Die „Erzähler“, die ersten Koranausleger

Der Bedarf an Koranauslegung (tafsīr) wurde anfangs von den „Erzählern“ (qāss, Pl. qussās;→ Pellat, Kāss) gedeckt. Das waren die ersten „islamischen“ Intellektuellen, die oft nebenamtlich Richter waren. In der Umayyadenzeit sprachen sie nach der Freitagspredigt zu den Gläubigen in den Moscheen. Sie erklärten den Koran, erzählten aber auch über den Propheten und die älteren Propheten und schilderten Paradies und Hölle. Ihre Erzählungen (qissa, Pl. qisas) waren sowohl erbaulich wie auch unterhaltsam und oftmals recht fantastisch. Wenn sie die koranischen Texte zu den früheren Propheten „erweiterten,“ schöpften sie oft aus jüdischen und christlichen, biblischen und nichtbiblischen Erzählungen, den sogenannten Isrā’īlīyāt. Was der Koran schon angefangen hatte, setzten sie fort: Mohammed wird als letzter Prophet in einer ganzen Reihe früherer Propheten positioniert, während diese umgekehrt auch die Merkmale Mohammeds verliehen bekamen.
Nach 700 wurden die Erzähler immer öfter aus den Moscheen verbannt. Ihr Ruf verschlechterte sich und letztendlich landeten sie auf der Straße, wo sie auch ein Publikum fanden. Ihre Neigung zu fantasieren verärgerte die frommen Gläubigen und Hadithgelehrten zunehmend, und die außerislamischen Materialien, die sie verbreiteten, wurde immer weniger akzeptabel gefunden.
Weil die Erzähler keine Schriftsteller waren, ihren guten Ruf relativ schnell verloren und als Gelehrtentyp spätestens bei dem Antreten der *Abbasiden-Dynastie (750) als überholt galten, sind kaum Texte unter ihren Namen in Büchern gesammelt. (Eine Ausnahme ist *Wahb ibn Munabbih.) Es gab zu der Zeit ohnehin noch kaum Bücher. Aber ihr Material sickerte in mindestens zwei Gattungen ein: die *Prophetenbiographie (sīra) und die Koranauslegung, trotz aller Versuche der Kompilatoren, sich von den Erzählern zu distanzieren und ihren Stoff politisch und religiös korrekt zu gestalten.
Die ‘ulamā’, die „Gelehrten,“ nahmen allmählich den Platz der Erzähler ein und hatten ein andere Auffassung von Gelehrsamkeit. Es ist nicht so, dass später nicht mehr auf Basis von Koranversen „erzählt“ wurde. Ich erinnere nur an die reichhaltigen Prophetenerzählungen aus dem zehnten Jahrhundert. Nur der Status, das Prestige solcher Erzählungen wurde geringer.

Als Beispiele zwei Texte aus der Prophetenbiographie, die auf „Erzähler“ zurückgehen:

  • Aus dem Bericht des ‘Abdallāh ibn Mas‘ūd entnehme ich die folgenden Worte des Propheten:
    Immer wenn mich Gabriel von einem Himmel zum nächsten brachte, fragte man ihn, als er um Einlass bat, wer ich sei. Er nannte ihnen meinen Namen und sie fragten ihn weiter, ob ich gesandt worden sei. Als er es bejahte, riefen sie aus:
    „Gott schenke ihm Leben, Bruder und Freund!“
    So geschah es, bis wir zum siebten Himmel gelangten und er mich schließlich zu meinem Herrn brachte, der mir für jeden Tag fünfzig Gebete zur Pflicht machte. Als ich dann auf dem Rückweg wieder bei Moses vorbeikam — welch vortrefflicher Freund ist er euch! —, fragte er mich:
    „Wie viele Gebete sind dir auferlegt worden?“
    „Fünfzig jeden Tag,“ erwiderte ich, worauf er sprach:
    „Das Gebet ist eine schwere Last, und dein Volk ist schwach. Gehe zurück zu deinem Herrn und bitte Ihn, Er möge dir und deinem Volke diese Last erleichtern!“
    Ich tat, wie er mich geheißen hatte, und mein Herr ließ mir zehn Gebete nach, doch als ich wieder bei Moses vorüber kam, sagte er mir nochmals das gleiche, und Gott erließ mir weitere zehn Gebete. So ging es fort, bis nur noch fünf Gebete übrig waren. Als ich dann wieder zu Moses kam und er mir erneut riet, Gott um Erleichterung zu bitten, sprach ich zu ihm:
    „Ich bin nun so oft zu meinem Herrn zurückgekehrt und habe Ihm diese Bitte vorgetragen, dass ich mich jetzt schäme und es nicht nochmals tun werde.“
    Seinen Zuhörern aber versprach der Prophet:
    „Jedem von euch, der diese fünf Gebete gläubig und ergeben verrichtet, werden sie wie fünfzig Gebete vergolten werden.“ 1
  • […] von ‘Abdallāh ibn ‘Amr habe ich erfahren, dass der Freigelassene des Propheten Abū Muwaihiba Folgendes erzählte: Mitten in der Nacht ließ der Prophet mich zu sich kommen und sagte: „Mir wurde befohlen, für die Tote auf dem Baqī‘-Friedhof um Vergebung zu beten. So komme mit mir!”
    Ich ging mit ihm und als er mitten zwischen den Gräbern stand, sprach er:
    „Friede sei über euch, o ihr Volk der Gräber! Freut euch, dass ihr nicht mehr seid, wo die Lebenden sind! Wie Fetzen der finsteren Nacht nahen die Versuchungen, eine nach der anderen, die letzte schlimmer als die erste.“ […]2

