophet ist da! Er hörte auf und der Prophet rief um Ibrāhīm, druckte ihn an sich und sprach allerlei zu ihm. Anas sagte noch: Ich habe ihn auch gesehen als [das Kind] vor seinen Augen im Sterben lag. Er weinte und sagte: „Das Auge weint, und das Herz ist traurig, aber wir sagen nur, was Gott zufrieden stellt. Bei Gott, Ibrāhīm, wir trauern schon über dich.“ 2

In einem anderen Hadith wird in diesem Zusammenhang von einem ungewöhnlichen Phänomen berichtet:

  • Zur Zeit des Propheten gab es eine Sonnenfinsternis am Tag, an dem Ibrāhīm verstarb. Der Prophet sagte: „Die Sonne und der Mond sind [nicht mehr als] zwei von den Zeichen Gottes; sie verfinstern sich weder wegen jemands Todes noch wegen seines Lebens. Wenn ihr eine [Sonnen- oder Mondfinsternis] seht, betet dann zu Gott und verrichtet Gebete bis sie vorbei ist.“ 3
  • Als Ibrāhīm, der Sohn des Propheten, verstarb, sagte der Prophet zu den Menschen: „Hüllt ihn nicht in die Leichentücher, bevor ich ihn nicht gesehen habe.“ Dann kam er auf ihn zu, beugte sich über ihn und weinte.4

Historiker wissen noch mitzuteilen, dass er im Jahr 7 (also 629 nach unserer Zeitrechnung) von einer ägyptischen Sklavin, nämlich der Koptin Māriya, geboren wurde und noch im Jahr 8 verstorben ist. Wer Hadithe als Geschichtsquelle ernst nimmt, könnte auf Grund des ersten zitierten Textes eine Rauchvergiftung als Ursache für den frühen Tod Ibrāhīms in Betracht ziehen. Viel ist es nicht, was wir über das Kerlchen erfahren. Das wundert nicht; über einen Säugling ist nun mal wenig zu erzählen. Aber auch die wenigen harten Fakten, die vorzuliegen scheinen, sind keineswegs hart. Schon seine Mutter, die Koptin Māriya al-Qibtīya, ist reichlich fiktiv. Sie soll Teil einer Geschenksendung gewesen sein, die der Muqauqis, ein etwas rätselhafter Herrscher Alexandriens, dem Propheten gesandt haben soll. Die Sendung enthielt zwei erstklassige, zweifelsohne jungfräuliche Sklavinnen: Māriya und ihre Schwester Sīrīn, eine Menge Gold und Textilien, die Mauleselstute Duldul und einen Esel namens ‘Ufair oder Ya‘fūr.5 Aber die beiden Frauennamen sind aus einer ganz anderen Geschichte hinübergeweht. Bereits der römische Kaiser Mauricius (reg. 582–602) soll seinem persischen Amtskollegen Chosrau II. Parwīz (reg. 590–628) seine geliebte Tochter Maryam (also Maria) zur Frau gegeben haben.6 Eine christliche Frau namens Shīrīn (Schirin) hatte Chosrau bereits; sie ist in der Literatur ziemlich bekannt geworden. Der Name Schirin passt ohnehin besser nach Persien als nach Ägypten. (Über die Koptin Māriya steht hier ein Sonderartikel.)

