Dürfen Frauen in die Moschee gehen?

🇳🇱 Jemand wies daraufhin, dass der Prophet Mohammed Frauen zwar erlaubte in die Moschee zu gehen, aber doch lieber sah, dass sie zu Hause blieben. Das untermauerte er mit dem Verweis auf nur einen Hadith (unten Nr. 7).
Ich habe geantwortet, dass es auch andere Hadithe gibt und dass man nie nur einen Hadith zitieren soll. Erst wenn man alle Hadithe zu einem gewissen Thema zusammengestellt hat, sieht man, worum es sich in den Texten handelt. Das wird aber oft ein unerreichbares Ideal bleiben, denn ein Thema wie dieses gründlich zu erforschen würde einen erfahrenen Forscher — und wo gibt es die noch?— zwei Monate kosten und andere noch viel mehr. Ich kann das jetzt nicht machen, deshalb bleibe ich an der Oberfläche. Auf die Schnelle habe ich in den wichtigsten Sammlungen, den sog. Neun Büchern, 22 Hadithe zu dieser Frage gesammelt. Es gibt ohne Zweifel viele mehr, aber diese 22 geben doch einen Eindruck—der sich wieder ändern könnte, wenn etwa Texte aus den älteren „nicht-kanonischen“ Sammlungen herangezogen würden, wie z.B. die des ‘Abd ar-Razzāq as-San‘ānī. Die Texte brauchen noch nähere Analyse; manche sind richtig raffiniert! Es wäre mal an der Zeit, dass die Hadithliteratur, die jeder angeblich so wichtig findet, gründlich analysiert wird, anstatt dass man immer wieder mit einem willkürlichen Zitat kommt. Aber wer wird dieses Studium unternehmen?

Ein Nichtmuslim muss nicht glauben, dass alle diese 22 Hadithe wirklich auf Mohammed zurückgehen. Zum Glück, denn sonst hätte der Prophet schon ganz viele Meinungen zum Thema gehabt. Was solche Texte zeigen ist, dass der Besuch der Frauen in der Moschee offensichtlich irgendwo, irgendwann ein Diskussionsthema war. Klar ist auch, dass in diesen Texten der Prophet als Befürworter dargestellt wird und dass der Widerstand vor allem vom Kalifen ‘Umar und dessen Nachkommen ausging (Hadith 4–6, 13). Das ist oft der Fall in dieser Literatur. Aber auch (Ibn) ‘Umars Widerstand ist nicht historisch belegt. „‘Umar“ steht für die Rechtsschule von Medina, die erheblich strenger war als die Schulen im Irak, woher die meisten Hadithe stammen. Siehe dazu ‘Umar und der Prophet.

Ich gehe vorläufig davon aus, dass diese Diskussion ca. 720–750 stattgefunden hat, obwohl ich das nicht beweisen kann (s. Hadithe datieren).

Der Hadith, in dem der Prophet Frauen erlaubte in die Moschee zu gehen, war offensichtlich überall fest etabliert. Gegner konnten den Text nicht wegschaffen, aber sie versuchten ihren Standpunkt durchzusetzen indem sie an den Texten herumbastelten und einschränkende Phrasen hinzufügten. Auch das passiert oft in der Welt des Hadith; ein gründliches Studium würde das ans Tageslicht bringen.

Was würde gegen die Anwesenheit von Frauen in der Moschee sprechen? Sie könnten störend oder verführend wirken oder Männer in einer unwürdigen Position sehen. Die Frauen beten ja hinter den Männern—wenn sie aufblicken haben sie die Aussicht auf eine ganze Reihe Männergesäße. Dies könnte unerwünschte Situationen mit sich bringen (Hadith 20). Deshalb sollten sie das Gebet etwas früher verlassen—oder etwas später aufblicken.

Verwandte Themen, die man dazu noch untersuchen könnte: Der abendliche Toilettengang der Frauen. Die Frau als Ablenkung vom Gebet.

In den 22 Hadithen erkenne ich die folgenden Motive:
– Der Prophet erlaubt Frauen in die Moschee zu gehen (Variante: wenn ihr Mann einverstanden ist).
– Sie dürfen, aber es ist besser, dass sie zu Hause bleiben.
– Sie  dürfen an Feiertagen, sollen sogar, nur menstruierende Frauen nicht oder nur bedingt.
– Sie dürfen, aber ohne Schmuck und vornehme Kleidung.
– Sie dürfen, aber nur abends/nachts. [Im Dunkel stören oder verführen sie ja niemand.]
– Selbstverständlich dürfen Frauen in die Moschee; sie sind einfach da.
– Frauen sind in der Moschee, aber sie sollen sich nach dem Gebet früher zurückziehen [um Begegnungen mit Männern vorzubeugen].

Hier folgen die Hadithtexte erst in Übersetzung, danach im ursprünglichen Arabisch.

Der Prophet erlaubt Frauen in die Moschee zu gehen
1. Der Prophet hat gesagt: “Verbietet Gottes Dienstmägden nicht in Gottes Moscheen zu gehen!”
2. Der Prophet hat gesagt: “Wenn eure Frauen euch um Erlaubnis bitten in die Moscheen zu gehen, gebt ihnen die!”
3. Der Prophet hat gesagt: “Wenn die Frau von einem von euch um Erlaubnis bittet [in die Moschee zu gehen], verbietet es ihr nicht!”

4. ‘Abdallāh ibn ‘Umar: Ich habe den Propheten sagen hören: “Verbietet euren Frauen nicht, in die Moschee zu gehen, wenn sie euch um Erlaubnis bitten!”
‘Abdallāh [ibn ‘Umar]s Sohn Bilāl sagte: Bei Gott, aber sicher verbieten wir ihnen das! Darauf lief sein Vater zu ihm hin und schimpfte ihn so furchtbar aus, wie ich es von ihm noch nie gehört hatte, und er sagte: Ich überliefere dir etwas vom Propheten und dann sagst du: Bei Gott, wir verbieten ihnen das!
5=13. Ibn ʿUmar: Der Prophet hat gesagt: “Verbietet den Frauen nicht nachts in die Moscheen zu gehen!”
Ein Sohn von ‘Abdallāh ibn ‘Umar sagte: Wir lassen sie nicht gehen; das würden sie zum Anlass der Verdorbenheit nehmen. Aber sein Vater rügte ihn und sagte: Ich sage: Der Prophet hat gesagt: [Verbietet ihnen nicht …!] und du sagst: Wir lassen sie nicht gehen … !
6. Eine der Frauen ‘Umars beteiligte sich am Morgengebet und am Abendgebet in der Gemeinde in der Moschee. Jemand fragte sie: Warum gehst du aus? Du weißt doch, dass ‘Umar das nicht gern hat und dass er eifersüchtig ist?
– Und was würde ihn daran hindern es mir zu verbieten?
– Was ihn daran hindert, ist der Hadith des Propheten: “Verbietet Gottes Dienstmägden nicht in Gottes Moscheen zu gehen!”

