Dreihundert und

Im Film 300 versuchen dreihundert Spartaner und noch einige andere Griechen in der Schlacht bei den Thermopylen (480 v. Chr.) einer großen persischen Übermacht Paroli zu bieten. Die Zahl 300 wird schon beim griechischen Autor Herodot (± 480–425 v. Chr.) erwähnt.1

Dieselbe Zahl kommt auch in der Bibel vor: in der Gideonerzählung, im Buch der Richter.2 Auch dort wird von einer kleinen Schar von erlesenen Kriegern erzählt, die sich gegen eine Übermacht von Midianitern, gewaltig „wie eine Menge Heuschrecken,“ aufgestellt habe. In der Nacht vor der Schlacht hat jemand im feindlichen Lager einen Albtraum, nämlich dass Gideon siegen und das ganze Lager ihm in die Hände fallen wird. Der Sieg des kleinen Trupps wird mit ausdrücklicher Hilfe Gottes errungen.
Richter datiert, so viel ich weiß, auf ± 1000 v. Chr. und ist also erheblich älter als die griechische Erzählung. Dass Herodot das Buch der Richter gekannt hätte, das auf Hebräisch geschrieben ist und zu seiner Zeit nur von Juden in Mesopotamien und Palästina gelesen wurde, ist unwahrscheinlich. Er muss von sich aus auf die Zahl 300 gekommen sein, oder die Erzählung ist in irgendeiner abgeleiteten Form in der alten Welt zirkuliert.

Mit Sicherheit abhängig von der Bibel oder einer jüdischen Bearbeitung der Gideonlegende waren jedoch die arabischen Erzähler, die über Mohammeds Schlacht bei Badr berichteten.3 Dreihundert und noch einige Anhänger des Propheten, als Muslime grundsätzlich Elitekämpfer, überfallen dort eine erheblich stärkere Karawane der noch heidnischen Quraisch. Im feindlichen Lager hat jemand in der Nacht vor der Schlacht einen Traum, in dem die Niederlage vorhergesagt wird; genau so wie in der Gideonerzählung. Auch hier gelingt es der kleinen Schar, mit Gottes Hilfe die größere Gruppe zu besiegen.
Die ± 300 Mann, die Übermacht des Feindes, der Traum und die Hilfe Gottes: So viele Übereinstimmungen können kein Zufall sein; darauf hat Von Mžik bereits vor einem Jahrhundert hingewiesen.4 Es ist abermals ein Beispiel des jüdisch-christlichen Einflusses auf die Biographie des Propheten Mohammeds.

Wie zahlreich sollten, erzähltechnisch betrachtet, die Gegner bei Badr sein? Es sollten nicht so unwahrscheinlich viele wie bei Gideon sein; die Erzählkunst hatte im Lauf der Jahrhunderte schon Fortschritte gemacht. Dass ein Muslim einem Heiden überlegen ist, ist selbstredend. Dass er auch zwei schafft, liegt nahe: durch die Kraft seines Glaubens nämlich.5 Aber zehn, zum Beispiel, wäre wirklich zu viel; dann würde die Erzählung in eine andere Gattung abdriften. Figuren wie Superman, Asterix und Obelix, Bud Spencer und Terence Hill werden mit unbeschränkten Zahlen von Gegnern fertig, aber sie sind deutlich in fantastischen Erzählungen zu Hause. Und die sind ziemlich fade, weil darin die Kämpfe nicht spannend oder real vorstellbar werden. Die Gegner bei Badr belaufen sich auf insgesamt 950; das bedeutet: ein Muslim auf etwas mehr als drei Heiden. Das ist grenzwertig und neigt schon einigermaßen zum Fantastischen, aber wird es doch nicht. Die Erzählung will uns ja klar machen, dass die Schlacht mit Gottes Hilfe gewonnen worden sei, und in den Augen sowohl des Erzählers als der ersten Hörer ist daran nichts Fiktives oder Fantastisches. Die Wahrscheinlichkeit ist so für sie gerade noch nicht beeinträchtigt.

ANMERKUNGEN
1. Herodot, Historiae vii, 205.
2. Richter 7:2–22.
3. Ibn Isḥāq, in: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, […] hrsg. F. Wüstenfeld, 3 Bde., Göttingen 1858–60, S. 428–9, 506, 516 (Arabische Texte). In englischer Übersetzung: A. Guillaume, The Life of Muhammad, A Translation of Isḥāq’s (so!) Sīrat Rasūl Allāh, Oxford 1955, S. 290, 336, 340.
4. Hans von Mžik, ‘Die Gideon-Saul-Legende und die Überlieferung der Schlacht bei Badr. Ein Beitrag zur ältesten Geschichte des Islām,’ Wiener Zeitschift für die Kunde des Morgenlandes 29 (1915), S. 371–383.
5. Das bestätigt ein Hadith: Muslim, @@@, @@@

