Lebensmittelhilfe für Medina. Arbeitsloses Grundeinkommen

canal_des_pharaons640 wurde Ägypten von ‘Amr ibn al-‘Ās für die Araber erobert; Alexandrien etwas später. Eine seiner ersten Maßnahmen war die Wiederherstellung des Bubastis-Kanals, der vom heutigen Zagazig im Nildelta zum heutigen Ismā‘īlīya verlief und von dort südwärts durch den Krokodilsee und die Bitterseen nach Qulzum bei Suez. Es handelte sich also um einen Wasserweg vom Delta bis zum Roten Meer. An einem Kanal vom Roten Meer bis zum Mittelmeer war zu der Zeit niemand interessiert. Alexandrien war ja Seehafen und die Schiffe waren klein genug um auch über den Nil oder durch einen Kanal zu fahren. Und notfalls wurde mal umgeladen; all das war billiger als der Transport über Land. Überdies waren die Handelskontakte mit dem feindlichen Römerreich erst mal zum Erliegen gekommen.
.
Dieser oder ein ähnlicher Kanal existierte schon zur Pharaonenzeit. Der Kanal, den ‘Amr dort vorfand, hatte der persische König Darius (522–486 v. Chr.) bauen lassen, der dort Inschriften zurückließ. Nach dem Abzug der persischen Besatzungsmacht wollte niemand mehr per Schiff nach Persien und der Kanal wurde vernachlässigt. Ptolemæus II (284–246 v. Chr.) ließ ihn erneuern und zum Teil umleiten, mit einer Schleuse, die verhinderte, dass Salzwasser in den Nil strömen konnte. Der Endpunkt am Roten Meer hieß Arsinoë nach seiner Schwester, die auch seine Gattin war. Der Kanal wurde unter dem römischen Kaiser Traian (98–117) nochmals erneuert. Zu seiner Zeit beherrschte das Römerreich die Schifffahrt im Roten Meer und im Persischen Golf und trieb intensiv Handel mit Indien. Dieser Kanal endete bei Klysma („Schleuse“) oder Kleopatris, dem späteren arabischen Qulzum. Der Wasserweg dürfte bei Ankunft der Araber in einem nicht mal so schlechten Zustand gewesen sein; bei Hochwasser im Nil soll er noch befahrbar gewesen sein. Es war in der Antike natürlich keine Kleinigkeit solch einen Kanal zu bauen oder zu vertiefen. Aber das Gelände half mit, denn ein Großteil der Strecke verlief durch das weiche Bett des Wadi Tumīlāt. Und natürlich halfen zahllose Sklaven mit, von denen bestimmt viele ums Leben kamen.
.
Als im neunzehnten Jahrhundert der moderne Suezkanal gegraben wurde, nahm man diesen alten Kanal wieder in Gebrauch um aus dem Delta Trinkwasser und allerlei Güter zur Baugrube zu bringen. Hier finden Sie eine schöne Karte aus dieser Zeit; durch wiederholtes Anklicken lässt sie sich vergrößern. Die fette horizontale Linie ist der Kanal; er heißt dort Canal de l’Ouadee Salsalamout bzw. Canal des Ptolémé (Orthographie ist nie die stärkste Seite von Ingenieuren.)
.
640 oder 641 war der Kanal wieder befahrbar und die ersten Getreideschiffe fuhren nach al-Djār, den Hafen von Medina. Der Transport über das Meer war viel günstiger und sicherer als Karawanen aus Syrien. Das Getreide dürfte in Ägypten günstig gewesen sein, denn die üblichen Lieferungen nach Konstantinopel, das jetzt Feindesland war, waren erst mal zum Erliegen gekommen. Und wenn es nicht einmal bezahlt werden musste, weil es aus erbeuteten Staatsländereien stammte, war es sogar noch billiger. Für Medina konnte der Engpass des Katastrophenjahrs 639 sich nicht wiederholen.