Sie dürfen in die Moschee gehen, aber zu Hause bleiben ist besser.
7. Der Prophet hat gesagt: „Verbietet euren Frauen nicht in die Moscheen zu gehen, aber zu Hause bleiben ist besser für sie.“

Sie  dürfen an Feiertagen, sollen sogar, nur menstruierende Frauen nicht.
8. Der Prophet befahl uns [an Feiertagen] heiratsfähige Mädchen, die in Absonderung leben, [in  die Moschee] gehen zu lassen. Und er befahl menstruierende Frauen von dem Gebetsplatz der Muslime fernzuhalten.
9. Uns  wurde befohlen an Feiertagen [in die Moschee] zu gehen: die Frauen, die in Absonderung gehalten werden, und die Jungfrauen. Menstruierende Frauen gehen nach den anderen Menschen und sprechen den takbīr zusammen mit den anderen Menschen.

Sie dürfen, aber nicht aufgedonnert
10. Hätte der Prophet gewusst, wie die Frauen heutzutage herumlaufen, so hätte er ihnen verboten in die Moschee zu gehen, wie dies auch den Frauen der Israeliten verboten war. (Ich fragte ‘Amra: War es denen denn verboten? Ja, sagte sie.)
11. “Verbietet Gottes Dienstmägden nicht in Gottes Moscheen zu gehen, aber lasst sie unparfümiert gehen!” Aisha sagte: Hätte der Prophet gesehen, wie sie heutzutage sind, hätte er es ihnen verboten.
12. Der Prophet saß einmal in der Moschee, als eine Frau aus Muzaina in einem Prachtgewand hereinparadierte. Da sagte der Prophet: “Menschen, verbietet euren Frauen Prachtgewänder zu tragen und damit in der Moschee zu prunken!  Denn die Israeliten wurden erst verflucht, als ihre Frauen anfingen Prachtgewänder zu tragen und damit in den Moscheen zu prunken.”

Sie dürfen abends/nachts
13=5. Der Prophet hat gesagt: “Verbietet den Frauen nicht nachts in die Moscheen zu gehen!”
Ein Sohn von ‘Abdallāh ibn ‘Umar sagte: Wir lassen sie nicht gehen; das würden sie als Anlass der Verdorbenheit nehmen. Aber sein Vater rügte ihn und sagte: Ich sage: Der Prophet hat gesagt: [Verbietet ihnen nicht …!] und du sagst: Wir lassen sie nicht gehen … !
14. Der Prophet hat gesagt: „Erlaubt den Frauen nachts in die Moscheen zu gehen.“
15. Der Prophet hat gesagt: „Wenn eure Frauen euch um Erlaubnis bitten nachts in die Moschee zu gehen, gebt ihnen die!“
16. Wenn der Prophet das Morgengebet verrichtete, gingen die Frauen weg, in ihre Wollgewänder gehüllt, unkenntlich im Dunkeln.
17. Der Prophet wartete im ersten Drittel der Nacht, als ‘Umar ihm zurief: Die Frauen und Kinder sind schlafen gegangen. Da kam der Prophet heraus und sagte: “Niemand in der Welt wartet darauf außer euch.” (Zu der Zeit wurde nur in Medina das Gebet verrichtet und man tat das im ersten Drittel der Nacht, zwischen dem Augenblick, als das Abendrot verschwand, bis zu einem Drittel der Nacht.)
18. Der Prophet verrichtete das frühe Morgengebet als es noch dunkel war; dann gingen die Frauen der Gläubigen weg, unkenntlich im Dunkeln (Variante: ohne einander zu erkennen).

Frauen sind selbstverständlich in der Moschee
19. Der Prophet hat gesagt: Wenn ich das Gebet lang machen will, aber dann das Weinen eines kleinen Kindes höre, dann leiere ich es schnell herunter, weil ich die Mutter ungern stören möchte.
20. Ich habe Männer gesehen, die sich ihr Lendentuch um den Hals geknüpft hatten wie kleine Jungen, weil ihr Lendentuch zu knapp war, und so hinter dem Propheten das Gebet verrichteten. Jemand sagte: „Frauen! Ihr sollt eure Köpfe nicht heben, bevor die Männer es tun!“

Frauen sind selbstverständlich in der Moschee, aber sie sollen früher weggehen
21. Der Prophet war gewohnt, wenn er den taslīm sprach, ein wenig zu zögern. Man war der Meinung, das geschehe um die Frauen vor den Männern weggehen zu lassen.
22. Als der Prophet den taslīm sprach, standen die Frauen auf, wenn er diesen beendete, während er noch ein wenig an seinem Platz, blieb bevor er selber aufstand. Wir meinen, aber Gott weiß es am Besten, dass das geschah, damit die Frauen weggingen, bevor die Männer sie überholen würden.
23. Zur Zeit des Propheten standen die Frauen auf, wenn sie mit dem festgelegten taslīm fertig waren, während der Prophet und diejenigen, die mit ihm das Gebet verrichteten, noch ein wenig blieben. Und wenn der Prophet aufstand, standen auch die anderen Männer auf.