Bei näherer Betrachtung handeln die drei obigen Hadithe gar nicht so sehr von Ibrāhīm, sondern wollen die Zuneigung des Propheten und vor allem sein Verhalten bei dessen Tod zeigen. Trauer, Tränen: selbstverständlich—aber moderat! Auch eine Sonnenfinsternis sollte nicht überbewertet werden; Nüchternheit ist geboten. Keinesfalls wird solch ein Naturphänomen, wie manche Leute meinten, durch das Dahinscheiden einer wichtigen Person verursacht; nicht einmal durch den Tod des kleinen Ibrāhīm.
Es gibt viele Hadithe, die aussehen, als enthielten sie Biografisches, die aber in Wirklichkeit von Anfang an als Grundlage einer Rechtsregel dienen sollten und sich bloß zum Schein in das Gewand einer historischen Begebenheit kleideten. Auch in diesem Fall dominieren deutlich die Motive von Scharia-Gelehrten: Mit den Hadithen vom Tod Ibrahims sollten in erster Linie den übertriebenen Trauerbräuchen der Muslime persischer Herkunft sowie abergläubischer Folklore Schranken gesetzt werden.7 Die Moral lautet: Eine passende, aber nicht übertriebene Trauer ist Muslimen angemessen; um Beerdigungen sollte nicht so viel Aufhebens gemacht werden.
Wie bei so vielen Dingen sollte auch beim Thema Totenklage (an-niyāha ‘alā al-maiyit) das Vorbild der Prophet Mohammed sein. Und dazu konnte der Erzähler jemanden gebrauchen, den der Prophet maximal vermissen würde: ein verstorbenes Söhnchen. Nach meiner Überzeugung ist Ibrāhīm von den Überlieferern vor allem ins Leben gerufen um ihn bald sterben zu lassen, sodass der Prophet ihn vorbildhaft moderat beweinen konnte. Überdies machte seine Geburt die Sklavin, die seine Mutter war, zu einer umm walad — einer Sklavin, die ihrem Herrn ein Kind geboren hat und deshalb nach dessen Tod von Rechts wegen frei wird. Gleich zweimal liefert der Junge also einen Präzedensfall für eine Scharia-Regel.

Ob Mohammed nun im realen Leben einen Sohn hatte oder nicht — in seine Prophetenvita würde keiner passen. Religionsgründer haben normalerweise keinen Sohn: Moses, Jesus und der Buddha hatten keinen; wenigstens keinen, der in den Erzählungen eine Rolle gespielt hätte, oder nach ihrem Tod die Nachfolge hätte antreten wollen oder müssen. Das hätte die Ursprungsmythen nämlich sehr gestört. Die Hadithliteratur scheint sich dessen halbwegs bewusst zu sein, heißt es doch bei Ibn Mādja:

  • [Ibrāhīm] starb als kleines Kind. Hätte Gott bestimmt, dass es einen Propheten nach Mohammed geben sollte, so wäre sein Sohn am Leben geblieben. Aber es gibt keinen Propheten nach ihm.8

Erheblich interessanter ist die Erzählung von Zaid (ibn Hāritha), der als Erwachsener fünfzehn bis zwanzig Jahre lang der Adoptivsohn Mohammeds war. Die Adoption wurde im Koran rückgängig gemacht; überdies starb Zaid schon vor dem Propheten. Um so besser, denn, so sagt es Muqātil in seinem Korankommentar: „Wäre Zaid Mohammeds Sohn gewesen, so wäre er ein Prophet gewesen.“ 9

 

ANMERKUNGEN
1. In aṭ-Ṭabarī, Taʾrīḫ i, 1686 wird eine ganz andere Amme erwähnt: Umm Burda bint al-Munḏir ibn Zaid, Frau von al-Barāʾ ibn Aus […] an-Naǧǧār.
2. Muslim, Faḍāʾil 62 (hier); auch Buḫārī, Ǧanāʾiz 44, Ibn Māǧa, Ǧanāʾiz 53 u.v.a.

حدثنا هداب بن خالد وشيبان بن فروخ كلاهما عن سليمان واللفظ لشيبان حدثنا سليمان بن المغيرة حدثنا ثابت البناني عن أنس بن مالك قال: قال رسول الله ص ولد لي الليلة غلام فسميته باسم أبي إبراهيم. ثم دفعه إلى أم سيف امرأة قين يقال له أبو سيف. فانطلق يأتيه واتبعته فانتهينا إلى أبي سيف وهو ينفخ بكيره قد امتلأ البيت دخانا. فأسرعت المشي بين يدي رسول الله ص فقلت يا أبا سيف أمسك جاء رسول الله ص. فأمسك فدعا النبي ص بالصبي فضمه إليه وقال ما شاء الله أن يقول. فقال أنس لقد رأيته وهو يَكيد بنفسه بين يدي رسول الله ص فدمعت عينا رسول الله ص فقال تدمع العين ويحزن القلب ولا نقول إلا ما يرضى ربنا والله يا إبراهيم إنا بك لمحزونون.