  • Im Jahr 21 schrieb ‘Umar an ‘Amr ibn al-‘Ās, teilte ihm mit, in welcher Notlage die Menschen in Medina sich befanden und befahl ihm Nahrungsmittel aus dem Steuerertrag über das Meer nach Medina zu senden; darunter auch Öl. Als diese in al-Djār eintrafen regierte dort Sa‘d. Es wurde dann zu einem Gebäude in Medina gebracht und unter die Menschen verteilt.1

Eine Variante dieser Geschichte:

  • ‘Umar ritt aus mit den vornehmsten Prophetengefährten, bis er nach al-Djār kam, wo er die Schiffe sah. Er gab den Auftrag das Getreide in Empfang zu nehmen und er ließ an der Stelle zwei Festungen bauen, in denen er es speicherte. Darauf gab er Zaid ibn Thābit den Auftrag die Menschen nach ihren Wohnorten zu registrieren und befahl ihm Schecks (sikāk, Pl. von sakk) auf Papyrus zu schreiben, die er unten mit seinem Siegel versah.2

Dies sind Texte zu der ersten Güterverteilung; es gibt noch einige und sie passen nicht sehr gut zusammen. Ein anderer Bericht erzählt, dass ‘Umar einen Versuch anstellte, weil er wissen wollte, wie viel Getreide pro Person benötigt sei:

  • ‘Umar befahl einen djarīb (22,715 Kg) Weizen bereitzustellen. Der wurde gemahlen, dann gebacken und in Öl eingeweicht. Darauf ließ er dreißig Männer einladen, die damit ihr Mittagsmahl einnahmen […] und abends noch mal dasselbe und er stellte fest, dass für einen Mann zwei djarīb pro Monat ausreichend sind. Deshalb gab er jedem Mann, jeder Frau und jedem Sklaven 2 djarīb pro Monat.3

Aber die Getreideverteilung war bald überholt, denn es gab noch viel mehr zu verteilen. Es kam auch allerlei andere Beute aus den eroberten Gebieten. Zur selben Zeit wurden ja Syrien, der Irak und Iran erobert, was einen nicht versiegenden Strom von Beutegut zur Folge hatte. Die Regierung lagerte die meisten Güter erst in den Staatsdepots und verteilte sie von da aus auf kontrollierte Weise. Rückkehrende Soldaten hatten auch noch eigenes Geld in der Tasche. Medina wurde reich.
.
Ca. 642, das ist nur ganz kurz nach den ersten Getreidesendungen aus Ägypten, organisierte Kalif ‘Umar deshalb ein Register aller frühen Gläubigen, den sog. Dīwān al-djund.4 Darin wurden alle Emigranten aus Mekka verzeichnet, aber auch die, die nach Äthiopien emigriert und zurückgekehrt waren, und die sog. „Helfer“ in Medina, und alle, die sich ehrenvoll in Mohammeds Militärexpeditionen betätigt hatten oder sonst Verdienste hatten für seine Sache—kurz: fast alle freien Einwohner Medinas! Hinter ihren Namen wurden ihre Taten aufgeführt.
Alle diese Menschen bekamen fortan jedes Jahr eine Zuwendung aus der Staatskasse, und oft genug ihre Kinder auch noch. Denken Sie dabei nicht an Hartz 4! Die Zuwendungen an die Armen unter den Emigranten (ahl as-suffa), die waren damals tatsächlich Armenfürsorge gewesen; jetzt handelte es sich aber um große Summen. Es war unerhört. Wenn Menschen in der Antike registriert wurden, war das normalerweise um effektiv Steuern von ihnen zu erheben. Hier ging es um die Gewährung eines Grundeinkommens oder Ehrengeldes oder, wenn Sie so wollen, um eine kontrollierte Verteilung von Kriegsbeute.
.
Es gab eine Hierarchie unter den Zuwendungsberechtigten nach ihren Verdiensten. Puin unterscheidet vier Gruppen:4

  • Gruppe 1: Badr-Kämpfer; Witwen des Propheten 4000 DH (=Dirham), später 5000 oder 6000
    Gruppe 2: Übrige Emigranten und Helfer (ansār) 1000 DH weniger als Gr. 1
    Gruppe 3: Teilnehmer bei al-Hudaibiya und bei den Ridda-Kämpfen 1000/2000 DH weniger als Gr. 2
    Gruppe 4: Alle übrigen Einwohner Medinas 250–400 DH

Zwar setzt Puin bei allen seinen Daten ein Fragezeichen, aber man bekommt doch einen Eindruck. Ungewiss ist vor allem, wie viel die Nachkommen der ursprünglichen Zuwendungsberechtigten empfangen sollten.
Es war deshalb sehr wichtig, wie man registriert war. Söhne und Enkel werden sich Mühe gegeben haben, die guten Taten ihres Vorfahren noch etwas aufzubauschen, nicht nur wegen des größeren Prestiges, sondern auch für mehr Geld. Das hatte eine Auswirkung auf die biographische Literatur (Gattung: Verdienste der Prophetengefährten).
.
Die Mekkaner bekamen übrigens nichts—es sei denn, sie hätten sich nach ihrer späten „Bekehrung“ im Jahr 630 noch für Gottes Sache angestrengt, indem sie als Soldaten nach Syrien oder in den Irak zogen. Das galt auch als Hidschra.