TEXTE UND BELEGSTELLEN DER HADITHE

1.  حدثنا محمد بن عبد الله بن نمير حدثنا أبي وابن إدريس قالا حدثنا عبيد الله عن نافع عن ابن عمر أن رسول الله ص قال لا تمنعوا إماء الله مساجد الله. Muslim, Salāt 136
2. حدثنا عبد الله حدثني أبي ثنا ابن نمير ثنا حنظلة سمعت سالما يقول سمعت ابن عمر يقول سمعت رسول الله ص يقول: إذا استأذنكم نساؤكم الى المساجد فأذنوا لهن. Ahmad ibn Hanbal, Musnad ii, 143
3. حدثنا مسدد حدثنا يزيد بن زريع عن معمر عن الزهري عن سالم بن عبد الله عن أبيه عن النبي ص إذا استأذنت امرأة أحدكم فلا يمنعها. Bukhārī, Ādhān 166 = ± Muslim, Salāt 134
4. حدثني حرملة بن يحيى أخبرنا ابن وهب أخبرني يونس عن ابن شهاب قال أخبرني سالم بن عبد الله أن عبد الله بن عمر قال سمعت رسول الله ص يقول لا تمنعوا نساءكم المساجد إذا استأذنكم إليها قال فقال بلال بن عبد الله والله لنمنعهن قال فأقبل عليه عبد الله فسبه سبا سيئا ما سمعته سبه مثله قط وقال أخبرك عن رسول الله ص وتقول والله لنمنعهن. Muslim, Salāt 135
5. حدثنا أبو كريب حدثنا أبو معاوية عن الأعمش عن مجاهد عن ابن عمر قال قال رسول الله ص لا تمنعوا النساء من الخروج إلى المساجد بالليل فقال ابن لعبد الله بن عمر لا ندعهن يخرجن فيتخذنه دغلا قال فزبره ابن عمر وقال أقول قال رسول الله ص وتقول لا ندعهن.  Muslim, Salāt 138, = ± 139; ± Ahmad ibn Hanbal, Musnad ii, 143
6. حدثنا يوسف بن موسى حدثنا أبو أسامة حدثنا عبيد الله بن عمر عن نافع عن ابن عمر قال كانت امرأة لعمر تشهد صلاة الصبح والعشاء في الجماعة في المسجد فقيل لها لم تخرجين وقد تعلمين أن عمر يكره ذلك ويغار قالت وما يمنعه أن ينهاني قال يمنعه قول رسول الله ص لا تمنعوا إماء الله مساجد الله. Bukhārī, Djum‘a 13 
7.  حدثنا عثمان بن أبي شيبة حدثنا يزيد بن هارون أخبرنا العوام بن حوشب حدثني حبيب بن أبي ثابت عن ابن عمر قال: قال رسول الله ص لا تمنعوا نساءكم المساجد وبيوتهن خير لهن. Abū Dāwūd, Salāt 52
8.  حدثني إبو الربيع الزهراني حدثنا حماد حدثنا أيوب عن محمد عن أم عطية قالت: أُمرنا (تعني النبي ص) أن نخرج في العيدين العواتق وذوات الخدور وإمرالحيض أن يعتزلن مصلى المسلمين. , Muslim, ‘Īdain 10
9. حدثنا يحيى بن يحيى أخبرنا أبو خيثمة عن عاصم الأحول عن حفصة بنت سيرين عن أم عطية قالت كنا نؤمر بالخروج في العيدين والمخبأة والبكر قالت الحيض يخرجن فيكن خلف الناس يكبرن مع الناس. Muslim, ‘Īdayn 11
10.  حدثنا عبد الله بن يوسف قال أخبرنا مالك عن يحيى بن سعيد عن عمرة عن عائشة ر قالت لو أدرك رسول الله ص ما أحدث النساء لمنعهن كما منعت نساء بني إسرائيل قلت لعمرة أومنعن قالت نعم. Bukhārī, Ādhān 163d = Muslim, Salāt 144
11. حدثنا عبد الله حدثني أبي ثنا الحكم ثنا عبد الرحمن بن أبي الرجال فقال أبي يذكره عن أمه عن عائشة عن النبي ص قال: لا تمنعوا إماء الله مساجد الله وليخرجن تفلات. قالت: عائشة: ولو رأى حالهن اليوم منعهن.  Ahmad ibn Hanbal, Musnad vi, 69–70
12. حدثنا أبو بكر بن أبي شيبة وعلي بن محمد قالا حدثنا عبيد الله بن موسى عن موسى بن عبيدة عن داود بن مدرك عن عروة بن الزبير عن عائشة قالت بينما رسول الله ص جالس في المسجد إذ دخلت امرأة من مزينة ترفل في زينة لها في المسجد فقال النبي ص يا أيها الناس انهوا نساءكم عن لبس الزينة والتبختر في المسجد فإن بني إسرائيل لم يلعنوا حتى لبس نساؤهم الزينة وتبخترن في المساجد. Ibn Mādja, Fitan 19
13. حدثنا أبو كريب حدثنا أبو معاوية عن الأعمش عن مجاهد عن ابن عمر قال قال رسول الله ص لا تمنعوا النساء من الخروج إلى المساجد بالليل فقال ابن لعبد الله بن عمر لا ندعهن يخرجن فيتخذنه دغلا قال فزبره ابن عمر وقال أقول قال رسول الله ص وتقول لا ندعهن. Muslim, Salāt 138, ± 139; = ± Ahmad ibn Hanbal, Musnad ii, 143
14. حدثنا عبد الله بن محمد حدثنا شبابة حدثنا ورقاء عن عمرو بن دينار عن مجاهد عن ابن عمر عن النبي ص قال ائذنوا للنساء بالليل إلى المساجد. Bukhārī, Djum‘a 13
15.  حدثنا عبيد الله بن موسى عن حنظلة عن سالم بن عبد الله عن ابن عمر ر عن النبي ص قال إذا استأذنكم نساؤكم بالليل إلى المسجد فأذنوا لهن. Bukhārī, Ādhān 162b, Muslim, Ṣalāt 137
16. حدثنا عبد الله بن مسلمة عن مالك ح وحدثنا عبد الله بن يوسف قال أخبرنا مالك عن يحيى بن سعيد عن عمرة بنت عبد الرحمن عن عائشة قالت: إن كان رسول الله ص ليصلي الصبح فينصرف النساء متلفعات بمروطهن ما يعرفن من الغلس. Bukhārī, Ādhān 163b
17.  حدثنا أبو اليمان قال أخبرنا شعيب عن الزهري قال أخبرني عروة بن الزبير عن عائشة رضي الله عنها قالت أعتم رسول الله ص بالعتمة حتى ناداه عمر نام النساء والصبيان فخرج النبي صلى الله عليه وسلم فقال ما ينتظرها أحد غيركم من أهل الأرض ولا يصلى يومئذ إلا بالمدينة وكانوا يصلون العتمة فيما بين أن يغيب الشفق إلى ثلث الليل الأول. Bukhārī, Ādhān 162a
18.  حدثنا يحيى بن موسى حدثنا سعيد بن منصور حدثنا فليح عن عبد الرحمن بن القاسم عن أبيه عن عائشة ر أن رسول الله ص كان يصلي الصبح بغلس فينصرفن نساء المؤمنين لا يعرفن من الغلس أو لا يعرف بعضهن بعضا. Bukhārī, Ādhān 165
19. حدثنا محمد بن مسكين قال حدثنا بشر بن بكر أخبرنا الأوزاعي حدثني يحيى بن أبي كثير عن عبد الله بن أبي قتادة الأنصاري عن أبيه قال قال رسول الله ص إني لأقوم إلى الصلاة وأنا أريد أن أطول فيها فأسمع بكاء الصبي فأتجوز في صلاتي كراهية أن أشق على أمه. Bukhārī, Ādhān 163c
20. حدثنا أبو بكر بن أبي شيبة حدثنا وكيع عن سفيان عن أبي حازم عن سهل بن سعد قال لقد رأيت الرجال عاقدي أزرهم في أعناقهم مثل الصبيان من ضيق الأزر خلف النبي ص فقال قائل يا معشر النساء لا ترفعن رءوسكن حتى يرفع الرجال. Muslim, Salāt 133
21.  حدثنا محمد بن يحيى ومحمد بن رافع قالا حدثنا عبد الرزاق أخبرنا معمر عن الزهري عن هند بنت الحارث عن أم سلمة قالت كان رسول الله ص إذا سلم مكث قليلا وكانوا يرون أن ذلك كيما ينفذ النساء قبل الرجال. Abū Dāwūd, Salāt 196
22.  حدثنا يحيى بن قزعة قال حدثنا إبراهيم بن سعد عن الزهري عن هند بنت الحارث عن أم سلمة ر قالت كان رسول الله ص إذا سلم قام النساء حين يقضي تسليمه ويمكث هو في مقامه يسيرا قبل أن يقوم قال نرى والله أعلم أن ذلك كان لكي ينصرف النساء قبل أن يدركهن أحد من الرجال. Bukhārī, Ādhān 164a, 166b
23. حدثنا عبد الله بن محمد حدثنا عثمان بن عمر أخبرنا يونس عن الزهري قال حدثتني هند بنت الحارث أن أم سلمة زوج النبي ص أخبرتها أن النساء في عهد رسول الله ص كن إذا سلمن من المكتوبة قمن وثبت رسول الله ص ومن صلى من الرجال ما شاء الله فإذا قام رسول الله ص قام الرجال. Bukhārī, Ādhān 163a