Als Beispiel aus der Koranauslegung möge die „erzählerische“ Erklärung des Wortes kauthar in Q 108:1 dienen. Ibn Ishāq zitiert einen Hadith, nachdem dies

  • „ein Fluss ist, so breit wie die Strecke von San‘ā’ nach Aila [das sind ± 2000 km.; WR]. Seine Wasserstellen(?) sind so zahlreich wie die Sterne des Himmels. Dort steigen Vögel ab mit Nacken wie Kamele […] usw..“ 3

Oder alternativ bei at-Tabarī:

  • „[…] ein Fluss [im Paradies], weißer als Milch und süßer als Honig, mit Perlenkuppeln an beiden Ufern.“ 4

Der Fantasie der Erzähler waren keine Grenzen gesetzt. Über die Varianten der Koranauslegung siehe auch hier.

ANMERKUNGEN
1. Ibn Ishāq, Sīra: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, uitg.. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 271. Übersetzung: Ibn Ishāq, Das Leben des Propheten, übers. Gernot Rotter, Kandern 1999, 88.
2. ibidem, 1000. Rotter, 252.
3. @
4. at-Tabarī, Ta’rīkh, i, 1158

MEHR LESEN:
– Ch. Pellat, „Kāss“ en„Kissa I“ in EI2.
– Lyall R. Armstrong, The Quṣṣāṣ of Early Islam, Leiden 2016.
– A. A. Duri, The Rise of Historical Writing among the Arabs, hg. und übers. Lawrence I. Conrad, Einf. Fred M. Donner, Princeton 1983, Index s. v. qisas.
– G. Vajda, „Isrāʾīliyyāt,“ in EI2.
– I. Goldziher, Muhammedanische Studien i–ii, Halle 1888–90, insbes. ii, 160–170.
– Merlin S. Swartz, Ibn al-Jawzī’s Kitāb al-quṣṣās wal-muḏakkirīn. Including a Critical Edition, Annotated Translation and Introduction, Beirut [1969].
– al-Ǧāḥiẓ, al-Bayān wat-tabyīn, hg. ‘Abd al-Salām Muḥammad Hārūn, Kairo, 4 Bde. 1985; i, 367–9.

Diakritische Zeichen: qāṣṣ, Pl. quṣṣāṣ;→ Pellat, Ḳāṣṣ, qiṣṣa, qiṣaṣ, Ibn Isḥāq, Ṣanʿāʾ, Ibn Isḥāq, aṭ-Ṭabarī, Taʾrīḫ, ḳāṣṣ, ḳiṣṣa