ANMERKUNGEN
1. Al-Balādhurī, Futūh al-buldān (Liber expugnationis regum), Hg. M.J. de Goeje, Leiden 1866, 216.

وكتب عمر بن الخطاب في سنة ٢١ الى عمرو بن العاصي يعلمه ما فيه أهل المدينة من الجهد ويأمره أن يحمل ما يقبض من الطعام في الخراج الى المدينة في البحر فكان ذلك يُحمل ويحمل معه الزيت فإذا ورد الجار تولّى قبضه سعد الحار ثم جُعل في دار بالمدينة وقسم بين الناس بمكيال.

2. Al-Ya‘qūbī, Ta’rīkh, Hrsg M. Th. Houtsma ii, 177:

 كتب عمر الى عمرو بن العاص أن يحمل طعامًا غي البحر الى المدينة يكفي عامة المسلمين حتى يصير به الى ساحل الجار فحمل طعامًا الي القلزم ثم حمله في البحر في عشرين مركبًا في المركب ثلاثة آلاف إردبّ وأقل وأكثر حتى وافى الجار وبلغ عمر قدومها فخرج ومعه جلّة أصحاب رسول الله حتى قدم الجار فنظر السفن ثم وكّل من قبض ذلك الطعام وبنى هناك قصرين وجعل ذلك الطعام فيهما ثم أمر زيد ين ثابت أن يكنب الناس على منازلهم وأمره أن يكنب لهم صكاكًا من قراطيس ثم يختم أسافلها قكان أول من صكّ وختم أسفل الصكاك.

3. G.-R. Puin, Der Dīwān von ʿUmar ibn al-Ḫaṭṭāb. Ein Beitrag zur frühislamischen Verwaltungsgeschichte, Diss. Bonn 1970, 90; al-Balādhurī, Futūh al-buldān, Kairo ed. 363 @noch kontrollieren@@
4. Puin,
o.c., 94–5.
5. Puin, o.c.,
113–4.

Diakritische Zeichen: ʿAmr ibn al-ʿĀṣ, al-Ǧār, ṣakk, ṣikāk, ǧarīb, dīwān al-ǧund, ahl aṣ-ṣuffa, anṣār, al-Ḥudaibiya, al-Balāḏurī, futūḥ, taʾrīḫ

Zurück zum Inhalt

Umars Bekehrung (übersetzter Text)