Diakritische Zeichen: aṣ-Ṣanʿānī, ṣalāt, Aḥmad ibn Ḥanbal, al-Buḫārī, Āḏān, Ǧumʿa, Ibn Māǧa

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Unfähige Propheten

Einer Erzählung zufolge, die Mohammeds erstes Offenbarungserlebnis  schildert, hatte der Prophet sich auf den Berg Hirā’ zurückgezogen, als der Engel Gibrīl (Gabriel) zu ihm kam:

  • Der Prophet selbst erzählte dazu: Während ich schlief, kam Gibrīl zu mir mit einer Brokatdecke, auf der Schriftzeichen standen. Er sagte: „Lies!“ Ich sagte: „Ich kann nicht lesen (mā aqra’u).“ Darauf drückte er mit der Decke meinen Hals so kräftig zu, dass ich dachte, es wäre der Tod. Dann ließ er mich los [und sagte: „Lies!“ Ich antwortete: „Ich kann nicht lesen.“ Darauf drückte er abermals so kräftig, dass ich dachte, es wäre der Tod. Dann ließ er mich los] und sagte wieder: „Lies!“ Ich sagte: „Was soll ich lesen? (mā dhā aqra’u)“ und das sagte ich nur um ihn los zu werden, aus Angst, dass er es noch mal tun würde. Da sagte er: Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen. Lies im Namen deines Herrn, der erschuf,—erschuf den Menschen aus einem Klumpen Blut. Lies! denn dein Herr ist der Allgütige, der (den Menschen) lehrte durch die Feder, den Menschen lehrte, was er nicht wusste. [Koran 96:1–5] Dies rezitierte ich; dann ließ er mich los und ging weg. Als ich aufwachte war es, als wäre es in mein Herz geschrieben.
    Nun gab es kein Geschöpf, das mir verhasster war als Dichter und Besessene; ich konnte sie einfach nicht riechen. Und ich dachte: „O wehe, dieser Nichtswürdige“—er meinte sich selbst—„ist ein Dichter oder Besessener. Aber das werden die Quraisch nie von mir sagen! Ich werde hoch auf den Berg steigen und mich herunterstürzen und töten, dann habe ich Ruhe.“ In der Absicht machte ich mich also auf den Weg, aber als ich mitten auf dem Berg war, hörte ich eine Stimme vom Himmel: „Mohammed! Du bist der Gesandte Gottes, und ich bin Gibrīl.“ Ich schaute hoch zum Himmel und siehe da, es war Gibrīl in der Gestalt eines Mannes, der mit seinen Füßen neben einander am Horizont stand. Wieder sagte er: „Mohammed! Du bist der Gesandte Gottes, und ich bin Gibrīl.“ Ich sah ihn weiter an und das brachte mich von meinem Vorhaben ab; ich ging weder vorwärts noch rückwärts. Da wollte ich meinen Blick von ihm abwenden, aber in welche Richtung ich auch schaute, überall sah ich ihn wieder so stehen. Dort blieb ich so lange, ohne einen Schritt vorwärts oder Rückwärts zu tun, dass Khadīdja schon ihre Boten sandte um nach mir zu suchen; sie kamen bis oberhalb von Mekka, während ich noch am selben Ort stand. Dann verließ er mich.1

Diese Erzählung beschreibt das, was christliche Theologen eine Berufungsvision nennen. Von verschiedenen Propheten wird im Alten Testament erzählt, wie sie anfangs meinen der Aufgabe, die Gott ihnen auferlegen will, nicht gewachsen zu sein.
Moses wird beauftragt sein Volk aus Ägypten ins Land Kanaan zu führen. Er hat einige Ausreden und bringt zum Schluss vor: „Ach Herr! Ich bin kein redegewandter Mann […] denn unbeholfen ist mein Mund und unbeholfen meine Zunge.“ (2. Mose 4:10).

Jesaja sieht eine Ehrfurcht gebietende Vision des Herrn, umgeben von zwei Seraphim. Er ruft aus: „Wehe mir, ich bin verloren! Denn ein Mann mit unreinen Lippen bin ich …“ (Jesaja 6:5).
Jeremia sagt bei seiner Berufung: „Ach Herr, Herr, ich verstehe nicht zu reden; denn ich bin zu jung“ (Jeremia 1:6).
Hesechiel erschrickt gewaltig und fällt beim Anblick einer überwältigenden Vision auf sein Angesicht (Hesechiel 1–3).

