Ibn Dawud als Rechtsgelehrter: Wein

(Übersetzter Text)

Ein gewisser Kalif,1 dessen Vernunft durch die Betrunkenheit der Lüste benebelt ist, wird vielleicht sagen: „Wie kann [Wein] verboten und tadelnswert sein und zur gleichen Zeit lobenswert, obwohl doch seine Substanz (ʿayn) ein und dieselbe ist und die Scharia ihn nicht für verboten erklärt?“ Man könnte ihm entgegen halten: „Der Wein, der in dieser Welt tadelnswert ist, ist nicht derselbe wie der Wein, der im Jenseits lobenswert ist, denn diejenigen, die ihn dort trinken, bekommen weder Kopfweh noch werden sie betrunken.2 Jener Wein führt nicht zu Aggression oder Hass, und wird niemanden davon abhalten, Gott zu gedenken oder von seinen Ordnungen ablenken. Aber der Wein hier tut das alles schon, und deshalb ist der Wein in dieser Welt tadelnswert und der im Jenseits lobenswert.“ 3

ANMERKUNGEN:
1. Baʿḍ al-ḫulafāʾ: gemeint ist vielleicht Ibn al-Muʿtazz, ein Zeitgenosse des Autors, der einen Tag lang Kalif war und eine freizügige Abhandlung zum Weintrinken geschrieben hat: (Fuṣūl al-tamāṯīl, Cairo 1925). Oder soll man statt al-ḫulafāʾ vielmehr al-ḫulaʿāʾ lesen, „ausschweifend, liederlich“? Aber das Wort hatte meines Wissens zu der Zeit noch nicht diese moderne Bedeutung.
2. Koran 56:19.
3. Muḥammad ibn Dāwūd al-Iṣbahānī, Kitāb al-Zahra, Kap. 81.

فلعل بعض الخلفاء أن يغلب على عقله سكرة الأهواء فيقول: كيف تكون محرمة مذمومة وممدوحة، وعينها واحدة، ولم تأت الشريعة بتحريمها؟ فيقال له: الخمر المذمومة في هذه الدار غير الخمر المدوحة في تلك الدار، لأن أصحاب تلك الدار لا يصدعون عنها ولا ينزفون منها، وتلك لا توقع العداوة والبغضاء، ولا تصد عن ذكراه وعن فرضه. وهذه الخمر تفعل جميع ذلك، فلهذه العلل صارت الخمر في الدنيا مذمومة وفي الآخرة ممدوحة.

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Dhimmi (Kurzdefinition)

Ein Dhimmī (ذمي) war in den frühen islamischen Staaten ein Anhänger der jüdischen oder christlichen oder anderen Religion, der den Schutz des Staates im Tausch gegen Zahlung einer Kopfsteuer genoss.
Auch im Neudeutschen kommt das Wort dhimmi gelegentlich vor. Die Autorin Bat Ye’or hat es im Rahmen ihres virulenten Anti-Islamdiskurses wiederbelebt, den fremdenfeindliche Kreise in Europa gerne übernommen haben. Sie hat auch das englische Wort dhimmitude erfunden: das DhimmiSein, oder sich wie ein solcher verhalten. Dies ist nach ihrer Meinung die Lieblingstätigkeit europäischer Regierender, die vorauseilend vor dem islamischen Kalifat kapitulieren, das demnächst auf europäischem Boden etabliert werden wird. Außer für die Verblendeten ist davon aber nichts ersichtlich; es gibt keine Wirklichkeit, die diesen Fantasien entspricht.
Im 19. und 20. Jahrhundert ist das Fremdenrecht der Scharia nirgendwo angewandt. Wie es zuvor war und wann genau das Dhimmi-Konzept außer Gebrauch kam, müsste ich nachschlagen.
Auch in der heutigen islamischen Welt gilt der Begriff als veraltet. Christen und Juden bezahlen nirgendwo Kopfsteuer, tragen keine unterscheidende Bekleidung und müssen zur Armee wie jeder andere auch. Schlimmstenfalls gibt es einige halbgare Salafisten, die den Terminus dhimmī wieder einführen möchten. Das ist nichts als Größenwahn; das würde ja einen starken Islamstaat voraussetzen, den es aber nirgendwo gibt.