‘Abdallāh ibn Mas‘ūd hat erzählt: Bevor ‘Umar Muslim wurde, konnten wir das Gebet nicht bei der Ka‘ba verrichten. Als er zum Islam übergetreten war, bekämpfte er die Quraisch so lange, bis er dort beten konnte, und wir mit ihm. ‘Umar wurde Muslim, nachdem die Gefährten des Propheten nach Äthiopien gezogen waren.
Wie ich erfahren habe, verlief die Bekehrung ‘Umars so: Seine Schwester Fātima und ihr Mann Sa‘īd ibn Zaid waren schon Muslime geworden, aber sie verschwiegen es ‘Umar. Sein Stammesgenosse Nu‘aim ibn ‘Abdallāh war auch Muslim geworden und auch er verheimlichte es aus Angst vor seiner Verwandtschaft. Khabbāb ibn Aratt besuchte Fātima oft um ihr den Koran zu rezitieren.
Eines Tages umgürtete ‘Umar sich mit seinem Schwert und begab sich zum Propheten. Man hatte ihm nämlich gesagt, dass dieser mit einer Anzahl seiner Gefährten in einem Haus bei Safā versammelt war. Sie waren ungefähr vierzig Personen, Männer wie Frauen, unter denen Mohammeds Onkel Hamza, Abū Bakr und ‘Alī und noch andere Muslime waren, die bei dem Propheten in Mekka geblieben und nicht nach Äthiopien gezogen waren. Unterwegs traf ‘Umar Nu‘aym ibn ‘Abdallāh, der ihn fragte, wohin er gehe.
„Zu Mohammed,” sagte er, „diesem Sabier, der unter den Quraisch Zwietracht sät, ihre besten Tugenden Torheiten nennt, ihre Religion schmäht und ihre Götter verflucht. Ich werde ihn töten!”
„Du betrügst dich selbst, ‘Umar,” sagte Nu‘aym, „meinst du, dass die ‘Abd Manāf dich hier frei herumlaufen lassen werden, nachdem du Mohammed getötet hast? Solltest du nicht besser erst deine Angelegenheiten in der eigenen Familie in Ordnung bringen?”
„Was ist mit meiner Familie?”
„Dein Schwager und Vetter Sa‘īd und deine Schwester Fāṭima sind auch Muslime geworden und bekennen sich zu Mohammeds Glauben. Kümmere dich erst mal darum!”
‘Umar kehrte um und ging zu seiner Schwester und seinem Schwager. In dem Augenblick war Khabbāb ibn Aratt gerade bei ihnen; er hatte ein Blatt bei sich, auf dem die Sure Tāhā geschrieben war, die er ihnen rezitierte. Als sie ‘Umar kommen hörten, versteckte Khabbāb sich in einem Zimmerchen oder irgendwo im Haus, während Fatima das Blatt nahm und sich daraufsetzte. ‘Umar hatte aber, als er sich dem Haus näherte, Khabbāb schon rezitieren gehört und fragte sobald er hereintrat:
„Was war das für ein Kauderwelsch?”
„O, das war nichts.”
„Doch, doch, und mir ist auch gesagt worden, dass ihr der Religion des Mohammeds anhängt!”
Mit diesen Worten ging er seinem Schwager zu Leibe und als Fātima dazwischen kommen wollte, verpasste er auch ihr einen Schlag auf den Kopf.
„Ja,” sagten sie dann, „wir sind Muslime geworden und wir glauben an Gott und seinen Gesandten. Mache mit uns, was du willst!”
Als ‘Umar sah, wie seine Schwester blutete, tat sie ihm Leid, er tat einen Schritt rückwärts und sagte zu ihr: „Gib mir das Blatt mal, von dem ich gerade rezitieren hörte, damit ich sehe, was Mohammed verkündet.” ‘Umar konnte nämlich lesen und schreiben. Aber sie wollten es ihm nicht anvertrauen. „Keine Angst,” sagte er und er schwor ihr bei seinen Göttern, er werde es ihr zurückgeben, wenn er es gelesen habe. Da hoffte Fātima, dass er Muslim werden würde, und sagte: „‘Umar, du bist unrein, weil du ein Heide bist, und nur wer rein ist darf ihn berühren. 1 ‘Umar wusch sich; darauf gab sie ihm das Blatt mit der Sure Ṭāhā. Nachdem er ein Stück daraus gelesen hatte, rief er aus:
„Was für wunderbare, edle Worte!”
Als Khabbāb das hörte, kam er aus seinem Versteck und sagte: „‘Umar, ich hoffe, dass Gott dich auserwählt hat durch das Gebet Seines Propheten, denn diesen habe ich gestern beten hören: “O Gott, stärke den Islam durch die Bekehrung des Abū Ḥakam oder des ‘Umar!” Komm zu Gott, ‘Umar, komm zu Gott!”
Dann sagte ‘Umar: „Sag mir, wo ich Mohammed finden kann, Khabbāb; dann werde ich Muslim.”
Khabbāb antwortete, er sei mit einer Anzahl Gefährten in einem Haus bei Safā. ‘Umar legte sein Schwert um und machte sich auf den Weg. Er klopfte an die Tür des Hauses, in dem sie sich aufhielten. Als sie ihn hörten, ging einer der Gefährten zur Tür um durch einen Spalt zu schauen, wer da sei. Voller Angst kam er zurück zum Propheten und rief: „Prophet, es ist ‘Umar, und er trägt sein Schwert.” Hamza ibn ‘Abd al-Muttalib aber sagte: „Lasst ihn herein; wenn er gute Absichten hat, behandeln wir ihn gut; wenn er Böses will, töten wir ihn mit seinem eigenen Schwert.” Der Prophet willigte ein und der Mann öffnete ‘Umar die Tür. Der Prophet ging auf ihn zu, packte ihn fest an seinem Gürtel und zog ihn an sich.
„Was willst du hier, Ibn al-Khattāb?” sagte er, „denn du machst glaube ich weiter, bis Gott Unheil über dich herabsendet.”
„Prophet, ich bin gekommen um an Gott und seinen Gesandten und seine göttliche Botschaft zu glauben.”
„Gott ist groß!” schrie der Prophet, so dass alle Gefährten im Haus wussten, dass ‘Umar Muslim geworden war.
Darauf gingen die Gefährten frohen Mutes auseinander, nun da sowohl Hamza wie auch ‘Umar Muslime geworden waren. Sie wussten ja, dass diese beiden Männer den Propheten schützen würden und dass sie mit ihrer Hilfe von ihrem Feind ihr Recht erlangen könnten.
Dies ist die Erzählung der Überlieferer aus Medina über den Islam ‘Umars.