Die Propheten haben Recht. Natürlich sind sie nicht im Stande ihre Aufgabe ohne Weiteres zu erfüllen. Aber Gott macht sie bereit und stärkt sie dazu, gibt ihnen seine Worte ein, worauf es dann gelingt. Jesajas unreine Lippen werden mit einer glühenden Kohle vom Altar gereinigt; dann ist er bereit zu prophezeihen. Hesechiel wird von Gott „emporgehoben“; er hat schon eine Schriftrolle zu essen bekommen, „süß wie Honig,“ und ihm wird die nötige Härte verliehen; Mohammed bekommt die Schrift buchstäblich fast in seinen Hals gepresst. Sowohl Hesechiel (Hes. 3:14–15) als auch Mohammed sind nach der Berufungsvision schwer angeschlagen.
Nur der biblische Prophet Jona sagt nicht, dass er kein Prophet sein kann; er weigert sich einfach. Sein Auftrag ist es in die große Stadt Ninive im Irak zu gehen, aber er nimmt ein Schiff in eine andere Richtung—das ist ein anderer Fall. Mohammed passt in die Reihe der anderen Propheten, die sich zunächst unfähig fühlen.

Ich musste etwas nachdenken über die Wörter mā aqra’u in der Erzählung über Mohammeds Berufung, oben übersetzt als: „Ich kann nicht lesen“— wobei wohlgemerkt in der alten Zeit lesen immer bedeutete: laut lesen, rezitieren.
mā aqra’u word manchmal aufgefasst als: „Was werde/soll ich lesen?“, aber naheliegender wäre in dem Fall mā dhā aqra’u, was etwas später kommt. Der Kontrast zwischen zweimal mā aqra’u und einmal mā dhā aqra’u ist beabsichtigt.
mā aqra’u ist in allerlei Varianten des modernen(!) gesprochenen Arabisch ein neutrales: „Ich lese nicht/werde nicht lesen“. In der Schriftsprache war und ist das aber lā aqra’u.
+ Imperfekt. Nach W. Fischer, Grammatik des klassischen Arabisch, Wiesbaden 21987, § 321 „bestreitet mit Impf. den Vorgang oder dessen Möglichkeit: [… ] mā yarāka, ‘er sieht dich gar nicht, kann dich nicht sehen’.“ Die anderen Grammatiken des klassischen Arabisch haben zu diesem Punkt nichts mitzuteilen.

Auf Grund dieses Paragraphen bei Fischer und der obigen biblischen Vorbilder habe ich in der Erzählung über das erste Offenbarungserlebnis die Übersetzung: „Ich kann nicht lesen“ gewählt.

ANMERKUNGEN

1. At-Tabarī, [Ta’rīkh al-rusul wal-mulūk] Annales, hrsg. M.J. de Goeje et al., 14 Bde., Leiden 1879–1901, i, 1150:

قال رسول الله ص: فجاءني [جبريل] وأنا نائم بنمط من ديباج فيه كتاب ، فقال: اقرأ، فقلت: ما أقرأ. فغتني حتى ظننت أنه الموت، ثم أرسلني فقال: اقرأ، فقلت: [ما أقرأ ؟ قال : فغتني به حتى ظننت أنه الموت، ثم أرسلني، فقال: اقرأ، قلت:] ماذا أقرأ؟ ما أقول ذلك إلا افتداء منه أن يعود إلي بمثل ما صنع بي، قال:(اقرأ باسم ربك الذي خلق) ألى قوله (علم الإنسان ما لم يعلم.) قال: فقرأته. قال: ثم انتهى ثم انصرف عني وهببت من نومي ، وكأنما كتبت في قلبي كتابا. قال: ولم يكن من خلق الله أحد أبغض إلي من شاعر أو مجنون، كنت لا أطيق أن أنظر إليهما، قال: قلت إن الأبعد – يعني نفسه – لشاعر أو مجنون، لا تحدث بها عني قريش أبدًا. لأعمدنّ إلى حالق من الجبل فلأطرحنّ نفسي منه فلأقتلنّها فلأستريحنّ.) قال: فخرجت أريد ذلك حتى إذا كنت في وسط من الجبل سمعت صوتا من السماء يقول : يا محمد، أنت رسول الله وأنا جبرئيل. قال: فرفعت رأسي إلى السماء ، فإذا جبريل في صورة رجل صاف قدميه في أفق السماء يقول: يا محمد، أنت رسول الله وأنا جبرئيل. قال: فوقفت أنظر إليهِ فما أتقدم وما أتأخر، وجعلت أصرف وجهي عنه في آفاق السماء فلا أنظر في ناحية منها إلا رأيته كذلك ، فما زلت واقفا ما أتقدم أمامي ولا أرجع ورائي حتى بعثت خديجة رسلها في طلبي ، ختى بلغوا أعلى مكة ورجعوا إليها وأنا واقف في مكاني؛ ثم انصرف عني.

Der häufiger gelesene Ibn Hishām hat die Teile zum Selbstmordvorhaben aus der Vorlage von Ibn Ishāq gestrichen; deshalb zitiere ich hier die Fassung von at-Tabarī, die den ursprünglichen Wortlaut erhalten hat. Dafür hat Ibn Hishām dreimal den Auftrag: „Lies!“ Das zweite Mal habe ich hier zwischen Klammern hinzugefügt. Dreimal ein Auftrag und zweimal eine Weigerung ist klassisch; das gibt es z.B. auch in der Erzählung von der Berufung des Mönchs Cædmon bei Beda Venerabilis.

Diakritische Zeichen: Ḥirāʾ, Ǧibrīl, Quraiš, aṭṬabarī, taʾrīḫ, Hišām, Isḥāq

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Gott erpressen

In einer Erzählung der Prophetenbiografie versucht Mohammed Gott zu erpressen. In der Schlacht bei Badr sieht es eine Weile für Mohammed und seine Kämpfer ganz schlecht aus. Gott hatte Hilfe versprochen, aber diese lässt auf sich warten und der Feind droht die Schlacht für sich zu entscheiden. Darauf betet der Prophet zu Gott und sagte unter anderem: „O Gott, wenn dieser Trupp heute verloren geht, wirst du nicht mehr angebetet!“ Sein Gefährte Abū Bakr findet, dass das zu weit geht und sagt: „Prophet, belästige deinen Herrn nicht ständig mit deinem Gebet! Gott wird bestimmt schon erfüllen, was er versprochen hat.“ Und so geschieht es auch, denn „darauf schlief der Prophet kurz ein und als er aufwachte, sagte er: ,Sei frohen Mutes, Abū Bakr, denn Gottes Hilfe ist gekommen! Hier ist Gabriel und er führt ein Pferd am Zügel mit, das Staub auf seinen Vorderzähnen hat.”’ 1
Hat Gott sich von seinem Gesandten erpressen lassen oder war die Hilfe ohnehin schon unterwegs? Wir wissen es nicht.