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Frühreife Propheten

Eine kurze Suche in der online Fassung von Ginzberg, Legends of The Jews, macht klar, dass viele alte „Propheten“ auf wundersame Weise frühreif waren. Das gehörte einfach dazu. Einige Beispiele (meine Übersetzung):

  • „So wurde Abraham ohne Amme in der Höhle zurückgelassen, und er begann zu weinen. Gott sandte Gabriel herunter um ihm Milch zu trinken zu geben, und der Engel ließ den Milch aus dem linken kleinen Finger des Säuglings strömen, und er sog daran bis er zehn Tage alt war. Dann stand er auf, er konnte gehen und verließ die Höhle …“ — und begann sofort mit der Bekämpfung des Polytheismus.
  • „Bis zu seinem siebzehnten Lebensjahr besuchte Joseph häufig das Bet ha-Midrash, und er wurde so gelehrt, dass er seinen Brüdern die Halakhot, die er von seinem Vater gehört hatte überliefern konnte.  So kann er als ihr Lehrer betrachtet werden.“
  • „[Moses‘] Verwandten und ganz Israel wussten, dass das Kind für Großes vorbestimmt war, denn er war kaum vier Monate alt, als er zu prophezeien begann, sagend: ,In kommenden Tagen werde ich die Thora von der brennenden Fackel empfangen.‘“ 

Und so weiter und so fort. Frühreife ist auch ein Merkmal Jesu. Nach Lukas 2:41-52 wurde Jesus als Zwölfjähriger in Jerusalem im Tempel angetroffen, „mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten.“
Das apokryphe Kindheitsevangelium des „Thomas des Israeliten“ (Ende 2. Jahrhundert) schildert den jungen Jesus als ein frühreifes Kind, das gleich schon in der Lage war, Wunder zu tun. Bereits als Fünfjähriger hatte er mit anderen Kindern zwölf Sperlinge aus Lehm gemacht. Als ein Jude sich bei Joseph beschwert hatte, weil dies am Sabbat geschehen war, und Joseph ihn darauf ansprach, klatschte er in die Hände und schrie den Sperlingen zu: „Fort mit euch!“ Die Vögel öffneten ihre Flügel und flogen mit Geschrei davon. In Koran 3:4–9 steht eine Erzählung, die stark daran erinnert. Aber dort verrichtet Jesus das Wunder nicht als Kind.
Im Kindheitsevangelium ist Jesus als junges Kind ausgesprochen flegelhaft und aggressiv. Er wusste noch nicht, wie er seine Gabe menschenfreundlich anwenden könnte. Einen kleinen Jungen, der ihm bei einem Kinderspiel im Wege saß, ließ er verdorren wie einen Baum. Zu einem anderen Knaben, der ihn an seine Schulter stieß, sagte er: „Du sollst auf deinem Weg nicht weitergehen!“ worauf der Knabe hinfiel und starb. Mit acht Jahren war er schon menschlicher geworden. Als er einmal bei der Ernte mithalf, brachte er eine unglaubliche Menge Weizen ein, rief alle Armen des Dorfes und schenkte ihnen den Weizen. Dies sind nur einige Beispiele.1

Über den Propheten Mohammed ist erzählt worden, dass er bei seiner Amme

  • „… aufwuchs wie kein anderer Bursche und feste Nahrung essen konnte bevor er zwei Jahre alt war.“ 2

Oder noch deutlicher:

  • „Er wuchs an einem Tag so viel wie andere Kinder in einem Monat, und als er sechs Monate alt war, vertrug er schon feste Ernährung.“3

Als er noch von seiner Amme betreut wurde, soll er schon Lämmer gehütet haben:

  • „Der Prophet hat gesagt: ‘Ich hatte eine Amme beim Stamm Sa‘d ibn Bakr, und als ich einmal mit einem Brüderchen hinter unseren Zelten die Lämmer hütete …“ 4

Auch dort wurde er von zwei Engeln im Bauch untersucht bzw. gereinigt: das ist die Erzählung der *Bauchspaltung.5 Als Junge saß er gerne bei der Ka‘ba: eine Parallele zu Jesus, der sich als Junge im Tempel Jerusalems zu Hause fühlte. In beiden Fällen wollten Andere die Jungen dort wegholen.6

Mehr Frühislamisches gibt es in den Hadithen zu Ibn Sayyād, eine antichrist-ähnliche Gestalt (dadjdjāl), den Mohammed noch kennen gelernt haben soll. Er war kein Prophet, aber wird als jemand dargestellt, der gerne tat, als ob er einer wäre. In seiner Rolle als Pseudoprophet musste auch Ibn Sayyād frühreif sein. Als neugeborener Säugling schrie er wie ein Junge von einem Monat, oder sogar zwei Monaten. Er trat schon als Schamane (kāhin) auf, als er noch ein Kind war und bei seiner Mutter wohnte. In einer anderen Erzählung „spielte er mit den Knaben und war selbst auch einer,“ als Mohammed ihn besuchte, um dessen beunruhigenden Eigenschaften in Augenschein zu nehmen.7

Dies alles zeigt, dass das jüdische Motiv „frühreifer Prophet“ im frühen Islam bekannt und geläufig war. Kein Wunder auch: Das Araberreich der Umayyaden war noch ganz mit christlichen und jüdischen Literaturen durchtränkt.