Einige Bemerkungen von mir zu dieser Erzählung finden Sie hier.

ANMERKUNG
1. Gemeint ist der Koran. Der zitierte Vers ist 56:79.

QUELLE: Ibn Isḥāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 224–7 (verkürzt).

Diakritische Zeichen: ʿUmar ibn al-Ḫaṭṭāb, Fāṭima, Ṣafā , Ḥamza ibn ʿAbd al-Muṭṭalib, Ṭāhā, Abū Ḥakam

Zurück zum Inhalt

„Verdienste der Gefährten“: Abu Bakr vs. Umar und Ali

In dem Artikel „Verdienste der Prophetengefährten“ hatte ich schon darauf hingewiesen, wie Ruf und Status der Gefährten in Sira-Erzählungen gemacht oder gebrochen werden können. Die meistbehandelten Personen aus der Umgebung des Propheten waren die ersten Kalifen. Deshalb bin ich mal der Sache nachgegangen, wie zum Beispiel Abū Bakr, der erste Kalif (reg. 632–34) in den Quellentexten davonkommt. Seine Verdienste stehen in Kontrast zu denen von ‘Umar und ‘Alī.
.
Das Sterbebett des Propheten: Abū Bakr und ‘Umar
Die letzten Tage des Propheten bilden ein spannendes Kapitel in der Biografie.1 Die heikle Frage war: Hat der Prophet einen Nachfolger ernannt oder nicht? Abū Bakr war der Nachfolger des Propheten als Staatsoberhaupt und es könnte interessant sein, der Frage nachzugehen, ob davon in den Quellen etwas zu bemerken ist. Wir werden sehen: Sein „Kurs“ geht auf und ab.

Der Prophet vertraute Abū Bakr während seiner letzten Krankheit die Leitung des öffentlichen Gebets an.2 Aus diesem Auftrag als Imam zu wirken könnte man eventuell folgern, dass auch eine Nachfolge als Imam im Sinne von Staatsoberhaupt, Kalif, gemeint war.

In zwei Berichten ist es ‘Umar (der spätere zweite Kalif, reg. 634–44), der die Leitung des Gebets übernahm, weil Abū Bakr kurz abwesend war. Bald erwies sich aber, dass dies nicht dem Wunsch des Propheten entsprach und so übernahm Abū Bakr doch noch die Leitung.3

Laut einem anderen Bericht war Abū Bakr sogar im Augenblick, da der Prophet verstarb, nicht anwesend. War er weit weg, hatte er eine wichtige Aufgabe zu erfüllen, wie zum Beispiel Usāma ibn Zaid, der gerade außerhalb der Oase einen Feldzug gen Norden vorbereitete aber, als der Prophet wirklich im Sterben lag, doch schnellstens nach Medina kam? Nein, Abū Bakr wollte nur in seinem Haus am Rande von Medina ein wenig quality time mit seiner Frau verbringen.4 Er hatte dazu um Erlaubnis gebeten und sie erhalten; trotzdem macht seine Abwesenheit keinen guten Eindruck. Das Detail war offensichtlich unleugbar oder nicht aus der Überlieferung wegzuschaffen. Kann jemand, der in kritischen Augenblicken nicht da ist, die Gemeinschaft führen? 

Aber noch war nicht alles verloren. Wenn Abū Bakr auch nicht selbst beim Dahinscheiden des Propheten zugegen war, seine Familie war das in hohem Maße.5 Abū Bakrs Tochter Aischa, die Lieblingsfrau des Propheten, ist sogar die Heldin der Sterbeszene. Sie witzelt mit dem kranken Propheten und sie ist es, die ihn in seinen letzten Tagen in ihre Wohnung aufnimmt und pflegt. In seinen letzten Augenblicken sah der Prophet dort einen Mann mit einem Zweig in der Hand, eben von der Sorte, die als Zahnholz (siwāk) verwendet wird. Der war natürlich ein Verwandter, denn fremde Männer sind in Aischas Haus nicht zu erwarten. Eine Überlieferung nennt ihn beim Namen: es war Aischas Bruder ‘Abd ar-Rahmān. Der Prophet winkte, dass er das Zahnholz haben wolle; Aischa kaute es vor und überreichte es ihm. Darauf verschied er an ihrer Brust. Größere Intimität ist nicht möglich! So wird in dieser Erzählung Abū Bakrs Abwesenheit von seinen Verwandten, vor allem von seiner Tochter, einigermaßen wettgemacht.