Freilich werden in vielen islamischen Umgebungen Christen und Juden als minderwertig betrachtet, gepiesackt oder vergrault. Das ist nun mal das Schicksal von Minderheiten. Mit den Begriffen dhimma oder dhimmi hat das aber nichts zu tun.

NACHSCHRIFT 2017: Tatsächlich hat der sog. Islamische Staat den Begriff wieder eingeführt und von Nichtmuslimen Kopfsteuer erhoben! S. hier. Aber der Horror ist fast wieder vorbei.

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Fatwa (Kurzdefinition)

Eine Fatwa (fatwā, Pl. fatāwā فتوى، فتاوى) ist im sunnitischen Islam ein nicht verbindliches, gelehrtes Gutachten auf dem Gebiet der Scharia. Eine Fatwa wird von einem Mufti (muftī) abgegeben auf Verlangen von Richtern, Privatpersonen und manchmal auch von Behörden. Scharia ist islamisches Recht, aber auch mehr als Recht: das verlangte Gutachten kann deshalb auch auf dem Gebiet der Ethik, der guten Sitten und der Glaubenslehre liegen.

Wer sich nicht persönlich an einen Mufti (der jeweils erwünschten Rechtsschule) wenden mag, kann auch Fatwa-Sammlungen von bekannten Schariagelehrten aus früher oder neuerer Zeit lesen, oder sich eine Fatwa über Internet einholen, siehe z.B. das Portal www.cyberfatwa.de.

Seit der Rushdie-Affäre (1989) ist das Wort Fatwa auch in Deutschland verbreitet, wird aber oft falsch verstanden. In der Phrase: „eine Fatwa über jemanden verhängen“ hört es sich fast an wie ein Todesurteil. Aber ein Gerichtsurteil ist es nicht, geschweige denn ein Todesurteil. Eine Fatwa, in der jemands Blut für erlaubt erklärt wird, kann einen Scharia-Richter dazu bringen ein Todesurteil zu verhängen. Aber er kann die Fatwa auch ignorieren oder ergänzend andere einholen. Und wo gibt es überhaupt Scharia-Richter? Sunnitisches Strafrecht mitsamt Todesstrafe kommt nur in einigen wenigen Ländern vor, von denen Saudi-Arabien das wichtigste ist.

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Der Mufti und die Wissenschaft

Islamische Rechtsgelehrte finden das islamische Recht in der Jurisprudenz, und wenn sie tiefer graben, leiten sie es aus dem Koran und dem Hadith des Propheten ab. Das ist ihr Job. Manche halten es darüber hinaus für nötig die Zielsetzungen der Scharia und die Gründe hinter den Rechtsregeln zu erforschen. Anders gesagt: sie wollen beweisen, dass Gott recht hatte, als er das eine oder andere Gebot oder Verbot verkündete. Dann hört man zum Beispiel, dass Schweinefleisch verboten sei, weil es Krankheitserreger enthalte, und Alkohol weil es Fehlverhalten verursache. 
Als ob Gott solche Hilfe brauchte; als ob Gottes Gründe die Menschen etwas angingen! Wer an Gott glaubt, hat doch an seinem Wort genug, oder etwa nicht? Richtig lächerlich werden diese Gelehrten, wenn sie sich bei ihrer Argumentation der Wissenschaft bedienen. Sie haben natürlich keine Ahnung, was das ist, denn sie haben nicht mal Abitur, geschweige denn eine wissenschaftliche Ausbildung. Aber ihr Publikum lacht sie nicht aus, denn das ist noch schlechter ausgebildet. So las ich in Erlaubtes und Verbotenes im Islam, ein Jugendwerk des berühmten Medienmuftis Yūsuf (Jusuf) al-Qaradāwī aus Qatar, eine „wissenschaftliche“ Untermauerung des islamischen Hundeverbots (ja, Hunde sind nach einigen Hadithen verpönt, außer Wach- und Jagdhunden). Als eine der Begründungen dieses Verbots führt er den „neuerdings entdeckten“ Hundebandwurm an. Durch Kontakt damit können beim Menschen entsetzliche Abszesse und unheilbare Entzündungen entstehen. Dann fährt er fort:

  • Professor Noeller hat durch post-mortem Untersuchungen an menschlichen Leichen in Deutschland festgestellt, dass die Rate der Infektion mit Hundewürmern mindestens ein Prozent beträgt. In manchen Gegenden wie Dalmatien, Island, Südost-Australien und Holland, wo Hunde als Zugtiere benutzt werden, ist die Rate bei Hunden 12 Prozent. In Island hat man gefunden, dass unter 43 Personen eine Person an Entzündungen durch diesen Wurm leidet. Rechnen wir hierzu noch das menschliche Leid, den Fleischverlust durch infiziertes Vieh und die dauernde Gefährdung der menschlichen Gesundheit durch diese Bandwürmer, dann können wir diesem Problem nicht weiter selbstgefällig gegenüber stehen.  (Übers. Ahmad von Denffer)

Dieser Fall ist leider kein Einzelfall; die „Wissenschaft,“ die von solchen Herren zitiert wird, sieht meistens so aus. Wer, was, wann, wo genau? Das wird nie erwähnt. Stark veraltetes Zeug (der Hund wird in Europa seit ca. 1940 nicht mehr als Zugtier benutzt); nie ein Quellennachweis; hirnrissige Aussagen, wobei nie auch nur ansatzweise versucht wird deren Richtigkeit nachzuprüfen. Schon deshalb sollte man Imame in Deutschland ausbilden. Ohne Abitur kein Theologiestudium. (In Iran ist das Niveau der Schriftgelehrten übrigens erheblich höher.)

Interessant ist noch, dass Qaradāwī in der deutschen Übersetzung Dr. Qaradawi heißt, offensichtlich ohne dass es eine akademische Promotion gegeben hat. Er ist genau so wenig Doktor wie Dr. Oetker, Dr. Best und Herr von und zu.

Diakritische Zeichen: Qaraḍāwī

Siehe auch Leichtgläubig          Zurück zum Inhalt

Sunna (Kurzdefinition)

Sunna ist „Verhalten, Brauch, gewohnte Handlungsweise, überlieferte Norm“. Heutzutage denkt man bei sunna meist sofort an die sunna des Propheten: dasjenige, was der Prophet Mohammed gesagt, getan, geduldet oder bewusst unterlassen hat. Sie ist in verbürgten Traditionen (Hadith) und zum Teil auch in der Prophetenbiographie (sīra) niedergelegt worden.
Die sunna ist also ein Abstraktum; nicht etwas Greifbares, wie ein Text oder ein Buch oder Bücher. Die relevanten Texte sind die Hadithe, und es ist gut die beiden Begriffe auseinander zu halten.

  • Noch mal:
    Sunna ist das normbildende Verhalten des Propheten.
    Hadithe sind T e x t e, in denen die sunna niedergelegt worden ist.

Dazu kommt noch, dass es kein fest umschriebenes Corpus von Texten gibt, die Träger der sunna wären. Die Texte selbst sind manchmal unter einander in Widerspruch oder zweideutig und auf jeden Fall einer Interpretation unterworfen.
Phrasen wie: „In der sunna steht …“ oder „Die sunna sagt …’, oder die Frage: „Wer hat die sunna geschrieben?“ sind deshalb nicht sinnvoll. Die Wortkombination „Reformierung der sunna“ (Wikipedia) ist ebenfalls unsinnig. An Verhalten und Aussagen des Propheten gibt es nichts mehr zu reformieren, und die alten Hadithe, die darüber berichten, lassen sich ebensowenig neu schreiben. Was man mit Reformierung meint, ist vielleicht die Ablehnung der sunna als Quelle der Scharia, oder eine Änderung in der Wertschätzung der Hadithe, oder eine Einschränkung der Texte, die man als Erkenntnisquelle der sunna akzeptieren will. Dann sollte man dies aber präziser ausdrücken.

Kurzdefinitionen: Anlässe der Offenbarung, DhimmiFatwa, Hadith, Isnad, Isra’iliyatKalif, Koranauslegung, Muslim, Naskh, ProphetenerzählungenSabab an-nuzulSchariaSiraTafsirTaqiya

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Glückliche Frauen

Wer ist die Glücklichste? (folgt Koranvers)

„Die fromme Frau: Hält sich an ihre Pflichten und rezitiert den Koran, ist anständig und keusch und betet zu Gott, tut viele extra gute Werke und hört nützliche Tonbandkassetten.“

„Die nicht-fromme Frau: Geht oft shoppen, trägt kurze, eng anliegende Kleidung, mag Make-up und zeigt gerne ihr Gesicht. Ahmt ungläubige Frauen nach und sieht Satellitenprogramme.“

(So ein Flittchen auch, die linke! Solche findet man vor allem in Saudi-Arabien. Wo ist dann ihre „kurze, eng anliegende Kleidung“? Die konnte nicht abgebildet werden, denn das ist in Saudi-Arabien verboten.)