Im Dies iræ, einer mittelalterlichen Hymne über das Jüngste Gericht, die noch bis 1971 fester Bestandteil der katholischen Requiem-Messe war, wird Jesus unter Druck gesetzt: Recordare Iesu pie quod sum causa tuæ viæ, ne me perdas illa die …: „Denke daran, lieber Jesus, dass ich der Grund Deines Lebens bin; richte mich an dem Tag nicht zu Grunde!“ Mit anderen Worten: vergib mir meine Sünden und schick mich nicht in die Hölle, denn ohne arme Sünder wie mich hätte es Dich nicht einmal gegeben! Und lass die Mühe Deines Kreuzestodes nicht umsonst gewesen sein: tantus labor non sit cassus.

Ich gehe davon aus, dass diese Art von Erpressung in allen drei westlichen Religionen vorkommt. Bestimmt ist Gott auch in den Diskussionsrunden der Talmudrabbiner gehörig herangenommen worden. Ich werde nicht extra suchen, denn dann findet man nichts, aber ich lasse diesen Beitrag offen für Beispiele, auf die ich irgendwann stoße. Wenn Sie, lieber Leser, eines zur Hand haben oder finden, melden Sie sich bitte.

ANMERKUNG
1. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, Hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 444; Übersetzung A. Guillaume, The Life of Muhammad, Oxford 1955, 300.

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Wikipedia — Bamberger Islam-Enzyklopädie

Die Wikipedia ist im Allgemeinen nicht als wissenschaftliches Nachschlagewerk zu betrachten. Bei islamischen Themen gibt es große Qualitätsunterschiede. Manche Artikel sind hervorragend, andere sind unwissenschaftlich, sektiererisch oder missionierend.

Nun hat Prof. Patrick Franke in Bamberg eine Initiative namens Bamberger Islam-Enzyklopädie gestartet. Es geht ihm darum „ein neues umfassendes islambezogenes Nachschlagewerk in deutscher Sprache aufzubauen, das einerseits die Qualitätskriterien einer Fachenzyklopädie erfüllt, andererseits aber in die populäre Online-Enzyklopädie Wikipedia integriert ist und die einzigartigen technischen Möglichkeiten dieses Mediums nutzt.“

Zum Auftakt hat er seine eigenen Wikipedia-Artikel darin untergebracht, zweihundert an der Zahl. Er hofft, dass viele Fachkollegen ihm in dieser Initiative folgen werden.

Diese Islam-Enzyklopädie empfehle ich Ihnen sehr gerne. Sie finden dort also Wikipedia-Artikel, deren wissenschaftlicher Standard garantiert ist.

Dem neuen Projekt wünsche ich ein gutes Gelingen.

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Azama: die Hölle

Meine Arbeit an dem Teil des Kitāb al-‘Azama über die Hölle ist jetzt fertig. In diesen Seiten waren schon einige Kostproben erschienen.

Es gibt drei Teile: den arabischen Text, die englische Übersetzung und eine Studie. Diese ist 2016 in einem Buch erschienen: „Hell in popular Muslim imagination: The anonymous Kitāb al-‘Aẓama,“ in: Chr. Lange (Hrsg.), Locating hell in Islamic traditions, Leiden 2015, 144–62. Sie steht auch kostenlos online zur Verfügung, und zwar hier; click dann Open Access, click Chapters (16), click 7 Hell in popular Muslim imagination, click Read.

Falls Sie lieber etwas auf Deutsch lesen oder aus welchem Grund auch immer mehr am Paradies interessiert sind, finden Sie hier das betreffende Kapitel aus demselben Kitāb al-‘Azama.

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Marmelade und Käse für Muslime

Ein erfreulicher Bericht im Fernsehen: Ein älterer Arzt, ein Witwer vielleicht, hatte einen jungen, schon früher aus Syrien geflohenen Zahnarzt bei sich aufgenommen und half ihm beim Alltag, mit der Sprache und beim Studium, das er brauchte um sein Zeugnis anerkannt zu bekommen. So soll es gehen. Der ältere Mann erzählte, dass das Zusammenleben problemlos ablief. Allerdings hatte sich der Inhalt des gemeinsamen Kühlschranks geändert: kein Schweinefleisch mehr, dafür Lamm und Geflügel, aber das fand er in Ordnung. Das würde ich auch finden: vielleicht mal öfter ein Perlhuhn essen. Leicht amüsiert erzählte der Arzt noch, dass sein neuer Mitbewohner keine Erdbeermarmelade essen wollte, weil diese Gelatine enthalte, die womöglich aus Schweineknochen hergestellt worden sei.
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Anders als dieser Gastgeber fand ich Letzteres nicht amüsant, sondern vielmehr lächerlich. So ein Meckerarsch. Ja, solche Haarspalter gibt es, in allen Religionen und Weltanschauungen, also auch unter Muslimen. Es gibt sogar einen Markt für halāl Katzenfutter.1
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Als ich über das Zahnholz des Propheten arbeitete, lernte ich solche Typen auch kennen. Am Anfang des neunten Jahrhunderts war eine aktuelle Frage, ob der Gebrauch eines Zahnholzes (siwāk) im Fastenmonat erlaubt sei. Beim Kauen darauf—denken Sie an so etwas wie Süßholz—kommt ja Wasser in den Mund, und wenn man das herunterschluckt, kommt das nicht Trinken gleich, was tagsüber nicht erlaubt ist? Und der feste Stoff im Hölzchen, ist das nicht Nahrung? Man bedachte aber, dass der Gebrauch eines trockenen Zahnholzes doch nicht schaden könne, und damit konnte man ziemlich fanatisch sein:

  • Abū Huraira sagte: Ich habe heute, während ich fastete, meinen Mund zweimal mit einem Zahnholz bluten lassen.2