Als der Prophet verstorben war, machte Abū Bakr laut Überlieferung eine gute Figur. Während ʿUmar in Verwirrung geriet und behauptete, der Prophet sei nicht wirklich verstorben, bewahrte Abū Bakr seine Ruhe und führte die Gemeinschaft mit Hilfe eines Koranverses zurück in die Realität.6 Hier wird er also als überzeugende Führungspersönlichkeit dargestellt.
.
Die Hidschra-Erzählungen: Abū Bakr vs ‘Alī
Das bekannteste sunnitische Erzählmaterial zur Hidschra des Propheten von Mekka nach Medina und den Vorbereitungen dazu findet man bei Ibn Ishāq.7 Der Abschnitt über Abū Bakrs Anteil daran stammt von Urwa ibn al-Zubayr (ca. 635–712), dessen Mutter Asmā’ eine Tochter Abū Bakrs war. Aischa, dessen berühmteste Tochter, war also seine Tante. Es wird daher nicht verwundern, dass Abū Bakr in ʿUrwas Erzählung eine Glanzrolle spielt. Die Verwandten ‘Urwas gehörten mütterlicherseits zu der ältesten islamischen Elite, aber väterlicherseits ebenfalls. Seine Brüder hatten, kurz bevor ‘Urwa die Erzählung niederschrieb, noch vergeblich versucht in Mekka ein Kalifat zu etablieren.
Nahezu alle Muslime sind schon nach Medina abgereist, aber der Prophet wartet noch in Mekka, bis er Gottes Erlaubnis zur Abreise erhält. Nur Abū Bakr und ‘Alī8 sind mit ihm zurückgeblieben.
Abū Bakr hofft und betet, dass er den Propheten auf dessen gefährlicher Reise begleiten darf. Er kauft schon die Kamele, auf denen der Prophet und er die Reise machen können. Der Prophet erscheint  unerwartet in Abū Bakrs Haus und teilt ihm mit, dass die Zeit gekommen ist und er zusammen mit ihm abreisen darf. Abū Bakrs Töchter sind dabei ausdrücklich präsent. Darauf versuchen die Gegner des Propheten diesen zu töten. Als das misslingt und der Prophet und Abū Bakr die Stadt fluchtartig verlassen, verstecken sie sich einige Tage in einer Höhle. Hiermit wird gelegentlich der Koranvers 9:40 in Verbindung gebracht: فقد نصره الله إذ أخرجه الذين كفروا ثاني اثنين إذ هما في الغار  „[…] Gott hat ihm ja schon geholfen, als die Ungläubigen ihn zusammen mit einem Zweiten herauswarfen, als die beiden in der Höhle waren […].“
Abū Bakr macht sich abermals unentbehrlich, indem er die Höhle von Ungeziefer und Skorpionen säubert. Seine Tochter Asmā’ bringt Proviant zur Höhle, sein Sohn ‘Abdallāh belauscht, was die Menschen in Mekka sagen und meldet das abends dem Propheten in der Höhle. Kurzum, die ganze Familie Abū Bakrs legt sich ins Zeug und geht dabei beträchtliche Risiken ein. Nur Aischa betätigt sich nicht, weil sie noch zu jung ist; aber sie hat später die ganze Erzählung überliefert.
Auch ‘Alī ist in Mekka zurückgeblieben, aber seine Rolle ist relativ unbedeutend: Er soll sich ins Bett des Propheten legen, um die Männer irrezuführen, die diesen im Bett ermorden wollen. Nach der Abreise des Propheten mit Abū Bakr bleibt ‘Alī noch einige Tage in Mekka zurück um den Leuten die Güter zurückzugeben, die sie beim Propheten in Aufbewahrung gegeben hatten: eine ehrenvolle, aber untergeordnete Aufgabe. Anders als Abū Bakr hat ‘Alī so die Hidschra des Propheten und dessen triumphalen Einzug in Medina nicht persönlich miterleben können.
Ohne Abū Bakr und Familie hätte die ganze Hidschra nicht stattfinden können—das scheint uns die obige Erzählung vermitteln zu wollen. Ohne den Erzähler ‘Urwa und seine (vermeintliche?) Quelle, Tante Aischa, hätte die ganze Geschichte bestimmt anders ausgesehen.