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Das Lachen des Propheten

Jesus weinte (Joh. 11:35). Der Buddha lächelt, indische Gurus lächeln auch, manche etwas zwielichtig. Andere Gründerfiguren wie Lenin, Hitler oder Khomeini schauen meistens grimmig oder griesgrämig drein. Laut zu lachen, das gehört sich nicht für einen geistigen Führer. Fromme Menschen lassen schon Raum für „angemessene Freude,“ aber lautes Gelächter wird schon bald mit dem schallenden Gelächter der Hölle in Verbindung gebracht. 1
Der Prophet Mohammed dagegen hat laut gelacht. So ist es zumindest in einigen Hadithen zu lesen: „Der Prophet lachte so, dass man seine Eckzähne sah.“ 2 Ein Geräusch machte er auch dazu: „Wenn der Prophet lachte, sagte er: qah qah 3 — was wohl dem deutschen Ha ha entspricht.
Andererseits gibt es auch einen Hadith , aus islamischer Sicht genau so gut verbürgt, in der es heißt: „Wenn der Prophet lachte, lächelte er nur,“ 4 und in vielen Texten, in denen der Prophet lachend geschildert wird, steht nicht einmal mehr das Wort „lachen“ (dahika), sondern man hat schon gleich „lächeln“ (tabassama) geschrieben.5
Wer alle korrekt überlieferte Hadithe
on und über den Propheten als Augenzeugenberichte auffasst, bekommt hier vielleicht ein Problem. Denn wie ist das „nur Lächeln“ des Propheten mit seinem ausgelassenen, schallenden Lachen in Einklang zu bringen? Es sind nicht nur tiefgläubige Muslime, die hierüber grübeln können. Der deutsche Orientalist Sellheim hat manchem Fachkollegen einen Lachkrampf beschert mit seiner These, dass der Prophet so etwas wie eine Hasenscharte hatte. Nur so könne er zur gleichen Zeit lächeln und auch seine Eckzähne entblößen! Der Artikel des Gelehrten ist sogar illustriert: man sieht ein Lippenpaar, das die Vorderzähne bedeckt, aber die Eckzähne sichtbar lässt.
In diesem Fall hat ein humorloser Orientalist getan, was normalerweise nur Theologen und fromme Menschen tun: er hat sein Heil in dem Harmonisieren von Texten gesucht. Genau wie ein traditioneller Schriftgelehrter hat Sellheim alle Hadithe für Augenzeugenberichte gehalten und nicht ertragen können, dass sie zueinander in Widerspruch stehen. Beim Harmonisieren wird an den Texten gerüttelt und gedreht, Wörtern wird eine andere Bedeutung als die normale gegeben; strittige Behauptungen schließen einander aus, aber „eigentlich“ sollen sie dasselbe bedeuten. Die Ergebnisse von Harmonisierung sind intellektuell unbefriedigend und oft einfach albern.
Zurück zu den Texten. Es gibt also zwei Arten Hadithe über das Lachen des Propheten: die, in denen er schallend lacht, und die, in denen er nur lächelt. Beide sind sprachlich völlig klar: an den Wortbedeutungen gibt es nichts herumzubasteln. Am Wortlaut der Texte ist erkennbar, dass es keine neutralen Mitteilungen sind, sondern dass die Sprecher mit gewisser Betonung einen Standpunkt hervorbringen wollen. Denn warum würde sich jemand die Mühe machen, zu verkünden, dass der Prophet immer nur lächelte, wenn nicht zuvor jemand das Gegenteil gedacht oder gesagt hatte? Anderseits hat, nach den Texten mit schallendem Gelächter, der Prophet seinen Mund sperrangelweit aufgesperrt und dabei auch Geräusche von sich gegeben. Es sieht aus, als hätten sich deren Erzähler aufgeregt über das nur fade Lächeln, das man ihrem Propheten andichten wollte. Die Lächelfaktion schlug zurück, indem sie mittels einer Aussage Aischas dem Propheten übertriebenes Lachen absprach und zugleich das Lächeln propagierte: „[…] Ich habe nie gesehen, dass der Prophet lachte bis ich sein Zäpfchen sah; er lächelte immer nur.“ 6
Es betrifft keine Berichte aus der Zeit des Propheten, aber man hat in den Hadithen die Frage diskutiert, ob und wie der Prophet gelacht hat. Die Frage war wichtig, denn das Vorbild des Propheten war und ist bestimmend für das Verhalten der Muslime.
Die Idee der Antike, ein Prophet, Gründer, Führer, usw. habe ein ernsthafter Mann zu sein, für den schallendes Gelächter unpassend ist, hatte also im frühen Islam schon Anhänger. Aber es gab auch genügend Muslime, die dies energisch bestritten und auch die Texte mit schallendem Gelächter in den islamischen ‘Kanon’ aufgenommen zu bekommen wussten, nämlich in die Hadithsammlungen von al-Bukhārī und Muslim. Der Widerspruch ist nie aufgelöst worden; wie immer kann jeder sich die Hadithe wählen, bei denen er oder sie sich am wohlsten fühlt. Das Lachen hat also im Islam durchaus Chancen.

