Der Schamhaarfriseur

Der Syrische Ritter Usāma ibn Munqidh (1095–1188) hat die Kreuzritterstaaten in Palästina und Teilen Syriens erlebt und hat auch einige christliche Ritter persönlich kennen gelernt. Er hatte keine hohe Meinung von den Europäern. Ihren Mut fand er bewundernswert, ihre Kultur und Zivilisation aber primitiv. Kein Wunder auch: zu jener Zeit war die arabisch-islamische Zivilisation der westeuropäischen weit überlegen. Auch die Sittlichkeit der Europäer hielt er für minderwertig. Männer fanden es zum Beispiel nicht anstößig, wenn ihre Frauen auch mit anderen Männern verkehrten. Selbstverständlich hatten sie auch keine Ahnung von den guten Manieren im Badehaus. Ihre Barbarei illustriert Usāma in seinen Memoiren mit einer Anekdote, die er von einem Bademeister namens Sālim gehört haben will. Dieser erzählt:

  • Ich hatte in al-Ma‘arra ein Badehaus eröffnet um damit meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Eines Tages trat ein Ritter von den Franken herein. Sie haben eine Abneigung dagegen, dass man im Bad den Gürtel seines Kleidungsstück zugeknöpft hält; so streckte er seine Hand aus, zog den Gürtel von meinem Mittel und warf ihn zur Seite. Er schaute auf mich und sah, dass ich vor kurzem mein Schamhaar abrasiert hatte. Er sagte: „Sālim!“ Er kam näher, er streckte seine Hand aus, legte sie auf mein Schambein und sagte: „Sālim, gut! Bei der Wahrheit meiner Religion, mach das auch bei mir!“ Er legte sich auf seinen Rücken. Es war wie sein Bart, was er dort hatte. Ich rasierte ihn und er fuhr mit seiner Hand darüber und spürte wie glatt es war. Darauf sagte er: „Sālim, bei der Wahrheit meiner Religion, mach dasselbe bei der Dame!“ „Dame“ ist in ihrer Sprache das Wort für „Frau“; will sagen, seine Ehegattin. Zu einem Diener sagte er: „Sag zu Madame, sie soll hierher kommen!“ Der Diener kam zurück mit der Frau des Ritters und brachte sie ins Badehaus. Sie legte sich auf ihren Rücken und der Ritter sagte: „Mach bei ihr dasselbe was du bei mir gemacht hast.“ Darauf rasierte ich ihr das Haar weg, während ihr Gatte daneben saß und zuschaute. Als ich fertig war, bedankte er sich bei mir und gab mir eine gute Belohnung für meine Dienste.1

Mehr als sechs Jahrhunderte später, im Jahr 1801, schrieb ‘Abd ar-Rahmān al-Djabartī (1754–1826) ein Tagebuch über die Besetzung Ägyptens durch Napoleon. Al-Djabartī hatte eine höhere Wertschätzung der Europäer als Usāma seinerzeit gehabt hatte. Er war von der französischen Militärdisziplin und Effizienz beeindruckt und bewunderte die Tätigkeiten der Wissenschaftler und Künstler, die Napoleon mitgebracht hatte. Auch das war kein Wunder: Inzwischen hatte Europa sich entwickelt, während Ägypten gerade durch eine Periode der Stagnation ging. Als minderwertig aber empfand er die Moral der Franzosen, namentlich die der französischen Frauen:

  • Ihre Frauen bedecken sich nicht und kennen keine Sittsamkeit. Es ist ihnen egal, ob sie ihre Schamteile entblößen. […] Manchmal betritt eine ihrer Frauen den Laden eines Barbiers und bittet ihn ihr Schamhaar zu rasieren. Wenn er will, kann er seine Belohnung in Naturalien empfangen.2

Die meisten Kreuzfahrer dürften keine verfeinerten Menschen gewesen sein, und die „Damen“, die sie bei sich hatten, waren es mit Sicherheit nicht. Für die Soldaten Napoleons und die sie begleitenden Frauen gilt wohl dasselbe. Trotzdem verstehen wir auf Anhieb, dass die beiden Autoren nie eine Frau gesichtet haben, deren Schamgegend von einem Friseur rasiert wurde, und ihre Zeitgenossen ebenso wenig. Wir haben es hier mit einer Großstadtlegende (urban legend) zu tun, die sich sechs Jahrhunderte gehalten hat und bei al-Djabartī noch erheblich pikanter geworden ist.

ANMERKUNGEN

1. [Usāma ibn Munqidh, Kitāb al­-iʿtibār:] Ousama ibn Mounkidh. Un émir syrien au premier siècle des Croisades. hg. H. Derenbourg, Paris 1893, 101. Das ganze Buch ist zwei mal ins Deutsche übersetzt: – [Usāma ibn Munqidh, Kitāb al­-iʿtibār:] Die Erlebnisse des syrischen Ritters Usāma ibn Munqid. Unterhaltsames und Belehrendes aus der Zeit der Kreuzzüge, übers. Holger Preißler, Leipzig/Weimar 1981, und Usâma ibn Munqid, Ein Leben im Kampf gegen Kreuzritterheere, übers. G. Rotter, Tübingen/Basel 1978. Ich weiß nicht, welche Übersetzung die beste ist.