3. Muslim, Kusūf, 29 (längere Fassung Muslim, Kusūf 10 u.v.a.):

وحدثنا أبو بكر بن أبي شيبة ومحمد بن عبد الله بن نمير قالا حدثنا مصعب وهو ابن المقدام حدثنا زائدة حدثنا زياد بن علاقة وفي رواية أبي بكر قال قال زياد بن علاقة سمعت المغيرة بن شعبة يقول انكسفت الشمس على عهد رسول الله ص يوم مات إبراهيم فقال رسول الله ص إن الشمس والقمر آيتان من آيات الله لا ينكسفان لموت أحد ولا لحياته فإذا رأيتموهما فادعوا الله وصلوا حتى تنكشف.

4. Ibn Māǧa, Ǧanāʾiz 13:

حدثنا محمد بن إسمعيل بن سمرة حدثنا محمد بن الحسن حدثنا أبو شيبة عن أنس بن مالك قال لما قبض إبراهيم ابن النبي ص قال لهم النبي ص لا تُدرِجوه في أكفانه حتى أنظر إليه فأتاه فانكبّ عليه وبكى.

5. Ibn Saʿd, Aṭ-Ṭabaqāt al-kubrā, hg. Iḥsān ʿAbbās, Beirut o.J., viii, 212. Zu den Tieren siehe Die Maultiere des Propheten und Mohammed: Eselreiter oder Kamelreiter?
6. Aṭ-Ṭabarī, Taʾrīḫ i, 994, 999: وزوّجه ابنة له كانت عزيزة عليه يقال لها مريم. Auch dies ist pure Phantasie. Kaj Öhrnberg, „Māriya al-qibṭiyya unveiled,“ Studia orientalia (Helsinki), xi/14 (1984), 297–303, insbes. S. 298. S. auch C. Cannuyer, „Māriya, la concubine copte de Muḥammad, réalité ou mythe?“ in Acta Orientalia Belgica 21 (2008), 251–64. Uri Rubin hält Māriya und Ibrāhīm für historisch: U. Rubin, „The Seal of the Prophets and the Finality of Prophecy,“ ZDMG 164 (2014), 65–96, insbes. S. 76ff.
7. T. Fahd, „Niyāḥa,“ in EI2; G.H.A. Juynboll, Muslim Tradition, Cambridge 1982, 99–108.
8. Ibn Māǧa, Ǧanāʾiz 27:

حدثنا محمد بن عبد الله بن نمير حدثنا محمد بن بشر حدثنا إسمعيل بن أبي خالد قال قلت لعبد الله بن أبي أوفى رأيت إبراهيم ابن رسول الله ص قال مات وهو صغير ولو قضي أن يكون بعد محمد ص نبي لعاش ابنه ولكن لا نبي بعده.

9. Muqātil ibn Sulaymān, Tafsīr, iii, 498–9 zu Koran 33:40:

يقول لو كان زيد ابن محمد لكان نبيا فلما نرلت ((ما كان محمد أبا أحد من رجالكم)) قال النبي ص لزيد: لست لك بأب. فقال زيد: يا رسول الله، أنا زيد بن حارثة معروف نسبي.

 

Auch veröffentlich in der Zeitschrift zenith, März/April 2013.

Diakritische Zeichen: Māriya al-Qibṭīya, ʿUfair, Yaʿfūr, Šīrīn,an-niyāḥa ʿalā al-maiyit, Ibn Māǧa, Zaid ibn Ḥāriṯa

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Ibn Dawud als Rechtsgelehrter: Wein

(Übersetzter Text)

Ein gewisser Kalif,1 dessen Vernunft durch die Betrunkenheit der Lüste benebelt ist, wird vielleicht sagen: „Wie kann [Wein] verboten und tadelnswert sein und zur gleichen Zeit lobenswert, obwohl doch seine Substanz (ʿayn) ein und dieselbe ist und die Scharia ihn nicht für verboten erklärt?“ Man könnte ihm entgegen halten: „Der Wein, der in dieser Welt tadelnswert ist, ist nicht derselbe wie der Wein, der im Jenseits lobenswert ist, denn diejenigen, die ihn dort trinken, bekommen weder Kopfweh noch werden sie betrunken.2 Jener Wein führt nicht zu Aggression oder Hass, und wird niemanden davon abhalten, Gott zu gedenken oder von seinen Ordnungen ablenken. Aber der Wein hier tut das alles schon, und deshalb ist der Wein in dieser Welt tadelnswert und der im Jenseits lobenswert.“ 3