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Burka for men

Arabische Männer tragen traditionell keine Burkas,1 vielleicht weil sie das mit Weiblichkeit assoziieren. So verzichten sie auf ein praktisches Kleidungsstück, das den Träger vor Sonnenbrand, Staub, Sand und einem unangenehmen Ausblick schützt, und seinen Gegenüber gegebenenfalls vor dem Anblick einer abstoßenden Visage oder einer schlechten Frisur. Die Tuareg haben das besser verstanden; bei ihnen trugen und tragen die Männer tiefblaue Gesichtsschleier.
In Bagdad verschleierte sich früher nur gelegentlich ein empfindlicher Mann, wie z.B. Ibn Djāmi‘, der Freund des Ibn Dāwūd al-Isbahānī (± 868–910). Ibn Djāmi‘ hatte keine abstoßende Visage; im Gegenteil, er fand sich viel zu schön für die Öffentlichkeit. Als der Kalif – laut einer Anekdote – ihn einmal um ein Beispiel seiner Rücksicht auf Ibn Dāwūd bat, antwortete er:

  • Ich ging einmal ins Badehaus und als ich es wieder verlassen wollte, schaute ich in den Spiegel und fand mein Spiegelbild schöner als je zuvor. Ich bedeckte mein Gesicht und schwor, dass niemand vor ihm es zu sehen bekomme. Dann ging ich eilends zu ihm; er nahm meinen Schleier ab und schaute mich an. Er war froh und glücklich, und sagte: Es gibt keinen Gott außer Gott! Lob sei Ihm, der ihn erschaffen hat! Darauf rezitierte er den Koranvers 3:6: „Er ist es, der euch im Mutterleib gestaltet, wie er will.“ Ich erzählte ihm, wie es mir zumute gewesen sei, und blieb den Tag bei ihm.2

Ein Text aus dem 13. Jh. kennt das Phänomen des verschleierten Mannes ebenfalls:

  • […] Daher erzählt einer der leute, die etwas von der liebe verstehen, er habe einmal zugehört, wie ein geliebter seinen liebhaber mit vorwürfen überschüttete, die so hart waren, das es dem zuhörer zu herzen ging. Dieser wollte nach dem vorfalle den geliebten zur rede stellen wegen der behandlung, die er dem liebenden hatte zuteil werden lassen. Doch als dieser zu ihm herauskam, war er verschleiert (mubarqa‘). Als er fragte, was das bedeute, sprach jener: Er hat meine harte vorwürfe ertragen, er ist zu mir aus seiner heimat ausgewandert, um mein gesicht sehen zu können. Darum lasse ich niemand mein gesicht sehen als ihn.3

Auch heute können Männer ihr Gesicht verschleiern; zum Beispiel ob der Diskretion. Irakische Polizisten umwickeln ihren Kopf, um unerkannt zu bleiben; sie wären sonst ihres Lebens nicht sicher. Man behauptet, Burkas würden gelegentlich auch von Bankräuber und Terroristen verwendet. Das wird eher eine Großstadtlegende (moderne Sage; urban legend) sein; im Nahen Osten achtet man ja sehr genau auf die Bewegungen des weiblichen Körpers und es ist unwahrscheinlich, dass Selbstmordattentäter für die gute Sache mit ihrem Allerwertesten wackeln möchten. Sich in Burka vermummende Männer werden auch in dem Hit der afghanischen Burka Band erwähnt, die leider nur kurz existierte.

jewish-men-wearing-burkasStrenggläubige Muslime sollten sich vielleicht an ultraorthodoxen jüdischen Männern ein Beispiel nehmen. Diese verschleiern nicht ihre Frauen, sondern benutzen selbst Augen- und Seitenklappen um die verführerischen Frauen nicht sehen zu müssen.
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Die Burka hat auch eine erotische Funktion. Hier ein verschleierter Afghane beim Schwofen. In Europa wird der erotische Wert der Burka, auch in der Latex-Version, vor allem in Fetischistenkreisen erkannt, bei Frauen wohl noch eher als bei Männern. Aber seit Michael Jackson mal eine Abaya anzog, bei einem Tag shoppen in Bahrein, galt es auch in bestimmten homosexuellen Kreisen in London als cool, sich in einer Burka eben nicht zu zeigen. Ein Trend ist es wohl nicht geworden; die betreffenden Webseiten, die auch die Möglichkeit boten Burkas zu kaufen, sind wieder verschwunden.