Hier folgt ein Witz in Form eines Hadiths auf Kosten des islamischen Rechts, in dem man den Propheten selbst mitlachen lässt:

  • … von Abū Huraira: Wir saßen beim Propheten, als ein Mann vorbeikam, der sagte: „Prophet, es ist um mich geschehen!“
    Der Prophet fragte: „Wieso, um dich geschehen?“
    „Ich habe während des Fastens im Ramadan mit meiner Frau geschlafen.“
    „Hast du einen Sklaven, den du als Sühne freilassen kannst?“
    „Nein.“
    „Kannst du zwei Monate hinter einander fasten?“
    „Nein.“
    ‘Hast du die Möglichkeit, sechzig Arme zu speisen?“
    „Nein.“
    Darauf setzte sich der Mann zu uns. Inzwischen wurde dem Propheten ein großer Korb Datteln gebracht. Er fragte: ‘Wo ist der Mann von gerade eben?“
    „Hier bin ich,“ rief der Mann.
    „Nimm diese Datteln und verschenke sie als Almosen!“
    „An Menschen, die noch bedürftiger sind als ich, Prophet? Bei Gott, es gibt in Medina keine Familie, die sie mehr braucht als die meine!“
    Darauf lachte der Prophet so laut, dass man seine Backenzähne sehen konnte, und er sagte: „Gut, bring sie dann zu deiner Familie!“ 7

 

ANMERKUNGEN
1. Vgl. Jesus Sirach 27:13:„Die Rede der Narren ist unerträglich, und sie lachen, wenn sie in Sünden  schwelgen.“
2. Bukhārī, Adab 68: فضحك النبي ص حتى بدت نواجذه  u.v.a!
3. Oder ’ih ’ih Quelle@!!.
4. U.a. at-Tirmidhī, Manāqib 1: مَا كَانَ ضَحِكُ رَسُولِ اللَّهِ  ص إِلَّا تَبَسُّمًا. Bukhārī, Libās 6 KONTROLLE@  Vgl. Jesus Sirach 21:29: „Ein Narr lacht überlaut; ein Weiser lächelt nur ein wenig.“
5. Al-Bukhārī, Ādhān 46, 94: ثم تبسم يضحك
6. Bukhārī, Tafsīr S. 46, 2, Muslim, Istisqā’ 16 u.a.:  ما رأيت رسول الله ص ضاحكا حتى أرى منه لهواته إنما كان يتبسم.
7. Al-Bukhārī, Saum 30; Muslim, Siyām 81.

BIBLIOGRAPHIE
– Rudolph Sellheim, „Das Lächeln des Propheten,“ in: Festschrift für A. E. Jensen, München 1964, 621–630.
– Ludwig Amman, Vorbild und Vernunft. Die Regelung von Lachen und Scherzen im mittelalterlichen Islam, Hildesheim 1993.