ANMERKUNGEN:
1. Baʿḍ al-ḫulafāʾ: gemeint ist vielleicht Ibn al-Muʿtazz, ein Zeitgenosse des Autors, der einen Tag lang Kalif war und eine freizügige Abhandlung zum Weintrinken geschrieben hat: (Fuṣūl al-tamāṯīl, Cairo 1925). Oder soll man statt al-ḫulafāʾ vielmehr al-ḫulaʿāʾ lesen, „ausschweifend, liederlich“? Aber das Wort hatte meines Wissens zu der Zeit noch nicht diese moderne Bedeutung.
2. Koran 56:19.
3. Muḥammad ibn Dāwūd al-Iṣbahānī, Kitāb al-Zahra, Kap. 81.

فلعل بعض الخلفاء أن يغلب على عقله سكرة الأهواء فيقول: كيف تكون محرمة مذمومة وممدوحة، وعينها واحدة، ولم تأت الشريعة بتحريمها؟ فيقال له: الخمر المذمومة في هذه الدار غير الخمر المدوحة في تلك الدار، لأن أصحاب تلك الدار لا يصدعون عنها ولا ينزفون منها، وتلك لا توقع العداوة والبغضاء، ولا تصد عن ذكراه وعن فرضه. وهذه الخمر تفعل جميع ذلك، فلهذه العلل صارت الخمر في الدنيا مذمومة وفي الآخرة ممدوحة.

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Dhimmi (Kurzdefinition)

Ein Dhimmī (ذمي) war in den frühen islamischen Staaten ein Anhänger der jüdischen oder christlichen oder anderen Religion, der den Schutz des Staates im Tausch gegen Zahlung einer Kopfsteuer genoss.
Auch im Neudeutschen kommt das Wort dhimmi gelegentlich vor. Die Autorin Bat Ye’or hat es im Rahmen ihres virulenten Anti-Islamdiskurses wiederbelebt, den fremdenfeindliche Kreise in Europa gerne übernommen haben. Sie hat auch das englische Wort dhimmitude erfunden: das DhimmiSein, oder sich wie ein solcher verhalten. Dies ist nach ihrer Meinung die Lieblingstätigkeit europäischer Regierender, die vorauseilend vor dem islamischen Kalifat kapitulieren, das demnächst auf europäischem Boden etabliert werden wird. Außer für die Verblendeten ist davon aber nichts ersichtlich; es gibt keine Wirklichkeit, die diesen Fantasien entspricht.
Im 19. und 20. Jahrhundert ist das Fremdenrecht der Scharia nirgendwo angewandt. Wie es zuvor war und wann genau das Dhimmi-Konzept außer Gebrauch kam, müsste ich nachschlagen.
Auch in der heutigen islamischen Welt gilt der Begriff als veraltet. Christen und Juden bezahlen nirgendwo Kopfsteuer, tragen keine unterscheidende Bekleidung und müssen zur Armee wie jeder andere auch. Schlimmstenfalls gibt es einige halbgare Salafisten, die den Terminus dhimmī wieder einführen möchten. Das ist nichts als Größenwahn; das würde ja einen starken Islamstaat voraussetzen, den es aber nirgendwo gibt.

Freilich werden in vielen islamischen Umgebungen Christen und Juden als minderwertig betrachtet, gepiesackt oder vergrault. Das ist nun mal das Schicksal von Minderheiten. Mit den Begriffen dhimma oder dhimmi hat das aber nichts zu tun.

NACHSCHRIFT 2017: Tatsächlich hat der sog. Islamische Staat den Begriff wieder eingeführt und von Nichtmuslimen Kopfsteuer erhoben! S. hier. Aber der Horror ist fast wieder vorbei.