Anders gesagt: er benutzte ein trockenes Hölzchen. Ein frisches, von Natur aus feuchtes oder ein eingeweichtes Hölzchen hätte ja sein Zahnfleisch nicht bluten lassen. Nach frommer Auffassung war es aber nicht richtig, im Ramadan ein Zahnholz in Wasser einzuweichen. Das würde ja Wasser von außerhalb in den Mund bringen, wie etliche Hadithe warnen. Aber es gab auch Leute, die offensichtlich von dem ganzen Palaver genug hatten:

  • Ibn ‘Umar sagte: Einem Fastenden kann weder ein feuchtes noch ein trockenes Zahnholz schaden.3

Des Weiteren ging man noch der Frage nach, wie oft der Gebrauch eines Zahnholzes während des Fastens erlaubt sei. Zweimal am Tag, heißt es meist in den Hadithen, und es schadet nicht, das kurz vor dem Fastenbrechen zu tun. Und sollte man es vor dem Gebet anwenden oder vielmehr danach? Auch diese Frage erzeugte wiederum eine Anzahl Hadithe.

Aber es gab auch eine Gegenrichtung, die einfach keine Lust hatte auf die ganze Problematik:

  • ‘Abdallāh ibn ‘Āmir überliefert von seinem Vater: Ich habe unzählige Male gesehen, wie der Prophet das Zahnholz anwendete, während er fastete.4

Und einer Frau des Propheten wird eine ganz entspannte Haltung zugeschrieben:

  • Maimūna bint al-Ḥārith, die Frau des Propheten, ließ ihr Zahnholz zum Einweichen im Wasser stehen. Wenn Arbeit oder das Gebet sie ablenkte, [vergaß sie es]; ansonsten nahm sie es und benutzte es.5

Haarspalter gab es also schon früh,6 aber andere Muslime boten Paroli—ebenfalls mittels Hadithen.

Dann erinnerte ich mich an Michael Cooks Artikel über persischen Käse. Darin stand ein lustiger Hadith, der aus der Zeit von Mohammeds Eroberung von Mekka stammen soll. Eine arbeitsreiche Periode, ohne Zweifel; trotzdem fand der Prophet noch Gelegenheit einen Käse zu begutachten:

  • Von Abū Dāwūd at-Tayālisī […] von Ibn ‘Abbās: Als der Prophet Mekka eroberte, sah er einen Käse. Er fragte, was das sei; man antwortete ihm, es sei ein Nahrungsmittel, das im Land der Perser (arḍ al-‘adjam) hergestellt werde. Darauf sagte der Prophet: „Steckt das Messer rein, nennt den Namen Gottes und esst ihn!“7

Gab es im alten Mekka einen Feinkostladen, der persischen Käse verkaufte? Natürlich nicht; der ganze Hadith ist eine Erdichtung wie die meisten, und in diesem Fall eine sehr ungeschickte, weil der Wahrscheinlichkeit nicht Genüge getan worden ist. Muslime lernten selbstverständlich nicht in Mekka, sondern erst im Irak und in Iran persischen Käse kennen, als sie diese Länder erobert hatten. Aber der Text hat einen sympathischen Tenor: nicht meckern über ausländische Nahrungsmittel, einfach essen!

Was hätte an dem Käse denn falsch sein können? Nun, um die Milch gerinnen zu lassen wurde das Lab (minfaḥa) eines Kalbs benötigt. Dies konnte nur einem toten Tier entnommen werden—und man wusste ja nie, ob das Tier richtig geschächtet worden war! Über dieses Thema hatten jüdische Rabbiner kurz vor at-Tayālisī ausführlich diskutiert, ebenfalls im Irak. Berichte dazu sind im babylonischen Talmud niedergelegt worden. Für sie war ungläubiger Käse tatsächlich nicht hinnehmbar. Auch aus islamischer Sicht konnten zoroastrische Perser nicht rituell schlachten; ihr Käse hätte theoretisch für Muslime ebenfalls verboten sein sollen. Aber diese Auffassung versucht dieser Hadith gerade zu entkräften: Der Prophet fand nichts dabei! Das passt in die ganze Gedankenwelt des Islams: Die islamischen Speisegesetze sind generell lockerer als die jüdischen; bereits im Koran ist das so. Die Aussage zum Käse soll der Prophet spät in seinem Leben gemacht haben, so dass er sie kaum noch widerrufen konnte—tatsächlich, auch solche Aspekte wurden von Hadithverfassern berücksichtigt.
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Der oben erwähnte Zahnarzt hätte auch über das Käseproblem grübeln können. Vielleicht würde er sogar in einer Zeitschrift wie Islamic Medicine „wissenschaftlich“ untermauert schreiben, dass Marmelade und Käse aus nichtislamischer Herstellung schlecht für das Gebiss sind. Derartige Artikel gibt es wirklich. Aber zum Glück gibt es immer die viel breitere Gegenströmung: Nicht meckern, der Prophet sah kein Problem und Gott ist kein Korinthenkacker.

In den Worten eines anderen, breit überlieferten Hadiths:

  • Der Prophet hat gesagt: Macht es leicht und nicht schwierig; erfreut [die Menschen] und schreckt sie nicht ab!8

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BIBLIOGRAFIE
– Michael Cook, Magian Cheese: An Archaic Problem in Islamic Law, BSOAS 47/3 (1984), 449–467.
– Wim Raven, The Chewstick of the Prophet in Sīra and hadīth, in: Islamic Thought in the Middle Ages. Studies in Text, Transmission and Translation, in Honour of Hans Daiber, Hrsg. Anna Akasoy und Wim Raven, Leiden/Boston 2008, 593–611. Hier online.

ANMERKUNGEN
1. Der Prophet hat nie gesagt, dass Katzenfutter halāl sein soll; zu seiner Zeit fraßen Katzen noch selbst gejagte kleine Tiere und Küchenabfälle. Katzen haben ohnehin keine Ahnung von halāl und harām. Das Problem ist wohl, dass die Herrchen und Fräuchen beim Öffnen einer gängigen Dose Katzenfutter mit nicht korrekt geschächtetem Fleisch oder gar Schw…. in Berührung kommen könnten. The horror! The horror!


2. ‘Abd al-Razzāq as-San‘ānī, Musannaf iv, 7486:

عبد الرزاق – معمر – قتادة – أبو هريرة: قال لقد أدميْتُ فمي اليوم [وأنا] صائم بالسواك مرّتين.