Diakritische Zeichen: ḍaḥika, al-Buḫārī, at-Tirmiḏī, āḏānṣaum, ṣiyām

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Die Chronologie des Korans

Nach traditioneller islamischer Überzeugung wurde der Koran Mohammed über 23 Jahre in Teilen offenbart. Demzufolge gibt es im Koran frühe und spätere Teile. Schon seit dem 8. Jahrhundert haben Muslime versucht die Chronologie der Offenbarungen festzulegen. Deren Ergebnisse finden Sie z.B. in den Überschriften über jeder Sura. Dort steht zum Beispiel: „Mekkanisch,“ d.h. offenbart, als der Prophet in Mekka weilte, oder „Medinensisch“: offenbart, als der Prophet schon nach Medina emigriert war. Es geht auch genauer: in größeren Koranausgaben steht in der Überschrift auch: „Offenbart nach der Sura so-und-so“.
Warum war es so wichtig, die chronologische Reihenfolge der Koranoffenbarungen festzulegen? Ein Grund war die Überzeugung, dass spätere Verse ältere abschaffen konnten—der technische Terminus ist „abrogieren“ (nas, naskh). Das hatte Konsequenzen für das islamische Recht.
Ein einfaches Beispiel. Über das Weintrinken stehen vier Verse im Koran:

    • Und (wir geben euch) von den Früchten der Palmen und Weinstöcke (zu trinken), woraus ihr euch einen Rauschtrank macht, und (außerdem) schönen Unterhalt. Darin liegt ein Zeichen für Leute, die Verstand haben. (K. 16:67)
    • Ihr Gläubigen! Kommt nicht betrunken zum Gebet, ohne vorher (wieder zu euch gekommen zu sein und) zu wissen, was ihr sagt! (K. 4:43)
    • Man fragt dich nach dem Wein und dem Losspiel. Sag: In ihnen liegt eine schwere Sünde. Und dabei sind sie für die Menschen (auch manchmal) von Nutzen. Die Sünde, die in ihnen liegt, ist aber größer als ihr Nutzen. (K.2:219)
    • Ihr Gläubigen! Wein, das Losspiel, Opfersteine und Lospfeile sind (ein wahrer) Greuel und Satans Werk. Meidet es! Vielleicht wird es euch (dann) wohl ergehen. Der Satan will (ja) durch Wein und das Losspiel nur Feindschaft und Haß zwischen euch aufkommen lassen und euch vom Gedenken Gottes und vom Gebet abhalten. Wollt ihr denn nicht (damit) aufhören? (K. 5:90–91)(Übersetzungen Rudi Paret)