Kurzdefinitionen: Anlässe der Offenbarung, Fatwa, Hadith, Isnad, Isra’iliyatKalif, Koranauslegung, Muslim, Naskh, ProphetenerzählungenSabab an-nuzulSchariaSiraSunnaTafsirTaqiya,

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Fatwa (Kurzdefinition)

Eine Fatwa (fatwā, Pl. fatāwā فتوى، فتاوى) ist im sunnitischen Islam ein nicht verbindliches, gelehrtes Gutachten auf dem Gebiet der Scharia. Eine Fatwa wird von einem Mufti (muftī) abgegeben auf Verlangen von Richtern, Privatpersonen und manchmal auch von Behörden. Scharia ist islamisches Recht, aber auch mehr als Recht: das verlangte Gutachten kann deshalb auch auf dem Gebiet der Ethik, der guten Sitten und der Glaubenslehre liegen.

Wer sich nicht persönlich an einen Mufti (der jeweils erwünschten Rechtsschule) wenden mag, kann auch Fatwa-Sammlungen von bekannten Schariagelehrten aus früher oder neuerer Zeit lesen, oder sich eine Fatwa über Internet einholen, siehe z.B. das Portal www.cyberfatwa.de.

Seit der Rushdie-Affäre (1989) ist das Wort Fatwa auch in Deutschland verbreitet, wird aber oft falsch verstanden. In der Phrase: „eine Fatwa über jemanden verhängen“ hört es sich fast an wie ein Todesurteil. Aber ein Gerichtsurteil ist es nicht, geschweige denn ein Todesurteil. Eine Fatwa, in der jemands Blut für erlaubt erklärt wird, kann einen Scharia-Richter dazu bringen ein Todesurteil zu verhängen. Aber er kann die Fatwa auch ignorieren oder ergänzend andere einholen. Und wo gibt es überhaupt Scharia-Richter? Sunnitisches Strafrecht mitsamt Todesstrafe kommt nur in einigen wenigen Ländern vor, von denen Saudi-Arabien das wichtigste ist.

Kurzdefinitionen: Anlässe der Offenbarung, Dhimmi, Hadith, Isnad, Isra’iliyat, Kalif, Koranauslegung, Muslim, Naskh, Prophetenerzählungen, Sabab an-nuzul, Scharia, Sira, Sunna, Tafsir, Taqiya,

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Der Mufti und die Wissenschaft

Islamische Rechtsgelehrte finden das islamische Recht in der Jurisprudenz, und wenn sie tiefer graben, leiten sie es aus dem Koran und dem Hadith des Propheten ab. Das ist ihr Job. Manche halten es darüber hinaus für nötig die Zielsetzungen der Scharia und die Gründe hinter den Rechtsregeln zu erforschen. Anders gesagt: sie wollen beweisen, dass Gott recht hatte, als er das eine oder andere Gebot oder Verbot verkündete. Dann hört man zum Beispiel, dass Schweinefleisch verboten sei, weil es Krankheitserreger enthalte, und Alkohol weil es Fehlverhalten verursache. 
Als ob Gott solche Hilfe brauchte; als ob Gottes Gründe die Menschen etwas angingen! Wer an Gott glaubt, hat doch an seinem Wort genug, oder etwa nicht? Richtig lächerlich werden diese Gelehrten, wenn sie sich bei ihrer Argumentation der Wissenschaft bedienen. Sie haben natürlich keine Ahnung, was das ist, denn sie haben nicht mal Abitur, geschweige denn eine wissenschaftliche Ausbildung. Aber ihr Publikum lacht sie nicht aus, denn das ist noch schlechter ausgebildet. So las ich in Erlaubtes und Verbotenes im Islam, ein Jugendwerk des berühmten Medienmuftis Yūsuf (Jusuf) al-Qaradāwī aus Qatar, eine „wissenschaftliche“ Untermauerung des islamischen Hundeverbots (ja, Hunde sind nach einigen Hadithen verpönt, außer Wach- und Jagdhunden). Als eine der Begründungen dieses Verbots führt er den „neuerdings entdeckten“ Hundebandwurm an. Durch Kontakt damit können beim Menschen entsetzliche Abszesse und unheilbare Entzündungen entstehen. Dann fährt er fort:

  • Professor Noeller hat durch post-mortem Untersuchungen an menschlichen Leichen in Deutschland festgestellt, dass die Rate der Infektion mit Hundewürmern mindestens ein Prozent beträgt. In manchen Gegenden wie Dalmatien, Island, Südost-Australien und Holland, wo Hunde als Zugtiere benutzt werden, ist die Rate bei Hunden 12 Prozent. In Island hat man gefunden, dass unter 43 Personen eine Person an Entzündungen durch diesen Wurm leidet. Rechnen wir hierzu noch das menschliche Leid, den Fleischverlust durch infiziertes Vieh und die dauernde Gefährdung der menschlichen Gesundheit durch diese Bandwürmer, dann können wir diesem Problem nicht weiter selbstgefällig gegenüber stehen.  (Übers. Ahmad von Denffer)

Dieser Fall ist leider kein Einzelfall; die „Wissenschaft,“ die von solchen Herren zitiert wird, sieht meistens so aus. Wer, was, wann, wo genau? Das wird nie erwähnt. Stark veraltetes Zeug (der Hund wird in Europa seit ca. 1940 nicht mehr als Zugtier benutzt); nie ein Quellennachweis; hirnrissige Aussagen, wobei nie auch nur ansatzweise versucht wird deren Richtigkeit nachzuprüfen. Schon deshalb sollte man Imame in Deutschland ausbilden. Ohne Abitur kein Theologiestudium. (In Iran ist das Niveau der Schriftgelehrten übrigens erheblich höher.)

Interessant ist noch, dass Qaradāwī in der deutschen Übersetzung Dr. Qaradawi heißt, offensichtlich ohne dass es eine akademische Promotion gegeben hat. Er ist genau so wenig Doktor wie Dr. Oetker, Dr. Best und Herr von und zu.

Diakritische Zeichen: Qaraḍāwī

Siehe auch Leichtgläubig          Zurück zum Inhalt

Sunna (Kurzdefinition)

Sunna ist „Verhalten, Brauch, gewohnte Handlungsweise, überlieferte Norm“. Heutzutage denkt man bei sunna meist sofort an die sunna des Propheten: dasjenige, was der Prophet Mohammed gesagt, getan, geduldet oder bewusst unterlassen hat. Sie ist in verbürgten Traditionen (Hadith) und zum Teil auch in der Prophetenbiographie (sīra) niedergelegt worden.
Die sunna ist also ein Abstraktum; nicht etwas Greifbares, wie ein Text oder ein Buch oder Bücher. Die relevanten Texte sind die Hadithe, und es ist gut die beiden Begriffe auseinander zu halten.

  • Noch mal:
    Sunna ist das normbildende Verhalten des Propheten.
    Hadithe sind T e x t e, in denen die sunna niedergelegt worden ist.

Dazu kommt noch, dass es kein fest umschriebenes Corpus von Texten gibt, die Träger der sunna wären. Die Texte selbst sind manchmal unter einander in Widerspruch oder zweideutig und auf jeden Fall einer Interpretation unterworfen.
Phrasen wie: „In der sunna steht …“ oder „Die sunna sagt …’, oder die Frage: „Wer hat die sunna geschrieben?“ sind deshalb nicht sinnvoll. Die Wortkombination „Reformierung der sunna“ (Wikipedia) ist ebenfalls unsinnig. An Verhalten und Aussagen des Propheten gibt es nichts mehr zu reformieren, und die alten Hadithe, die darüber berichten, lassen sich ebensowenig neu schreiben. Was man mit Reformierung meint, ist vielleicht die Ablehnung der sunna als Quelle der Scharia, oder eine Änderung in der Wertschätzung der Hadithe, oder eine Einschränkung der Texte, die man als Erkenntnisquelle der sunna akzeptieren will. Dann sollte man dies aber präziser ausdrücken.

Kurzdefinitionen: Anlässe der Offenbarung, DhimmiFatwa, Hadith, Isnad, Isra’iliyatKalif, Koranauslegung, Muslim, Naskh, ProphetenerzählungenSabab an-nuzulSchariaSiraTafsirTaqiya

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