Was steckt hinter diesem Erzählmotiv? Mohammed soll vierzig Jahre alt gewesen sein, als er berufen wurde; Jesus ungefähr dreißig. Die Frage ist dann immer: Was taten sie vor ihrer Berufung? Etwa ein banales Leben führen? Sündigen vielleicht? Die Erzähler versuchen, die Propheten so früh wie möglich ihrer hohen Berufung würdig zu machen.

ANMERKUNGEN
1. Wilhelm Schneemelcher, Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung, I. Band, Evangelien, 5. Aufl., Tübingen 1987, 353–57. Englische Übersetzungen hier.
2. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 105. Normalerweise blieb ein Säugling zwei bis zwei und halb Jahre an der Mutterbrust.
3. Ibn al-Athīr, an-Nihāya fī gharīb al-hadīth wal-athar, 5 Bde., Beirut (Dār al-Fikr) o.J., i, 277.
4. Ibn Isḥāq, o.c. 106.
5. Ibn Isḥāq, o.c. 106.
6. Ibn Isḥāq, o.c. 107–108.
7. Wim Raven, „Ibn Ṣayyād as an Islamic ‘Antichrist’. A reappraisal of the texts,“ in: Endzeiten. Eschatologie in den monotheistischen Weltreligionen, hrsg. Wolfram Brandes und Felicitas Schmieder, Berlin/New York 2008, 266–67. Den Artikel können Sie hier downloaden.

Diakritische Zeichen: Ibn Ṣayyād, daǧǧāl, Ibn Isḥāq, Ibn al-Aṯīr, an-Nihāya fī ġarīb al-ḥadīṯ wal-aṯar

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Isra’iliyat (Kurzdefinition)

Isrā’īlīyāt (اسرائيليات) sind an erster Stelle die Erzählungen mit ergänzender „historischer“ Auskunft zu den biblischen Personen, die im Koran erwähnt oder thematisiert werden. Diese Produkte der „Erzähler“ sind oft auf jüdische Prophetenerzählungen und Legenden oder auf reine Phantasie zurückzuführen. Oft findet man sie in → Ginzberg, Legends. Ebenfalls zu den isrā’īlīyāt werden allerlei erbauliche und unterhaltsame Erzählungen gerechnet, die in einer legendarischen Vergangenheit, in der „Zeit des Volkes Israel“ (‘ahd banī isrā’īl) situiert sind. 

Wie die islamische Überlieferung es will, können die Araber die jüdischen Erzählstoff über bekehrte Juden wie ‘Abdallāh ibn Salām und Ka‘b al-Ahbār gekannt haben, aber nötig ist das nicht. Die eroberten Gebiete waren voller Christen und Juden; ihre Literaturen waren überall und der Zugang dazu muss sehr leicht gewesen sein. Der Erzähler Wahb ibn Munabbih (± 654–728) war mit diesem Material sehr vertraut und hat es in seinen Schriften verbreitet.

Waren die frühen islamischen Texte noch mit isrā’īlīyāt durchtränkt, nach dem achten Jahrhundert gab es ein deutliches Misstrauen gegen sie und eine Tendenz sie zu marginalisieren oder gar unsichtbar zu machen.  Es erfolgte eine Entbibelung des Islams.

Isrā’īlīyāt findet man vor allem in koranexegetischen Werken (tafsīr), in Geschichtsquellen und in den Prophetenerzählungen (qisas al-anbiyā’).

BIBLIOGRAPHIE
– G. Vajda, Art. ‘Isrāʾīliyyāt’ in EI2.
– Art. ‘Isra’iliyyat’ in Wikipedia.
– Louis Ginzberg, The Legends of the Jews, Philadelphia 1909–, oder online, aber dort fehlen die Anmerkungen.

Kurzdefinitionen: Anlässe der Offenbarung, DhimmiFatwa, Hadith, IsnadKalif, Koranauslegung, Muslim, Naskh, ProphetenerzählungenSabab an-nuzulSchariaSiraSunnaTafsirTaqiya,

Diakritische Zeichen: isrāʾīlīyāt, ʿAbdallāh ibn Salām, Kaʿb al-Ahbār, qiṣaṣ al-anbiyāʾ

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