Es gibt aber tatsächlich Geschichten, die ganz anders aussehen: Fassungen der Hidschra-Erzählung, in denen Abū Bakr einen etwas unschönen Auftritt hat, zu spät kommt oder sogar den Propheten aufhält, während ʿAlī eine Glanzrolle spielt. Eine kurze, anonyme, offensichtlich schiitisch inspirierte Fassung, die u.a. bei at-Tabarī9 bewahrt geblieben ist, bietet den Stoff wie folgt an:

Abū Bakr wusste offenbar nicht, dass der Prophet schon weg war, und fragte ‘Alī, wo jener sei. Der sagte ihm, er habe die Stadt verlassen und er sei in einer bestimmten Höhle, in der er sich ihm anschließen solle. Abū Bakr machte sich eilends auf den Weg. Der Prophet hörte jemanden hinter sich herkommen und fürchtete, dass es ein Feind sei. Er beschleunigte seinen Schritt, hatte aber mit einer kaputten Sandale zu kämpfen und verletzte seinen Fuß. Abū Bakr wollte ihn nicht weiter belästigen und machte sich bemerkbar. Erst ab diesem Augenblick gingen sie zusammen weiter, während der Fuß des Propheten heftig blutete.

‘Alī dagegen zeigte Heldenmut in der Konfrontation mit den verhinderten Prophetenmördern. Sie verpassten ihm auf der Stelle eine Tracht Prügel und sperrten ihn eine Zeitlang ein, was er tapfer durchstand.

Kurzum: eine schiitische Erzählung. Man findet sie ebenfalls in einem Papyrus aus dem 9. Jahrhundert, dessen Inhalt auf den Erzähler → *Wahb ibn Munabbih (± 654–730) zurückgeht.10 Diese viel ausführlichere Erzählung enthält die folgenden „Verdienste“-Elemente:
Mohammed begibt sich eines Mittags zu Abū Bakr und berichtet über die Verschwörung der Quraisch gegen ihn. Dass die Töchter dabei auch zugegen wären, liest man hier nicht. Abū Bakr macht sich dann verdient, indem er draußen belauscht, was die Leute vorhaben. Er folgt zwei Feinden; einer von ihnen ist sogar der Leibhaftige. Dann bittet er um die Erlaubnis mit dem Propheten mitzureisen. Die bekommt er; die Abreise soll am Abend sein. Er bereitet sich vor.
Der Prophet lässt inzwischen ‘Alī holen und sagt diesem, dass er sich in sein Bett legen solle um die Verschwörer irrezuführen. Quasi nebenbei wird ihm auch gesagt, dass er Abū Bakr beauftragen solle, sich in einer gewissen Höhle dem Propheten anzuschließen. In dieser Fassung verlässt Abū Bakr also doch nicht zusammen mit dem Propheten die Stadt; das ist eine Inkonsequenz in der stark redigierten Erzählung. Oder der Prophet hat nicht die Mühe genommen, Abū Bakr die Änderung in seinem Plan mitzuteilen. Wie auch immer, der Prophet entkommt; Abū Bakr geht ihm nach, aber erschreckt ihn, so dass der Prophet stolpert und seinen Fuß verletzt. Um Schlimmerem vorzubeugen macht Abū Bakr sich jetzt bemerkbar. Zusammen betreten sie die Höhle, in der sie sich verstecken können. Beim Reinigen der Höhle wird Abū Bakr von einem Skorpion gestochen und der Prophet muss seine Zauberkunst (ruqya) anwenden um ihn zu heilen. Kurzum, Abū Bakr legt sich schon ins Zeug, aber der Prophet hat seine liebe Not mit ihm.
‘Alī hat inzwischen im Bett des Propheten geschlafen. Er zeigt den Verschwörern gegenüber Heldenmut.
Sowohl Abū Bakrs Tochter Asmā’ wie auch ‘Alī bringen tagtäglich Proviant zur Höhle; die beiden wetteifern sogar. ‘Abdallāh, der Sohn Abū Bakrs, wird in dieser Fassung nicht erwähnt.
‘Alī bekommt den Auftrag drei Kamele und einen Führer für die Weiterreise zu mieten. In der anderen Erzählung kauft Abū Bakr die Kamele aus freien Stücken und bezahlt sie aus eigener Tasche.
Beim Einzug in Medina wird Abū Bakr nicht mal erwähnt; dafür aber ‘Alī, obwohl dieser erst einige Tage später eintrifft.