ANMERKUNGEN:
1. Burka ist ein arabisches Wort: burqu‘ oder burqū‘ oder burqa‘ (برفع، برقوع). Ich schreibe es auf Deutsch, weil es vor allem in Westeuropa üblich ist. Das Wort ist aus Afghanistan zu uns gekommen, wo es über Indien gelandet war. In Afghanistan heißt das betreffende Kleidungsstück jedoch Tschaderi (چادرى‎).
2. As-Safadī, Salāh ad-dīn Khalīl ibn Aibak, al-Wāfī bi’l-wafayātDas Biographische Lexikon usw., hg. Helmut Ritter, İstanbul/Leipzig 1953, iii, 59–60:

دخل على ابن داود ابراهيم بن (محمد) نفطويه وقي ضنى على فراشه فقال له: يا أبا بكر ما هذا مع القدرة والمحبوب مساعد؟ فقال: أنا في آخز يوم من أيام الدنيا لا أنالني الله شفاعة محمد ص إن كنت حللت سراويلي على حرلم قط. حدثني أبي العباس: قال رسرل الله ص: من عشق فكتم وعفّ وصبر ثم مات مات شهيدا وأدخله الله الجنة.

3. Ibn al-Dabbāġ (gest. 1296). Zitiert in Helmut Ritter, Das Meer der Seele, Leiden 1955, 383. Arabischer Text nicht zur Verfügung.

Kleidung
• Damen: Kopftuch, Schleier, Burka & Co, Tschadorhot pants
• Herren: Lendentuch, langes Gewand, Arabische Kleidung in der Bibel

Diakritische Zeichen: Ibn Dāwūd al-Iṣbahānī, Ibn Ǧāmiʿ, mubarqaʿ

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Blachère, Principaux thèmes

Für Arabisten, die an alte arabische Liebesdichtung interessiert sind

R. Blachère, „Les principaux thèmes de la poésie érotique au siècles des Umayyades de Damas,“ in: Annales de l’Institut d’études orientales d’Alger, 5 (1939–41), 82–128

ist ein Artikel, den man nicht jeden Tag sieht, weil er im Weltkrieg in Alger erschien. Deshalb biete ich hier meine mittelprächtige, aber brauchbare Kopie an: Blachère.

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Isra’iliyat (Kurzdefinition)

Isrā’īlīyāt (اسرائيليات) sind an erster Stelle die Erzählungen mit ergänzender „historischer“ Auskunft zu den biblischen Personen, die im Koran erwähnt oder thematisiert werden. Diese Produkte der „Erzähler“ sind oft auf jüdische Prophetenerzählungen und Legenden oder auf reine Phantasie zurückzuführen. Oft findet man sie in → Ginzberg, Legends. Ebenfalls zu den isrā’īlīyāt werden allerlei erbauliche und unterhaltsame Erzählungen gerechnet, die in einer legendarischen Vergangenheit, in der „Zeit des Volkes Israel“ (‘ahd banī isrā’īl) situiert sind. 

Wie die islamische Überlieferung es will, können die Araber die jüdischen Erzählstoff über bekehrte Juden wie ‘Abdallāh ibn Salām und Ka‘b al-Ahbār gekannt haben, aber nötig ist das nicht. Die eroberten Gebiete waren voller Christen und Juden; ihre Literaturen waren überall und der Zugang dazu muss sehr leicht gewesen sein. Der Erzähler Wahb ibn Munabbih (± 654–728) war mit diesem Material sehr vertraut und hat es in seinen Schriften verbreitet.

Waren die frühen islamischen Texte noch mit isrā’īlīyāt durchtränkt, nach dem achten Jahrhundert gab es ein deutliches Misstrauen gegen sie und eine Tendenz sie zu marginalisieren oder gar unsichtbar zu machen.  Es erfolgte eine Entbibelung des Islams.

Isrā’īlīyāt findet man vor allem in koranexegetischen Werken (tafsīr), in Geschichtsquellen und in den Prophetenerzählungen (qisas al-anbiyā’).

BIBLIOGRAPHIE
– G. Vajda, Art. ‘Isrāʾīliyyāt’ in EI2.
– Art. ‘Isra’iliyyat’ in Wikipedia.
– Louis Ginzberg, The Legends of the Jews, Philadelphia 1909–, oder online, aber dort fehlen die Anmerkungen.

Kurzdefinitionen: Anlässe der Offenbarung, DhimmiFatwa, Hadith, IsnadKalif, Koranauslegung, Muslim, Naskh, ProphetenerzählungenSabab an-nuzulSchariaSiraSunnaTafsirTaqiya,

Diakritische Zeichen: isrāʾīlīyāt, ʿAbdallāh ibn Salām, Kaʿb al-Ahbār, qiṣaṣ al-anbiyāʾ

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