Weil nun der zuletzt zitierte Vers als der jüngste gilt, abrogiert dieser die drei anderen. Er ist der „abrogierende Vers“ (nāsiḫ, nāsikh). Darauf basiert das islamische Weinverbot. Die älteren sind für die Scharia nicht mehr relevant.
Aber auch ein alltägliches historisches Interesse wird eine Rolle gespielt haben: Man wollte nun mal gerne wissen, bei welcher Gelegenheit, zu welchem Anlass, ein Koranfragment offenbart worden war. Das führte zur Kupplung zahlreicher Offenbarungen an Ereignisse im Leben des Propheten. Um diese Kupplung zu ermöglichen, brauchte man natürlich schon eine Biographie des Propheten (sira). Die ersten Versuche dazu datieren auf ungefähr 700, aber diese sind noch ziemlich fragmentarisch und ungeordnet. Die erste große Biographie ist im Geschichtswerk des Ibn Isḥāq enthalten, das um 760 zustande gekommen ist. Er war auch der Erste, der der Biographie einen soliden chronologischen Rahmen verliehen hat.
Ibn Isḥāq war kein Prophetengefährte und hatte auch nicht das Prestige der ersten Nachfolgergenerationen. Seine Arbeit wurde in der alten Zeit eher kritisch beurteilt. Sie enthält etliche bedenkliche Erzählungen ohne anständige Überliefererkette (isnād). Trotzdem scheint seine Biographie für das islamische Glaubensgebäude unverzichtbar. Ohne Biographie keine Chronologie der Koranabschnitte, und ohne diese würden die Interpretationen für die Scharia ganz anders ausfallen. Wenn etwa nicht der letzte der vier oben zitierten Verse über Wein Autorität bekommen hätte, unter Ausschluss der anderen, tränken wir jetzt vielleicht Wein aus Schiras.
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Wie sind *Orientalisten an das Thema herangegangen? Im neunzehnten und zum Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts sind sie ganz nah an der islamischen Tradition geblieben. Sie glaubten zwar nicht, dass der Koran offenbart worden wäre, aber gingen schon davon aus, dass Mohammed ihn während 23 Jahre in die Welt gesetzt habe, und sie hielten die Prophetenbiographie in großen Zügen für glaubwürdig. Sie waren aber so pedantisch die chronologische Folge der Koranfragmente noch mal ganz genau feststellen zu wollen; besser, als es die alten Muslime getan hatten. Das System von → Nöldeke und Schwally, mit deren Einteilung in drei Mekkanische Perioden und eine Medinensische, hat unter nichtmuslimischen Gelehrten die meiste Autorität erhalten. Aber auch andere haben daran gearbeitet, so dass wir jetzt über mehrere Vorschläge für eine Chronologie verfügen. Die Ergebnisse ihrer Arbeiten sind von → Welch zusammengefasst worden.
Inzwischen halten nur noch wenige nichtislamische Gelehrte die Prophetenbiographie für eine brauchbare Geschichtsquelle. Mit ihr entfällt dann auch die Basis der koranischen Chronologie, aber so weit hat noch kaum jemand gedacht. Wer nicht durch Glauben daran gehindert wird, könnte jetzt also die Entstehung des Korans in 23 Jahren anzweifeln. Denkbar ist zum Beispiel, dass die ganz unterschiedlich gestalteten Textteile nicht nacheinander, sondern nebeneinander entstanden sind, in unterschiedlichen Kreisen. Die blitzenden, beschwörenden kurzen Suren und die wortreichen legislativen Texte der längeren Suren unterscheiden sich in Inhalt und Grundton; warum sollten sie nicht auch eine andere Herkunft haben? Moderne Gelehrte sind nicht, wie ihre Kollegen von vor hundert Jahren, an Mohammed als Autor des Korans gebunden. Um beim Beispiel „Weintrinken“ zu bleiben: Es könnte zur selben Zeit Menschen gegeben haben, die Weintrinken ganz entspannt beurteilten, und andere, die vehement dagegen waren, wie einst die Nasiräer im Judentum.
Das würde bedeuten, dass der Koran Texte aus mehreren Quellen enthalte. Eine Urkunden- oder Quellenhypothese also, wie in der Bibelforschung des 19. Jahrhunderts. → J. Wansbrough hat auf diesem Gebiet schon Vieles durchdacht, aber weil er bestimmte Fehler gemacht hat, werden auch seine fruchtbaren Gedankengänge nicht mehr gerne gelesen. Wansbroughs Anstrengungen haben auf jeden Fall dazu geführt, dass über die ganze Problematik noch mal neu nachgedacht wird. Die Gedanken sind frei, und die Beweise und Argumente der alten Orientalisten bröckeln. Das angeblich gesicherte Wissen ist hin.
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Traditionelle Muslime werden den obigen Vorschlag sofort verwerfen. Der Gedanke, dass der Koran Texte mehrerer Quellen enthalten könnte, ist ihnen ein Gräuel. Für sie hat der Koran nur eine Quelle: Gott.
Kritischer eingestellte Muslime wissen schon, dass Ibn Isḥāq kein Heiliger war und dass auch das alte Wissen um die Chronologie und die „Anlässe der Offenbarung“ nur Menschenwerk war: eine frühe Form von Wissenschaft, die gegebenenfalls für überholt erklärt werden kann. Wie solche Muslime das mit ihrem Glauben in Einklang bringen, ist deren Problem.
Aber dass nichtmuslimische Gelehrte brav an der islamischen Tradition kleben, darauf zur gleichen Zeit eine gehörige Portion Pedanterie loslassen, aber dann doch wieder versäumen die neueren Einsichten zur Prophetenbiographie mit einzubeziehen, das ist nachlässig und beschämend.

Bibliografie:
G. Böwering, ‘Chronology and the Qurʾān,’ in EQ.
Th. Nöldeke, Geschichte des Qorāns, zweite Auflage bearbeitet von F. Schwally, G. Bergsträsser en O. Pretzl, 3 Bde., Leipzig 1909–1938, Nachdruck Hildesheim 1981, i, 58–234.
A. T. Welch, ‘Ḳurʾān,’ in EI2, 414–419.
J. Wansbrough, Quranic Studies. Sources and methods of scriptural interpretation, Oxford 1977.