3. Ibn Abī Shaiba, Musannaf xxx, 37/3:

علي بن الحسن بن شقيق – أبو حمزة – ابراهيم الصائغ – نافع – ابن عمر: قال لا بأس ان يستاك الصائم بالسواك الرطب واليابس.

4. ‘Abd al-Razzāq al-Ṣan‘ānī, Musannaf iv, 7484; Ibn Abī Shayba, Musannaf xxx, 35/1:

عبد الرزاق – الثوري – عاصم بن عبد الله بن عبيد الله بن عاصم – عبد الله بن عامر بن ربيعة – أبيه: رأيت رسول الله ص يستاك وهو صائم ما لا أُحصي.

5. Ibn Abī Shaiba, Musannaf i, 170/20:

ابن أبي شيبة – كثير بن هشام – جعفر بن برقان – يزيد بن الأصم: كان سواك ميمونة ابنة الحارث زوج النبي صلعم منقعًا في ماء فإن شغلها عنه عملٌ أو صلاةٌ والاّ فأخذته واستاكت.

6. Die zitierten Hadithe stammen aus Quellen, die im Schnitt um ein halbes Jahrhundert älter sind als die unter Muslimen hochgeschätzten „kanonischen“ Hadithsammlungen.
7. Al-Baihaqī, Sunan 10:6.6; at-Tayālisī, Musnad Nr. 2684.

… النبي ص لما كان فتح مكة رأى جبنة فقال: ما هذا؟ قالوا: طعام يصنع بارض العجم. قال فقال رسول الله ص: ضعوا فيه السكبن واذكروا اسم الله وكلوا !

Anderen Quellen zufolge soll der Prophet den Käse in Tā’if oder Tabūk gesehen haben; es blieb aber ein persischer Käse (min ard Fāris, min ahl Fāris). ‘Abd al-Razzāq, Musannaf, iv, 8795 erwähnt die Befürchtung des Fragestellers, dass der Käse maita, etwas von einem nicht geschächteten Tier, enthalten könnte.
8. Bukhārī, ‘Ilm 11 u.v.a.: النبي ص قال يسروا ولا تعسروا وبشروا ولا تنفروا.

Diakritische Zeichen: ḥalāl ḥarām, al-Šaʿbī, al-Ḥārith, aṭ-Ṭayālisī, arḍ al-ʿaǧam, minfaḥa, aṣ-Ṣanʿānī, Muṣannaf, Ibn Abī Šaiba, Ṭā’if, Fāris, al-Buḫārī

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Beim Frisör im „Islamischen Staat“

Ein Frisör im „Islamischen Staat“ teilt seinen Kunden Folgendes mit:1

  • Sehr geehrte Kunden
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    Im Gehorsam gegenüber Gott und Seinen Gesandten schneiden wir keine Frisuren, die denen der Ungläubigen ähneln, der Aussage des Propheten Folge leistend: „Wer Menschen ähnlich sieht, gehört zu ihnen.“
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    Im Gehorsam gegenüber Gott und Seinen Gesandten rasieren wir keine Bärte, der Aussage des Propheten Folge leistend: „Lass den Bart frei wachsen aber schneide den Schnurrbart zurecht.“ Und: „Macht es anders als die Heiden: lasst eure Bärte wachsen, aber kürzt eure Schnurrbärte.“
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    Im Gehorsam gegenüber Gott und Seinen Gesandten rasieren wir die Augenbrauen nicht und zupfen sie nicht, was namṣ genannt wird, der Aussage des ‘Abdallāh ibn Mas‘ūd Folge leistend: „Der Prophet verfluchte Frauen, die ihre Augenbrauen rasierten oder zupften.“ Dies gilt für Frauen; umsomehr also für Männer.
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    Im Gehorsam gegenüber Gott und Seinen Gesandten rasieren wir nicht einen Teil des Haars weg und lassen einige Locken stehen, was qaza‘ genannt wird, der Aussage des Ibn ‘Umar Folge leistend: „Der Prophet hat qaza‘ verboten.“

Qaza‘ wurde in vorislamischer Zeit vor allem bei kleinen Jungen angewandt, die mit Glatzen und Stirnlocken (dhu’āba, Pl. dhawā’ib) herumliefen. Für diese vorislamische Mode dürfte es aber im letzten Jahrtausend kaum Kundschaft gegeben haben—außer vielleicht in Punkkreisen. Heutzutage wird der Begriff aber auch für bestimmte Irokesenschnitte benutzt. Auf jeden Fall ging und geht es bei diesem Verbot ebenfalls darum, sich nicht wie die Heiden frisieren zu lassen.

Frisöre scheinen also im „Islamischen Staat“ nicht viel zu tun zu haben, denn sogar der Kochtopfschnitt, der Bürstenschnitt und die Glatze haben alle ihre Vorbilder im gottlosen Westen. Aber vielleicht kommen sie über die Runden, indem sie Bärte gelb färben, in Anbetracht des Hadiths:

  • „[..] und er [der Prophet] färbte seinen Bart gelb mit wars und Safran.“2

Islamistenbärte sollten also gelb oder orange sein; das wäre ein echtes Alleinstellungsmerkmal. ‘Abdallāh ibn ‘Umar und andere Prophetengefährten sollen tatsächlich ihre Bärte gelb gefärbt haben. Dem nachzufolgen geht aber den neumodischen Frömmlern wohl zu weit.

Meinen Sie aber bloß nicht, dass der Prophet seinen Bart färbte, weil er alt und grau wurde:

  • „[…] und er [der Prophet] hatte auf seinem Kopf und in seinem Bart noch nicht mal zwanzig graue Haare.“ 3

Kämpfer des „Islamischen Staats“, die gerne etwas mehr Haar auf dem Kopf hätten um richtig mannhaft auszusehen, müssen für eine Haartransplantation ins Ausland fahren oder fliegen, z. B in die Türkei.

LESETIPP:
G.H.A. Juynboll, „Dyeing the Hair and Beard in Early Islam | A Ḥadīth-analytical Study,“ Arabica 33 (1986), 49–75.

ANMERKUNGEN
1. CN0YVC7WIAACTMg-1
2. An-Nasā’ī, Zīna 66 u.a: ويصفّر لحيته بالورس والزعفران  Wars (Memecylon tinctorium) ist eine Pflanze, aus der der Farbstoff Indischgelb gewonnen wurde.
3. Mālik, Ṣifat an-Nabī 1 u.a.: وليس في رأسه ولحيته عشورن شعرة يبضاء

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