Europäische Orientalisten fühlen sich oft in rätselhafter Weise mit dem sunnitischen Islam verbunden. Demzufolge meinen sie häufig, dass ‘Urwas Erzählung die ursprüngliche sei und die andere eine schiitische Überarbeitung. Vielleicht haben sie Recht, aber das Umgekehrte ist genauso gut möglich.
Die Schia, die Partei ‘Alīs, existierte schon zu dessen Lebzeiten. Sein Anrecht auf das Kalifat war von Anfang an und vor allem nach seinem Tod im Jahr 661 stets ein zentraler Streitpunkt, während das Gedankengut ‘Urwas erst nach 690 seinen Durchbruch erlebte. Wahb verstarb ca. 728, aber seine Fassung hatte schon eine ganze Geschichte hinter sich. Sie weist deutlich sekundäre ‘Alī-Reklame auf, wie z.B. dessen auffällige Rolle bei der Ernährung in der Höhle und dem Besorgen der Kamele, aber es ist nicht alles nur ‘Alī, wo man hinhört; es gibt durchaus auch Verdienste von Abū Bakr, die zum Kern der Erzählung gehören. Dagegen könnte man an ‘Urwas Version wiederum bemängeln, dass sie überall Abū Bakr und Familie auftreten lässt. Wahbs Erzählung ist eine Mischversion. Die undatierte Fassung des at-Tabarī ist viel einseitiger schiitisch. Die schiitische Erzählung könnte älter als die andere gewesen sein; man sollte diese Möglichkeit nicht voreilig ausschließen. Nur ein sorgfältiger Vergleich aller Fassungen dürfte uns hier weiter bringen. Eine Doktorarbeit wäre denkbar. 

Auf jeden Fall ist offensichtlich geworden, dass die Wertschätzung der „Verdienste“ eines bestimmten Prophetengefährten auf und ab geht, je nach Verwandtschaftsgrad und politischer Überzeugung des Erzählers. 

ANMERKUNGEN
1. Ibn Ishāq (Wüstenfeld), 323–333; Übers. Rotter 103–8;  Übers. Guillaume, 221–227.
2. ‘Alī ibn Abī Tālib, der spätere vierte Kalif (reg. 656–661, die Galionsfigur der Schiiten, die die ersten drei Kalifen für illegitim halten. Deshalb ist er in vielen Erzählungen rückwirkend ein Gegenspieler von Abū Bakr en ‘Umar. Wie die Männer sich während ihres Lebens tatsächlich zueinander verhielten, ist unbekannt.
3. At-Tabarī, Ta’rīkh i, 1233-4.
4. Khoury, Wahb i, 136–151.
5. Arabischer Text: Ibn Ishāq (Wüstenfeld), 999–1013; deutsche Übersetzung Rotter 251–259; englische Übersetzung Guillaume 678–683.
6. Ibn Ishāq (Wüstenfeld), 1008; Übers. Rotter 253–4; Übers. Guillaume 680.
7. Ibn Ishāq (Wüstenfeld), 1009 und 1010; Übers. Rotter 254–5; Übers. Guillaume 681.
8. Ibn Ishāq (Wüstenfeld), 1010; Übers. Guillaume 682.
9. Ibn Ishāq (Wüstenfeld), 1011; Übers. Rotter 255–6; Übers. Guillaume 682; Raven, Chew stick, 593–598.)
10. Ibn Ishāq (Wüstenfeld), 1012–13; Übers. Rotter 256–7; Übers. Guillaume 682–3. S. auch Der Tod des Propheten

LITERATUR
Ibn Ishāq: 
Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen, 2 Bde., 1858–60 (Arabischer Text, editio princeps).
– Deutsche Übersetzung (Auswahl): Ibn Ishāq, Das Leben des Propheten, übers. Gernot Rotter, Kandern 1999.
– Englische Übersetzung: A. Guillaume, The Life of Muhammad. A translation of Isḥāq’s (sic!) Sīrat Rasūl Allāh, Oxford 1955.

– R. G. Khoury, Wahb b. Munabbih. Teil 1. Der Heidelberger Papyrus PSR Heid Arab 23. Leben und Werk des Dichters. Teil 2. Faksimiletafeln, Wiesbaden 1972.
– M. J. Kister, „On the Papyrus of Wahb B. Munabbih,“ BSOAS 37 (1974), 547–71.
– M. J. Kister, „On the Papyrus of Wahb B. Munabbih: An Addendum,“ BSOAS 40 (1977), 125–27.
– W. Raven, „The chew stick of the prophet in Sira and Hadith,“ in Anna Akasoy und Wim Raven (Hrsg.), Islamic Thought in the Middle Ages. Studies in Text, Transmission and Translation in Honour of Hans Daiber, Leiden 2008, 593–611, insbes. S. 593–5.

Diakritische Zeichen: ʿĀʾiša, ʿĀʾisha, ʿAlī ibn Abī Ṭālib, futūḥ, al-Ṭabarī, ʿUmar ibn al-Ḫaṭṭāb, Taʾrīḫ

Zurück zum Inhalt