‎ومن ذلك انه كان عندنا رجل حمامي يقال له سالم من أهل المعرة في حمام لوالدي رحمه الله. قال: فتحت حماماً في المعرة أتعيش فيا، فدخل إليها فارس منهم وهم ينكرون على من يشد في وسطه الأزر في الحمام، فمد يده وجذب مئزري من وسطي رماه، فرآني وأنا قريب عهد بحلق عانتي، فقال سالم: فتقربت منه، فمد يده على عانتي وقال: سالم جيد! وحق ديني أعمل لي كذا! واستلقى على ظهره وله مثل لحيته في ذلك الموضع، فحلقته فمر يده عليه فاستوطأه فقال: سالم بحق دينك، اعمل للدام! والدام بلسانهم الست يعني امرأته. وقال لغلام له: قل للداما تجيء. فمضى الغلام أحضرها وأدخلها، فاستلقت على ظهرها وقال: اعمل كما عملت لي، فحلقت ذلك الشعر وزوجها قاعد ينظرني، فشكرني ووهبني حق خدمتي.

2. Al-Djabartī: Tarīkh muddat al-faransīs bi-Misr. Al-Jabartī’s chronicle of the first seven months of the French occupation of Egypt, hg. und übers. S. Moreh, Leiden 1975, S. 12:

ونساؤهم لا يستترون ولا يحتشمون ولا يبالون بكشف العورات […] وربما دخلت المرأة منهن الى حانوت الحلاق ودعته لحلق عانتها، وإن شاء أخذ أجرته منه.

Diakritische Zeichen: Usāma ibn Munqiḏ, ʿAbd ar-Raḥmān al-Ǧabartī, Miṣr

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Moderne Kreuzfahrer

Manche Muslime leiden rückwirkend unter den Traumata und Nachwirkungen der Kreuzzüge, seit diese ab 1865 im Osmanischen Reich durch französische und türkische Geschichtsbücher wieder bekannt wurden.1 Vor allem der Besuch des deutschen Kaisers in Palästina (1898) hat zu ihrer Bekanntheit beigetragen. Ab den Zwanzigern haben die Muslimbrüder die Kreuzzüge bewusst in ihrer antikolonialen Propaganda eingesetzt. Die Gründung des Staates Israel war ein gefundenes Fressen und verstärkte das Motiv noch mal: abermals wurde Palästina von Europäern besetzt! „Zionisten und Kreuzfahrer“ werden heutzutage in islamistischer Propaganda oft in einem Atemzug erwähnt. Die historischen Kreuzzüge waren jedoch stark antisemitisch inspiriert und kosteten vielen Juden das Leben.

Der erste Kreuzfahrer der Neuzeit war in der Tat nicht George W. Bush, sondern der deutsche Kaiser Wilhelm II. Am 31. Oktober (Reformationstag!) 1898 ritt der Kaiser in einem selbst erfundenen Tropenanzug2 in die Heilige Stadt hinein, u.a. um dort die von ihm finanzierte Erlöserkirche einzuweihen. Ein fotogener Einzug mit erhobenen Fahnen war möglich geworden, indem man an einer Stelle die Stadtmauer niedergerissen hatte. Die Presse, nicht zuletzt durch die offizielle Propaganda und die Wandmalereien3 in der Kirche inspiriert, nannte den Kaiser einen „neuen Kreuzfahrer“. Der Dichter Wedekind spottete:

  • Mit Stolz erfüllst du Millionen Christen;
    Wie wird von nun an Golgatha sich brüsten,
    Das einst vernahm das letzte Wort vom Kreuz
    Und heute nun das erste deinerseits.4

In Damaskus besuchte Wilhelm das Grab Saladins, des islamischen Kriegshelden aus der Zeit der wirklichen Kreuzzüge. Diesen „Ritter ohne Furcht und Tadel“ hob er in den Himmel in einer berühmt gewordenen Ansprache, in der er dem osmanischen Sultan und den damals 300 Millionen Muslimen seine bleibende Hilfe versprach. Es war vor allem diese Publizität, die Saladin und durch ihn die Kreuzzüge in das arabische „Gedächtnis“ zurückbrachte. Ein protestantischer Kreuzfahrer lobte also den früheren islamischen Feind und versprach Muslimen gegen ihre christlichen Widersacher beizustehen. Noch Fragen?

ANMERKUNGEN
1. Carole Hillenbrand, The Crusades: Islamic Perspectives, Edinburgh 2006 (2. Aufl.), 592
2. Tropenkostüme waren ein typisches Outfit der Kolonialherrscher. Ende Oktober ist es in Jerusalem ungefähr so warm wie in Berlin im Sommer. Spezielle Bekleidung erübrigt sich.
3. Diese sind 1970–71 bei einer Restaurierung vernichtet worden. Aus Scham? Ich habe keine Fotos finden können.
4. Simplizissimus, Palästina Sondernummer 1898. Vollständiger Text des Gedichts hier. Der Dichter musste schnell in die Schweiz ausweichen und landete nach Rückkehr doch noch in einem deutschen Gefängnis.

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