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Scharia (Kurzdefinition)

  • „Das weite Verständnis der Scharia umfasst die Gesamtheit aller religiösen und rechtlichen Normen, Mechanismen zur Normfindung und Interpretationsvorschriften des Islam, also etwa der Vorschriften über Gebete, Fasten, das Verbot bestimmter Speisen und Getränke wie Schweinefleisch und Alkoholisches und die Pilgerfahrt nach Mekka ebenso wie Vertrags-, Familien- und Erbrecht.“  (→ Rohe, Scharia, S. 9)

Im islamischen Sprachgebrauch ist Scharia also: die Regeln und Verordnungen, die das Leben der Muslime bestimmen, zum Großteil abgeleitet aus Koran und Hadith.
Die Scharia ist umfassender als europäische Rechtssysteme: Auch Glaubenslehre, Ethik und gute Manieren sind darunter begriffen. Sie ist eine Pflichtenlehre, die die Beziehung zwischen Mensch und Gott und zum Teil auch zwischen Mensch und Mensch regelt.

  • Im alten Arabisch bedeutete sharī‘a: „a watering place; a place to which men come to drink therefrom and to draw water“. Oder: „gaps, or breaches, in the banks of rivers or the like by which men or beasts come to water“ (Lane, Arabic-English Lexicon). Diese Bedeutung ist für „Scharia“ im Sinne von islamischem Recht nicht relevant. Warum immer wieder gesagt wird: Sharī‘a bedeutet „Weg“ ist mir ein Rätsel. Sogar → Calder, Sharī‘a, fällt darauf rein. Das verwandte shir‘a kann „Anfang eines Wegs“ bedeuten. Die Übersetzung „Weg zur Tränke“ scheint mir ein Bequemlichkeitskompromiss, um sowohl den „Weg“ wie auch die „Tränke“ hereinzubekommen. Dabei denkt man sich dann bestimmt etwas Erbauliches.

Die heutige Bedeutung des Wortes sharī‘a ist erst spat gängig geworden. Im ganzen „kanonischen“ Hadith kommt es nur einmal in relevanter Bedeutung vor; im Koran gar nicht. Das bedeutet: Es war im Frühislam nicht sehr verbreitet. Um 900 war es mit Sicherheit in Gebrauch; inwieweit die Juristen des 9. Jahrhunderts es verwendeten wäre mal nachzuprüfen.
Die Übersetzung „Islamisches Gesetz“ ist falsch. Sie stammt wohl aus dem englischen Islamic law. Das englische law umfasst sowohl Recht als auch Gesetz. Aber die Scharia ist kein Gesetz. Die Übersetzung: „islamisches Recht” ist besser, aber auch nur dann richtig, wenn man gerade von Recht redet. Am besten lässt man das Wort unübersetzt, in der längst eingedeutschten Form: Scharia.

Die Scharia ist kein Gesetz, nicht kodifiziert und sicherlich kein Buch, das jemand für die Ewigkeit niedergeschrieben hätte. Nicht etwas Greifbares, sondern ein Abstraktum. Fragen wie: „Was sagt die Scharia zu …? Was steht in der Scharia? Wer hat die Scharia geschrieben?“ sind also sinnlos. Die Scharia sagt nichts, sondern muss immer wieder in den Rechtsquellen gefunden werden, d.h. in Koran, Hadith und Jurisprudenz. Sie ist also dem Wandel unterworfen, wenn auch Rechtsgelehrte sich oft mit dem begnügen, was ihre Kollegen vor Jahrhunderten schon gefunden hatten. Das muss aber nicht so sein. Die Frage, inwieweit man den Alten folgen muss (taqlīd) oder die früher bereits gelösten Rechtsfragen noch mal aufs Neue aufrollen kann (idjtihād), ist seit mehr als einem Jahrhundert das wichtigste Diskussionsthema in der ganzen islamischen Welt.

LESEN
– Mathias Rohe, Das islamische Recht. Geschichte und Gegenwart, München 20092.
– Norman Calder, „Sharīʿa“ in EI2.
– Joseph Schacht, An Introduction to Islamic Law, Oxford 1964.
– Said Ramadan, Das islamische Recht. Theorie und Praxis, Wiesbaden 1980.

Kurzdefinitionen: Anlässe der Offenbarung, DhimmiFatwa, Hadith, Isnad, Isra’iliyatKalif, Koranauslegung, Muslim, Naskh, ProphetenerzählungenSabab an-nuzulSiraSunnaTafsirTaqiya,

Diakritische Zeichen: šarīʿa, širʿa, iǧtihād

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